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Full text of "Denkmäler des klassischen Altertums zur erläuterung des Lebens der Griechen und Römer in Religion, kunst und sitte"

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DENKMÄLER 


KLASSISCHEN ALTERTUMNS. 





DENKMÄLER 


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KLASSISCHEN ALTERTUMS 


ZUR ERLÄUTERUNG DES LEBENS 


GRIECHEN UND RÖMER 


RELIGION, KUNST UND SITTE. 


— [— _— 


LEXIKALISCH BEARBEITET 
VON 


B. ARNOLD, H. BLÜMNER, W.DEECKE, K. VON JAN, L. JULIUS, A. MILCHHÖFER, 
A. MÜLLER, 0. RICHTER, H. VON ROHDEN, R. WEIL, E. WÖLFFLIN 


UND DEM HERAUSGEBER 


A. BAUMEISTER. 


I. BAND (A -D). 


48 BOGEN TEXT MIT 821 ABBILDUNGEN, 3 KARTEN UND XIV TAFELN. 


MÜNCHEN un LEIPZIG. 
DRUCK UND VERLAG VON R. OLDENBOURG. 
1885. 


.—. 
 a— 


Vorwort. 


Zu dem Unternehmen, dessen erste Lieferung hiermit vorgelegt wird, ist die An- 
regung von der Verlagsbuchhandlung R. Oldenbourg hierselbst ausgegangen; über die 
Ausführung desselben wurde mit dem Unterzeichneten verhandelt, als Letzterer soeben 
seiner bisherigen Stellung entzogen war. Beide waren darüber einig, dafs selbst in unsrer 
bilderreichen und schnelldruckenden Zeit, wo die archäologischen Veröffentlichungen von 
der kostbarsten bis zur einfachsten Art jedes Jahr nach Hunderten von Nummern zählen, 
dennoch ein Buch fehle, welches gerade denen, die es zunächst angehen soll, eine nütz- 
liche und leicht zugängliche Auswahl des Besten in getreuer Form bieten möchte. 

Der grölste Teil deutscher Gymnasiallehrer bewohnt sein Leben lang mittlere oder _ 
kleine Städte, welche weder Museen noch reicher ausgestattete Bibliotheken besitzen. 
Gewils nur wenige Gymnasialbibliotheken sind im stande, die Monumenti inediti des 
deutschen archäologischen Instituts in Rom}nebst den dazu gehörigen Annali und Bullettini 
zu halten, geschweige denn dazu auch die ergänzenden Zeitschriften von Berlin, Athen, 
Paris und London. Noch wenigere werden einen Vorrat älterer Werke, z. B. Clarac, Millin, 
Tischbein, oder etwa das Dresdener Augusteum, das Museo Borbonico, Zahns oder Ternites 
pompejanische Wandgemälde, oder die Gerhardschen Werke über Vasenbilder und etrus- 
kische Spiegel aufweisen können. Und selbst wenn diese Bücher alle oder zum Teil 
vorhanden sein sollten, so wird doch nur derjenige Lehrer von denselben ausgiebigen 
Gebrauch zu machen Gelegenheit haben, welcher schon früher in den Sachen einmal 
gelebt und eine gewisse Vertrautheit damit erworben hat. Gerade die Reichhaltigkeit der 
grolsen, für eingehende Studien der Fachleute bestimmten Originalwerke weist auf eine 
zweckmälsig hergestellte Auswahl, welche den Gymnasiallehrern, sofern sie nicht selber 
Spezialisten in den vorkommenden Fächern sind, ein zuverlässiges Handbuch bietet, das 
ihnen in Ermangelung einer archäologischen Bibliothek einigen Ersatz und das nötige 
Material zu rascher Orientierung gewälırt, insbesondere also den für den Schulunterricht 


‚ML___4N 


VI Vorwort. 


nützlichen Apparat enthält. Daneben aber dürfte ein solches Buch auch geeignet sein, 
den strebsamen Schülern der obersten Klasse und den gebildeten Freunden des Alter- 
tums, sowie auch namentlich den angehenden Künstlern die bis jetzt gehobenen Schätze 
der Kunstdenkmäler und sonstigen Überreste griechisch-römischer Kultur in guter Auslese 
vorzuführen und sie in kulturgeschichtlichen Fragen bei der Lektüre der Klassiker über 
den gegenwärtigen Stand der Forschung aufzuklären. Hieraus ergeben sich betreffs der 
Begrenzung des Inhalts folgende Gesichtspunkte. 

Das Werk behandelt: 1. Die Kunstgeschichte (Architektur, Plastik, Malerei, Musik, 
scenische Darstellung) in ihren Hauptepochen und Hauptvertretern, insbesondere nach 
Mafsgabe der erhaltenen Denkmäler; 2. die Welt der Götter und Heroen und zwar in 
Beschränkung auf die Kunstmythologie; 3. die Privataltertümer in ihrem ganzen Um- 
fange, soweit darstellbares Material vorliegt; 4. die beglaubigten Darstellungen historischer 
oder sonst bedeutender Persönlichkeiten (ohne geschichtliche Erörterungen); 5. die Münz- 
kunde, besonders unter dem Gesichtspunkte der Kunst und der Denkmälerkunde; 6. die 
Topographie in Beschränkung auf hervorragende Fundstätten, also Rom, Athen, Pompeji, 
Mykenä, Troja, Syrakus u. a.; 7. Hcer- und Seewesen; 8. Schriftwesen und Paläographie. 

Ausgeschlossen bleiben: die ganze politische Geschichte, die Staats- und Rechtsalter- 
tümer, die Litteraturgeschichte und die Geographie. 

Die lexikalische Form des Werkes wird kein Hindernis sein, zusammengehörige 
Gegenstände im Zusammenhange zu behandeln. Die Überschriften der einzelnen Artikel 
werden, so weit angängig, in dautscher Sprache gegeben, griechische Eigennamen 
jedoch in griechischer, sowie lateinische in lateinischer Form. Am Schlusse des 
Werkes wird ein alphabetisches Register der fremdsprachlichen Ausdrücke und daneben 
ein systematisch-sachliches mit den nötigen Verweisungen beigefügt. 

Über die Beteiligung an der Bearbeitung der angegebenen Gegenstände ist folgendes 
zu bemerken. Es haben übernommen: 

Herr Dr. Bernhard Arnold, Rektor der kgl. Studienanstalt in Kempten: »Scenische 

Altertümer«. [A] 

Herr Dr. Hugo Blümner, ord. Professor an der Universität Zürich: »Griechische und 

römische Privataltertümer« (mit einigen sich ergebenden Ausnahmen). [Bl] 
Herr Dr. Wilhelm Deecke, Direktor des Lyceums in Stralsburg: »Alphabet und 
Etruskisches«. [D] 

Herr Dr. Karl von Jan, Oberlehrer am Lyceum in Stralsburg: »Musik und Musik- 
instrumente«. [v. J] 

Herr Dr. Leopold Julius, Privatdozent an der Universität München: »Geschichte der 
Architektur und Plastik«e. [J] 

Herr Dr. Arthur Diilchhöfer, Professor an der kgl. Akademie zu Münster i. Westf.: 
»Topographie von Athen und einigen andern Städten«. [Mh] 

Herr Dr. Albert Müller, Direktor des kgl. Gymnasiums in Flensburg: :Kriegswesen 
und Toga«e. [M] 


Vorwort. viI 


Herr Dr. Otto Richter, Professor am Askanischen Gymnasium in Berlin: »Topo- 
graphie von Rom«. [R] 

Herr Dr. Hermann von Itohden, Oberlehrer am Gymnasium in Hagenau im Elsals: 
»Malerei, Pompeji, Vasenkunde«. [v.R] 

Herr Dr. Rudolf Weil, Assistent an der kgl. Bibliothek in Berlin: »Münzkunde und 
Ikonographie der römischen Kaiser«. [W] | 

Herr Dr. Eduard Wölfflin, ord. Professor an der Universität München: »Paläo- 

graphie«. [Wö] 

Das »Seewesen« wird von einem ungenannten Kenner bearbeitet. 

Der Unterzeichnete [Bm] wird neben der allgemeinen Redaktion des Werkes die 
kunstmythologischen und einige ikonographische Artikel liefern. Da derselbe sich mit 
seinen Mitarbeitern nicht in dieselbe Reihe stellen kann, insofern er selbst nie Archäologe 
von Fach gewesen ist, so fühlt er siclı gedrungen, dies hier ausdrücklich zu erklären. 
Er bescheidet sich gern, in seinen Artikeln uur Auszüge aus fremden Arbeiten zu geben, 
und nimmt für sich kein anderes Verdienst in Anspruch, als das möglichst gewissenhafter 
Benutzung des ihm zu Gebote stehenden Materials; er hofft dabei auf nachsichtige Be- 
urteilung. Durch die Art der Auswahl glaubt er mauchem Wunsche entgegen zu kommen. 
Obwohl nämlich unvermeidlicher Weise ein grolser Teil der Abbildungen mit dem zu- 
sammenfällt, was schon in anderen bekannten Sammelwerken vorhanden ist, so hat er 
sich bemüht, gerade durch Wiedergabe einer bedeutenden Anzahl von Kunstwerken, die in 
seltenen Einzelschriften oder sehr kostbaren Büchern zerstreut sind, der Kunstanschauung 
für weitere Kreise förderlich zu sein. 

Die vorgeführten Bildwerke, Baurisse, Pläne sind daher, wo nicht etwa vollständig 
neue Arbeiten vorliegen (wie mehrmals vorkommen wird), jedesmal den besten vorhandenen 
Publikationen entnommen. Bei plastischen Werken hat die Photographie gedient, wo 
nur immer gute und zur Wiedergabe geeignete Aufnahmen zu haben waren. Der Unter- 
zeichnete darf es sich nicht versagen, hier rühmend die dankenswerte Zuvorkommenheit 
anzuerkennen, mit welcher Herr Professor Dr. Heinrich von Brunn, der Altmeister der 
Kunstgeschichte und Archäologie, die seiner Verwaltung unterstellte Sammlung von Photo- 
graphien zur Verfügung gestellt hat. 

Bei der Beschaffung der Reproduktionen aus den zum Teil höchst kostbaren und 
seltenen Werken älterer und neuester Zeit hat die hiesige kgl. Hof- und Staatsbibliothek 
eine ganz unvergleichliche Liberalität bewiesen. Der Unterzeichnete fühlt sich verpflichtet, 
den Beamten der Bibliothek, insbesondere Herrn Direktor Dr. Laubmann und Herrn 
Sekretär Hörkummer für die unermüdlich fort gewährte Unterstützung auclı öffentlich hier 
seinen aufrichtigsten Dank auszusprechen. 

In Beziehung auf die stilgetreue Wiedergabe der gewählten Abbildungen wird das 
Werk einen grofsen Vorzug vor allen bisherigen ähnlichen besitzen, insofern die Druck- 
platten ohne selbstthätige Mitwirkung der menschlichen Hand auf photographisch-chenii- 
schem Wege von dem benutzten Original abgeformt werden, das letztere also dabei 


km — nam Dom 06 


VIII Vorwort. 


keinerlei willkürliche oder unwillkürliche Veränderung erleiden kann. Die blofsen Umrifs- 
zeichnungen sind auf photographischem Wege mittels Zinkätzung hergestellt. Bei einem 
grolsen Teile der Denkmäler jedoch, welche nach Photographie, Lichtdruck oder Ton- 
zeichnungen reproduziert sind, ist das in Verbindung mit dem Architekten Herrn 
J. von Schmaedel von Herrn G. Meisenbuch hierselbst erst ganz kürzlich erfundene und 
durch Reichspatent privilegierte Verfahren der Autotypie in Anwendung gekommen, 
mittels dessen, wie man bemerken wird, die Schraffierung in einer dem Kupferstiche 
gleichartigen Manier zum Vorschein kommt und den Eindruck des Originals unverlälscht 
wiedergibt. 

Das Werk wird von jetzt ab in monatlichen Lieferungen von drei Bogen Grofs- 
Oktav zum Preise von 1 Mark (nach Umständen in zweimonatlichen von sechs Bogen zu 
2 Mark) erscheinen, wobei Doppelbildtafeln, farbige Bilder und Karten in Farbendruck 
für einen halben Druckbogen gerechnet werden. Da der grölsere Teil der Abbildungen 
schon fertig vorliegt und die Bearbeitung des Textes schon genügend vorgeschritten ist, 
so darf die Vollendung des Ganzen im Umfange von VO bis 100 Druckbogen, ausgestattet 
mit mindestens 1400 Abbildungen, und zum Preise von 30 bis 35 Mark vor Ablauf des 
Jahres 1886 in sichere Aussicht gestellt werden. 


München, im Februar 1884. 


Dr. August Baumeister, 


Kaiserl. Ministerialrat z. D. 





Abraxas nennt man eine Art geschnittener Steine, 
die mit dem klassischen Altertum inhaltlich eigentlich 
nichts zu thun haben und in ihren künstlerischen Dar- 
stellungen höchstens als eine späte Mifsgeburt des 
religiösen Synkretismus bezeichnet, werden können. 
Der Name stammt von der meist darauf erscheinen- 
den Inschrift ABPAZAC oder ABPACAS, mit welchem 
Worte Basilides, ein christlicher Hiretiker unter 
Trajan und Hadrian und Stifter einer nach ihm 
genannten Sekte der Gnostiker, das höchste Wesen 
bezeichnete. Verschiedene Deutungen des wunder- 
lichen Wortes sind versucht, auch aus dem Hebrii- 
schen und Koptischen; gewöhnlich nimmt man an, 
dass die 365 Tlimmel- oder Weltgeister darin stecken, 
indem die Buchstaben, als griechische Ziffern gefafst 
und addiert, jene Zahl ergeben. Daneben finden sich 
oft noch sinnlose Wörter, wie ABAANAOANAABA 
(was rückwärts gelesen ebenso lautet), die als kabba- 
listische Zauberformeln zu betrachten sind, oder auch 
jüdische und ägyptische Götternumen, wie IAQ, 
CABARB, OCIPIC. Die Bilddarstellungen sind phan- 
tastische Zusammensetzungen von Menschen- und 
Tierleibern, denen allerlei Symbole und Attribute 
verschiedener Religionen beigegeben sind, welche 
auf astrologischen Mystizismus hinweisen. Eine voll- 
ständige Erläuterung ist bei unsrer unvollkommenen 
Kenntnis der mostischen Lehren und Gebräuche 
noch nicht gelungen. Die Schriftstellen aus den 
Alten sind gesammelt in Matter, Histoire critique du 
Gnosticisme 2”* edit. Paris 1844. Über die Bilder | 
handelt ausführlich Bellermann, Ein Versuch über | 
Denkmäler d. klass. Altertums. 








die Gemmen der Alten mit dem Abraxasbilde. Progr. 
d. Gymnas. zum grauen Kloster Berlin 1817—19. 
Derselbe beschreibt das typische Abraxasbild so: 
ornithocephalos. pectore nudo, ventre praecincto, manı 
altera flagellum, altera clipeum siynatum saepe nomine 
Jao, rarissime globulum seu alind symbolum tenente, 
serpentipes. Im weiteren Sinne rechnet man zu den 
Abraxasgemmen auch die mit verwandten mystischen, 
Darstellungen und rütselhaften Inschriften, welche 
besonders in Alexandrien angefertigt und als Talis- 
mane oder Amulette getragen wurden. Als Probe 
geben wir aus Bellermann 1. Stück Titelblatt die Ab- 
bildung eines Karneols, den ein französischer Soldat 
1799 aus Agypten mitbrachte. Das Bild (Abb. 1) 





1 Abraxasgemmen  ® 
stellt den halbnackten Mann mit einem Hahnen- 
kopfe vor, der in der Rechten die Geifsel schwingt, 
in der Linken einen Kranz mit darin befindlichem 
Zweige in Form eines Doppelkreuzes hält; an Stelle 
| derBeine treten Schlangen. Ein andres Bild (Abb.2), 


von der Sekte der Ophiten (Bellermann, Titel- 
kupfer zu Stück 3), zeigt die Schlange mit dem 
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2 " Abraxas. 


Löwenkopfe, der als Sinnbild der Sonne sieben 
Strahlen entsendet; zu beiden Seiten öfters wieder- 
kehrende Geheimzeichen, darunter das Pentagramm. 
Einen dritten »Abraxoid«e ebendaher (Abb. 3), von 
gelbem ägyptischem Jaspis, beschreibt Bellermann 
IU, 19: »Ein iepedg maoro- 
Pöpog, d.i. ein Priester, der 
dasSymbol derGottheit trägt, 
der es aus dem naotdg, der 
heiligen Kapelle, holt und 
dahin zurückbringt, schrei- 


er die Kalantike, bei dem 
Priester genannt goivixodv 
Bayıpa Em Tg wepaAng, das 
purpurne gewebte Kopftuch. 
Über demselben vier Schmuckfedern, vermutlich 
vom Phönikopteros. Davon hiefs der Priester mrepo- 
Pöpog (Hesych. Clemn. Alex. Strom. VI). Dazwischen 
stehen drei Sterne. In der einen Hand hält er das 





3 Abraxasgemme. 


scepirum sacerdotale mit der fünfmal herumgewun- | 


denen Schlange; in der andern, wie es scheint, ein 
kreisendes Schlangenbild, oder überhaupt einen Kreis, 
das Symbol der Ewigkeit. Er selbst ist beschürzt 
mit dem mepioxeig, der Schenkelbekleidung von 
der Hüfte bis zum Knie, und beschuhet. Die im 
Rücken zerstreut stehenden griechischen Buchstaben 
geben TABPIHPLABAW. Das zweite P ist verschnitten 
statt A, also Gabriel-Sabao(th), d. i. »Stark ist 
Gott Zebaoth«. [Bm] 
Acheloos. Im ältesten griechischen Mythus offen- 
bar der Urstrom der Welt, dem vielleicht erst später 


tend. Auf dem Haupte hat j 


‚Acheloor. 


ihm alle Quellen und Brunnen entspringen. Etymo- 
logisch ist Acheloos der Wassermann, der im Winter 
mit dem Sonnenhelden, dem hellen Himmelssohne 
Herakles, kämpft, im Sommer aber von ihm über- 
wunden und seines Hornes beraubt ist. Die allge- 
meinen mythologischen Anschauungen der Griechen 
von den Flüssen werden namentlich auf ihn ange- 
wandt; er ist Schlange wegen seiner Länge und der 
Windungen (Strab. 458: dpdkovri &oıxöra Töv AxeAiov 
Ayeotal Yacı dia 76 ufxog Kal tv oxolıötnta), be- 
sonders aber ein wilder Stier wegen des Gebrülls 
und der Krümmungen des Laufes (nd re tüv fixwv 
xal rwv ward ta peißpa xaumWv ibid.). Sein Kampf 
mit Herakles bei Sophokles Trach. 508 ff. erinnert 
an das Ringen des Peleus mit der Thetis und des 
Menelaos mit dem Proteus; und die Verwandlungen 
bei seiner Werbung um Deianeira schliefsen sich 
eng an die Kunstdarstellungen an: ög u'ev rpıolv 
Hoppaioıv EErreı marpög, Pormüv Evapyis TaDpog 
(also: vollständige Stiergestalt), äAAor’ alöAog dpdxwv 
&ıtög (als Wasserschlange, tritonenartig mit bärti- 
gem Menschenkopfe, Brust und Armen, am Kopfe 
ein grofses Horn; sehr schön bei Gerhard, Auserl. 
Vas. Taf. 115), &Aor' ävdpelw küreı Boumpwpog (stier 
köpfig; vgl. Hesych.: Boumpöowmov): &x dE daaxlou 
yeveiddog xpouvol dieppaivovro xpnvaiou moto. Hier 
fehlt nur zur Vollständigkeit gerade die nachweisbar 
älteste Kunstform, nämlich die Verbindung des vier 
beinigen Stierleibes mit menschlichem Oberkörper 
und ansitzenden Armen, eine Bildung, die später 





bei den Kentauren mit Rofsleibern stehend blieb 
Sie findet sich für Acheloos jedoch nur auf einigen 

















4 Acheloos. 


der Okeanos substituiert wurde, weicht er nur dem 
Zeus im Kampfe, nach Homer ® 194 f., wo sor 
gar, wenn Vers 195 späteres Einschiebsel wäre, aus 


altertümlichen schwarzfigurigen Vasen, über welche 
Jahn, Arch. Ztg. 1862, 8.313 ff. ebenso wie über die 
anderen Bildwerke gründlich gehandelt hat. Be 





Acheloos. 


merkenswert ist, dafs an dem Menschenkopfe aufser 
Stierhörnern auch tierische Ohren angesetzt sind. 
Herakles, mit dem Löwenfell umgürtet, trägt das 
Schwert an der Seite, Köcher und Bogen auf dem 
Rücken, die Keule hat er, um die Arme frei zu 
haben, fortgeworfen. Als Zuschauer finden sich öfters 
Hermes und Athene, zuweilen auch Oineus und 
Deianeira. Die Vorstellung ähnelt also einer Gruppe 
des spartanischen Künstlers Dontes in Olympia, aus 
vergoldetem Zedernholz (s. Paus. 5, 9, 12), über 
welche jedoch ebenso wie über die am amykläischen 
Throne (Paus. 3, 18, 16: tr} npös AxeAdov "Hpaxk&oug 
qdAn) nähere Angaben fehlen. Eine eigentliche Ver- 
wandlung während der Dauer das Kampfes aber, 
wie Sophokles a. a. O. und nach ihm Ovid. Met. 8, 
882 ff.; 9, 32 ff. andeuten, könnte in Kunstwerken 
nur auf die bei Thetis (s. Art.) gebräuchliche Art 
vorgeführt werden, ist aber jetzt nur in der Be- 
schreibung bei Philostr. iun. im. 4 nachweisbar. 
Wollten nun die Künstler die kentaurenähnliche 
Bildung aufgeben, so versuchten sie umgekehrt den 
Stierkopf auf einen Menschenleib zu setzen, was 
auf einigen Münzen von Metapont und einer Gemme 
geschehen ist (abgebildet Arch. Ztg. 1862 Taf. 168, 
3, 4, 13); oder, da diese Form schon dem Mino- 
tauros zu eigen gegeben war, der Stierleib wurde 
mit einem bärtigen Mannesantlitz versehen. Und 
letztere Neubildung ist für Acheloos typisch ge- 
worden auf rotfigurigen Vasen, auf Münzen und 
Gemmen. Wir geben ein Vasenbild (Abb. 4) aus 
Arch. Ztg. 1862 Taf. 168, 1, wo nur das Vorderteil 
des kolossalen Stieres sich zeigt, dem Herakles schon 
ein Horn abgebrochen hat und zwar hier offenbar 
durch den Schlag der Keule. Ein rotgefärbter Strahl 
ergiefst eich aus dem Munde des Flufsgottes, der 
eben traurig gesenkten Hauptes den zweiten Schlag 
des Helden zu erwarten scheint. Hinter letztereım steht 
als Preis des Sieges Deianeira verschleiert und mit 
dem Scepter. Die Münzen mit diesem Achelooskopfe 
sind zahlreich in Akarnanien selbst und in unter- 
italischen und sicilischen Städten, namentlich in 
Neapel und Metapont. Letztere Stadt hielt auch zu 
Ehren des Acheloos Kampfspiele ab, nach einer Münz- 
inschrift zu schliefsen, was ebenso wie sonstige gött- 
liche Verehrung in Akarnanien auch durch Schol. Il. 
2 616 bezeugt ist. Vgl. in Art.» Nymphen« ein Relief 
und im ganzen den Art. »Flufsgötter«. [Bm] 
Achilleus. Das plastische Charakterbild dieses 
urgriechischen Nationalhelden malt am ausführlich- 
sten der freilich sehr späte Heliodor. Aethiop. 2, 5: 
veavioxos AxlMleıöov Tı TW Öövrı rvewv, xal Trpöc 
Eexeivov TO BAeuna Kal TÖ Ppövnua Avapepwv, Öptös 
tov alxeva xal And TOD nerWnou TV Köunv Kal Trpög 
ro Ööpdiov Avayanrilwv. 7 pis Ev Atarrelia Bunod 
xal oi yuxtfipes EAeudepws Tv Akpa elcveovtec. 
Ööpdarluds oünw uev Xapords, Xaporlıtepov be yeiaı- 


Achilleus. 8 
vönevos, ooßapd6v TE Aya xal ob AxdAacrov BAerwv, 
olov Yaldoons And xbuaros eis yalrıynv Aprı Acatvo- 
uevns. Vgl. Philostr. imag. II, 2 und 7. iun. 1 
(AvaxanriZeı nv xöunv, zurückgestrichenes langes 
Haar) heroic. 19, 5. Liban. ecphr. 6. Aus Athen. 
X, 551 D folgt, dafs man ihn sehr lang und 
schmächtig bildete; die Byzantiner geben ihm lange 
Schenkel, entwickelte Brust, blondes Haar (Rhein. 
Jahrb. 53, 33). Eine Statue in Konstantinopel schil- 
dert Christodor. ecphr. 291: Aiyunrns d’avloukAog 
eAdurrero diog Axılkeüg, Tuuvös Elbv GaKEewv' EDÖKEUE HEY 
Erxos EXloceıv dekitepi, oxaıfı dE Odxos xalkeiov del- 
peıv, oxhnarı Texvnevri u6dou d’äneneutnev AtelANv 
ddpoeı ToAunevrı Teinyuevos‘ al Yap önwral yvhaıov 
nos Epawvov Apriiov Alaxıdbdwv. Obgleich nun seine 
Bildnisse im Altertum so häufig gewesen sein müssen, 
dafs man nach Plin. 34, 18 eine ganze Gattung (nudae 
tenentes hastam ab epheborum e gymnasiis exemplaribus) 
zur Römerzeit als statuae Achilleae bezeichnete, so 
ist doch unter den erhaltenen keines als sicher er- 
wiesen, weil die idealen Formen Achills von denen 
des Ares (s. Art.) nicht leicht zu scheiden sind. 
(Das zornige, leidenschaftliche Wesen des Achill 
wird mit dem des Ares schon bei Homer X 131 
verglichen : Toog ’Evuallw xopuddırı rrokenıotn.) Be- 
sonders erwähnt wird bei Paus. 10, 13, 3 eine Gruppe, 
welche die Pharsalier weiheten, Achill zu Pferde, 
Patroklos daneben laufend; der Kopf erscheint auch 
auf thessalischen Münzen. Einen berühmten Achill 
gab es von dem Frzgielser Silanion, Plinius 34, 82. 
Um so zahlreicher sind die auf Achills Leben 
bezüglichen Darstellungen, besonders auf Vasen und 
Reliefs, denen meist bedeutendere Originale zuGrunde 
liegen mögen. Indem wir uns auf eine kleine Aus- 
wahl des Bemerkenswertesten beschränken, verweisen 
wir besonders auf Overbecks Galerie heroischer 
Bildwerke und die andern unter »Kunstmythologie« 
genannten Schriften und Denkmälersammlungen. 
Einen allerdings ziemlich späten Cyklus von Dar- 
stellungen aus Achills Leben bietet eine Marmor- 
tafel im capitolinischen Museum von etwa 1m Durch- 
messer, gewöhnlich als Brunnenmündung bezeichnet, 
deren Form in kleinster Fassung neben den Bildern 
in besserer Abteilung wir hier nach Mus. Capitol. 
IV, 17 (in der Anordnung etwas verändert) wieder- 
holen (Abb. 5). Wenn das Ganze seiner Zeit wirk- 
lich Schulzwecken gedient haben sollte, so würde 
diese Verwendung jetzt gerechten Bedenken unter- 
liegen. Von oben links beginnend, finden wir zunächst 
die Wochenstube: Thetis auf dem (spät-römischen) 
Lager sitzend, den Milchgehalt der Brust prüfend, 
daneben eine Magd, den Neugeborenen badend. 
Dann folgt die Eintauchung in die Styx, worüber 
8. unten; die Übergabe durch Thetis an den sehr 
jugendlichen Cheiron. Unterricht im Bogenschiefsen ; 
der junge Achill hat einen Löwen getroffen, der 


Achilleus. 









































5 Achills Leben. 














Achilleus. 5 


erschreckt davonspringt. Die dritte Reihe enthält ! erwähnte capitolinische Brunnenmündung, wo Thetis 


die Entdeckung auf Skyros: Achill, noch in Weiber- 
kleidern, hat Schild und Schwert ergriffen; Deidamia 
sucht ihn zurückzuhalten, während anderseits Dio- 
medes mit dem Schwerte durch Handbewegung ihn 
folgen heifst und ein Flötenspieler kriegerische Weisen 
ertönen läfst, daneben ein Flufsgott. Links schen 
wir Deidamia fast entblöfst auf dem Ruhebett, eine 
Dienerin (oder Schwester) eilt herbei — etwa um 
Achills bevorstehenden Weggung zu melden? Dann 


mülste die ihn zurückhaltende Frau eine andre sein. : 


(Weiteres über 


den Knaben über dem Fufsgelenke festhaltend mit 


‚ dem Kopf in das Wasser taucht, welches der daneben 


sitzende bürtige Flufsgott (im Widerspruch mit dem 
Geschlechte der Quelle) aus seiner Urne ergiefst. 
Dagegen findet sich schon auf Vasen ältester Gat- 
tung (zehn zühlt Benndorf, Griech. Vas. 8. 86 auf) 
die Hinführung und Erziehung bei Cheiron. 
So z. B. Overbeck, Her. Gal.14, 2: der etwa sieben- 
jührige nackte Knabe trägt in der einen Hand einen 
Reifen zum Spielen, die andere bietet er dem 

Kentauren, der 




















diese Scene un- würdig dasteht 
ten.) Inderletz- und einen mit 
ten Reihe links erlegten Ha- 
Kumpf Achills sen behängten 
mit Hektor vor Baumstamm 

dem skaiischen hält;  Peleus 
Thore; der da- und Thetis im 
liegende Troer Reisekostüm, 

mitphrygischer von dem Vier 
Mütze bezeich- gespann herab- 
net nur die Nie- gestiegen, über- 
derlage seines geben denSohn. 
Volkes. Rechts Der Kentaur 
schleift Achill unterweist wei- 
den Leichnam ter den Kna- 
Hektors, Nike ben im Bogen- 


mit Palmzweig 
und Kranz eilt 
ihm voran; ein 



































schiefsen, läfst 
ihn auf seinem 
Rücken reiten 

















Troer an der und schenkt 
Mauerbrüstung ihm als Lohn 
(schwerlich ist für die Jagd- 
Hekabe ge beuteÄpfelund 
meint) erhebt Honig; letz 
klagend die teres bei Philo- 
Hand (oder str. II, 2. Den 
streckt  war- Unterricht im 
nend einen Leierspiel stellt 
Finger empor). ein schönes 
Ähnliche cyk- 6 Achill und Chiron. pompejanisches 
lische Zusam- Wandgemälde 


menstellungen finden sich auf mehreren Sarkophagen, 
in Barile und in Petersburg (Overbeck, II. Gal. 285 
und 288), in London (Arch. Ztg. 1862, 341°), auf 





dem Capitol (Overbeck ebendas. 290 N. 12), und in ' 


12 Scenen auf einem kürzlich gefundenen bronzenen 
Beschlage eines (ötterwagens (tensa), jetzt auf dem 
Capitol; s. Bulletino archeol. communale. Ruma 1877 
V,tav. 12. 

Übergehend zu einzelnen Lebensmomenten it 
zunächst zu bemerken, dafs die uns so geläufige 
Eintauchung des Kindes in die Styx, wie in der 
Litteratur {zuerst Stat. Achill. I, 269), so auch in 
der Kunst schr spät vorkommt; wir kennen nur die 





vor (Abb. 6, hier nach Zahn III, 32), auf welchem 
Achill schon fast als Jüngling erscheint und dem 
Alten, der ihn in der Haltung des Plektrun unter- 
weist, aufmerksam zuhört. Die Stellung der Gruppe 
ist ebenso schön wie der Farbeneffekt der lichten 
Knabengestalt neben dem bräunlichen Tierkörper des 
Waldmenschen; nur die saalartige Architektur wirkt 
störend ein. Mehrfache Wiederholungen finden sich 
auf Gemmen. — Achilleus auf Skyros, worüber 
Sophokles und Euripides Tragödien schrieben, malte 
schon Polygnot in der Pinakothek der athenischen 
Propyläen, Paus. 1, 22, 6; doch findet sich der Ge- 
genstand auffallenderweise nicht auf Vasenbildern. 
1° 


"BOAÄAS MA POpyasqy BILYOY 2 


Achilleus. 








Athenion wetwa 300) malte nach Plin. 35, 134 
Arhillem eirginie habitu oerultatum TTire de- 
prehendente. worauf vielleicht mehrere sehr 
bewegte pompejanische Gemälde zurückzu- 
führen sind. In bedeutender Anzahl sind uns 
‚phagreliefs erhalten ‚Abhandlung von 
Jahn, Arch. Beitr. 8.352 .,, welche den dank- 
baren Gegenstand dem selhst the Auf- 
merksamkeit schenkte, x. Bü Nachträge 
111, 194) mit mannigfachen Variationen und 
Einzelheiten darstellen. Zu der Abbildung 
schen Sarkophags ‚Abb. 7, nach 
V, 17: vergleiche man 
zunächst Statins Achill. IE, 200: ‚Jam pertus 
amietu larabat. quum grande tubu, sie ‚junsur, 
Agyrtex insnnit: fugiunt dixierfis undique donis 
implorantqne putrem commotaque proelia eredunt. 
Wins intactae eeeidere a petore vestes. Jam 
elipens breriorqne mann eonsumitur hasta ete. 
In der Mitte steht Achill fast entblöfst; er 
hat das Weibeneewand zurückgeworfen, den 
Wollkorb umgestürzt und die Lanze ergriffen, 
auf den Helm setzt er den Fufs. An seine 
linke Seite schmiegt sieh erschreckt Deidania, 
das Gewand überziehend und den neben- 
stehenden Odysseus abzudrängen suchend. 
Zwischen beiden Hauptpersonen ein Knabe, 
früher als Eros angesehen, jetzt richtiger als 
Pyrrhos, der den Vater ängstlich und zärtlich 
umfaßst. Odysseus, über die unerwartete Ein- 
mischung der Jungfrau erstaunt, legt sinnend 
die Hand ans Kinn; hinter ihm bläst Agyrtes: 
der jugendliche Diomedex ist bereit das Schwert 
und den Panzer dem Achill zu reichen, von 
dem ihn nur «das künstlerische etz des 
antiken Reliefs trennt. Die linke Seite wird 
von fünf Töchtern des Ly 
nommen, die ihr Erstaunen «durch Blicke und 
&eberden ausdrücken, zum Teil fliehen, w 
man an den flatterneden € ändern sieht; sie 
haben Musikattribute in den Händen, auf 
andern Darstellungen auch Spindeln. — Auf 
einem der kophage ist Deidamia knieend 
vor Achill, auf andern ist Lykomedes selbst 
gegenwärtig und Nestor gehört zur Gesandt- 
; so namentlich auf dem berühmten des 
ander Seyerus im Capitol, anf dessen 
Nebenseite Achill Abschied nimmt in Gegen- 
wart der entsagenden Geliehten. 

Der Abschied von Peleus, von Thetis und 
von dem Grofsvater Nereus findet sich auf 
Vasen. Eine erhebliche Vermehrung dieser 
Seenen hat durch Brunns Deutungen in den 
Troisehen Miscellen I, 61 — 73 stattgefunden, 
der z. B. das Bild bei Overbeck XVI, 2 mit 
Recht nicht auf Briseis, sondern wegen des 





















































omedes 

































Achilleus. 7 


einfachen Frauenkleides und des der Matrone ge- 
bührenden Kopftuches (ebenso wie im folgenden 
Bilde) auf Thetis bezieht. Ferner deutet er hierher 
eine ganz vollendete Zeichnung (Abb. 8, hier nach 
Gerhard, Auserl. Var. II, 200), welche früher auf 
den Eingang des 24. Buches der Iliar bezogen wurde. 
Man sah darin nämlich Hermes »einem jugendlichen, 
gerüsteten Krieger, in dessen glnzender Erscheinung 
der unbefangene Blick sofort die Gestalt des Achill 
erkennen wird« im Auftrage des Zeus den Befehl über- 
bringen, Hektors Leiche dem Priamos auszuliefern ; 


ı 
ı 
| 


Kunstwerken typische Geltung erhalten hat«. Mit 
ihr hat Achill über den Ratschlufs des Zeus in be- 
treff des troischen Krieges, welchen Hermes über- 
brachte, geredet; er hat sich zu entscheiden zwischen 
der Liebe zur Mutter und den Forderungen der Bot- 
schaft. »Jetzt ist der Entschlufs gefafst; indem er 
sich von der besorgten Mutter wegwendet, reicht er 
dem Hermes die Rechte, um zu sugen: ich folge 
deinem Rufe. Denn nicht Begrüfsung oder Abschied, 
sondern «das Geben eines Versprechens wird durch das 
Handreichen ausgedrückt (vgl. Eur. Hel. 789—838; 





8 Achill gegen Troia aufbrechend. 


daneben Briseis. Und da bei Homer (2 122) Thetis 
diese Botschaft bringt, su motivierte man die ab- 
weichende Wendung mit dem Hinweise auf die 
Tragödie des Äschylos, in deren Eingangsscene 
Achill tief verhüllt nur wenige Worte mit Hermes 
wechselt. Dem gegenüber fragt Brunn: »Wie kann in 
der angenommenen Seene Achill in kriegerischer 
Rüstung den Hermes bei sich empfangen, wo an 
Kampf nicht zu denken ist?« Auch Briseis er- 
kennt er dabei als tiberflüssig, dagegen ihre Tracht 
eher für Thetis passend, sowie auch >jene halb 
sinnende, halb trauernde Haltung, die in dem Stützen 
des Kinnes auf die rechte Hand, während der EIl- 
bogen auf der andern Hand ruht, in nicht wenigen 








Overbeck, Her. Gal. XXI, 1, wo Penthesileia dem 
Priamos Hilfe verspricht). Welchen Ruf Achill fol- 
gen wird, kann nun nicht mehr zweifelhaft sein.« — 
Brunn hat a.a.O. aufser diesem einfachen noch drei 
andre reicher mit Figuren ausgestattete Bilder dem 
Kreise der Darstellungen vom Auszuge des Achill 
vindiziert: unter diesen eins bei Overbeck, Her. Gal. 
XVII, 2, wo Achill dem greisen Nestor die Hand rei- 
‚chend verspricht (vgl. Homer H 127 und A 768), ihm in 
den Krieg zu folgen, während Phoinix und Antilochos 
schon den Wagen bestiegen haben; ferner dasGemälde 
des Epienes, abgebildet Annul. Inst. 1850 tav. H.I. 
mit 8 Figuren, deren Zusammenfindung bei diesem 
Anlafs eine feine Reßexion der Maler voraursetzt. 


8 Achilleus. 


Wenn Abschiedascenen griechischer Heroen häufig 
in späterer Zeit durch ihre typische Form ins Genre- 
hafte ausarteten, so ist die Scene des Brettspiels 
mit Aias, für welche ein mythisches Faktum nicht , 
vorliegt, noch mehr dahin zu rechnen; s. »My- | 
thische Genrebildere. Fast möchte man unter die- 
selbe Rubrik auch ein andres, durch ausgezeichnete | 


Lederkappe auf dem Kopfe; überdies ist er als Bogen- 
schütz gedacht, wie der über seine Schulter ragende 
Köcher zeigt. Welcker (Alte Denkmäler II, 413 ff.) 
hat mit Wahrscheinlichkeit die Scene auf den ersten 
mysischen Feldzug und die Schlacht gegen Telephos 
am Kaikos bezogen, wo nach Pind. Ol. 9, 70 ff. beide 
allein Stand hielten und Achill den Patroklos, seinen 























9 Achill heilt Patroklos. 


des Sosias in Berlin, eine Trinkschale des strengen 
rotfigurigen Stils von sorgfültigster Zeichnung (Abb.9, 
hier nach Mon. Inst. I, 24). Wir schen auf dem ı 
Innenbilde der Schale Patroklos am linken Arıne | 


Schönheit berühmten Denkmal bringen, die Schale | 
| 


durch einen Pfeil, der noch daneben liegt, verwundet, 
und Achill mit geschiekter Hand beschäftigt, einen | 
Verband anzulegen. Achill ist mit Helm und Panzer 
gerüstet; Patroklos hat an Stelle des Helms nur eine ı 


gewaltigen Sinn erkennend (Bıaräv vov), zu seinem 
unzertrennlichen Waffengeführten machte (eE ob @trıög 
Yoßklyp Yövog vıv Ev "Apeı mapayopeito uAmore ape- 
epag Grepde rakiodataı dauasıußpörou alxhäc). Die 
Worte Pindars selbst lassen vermuten, dafs Patroklos 
verwundet wurde, was die Kyprien {Schol. Ven. Ilind. 
A 56) weiter ausgeführt haben mochten. Dafs Achill 
die von Cheiron gelernten dürztlichen Künste 
dem Freunde Ichrte, wissen wir aus Homer A 881; 





Achilleus. j 9 


wie denn ja auch die Heilung des Telephos (s. Art.) 
durch den Rost seiner Lanze ebendort vorkam. 
Der Hinterhalt Achills gegen Troilos und die Be- 
gebenheiten, welche in den Kreis der Ilias fallen, 
finden unter »Troilos« und »Tlias« ihre Stelle; das fer- 
nere unter »Amazonen« und »Memnon«. Seinen Tod 


anlangend, so scheint der Moment selbst von der ; 
älteren Kunst nicht zum Vorwurf gewählt zu sein (vgl. ; 


Overbeck, Her. Gal. 537 #.); nur einige geschnittene 
Steine stellen den hinsinkenden Helden dar. Da- 
gegen bezieht man auf den Kampf um Achilleuß' 
Leiche jetzt allgemein die westliche Giehelgruppe 
der aiginetischen Bildwerke, über welche unter »Bild- 
hauerei, archaische« gehandelt wird. Die sog. Pas- 


quinogruppe, welche ebenfalls mehrfach auf Aias mit | 


dem Leichnam Achills gedeutet ist, behandeln wir 
unter »Ilias« als auf Patroklos’ Fall bezüglich. Sicher 
dagegen ist durch Inschriften und interessant zur 
Vergleichung mit der aiginetischen Giebelgruppe ein 
archaisches Vasengemälde aus Vulci, welches wir als 
ein charakteristisches Beispiel ältester Vasenmalerei 
nach Mon. Inst. 1,51 hier wiedergeben (Taf.I, Abb. 10), 
unter Beifügung der präzisen Beschreibung Over- 
becks Her. Gal. 540: »Das Bild läuft rund um den 
Bauch des Gefäfses; in der Mitte der Vorderseite, 
also der ganzen Komposition, sehen wir Achilleus’ 
noch ganz gerüstete Leiche, welche starr am Boden 
liegt. Der Kampf hat schon eine Zeit lang ge- 
schwankt; denn Glaukor hat, von Paris‘ reichlich ge- 
schossenen Pfeilen gedeckt, soweit vordringen können, 
um der Leiche einen Strick oder eine Schlinge um 
das Bein zu werfen, ähnlich wie auch an Patroklos’ 
Bein Hippothoos (P 289 £.) einen Strick befestigt, an 
dem er dieselbe auf die Seite der Troer zu ziehen 
eben sich bemüht. Dies freilich vergebens; denn 
von Athene, welche mit gewaltigen Schlangen an 


der Ägis dasteht, mit neuem Mut und rascherer | 


Kraft gestärkt, stürzt eben der gewaltige Telamonier 
Aias mit grofsen Schritten heran und bohrt die 
Lanze unter dem Harnisch in Glaukos’ Weiche, so 
dafs der Held, tödlich verwundet, rechts überstürzt 
und zusammenbricht. Bei Aias’ Nahen entflicht 
Paris eilenden Laufes und zieht sich, noch zurück- 
blickend und noch einen Pfeil auf der Senne, gegen 
Äneas und noch einen zweiten Lanzner, nach 
Quint. 3, 214 (TAadxdg T’Alvelag Te xal ößpıuöllunog 
"Aytıvwp), etwa Agenor, zurück, welche Aias entgegen 
mit geschwungenen Lanzen heraneilen, Glaukos’ Tod 
zu rächen. Wie Paris ist auch ein andrer, hier. Leo- 
dokus benannter Troer dem Telamoniden gewichen, 
dessen Speer aber den Fliehenden erreicht und in 
den Hals getroffen hat, so dafs er dumpf hinkrachet 
im Fall. Fin neuer Gegner aber, Echippos, dessen 
Name an die Tpwes Immödanoı erinnert, und der als 
Vertreter der Musse des troischen Fufsvolken hier 





nossen ebenfalls mit gezückter Lanze gegen den unter 
Athenes mächtigem Schutz furchtlos allein kämpfen- 
den Aias heran. Denn ein treuer und starker Mit- 
kömpfer, Diomedes, ist, an der Hand verwundet, von 
seiner Seite gewichen, und wird am linken Ende des 
Bildes von seinem treuen Sthenelos, der aufserhalb des 
Schlachtgewühles Helm und Schild abgelegt hat, ver- 
bunden. Es ist eine Mannigfaltigkeit, eine Lebendig- 
keit derMotive in diesen häfslichen schwarzen Figuren, 
wie man sie selbst nicht in vielen der besten Vasen- 
bilder, von den späteren Reliefs ganz zu schweigen, 
wiederfindet. Das wahrscheinlich aus altchalkidi- 
scher Fabrik stammende Bild mag dem 6. Jahrhun- 
dert angehören und achliefst sich wahrscheinlich so 
eng an des Arktinos Epos an, wie es der Malerei ge- 
stattet wur. Übrigens findet sich die ganze Kampf- 
scene nicht eben häufig auf Vasen; wogegen zahl- 
reiche Bilder dieser Gattung das Davontragen der 
Leiche veranschaulichen und zwar fast regelmäfsig 






































11 Ajax mit Achills Leiche. 


so, dafs Aias den meist noch gerüsteten Körper 
über die Schulter genommen hat; z. B. auf einem 
Nebenbilde der Frangoisvase (hier nach Mon. Inst. 
IV, 58) in altertümlich derbem Realismus (Abb. 11), 
uber höchst lebensvoll in den schlaf herabhängenden 
Gliedern, während das lange Haar konventionell und 
steif gebildet ist. Die Veränderung dieser für die 
Plastik unbrauchbaren Situation verdankt man des- 
halb wohl dem Erfinder der oben erwähnten Pas- 
quinogruppe, dessen Verdienst durch solche Beob- 
achtung in noch helleres Licht gesetzt wird. 
Ursprünglich ein Meergott, wie die Kultusstätten 
verraten, wurde Achill schon bei Arktinos unsterb- 
lich und von Thetis selbst aus dem Scheiterhaufen 
nach der (lichten) Insel Leuke getragen, die man 
später an der Donaumündung wiederfand. Diese 
Verklärung im Elysium am Rande der Erde (d 561) 
steht im Gegensatze zum dunkeln Hades, wie die 
Weifspappel (Aeöxn) zur Schwarzpappel, welche am 


stehen mag, dringt hinter Äneas und seinem (ie- | Hades wächst (afyeıpoı « 510). Hauptstellen über 


10 Achilleus. 


diese Ansiedlung aller Haupthelden: Hesiod.Opp. 168, 
Pind. Ol. 2, 60— 80, dur Skolion des Kallistratos bei 
Athen. 15, 695, welche die Ausbreitung dieser Unsterb- 
lichkeitslehre beweisen; ebenso die Anspielungen, 
namentlich Eur. Iph. Taur. 435 ff., wozu Köchly über 
die Rennbahn des Achill (dpöuos), seinen Tempel 
und seine Vermählung mit Helena /Paus. 3, 19, 11) 
das Wichtigste anführt. Auf diese Fahrt nach der 
Insel Leuke (OEris Ex TAG mupäs Avaprıdoaca Tv 
zaida draxouiZeı) bezog man früher allgemein das 
grofse Gruppenwerk des Skopas, später in Rom an 
einem Neptunsternpel befindlich, bei Plin. 36, 26: in 
mazxima diynatione delubro Cn. Domitiü in Circo Fla- 
minio Neptunus ipse et Thetis atque Achilles, Nereides 
supra delphinos et cete aut hippocampos sedentes, item 
Tritones chorusque Phorci et pistrices ac multa alia 
marina, omnia eiusdem manu, praeclarum opus, etiam 
si totius vitae fuisset. Die zahlreichen Züge von 
Nereiden (s. Art.) auf Sarkophagen scheinen diese 
Deutung auf Palingenesie zu unterstützen. Indessen 
haben Welcker, Bonner Kunstmus. 34 und Brunn, 
Künstlergesch. I, 322 sich für die Überbringung der 
Waffen des Hephästos entschieden, wobei die grofs- 
artige Ausführung allerdings weit über die einfache 
Angabe Homers (T Anfang) hinausgeht, und die An- 
wesenheit Poseidons Schwierigkeiten macht. (Für die 


alte Ansicht stimmen: Bursian, Hallesche Eneyklop. | 


LXXXII, 456 und Heydemann, Gratulationsschrift 
für das röm. Institut 1879, 9; Petersen, Ann. Inst. 
1860, 396.) Welcker, Alte Denkn:. I, 204 vermutet, 
die Gruppe habe ursprünglich im Giebelfelde eines 
Poseidontempels gestanden, wo der Gott die Mitte 
einnahm und über Thetis und Achilleus, die zu seinen 
Seiten standen, hervorragend (etwa auf einem Fels- 
berge stehend), bis zur Spitze hinaufreichte; auf 
beiden Seiten die Züge der Nereiden und Tritonen. 
[Bm] 

Ackerbau. Die Pflege der Landwirtschaft ist bei 
Griechen und Römern ein uraltes, von den indo- 
germanischen Vorfahren her überkommenes Erbteil. 
Ackerbau und Viehzucht finden wir bereits in den 
Homerischen Gedichten als die Grundlage der ge- 
samten staatlichen und gesellschaftlichen Verhält- 
nisse; die Beschäftigung damit gilt so wenig als 
eines freien Mannes unwürdig, dafs auch die Fürsten 
sich nicht scheuen, persönlich an den mannipgfaltigen 
praktischen Verrichtungen der Landwirtschaft sich 
zu beteiligen. Diese hohe Bedeutung, wenn auch 
mit den entsprechenden Modifikationen im Betriebe, 
hat der Ackerbau in Griechenland auch in den histo- 
rischen Zeiten beibehalten, trotzdem der Boden von 
Hellas an und für sich demselben nieht gerade gün- 
atig ist. Aber das vorzügliche Klima trug dazu bei, 
die Bemühungen der Bevölkerung auch bei weniger 
fruchtbarem Boden zu unterstützen; dazu suchte 
man durch sorgsamste Pflege, durch künstliche Be- 


Ackerbau. 


wässerung vermittelst oft sehr umfangreicher Drai- 
nierungsanlagen (Theophr. de caus. pl. TII, 6, 3}, 
durch eifrige Düngung . Hom.Od. XVTI, 298) u.s.w. die 
FErtragsfüähigkeit der Landes möglichst zu steigern. 
Noch heute zeigen im Peloponnes künstliche Ter- 
rassen an Berplehnen, wie mühsam man jeden kultur- 
fühigen Platz für den Anbau zu gewinnen suchte; 
die Anlage zur Entwässerung sumpfiger Terrains, zur 
Regulierung der oft Überschwemmung drohenden Ge- 
birgswässer, wie anderseits in trockenen Gegenden 
zur Gewinnung regelmäfsiger Bewässerung u. 8. W., 


‘sind uns teils durch die Nachrichten der Alten selbst, 


teils durch noch erkennbare Reste bezeugt; ebenso 
wissen wir, dafs die Verteilung des Wassers an ein- 
zelne Grundstücke durch Kanäle und Gräben, sowie 
die Aufsicht über die vorhandenen Anlagen und 
deren Benutzung seitens der Grundbesitzer vielfach 
unter staatlicher Aufsicht stand und einer beson- 
deren Behörde anvertraut war bddrwv EmoTtdraı, 
Plut. Them. 31; vgl. Plat. Lege. VILL, 844 A). 

Wie diese Einrichtungen zum Teil schon in eine 
sehr frühe Zeit zurückreichen, so waren auch (ie 
verschiedenen praktischen Thätigkeiten, welche zur 
Bestellung des Felder, zur Ernte u. s. w. gehören, 
bis in die späten Zeiten hinein durchaus gleichartig 
der Methode, welche wir in unsern frühesten Nach 
richten über den Ackerbau beobachtet finden. So 
eifrig sich auch die Wissenschaft der Landwirtschaft 
annahm, wie uns namentlich die botanischen Schrif- 
ten der Theophrast und die Werke der Greoponiker 
zeigen, so dafs man nach (lieser Seite hin sicherlich 
einen Fortschritt im Laufe der Jahrhunderte an- 
nehnien darf, so stabil ist: dagegen das beim Acker- 
bau angewandte praktische Verfahren und die zur 
Verwendung kommenden CGrräte. Das Pflügen und 
die Konstruktion des Pfluges tritt uns «daher bereits 
bei Homer und Hesiod so entgegen, wie wir es rpäter 
unverändert in allen Nachrichten der Schriftsteller 
wiederfinden. Der griechische Pflug (apotpov) wird 
uns in seinen einzelnen Teilen am eingehendsten 
beschrieben bei Hesiod opp. e. d. 427—436 und 
467 — 469. Er stimmt in seiner Bauart und Leistung 
weniger nit dem modernen Tfluge, als mit dem sog. 
Hakenpflug, wie er noch heut in Indien vielfach im 
Grebrauche ist, überein. Namentlich fehlte ihm das 
Streichbrett, welches beim modernen Pfluge dazu 
dient, die gelockerte Erde einer ganzen Furche nach 
derselben Seite hinfallen zu lassen ; der antike Pflug 
loekerte also nur die Erde auf und auch dies wahr- 
scheinlich unvollkommen, da häutig noch naeh dem 
Pflügen gröfsere Erdschollen mit einem besonderen 
Werkzeuge zerschlagen werden mufsten. Seine Haupt- 
teile sind: der Sceharbaum (&uua), wozu man nach 
Hesiods Angabe Eichenholz nalım; am vorderen 
Ende desselben ist die eiserne Pflugsehar (Övis) mit 
der vöupn genannten Spitze befestigt: am hintern 


AUMEISTER, DENKMÄLER. 





12a Atgriechisele Pilüger. ıZu Seite 11.) 


TAFEI, I. «u Bogen 1) 











ne. 





130. (zu Belte 19) 


Ackerbau. 


Ende ist die Pflugsterze (exetAn) angebracht, mit 
welcher der Pflügende den Pflug führt und das Eisen 
in die Erde niedertdrückt; der Griff derselben heifst 
xeipoAaßis; Jdie Stelle, wo die Sterze im Scharbaum 
befestigt oder verfalzt ist, vielleicht auch ein beson- 
dleres dazu dienendes Stützholz, heifst dAüun. In die 
Mitte des Scharbaumes ist oben das nach Hesiod von 
Hagebuche herzustellende Krummhlolz (oder Krünı- 
mel), rüng, eingezapft, welches den Pflugbalken bil- 
det; derselbe stelit am obern Ende durch Bänder 
oder Klammern mit der Deichsel ia Verbindung, dem 
iotoßoebs, mit der vermutlich gebogenen Spitze, xo- 
pwvn genannt; hier wurde vermittelst eines hölzer- 
nen Nuagels (Evöpvov) das Joch befestigt, welches den 
pflügenden Stieren auf den Nacken, dicht unter die 
Hörner gelegt, und durch Riemen, die um die Wur- 
zeln der Hörner und um die Stirn herumgingen, 
festgebunden wurde, so dafs die Ochsen wesentlich 
mit dem Kopfe zogen. Bei dem so konstruierten 
Pfluge unterschied man nun (vgl. Llesiod.1.1.432: dora 
DE HEaHaı ÄpoTpa, TTOVNOdHEVOG KATA OIKOV, AUTOYLOV 
kai nnKtöv, enei moAü AWiov oütTw) zwei Arten: den 
einfachen, nicht zusammengesetzten, &potTpov auTö- 
Yvov genannt, wobei das Krummholz (rüns) mit der 
Deichsel aus einem Stück bestand; und den zu- 
sammengesetzten, Apotpov tenktöv, wobei Krumm- 
holz und Deichsel aus zwei besonderen Stücken her- 
gestellt waren. (Diese Erklürung, welche Nowacki, 
Deutsche Revue 1882 II, 351, Anm. gegeben hat, 
stimmt mit den Erklärungen der alten Grammatiker 
durchaus überein und ist daher der früher gangbaren, 
wonach das dpotpov abtöyYuov kunz und gar aus einem 
Stück gearbeitet war, wie Jahn, Sächs. Ber. 1867 S.82 
und Büchsenschütz, Besitz und Erwerb S. 303 an- 
nehmen, vorzuziehen.; Diese sehr einfache Konstruk- 
tion des griechischen Pfluges wird uns durch alte 
Vasenbilder in sehr deutlicher Weise veranschaulicht. 
Taf.I, Abb.12a,b (nach Gerhard, Trinkschalen u. Ge- 
füfse Taf.1, 1), das Innenbild einer schwarzfigurigen 
vulcentischen Schale des Berliner Museums, welche 
durch Inschrift als Fabrikat des Töpfers Nikosthenes 
bezeichnet ist, zeigt uns drei hintereinander gehende 
Pllüger. Die Pflüge sind mit je zwei Rindern be- 
spannt (genauere Angabe der Anschirrung fehlt); 
man unterscheidet an ihnen deutlich die Hauptteile, 
obgleich scheinbar Scharbaum, Sterze und Krumm- 
holz aus einem Stück Holz gefertigt sind, was aber 
nur Folge von Flüchtigkeit des Vasenmalers ist; hin- 
gegen sind die Riemen, welche Krummholz und 
Deichsel verbinden, überall deutlich angegeben. Hin- 
ter jedem Piluge geht ein Pflüger, welcher mit der 
einen Hand (es ist zweimal die rechte, einmal die 
linke Hand) den Handgriff der Pflugsterze dirigiert, 
während er mit der andern einen langen, spitzen 
Stecken hält zun Antreiben der Rinder. Hinter 
einem der Pflüger geht ein Sämann, welcher den 


11 


Korb mit dem Saatkorn am linken Arme hängen 
hat, während die zur Faust geballte Rechte wohl 
als zur Aussaat bereit zu denken ist; er ist, gleich 
den drei Pflügern, bärtig und nackt (entsprechend der 
Vorschrift des Hesiod 1.1.391: yuuvov oneipeiv, Yuuvöv 
dE Bowreiv, yuuvövdäudav). Etwas oberhalb sind zwei 
andre, ebenfalls unbekleidete Männer, von denen der 
eine auch eine lange Stange führt, die er nach Art 
eines Speeres ausgelegt hat, mit mehreren Rehen zu 
sehen ; aufserdem erblickt man, teils am Boden, teils 
in der Luft, in unverhältnismäfsig grofsen Dimen- 
sionen, eine Schildkröte, zwei Eidechsen und einen 
abenteuerlich gestalteten Vogel. Die drei Pflüger 
hintereinander erinnern daran, dafs bei Homer auf 
einer der Darstellungen des Achillesschildes(T1.X VIII, 
541 ff.) das Pflügen in der Weise beschrieben wird, 
dafs die Pflüger alle hintereinander auf derselben 

Breite ackern und der erste an der Kehre so lange 
warten mufs, bis der letzte ebenfalls das Ende der 
Furche erreicht hat, wobei sie dann zuweilen durch 
einen Trunk von Herrn gestärkt werden. Taf.I, Abb. 183 
a, b (nach Jahn, Süchs. Ber. 1867 Taf. 1, 2) ist ein 
schwarzfiguriges Bild einer im Louvre befindlichen 
Schale aus der ehemals Campanaschen Sammlung. 
Auf der einen Seite sehen wir zunächst einen mit 
zwei Maultieren bespannten Pflug, dessen Sterze ein 
Mann mit der rechten Hand leitet, während er mit 
dem linken Fufs auf den Pflug tritt, um ihn tiefer 
in den Erdboden eingreifen zu lassen; mit der Gerte 
in der Linken treibt er die Tiere an. Hinter ihm 
fulgen zwei aufeinander zugehende Männer, von 
denen der zweite sich umwendet nach einem eben- 
falls mit Maultieren bespannten zweiräderigen Karren, 
auf dem zwei verschlossene, Amphoren ähnliche Ge- 
fäfse stehen; daneben geht der Treiber mit dem 
Stabe, ein andrer Mann, ebenfalls mit langem Stabe, 
folgt denı Wagen; die Figur eines Aufsehers oder 
dergl. schliefst diese Seite der Darstellung ab. Auf 
der andern sehen wir zunächst ein nicht angeschirr- 
tes Maultier, dahinter einen Mann mit dein Saat- 
korb am Arme; ein andrer kommt ihm in lebhafter 
Bewegung entgegen. Darauf folgt ein mit zwei Rin- 
dern bespannter Pflug, an welchem der Pflüger, in 
entsprechender Stellung wie der erste, thätig ist; 
hinter diesem folgt, in entgegengesetzter Richtung, 
ein mit der Hacke die aufgelockerten Erdschollen 
zerschlagender Mann; nach ihm zwei andre Männer, 
deren Haltung keine bestimmte Erklärung zuläfst. 
Auch diese Vorstellung ist in ihrer Art lehrreich; 
sie zeigt uns nicht nur, wie jene, die Verbindung 
des Säens mit dem Pflügen, sondern auch die Ver- 
wendung der Maultiere neben den Rindern; mit 
Recht macht Jahn darauf aufmerksam, dafs erfah- 
rene alte Landwirte rieten, für die schwerere Arbeit 
des Aufreifsens des Bodens Jie kräftigeren Rinder 
vorzuziehen, für die leichtere des Nachpflügens aber 


12 


die rascheren Maultiere zu nehmen (nach Eustath. 
ad Iliad p. 810, 61); auch die Anwesenheit des Ar- 
beiters mit der Hacke deutet darauf hin, dafs hier 
eine schwierigere Arbeit verrichtet wird. Beachtens- 
wert ist auch der Unterschied in der Anschirrung 
der Zugtiere, inden nämlich die Stiere das Joch auf 
dem Nacken liegen haben, die Maultiere aber mittels 
eines breiten, über Brust und Nucken gehenden 
Gurtes an die Deichyel festgebunden und am Kopfe 





14 Kora mit dem Pfluge. 


aufgezäumt sind. Abb. 14 inach Elite ceramogr. 
IH, 64), eine Frau ıKora) mit einem Pfluge in «der 
Hand, ist von einen rotfigurigen Krater aus Kumae 
mit Darstellung des Triptolenos entnommen; man 
erkennt an diesem Pfluge sehr «deutlich die Befesti- 
gung der Pflugschar am Scharbaum vermittelst I 
menwerk. 

Beim Pflügen wurde besonders darauf geschen, 
dafs möglichst gerade Furchen gezogen wurden : Mom. 
Od. XVHL, 365 ff.) Gepflügt wurde dreimal im Jahre 
die erste Furche wurde im Frühling gezogen, die 
zweite im Nonmer, die dritte im Herbst; bei letz- 
terer erfolgte zugleich die Aussaat. Da die Egge 
erst in späterer Zeit vorkommt, so folgten die Sä- 
leute den Pflügern unmittelbar, wobei bisweilen 








Ackerbau. 


etwa noch blofsliegende Samenkörner vollends ınit 
Erde bedeckt wurden, zu welchem Zwecke dem 
Süenden ein Arbeiter mit einer Schaufel fulgte. Das 
bestellte Feld ruhte dann im Winter; im Frühling 
wurde der Boden wit der Hacke nochmals etwas 
gelockert; im Sommer jäteten Frauen oder Knechte 
das Unkraut aus. Bei der Ernte bediente man sich 
zum Schneiden des Getreides der halbkreisförmigen 
Sichel, womit man die Halme entweder ganz unten am 
Boden oder weiter oberhalb abschnitt; die Schnitter 
teilten sich dabei in zwei Haufen, welche von beiden 
Enden aus das Kornfeld in Angriff nahmen und 
schliefalich in der Mitte zusammentrafen. Bei Ho- 
mer (Il. XVIIL, 550 ff.) tragen Kinder die einzelnen 
abgemäühten Bündel dann in Garben zusammen; zum 
Sunımeln des abgeschnittenen Getreide bediente man 
sich später einer Harke. Man schaffte das Getreide 
sodann nach der meist im Freien gelegenen, fest- 
gestampften Tenne (&Awd) und breitete es dort aus. 
Das Ausdreschen erfolgte in der Regel durch 
Rinder, Maultiere oder Pferde, welche man im Kreise 
über die ausgehreiteten Halme herumtrieb (Flom. 
X, 495), während aufserhalb der Tenne stehende 
Treiber ihnen immer neues Getreide unter die Füfse 
schoben (Xen. Oee.18, 5). Dem Dreschen folgte dann 
das ebenfalls auf der Tenne vorgenommene Worfeln, 

it einer Schaufel (mrVov) oder Schwinge (Alx- 
vov) bei einigermafsen stark wehendem Winde das 
ausgeilroschene Korn von der Erde in die Höhe ge 
worfen wunle; der Wind führte dann die leichte 
Spreu tiber «die Tenne hinaus (Hom. 11. XIII, 588; 
Xen. Oec. 18, 6). 

Was das von den Griechen befolgte Feldsystem 
anlangt, ro war dies das sog. Zweifelderayatem, wo- 
bei immer auf ein Brachjahr ein Fruchtjahr folgt, 
wie das schon daraus hervorgeht, dafs, wie erwähnt, 
die Bearbeitung des Brachfeldes (die ganze Zeit vom 
Frühling bis Herbst in Anspruch nahm. Dreifelder- 
system oder Wechselwirtschuft war ihnen nicht be- 
kannt, vielmehr pflanzte man in der Regel dieselbe 
Getreideart auf demselben Felde wieder an. Wohl 
aber kam ex vor, dafs man auf ärınerem Boden die 
grüne Suat als Dünger unterpflügte, oder dafs zu 
gleichen Zweck blühende Bohnen u. dergl. auf dem 
Brachfelde angepflanzt wurden. — Die hauptsächlich 
kultivierten Gietreidearten waren Gerste und Weizen, 
welche im Terbst ausge wurden, und zwar indem 
man mit der Gerste den Anfang machte; aufser 
diesen beiden, vornehmlich zur Brotbereitung be- 
nutzten Feldfrüchten pflanzte man noch Spelz, Em- 
mer und Einkorn :Theophr. Hist. pl. VIII, 1, 1, 
während Roggen (BpiZa) nur im barbarischen Norden 
Griechenlands bekannt war. 

Wie bei den Griechen, so stand auch bei den 
Römern der Ackerbau in hoher Achtung; nament- 
lich in den besseren Zeiten der Republik widmeten 









































Ackerbau. 18 


sich die tüchtigsten Bürger, Staatsmänner und Feld- 
herren, in ruhigen Friedenszeiten der Ausübung des- 
selben, und auch später noch, als es immer seltener 
wurde, dass der vornehme Römer seine Güter per- 
sönlich bewirtschaftete, haben doch Männer von 
altrepublikanischen Sitten an diesem Brauche der 
Vorfahren festgehalten und teilweise auch ihre Er- 
fahrungen auf diesem Gebiete in lehrreichen Werken 
niedergelegt, wovon uns die landwirtschaftlichen 
Schriften des alten Cato und des Varro heut noch 
Zeugnis geben. Wir finden daher die Landwirtschaft 
der Römer noch beträchtlich entwickelter, als die 
der Griechen, obgleich die dabei zur Verwendung 
kommenden Gierüte im wesentlichen dieselben sind. 
Namentlich die Vorschriften über die Bewässerung, 
welche von ihnen in grofsartigem Mafsstabe durch- 








I j —Q n 


stiva; nach vorn ist der Krümmel in die (nicht mit 
dargestellte) Deichsel, temo, auslaufend zu denken. 
(Vgl. die Beschreibung des römischen Pfluges bei 
Virg. Georg. I, 169— 175.) Der spätere römische 
Pflug ist aber, wie der griechische, so konstruiert, 
dafs die verschiedenen Bestandteile alle einzeln ge- 
arbeitet und miteinander verfalzt resp. verklammert 
sind; einen solchen zeigt Abb. 16 (nach Prat, Hi- 
stoire de la ville, du comt6 et du marquisat d’Arlon, 
Atl. pl. 64), ein römisches Relief aus Arlon in Luxem- 
burg; hier erkennt man auch das zwischen Krumm- 
holz und Sterze angebrachte Stützholz. Der ver- 
besserte römische Pflug hatte aber aufser diesen 
lHauptbestandteilen noch verschiedene vervollkomm- 
nende Zuthaten: Streichbretter, aures, bisweilen auch 
ein sog. Pflugmesser (auch Sech oder Kolter ge- 





15 Römischer Pflug. 


geführt wurde, sowie über die mannigfaltigen Me- 
thoden der Düngung, bezeugen die grofse Sorgfalt, 
welche der Pflege des Bodens zugewandt wurde. 
Was den römischen Pflug (aratrum) anlangt, so 
haben sich die Römer in älterer Zeit offenbar nur 
jenes sehr einfachen Hakenpfluges bedient, welchen 
uns die etruskischen Denkmiler, namentlich die 
Urnen mit der Darstellung des Heros Echetlos (8 
Art.) hilufig zeigen, und der am besten dargestellt 
ist auf einer etruskischen Bronze aus Arezzo, 
Abb. 15 (nach Micali, L’Italia avanti il dominio 
Romano, Fir. 1810 tav. 50). Dieselbe stellt einen 
Landmann vor, der einen mit zwei Rindern be- 
spannten Pflug lenkt. Der Pflug besteht hier nur 
aus einem starken, hakenförmig gekrümmten Holze, 
welches zu gleicher Zeit Krummholz, bura, buris, 
und Scharbaum, denfale, repräsentiert; unten irt 
daran durch Klammern oder Ringe die Pfugschar, 
vomer. befestigt; oben, anscheinend aus einem Stück 
mit dem Krummholz, die mit Griff versehene Sterze, 





nannt, culter, zum vertikalen Lostrennen der Scholle) 
u.a.m.; doch rind uns diese komplizierteren Pflüge 
nur durch vereinzelte Frwähnungen von Schrift- 
stellern (vgl. Pullad. I, 43, 1; Plin. XVII, 171), 
nicht durch Denkmäler bekannt. Gepflügt wurde in 
der Regel mit Rindern, welchen das Joch, wie bei 
Abb. 15, auf dem Nacken unmittelbar hinter den 
Hörnern aufgelegt wurde; eine abweichende Art der 
Anschirrung zeigt Abb. 16. Im gallischen Rätien 
und in Oberitalien war auch ein Räderpflug in Ge- 
brauch. (Plin. XVIL, 172, wo aber der Name des 
Pflugen in den Has. verdorben ist.) — Ferner hatten 
die Römer noch verschiedene andere Ackergerüte, 
welche den Griechen unbekannt gewesen zu sein 
scheinen: so den inpex (oder urper), ein Brett mit 
eisernen Zähnen, womit man den Boden ebnete und 
Wurzeln oder Unkraut entfernte (Cat. r. r. 10, 2); 
ferner die eigentliche Egge, occa oder erates dentata 
(Gloss. Isid.; vgl. Colum. II, 13, 1); diese wurden 
ebenfalls von Ochsen gezogen. Dazu kommen dann 


14 


weiterhin die mannigfaltigen beim Feld- und Garten- 
bau benutzten Hacken, Schaufeln u. s. w., die wir 
hier übergehen. 

Bezüglich der Feldbestellung herrschte bei den 
Römern so ziemlich die gleiche Methode, wie bei 
den Griechen; man pflügte dreimal, zuerst im Au- 
gust, nach der Ernte, und zwar in Gestalt quadrat- 
förmiger Beete von 120 Quadratfufs (ein halbes ju- 
gerum); zum zweitenmal im Frühling und zum dritten- 
mal kurz vor der Aussaat. Es herrschte also auch 
hier das System der Brachwirtschaft. Bei derErnte 
schnitt man entweder mit einer Sichel eine Hand- 


Ackerbau. 


Adonis. 


Tiere zum Dreschen in der Regel dann, wenn das Ge 
treide mit den Halmen geschnitten war, des Dresch- 
flegels aber, wenn nur die Ähren abgeschnitten waren 
(Plin. XVII, 298). Dem Dreschen folgte dann das 
Worfeln, welches wie bei den Griechen mittels der 
Schaufel, pala, ventilabrum, oder der Schwinge, 


vannus, geschah (Cat. r. r. 10,3). 

Das amı meisten angebaute Getreide war in Italien 
neben dem in ältester Zeit überwiegenden Dinkel 
der Weizen; 
nahrhaft galt. 
Roggen (secale) galt auch 


daneben Gerste, die aber als nicht 
Hafer wurde als Viehfutter gebaut; 
den Römern ala Unkraut. 











16 Römischer Pflug. 


voll Halne unmittelbar am Boden ab, oder man 
bediente sich eines gekrümmten Stockes, an dem 
die Sichel angebracht war; ja man hatte sogar schon 
eine, uns ihrer Konstruktion nach freilich nicht be- 
kannte Mühmaschine (Pallad. VII, 2, 2). Das ab- 
gemähte Getreide wurde dann nach der Tenne, arca, 
geschafft und dort entweder in der oben beschrie- 
benen Weise durch Tiere ausgedroschen oder durch 
Dreschwagen resp. Schlitten, vornelmlich mit dem 
tribulum, einem unten durch Steinsplitter oder Eisen 
rauh gemachten Brett, welches mit Steinen beschwert 
und von Ochsen gezogen wurde (Varr. r. r. 1, 52, 1); 
etwas Ähnliches scheinen das plostellum Poenicum 
und die fraha gewesen zu sein, deren Konstruktion 
uns nicht näher bekannt ist (Varr. 1. 1. Colum. 
11, 21,4). Endlich kannte man bereits den Gebrauch 
des Dreschflegels; und zwar bediente man sich der 





(Zu Seite 13.) 


Litteratur se. bei Hermann, Griech. Privat- 
altertüm. 3. Aufl. 8.99 £.; Baumstark in Paulys 
Realeneykl. Bd. VI, 568 f.; A. Nowacki, Deutsche 
Reyue 1882 I1, 340 f. {Bl} 

Adonis. Der phönikische und syrische Gott 
Thammuz (Ezechiel 8, 14 und das. die Ausleger) 
wurde unter dem Namen Adonis, d. h. der Herr, 
schon früh nach Griechenland verpflanzt; Hesiod 
kennt, Sappho besingt ihn. Die gräeisierte Fabel, 
wie Panyasis sie episch ausführte, im Uıinrisse bei 
Apollod. 3, 14, 3. Sie personifiziert handgreiflich 
den Wechsel der Jahreszeiten: die Blüte der Vege 
tation wir! von dem Sonneneber jüh vernichtet; 
deshalb beklagte man das Hinscheiden des zarten 
Jünglings just im Hochsommer, wie aus dem Zu- 
sammentreffen mit der Abfahrt der sieilischen Ex- 
pedition im Jahre 415 hervorgeht. Die Grofsartigkeit 











Adonis. 


dieser Feier in Athen ist ein schlagender Beweis 
von der Macht fremdländischer Kulte in den Centren 
griechischer Bildung, obwohl es schwerlich einen 
geweihten Tempel für Adonis in ganz Griechenland 
gab (Paus. II, 19 hat er nur ein olxnua, Schol. 
Arist. Lys. 389); schnellwelkende Blumen, wie Ane- 
monen, die aus seinem Blute entsprossen sein sollten, 
waren sein Sinnbild; Hetären feierten ihn vorzugs- 
weise, Athen. VII, 292 D, Aleiphr. Epist. 1, 39. 
Erst in Alexandria machte man daraus ein öffent- 
liches Fest mit grofsem Gepränge, wie Theokrits 
15. Idylle so anschaulich schildert. Darstellung in 
einem Vasenfragment vermutet Arch. Ztg. 1873 8.65. 

Die bildenden Künstler der besseren Zeit hatten 
hiernach nicht sehr ernste Veranlassung, sich mit 
‚Adonis zu beschäftigen, dessen Figur als Statue 
aufserdem nur durch die Wunde am Schenkel zu 
charakterisieren war. Man erkennt als solche gegen- 
wärtig eine einzige an, Mus. Pio-Clem. II, 31, vgl. 
Braun, Ruinen Roms 8.342; eine andere als Adonis 
restaurierte Pio-Clem. II, 32 wird jetzt auf den um 
Hyakinthos trauernden Apollon gedeutet; Braun, 
Ruinen Roms 8. 375. 

Eine Aschenkiste im Mus. Gregor. I, 98 zeigt 
die Thonfigur des toten Jünglings auf dem Parade- 
bette, den man auch aus Wachs zu bilden und hin- 
schmelzen zu lassen pflegte. Andere Monumente 
gehen auf den hellenisierten Mythus näher ein. 
Eine vornehm sentimentale Komposition späterer 
Erfindung ist der hinsiechende Adonis bei Braun, 
Zwölf Basreliefs Nr. 2. Etruskische Spiegel und 
pompejanische Wandgemälde stellen entweder den 
Moment besorglichen Abschieds oder die letzte Pflege 
des tödlich verwundeten Geliebten dar. Die Jagd 
gegen den Eber erscheint auf Sarkophagen in Ver- 
bindung mit den beiden andern Scenen, vermutlich 
als Hinweis auf einen vorzeitig vom Tode dahin- 
gerafften Jüngling. Die dargestellten Scenen müssen 
aber von der Jagd des Meleager und vom Abschiede 
des Hippolyt genau unterschieden werden. Littera- 
rische Quellen können als Grundlage nicht nach- 
gewiesen werden, wenigstens keine Tragödie eines 
bedeutenden Dichters; dagegen scheint der Mythus 
in einer gröfseren Anzahl von Komödien sehr derb 
parodiert zu sein; vgl. Athen. X, 456 A, Meinecke 
#rg. com. gr. I p. 615. — Auf den Gemälden ist 
Adonis regelmäfsig am Schenkel verwundet; er wird 
zuweilen von Eroten verbunden und gepflegt, wie 
auch bei Bion I, 80 ff. Zuweilen pflegt Aphrodite 
ihn selbst, wobei sie den Sterbenden ganz ebenso 
auf ihrem Schofse liegen hat, wie in der sog. pielä 
der christlichen Kunst. — Wir geben (Abb. 17) 
die Darstellung eines Sarkophags im Louvre (nach 
Bouillon Musee II, 51, 3), welche in drei Scenen 
zerfällt, aber zu manchen Zweifeln Veranlassung 
bietet. In der Mitte hat soeben der übermäfsig grols 











17 Adonis‘ Tod. 


15 


16 ‚Adonis. 


Adonis (dies drückt der erhobene Arm aus) von der 
sitzenden Aphrodite, welche zum Grufse noch die 
er sich in seine IHöhle zurück. Der niedergeworfene | Hand gegen ihn ausstreckt; neben ihr hält Eros 
Adonis hült mit der Linken noch die Chlamys wie ' einen Spiegel, zur Seite steht eine Dienerin. Der 
zur Wehr vor, in malerischer Stellung sich auf- | Ort der Handlung ist durch den Vorhang als eine 


gebildete Eber dem Adonis den tödlichen Stofs ver- 
setzt, und sofort, einen Hund niedertretend, zieht 














D 
A el 











18 Adonis sterbend. (Zu Selto 17.) 


stützend. llinter ihm eilt ein bürtiger Jagdgenofs | Halle, durch den bekrinzten Altar vielleicht als 
zu spät zur Hilfe herbei; ein jüngerer neben ihm ; Vorhalle eines Tempels bezeichnet. Auf der andern 
scheint einen Fellstein auf das Tier schleudern zu ! Seite umarmt die (iöttin den verwundeten Liebling 
wollen; was er in der linken Hand hält, ist nicht | zum letzten Mal. Aufser der jungen Dienerin, welche 
zu deuten. Ebenso lüfst die bürtige Gestalt ober- | einen Arzneikasten (möfis larpıcı)) zu bringen scheint, 
hal des Ebers dem Zweifel Raum, ob der Berggeist | will eine ältere ihn unterstützen; Eros fafst be- 
oder ein Jäger viler Hirt gemeint sei. Zur rechten | sorgt sein Bein; auch der Jagdhund sitzt still da- 
Seite zeigt sich der Abschied des zuversichtlichen | bei. Von den beiden hier wieder erscheinenden 


. Adonis. Adrastos. 


Begleitern wischt der jüngere mit dem Mantel seine 

Augen. Ein vortrefflich erhaltener Adonis-Sarko- | 
phag im Lateran ist publiziert Mon. Inst. VI, VII, 

68 A B, beschrieben von Benndorf Nr. 387; vgl. 

Nr. 50. — Weit interessanter ist auf zwei unter- 

italischen Vasen (die Abbildung der Hauptseite der 

einen nach Bullet. napolet. N. 8. VIL pl. 9), die | 
Darstellung des Streites zwischen Aphrodite und | 
Persephone um Adonis. (Abb. 18.) Letzterer liegt in | 
der mittleren Reihe ermattet auf dem geschmückten ı 
Sterbebette, von einem Eros mit Salben beträufelt. f 
Zu seinen Häupten stehen die verschleierte Aphro- 
dite und Persephone mit dem Myrtenzweige; drei 
gleiche Zweige, welche unter dem Bette liegen, ; 
werden wohl passend als Totengabe (Hermann, 
Griech. Privataltert. $ 39, 11) gefafst. Aın Fufsende 
sieht man Artemis als Hekate mit dem Köcher und 
zwei Fackeln; oder als die, welche den Eber gesandt 
hat. Im oberen Felde thront Zeus; zu seinen Füfsen 
kniet fiehend Aphrodite mit Eros zur Seite, weiter | 
zurück sitzt Persephone, in der Rechten den (im 
Bilde verstümmelten) Zweig haltend. Neben ihr 
ist der Kasten angedeutet, in welchem sie, nach ! 
Panyasis’ Dichtung, den Adonis zur Verwahrung er- 
halten hatte. Apollod.3,14,4: "Adwviv Agpobirn dıd 
xdAog Erı vhmov, xpüpa dev, eis Adpvaa xpÜyaca 
Tlepoepövn naploraro. Exelm dE ııs Ededoaro, oük 
ämedidou. xploewg dE ml Arös Yevonevng eig nolpag ; 
dinpedn 5 @viaurög, xal ulav n&v map’ &aurip neveıv 
zöv "Adwviv, nlav dL mapd Tlepoepövn mpooerake, 
TAv dE Erepav map’ Appobim. 5 de "Adwvig Talın 
mpoaeveine al tAv Idlav noipav. otepov dE Unpebwv 
"Adwvis ümd ouds mAnvels ämeBave. Aus den an- 
geführten Worten geht nun deutlich hervor, dafs 
das Knäblein, welches an Zeus’ Scepter sich hält, 
der eben geborne Adonis ist. Neben ihm stehen, 
wohl zumeist der Vollständigkeit halber, Demeter 
fackeltragend und Hermes, erstere als natürlicher 
Beistand der Tochter, letzterer als Überbringer des 
Kästchens. Ferner aber ist nun ersichtlich, dafs der 
Vasenmaler im Anschlufs an den Dichtermythus 
den Tod des Adonis durch den Eber als ein spä- 
teres Faktum aufgefafst und deswegen in die zweite 
Figurenreihe gesetzt hat. Die unterste Reihe wird 
von sechs Frauen eingenommen, in denen wir, wenn 
sie eine Gesamtheit zu bilden bestimmt sind, nur 
die Musen erkennen dürfen. Über ihre auf Bild- 
werken schwankende Zahl s. »Musen«. Ebenso 
nahe liegt es freilich, eine Andeutung der Adonis- 
Feier selbst darin zu finden, also die AdwvıdZovoan 
des Theokrit, mit der Kitharspielerin und Sungerin 
in der Mitte, während Andre Trankspenden, Zweige 
und Früchte bringen; man denke an die Adonis- 
Gärten (moi Aduvidog). Die Darstellung der letzteren 
auf einigen Vasen ist fraglich; vgl. die Aufzählung | 
der Bildwerke überhaupt Ann. Inst. 1864 p. 68. | 

Denkmäler d. klass. Altertums. 





17 


(Gruppierungen der Aphrodite mit Adonis als Lie- 
bende, zum Teil unsicher, stellt zusammen Ber- 
[Bm] 


nouilli, Aphrodite 8. 398—401). 














19 Tydeus bei Adrast. (Zu Seite 18.) 








18 Adrastos. Äpfel. . 


Adrastos. Dufs die verschiedenen so benannten 
Personen in griechischer Mythologie und Geschichte 
aus einer mythischen Einheit entwickelt sind, glaube 


ich in einer Abhandlung: de Atye et Adrasto, Lips. ' 


Teubn. 1860 nachgewiesen zu haben. Der chtho- 
nische Charakter der uralten Segensgöttin Nepeois 
(der Verteilerin) ‘Adpdoreia hat sich in Kleinasien 
bei Kyzikos und als wunderlich entstellter Märchen 
in der von Herudot. I, 34—45 auf seine Weise 
vorgetragenen Geschichte von Atys, dem Iydischen, 
und Adrast, dem phrygischen Königssohne erhalten. 
Zu dieser Gottheit steht der argivisch-sikyonische 
Fürst, der Führer der Sieben gegen Theben, im Ver- 
hältnis einer hintorisierten und in seine Umgebung 
mit einigem Zwunge eingefügten Heros, dessen ur- 
sprüngliches Wesen aber lerodots Erzüllung von 
den ihm gewidmeten dionysischen Chören (5, 67) 
sicher verbürgt. Die Umdeutung des Namens, den 
ich für orientalisch halte, ist eine späte und nutz- 
lose, nicht einmal die Zwecke des Epos fördernde 
‚Spielerei, da das » Nichtentflichenkönnen« weder aktiv 
noch passiv auf den Helden der Thebais pafst, welcher 
einara Aurpä Pepwv oüv Apelovı kvavoxaltn (Vers aus 
der kyklischen Thebuis bei Paus. 8,25, 5) nuch er- 
littener Niederlage davon kommt. Von Bildwerken, 
welche sich auf den Helden der Thebais beziehen — 
und nur solche kommen vor — sind drei durch Namen- 
beischrift gesichert, jedoch sämtlich in der speziellen 
Deutung des dargestellten Momenter zweifelhaft. Der 
berühmte etruskische Carneolskarabäus wird abge- 
bildet im Art. »Thebais«; ein etruskischer Spiegel 
(bei Overbeck, Her. Gal. III, 3) erwähnt unter 
»Amphiaraos«. Hier geben wir (Abb. 19) eine alter- 
tümliche Vase in Kopenhagen, welche Heydemann, 
Arch. Ztg. 1866 8. 130 ff. erläutert und Taf. 206 
neu abgebildet hat. Die Zeichnung des Gefäfses int 
hart, aber sicher; die Figuren sind schwarz auf 
rotem Grunde, die schattierten Stellen aber braun 
und, was sehr selten, alle Gesichter, auch die der 
Männer, weifs gemalt. Dieser letzte Umstand er 
schwert die Deutung der gröfsten Teiles der Figuren 
erheblich. — Der erste Erklärer nämlich, Abeken 
in Ann. Inst. 1839, 255 ff., nahm als Grundlage 
der Scene «die Schilderung bei Statius Thebaid. I, 
524—539, wo Tydeur und Polyneikes als Schutz- 
flehende bei Nacht zu Adrast gekommen sind und 
nach einem feindlichen Zusammenstofse, den der 
König beilegt, von diesem gemäfs einem Orakel zu 
Schwiegersöhnen erwählt werden. Die Ankömmlinge 
sitzen am Boden (diseumbunt), die Töchter stehen 
neben ihnen, ihre Amme Aceste, welehe sie herbei- 
geholt hat, lehnt an der Klisia des Königs. Nachden 
aber Heydemann durch Hinweir auf das perücken- 
artige Haar klargestellt hat, dafs die am Boden 
sitzenden Figuren weiblich sind, wozu auch die Über- 
einstimmung mit der Tracht des Adrastos pufst — 











ein weiter Mantel mit mäanderartiger Kante, »dessen 
Zipfel sich epaulettenartig um die linke Schulter 
legte —, »o mufs jene Deutung modifiziert werden. 
Adrastos liegt auf dem Lager, un dessen Fufsende 
seine tie n ste die Tü und die Haarbildung 
lüfst auch ihr Geschlecht unzweifelhaft. Tydeus ist 
dann die neben der Säule (welche den Palastsasl 
bezeichnet: stehende Figur; er ist nicht grofs (Homer 
E 801}; er hat den linken Arm in den Mantel ge 
hüllt; seine rechte Hand begleitet die Rede, welche 
er an die ihm enüberstehende Person richtet. 
Letztere ist weiblichen Geschlechts, schon der Ver 
»chleierung und der Ilaarbiklung wegen; sie scheint 
(le entgegenzustrecken und 
ist mit ihm im eifrigen Ciespräche, dem Adrastos 
und seine Gemahlin Amphithen ‚nach Apollod. 1, 
9, 13, 2) gespannt zuhören. Wer sie sei, ist nicht 
sicher auszumachen; doch liegt um nächsten, wieder 
an die Amme zu denken, welche die Töchter her 
geführt hat. Polyneikes ist also hier nicht nach 
























2» Eris und sphinx 


zuweisen und die früher gepriesene »dramatischer 
Gestaltung aufzugeben: wir sehen nach abweichen- 
der Version des Künstlers nur einen der Freier. 
(Der verstümmelte Name OMAyOS$ neben der Säule 
unter dem Henkel des Gefüßsen geht auf den damit 
Beschenkten.) Eine feine Andeutung der Zukunft 
aber liegt in «der zur Rechten des Adrast, sitzenden 
grofsen Eule, welche hier ala Nachtvogel auf den 
Hades hinweist, worüber Preller, Gri 
646. Vgl. die Eule auf den Seepter des Hades, 
Vasenbild im Art. »Theseus«. Auf den Tod ale die 
Kehrseite der Vermühlung bezieht sich auch die 
Rückseite (Abb. 20) des Skyphos (in verkleinertem 
Mafsstabe), wo zwischen zwei Nphinxen, den Bildern 
der Erstarrung iin Tode, eine geflügelte Eris mit 
dem altertümlichen Gorgonenhaupte daherstürmt, 
den Ausgang des Feldzuges andeutend. — Statuen 
den Adrastos fanden sich in Argos und in Delphi, 
letztere als Geschenk «ler Argiver, Paus. II, 20, 5 
und X, 10, 3. Weiteres x. »Thebaise. [Bm} 
Äpfel spielten bei den Mahlzeiten der Griechen 
und Römer eine wichtige Rolle und bildeten meist, 
zugleich mit anderem Obst, den Schlufs des Mahles, 
woher die bekannte Redensurt: »ab 0v0 wsque ad 








Äpfel. 


mala«, Hor. Sat. I, 3, 6. Daher wandte die Obst- 
kultur und Veredelungskunst, vornehmlich bei den 
Römern, dieser Frucht, von der uns zahlreiche Sorten 
aufgezählt werden, besondere Aufmerksamkeit zu; 
vgl. Wüstemann, Unterhaltungen aus der alten Welt 
für Gartenfreunde S. 11, Gotha 1854. Daneben 
hatte der Apfel auch im Leben seine Bedeutung als 
Liebes- und Hochzeitssymbol (speziell der Quitten- 
apfel; einen solchen verzehrte die Braut im Braut- 
gemach, bevor sie den Bräutigam empfing, Piut. 
praec. coniug. 1 p. 138D). Zuwerfen von Äpfeln, 
Überreichen eines angebissenen Apfels war eine 
Art von Liebeserklärung; Abschnellen von Apfel- 
kernen diente als Liebesorakel. Daher ist auf Bild- 
werken der Apfel als erotisches Symbol sehr häufig 
zu finden; vgl. Stephani, Compte rendu 1860 p. 86; 
Fränkel, Arch. Ztg. 31 (1873) S. 38. [Bl] 
Arzte. Schon in den frühesten Zeiten des grie- 
chischen Altertums begegnen uns Ärzte, wenn auch 
noch nicht als ein eigner Stand; finden wir doch be- 
reits in der Ilias Heilkünstler, wenn auch wesentlich 
in chirurgischer Thätigkeit (Machaon, Podaleirios). 
Wie diese — keine Berufsärzte, sondern Fürsten, die 
ihre medizinischen Kenntnisse zum Wohl ihrer Mit- 
kämpfer verwerten — ihre Abkunft auf den Heilgott 
Asklepios zurückführten, so wurde auch noch in den 
folgenden Zeiten alles ärztliche Wissen als vom Gott 
der Heilkunde herrührend betrachtet (Plat. Rep. III 
p. 400C); und was in jenen Jahrhunderten von 
medizinischem Wissen allmählich erworben worden 
war, scheint wesentlich im Besitz der Priester dieses 
Gottes gewesen zu sein. Denn die Tempel des Askle- 
pios dienten nicht blofs den Hilfesuchenden dazu, 
dort ihr Gebet um Heilung anzubringen, sondern 
gar viele Patienten suchten und fanden dort auch 
wirklich ärztlichen Rat, der häufig zwar nichts als 
sympathetische Mittel, Verweisung auf inhaltvolle 
Träume (wobei man im Tempel schlief und im Traum 
das Heilung spendende Mittel erfuhr, was man In- 
kubation nannte, vgl. Arist. Plut. 662, Vesp. 122) 
enthalten mochte, oft aber auch auf altüberlieferte 
medizinische Kenntnisse von der Heilkraft gewisser 
Pflanzen, von der Behandlungsweise bestimmter 
Krankheiten zurückging und daher sicherlich in zahl- 
reichen Füllen über die Charlatanerie, von der sonst 
diese Arklepiadenweisheit im allgemeinen gewifs 
nicht freizusprechen, hinausging. Aufzeichnungen 
der Priester über verschiedene Krankheitsfälle, Weihe- 
tafeln Geheilter niit Angabe der gebrauchten Heil- 
mittel und Frzählung ihrer Krankheit und Heilung 
u. dergl. dienten später als nutzbringende Tradition 
und haben sogar bei ärztlichen Abhandlungen wich- 
tiges Material geliefert (vgl. Plin. XXIX, 4. Strab. 
VII p. 374). Priesterliche und profane Heilkunde 
mögen wohl schon frühzeitig nebeneinander her- 
gegangen sein; wenn aber auch jene noch in spä- 


: bedangen (Ael. Var. hist. XTI, 1). 


Ärzte. 19 
teren Zeiten fortbestand, so nahm doch die letztere 
immer mehr überhand und verfügte, wie uns das 
berühmte Beispiel des Hippokrates zeigt, bald über 
einen beträchtlichen Schatz positiver Kenntnisse. 
Von einem eigentlichen Studiunı der Heilkunde war 
dabei freilich keine Rede, da es keine eignen Lehr 
anstalten hierfür gab; wohl aber erbten die erwor- 
benen medizinischen Erfahrungen und Heilmethoden 
an gewissen Orten in Familien fort, so dafs bereits im 
Altertum in gewissem Sinne von ärztlichen Schulen 
die Rede sein kann (Galen. X p.5 Kähn). Sehr 
gewöhnlich war es, dafs der Jünger der Heilkunde 
sich als Lehrling einem älteren Arzt anschlofs, den 
Ördinationsstunden desselben beiwohnte, ihn auf 
seinen Krankenbesuchen begleitete und ihm in der 
Bereitung der Ileilmittel beistand (vgl. Aeschin. 
in Timarch. 40); denn in der Regel bereiteten die 
Arzte «die von ihnen verordneten Medikamente selbst 
(Xen. Memor. IV, 2, 17; Plat. Cratyl. p. 394 A), 
obgleich daneben auch die papnaxombkaı, die im 
Altertum vielfach die Rolle der Quacksalber und 
Kurpfuscher spielen, allerlei Heilmittel verkauften. 
— Der Stand der Ärzte genofs im allgemeinen eine 
gewisse Achtung; indessen teilte er mit manchen 
andern Berufszweigen, wie Künstlern, TLehrern u. 8. w., 
das alte Vorurteil ddes Hiellenen gegen jeden gegen 
Bezahlung ausgeübten Beruf (schon bei Homer XVLI, 
383; schärfer bei Plat. Gorg. p. 455 B); denn die 
Arzte übten ihre Kunst nicht unentgeltlich aus, 
und es gab sogar solche, welche sich die vorherige 
Bezahlung ihres Honorars (latpeiov, oWOTpov) auß- 
Gleich den 
heutigen Ärzten hatten auch die alten ihre Ordina- 
tionsstunden; dazu diente ein besonderes Lokal, ver- 
mutlich ein Teil ihrer Wohnung, das iatpeiov, und 
hierher begaben sich namentlich leichtere Kranke, 
um sich ein Mittel verordnen oder irgendwelche 
kleinere chirurgische Hilfsleistung vornehmen zu 
lassen (Plat. Legg. I, p.646 C, Poll. X, 46 und 149), 
wohin man aber auch schwerere Kranke brachte, 
wenn denselben aufserhalb ihrer Behausung ein Un- 
fall zugestolsen war (wie dem Lamachos in Arist. 
Acharn. 1222). — Die meisten Ärzte praktizierten 
auf ihr eigenes Risiko; doch bestand schon früh die 
Einrichtung, dafs Gemeinden von Staats wegen Ärzte 
anstellten (dnusonor tatpot), welche, nachdem sie den 
Nachweis bestimmter Kenntnisse geleistet, vorn Staate 
für ihre ärztliche Dienstleistung mit einem festen 
jährlichen Gehalte entschädigt wurden. (Herod. III, 
131. Plat. Politic. p. 259 A.) Sonst lassen sich 
Rang- oder Klassenunterschiede innerhalb der Arzte 
nicht erkennen; denn wenn es auch üblich war, 
dafs die Sklaven von bestinımten Sklavenärzten, die 
selbst unfrei waren, behandelt wurden (vgl. Plat. 
Legg. IV p. 720C), so war das doch keineswegs 
feststehend, und es kommt auch der Fall vor, dafs 


20 


Sklaven von Freien behandelt werden (Xen. Memor. 
II, 4, 3 und 10, 6), wie umgekehrt ärztlich ausge- 
bildete Sklaven auch an Freien ihre Kunst aus- 
übten (Diog. Laert. VI, 30). 

Anders war die Stellung der Arzte in Rom. Die 
alte Zeit kannte solche überhaupt nicht; der Pater 
familias war zugleich auch der Arzt für Kinder und 
Sklaven und kurierte nach alten, durch Familien- 
tradition überkommenen Rezepten, dergleichen der 
alte Cato in seinem »Commentarius quo mederetur 
filio, servis, familiauribus« (die Frauen sind nicht 
mit genannt, weil die sich wohl in der Regel an 
die Hebammen wandten) zusammengestellt hatte. 
Fachärzte lernte man erst um die Zeit des zweiten 
punischen Krieges kennen, als griechische Ärzte sich 
in Rom niederliefsen ; doch hatten die richtigen Alt- 
römer noch lange ein unbesiegliches Mifstrauen gegen 
das »Schneiden und Brennen« derselben und be- 
dienten sich, wenn sie sich nicht selbst kurierten, 
lieber eines zuverlässigen, mit einigen medizinischen 
Kenntnissen ausgestatteten Haussklaven, dergleichen 
freilich ziemlich hoch iın Preise standen (Varr. r. r. 
I, 16,4). Und obgleich in der Folgezeit dieses Mifs- 
trauen mehr und mehr schwand, so blieb doch dem 
Römer ein gewisses Vorurteil gegen den ganzen 
Stand, und daher erklärt er sich, dafs die Mehrzahl 
der Arzte auch noch in der Kaiserzeit Ausländer, 
vornehmlich Griechen und Orientalen waren, und 
häufig Freigelassene, wofür uns namentlich die In- 
schriften noch zahlreiche Zeugnisse darbieten (vgl. 
Marquardt, Privatleben d. Römer S. 153). Die Ein- 
träglichkeit des Berufes, welcher keinerlei Prüfung 
und nur eine sehr beschränkte Verantwortlichkeit 
kannte, brachte es mit sich, dafs schr Unberufene, 
jeglicher Vorbildung Ermangelnde sich hinzudrängten, 
und dafs beliebte Ärzte bei ihren Krankenbesuchen 
von zahlreichen Schülern und Lehrlingen begleitet 
wurden (Mart. V. 9; Philostr. V. Apoll. VIII, 7, 
14 p. 349%. Eigene Hausärzte hielten sich nicht 
blofs die Kaiser und Angehörigen der kaiserlichen 
Familie, sondern auch sonst Privatpersonen, ebenso 
wie die Anstellung von Stadt- oder Gemeindeärzten 
auch zur Kaiserzeit etwas ganz gewöhnliches war; 
auch Truppenteile, Kollegien, Gladiatorenschulen und 
dergl. hatten in der Regel eigens angestellte Ärzte; 
der berühmteste Arzt des Altertums nüchst Hippo- 
krates, Galenus (131—201 n. Chr.), war längere 
Zeit in seiner Vaterstadt Pergamus Gladiatorenarzt. 
Gleichzeitig wurde es immer häufiger, dass sich Ärzte 
init gewissen speziellen Krankheiten beschäftigten; 
nicht nur, dafs die innere Medizin melır und mehr 
von der Chirurgie sich sonderte (vgl. Galen. X, 


Ärzte. Agamemnon. 


standteile des Heilmittels, sowie den Namen des 
Arztes enthaltenden Stempeln versahen, dergleichen 
Bich noch weit über hundert, an den verschiedensten 
Punkten des römischen Reiches gefunden, erhalten 
haben. Abb. 21, publiziert in den Jahrb. des Ver. 
von Altertumsfr. in den Rheinland. Heft 57 S. 201 
gibt ein Beispiel eines solchen; dieser Stempel (ge- 
funden in der Mosel bei Trier) ist ein quadratisches 
Schieferplättchen, welches an jeder Seitenfläche in 
zweizeiliger Inschrift den Namen des Arztes und 
Heilnittels trägt: Fugeni chlor(on) ad dolores ex 
o(culis). — Eugeni penicille post inpet(us lippitudinis). — 
Eugeni diarhodon ad sup(primendam) ur(iginem) ex 
o(eulis). — Eugeni diamisus ad asprit(udinem). Auf 
der obern quadratischen Fläche sind, leicht einge- 
ritzt, die Namen Jder Medikamente wiederholt. — 
Ihre Heilmittel bereiteten auch die römischen Ärzte 





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21 Ärztlicher Stempel. 


in der Regel selbst und bezogen die Ingredienzien 
dazu von den Droguenhändlern, über deren Betrug 
und geschickte Fälschungen Plinius und Galenus 
vielfach Klage führen, weshalb gewissenhafte Ärzte 
womöglich an Ort und Stelle den Einkauf der 
Droguen en gros besorgten. 

Litteratur verzeichnet bei Hermann, Griech. 


: Privataltert. S. 351 ff.; Marquardt, Privatleben der 


p.454K), es gab auch schon Spezialärzte für Ohren, 


Zähne, gegen Brüche u. dergl.; und ganz besonders 
verbreitet waren die Augenärzte, welche ihre Sal- 
ben (xoAAUpıa) mit eignen, meist Namen und Be- 


Römer S. 749 f.; vgl. aulserdem Becker, Charikles 
IIl, 48 (Göll); Gallus II, 139 (Göll). Friedländer, 
Darstellungen a. d. röm. Sittengeschichte 5. Aufl. 
I, 298 ft. [Bl] 
Agamemnon. Dafs in dem obersten Griechen- 
fürsten trotz Prellers Widerspruch (Myth. OH, 455) 
ursprünglich ein Gott stecke, der dem karischen 
Zeus verwandt war, wird nicht blofs durch die Be- 
nennung Zeus Ayaueuvwv und dessen Verchrung in 
Sparta (Lycophr. 335, 1123, 1369 Tzetz.), sondern 
auch durch manche andere verstreute Spur in der 
Homerischen Dichtung wahrscheinlich: namentlich 


Agamemnon. 


das von Hephästo für Zeus gearbeitete Scepter 
(8 100), welchem man in Uhnironeia im Bilde eines 
Speeres göttliche Ehre erwies (Paus. 9, 40, 5), den 
von Kinyras geschenkten Panzer und den Schild mit 
der Gorgo (A 20, 36). Sein Grabmal in Amyklai 
(Paus. 8, 19, 5) kann natürlich daran nicht irre 
machen. Indes hat sich die bildende Kunst nur 
mit dem Heerführer Agamemnon beschäftigt und 
auch dies nicht in hervorragender Weise. In den 


Seenen aus dem trojanischen Kriege ist er stets 
wenngleich mit der 
»Iphigeneia«, 


als Nebenperson behandelt, 
gebührenden Würde umkleidet; vgl. 


21 


| 1602 bekannte, von der Gattin ihm übergeworfene 
| dixrvov Aidou, aus welchem er vergeblich strebt sich 
ı loszumachen. Von der andern Seite stürzt Klytäm- 

nestra herbei, in den erhobenen Händen ein Haus- 
| gerät, wie es scheint, einen Fufsschemel, welchen 
sie dem Gatten auf das Iaupt zu schmettern im 
Begriffe steht. (Man vergleiche die Mörserkeule auf 
der Vivenziovase im Art. »Iliupersis«.) Die Ver- 
rüterin scheint soeben durch die geöffnete Saalthür, 
hinter welcher sie lauernd verborgen war, herein- 
gestürzt zu sein; ein Sklave sucht sich hinter der- 
selben dem schrecklichen Anblicke zu entziehen. 






































u. CO 




















Tr 





TU I 7 





NIIT ILıW 





22 Agamemnoı 


»Ilias«. Sogar seine Ermordung, der einzige Akt, 
wo er als Hauptperson erscheint, gehört auffallender- 
weise zu den von der bildenden Kunst am seltensten 
dargestellten Gegenständen, auf älteren Vasen un- 
sicher, unbezweifelt nur auf mehreren etruskischen 
‚Reliefs (Brunn, Urne etrusche p. 9$0—93), von denen 
wir die Aschenkiste in Paris nach Rochette mon. 
indd. I, 29 bier (Abb. 22) wiedergeben. In dem 
Saale, der durch eine zweiflügelige Prachtthür an- 
gedeutet ist, hat sich eine verhüllte Münnergestalt 
an «len niederen Altar geflüchtet und diesen mit 


einem Knie bestiegen. Von linke stürmt ein bärtiger 
Ifeld heran, dem die Chlamys von der Schulter 


gleitet, mit gezücktem Schwerte, indem er den Flüch- 


tenden mit der Linken schon am Haupte packt. 
Agamemnons Umhüllung ist das aus Acsch. Ag. 


ns s Ermordung, 


' Hinter Aigisthos aber erscheint die etruskische Eri- 
nys mit dem (hier fehlenden) aus der Scheide ge- 
zugenen Schwerte, es lüfst rich nicht sagen, ob als 
Todesgöttin oder als rächende Furie. Das halb- 
verhüllte Antlitz des ermordeten Agamemnon lüfst 
wegen der Beschädigung die Züge nicht erkennen. — 
Die seltsume Vorliebe der Etrusker für grause Mord- 
scenen auf Aschenurnen lifst sich vielleicht so er- 
klären, dafs man in jenen furchtbaren Ausnahmen 
Trost und Beruhigung über das mildere Schicksal 
der auf friedliche Weise Geendeten finden wollte. 
Die Darstellung einer andern Urne (Ann. Inst. 1868 
tav. IV, Brunn, Urne etrusche 85, 4) scheint nüher 
mit der Erzühlung des Äschylos zu stimmen; über 
Agamemnons Oberleib ist ein Gewand geworfen, das 
&neıpov AupißAnotpov Ag. 1882; vgl. Eum. 635. &v 
2° 





2 Agamemnon. Agasias. Agsthodaimon. 


d' äreppoviı xönteı medhaao’ ävdpa daddAy meny. 
Auch ist hier Klytämnestra allein die Mörderin, 
aber wieder mit der Fufsbank; Aigisthos fehlt. Doch 
ist gerade bei dieser auf einen beschränkten Raum 
angewiesenen Denkmälergattung eher eine Verkür- 
zung ausgedehnterer Bilder, als der einfache Kern 
für spätere Entwickelungen anzunehmen. — Ein 
jüngeres Vasenbild bei Millin Peint. de vases I, 58 
stellt eine Frau mit dem Beile heranstürmend dar, 
einen jugendlichen Helden mit Helm und Schild 
bewehrt neben einer Säule schon niedergesunken; 
schwerlich hierher zu ziehen. 

Ungewifs bleibt die sugengeschichtliche Beziehung 
der Darstellung eines archaischen flachen Reliefs im 
Louvre, gefunden auf Samothrake, abgebildet bei 
Millingen Anc. ined. mon. II, 1 (Wieseler I, 39), 
welches als Bruchstück der Seitenlehne eines Sessels 
angeschen wird. Agumemnon, spitzbärtig und mit 
perückenartigem Ilaur, sitzt auf einern Stuhle, hinter 
ihm stehen Taltıybios mit einem Hermesstabe und 
Epeios, beide nur mit der Chlamys behangen. Die 
Inschriften gehören den ältesten Alphabeten an. 
Epeios, der Verfertiger des hölzernen Pferdes, in der 
Ilias auch Y 665 als Faustkämpfer bewährt, galt 
späterhin als blofser Diener und Wasserträger der 


Atriden; vgl. Stesichoros bei Athen. X, 457. — In ! 


Polygnots Gemälde der Unterwelt steht Agamemnon 
neben Antilochos, einen Stützstab unter der linken 
Achsel und in der Hand eine Rute, ähnlich also 
wie die attischen Paidotriben in den Gymnasien; 
Paus. X, 30, 1. [Bm] 
Agaslas, des Dositlieos Sohn, vun Ephesos, nennt 
sich inschriftlich (am Baumstamm) der Künstler der 
zu Antium gefundenen, jetzt im Louvre befindlichen 
Marmorstatue des sog. borghesischen Fechters 


(Abb.28). Der puläographische Charakter derInschrift 


verweist denselben in das Ende der römischen Re- 
publik oder in den Anfang der Kaiserzeit. Der Fund- 
ort läfst schliefsen, dafs der Künstler für einen der 
ersten römischen Kaiser thätig war. Das Werk stellt 


einen inı kräftigsten Anlauf mit Schwert und Schild j 
gegen einen höher stehenden, wahrscheinlich zu | 


Pferde sitzenden Gegner ankümpfenden Krieger dar, 
und zwar einen menschlichen Krieger, nicht etwa 


einen Heroen, wie die wenig ideale Gesichtabildung ' 


beweist. Die Statue ist nicht als Teil einer Gruppe 
anzuschen, sondern als Einzelstandbild. Sie ist näm- 
lich komponiert für die Betrachtung von allen Seiten, 
obgleich der Künstler selbst durch die Stellung der 


Inschrift den in Abb. 24 gegebenen Standpunkt als | 


den Hauptstandpunkt bezeichnet hat. Deshall ist 
auch der Schild, welcher den Kopf verlecken würde, 
nicht dargestellt, sondern durch die Handhabe nur 
angedeutet. Kunstgeschichtlich betrachtet, ist 
das Bildwerk einer der Ausläufer der durch Werke, 
wie den Laokoon, den sterbenden Fechter, die Reliefs 








vom Altare zu Pergumon bekannten kleinasiatischen 
Bildhauerkunst. Von dem Pathos freilich, welches 
uns in jenen Werken so mlichtig entgegentritt, ist 
hier keine Spur mehr zu finden. Alles ist auf den 
rein äufserlichen Effekt hin gemacht. Der Künstler 
packt durch die Kühnheit der Stellung, o momentan 
erfunden wie nur möglich, blendet durch glänzende 
anatomische Formengebung und besticht durch eine 
virtuosenhafte Technik. Formell sowohl wie tech- 
nisch steht das Werk gewifs hoch, auch die Kühn- 
heit der Konzeption ist zu loben, eine höhere geistige 
Idee aber, ja selbst nur eine idenlere Auffassung 


. des menschlichen Körpers und seines Mechanismus 





suchen wir vergebens. Nichtsdestoweniger ist das 
Werk für seine Zeit und besonders im Vergleich 
mit einer andern Arbeit, deren Künstler ebenfalls 
aus Kleinasien stammt und etwa derselben Zeit an- 
‚gehört, der sog. Apotheose des Homer von Archelaos 
(#. Art.), eine durchaus anerkennenswerte Leistung. 

(Unsere Abbildung ist nach der Photographie 
eines Gipsabgusses hergestellt, aber leider nicht vom 
BHauptstandpunkte aus. Dennoch glaubten wir die- 


| selbe nicht unterdrücken zu müssen, da eine bessere 


bisher noch nicht gegeben worden ist. Abb. 4 nach 
Müller-Wieseler, Denkm. d. alten Kunst I, 48, 216.) 
1) 

Agathodaimon. Der »gute Geist« war ursprüng- 
lich wohl nur ein Hausgott, gleich den römischen 
Laren, wie die ihm nach Tische regelmäßig dar- 
gebrachte Weinspende undeutet. Der Segen des 
Jahres bringt ihn in Verbindung mit Demeter und 
Kora und der abstrakteren Tyche, welche neben 
ihm zur ‘Ayalıı Tüxn verstärkt wird. Letztere wird 
bekanntlich dann vom einzelnen Hause gleich der 
Hestia auf die ganze Gemeinde übertragen; daher 


24 Agathodaimon. 


in Athen sogar viele Volksbeschlüsse ihrer Tut an- 
empfohlen werden; s. »Tychee. Gerharl, es. Ab- 
handl. II, 21 ff. macht wahrscheinlich, dafs das 
älteste Symbol des Agathodimon die Schlange war, 
der Hausdrache, auch bei Ägyptern und PI 
nikern. Sanchuniathon bei Euseh. praep. ev. I, 10. 
Volvixeg aurd ;T6 Ziov, Töv dpukovru; Ayalldv duluova 
xaAodanw. Lamprid. Elagah. 28. Auyyptios dracunculos 
Romae habwit, quos illi Agathoduemones vorant. Ser- 
vius ad Verg. Georg. II, 417 /serpens] yaudet teetin, 
ut sunt &yadol dainoves, quos Latini genios tucant. 
Daher noch auf Kaisermünzen z. B. von Nero eine 
Schlange mit Mohn und Ähren umschlungen und 
der Umschrift NEO(s)ATAO(oc)AAIM(wv); vl. Art. 
»Laren< und dort das Wandgenülde. In der Zeit 
griechischer Eigenbildung wich aber auch hier das 
Symbol zurück vor der Menschengestalt und sunk | 
zum blofsen Attribut herab. Zunächst freilich, mufs 
man annehmen, wurde die Leibliehkeit des Hans 
segens von dem Thunbildner, welcher Hausgötter 
schuf, in grobmaterieller Art versinnbildlicht: eine 
silenenartig feiste und schwerfällige Greisengestalt, 
häufig mit übergrofsem Zeugegliede, aber das Haupt 
geschmtiekt, lagert oder sitzt ınit dem Füllhorn des 
Reichtumgebers im Arme neben einer meist beklei- 
deten weiblichen Figur mit Schleier und Manerkrone 
auf dem Kopfe. Kaum können die von Gerhard , 
a. a. O. Taf. I, zusummengestellten Figuren, role | 
Thonware, auch Pluton und Kora benannt werden, | 
da den Küchenidolen des niederen Volkes, welche für 
Brot im allerweitesten Sinne zu sorgen ten, die 
diehterisch und künstlerisch abgeklärte Idee einer 
weltumfassenden Gottheit, welcher die höchsten ! 
Feste gefeiert wurden, fern bleiben mulste. Index | 
auch hier wirkte die rasche Kunstblüte Athens eine | 
verjüngende Schöpfung, von der wir leider! keine 
deutliche Vorstellung gewinnen können. Würdige 
Formen zeigt ein Marmorwerk (von einem Grabe 
bei Schöne, Griech. Reliefs Nr. 109: Ag. inschrift- 
lich als bärtige Figur im Mantel nit Füllhorn, da- 
neben Tyche im Chiton und darüber einen Schleier, 
den sie mit der Rechten fufst. Praxiteles und Eu- 
phranor bildeten das Paar, jener in Marmor, dieser 
wahrscheinlich in Erz; Plin. 36, 2): Romae Pruxitelis 
opera sunt — Boni Erentus et Bonae Fortunae simu- 
lacra in Capitolio: 34, 77 [Euphranorix] simulaerum 
Boni Erentus dertra puteram. sinistra spicam ae papa- 
vera tenens. An letzterer Stelle, vermutet Weleker, 
Griech. Götterl. III, 210, habe Plinius die Tyche 
nur zufällig ausgelassen; und in der That scheint 
die Verbindung beider Dämonen in griechischer Zeit 
regehnäfsig zu sein, wie auch in einen Heiligtum 
von Lebadeia, Paus. 9, 39,4. Für «die jngendlich f 
schöne Gestalt der athenischen he zeugt die 

Anekdote bei Aelian Var. Hist. IN, 39, ein Tünglinze 

habe sich in das Bild verliebt. Für die Jugendlich- ; 





































































Agesandros, Polyıloros nnd Athenadoror. 


keit des Agathodämon scheinen direkte Zeugnisse 
zu fehlen; da jedoch beide athenischen Bilder in 
Rom an hervorragenden Orten aufgestellt waren, so 
wird ein Rückschlufs von den Darstellungen der 
Römerzeit auf sie erlaubt sein, vorausgesetzt dafs 
die bei Wieseler, Denkm. II, 942—944 gegebenen 
Kunstwerke zweifellos auf Bonus Eventus zu deuten 
sind. Eine Münze des Seribonius 
Libn (Abb. 25, nach Cohen med. 
eons. pl. 36, 2) zeigt mit der In- 
schrift das etwas strenge und 
einem altertümlichen Ilermes 
ähnlich gebildete Haupt eines 
Jünglings. Auf zahlreichen an- 
deren Münzen ılerKaiserzeit sehen = 

wir die ganze nackte Jünglings- 

gentalt mit der Opferschale in der Rechten, Ahren 
und Mohn oder einem Füllhorn in der Linken. 
Ebenso wird (Rhein. Jahrb. 27, 47) Antinous unter 
Iadrian auch als Agathodämon dargestellt in seiner 
imelancholischen Schönheit mit einer Schlange, die 
sich zur Seite emporringelt, und Früchten im Schurz, 
z.B. Bemillon IT, 50. [Bm] 

Agesandros, Polydoroa und Athenodoros, Bild- 
hauer von Rlıodos. Sie sind uns bekannt aus Plinius 
NM. XVI, 37 als die Künstler der berühmten 
Marmorgruppe des Laokoon, welche, im Jahre 1506 
bei den Titusthermen zu Rom gefunden, jetzt eine 
Hanptzierde des Vatican bildet (Abb. 26 nach der 
Photographie eines Gypsabgufses). Die viel be- 
sprochene Plinins-Stelle lautet: Nec deinde multo 
‚plurium (artificum) fama est, quorundam claritati in 
operibun eximiüs ohstante numero artificum, quoniam 
nee unus oceupat gloriam, nec plures pariter nuncupari 
‚possunt. sient in Lancoonte, qui est in Titi imperatoris 
domo, opus omnibur et picturae et stafuariae arfia 
‚praeferendum. Er uno lapide eum ac liberos drace- 
numque mirabiles nerun de consilii sentenfia fecere 
Agesander et Polydorus et Athenodorus Rhodis. 

Die Gruppe stellt Luokoon dar, wie er, umgeben 
von seinen zwei Söhnen, den tödlichen Biss der 
göttgesandten Schlange empfängt und auf den Altar 
niedersinkt. TLaokoon trügt nicht das priesterliche 
Gewand, er ist aber als Pı er mit dem Kranze ge- 
schmückt. Seine Bewegung ist eine ganz momentane, 
nur durch den Bifs der Schlange bedingte: er fühlt 
den Bifs oder Stich, sinkt vor Schmerz zusammen 
und schreit laut auf. Gegen den Feind wirkungsvoll 
anzukämpfen hat er weiler moralische noch physische 
Kraft. Darum ist auch die jetzige Restauration des 
































“herausragenden rechten Armes, mit dem er gegen 


die Schlange ankämpft, falsch. Schon aus künst- 
lerischen Gründen, um den harmanischen, drei- 
eckigen Aufbau der Gruppe nicht zu stören, muss 
er mehr gebogen sein, wenn die Hand auch nicht 
anf dem Hanpte lag, wie man wohl angenominen. 








2” 


‚Agesandros, Polydoros und Athenodoros. 


26 Laokoongruppe. (Zu Seite 4.) 


25 





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Pari.oe, nd zwar ds zeistizen. nack verschielenen 
Seiun hin arszehilder pe: m Lark--n ünden wir 
aur:; Pathes, a’-r ein rein piveicches, welches uns 
jesch dur und «de Stellung 
der Söhne :nnerLa:t dere!’=n immer noch mensch- 
lich berührt. Zu Beginn ler romischen Kaiserzeit war 


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Neleneinander. 3: ein Zueimszier und selbst kom- 
-n eine engere Ver- 
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köunreriche Form iz der Le NStzamun auszudrücken 
war. einer Ira Üxzurcurz und schließlich 
an ‚Se einiui- Wiejerssi- dieser Form, die 


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tm zieht zpemildert, dafs die 
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Daber kommt es denn auch, 
- Kärst.er azf die äxfsere Form und die 
. Wer: \arten, ja, um ihren Zweck zu 
wvılster, Jas Ganze nicht den Ein- 
F ‚erischen Phantasie ent- 
»niern mehr als ein 
m teruhendesPracht- 
aber das Werk eine 
hechbesentende Krrstleistung darf nicht ge 
lezamet werlen. Jelerfal.s irren diejenigen, welche in 
neuerer Zeit versucht halten. jas Venrlienst unserer 
Käinstier zu schımaiern. 5a !bnen selbst die eigene 
Eränizne baten atsprevhen un. sie zu Plagiatoren 
des Gizantenfreses za Persamon stempeln wollen. 
I 

Agorakritos, Bi.iharer von Paroe, Schüler des 
Phidias. Er war er Lietlinz seines Lehrers, und 
dieser ll ihm bei Hersteilanz seiner Werke nicht 
nur zehnifen, sondern {hm auch eiwene Werke über- 
lassen haben. um seinen Namen as Autordaraufsetzen 
ra dürfen. Kein Winter deshalb, wenn die Angaben 
her die Antorschafz fast aller ihm beigelegten Werke 
schwankend sind. Seit sein herühmtestes Werk, die 
Statue der Nemesis zu Khlamnus Paus. ], 33, 2), 
wunle !hm ab- nnd »iem Phidtas zugesprochen, ob- 
zeich sein Name auf einem Rlatte des Apfelzweiges 
in der Linken Jer Gattin inschriftlich angebracht war. 


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auf wIchriem Ülererzern St: 


ück erscheint. 


‚Agorakritos. 


Nach anderer Version soll Phidias an der Statue | 
wenigstens geholfen haben. Agorakritos soll nämlich ; 
die Nemesis umgestaltet haben aus einer Statue der : 
Aphrodite, an der ihm Phidias geholfen, mit der er 
aber bei der Konkurrenz dennoch dem Alkamenes } 
unterlag. Doch all diese Sagen sind wenig glaub- - 
haft. Die kolossale Marmorstatue der Nemesis trug 
ein hohes mit Nikegestalten und Hirschen geziertes | 
Disdem und hielt in der Rechten eine Schale, in 
der Linken einen Apfelzweig. Die Basis des Stand- 
bildes war mit einem Relief, die Zuführung der 
Helena zu Nemesis durch Leda darstellend, ge- ' 
schmückt. Über den Kunstcharakter des Agorakritos 
sind wir nicht näher unterrichtet, doch können wir 
aus den nahen Beziehungen zu Phidias und den 
schwankenden Berichten über die Autorschaft seiner ; 
Werke schliefsen, dafs er seinem Meister auch künst- 
lerisch nahe stand. [63] 


Agrippa, der Sieger von Actium, einer der Grund- 
pfeiler der Alleinherrschaft des Octavian, mit dem 
er bekanntlich durch die Heirat der Julia in das 
nächste Verwandtschaftsverhältnis trat. Er starb 
12 v. Chr., erst 51 Jahre alt. Plinius 35, 26 be- 
zeichnet ihn, bei der Anerkennung seiner Verdienste 
auch durch Bauten und Pflege der Künste, als wir ; 
rusticitati propior quam deliciis und schreibt ihm 

. finsteres Wesen (lorvitas) zu, weil er in einer Rede 
gegen die Üppigkeit der Grofsen auftrat. Schon im 
Leben wurden ihm seiner hohen Stellung gemäfs 
viele Ehrenstatuen in Griechenland zu teil, unter 
anderen in Kerkyra und Lesbos, die angeschenste 





in Athen, am Aufgange zur Akropolis, worüber 
s. »Athen«. In Rom selbst durfte er in dem von ihn 
erbauten Pantheon seine Statue (wahrscheinlich in 
Kriegsrüstung) neben die des Augustus setzen. Sein 
Bild wurde auch seit seinem dritten Consulat 
(27 v.Chr.) auf Münzen geprägt; so erscheint auf 
einer Erzmünze sein Haupt mit einer Schiffskrone 
umwunden (insiyne coronae classicae, quo nemo tunguam 
Romanorum donatus erat, Vellej. IL, 81); auf der 
Rückseite Neptun mit Dreizack und Delphin. Hier 
nach einer Federzeichnung von dem Exeinplare des 
Berliner Münzkabinetts. (Abb. 27.) 

Die torvitas, welche bei dem schönen Kopfe der 
Münze angedeutet ist, erscheint noch stärker auf 





Agrippa. 27 
einem Onyx des Wiener Kabinett Nr. 51 durch die 
niedergezogenen Brauen; übrigens ist die Physiog- 
nomie kräftig und voll; Kinn und Hals stark ge- 
bildet. — Dieser Typus wird als getreu bezeugt durch 
mehrere erhaltene Büsten und eine Kolossalstatue 
im Museo eivico zu Venedig, welche vielleicht aus 
Griechenland stammt und den Seehelden über 10 Fuls 
hoch in heroischer Nacktheit darstellt. Agrippa 
schreitet nach rechts vor, mit gezogenem Schwert 
in der Rechten, während die Linke einen Delphin 





28 Agrippa. 


gefafst hilt, wodurch seine Herrschaft über die 


| Wogen symbolisch angedeutet wird. Die Statue ist 


jedoch zum gröfseren Teile von neuerer Ergänzung. 
Von untadeliger Erhaltung und meisterhafter Arbeit 
dagegen ist die Büste im Louvre Deser. Nr. 198 
(abgebildet nach Visconti, Iconogr. Rom. pl. 8, 2), 
welche den eigentümlich finsteren Blick durch die 
gewaltigen Brauen nebst der gerunzelten Stirn wie 
in Erinnerung an Poseidon wiederspiegelt. (Abb. 28.) 
ie gute Replik im Museo Torlonia Nr. 516 in Rom, 
eine andere in Florenz, Uffizi 48; ein Kolossalkopf 
im Kapitol, unter den Büsten. [Bm] 





28 Ahnenbilder. 


Ahnenbilder. Über die imagines der patrieischen 


Geschlechter in Rom ist Hauptstelle Plinius 35, 5: 
expressi cera vultus singulis disponehantur armariis, 
ut essent imagines quae comitarentur gentilicia funera, 
semperque defuncto aliquo totus aderat familiae eius 
qui unguam fuerat populus; stemmata vero liniis dis- 
currebant ad imagines pictas. Der Ausdruck singulis 
armariis ergibt nach Vergleich von Polyb. VI, 53 (der 
die Sitte bespricht): EüAıva vaidıa mepırißevres, dafs 
jedes Bild in einem hölzernen tempelartigen Gehäuse 
stand und dafs diese Schrünkchen an der Wand be- 
festigt und so geordnet waren, dafs Laubgewinde 
(stemmata), wie bei unsern davun benannten Stamm- 
bäumen, den Zusammenhang und die Verzweigung 
des ganzen Geschlechtes durch ihre Linien deutlich 




















29 Römisches Ahnenbild. 


machten. Die Masken waren bemalt (Polyb. üno- 
Ypaprj) und nach sicherer allgemeiner Vermutung 
in der Büstenform, welche bei den Römern an Stelle 
der Hermenporträte der Griechen dann auch für Erz 
und Marmor allgemein üblich wurde (Büste = bus- 
tum: 1. Verbrennungsort, 2. Grabstätte, 3. Grabdenk- 
mal in solcher Form; Diez, Wörterb. S. 96). Ein im 
Lateran befindliches Grabdenkmal, welches wir nach 
Mon. Inst. V, 7 hier geben (Abb. 29), wird mit Recht 
ale Nachbildung dieser Aufstellungsart angesehen, 
8. Benndorf und Schöne, Lateran S. 209, welche 
darauf hinweisen, dafs die Anfügung des Schulter- 
und Bruststückes notwendig war, um die Masken 
von verkleideten Dienern bei den Leichenhegäng- 
nissen über den Kopf ziehen zu lassen, bei der Nach- 
bildung in schwereren Stoffen aber, als Wachs, in 
einem gewissen Mifsverhältnisse zu dem gewöhnlichen 
schmalen Untersatze oder Fufse der Büste steht. [Bm] 









Alias. 


Alas, Telamons Sohn, genofs als Eponymos einer 
athenischen Phyle heroische Ehren; seine Statue 
atand mit den übrigen im Tholos, Pau. I, 5, 2; auf 
Salamis hatte er einen Tempel und darin eine Bild- 
säule aus Ebenholz, Paus. I, 35, 2. Ebenso befand 
sich auf dem Vorgebirge Rhoiteion bei Troja neben 
seinem Grabhügel ein Heiligtum mit einer Bildsäule, 
die Antonius (ihrer Schönheit halber?) nach Ägypten 
entführte, Oetavian aber zurückgab, Strab. 595. Eine 
Erzstatue in Konstantinopel, die Christodor. v. 271 
beschreibt, stellte ihn nicht, wie gewöhnlich (auch 
bei Homer) im reiferen Mannesalter vor, sondern 
ganz jugendlich und unbärtig, das Lockenhaar mit 
einer Binde zusammengehalten und ganz ohne 
Waffen. Sein Heldenleben im troischen Kriege bot 
aufserdem vielfachen Stoff zu künstlerischer Behand- 
lung. Zwar seinen Abschied von Telamon und sein 
Würfelspiel mit Achilleus haben wir geglaubt unter 
»Mythologische Genrebilder« verweisen zu müssen. 
Die in den Kreis der Ilias fallenden Bildwerke 
werden unter diesem Artikel ihre Stelle finden. 
Eine hervorragende Rolle spielt er bei dem Kampfe 
um Achills Leiche (s. 8.9). Auch sonst erscheint 
er beim Kampfe Achills gegen Memnon (Paus. V, 
22, 2) und bei der Totenklage um Antilochos, wo er 
nach Philostr. Imag. II, 7 an seinem wilden Blick 
(amd roö BAooupoü, torro vultu Ovid. Met. XII, 3) 
kenntlich ist. Ein Mittelpunkt des Interesses wird 
er jedoch erst durch sein tragisches Ende. 

Der Streit um die Waffen des Achilleus 
(&mAwv xpioıs) war der Gegenstand eines Maler- 
wettkampfes (&ydv ypapıxdc) in Samos zwischen 
Parrhasios und Timanthes (Müller Arch. $ 138, 3), 
wobei Letzterer siegte, Ersterer aber in einem mehr- 
fach angeführten Witzworte über seine Niederlage 
scherzte, Plin. 35, 72. Er sagte nach Aelian. V. H. 
9, 11: abrög uev ümep rAg Ärrng Alyov Ppovrizeiv, 
ouvdxdeodar d& Tb maıdi Tod TeAapüvog deurepov 
To0ro Umep rWv abrwv hrrnöfvar. Schon früher aber 
war die Streitscene beliebt, wie wir aus einer An- 
zahl von rotfigurigen Vasen strengen Stiles sehen, 
deren Deutung Brunn und Klein verdankt wird (vgl. 
Verhandl. der Philol. Versammlung Innsbruck 1874, 
8. 152—158). Am vollständigsten, feinsten und deut- 
lichsten findet sich die Scene auf einem Bilde des 
Vasenmalers Duris, hier wiederholt aus Mon. Inst. 
vll, 41 (Abb. 30). Die Mitte des Ganzen nimmt 
als Richter Agamemnon ein, von ihm aus für den 
Beschauer links Aias, rechts Odysseus. Aias hat 
soeben den Panzer des Achilleus ohne weiteres sich 
angelegt, nur das rechte Schulterstück ist noch nicht 
festgeschnallt. In diesem feinen Zuge, welcher die 
Überraschung bei dem eigenmächtigen Beginnen des 
Melden anzeigt, liegt auf einigen Wiederholungen 
des Bildes die einzige Andeutung der besonderen 
Vorgunges, indeın sogar die übrigen Waffen fehlen, 



















































31 (Zu Seite 50.) 
Max und Odysseus streiten um Achilis Waffen. 


3 Aias. 
weiche hier allerdinze anf dem Boden stehend bei- 
geAturr =ind. Wir «hen den Helm über dem ge- 
walhten Schilde, Tink« die Beinschienen, rechts noch 
einen zwriten Panzer, es i-st Jer HurpaE orakınz, 
währen! der von Alas angezgene sich als» Rinzel- 
ler Schuppenpanzer (polıkwröz) zu erkennen gibt. 
Al» (ylyaurın nahrt, hat Aizs ssfort das Schwert 
an“ der Scheide gerissen und wirl von zwei rasch 
herzuspringenden Gefährten mit Mühe gewaltsam 
am allzı raschen Gebrauche der Waffe gehindert. 
Odlyase-ıs, bedachtiger, ist noch nicht ganz =o weit 
gekommen; von Jen des Parallelisınus halber ihm 
zur Seite zegeehenen Freunden fafst nur einer seinen 
Arın.- Das (Gewenbild der Vase bringt die un- 
inittelbare Fortsetzung der Scene, nämlich die Ab- 
stimmung der Feldherren, in welcher Odysseus siegt. 

Auf diesen eigentlichen Streit, der fast zum Kampfe 
ausgeartet wäre, folgt bekanntlich das Gericht unter 
dem Vorsitze Agameinnons, wobei wahrscheinlich 
"Welcker, Epischer Cykl. II, 178. Arktinos mit Hoiner 


Aineias. 


ibereinstisminte, der A 547 sagt: naides de Tpwwv - 
‘ über den Kindermordl sinnenden Medea, nach Plin. 


dixagav xul TTaddac Adrıvn;, gefanzene Troer also, 
deren Sinn Athene leitete. Diese Situation ist deut- 
lich erkennbar nur in einem Sarkophagrelief aus 
Ontia, hier nach Mon. Inst. II, 21 (Abb. 31. Vor 
einem architektonischen HMintererunde von Säulen- 
stellungen und Bogen steht der erhöhte Thronsessel 
Aramemnons, der sich eben erhoben und den Richter- 
spruch verkfindet hat, wie die Bewegung der rechten 
Hand lehrt. Sein Gesicht ist leider gänzlich abge- 
stofsen, sein Körper, wie der aller übrigen, nur ein- 
fach im ÜUnterteile ınit dem Mantel verhüllt. Over- 
beek glaubt, dafs die Figur zu alt für Agamemnon 
sei, er möchte sie Nestor benennen; indessen darf 
man es init den Proportionen solcher Sarkophag- 
arbeit nicht allzu genau nehmen. Zu den im Vorder- 
grunde liegenden Waffenstücken, Schild und Panzer, 
ist soeben Odysseus, kenntlich an dern Tilos, 
in energischer Haltung hingetreten und hat auch 
chon den jugendlichen Gefährten des rechts fort- 
gehenden Aiıs veranlafst, den ergriffenen Helm 
wieder niederzulegen ; ein Zug, durch den die Sieges- 
hoffnung, mit welcher sich Aias’ Freunde schmeichel- 
ten, in feiner Weise angedeutet wird. Die leiden- 
schuftliche Erregung des Telamoniers selbst, der 
hier unbürtie, aber durch seine Körpergröfse über 
Alle hervorragend gebildet ist, malt sich nicht blofs 
in dem weitausgestreekten Arme, der einen Rache- 
ruf an die Olyinpier bedeutet, sondern auch in dem 
einporgestriiubten Haare und namentlich in dem 
Hammenden Blick der weit geöffneten Augen, wobei 
Overbeek sehr passend daran erinnert, dafs nach 
der Aithiopis der Arzt Podaleirios zuerst den auf- 
steigenden Wahnsinn des Aias erkannte: dc da xal 
Aluvrog npürtog udile Xwouevoro öunarta T'AOTpdTTovVra 
Bupuvönevöov Te vöonuu (Welcker a. u.0.). Neben 


Aias gehit ein bärtiger (sefährte, mit dem Ausdruck 
Jer Besorgnis und des Erstaunens, ohne Zweifel 
Teukrss. Hinter (sivysseus stehen zwei mit der 
Chlaınys bekleidete jugendliche Beyleiter. Den links 
ganz im \Vonlererind- auf einem Steine sitzenden 
jıngen Mann, der nur ein Gewandstück um die 
Hüfte zerchlagen hat, nimmt Overbeck nicht ohne 
Wahrscheinlichkeit für Jen Vertreter der troischen 
(sefangenen, Jie als Geschworne fungierten. 

Eine Silberschale mit gravierter Zeichnung bei 
Millin. G. M. 173, 629 auch Overbeck 24, 1° gibt eine 
halbsyrutw,lische Darstelling. Athene selbst in voller 
Rüstung sitzt zu (sericht, vor ihr liegen römische 
Waffen; zu ihren Seiten stehen Aias und Odysseus, 
beide redend und (lemunstrierend, letzterer mit fast 
komördienhaft lebenelizer Gieberle. Über ihm in den 
Wolken schwebt Nike in kleiner Figur, welche der 
Athene zu seinen gunsten zuzusprechen scheint. 

Von Aias im Wahnsinn waıb es ein berühmites 
Gemälde des Timomachos ‘anzeführt von Cie. Verr. 
IV, 60, 135‘, welches nebst seinem Gegenstücke, der 


VII, 126 Julius Cüsar für 80 Talente kaufte, um es 


: in seinem Tempel der Venus Grenetrix aufzustellen. 


Nach Welcker, Kl. Schr. III, 450 ist das Motiv aus 
Ovid. Trist II, 525 (sedet vultu fassus Telamonius 
iram) zu entnehmen: Aias vor sich hinbrütend über 
sein Ende. Auch auf der tabula Iliaca bohrt sich 
Alus navwdng «das Schwert allein in die Seite, da 
Arktinos, deren Quelle, das Rasen unter den Vieh- 
herdien noch nicht kannte. Letzteres führte erst 
Lesches in die Dichtung ein, dem Sophokles folgte. 
Nur einige Gemmen stellen den Helden unter den 
erwürgten Tieren vor. Von seinem Tode haben wir 
ein sehr ungewandtes, echt etruskisches Gremälde 
auf einer Vase (Mon. Inst. II, 8 und Overb. 24, 2), 
wo sich der Held ‘Inschr. ZAF1A) genau wie bei So- 
phokles in sein im Boden befestigtes Schwert ge- 
stürzt hat, nur dals die Scene innerhalb des Zeltes 
vor sich geht. — Aias im Begriffe sich in sein 
Schwert zu stürzen, vor ihm Athene auf die ge 
töteten Schafe tretend und ihm gebietend, hinter 
ihm ein geflügelter Dämon, etwa ein etruskischer 
C'haron (aber ohne dessen abschreckende Häfßslich- 
keit) oder der Wahnsinn (olotpoc); Vasenbild Arch. 
Zt. 1870, Taf. 45. [Bm] 
Aineias. Dafs der Held der troischen Sage ur- 
sprünglich mit einem mythischen Charakter be- 
kleidlet war, der ihn in enge Beziehung zu der phöni- 
kischen Aphrollite setzte, läfst sich heutzutage kaum 
in undeutlichen Spuren mehr nachweisen; doch 
deuten seine Abstammung, der Besitz der göttlichen 
Rosse, nanıentlich aber mehrere Tempelgründungen 
und Heiligtümer an Küstenorten Jdarauf hin. Vgl. 
Welcker, Giriech. Götterl. III, 258; II, 700. Selbst in 
Argos stand seine cherne Bildsäule bei einem Delta 


Aineias, 


genannten Platze, dessen Legende Paus. II, 21,2 ' 
nicht mitteilen will, weil sie ihm nicht gefiel. Doch 
trat dies Alles in Schatten gegen die Homerische ' 
Dichtung, wo Äneas unter den troischen Helden ' 
nur zweiten Rang behauptet. Auf Kunstwerken er- 
scheint er demgemäfs in gröfseren Scenen als Neben- 
figur, oft nicht sicher bestimmbar. Seine Rettung 
durch Aphrodite (E 312) ist nicht sicher nachge- 
wiesen ; seine Verwundung durch Dionedes will man 
auf einem pompejanischen Wandgemälde erkennen 
(Helbig, Wandgemälde der campan. Städte Nr. 1383). 
In welchen Zusammenhang ihn Parrhasios auf einem 
Gemälde (Plin. 35, 71) mit Kastor und Pollux gebracht 
hatte, ist nicht klar. Dagegen ist seine Flucht aus 
Ilion schon früh ein beliebter Gegenstand auf älteren 
Vasenbildern, besonders aber in römischer Zeit, nach- 
dem dieSage seit Julius 
Cäsar zu höchster Be- 
deutung gelangt war. 
Für zusammenfassen- 
de Darstellungen sehe 
man unter »Iliuper- 
sis«, besonders die dort 
abzubildende tabula 
Iliaca, welche seinen 
Auszug nach Stesicho- 
ros' Dichtung als Mit- 
telpunkt des Ganzen 
behandelt. Von Ein- 
zeldarstellungen kehrt 
bei mindestens einem 
Dutzend schwarzfigu- 
riger Vasen stets der- 
selbe Typus wieder: 
Anchises hockt auf 
des Äneas Rücken und 
wird von ihm unter 
den Knien oder unter den Schenkeln festgehalten. 
Askanios ist nicht immer dabei, öfters aber mehrere 
knabenhaft gemalte Männer, um die Genossen 
(oixerüv raunAndia) anzuzeigen, welche als gemeine 
Sterbliche kleiner sind. Kreusa folgt meistens dem 
Gemahl; voran schreitet aber häufig noch Aphro- 
dite, den Weg weisend und winkend (nach Quint. 
Smyrn. 13, 326 Künpıg 8’6d6v hyeuöveue, Tryphiod. 651 
Alveiav d’Exkeye xal ‘Ayxlonv Appodirn). Aufzählung 
bei Overbeck, Her. Gal. 656. Wir geben zur Probe 
aus Gerhard, Auserl. Vas. Taf. 231, 1. (Abb. 32.) 
Äneas ist behelmt und gerüstet; er führt einen 
Speer in der Linken, während er mit der andern 
Hund den Vater hält. Dieser ist als König durch 
das Scepter in seiner Rechten bezeichnet; auch 
trägt er in dem weifsen Haar ein Stirnband. Iulos 
nackt schreitet voran und blickt nach der Mutter 
Kreusa zurück, welche hinter Äneas noch still 
steht. Ihr scheint die gegenüberstehende Aphrodite, 








32 








Äneas' Flucht. 


3 


in besterntem Kleide, Mut einzusprechen. — Eine 
einzige bekannte rotfigurige Vase zeigt denselben 
Unterschied, wie alle Gemmen und Münzen, dafs 
nämlich Anchises auf des Sohnes Schulter sitzt und 
zwar in ziemlich steifer Stellung; 
Overbeck, Her. Gal. 27, 12. Über die 

Münze von Aineia s. »Münzkunde<; 

ähnlich, doch weniger charakteri- 

stisch sind die von Neu-Ilion und 

Segeste, auch die von Julius Cäsar E2 
(welche wir hier nach Cohen med.cons.pl.XNX,Y geben, 
Abb.33), wo Äneas selbst ein Palladion trägt, u. a 
Spätes Mariorrelief in Turin, Overbeck 27,16. Ganz 
vereinzelt steht eine buntfarbige Vase bei Benndorf, 
Griech. u. sicil. Vasenbilder 45, 1, wo der kahlköpfige 
Vater als Blinder tastend mit dem Stabe von dem 
jugendlichen Sohneam 
Arme geführt wird. 
Von pompejanischen 
Wandgemälden müs- 
sen wir wohl die be- 
kannte Karikatur er- 
wähnen, welchergleich 
allen späteren Darstel- 
lungen die Münze von 
Aineia zum Vorbilde 
diente: die drei Per- 
sonen haben Hunde- 
köpfe, dazu Schwänze 
und Füfse von Hun- 
den. Eine ernsthafte 
Scene aus bemaltem 
Thon von flüchtiger 
Arbeit, aber doch viel- 
leicht unter den Pe- 
naten aufgestellt eben- 
daher, sowie eineThon- 
lampe im Kircherianum in Ronı, abgeb. bei v. Rohden, 
Terrakotten von Pompeji 8.48 und Taf. 36, 1, auch 
besprochen Arch. Ztg. 1872 $. 120, wo vermutet wird, 
dafs das Original in der Statuengruppe zu suchen 
sei, welche Augustus auf seinem Forum aufstellen 
liefs, Ovid. Fast. V, 563: Aenean oneratum pondere 
sacro. Das Bild des Äncas, welches Varro im ersten 
Buche seiner Imagines gab, entlehnte er von einer 
alten Brunnenstatue in Alba, wo (nach Jo. Lyd. 
magistr. 1,12, p. 130 Bonn) der Held als römischer 
Krieger im historischen Kostüm mit Erzhelm, Ringel- 
panzer, kurzem Breitschwert an der linken Seite, 
doppeltem breitspitzigen Wurfspiefs rechts, schwarzen 
gewebten Beinschienen und Halbschuhen (erepidae) 
dargestellt war. Nach vergilischen Motiven vielleicht 
waren gebildet die von Christodor Ecphr. 145 be- 
schriebenen Erzstatuen des Äneas, strahlend und 
klug, und der Kreusa, welche weinend über Ilions 
Untergang sich verhüllte. Mit Dido kommt Äneas 








82 Aineian. Aion. 


vor auf einem pompejanischen (Gemälde (Helbig 1881) | vier Jahreszeiten. »An dem Flügel der linke 
und auf einem Mosaik aus Halikarnasros (Bull. Inst. ; findet xich eine Taube in einem Nest vor 
1860, 105). Später hatte man auch Statuen der Dido, ' sitzend und ein Schwan, der den Hals 
die sich ermordet. Illustrationen zu Vergil bietet ausstreckt. Der Vogel in dem Nest ist ei 
die berühmte Handschrift im Vatican, herausgegeben 
von A.Mui 1835. (Einiges daraus bei Millin G. M. 
643—652.) Dice Sau von Alba mit 30 Ferkeln auf 
dem vaticanischen Altar des Augustus, auf Kaiser- 
münzen und Gemmen. Beachtenswerter sind die 
Linienzeichnungen einer schön gravierten pränest 
nischen Cista nit Darstellungen der Kämpfe der 
Rutuler und Trojaner, von Turnus Fall, und auf dem 
Deckel Äness und Latinus das Bündnis schliefsend ; 
abgeb. Mon. Inst. VII, 7, 8, erläutert von Brunn, 
Annal. 1864, 356. (Bm) 
Alon, der Gott des immerwährenden Wandels 
der Zeit, ist nur eine mystische Abstraktion später | 
Philosophen, der Gnostiker und Neuplatoniker, spielte ' 
aber auch in len Myaterien des Mithras (s. Art.) eine ' 
gewisse Rolle. Während bei Eur. Heracl. 0 aiuv : 
(das Menschenleben, succulum; in poetischer Per- 
sonifikation ein Sohn des Kronos und (ienorse der ' 
Moira genannt wird, so wird er nuchber dort zu der , 
bewegenden und mefsburen Kraft in dem unbeweg- 
lichen und unendlichen Chronos. Während aber der 
letztere trotz der Beschreibung seiner eigentümlichen 
Gestalt (geflügelte Schlange mit einem Menschen- 
kopf zwischen Stier- und Löwenkopf) nirkenda vor- 
kommt, scheint Äon fürmliche Verehrung genomsen 
zu haben, da sich sein Bild mehrfach in Mithras- 
höhlen vorgefunden hat. Ex wurden auch Hymnen j 
auf iln gedichtet. Quint. Smyrn. XI, 194 läfst 
ihn den unvergängliehen Wagen des Zeus verfertien. 
Sein Bildnis wirl von ıleın späten Philosophen Da- 
maskios bei Phot. bibl. eol. 242 p. 1049 ziemlich 
vag geschildert: Heomeowov dr rı xai Umeppucs, ob 
YAuxeiaıg xdpıoıv, AAAG BAooupais dyalAöpevov, kdAAı- 
tov d’ öuwg ideiv, al oDdev hrrov mi Ti Blooupp 
1ö Amov emideikvönevov; doch hat Zoegu, Abhand- 
lungen 8. 185 ff. auf ihn mit gröfster Wahrsche 
keit eine mehr als zchnmal vorhandene Statue 
bezogen, welche einen schlangenumwundenen ge- 
flügelten Mann mit Löwenkopf vorstellt. Wirgeben _ 
das beste und vollständigste, im Mithriium in Ostin 
gefundene Bild (Abb. 34) nach Lajurd, Recherchen 
sur Mithra pl. LXX (worelbst auf den folgenden 
Tafeln auch die andern abgebildet sind), und folgen 
Zoegas deutender Beschreibung. Die etwa 5 Fulr 
hohe Statue hat einen Löwenkapf von furchtbarem 
Ansehen, dessen Rachen, wie Kronos seine Kinder, 
Alles zu zermalımen «droht; die im übrigen mensch- 
liche Gestalt ist eng umwickelt von den Kreisen bol des Frühlings, und die Taube 
der Schlange, deren Kopf mitten auf dem des Li Schwan, Begleiter der Aphrwlite und de 
aufliegt. Zwei kleine Flügel ragen über die Schul- sind eine reizende Ankündigung von dem 
tern, zwei andre liegen an den Hüften. An jedem der Natur. Der Flügel rechts ist ganz n 
ist auf der inneren Seite ein Sinnbild für eine der überzogen und der darunter hat eine W 




















Aion. 


mit Blättern. Endlich an dem der linken Hüfte ist 
eine Rohrpflanze, ein gewöhnliches Sinnbild des 
Winters, und zwei Lorbeerbäumchen, welche immer 
grünend die Rückkehr der besseren Jahreszeit ver- 
sprechen. Mitten auf der 
Brust der Statue sicht 
man einen Blitz in senk- 
rechter Richtung, ein 
Sinnbild der Luft, welche 
die Erde befruchtet, an- 
gemessen dem Gott, der 
gewöhnlich Frugifer hiels 
(Arnob. disput. 6 p. 86) 
und auf den vielleicht 
die Benennung Bronton 
in einer Mithrasinschrift 
geht.e Die Arme sind 
gebogen, die Beine ge- 
schlossen wie bei Osiris. 
Der Schlüssel in der rech- 
ten Hand soll ein »Sinn- 
bild Pforten der 
Sonne« sein, ebenso die 
Fackel in der linken; die 
Mefsstange scheint das 
Zeitinafs zu bedeuten, da 
sie in andern Bildern 
durch eine hinanlaufende 
Spirallinie in 12 Ab- 
schnitte geteilt wird. Die 
Schlangenkreise werden 
aufdasUmrollen derJahr- 
hunderte gedeutet; sieer- 
innern an Orpheus Argon. 
13, wo Eros als von Kro- 
nos unter unermefslichen 
Umwindungen (&meipe- 
sloroıv U’ dAKois) erzeugt 
genannt wird. Andere 
bringen dieSchlangen mit 
der gewundenen Sonnen- 
bahn in Verbindung. Die 
an derStütze angebrachte 
Weihinschrift. wird gele- 
sen: Cajus Valerius Herac- 
les pater et Caji Valerü 
Vitalis et Nicomes Sacer- 
dotes Sun Pecwmia Con- 
stituerunt Pro Salute Rei- 
puhlieae DeDicatum Idibus 
Angustis Imperatore Commodo VI et Septimiano Con- 
sulibus. Sie lehrt, dafs sie im 6. Consulat des Com- 
modus, also 190 n. Chr. verfertigt ist. Daneben ist, 
wie bei den signis pantheis, Hammer und Zunge des 
Hephüstos mit dem Heroldstube des Hermes, den 
Halıne des Asklepios und dem Pinienapfel des Attis 
Denkmäler d. klass. Altertums. 


der 














Aischines. 





35 Aeschines. 


33 


verbunden. — Die andern Bilder zeigen einige Varia- 
tionen, mehrmals zwei Schlüssel, ohne die Mefs- 
stange; auch nur zwei großse Flügel; oder der Gott 
steht auf der Weltkugel u. dergl. Lajard in Ann. 
Inst. XIII, 170 hält die 
Bilder für Darstellungen 
des Mithras selbst. [Bm] 
Aischines, der Red- 
ner. Sein Bild wurde von 
Visconti Iconogr. gr. pl. 
29, 3, 4 in einer Büste mit 
Namensinschrift nachge- 
wiesen (er eine andere 
mit Inschrift bei Millingen 
Uned. mon. II, 9, 10 völlig 
entspricht), ferner in ei- 
nem Medaillon, wo er das 
Gegenstück zu Demosthe- 
nes bildet. Seitdem ist 
eine hervorragende Mar- 
morstatue aus Hercula- 
neum, aufgestellt in Ne- 
apel, als sein Porträt 
erkannt (Abb. 35). »Den 
robusten Bau freilich, der 
dem Aeschines nachge- 
rähmt wird und ihn be- 
stimmt haben soll, Soldat 
zu werden, merkt man 
nicht, dagegen stimmt 
die Haltung der Arme 
mit unseren Nachrichten 
überein. Wir wissen näm- 
lich, dafs die ältere, be- 
scheidene und züchtige 
Weise, den rechten Arın 
unter dem Mantel zu 
tragen, zwar im allgemei- 
nen zur Zeit des Acschi- 
nes abgekommen war, 
dafs dieser selbst aber 
sie beibehielt (Plut. vit.X. 
oratt.). Aeschines scheint 
auch auf der Redner- 
bühne nichts Freies und 
Ungebundenes gehabt zu 
haben, vielmehr um eine 
feinere äufsere Erschei- 
nung besorgt gewesen zu 
sein.« (Friederichs, Bau- 
steine 8.302.) Von einer Erzstatue in Konstantinopel 
sagt Christodor in seiner poetischen Beschreibung, 
dafs er »die Rundung der bürtigen Wangen zu- 
sammenzog« (v. 14 Aaging dE ouveipue xürka mapeınc), 
ein Ausdruck, welcher ebenfalls die gespannte al 

| tung der Gesichtszüge andeuten soll. (Bm] 











Alschylos. Des Dichters Bildnis prangte in Atlıen 
schon auf dem Gemillde von der Schlacht bei Mara- 
thon in der Poikile (Paus. I, 21,3. Um Ol. 110 | 
wurde auf des Redners Lykurg Antrag ilm ebenso 
wie dem Sophakles und Furipider eine Erzstatue 
im Theater des Dionysos errichtet (Plut. vit. N oratt. 
p. #41). Seine Züge sind uns zuerst Iwkannt ge- 
worden durch eine Glaspaste im Kabinett Stasch, 
welche Winckelmann, Mon. Ined. I, 167 vermittelst 
der sonderbaren über den Tod den Dichters 
richtig deutete. Aeschylos soll bekanntlich in 
dadurch gestorben sein, dafs ein Adler eine Schill- 
kröte aus der Höhe anf den kahlen Schitdel des 
Dichters fallen liefs. Die Entstehung. dieses Mür- 
chens mußs wohl auf eine der erhaltenen ähnliche 

















% 













El 


bitdliche Darstellung — vielleicht ein Grabreliet — 
und dessen harmlose oder scherzhafte Mifsleutunge 
twu eines Komikers) zurückgeführt werden. Gött- 
ng, de morte Fahnlosa Acschy a 1854, macht 
in ansprechender Weise wahrscheinlich, dafs die 
Darstellung eine Apotheose in symbolischer Form 
enthalte: die xeAövn d.h. die Lyra erhebt sich auf 
den Adlerfittigen der Poesie zum Limmel, während 
der Diehter in der Gabe des Dionysos schweigt 
(Abb. 36). Nach der schlagenden Ähnlichkeit mit 
diener (hier stark vengröfserten‘ Paste hat Melchiorri, 
früherer Vorstand des ca en Museums, eine 
daselbst befindliche grofse Büste :Abl. 37, nach | 
Mon. Inst. V, #) als Acschylos' Bildnis erkannt md 
faxt allseitige Zustimmung erfahren. Der Kopf macht 
durchaus den Eindruck einer großartigen und be- | 
deutenden Persönlichkeit. Der charakteristische hohe 

und kahle Schidel, die Furche über der Nasenwurzel 
und die Herabsenkung der Stinabaut über die inneren 












































" Alten hindeuten. 





im 





Aixopon 


Augenwinkel deuten ebenso schr auf gerpanntes 
Denken uf festen Willen. Vgl. Welcker, Alte 
Denkm. V, 96; II, 337. [Bj 
Alxopoa, «der Fabeklichter. Von ihm sagt zwar 
erst Planuder in einer Lebensbeschreibung: g@oEdt 
Av... O1nög TÖv TPuxnAov — mpordorwp, BAatodg wai 
xugpög, aber sicher doch nach älterer Tradition und 
Vorstellung, auf welche auch sonstige Angaben der 
Dafs ihm in Athen eine Statue 
errichtet war, gibt Phaedrus epilog. 1. II, 1 an: 
Aesopi ingenio nlatwam posuere Attici; Agathias in 
der Anthol. Anall. Il, 45 n. 35 erwähnt, dafs sie 
vor denen der sieben Weisen rtand; und Tatian, 

















“ir. 55 p. 120 sagt von einem Bilde des Aesop 
von Aristedemos, es sei beinahe 80 berühmt wie 
«die Fabeln.  Viseonti bemerkt nicht übel, dafs, da 
Aristodemes n Plinius’ Erwähnung 34, 86 allen- 
falls ein Schüler des Lysipp sein konnte, Agathias, 
einer vulgüren Tradition folgend, die berühmte Statue 
mit Unrecht dem Lysippos anstatt dem Aristodemos 
zugeschrieben habe. — Der Charakteristik eines Ver 
wachsenen entspricht nın — versteht sich als Ideal- 
bild, nicht als ikonisches Porträt — in originellster 
Weise eine Halbfigur in Villa Albani (Visconti 
Teon. gr. pl. 12) mit. verstümmeltem Leibe und da 
bei doch klugem Gexichtsausdrucke, #0 sehr, dafs 
kein Zweifel übrig bleit bb. 38.) 
teristische der Büste liegt darin, dafs sie einen 
häfslichen Krüppel darstellt, der aber nicht leidend 
und gedrückt ist, sondern frei sein kluges Gesicht 
emporhebt. Der Fabeldichter, zumal der griechische 
Fabeldichter, konnte nach der Natur seiner Dicht 





























Aisopos. 


gattung nicht als eine idealere Gestalt dargestellt 
werden, denn es sind im Vergleich zu den anderen 
Dichtgattungen niedrige Dinge, mit denen er rich 
beschäftigt. Aufserdem ist die griechische Fabel 
nicht episch, sondern didaktisch, und zwar spricht 
sie ihre Lehren und Warnungen nicht direkt und 
offen aus, sondern unter der Form von witzigen 
und sinnigen Erzählungen, ea fehlt ilır der 
und männliche Ton, sie sucht es vielmehr klug, ja 
schlau anzufangen, um ihren Zweck zu erreichen 





38 Acrop. 


(Zu Seite 54.) 


Gerade diesem Charakter der Fabel entspricht diese 
Gestalt des Fabeldichtere. Der schwache Krüppel 
kann nicht kühn und sicher auftreten für seine 
Zwecke, dazu fehlt ihm Kraft und Autorität, aber 
die Klugheit, die s0 oft in Krüppeln wohnt, benutzt 
er sinnig und schlan gegen «die Überlegenheit der 
Kraft und Macht. Der Künstler, indem er den 
Krüppel nackt hinstellte, hat sich nicht gescheut, 
einen durchaus hüfslichen Eindruck hervorzurufen, 
und wir würden die Augen abwenden, wenn nicht 
der Kopf mit seiner Haltung und mit seinem Aus- 
druck der Häfslichkeit des Körpers dus Gegengewicht 
hielte.« (Friederichs, Bausteine 8.305.) Vgl. Braun, 





Aktion. 35 
Ruinen und Museen Roms 8. 672, der auf den 
»durchbohrenden Blicke, das Zeichen des Scharf- 
sinns, hinweist und bemerkt, dafs die instinktive 
Volksunschauung tiefste Schlauheit in Zwerggestalt 
zu kleiden pflegt (wie den Alberich und Mimer der 
deutschen Nage). [Bmj 

Aktalon, der rusche Jäger, welcher von seinen 
Hunden zerrissen wird, weil er Artenis erblickt, 
die sich baden will, ist vielleicht nur ein Bild den 
in der Glut der Hundstage ausbleihenden Nacht- 
und Morgennebels, dessen erfrischende Wirkung bis 
dahin das Pflanzenleben vor dem Verdorren bewahrt 
hat. Dafs der helle Mondschein (Arten lene) 
auch dabei schädlichen Einflufs üben soll, ist leicht 
verständlich; die Göttin taucht in die Meerflut zum 
Bade ein und überzicht die Erde, indem sie selbst 
verschwindet, mit einem gefleckten Hirschfelle, dem 
gestirnten ITimmel. Von dieser Bedeutung (er Suge 
ist freilich in der vermenschliehenden Dichtung und 
den darauf gegründeten Kunstschöpfungen nichts 
bewufst geblieben. Eine Spur der segenbringenden 
Natur des ursprünglichen Gottes zeigt sich nur noch 
in seinem IHeroenkultns bei den Orchomeniern, die 
auch auf @eheifs des Orakels sein Erzbild mit 
eiserner Kette an den Felsen fesselten, Paus. IX 
38, 4, natürlich, um seine Wohlthaten nicht ein- 
zubüfsen. (Eine Münze der Stadt, bei Wieseler II, 187 
B. Aufl.], in mifsdenteter Abbildung, gehört jedoch 
nicht hierher; s. Arch. Ztg. 1864 8. 133.) Eben- 
dahin deutet auch «die seltsame Angabe Apollod. III, 
4,4,4, dafs Cheiron in seiner Höhle auf dem Pelion 
den ihren zerrissenen Herrn suchenden IIunden ein 
Bild des Aktion gemacht habe, worauf sie beruhigt 
von ihrer Trauer ahliefsen. Cewaltsamer Tod und 
Klage also wie bei Oxiris, Adonis, Linos, Orpheus, 
Hippolyt, Zagreus u. n. 

Von bedeutenden Künstlern hatte Polygnot in 
seinen Gemälde der Unterwelt Aktion gemalt, wie 
er neben seiner Mutter auf einem Hirschfell safs und 
ein Hirsehkalb in der Hand hielt, einen Jagdhund an 
seiner Seite, und (sehr bezeichnend) ihnen zunächst 
Maira, die verkörperte Sirioshitze; Paus. X, 30, 8. 

Die uns erhaltenen Kunstwerke stellen vorzuge- 
weise Aktitons Bestrafung vor: der von seinen 
eigenen Tlunden angegriffene Jäger aucht sich ihrer 
Bisse vergebens zu erwehren. Dies vortreffliche 
Motiv für die Plastik ist schon in einer selinun- 
tischen Tempelmetope (Wieseler IT, 184) angewandt, 
| nachdem die böotische Sage durch Sterichoros von 
Himera auf Sieilien eingebürgert war. Die neben- 
stehende, langbekleidete Artemis hat dem Aktion 
ein Hirschfell übergeworfen (wie ebenfalls Stesichoros 
sang, Paus. IX, 2, 3) und hetzt die Hunde gegen 
ihn an. Bemerkenswert ist aber, dafs die Künstler 
| hierbei nicht in plumpem Realismus so weit gingen 
| den Aktion ganz in der Hirschhaut zu verstecken, 









































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36 
um die Hunde zu täuschen, sondern anfangs nicht | 
einmal immer das später übliche Hirschgeweih als 
Andeutung erfolgter Verwandlung ihm aufsetzten. 
‚Noch auf einer Vase mit etruskischer Inschrift finden 
wir Aktion bürtig und bekrünzt; Wieseler II, 185. 
Auch eine schön komponierte Marmorgruppe in 
London (Wieseler II, 186), welche Aktäon merk- 
würdigerweise mit einem Löwenfell umhangen zeigt, ; 


Aktaion. 


Vasenbild Wieseler I, 212. Er bietet der Artemis 
ein Opfer an in Gegenwart von Pan, Hermes und 
Satyr, Revue arch6ol. 1848 pl. 100. — Erst auf einem 
pompejanischen Gemälde findet sich die badende 
Artemis (Wieseler IT, 1830) und zwar zusammen 
mit der Verwandlung. Endlich spielt sich die Fabel 
gleichsam in vier Akten ab auf einem prächtigen 
Sarkophage, der, in der Nähe von Rom gefunden, 








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En 
LENTITNTTE 
TERRA RRRERIEEN 

3b 


hat nach Friederichs, Bausteine I, 101 erst in | 
der Neuzeit den Kopf nebst einem Hirschgeweih 

erhalten, während ein von ihm gerühmter Kamen, | 
den er als getreue Nachbildung des Originals an- 
sicht, dessen entbehrt. Sonstige Vasenbilder geben 
Aktion meist mit Hörnern, Flite esramogr. II, 
99—103. Ein gunzer Hirschkopf findet sich auf 
etruskischen Urnen Inghirami mon. &tr. I, 65, 70. | 
Am Boden liegend, während Artemis selbst auf ihn 

mit Ihunden losgeht, auf einigen athenischen Terra- ! 
kotten bei Schöne, 'h. Reliefs 8. 60 und N. 127; . 
ähnlich Campana opere in plast. t. 58. — Auf der 

1asenjagd finden wir Aktion neben andern Helden; : 





Ki N \ DNS 


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NANNTE 
39: 


Aktaconsarkophag. 


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LNENOSESEKLRESERIBERERERASERESENESENG 





TRETEN 


U IENEEN MNLNIELNINLELN 
EIERN 





ec 


früher der Sammlung Borghere angehörte, jetzt sich 
im Louvre befindet. Wir geben nach Clarac Musde 
pl. 113 bis 115 die drei Teile des Ganzen, dann 
nochmals die Bilder der Vorderseite im vergröfserten 
Mafsstabe. (Abb. 39, 39, 39c, 40, 41.) 

Die erste Scene, linksseitig, zeigt uns Aktäon 
nicht in Person, sondern seine Diener, die Hunde 
aus der Jagdtasche fütternd und von der Koppel 
lösend. Rechts auf einem Felsen steht das nackte 
Bild eines jugendlichen Waldgottes mit dem Hirten- 
stabe in der Linken (Silvanus?); der Gegenstand, 
den er in der Rechten emporhält, ist zerbrochen; 
daher auch der Charakter der Gottheit, zu deren 

















38 Aktaion. 


Füfsen ein Blumengewinde niedergelegt ist, vielleicht 
um Jagdglück zu erbitten, unsicher bleibt. Aus einer 
linker Hand an der Eiche aufgehängten Jagdtasche 
gucken zwei Tierkönfe (Hasen? Rehe?) hervor. In 
der folgenden Hauptscene auf der Breitseite «des 
Sarkophags zur Rechten lüfst sich Artemis, in einer 
Grotte entkleidet niederkauernd, von zwei Knüblein 
aus Urnen begiefsen, völlig in der Art des auf Vasen 
oft gemalten griechischen Frauenbades; links oben 
läfst ein Flufsgott sein Wasser einer Urne ent- 
strömen (Ovid. Met. 3, 156 nennt die Quelle Gar- 
gaphia); rechts ihm gegenüber blickt Aktion iu 
halber Figur vom Berghange heral) auf die Scene. 
Staunend hat er die rechte Hand erhoben, in der 
linken hält er ein Pedum (Aarwß6Aov); die Chlamys 
flattert beim raschen Gange im Winde. Aber schon 
hat Artemis bei einer Wendung des Antlitzes ihn 
erschaut und ihr Zorngedanke ist in der Bildung 
der IJörner auf Aktäons Iaupt zur sichtbaren Wir- 
kung gelangt. Das Nebenbild führt uns die schöne 
Gruppe der Verteidigung des Ilerrn gegen seine an- 
springenden Hunde vor, fast im gleichen Lokale. 
Links schaut ein Jüger erschreckt zu, rechts oben ist 
der fichtenbekränzte Cithäron gelagert, anscheinend 
mit dem Ausdruck der Betrübnis; darunter im 
Vordergrunde eine Priaposherme in der bekannten 
rücklings gebogenen Stellung (s. »Priapos«). End- 
lich finden wir auf dem rechten Seitenbilde Aktion 
sterbend von seiner Mutter Autonoe entdeckt, welche 
mit fliegenden Mantel herbeieilend die entblöfste 
Brust zerfleischt, das Naar zerrauft hat, während 
eine Dienerin den Abscheidenden an den Füfsen 
aufzuheben versucht. Nur ein Reh ist von ferne 
Zeuge der Jammerseone. — Der Sarkophag, dessen 
oberer Bildstreifen unter :Nereiden« in gröfserem 
Forınat erscheint, zeichnet sieh durch sonzfültige 
Arbeit und reichen Schmuck von Blumengewinden, 
welche drei Iloren halten, von Gorgonenmasken an 
den Ecken und andern Zierrat aus. {Bm} 
Alexander der @rofse. An dem Äufseren Ale- 
xanders war das auffallendste Merkmal bekanntlich 
die Avdranıg Tod uüxevog eig eiıbvunov hougfi KenAt- 
pevou, das Aufzichen des Halses mit Kopfneigung 
zur linken Seite, Plut. Alex. 4. Diese von den Dia- 
dochen nachgeäffte Haltung ist von kompetenter 
Seite (Revue archeol. 1852, IN) als eine Folge der 
Ungleichheit der Halsmuskeln nachgewiesen, welehe 
die Ärzte torticollis nennen. Ferner wird die aphro- 
ditische Eigenschaft des feuchten Anger (ürpötng tav 
Öundrwv) hervorgehoben, hier eine schwärmerische 
Verzückung des Blickes, aber verbunden mit einem 
löwenähnlichen furchtbaren Blick (poßepsv rı, üppe- 
vwnöv xai Acovrüdes Plut. fort. Alex. il, 2). End- 
lich erwähnt dus von der Stirn emporgesträubte 
Haupthaar Aclian. Var. Hist. 12, 14: nv xöunv 
ävamepüpdaı aury; vgl. Plut. Pomp. 2. — Das 














Alexander der Grofse. 


Privilegium, welches der König einigen Künstlern 
auf sein Porträt erteilte (Plin. 7, 125: edirit ne quis 
ipsum alius quam Apclles pingeret, quam Pyrgoteles 
scalperet, quam Lysippus ex aere duceret; andere 
Stellen bei Brunn, Künstlergesch. I, 363), hinderte 
viele andere nicht, dasselbe zu versuchen; s. Brunn 








Re 



















































































































































































































































































































































































































































































































































































42. (Zu’geite 39.) 


in Paulys Realeneykl.2. Aufl. I, 728f. (wo auch über 
die massenhafte Verbreitung der Bildnisse Alexan- 
ders im Altertum). Doch genossen des Lysippos 
Erzbilder den höchsten Ruhm, du er es verstanden 
hatte, den angeführten Mangel der Kopfhaltung 
durch den gen Himmel gerichteten Blick geschickt zu 
motivieren, wie dies das Epigramm des Archelaos an- 
deutet: aöbaoodvrı d’ Eoıxev 6 XdAxeog &; Ala Aeboneıv“ 
ray üm’&nol ridenan Zed, od d "Oluumov &xe. — 








Alexander der Grofse. 


Von den zahllosen Bildern ist nur weniges auf 
uns gekommen, darunter durch Inschrift bezeugt 
allein die Herme in Paris, 1779 bei Tivoli gefunden 
und vom Ritter Azura an Napoleon I. geschenkt, 
welche aber leider aufser der Ergänzung von Nase, 


Schultern, teilweise der Lippen an der ganzen Ober- | 


fläche (durch Schwefel- 
wasser) so zerfressen ist, 
dafs dies auf der Photo- 
graphie störend sein 
würde. Die Abbildung 
von Visconti Icon. gr. 
pl. 89 (Abb. 42) ergibt, 
dafs das Original der 
nach den Buchstaben- 
formen aus augustei- 
scher Zeit stammenden 
Büste treu und etwas 
nüchtern, aber nach 
dem Leben gearbeitet 
ist und auch die bei 
der torticollis stattfin- 
dende vollere Bildung 
der linken Gesichts- 
hälfte wiedergibt. Hin- 
ter den Vorderlocken 
ist eine Höhlung rings 
um den Kopf für das 
Diadem, welches Ale- 
xander zuerst annahm. 
An diese Herme schlie- 
{sen sich zunächst hin- 
sichtlich der Porträt- 
ähnlichkeit zwei Büsten 
‘von ausgezeichneter Ar- 
beit und Erhaltung, die 
aber erst neuestens 
durch Stark in der Fest- 
schrift der Univ. Heidel- 
berg für das archäol. 
Institut in Rom 1879 
publiziert worden sind. 
Die Büste in der Samm- 
lung des Grafen Erbach 
(bier, Abb. 43, nach 
Starks Photographie) 
aus griechischem Mar- 
mor ist 1791 in der Villa Hadrians bei Tivoli bis 
zum Unterkinn unverletzt gefunden; es war keine 
Herine, sondern eine Büste oder (nach dem darin 
vorgefundenen eisernen Dübel) der Kopf einer ganzen 
Statue. Die Wendung des Kopfes nach der linken 
Schulter, welche der Restaurator bei Ansatz des 
Bruststückes nicht beachtet hat, war ursprünglich 
vorhanden, wie die Anschwellung des rechten Hals- 
muskels (sog. Kopfnickers) zeigt. Aus Starks vor- 





39 


trefflicher Beschreibung heben wir folgende Sütze 
heraus: »Wir schen einen echt griechischen Jüng- 
lingskopf, noch wie an die Grenze des Knaben- und 
des vollen Jünglingsalters gestellt, einen neAkeipnv 
oder neAAdpnßos. Ernst, geschlossene Energie und 
dabei jugendliche Zucht und Bescheidenheit, attische 
Sophrosyne vereinigen 
sich in ihm mit zarter 
Schönheit. Das Profil 
ist scharf und edel, die 
Stirne hoch und fein 
gewölbt, im unteren 
Teile fast eine Doppel- 
stirmn zu nennen; die 
Nase regelmäfsig mit 
breitem Rücken, ist 
mäfsig kurz zu nennen, 
auch die Nasenspitze 
wohl erhalten, die Nü- 
stern sind geöffnet, be- 
sonders fein geschwun- 
gen. Der Mund klein, 
ist wenig geöffnet, mit 
voller, fein geteilter Un- 
terlippe,diedünneOber- 
lippe zieht sich von der 
Mitte aus fein zuckend 
mach oben. Eine Mi- 
schung von fast un- 
mutigem Ernst und von 
sinnlicher Anmut und 
Erregbarkeit ist um die 
Mundwinkel gelagert. — 
Tief und beschattet lie- 
gen die fast mandel- 
förmig gebildeten, fein 
gewölbten Augen,denen 
nach echt griechischer 
Weise die Angabe der 
Pupille fehlt. — Von 
bedeutsamer Fülle und 
Formengebung ist das 
Haupthaar. Über der 
Stirn aufsteigend fällt 
esinreicher, beschatten- 
der Lockenfülle um das 
Oval des Gesichts, be- 
deckt die Ohren und senkt sich in den Nacken. — 
In der Gesamtauffassung des Gesichts hat der Bild- 
hauer der linken Seite etwas breitere und ent- 
wiekeltere Formen gegeben, als der rechten Seite.« 
Stark findet dann.in der Stirnbildung eine Erinnerung 
an den jugendlichen Zeus, an den praxitelischen Eros 
im Mittelgesicht, an den Ares-Typus in Mund und 
Kinn wieder. Er ist weiter geneigt, den Typus dieses 
ganz jugendlichen Alexanders dem Leochares (s. Art.) 


4) Alexander der Grofse, 


Cr ps nz tr 





Cr as nz) er 






Alexander der Grofse. 


zuzuschreiben, welcher nach derichlacht beiChäronea 
im Philippeion zu Olympia in einer Goldelfenbein- 
gruppe die ganze Familie Philipps vereinigte und 
hier Alexander als ganz jugendlichen Prinzen dar- 


stellen mufste, auch später mit Lysippos zusammen ' 


für Krateros in Delphi die Erzgruppe eines Alexander 
auf der Löwenjagd fertigte; Paus. V, 20, 5. Plut. 
Alex. 40. 

Die Büste im britischen Museum (Gipsabgufs 
in Berlin), Abb. 44, angeblich bei Alexandria in 
Ägypten gefunden, ist aus parischem Marmor und 


war nur eine Maske (der das Ifinterstück fehlt), mit ' 


der Glättung im Haar für ein Metalldiadem. Mit 
Recht findet Stark hier bei entschiedener Bild- 
ähnlichkeit in der ganzen 
Bildung einen Fortschritt 
in der Entwickelung der 
Persönlichkeit gegenüber 
dem Erbacher Kopfe, in- 
dem er auf die kecken, 
grofsen, leicht behandelten 
Formen hinweist. »Auch 
hier die stärkere Anspan- 
nung des rechten Kopf- 
nickers und trefflich wir- 
kend jene Linkswendung 
und die leise schrüge He- 
bung des Hauptes. Auch 
hier die hohe, im unteren 
Teile frei gewölbte Stirn, 
auch hier das aufsteigende 
und reich lockig bis in den 
Nacken herabfallende Haar, 
auch hier die edel gebil- 
dete Nase, der feine sinn- 
liche und doch  trotzige 
Mund mit der schwellen- 
den Unterlippe, auch hier 


das jugendliche, etwas vortretende Kinn, auch die , 


starke senkrechte Abschneidung der Wangen. Die 
Augenlinie hat etwas Weicheres, mehr Geschwun- 
genes als dort, und fast üppig quellen unter den 
Augenbrauen die fleischigen Teile des schützenden 
Lides über den äufseren Augenwinkel. Die Augen 
selbst haben etwas im Anschauen Verlorenes und 
Schwärmerisches, aber auch Sinnliches, wie dies 
auch in dem mehr geöffneten Mund sich zeigt, 
zwischen dessen Lippen die Zunge sich vordrängt.« 
Wem der Typus dieser Darstellung zu verdanken sei, 
läfst Stark unentschieden im Hinblick auf die Zahl 
der bedeutenden Künstler, die sich an Alexanders 
Porträt versuchten; überhaupt müsse erst das ge- 
sammte Material gesammelt werden, che auch tiber 
die Darstellungen der Münzen sowohl des Kanes 
selbst wie seiner Nachfolger ein festes Urtei 
wonnen werden könne. Inzwischen sche man Malte, 








4 


| Arc 
d’Alexandre le Grand, Kopenhague 185 
! 29 Tafeln. 

Übergehend zu den bewufst idealisierenden Bil- 
dungen, finden wir vornehmlich die capitolinische 
Büste (Abb. 45) mit dem strahlenförmig wallenden 
| Hanpthaar, einer Kigentümlichkeit, die der Rhetor 
Libanius an einer Reiterstatue des grofsen Königs 
in Alexandrien hervorhebt. Die Büste wurde früher 
als Sol oriens bezeichnet, weil »in der Haarbürde die 
Töcher eingebohrt erscheinen, in welche die sieben 
Strahlen eingelassen waren, welche dem erhabenen 
Antlitze erst einen vollen Ausdruck lichen«. So 
Braun, Ruinen und Museen Roms 8.213, der ferner 
sagt: »Für den Alleinherr- 
scher, der mit einem Fufse 
in Europa stand und den 
andern den stolzesten Rei- 
chen Asiens in den Nacken 
setzte, konnte sich kaum 
ein andrer Typus besser 
eignen, als jener grofsartige 
des Helios, welcher durch 
die rhodische Schule schon 
vor Chares von Lindos zur 
Ausbildung gekommen sein 
mufs. Der weithin rei- 
chende Blick des alles über- 
schauenden Sonnengottes 
bot eines der passendsten 
und wahrheitsgemäfsesten 
Gleichnisse dar für einen 
Lenker der Geschicke so 
vieler Völker, die Zeus 
selbst ihm untergeben zu 
haben schien.« Das Schwär- 
merische, ja fast Schmach- 
tende in dem Blicke er- 
innert stark an den schwermütigen Zug von Welt- 
schmerz, der in den Werken der Diadochenzeit 
‚ anklingt, z. B. in dem bekannten Triton (s. Art.). 
; Zwei Marmorstatuen, eine in Gabii gefunden, 
| jetzt in Paris, die andere in München (Glyptothek 
| 153, hier [Abb. 46) nach Photographie), stellen 
| Alexander dagegen wieder viel realistischer in heroi- 
| scher Nacktheit mit nebenstehendem Panzer vor; 
| sie können als späte Nachbildungen eines der zahl- 
| reichen Iysippischen Werke gelten. Wir geben ferner 
| (Abb. 47) die Photographie einer herculanensischen 
| Bronzefigur, welche nach vielfach gedufserter Ver 





. 8158 (159) A. 2. und L. Müller, Numismatique 
4° mit 








mutung eine verkleinerte Wiederholung aus jener 
grofsartigen Gruppe bildet, welche Alexander sclbat 
zum Andenken an die Schlacht am Granikos von 
Lysippos verfertigen und in Dion in Makedonien 
aufstellen liefs, Arrian. Anab. I, 16. Sie bestand 
aus 9 Kriegern zu Fuls und 25 Reitern der &raipoı, 


42 Alexander der Grofse. 


welche bei jenem Angriffe, wo der König selbst in 
Lebensgefahr kam und den Helm verlor, gefallen 
waren und porträtähnlich (? eixövas xaAkäs Plut. 
Alex. 16) hier verewigt wurden. Nach der Besiegung 
des Andriskos brachte Metellus die Statuen nach Rom 


Kopie gibt eine Ahnung von dem grofsartigen Ein- 
drucke jener kampfbewegten Gruppe und läfst die 
Bewunderung der Römer begreiflich erscheinen. — 
Schliefslich geben wir noch eine Abbildung des sog. 
»sterbenden Alexander«, einer mit Recht hoch- 


und stellte sie in einer Säulenhalle auf; Vellej.I,11: | berühmten Marmorbüste in Florenz (Abb. 48) von 
Hic eat Metellus Macedonicus, qui porticus, quae fuere | ergreifendem Ausdrucke und vollendeter Technik, 





43 Der sog. sterbende Alexander. 


circumdatae duabus arlibus sine inseripfione ponitis, 
quae nunc Octaviae porticibus ambiuntur, fecerat, qui- 
que hanc turmam stutuarum equestrium, quae frontem 
aediun spectant, hodieque maximum ornamentum ejus 
loci, ex Macedonia detulit. Cujus turmae hanc causam 
referunt, Maynum Alerandrum impctrasse a Lysippo, 
singulari talium auctore operum, ut corum equitum, 
qui ex ipsiws turma apud (iranieum flumen ceeiderant, 
expressa similitudine fiyurarum faceret statuas et ipsius 
quoque is interponeret, Selbst die mäfsig genrbeitete 





übrigens, was die Bedeutung betrifft, eines schr 
umstrittenen Stückes. Wührend einem Teile der 
Archüologen die Porträtzüge Alexanders unverkenn- 
bar erscheinen, wollen andre weder dies, noch die 
ästhetische Möglichkeit der Darstellung eines der- 
artigen Momentes zugeben. Overbeck, Gesch. der 
griech. Plastik II, 71; Brunn, Künstlergesch. 1, 438. 
Andre nehmen den Kopf für Kapaneus, Blünıner in 
Arch. Ztg. 1880 8.162 für einen sterbenden jugend- 
lichen Giganten, wie er sich auf dem pergamenischen 


Alexander der Grofse. Alexandros. 


Altar findet; endlich Urlichs auch für eine 
pergamenische Arbeit, aber den leidenden 
junggebildeten Herakles, nach der Erz- 
statue, welche Lucullus nach Rom brachte. 

Einzelne Begebenheiten aus Alexanders 
Geschichte müssen nicht selten dargestellt 
sein; vgl. »Malereic über das berühmte 
pompejanische Mosaik der Schlacht bei 
Arbela. Ein Marmorrelief (Millin, G. M. 
%, 364) zeigt Asia und Europa, einen 
grofsen Schild über einen Altar haltend, auf 
welchem dieselbe Schlacht mehr typisch in 
der Weise der Amazonenkämpfe dargestellt 
ist, mit Beischriften und Distichen zum 
Ruhme Alexander. Des Königs Bildnis 
wurde vielfach als Talisman getragen; s. 
Trebell. trig. tyr. 14, der auch von einer 
kostbaren Opferschale (patera electrina, ob 
wirklich aus Bernstein oder Metallgemisch?) 
spricht, welche rings um Alexanders Kopf 
seine ganze Geschichte in kleinen Bildchen 
enthielt. 8. noch »Diogenes.. [Bm] 

Alexandros oder Agesandros, des 
Menides Sohn, von Antiochia am Maian- 
dros, ist der angebliche Künstler der be- 
rühmten Marmorstatue der Aphrodite 
von Melos, so genannt von ihrem Fund- 
orte, der Insel Melos, jetzt im Louvre. 
(Abb.49 nach Photographie.) Der Inschrif- 
tenblock, auf dem nicht der ganze Name, 
sondern nur die Buchstaben .... avdpoc 
erhalten waren, ist nicht mehr vorhanden, 
sondern nur durch Zeichnung bekannt. Er 
soll aber genau an die Bruchflüche der 
Basis (rechts vom Beschauer; der linke 
Fufs nämlich mit_dem darunter befind- 
lichen Stück der Basis ist restauriert) ge- 
pafst haben. Aus diesem (runde wird die 
Zugehörigkeit der Inschrift von einer Seite 
mit Bestimmtheit behauptet. Von andrer 
Seite dagegen wird sie entweder verneint 
‚oder wenigstens als zweifelhaft hingestellt. 
Wäre die Inschrift zweifellos zugehörig, s0 
böte die Form der Buchstaben einen An- 
halt für die Datierung des Werkes. Nach 
neueren Forschungen kann die Inschrift 
bis in die erste Hälfte des 2. Jahrh. v. Chr. 
hinauf datiert werden, während man früher 
glaubte, dieselbe ins 1. Jahrh. v.Chr. oder 
gar n. Chr. setzen zu müssen. Aber selbst 
für das zweite vorchristliche Jahrhundert 
dürfte die Statue noch zu gut sein. 

Über die Deutung der nur unterwärts 
bekleideten Statue als Aphrodite ist man 
im allgemeinen einig, obgleich zu bemerken 
ist, dass im Ausdrucke des Gesichtes von 





49 Die Venus von Milo. 


44 Alexandros. 
Sinnlichkeit keine Spur liegt, dafs dus der Göttin der 
‚entünliche Schwinmende, Feuchte (urpi 
im Auge kaum angedeutet ist. Auch dafs der Gie- 
sumteindruck des Kopfes ein erhabener, hoheitvoller 
sei, wie gewöhnlich Iehanptet wird, kann nur in 
sehr beschränkten Mafse zugegeben werden. 

Viel behandelt ist die Frage nach der Restau- 
ration der Statue. Die drei gebräuchlichsten An- 
sichten sind die folgenden. Erstens die “Göttin hielt 
triamphierend den Apfel in der Linken empor; 
zweitens sie spiegelte sich im Schilde des Arın, 
welchen sie mit beiden Händen fülste und auf den 
linken Schenkel stellte, oder nur mit der Linken, 
indem der Spiegel neben ihr auf einem Pfeiler stand, 
während die Rechte das Gewand hielt, oder drittens 
Aphrodite war mit Ares gruppiert. Die erste An- 
sicht ist einfach zu verworfen. Ihr widerspricht schon 
die Bewegung der Fizur, welche ein Gegengewicht 
verlangt. Die ganze Restauration beruht anf 
falschen Voraussetzung, dafs eine linke Hand mit 
einen Apfel, welche mit der Statue 
funden sein soll, zu dieser gehört, was aber bestimmt 
nicht der Fall ist. Die zweite Ansicht, besonders 
in der Fassung, dafs der Spiegel auf einen Pfeiler 
aufgesetzt zu denken, hat viel für sieh und würde 
den nackten Oberkörper vortrefflich erklären. Doch 
weist die starke Vernachlässigung des Gewandes auf 
dem linken Unterschenkel darauf hin, dafs diese 
Partie verdeckt war, was sich am leichtesten erklärt, 
wenn die Figur mit einer anderen, vielleicht Ares 
gruppiert war. Allerdings fände dann die Entblöfsung 
des Oberkörpers keine gentigende I i 
gewisse Bestätigung findet «lie letzte I 
aber wieder darin, dals in Statuen, welche unsere 
Aphrodite mit Veründerung des Motivs als Einzel 
figur oder doch nicht eng n 
frei wiederholen, wie die Nike von Br 
Aphrodite von € die ndmoti 
dem linken Bein viel reicher gebildet sind 

Auf ebenso schwankendem Boden wie bei der 
Restauration stehen wir bei der Zeitbestimmung. 
Die Altersstufe der Göttin, welche uns dieselbe nicht 
als aufblühende Jungfrau, sondern als voll ersehlosse- 
nes Weib zeigt, kehrt ähnlich bei den Nachbildungen 
der knidischen Aphralite des Praxiteles wieder. Die 
Proportionen weisen uns aber in die Zeit nach 
Lysippos, und die nicht nur in der Anlage, sondern 
auch in der Durchführung gleich vollendete Form, 
die sammetartige Behandlung der Oberflüche der 
Haut lassen das Werk als des 3. Jahrh. v. © 
erscheinen. Mit d 




































der 





anumen ge 










































einer andern gruppiert 






ler die 























würdig 
ın Zeitansatze würde sich auch 
die durch die Spie ung vollkommen motivierte 
halbe Nacktheit vertragen. Durch die Situation nicht 
motivierte, blofs künstlerisch loekende Nacktheit d: 
gegen, wie bei einer Gruppierung mit Ares, würde 
die Statue in eine spätere Zeit versetzen, wohin 





















Alkuios. 


«gerade über | 








Alkamenes. 









Alkestis. 


uns wieder die angeblich zugehörige Inschrift weist. 
‚Über ktheit, besonders bei weiblichen Statuen, 
vgl. »Praxiteles:.) Tedenfalls ist die Frage nach der 
Zeitbestimmung er Statue ebensowenig abge 
schlossen, wie die nach der Restauration. Vgl.Over- 
beek, Gesch. d. griech. Plastik 3. Aufl. II, f. 
Alkalos, der Dichter von Lesbos. Visconti glaubte 
an die Echtheit der hier nach Ieonogr. greeq. pl. III,3 
im vergröfßserten Mafsstabe abgebildeten Münze von 
Lesbos, im Pariser Kabinett, welche freilich als 
einziges Exemplar Eckhels Verdacht erregt hatte. 
(Abb. 50.) Den Kopf zeichnet der Ausdruck leiden- 
schaftlicher Energie aus, 
was mit dem Charakter des 
kampf- und. streitlustigen 
Politikers stimmt , ist je- 
doch, da wirkliche Porträt- 
köpfe kaum 
hundert gebilde 
sind, Idealbild von 
freier ndung. Der Re- 
zeistt. den Kopf des 
Art Eine bei Monte Calvo gefun- 
» Porträtstatue, jetzt in Villa Borghese, zusammen 
funden mit dem ebendort befindlichen Anakreon 
x. Art.', wird dieses Umstandes halber jetzt von eini- 
gen für.\lkäos früher für Tyrtäos erklärt, wegen einer 
gewissen Ähnlichkeit mit dem Münztypus. Brunn 
hat den Namen Pindars vorgeschlagen. Vgl. Friede 
’raun, Ruinen und Museen 
Begegnung mit Sappho 
a strumente-. [Bj 
Alkamenes, Bildhaner von Lemnos, bald Schüler, 
ulbuhler des Phidias genannt. Die Chrono 
Künstlers sowohl, wie seine kunstge 
ehtliche Stellung ‚U in neuerer Zeit vielfach 
ert worden. Wir | n aus seinem Leben 
nur ein sicheres Datum, er nämlich noch nach 
402 v. Chr. für Thrasybulos thätig war (Paus. IX, 
11, 6). Die ganze Rekonstru 
Lebens hängt auf das engste zusammen mit unseren 
ungen über «den künstlerischen Charakter 
ihm ‚haffenen Westgiebels des Zeus 
Tempels zu Olympia, so dafs eine eingehende 
Besprechung seiner Lebensunstände, seiner Werke 
und seines Kunsteharakters für den Art. »Olympis« 
versparen. fe 
Alkexstis. Die ursprüngliche Naturbedeutung des 
heroisierten Gattenpa Adlmetos und Alkentis liegt 
noch sehr durchsichtig vor in den Namen : "Aduntog 
der Unbezwingliche ist ein Beiwort des Unter 
weltgottes, Alknorıg die Starke eine Variation der 
Persephone.  Admet ist Sohn der Klymene oder 
Periklymene, worin ebenfalls ein Beiname des Hades 

































wonlen 





ein 

























































Alkestis. 


weise der hierher gehörigen Wortreihen. Die thes- 
salische Stadt Pherai gehört den unterirdischen Gott- 
heiten und der Hekate; Müller, Dorier I, 380. Zu 
dem plutonischen Admet mufs Apollon der Licht- 
gott, als er gefrevelt hat, hinabsteigen und zur Sühne 
dienen, eis &viaur6v (Panyas. ap. Clem. Alex. 
protrept. 30, und Plut. amator. 761 E), d. h. eine 
gemessene Zeit (nicht: ein Jahr lang), nämlich 
bis zur Wiederkehr des Lichtes im Frühjahre. Dort 
hütet er Rinder und Pferde (so schon Homer B 763), 
die rasch eilenden Wolken, hinter denen er verborgen 
ist. In Alkestis’ Brautgemach weilen Schlangen, die 
bekannten Erdsymbole. Sie selbst geht aus Liche 


zum Gemahle unter die Erde, wie Persephone; sie 
wird auch wieder frei wie diese durch Herakles, den 
Sonnengott. 


Aber der Mythus ward noch in un- 


4 


! er vergafs, eo erläutert man später, der Artemis zu 
opfern. Apollon, der Helfer, erreicht es nun wenig- 
stens bei den Moiren, dafs für den dem Tode ver- 
fallenen Admet eine freiwillige Stellvertretung ge- 
nehmigt wird, Aesch. Eum. 723 #. Alkestis bietet 
sich dem Tode dar; daher sprüchwörtlich (Alkherı- 
dog Avdpeia Apostol. adag.) ihre männliche Stärke, 
während “Adunrou Adyog nach dem Anfange eines 
Skolions bei Schol. Arist. Vesp. 1239 ruv dev 
anexov yvodg drı deikbv öliya xdpig auf die Feigheit 
Admets gemünzt war Aber Persephone schickt aus 
Mitleid die Alkestis zurück, oder Herakles kämpft 
sie dern Thanatos ab. 

Eine einfach schöne, echt griechische Auffassung 
der Sage erkennen wir in einem Florentiner Relief 
(erläutert Arch. Ztg. XXIII, 73 f.; unsere Abb. 52 























51 Admet freit um Alcoste. 


vollendeter Bildung vermenschlicht durch Dichter- 
hand und Verflechtung in andre Sagen und (ienea- 


logien. Hauptstellen: Apollodor. 1,9, 14,15; Hygin. | 


fab. 50,51. Admet, Sohn des Pheres, freit um Pelias' 
Tochter Alkestis, die nur der erhält, welcher einen 
Löwen und einen Eber an den Wagen zusammen- 
schirrt. Dies Stückchen leistet er selbst schon in 
einem Bildwerke am amyklüischen Throne, Paus. 3, 
18, 8: “Adunrog Zeurvbwv &oriv Ind T& dpua xdmpov 
xai Alovra. Ein goldener etruskischer Ring bei 
Abeken, Mittelitalien VII, 6a zeigt Admetos auf, 
dem Wagen stehend und jenes Gespann mit Peitsche 
und Zügel lenkend. Auf einem Stuckrelief eines 
römischen Grabes (nach Mon. Inst. VI, 52) führt 
Admet (Abb. 51) das Gespann dem thronenden Pelias 
vor, zu dessen Seite Alkestis verschleiert als Braut 
steht. Neben den Tieren schreitet Apollon, der sie 
gebändigt, dahinter Artemis, zur Andeutung des be- 
vorstehenden Unheiles. Denn als der Sieger das 
Brautgemach betritt, findet er es voll von Schlangen; 


ebendas. Taf. 9), welches allerdings nur eine derbe 
und mehrfach beschädigte Kopie des fein erfundenen 
Originales bietet. Links steht Herakles mit der 
über dem Arm hängenden Löwenhant (die rechte 
Seite ist neu ergilnzt), Alkestis noch in der Ver- 
hüllung einer Toten (oder einer Braut?) ist der 
Oberwelt zurückgegeben. Ein Pfeiler schliefst die 
Mittel- und Hauptscene ab, welche die Momente der 
Vermählung und der Trennung zusammenfafst. 
Admet in der blofsen Chlamys reicht der nach Ge- 
bühr verhüllten Braut die Hand, aber die linke, 
worin ebenso wie in der Abwendung des Gesichts 
die Andeutung des bevorstehenden Scheidens zu 
erkennen ist. Noch klarer spricht die Haltung 
des schon hinwegschreitenden Hymenios zwischen 
beiden, der seine Fackel nicht erhoben, sondern 
zur Erde niedergesenkt hat. Die jugendliche Ge- 
stalt im dorischen ürmellosen Chiton hinter der 
Braut kann nach anderen Denkmülern nur als Peitho, 





die Stellvertreterin der Aphrodite, aufgefafst werden 


4 


67 


"Papt>sqy Jururu aNeanıy 


Cs anyas nz) 





Alkestis. 


Hochzeit u. Eheılenkın. 8. 45 A.80 
Der hinter Adnet stehende nackte, schöngehildete 
ber dem Ar, welcher 
den Pfeiler anfstützt, 
wein. Mit der Rechten winkt er 

Aufbruch, und ball wind er 
führer ihm verfallene Brant 
hina en. Die äußerste Fignr rechts, deren al- 
zewendete Stellung sie von diesem Vonzang trennt, 
in nur etwa der verloren gezungenen Seene der 






{Rofsbach, 




















selbst 






nele 













schiel der tatten findet sich 
‚m Vorhilde ‚r etruskischen 
zwischen zwe 
Volkes; x. Arch Ztg. 21 Taf. 180,3. Bei den Griechen 

t das Verhältnis eine Umgestaltung dar 
rs durch Euripides in de 
m die Alten nicht recht al 
Tragödie wollten gelten Tassen, sondern als dpäua 
Gurupikrrepov, ütı eig Xapdv ul hoviv Karaorp£pe, 
ec. hypoth. Dennach wurde dies Stück, dessen 
tung und Popmlarität durch. hänfige 
nes dargethan wirt vel 


























pielungen « 











Anleger zu , 6915, Tall 
anch zur Grundkye für weitere künstlerische Dar- 
stellungen, bese anf Grabmälern und Surke 






phagen. Zwei ind abgebildet hei Zangen 

iril. 1, M. 108,428: und Gerhanl, 
Ant, Bildw. Hier bildet die Sterbencene den 
Mittelpunkt des Ganzen, Eltern und Kinder dienen, 





des Beschauers Rührunz zu verstärken, Während 
früher die Braut €v axun iißng plötzlich hinsterben 
mufste  wahrse lieh nicht als Stellvertreterin. 
sondern zur Strafe für Adınet‘, sehen wir bei dem 
realistischen Diehter die Eltern des Gatten, welche 
nit ihrem Leben 1, den feigen Gemahl xellst, 
die heldenmütiz Anldende Gattin, unmünddige Kinder. 
ntünlichen Wendung in der bildlie 
n wir auf mehreren Wander 
en eines aus Ilereulanenın nach Mus. 
hier wiederholt ist. (Abb. 53.) Zur 
riehtigen Fi ı Petersen, Arch. Zt. XXI, 
113. mufs angenonunen werden, dafs dem Admet 
die Bedingung für Erhaltung seines Lebens durch 
ein Orakel Apollons, und zwar schriftlich. erteilt 
wurde, und die, Gemä stellen den Augenblick 
wo der Bote von Delphi mit der Schrifttafel ange 
langt ist. Von wen di ung etwa dichterisch 
bearbeitet wnrle une so Verbreitung fand, ist 0 
wenig ermittelt wie der nähere Inhalt der die Alkestis 
delnden Trazidien des Phrynichos nnd Sophe 
welehe ie Tiggt. Auf dem 
Bilde sitzt der Bote auf \ el vor Admet 
une hat ihm eben hon den Aus 
ich Apollons vorgelesen. Der junge Gatte ist 
aner nl Sinnen versunken; anch in den Auen 







































tiese F 

























Alkestis. 


der hochzeitlich verschleierten Alkestis zeigt sich 
tiefer Schmerz; doch hat ihre Rechte den Bräutigam 
umfafst; sie steht im Begriffe, ihren Entschlufs zu 
fassen. Zunächst dem Paare hat sich erschreckt, 
die Brautjungfer (vunpeirpia oder vuuparurds, 
8.»Hochzeit«) erhoben. Weiter rechts stehen die hart- 
berzigen Eltern Admets, »der Vater mit mattherzigem 
Bedauern, die Mutter mit ausgesprochener egoisti- 
scher Berechnung sich vorsichtig fern haltend«. 
Im Hintergrunde 


Alkibindes. 4 
Künstlergesch. I, 273; von Pyromachus auf einem 
Viergespann, Plin. 34, 80; von Nikeratos mit seiner 
Mutter Domarate, Plin. 34, 88; in Rom neben Pytha- 
goras, Plin. 34, 26; Plut. Num. 8.« (Brunn in Pauly's 
Realeneyklop.) Wir geben aus Visconti Iconogr. 

| grecq. pl. 16, 1 die Herme, welche erst zu des 

| Herausgebers Zeit ausgegraben wurde und also in 
der Bezeichnung von einer weit früher publizierten 
| und einem Steine, der Sokrates’ und Alkibiades' 

Köpfe mit Na- 





oben zeigt sich 
das Halbbild 
Apollonsoderder 
Artenıis (was in 
dieser Art von 
Gemäldenschwer 
zu entscheiden 
ist). — Mehrere 
andere Gemälde 
geben in freien 
künstlerischen 
Variationen den- 
selben Typusund 
bestätigen die 
angegebene Er- 
klärung der ein- 
zeinen Personen. 
Dafs die Un- 
glückabotschaft 
am _Hochzeits- 
tage selbst er- 
folgte, ist ein 
echt tragischer 
Gedanke. — Die 
Beliebtheit des 


men trug, gewils 
unabhängig ist. 
(Abb. 54.) Wenn 
dieses Bild als 
mangelhafte Ko- 
pie zweiter oder 
dritter Hand 
auch die Fein- 
heit des Origi- 
nals gänzlich ein- 
gebüfst hat, so 
zeigt es doch in 
der Stirnfurche 
u. dem herabge- 
kämmten Haare 
mindestens den 
hohen Dreifsiger, 
dessen berühmte 
Jugendschönheit 
(durch Aus 
| schweifungen u. 
Anstrengungen) 
längst entflohen 
ist. Glücklicher- 
weise ist unsaber 























Gegenstandes auch von der er- 
zeigt sich noch sten Periode eine 
darin, dafs Al- Darstellung in 
kestis auch auf mehreren Büsten 


einem Mithras- 
relief als symbo- 








erhalten geblie- 
ben, wie Helbig, 











lische Andeutung = Ann. Inst. 1866, 
des freiwilligen 8.228. nachge- 
Opfertodes und 53 Adınet soll sterben. (Zu Selte 46.) wiesen hat, unter 


der Überwindung seiner Schrecken erscheint, Bull. 
Inst. 1853 p. 88. (Bm) 
Alkiblades. »4Alcibiades, princeps forma in ca 
aetate (Plin. 36, 28), so dafs sein Porträt manchen 
Hermesbildern zu Grunde gelegt wurde (Clen. Alex. 
protr. p. 36), feierte seine Schönheit und seine ago- 
nistischen Siege in zwei Gemälden, auf denen er von 
Olympias und Pythias gekrönt und auf den Knien 
der Nemea sitzend erschien, Athen. 12, 53$d; Plut. 
Alc. 16, Paus. I, 32, 6. Häufig war er statuarisch 
gebildet:: so in Samos, Paus. VI, 3, 6; von Polykles, 
Dio Chrys. or.37, II p.122R; von Mikion (?), Brunn, 


denen wir die schönste nach Mon. Inst. VIII, 25 (sie 
| befindet sich im Museo Chiaramonti des Vaticans) 
geben. (Abb.55.) Nur die Nasenspitze und ein Teil 
des linken Ohres ist ergünzt. Die Form als Büste 
(kenntlich an der Bildung des Halses) zeigt allein 
schon, dafs wir eine römische Kopie vor uns haben; 
denn die Griechen bildeten nur Hermen, erst die 
Römer Büsten; — aber die strenge und wenig rea- 
listische Haarbildung beweist die Treue des Abbildes, 
und dieselbe Eigenschaft läfst zugleich auf ein Por- 
trät der älteren attischen Schule (vor Lysippos) 
schliefsen. Die jugendliche Anmut des Dargestellten 


54 (Zu Seite 47.) 


Alkibiades. 














Alkmene. 


zu erkennen bedarf es nur eines Blickes; das kurz- 
geschorne Uaar erinnert an das Gesetz der Palästra, 
der Bart ist erst als Flaum entwickelt (vgl. Plat. 
Protag. 309 A: waAög ävfp... al mirrwvog fjön ümo- 
mumAdpevog). Die Stirn hat idealisch schöne Um- 
rise; in dem völligen gerundeten Kinn glaubt Helbig 
den Ausdruck der Sinnlichkeit wahrzunehmen; dazu 
stimme die Bildung der dicken Unterlippe, während 
die Oberlippe fein und dünn ist. Jedenfalls läfst 
"s Bild das schwärmerische Entzücken über 
die Schönheit des jungen Alkibiader wohl verstehen; 











55 Zu Seite 47.) 


auch ist es nicht unmöglich, mit Helbig in der 
Lippenbildung eine Andeutung des Lispelns zu 
finden, so wie auch alle Büsten eine leise Seiten 
bengung des Kopfes zeigen, das xAasauyevebcolu 
des Komikers Archippos bei Plut. Aleib. 1. [Bm! 
Alkmene. Auch die Mutter des Herakles hatte 
ihre Legende, die sich vorzugsweise auf die Empfäng 
nis des Heldensohnes und ihre eigene Apotheor 
bezieht. Von dem ersteren Momente konnten die 
Künstler nur wenig Gebrauch inachen ; aber wenig: 
stens am Kypseloskasten salı man Zeus, in einem 
Amphitryon verkleidet; er bot der Geliebten nit 
der Rechten den Hochzeitsbecher, mit der Linken 
einen Halsschmuck, den sie annimmt; Paus. V, 18,1. 
Das einzige uns erhaltene Denkmal des bekannten 














Alkmene. 


Mythos ist dagegen der skurrilsten Art; es stammt 
aus der Auffassung der Komödie vom poıyög Zeüg, 
vielleicht nach der Farce des Rhinthon (Athen. 
1II, 111), auf einem berühmten Vasenbild, hier nach 
Winckelmann, Mon. ined. N.1%. (Abb.1 des Supple- 
ments.) Alkmene sitzt abends am Fenster wie eine 
öffentliche Dirne (Pollux IV, 130: &v ıf} xwuydig And 
Acdiorerlag... Yövana karaßAereı), auch wie diese mit 
einer pirpa um den Kopf (Poll. IV, 154); da kommt 
Zeus verkleidet mit einem Dickbauch und bürtiger 
weilser Maske, auf dem Kopfe einen scheffelartigen 
Aufsatz; er trägt eine Leiter, um einzusteigen. Ihn 
begleitet Hermes, ebenfalls dickbauchig und mit ge- 
waltigern Phallos, in gemeine Sklavenmaske versteckt, 
aber kenntlich an dem Reischute, der flatternden 
Chlamys und dem Heroldstabe. Er hält eine Lampe 
in der Hand und erhebt sie gegen das Fenster, ent- 
weder um (wie Winckelmann hinzufügt) seinem 
Herrn zu leuch- 
ten, oder es zu 
machen, wie Del- 
phis beim Theo- 
krit IL, 128 zur 
Simaitha sagt, 
mit der Axt und 
mit der Fackel, 
d.h. mit Feuer 
und Schwert Ge- 
walt zu gebrau- 
chen, wenn ihn 


Alkyoneus. 





£©} 


deutet dies darauf, dafs Amphitryon sie für die ver- 
meintliche Untreue bestrafen wollte, Zeus aber durch 
ein gesandtes Unwetter sie (ähnlich wie den Krösos) 
rettete. Ann. Inst. 1837, 8.387; 1872, 8.1—18. [Bm] 

Alkyoneus. Der Gigant Alkyoneus, welcher in 
dem Kampfe gegen die Götter mit Herakles zu- 
sammentrifft, wird von dessen Pfeil erschossen, lebt 
aber niedersinkend wieder auf von der Wärme des 
Bodens (Apollod. 1, 6, 1, 6: mi TAg fs maAov äv- 
eddAnero), bis Herakles auf Athenas Rat ihn aus 
Pallene fortschleppt. Aus dieser Erzählung war kein 
Motiv für bildliche Darstellung zu gewinnen; ebenso- 
wenig aus der Wendung Pindars, nach welcher der 
Riese dem aus Erytheia mit den entführten Rindern 
zurückkehrenden Helden durch einen geschleuderten 
: Felsblock 12 Wagen und 24 Mannen begräbt, ehe 
er erliegt. (Nem. 4, 25: möptinge xal Töv ueyav mole- 
 uoräv Exmaykov ’AAkvovfl, oD Terpuoplas ye mpiv dud- 
dexamerpypfpwdg 
7 emeußeßadrag 
Immobduoug Eev 
dig T6ooug; vgl. 
Isthm.6,31). Um 
den Einzelkampf 
darstellbar zu 
machen, benutz- 
ten die Künstler 
einen litterarisch 
gar nicht über- 
lieferten Zug, wie 





dieGeliebtenicht Jahn in Ber. d. 
einlassen will. -— Sächs. Ges. d. 
Eine Statue von Wissensch. 1853 
der  Alkmene 56 Hercules gegen Alkyonens. 8. 135 ff. darge- 
hatte Kalamisge- than hat. Auf 


bildet (Plin. 34, TI Alcumena nullius est nobilior), 
welche vielleicht in Athen im Heiligtum des Herak- 
les, dem Kynosargen, stand, wo sie auch einen 
Altar besafs, Paus. I, 19, 3. — Nebensächlich er- 
scheint sie bei der Geburt des Herakles und beim 
kleinen Schlangenwürger, Plin. 35, 63, Philostr. iun. 
imag. 5. Millin, G.M. 109, 429; 97, 430; 110, 481. — 
Nach dem Tode Amphitryons heiratet sie Rhada- 
manthys, den Zeussohn, und lebt mit ihm im böo- 
tischen Okaleia, Apollod. II, 4, 11, 7; II, 1, 1,8. 
Als derselbe dann später Totenrichter wird, führt 
ihm Herakles die Mutter in die elyrischen Gefilde 
zu (Anton. Lib. 33), was am Tempel der Apollonis 
in Kyzikos dargestellt war, Anthol. Palat. III, 13. 
Davon ganz abweichend und litterarisch nicht zu 
belegen ist aber eine Darstellung auf zwei Vasen- 
bildern, auf deren einem Alkmene auf einem Altar, 
auf dem andern auf einem Scheiterhaufen sitzt, den 
Amphitryon und ein Diener anzuzünden im Begriff 
stehen, während von einem Iriebogen herab in Zeus’ 
Gegenwart zwei Nymphen Wasser schütten. Man 
Denkmäler d. klass. Altertums. 





einer Münchener Schale mit roten Figuren liegt der 
Riese, inschriftlich mit Namen bezeichnet, ausge- 
streckt und an ein Kissen gelehnt, mit deutlich 
geschlossenen Augen im Schlafe da, während ihm 
Herakles gerüstet mit der Keule von vorne naht 
und hinter ihm Ifermes mit erhobener Rechten den 
Angreifer ermutigt. Der Gott und der Halbgott er- 
scheinen neben Alkyoneur winzig klein. Auf einem 
zweiten Vasenbilde liegt Alkyoneus ebenfalls ausge- 
streckt unter einem Ölbaume, mit Rücken und Kopf 
an einen Felsblock gelehnt, freilich mit nicht ganz 
geschlossenen Augen, aber doch ganz in der Stellung 
eines Schlafenden. Herakles rückt nackt, nur das 
Löwenfell um Schulter und linken Arm geworfen, 
gegen ihn an, in der Linken den Bogen haltend, in 
der Rechten das gezückte Schwert. Ein drittes, 
wesentlich gleiches Bild zeigt den Riesen unter einer 
Grotte schlafend; hinter Herakles, der heranschleicht, 
sitzt die bewaffnete Athene. 

Ein neues Motiv erscheint auf einer Oinochoe mit 
schwarzen Figuren, deren Bild wir (Abb. 56) nach 

4 


50 Alkyoneus. 
Ann. Inst. V, tav. D 2 hier wiedergeben. Alkyoneus, 
weniger riesenhaft gebildet, liegt auch hier an einen 
Felsen angelehnt; doch scheint er nicht mehr zu 
schlafen, sondern eben erwacht die rechte Hand 
gegen Herakles auszustrecken, der, das Löwenfell 
über dem linken Arm als Schild benutzend, sonst 
nackt, mit dem Schwerte gegen ihn anrückt. Von 
den Zweigen des den Riesen überrankenden Baumes 
aber senkt sich auf dessen rechten Arm herab eine 
kleine nackte geflügelte Figur, deren Armbewegung 
(die Hände über den Knien gefaltet) dahin ge- 
richtet scheint, den Widerstand des Angegriffenen zu 
lähmen. Jahn hält dieselbe für eine ältere Bildung 
des Hypnos, wofür sich Homer = 2% anführen läfst, 
wenngleich der Schlafgott dort geradezu in Gestalt 
eines singenden Vogels auf dem Baume sitzt. Die 
Darstellung wiederholt sich noch auf zwei andern 
Bildern. Eine neue Variation stellt Alkyoneus mit 
der Keule in der Hand schon zu Boden gesunken 
dar, während Herakles einen Pfeil ihm zuzusenden 
im Begriff ist, Athena aber vor letzterem her- 
schreitend mit eingelegter Lanze ihn überrannt zu 
haben scheint. Über den liegenden Riesen hin 
schreitet durch die Luft eine geflügelte weibliche 
Figur, in welcher man hier allgemein den Todes- 
dämon, eine Krp ravnkeyeos Havaroıo (© 70, X 210 
u. a.) erkannt hat. -— Endlich ist der Riese auch 
entschieden wachend dargestellt (a. a. O. Taf. 8, 2); 
er liegt waffenlos auf der Erde, hat sich aber mit 
dem Öberleibe wieder aufgerichtet und stützt sich 
mit der linken Hand auf, während Herakles im 
eilenden Laufe schon im Begriff ist, mit dem linken 
Fufse seinen Leib zu berühren. Der nackte Held 
hat in der Linken den Bogen, dessen Pfeil den 
Gregner schon verwundet hat, und schwingt in der 
Rechten die Keule, um ihm den Rest zu geben. 
Hinter ihm steht Hermes bekleidet, mit Petasos 
und Heroldstab. Alkyoneus ist hier riesig grofs, 
mit langherabhängendem Bart- und Haupthaar ge- 
bildet, dabei durch eine knollenartig vorspringende 
Nase zur Karikatur entstellt. [Bin] 
Alphabet. 1. Das griechische Alphabet. 
Der Ursprung des Alphabets der klassischen Völker, 
dessen römischer Form auch das unsrige entstammt, 
ist noch Gegenstand der Forschung. Der gewöhnlichen 
Tradition, dafs die ägyptische Hieroglyphenschrift 
die Quelle der semitischen Silbenschrift gewesen sei, 
die dann in ihrer phönikischen Gestaltung zur See 
über die Inseln zu den Griechen gelangt sei (Herodot 
V, 28; Tacitus Ann. XI, 14; vgl. Lenormant, Essai 
sur la propagation de l’alphabet phenicien I, 85 
Paris 1874), ist von mir in der Zeitschrift der 
Deutschen Morgenländischen Gesellschaft XXXIJ, 
102—116 und in meiner Ausgabe von Otfr. Müllers 
Etruskern II, 513 — 526 Beil. II, der Nachweis gegen- 
übergestellt worden, dafs erstens die Formen und 


Alphabet. 


Namen der semitischen Schriftzeichen Vorderasiens 
sich leichter und treffender aus der neu- oder kursiv- 
assyrischen Keilschrift erklären lassen, und daß 
zweitens das älteste griechische Alphabet bei den 
Ioniern Kleinasiens aus einem auf dem Landwege 
zu ihnen gelangten semitischen, wahrscheinlich sy- 
rischen Schriftsystem entstanden ist. 

Die von mir auf Seite 52 Schrifttafel I Sp. 1 ge- 
gebenen altsemitischen Formen schliefsen sich 
am engsten an diejenigen des Mesasteines in Moab 
(um 850 v. Chr.) und der aramäischen, in Mesopo- 
tamien gefundenen Gewichte, Siegel und Gemmen 
(800—600 v.Chr.) an. — Die äu[sere Umgestaltung 
der 22 semitischen Zeichen durch die Griechen (vor 
600 v. Chr.) bestand, wie Seite 52 Schrifttafel 1 
zeigt, wesentlich nur in einer, später fortschreiten- 
den und fast überall dieselben Bahnen einschlagen- 
den Geraderichtung, Regularisierung und Verein- 
fachung, wobei mehrfach zu ähnliche Zeichen, wie 
N. 4 und 20, stärker differenziert, aufeinander fol- 
gende, wie N.5 und 6, 13 und 14, assimiliert wurden. 
Die Ansetzung der griechischen Urformen ist 
von mir bei Otfr. Müller, Etrusker 2. Aufl. II, 514 
bis 518 begründet worden. Kleine Änderungen, deren 
Rechtfertigung hier zu weit führen würde, finden 
sich bei N.2, 4, 9, 12; bei N.8 habe ich eine zweite 
Form hinzugefügt. — Die linksläufige Richtung der 
semitischen Schrift wurde anfangs beibehalten; dann 
in abwechselnd entgegengesetzte Richtung, wie der 
Pflüger die Furchen zieht (Bovotpopnd6öv), umgewan- 
delt; endlich siegte, seit etwa 400 v. Chr., die rechts- 
läufige Schreibung. — Wichtiger war die innere 
Umgestaltung, der die Hellenen die überkommene 
Schrift unterzogen. Das semitische Schriftsystem war 
insofern auf der Stufe der Silbenschrift stehen ge 
blieben, als jede Silbe, aus Konsonant und Vokal 
bestehend, nur durch den Konsonanten ausgedrückt 
ward, während der Vokal als nebensächlicher Be- 
standteil nicht geschrieben ward. Der anlautende 
Vokal wurde stets durch einen Hauchlaut eingeleitet, 
der vokallose Konsonant von einem verkürzten un- 
deutlichen Vokal (dem Schwa) begleitet. Die Grie- 
chen nun schufen das erste wahre Alphabet, 
d.h. eine reine Lautschrift, indem sie die Zei- 
chen N. 1, 5, 10, 16 zur Bezeichnung der Vokale a, 
e, i, o, einstweilen ohne Unterscheidung der Quan- 
tität, verwendeten. Von Jden andern Zeichen nahmen 
sie N. 2, 3, 4 für die Medien ß, y, d; N. 17, 11,2 
für die Tenues m, «, T; N. 19 für eine härtere Aus 
sprache der Gutturaltenuis vor o und u (=qg); N.9 
für die harte Dentalaspirata 4 (= th). Die Liquiden 
N.12, 13, 14, 20 behielten ihren Wert als X, u, v, p 
letzteres mit hartem Hauch (p); N.6 ward zur wei- 
chen labialen Spirans F (= v, Bau oder, wegen der 
Form, Digamma genannt), die damals noch überall 
gesprochen wurde; N.8 zum harten Hauchlaut (=Jh, 


Alphabet. 51 


spiritus asper). Der Sibilant N. 21 (odv) diente als 0, 
wurde aber allmählich durch den, seiner Ähnlichkeit 
mit N.13 wegen, umgelegten Sibilanten N. 18 (oiyua) 
verdrängt; die dem lateinischen C ähnliche Form 
wurde erst seit Alexander d. Gr. üblich. Nur in 
einigen Gegenden (Thera, Melos, Kreta, Korinth und 
Kerkyra, Phocis, achäischen Kolonieen) behielt das 
Sigma seine aufrechte Form, während u anders modi- 
fiziert ward, und in einigen abgeleiteten Alphabeten 
(Schrifttaf. II S. 53) blieben beide Sibilanten (s. unten). 
Als Doppellaute endlich wurden N.7 Z für ein aus dj 
entstandenes weiches do, N.15 E für xo, das aus jedem 
Guttural mit folgendem o entstand, verwendet. 
EineErweiterung nun erfuhr das so geschaffene 
griechische Alphabet zu verschiedenen Zeiten, an 
verschiedenen Orten, in verschiedener Weise, durch 
Aufnahme kyprischer Schriftzeichen, wie zuerst 
von mir nachgewiesen worden ist. Die Insel Kypros 
nämlich besals von 650-300 eine eigene, aus der 
sog. Hittitischen Bilderschrift, deren Mittelpunkt 
° Kilikien gewesen zu sein scheint, unter bestimmen- 
dem Einflufs der assyrischen Keilschrift entstandene 
merkwürdige Silbenschrift; vgl. W. Deecke, Über 
den Ursprung der kyprischen Silbenschrift, Strafs- 
burg, Trübner 1877; ders. Die griechisch -kypri- 
schen Inschriften in epichorischer Schrift S. 8— 12, 
Göttingen, Peppmüller 1883, nebst Schrifttafel. Diese 
Silbenschrift hat Zeichen für die Vokale und für 
Konsonanten mit inhärierendem Vokal, von denen 
diejenigen mit e auch als vokallose Schlufskonso- 
nanten dienen, alle unter Umständen in der Aus- 
sprache den Vokal verlieren. Allgemein, und daher 
am frühesten, ist aus der kyprischen Silbenschrift 
das Zeichen für den Vokal u rezipiert, attisch ü ge- 
sprochen, N.23. Später, angeblich durch den Dichter 
Simonides von Keos um 500 v. Chr., wurden die 
kyprischen Zeichen für pu und ku, N. 24 und 25, die 
auch für ph(u) und kh(u) dienten, offenbar nach 
Analogie des #8 = th, zur Bezeichnung der harten 
labialen und gutturalen Aspirata aufgenommen; doch 
drang nur ersteres allgemein durch, letzteres blieb 
auf den Kreis der ionischen Alphabete beschränkt. 
Noch örtlich isolierter blieb das aus dem kyprischen 
s(e), N. 26, nach Analogie des E — xo, gebildete 
y=-1n0, aus jedem Labial mit o entstanden; die Ver- 
bindung to ward nicht geduldet. In allen diesen 
Fällen hatte man sich früher durch Schreibung mit 
zwei Zeichen geholfen: TTH, KH, TTZ, ®Z, wie auch 
KZ und XZ vorkommen. Kyprischen Ursprungs sind 
ferner die eigentümliehen auf einigen Inseln und in 
Korinth vorkommenden Formen des ß, veranlalst 
durch die dem ursprünglichen ß ähnliche Umge- 
staltung des e (vgl. N. 2 und 5), nämlich M aus 
kyprisch v(e) und $ aus kyprisch p(e). 
Die zweite Gruppe der griechischen Alphabete, 
die sog. chalkidische, unterscheidet sich von der 


bisher betrachteten ionischen durch die Ver- 
werfung des Zeichens N. 15, des ursprünglichen £, 
an dessen Stelle ein aus dem kyprischen x(e) modi- 
fiziertes, kreuzähnliches Zeichen trat, äufserlich ähn- 
lich dem ionischen x (8. Schrifttafel I). Infolgedessen 
wurde für das x ein dem kyprischen k(e), das auch als 
x(e) verwendet ward, entlehntes Zeichen genommen, 
dessen Ähnlichkeit mit dem ionischen y in einigen 
Gegenden für letzteren Laut eine vermittelst Durch- 
ziehung der Querstriche gebildete Modifikation in 
Aufnahme kommen liefs (N.26). In der Anordnung 
trat hierbei das neue x vor das @. 

Eine weitere Vervollkommnung ging um 
550 v. Chr. von dem ionischen Alphabete aus, 
indem das Ö als unten offen (s. N.27) vom 5 ge- 
trennt ward. Nach dieser Analogie ward dann N.8 als 
& dem & (N. 5) gegenübergestellt und für das starke 
und schwache Hauchzeichen die linke und rechte 
Hälfte von N.8 verwendet (spiritus asper und lenis). 
Auch hörte man auf, N.5 für ei, N. 16 für ou zu 
verwenden, und schrieb überhaupt die Diphthonge 
vollständig. Das so vervollkommnete ionische Alpha- 
bet, wesentlich in den letzten Formen von Sp. 3 auf 
Schrifttafel I, wurde dann 403 v. Chr. durch den 
Archonten Eukleides, angeblich von Samos aus, 
an Stelle des altattischen in Athen eingeführt und 
hat von dort aus allmählich alle dialektischen Al- 
phabete verdrängt, so dals es später gemein- 
griechisch ward. Dies Alphabet hatte die Zeichen 
ü&A@a, Bfita (daher der Name Alphabet), yduna, deAta, 
Ewılöv (d.h. Nicht-Hauchlaut, wie ursprünglich n 
war), Zfjta, nra, UNTa, iWra, xdrnnma, Adußda, uO, VO, 
£i, ö uırpöv (d.h. kurzes o), mi, PW, olyua, TaD, Ö yı- 
Aöv (d. i. Nicht-Hauchlaut, wie das Digamma war), 
pi, xt, yi, bb ueya (langes 0). Das Digamma, eigent- 
lich Bad (N.6), und das Qoppa (N. 19) wurden nur 
noch als Zahlzeichen für L und 9 gebraucht; ein 
eigentümliches Zeichen & (Sampi, wohl = or, neben 
y= no) diente für 900. 

Was die im einzelnen auf Schrifttafel I gegebenen 
Formen betrifft, so sind sie, mit Ausnahme einiger 
Ergänzungen, im wesentlichen aus Herm. Röhl, In- 
scriptiones Graecae antiquissimae, Berlin, Reimer 
1882 genommen; vgl. noch Th. Kirchhoff, Studien z. 
Gesch. des griech. Alphabets 3. Aufl., Berlin, Dümmler 
1877, mit 2 Schrifttafeln. Berücksichtigt sind im 
ganzen nur die Hauptformen, und zwar so geordnet, 
dafs die älteren durchweg voranstehen, um die all- 
mähliche nivellierende Regularisierung der Gestalten 
zu zeigen. Nur hin und wieder sind charakteristische 
Abartungen eingefügt, wie das fünfstrichige e und 0, 
das quadratische $ und o u. 8. w. 

Die aus dem spätattischen Alphabet entstandene 
Kursivschrift findet sich zuerst im 2.Jahrh. v.Chr. 
in ägyptisch -griechischen Urkunden; in die Hand- 
schriften drang sie erst in byzantinischer Zeit ein. 


52 


Alphabet. 


‚Chalcidisches Alphabet 


Nüdwest- 

| | Pelopames» haeische 
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A_AAIA aAlalanlamalaıa 


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57 Schrifttafel I. (Zu Seite 50 fi.) 


Etruskisch 





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58 Schrifttafel II. (Zu Seite 50.) 


54 Alphabet. 


2. Die italischen Alphabete. Dafs durch 
Handel und Kolonisation in Italien in verschiedenen 
Gegenden verschiedene griechische Alphabete ein- 
geführt wurden und sich über die benachbarten ein- 
heimischen Stämme verbreiteten, ist natürlich, und 
die Spuren davon finden sich in manchen Gegenden. 
So lehnt sich das messapische Alphabet, das ich 
seines vorwiegend griechischen Charakters wegen 
noch auf Schrifttafel I gesetzt habe, an die ionische 
Gruppe an; vgl. W. Deecke im Rhein. Museum, 
n. F. XXXVI, 576 ff.; so zeigen das, freilich mehr- 
fach unsichere, sabellische und das oskische Alphabet 
in einzelnen Momenten den Einflufs der benachbarten 
Jorischen und achäischen Kolonieen. Im wesent- 
lichen aber stammen alle italischen Alphabete von 
einem wohl schon gegen 550 an der mittleren West- 
küste Italiens, vielleicht von Kumä aus, verbreiteten 
chalkidischen Alphabet ab, das freilich vollstän- 
diger als alle uns erhaltenen einheimischen grie- 
chischen Alphabete Jieser Gruppe war. Das beweisen 
die in Veji, Cüre und Uolle (bei Siena; gefundenen 
etruskisch-griechischen Alphabete (Schrift. 
tafel II, Sp. 2--4), aus denen ich wesentlich jenes 
uritalische Alphabet :ebdas. Sp. 13 herzustellen 
versucht habe; vgl. Otfr. Müller, Etrusker 2. Aufl. 
I, 526 ff. Von diesem Alphabet von 26 Zeichen 
(22 semitischen und 4 kyprischen) liefsen alle itali- 
schen Stämme, vielleicht mit Ausnahme der Sabeller, 
das ursprüngliche x «N. 155 fallen, da schon die Chal- 
kidier dasselbe durch N. 24 ersetzt hatten; im übrigen 
behandelten sie es schr mannigfaltig. 

Die Etrusker (8. Otfr. Müller, Etrusker 2. Aufl. 
1I, 528—530) verwarfen, da ihnen die Medien fehlten, 
N.2 und 4, und brauchten N. 3 für die Tenuis, ohne 
Unterschied von N. 11k, das bald zurücktrat; noch 
früher erlosch, wegen zu grofsen Gleichklanges mit 
der Tenuis c (k), das q, N. 19. Sie strichen ferner 
das o, N. 14, da es bei ihnen durch dumpfe Aus- 
sprache dem u sich zu sehr näherte; nur in Pisaurum 
ward es durch nordetruskischen Einflufs wiederher- 
gestellt. Das x rezipierten sie wohl nicht, weil es 
früh aspiriert ausgesprochen ward, so dafs es bald 
xs und hs geschrieben wird. Von den Sibilanten 
brauchten sie (doch örtlich auch umgekehrt) im 
ganzen N.18 für den weichen, N.21 für den harten 
Laut; den ersteren bezeichnete auch z, N. 7, das 
jedoch auch für ts, ja st, vorkommt. Die aus den 
harten Aspiraten hervorgegangenen Spiranten gaben 
sie durch N.9 (8), N.25 (p) und N. 26 (x) wieder, 
doch ist p selten. Daneben nämlich erfanden sie 
für den eigentümlich italischen harten labiodentalen 
Spiranten f ein eigenes, vielleicht aus h (N. 8) 
differenziertes Zeichen (N. 27), dem das p bald wich. 
Von den etruskischen Spalten bieten 1—3 über- 
lieferte Alphabete älterer Zeit aus Mitteletrurien und 
Kampanien dar; Sp. 4 enthält die Zeichen der gröfs- 


ten etruskischen Inschrift, des perusinischen Cippus; 
Sp.5 die gewöhnlichen, schon abgeschliffenen Formen 
der Grabschriftenfülle von Chiusi, aus spätrepubli- 
kanischer Zeit; Sp. 6 die schon der Kaiserzeit an- 
gehörigen verschnörkelten Buchstaben der kurzen 
Bilinguis des Haruspex von Pesaro. Vollständigere 
Zusammenstellungen der etruskischen Alphabete hat 
W.Corssen, Die Sprache der Etrusker I, Taf. I—IIl 
gegeben. 

Das sog. nordetruskische, eigentlich wohl 
euganeische Alphabet (vgl. Th. Mommsen, Mitteil. 
d. Antiq. Gesellschaft in Zürich VII, 199 ff.) kennt 
das c, qQ, x und ®@ nicht, hat aber die Zeichen für a 
(s. das Lateinische), z, $ (?), 8 (s. das Kampanisch- 
Etruskische), u, vielleicht auch für n und x, eigen- 
tümlich entwickelt. Das vom Etruskischen abwei- 
chende Zeichen für f kehrt im Faliskischen wieder 
und könnte eine Modifikation des griechischen 
sein (s. Schrifttafel I, zweite Figur unter Westhellas‘. 

Ans etruskische Alphabet schliefst sich in den 
Formen zunächst das umbrische an, dem c, o, q, 
x, @ und x fehlen; dagegen hatte es das b und 
statt des d einen in lateinischer U'mschrift durch rs 
wiedergegebenen Laut, dessen dem r ähnliches Zei- 
chen bald als r, bald als d oder d bezeichnet wird. 
Das etruskische # und $ begegnen auf dem Haupt- 
denkmal, den Eugubinischen Tafeln (s. jetzt Fr. Bü- 
cheler, Umbrica, Bonn, C'ohen 1883), nur ganz ver- 
einzelt, während neben dem s ein in lateinischer 
Umschrift durch 8 wiedergegebener, meist aus der 
gutturalen Tenuis vor i enfstandener Sibilant exi- 
stierte, den man wohl als c bezeichnet hat (zweite 
Figur unter N. 21); die Form ist ein umgestülptes r. 
Eigentümlich ist die auch ins etruskische (Grenz- 
gebiet eingedrungene verkürzte Form des m, die 
Verrius Flaccus auch in Rom in der Synaloiphe ge- 
schrieben wissen wollte (Velius de orthogr. S.80, 19K\. 

Das faliskische Alphabet, uns bei der geringen 
Zahl der Denkmäler vielleicht nicht vollständig be- 
kannt, entbehrt des b, v (nach römischer Weise durch 
u ersetzt), %, k (dafür c), 8, q, $, x. Das z ist auch 
hier ein weiches s; das r ist geschwänzt; ihm ähn- 
lich das a. Über das f s. oben. 

Das älteste lateinische Alphabet, dessen (ie- 
brauch sich jedenfalls bis an den Beginn der Re- 
publik zurückführen läfst, hatte wohl 21 Buchstaben, 
von denen h und x, die in Inschriften noch fehlen, 
unter den vereinzelten Zeichen der sog. servianischen 
Mauer vorzukommen scheinen. Die Spiranten ®, @, x 
fehlten; für das f wurde das Digamma verwendet, 
während das u auch für den weichen labialen Spiran- 
ten benutzt ward, wie im Faliskischen, vereinzelt 
auch im Etruskischen. Das wahrscheinlich auf dem 
Töpfchen vom Quirinal erhaltene z wird auch von 
den Grammatikern als altlateinisch bezeugt und ward 
wohl hauptsächlich für das tönende 8 verwendet, bei 


Alphabet. 


dessen Übergang in r es überflüssig ward. Daher hat 
Appius Claudius Caecus, Censor 312 v. Chr., es be- 
seitigt und vielleicht schon damals an seine Stelle 
im Alphabete das zur Bezeichnung der gutturalen 
Media aus c differenzierte g gesetzt, obwohl (diese 
Neuerung gewöhnlich erst einem Freigelassenen des 
Spurius Carvilius Ruga, 231 v. Chr., zugeschrieben 
wird; vgl. H. Jordan, Krit. Beiträge zur Geschichte 
der latein. Sprache S. 152 ff., Berlin, Weidmann 
1879. Das durch c ersetzte k verblieb nur in 
wenigen Wörtern. Erst gegen Ende der Republik 
wurde für die griechischen l,ehnwörter mit dem y 
auch das z in Rom wieder eingeführt und beide an 
den Schlufs des Alphabets gesetzt. Die Schwänzung 
des r wurde durch die Schliefsung des Hakens des 
p bedingt. Die in der spätern Zeit (s. Sp. 3) vor- 
kommenden eigentümlichen Formen des e II und 
f I‘, beide auch volskisch, erstere faliskisch, sind 
noch unerklärt; sie verschwanden in der Kaiser- 
zeit wieder. Das als dialektisch angegebene Zeichen 
für d, ein durchstrichenes d, findet sich in dem 
lateinisch geschriebenen Weihgedicht von Kortinium, 
ist aber auch gallisch lateinisch. Die uns wohlbe- 
kannte feste regelmälsig schöne Gestalt gewann das 
römische Alphabet unter Augustus und bewahrte sie 
«durch mehrere Jahrhunderte. Das seit der sulla- 
nischen Zeit für i aufgekommene hohe I und die 
Reformversuche des Claudius: J=v; F=ü; das 
sog. Antisigma —= bs, ps, hielten sich auf die Dauer 
ebensowenig, wie das verkürzte m des Verrius Flaccus 
(s. oben) und die Doppelschreibung oder der Apex 
(-£-) zur Bezeichnung der Vokallänge und der Sici- 
licus (2) zur Bezeichnung der geschärften Konso- 
nanten. Die semitisch -griechischen Buchstaben- 
namen liefsen die Römer fallen und setzten dafür 
die noch bei uns gebräuchlichen einfachen Namen: 
a, be, ce, de, e, ef, ge, ha, i, ka, el, em, en, o, pc, 
qu, er, es, te, u, ix ein; ypsilon und zet(a) behielten 
die griechische Bezeichnung. Kursivschrift war 
im geschäftlichen Verkehr jedenfalls schon in der 
letzten Zeit der Republik üblich; selbst steno- 
graphische Noten schrieb man schon dem Dichter 
Ennius zu, und von Ciceros Freigelassenem Tiro 
wurden sie zu einem umfassenden Schnellschrift- 
system ausgebildet. 

Das volskische Alphabet steht, wie zu er- 
warten, dem altrömischen sehr nahe: nicht nachıı- 
gewiesen sind bis jetzt z, q und x. 

Das oskische Alphabet nähert sich in seiner 
Bildung dem campanisch-etruskischen, doch hat es 
die Medien b, g, d (mit eigentümlicher, dem rönmi- 
schen r ähnlicher Form), aber kein #, 8, q,®, %, 
auch kein x. Durch einen Querstrich in der Mitte 
rechts ward aus dem i ein Zeichen für einen dem e 
näherstehenden Vokal differenziert, ebenso aus dem 
u durch einen innern Punkt ein Zeichen für einen 

® 


Altar. 55 
dem o ähnlichen Laut, während das o selbst, wie im 
Ftruskischen und Umbrischen, fehlt. 

Das Sabellische endlich bedarf noch weiterer 
Untersuchung. Die im einheimischen Alphabet ge- 
schriebenen Inschriften sind noch keineswegs sicher 
gelesen und gedeutet. 

Die ursprüngliche linksläufige Richtung der 
italischen Schrift ist in den dialektischen Alpha- 
beten durchweg bis zu ihrem Untergange erhalten 
geblieben, selbst bei den Etruskern. Nur die Volsker 
schlossen sich den Römern an, die, wie die Griechen, 
aus der linksläufigen durch die Bustrophedonschrift 
‘s. die Fuciner Bronze) zur rechtsläufigen Richtung 
übergingen, die seit der Reform des Censors Claudius 
wohl allgemein ward. 

Ob in den eigentümlichen Formen des e ll und 


' fl", A, vielleicht des m A uns Reste einer italischen 


a nn 


Urschrift, aus der Zeit vor der griechischen Ko- 
lonisation erhalten sind, lasse ich dahingestellt. [D] 

Altar. Da der Zweck des Altares die Aufnahme 
des der Gottheit dargebrachten Opfers ist, so ist die 
Erhöhung vom Erdboden bei ihm das Wesentliche 
und gewissermnafsen Symbolische in der Form, wo 
es sich, wie doch gewöhnlich, um obere Götter 
handelt (den Unterirdischen opfert man seit Homer 
A 25 häufig in Gruben); gerade wie man bein (rebet 
die Hände zum Himmel emporhebt. Wenn der Herd 
des Hauses mit Recht als ursprünglicher Altar (&sxdpa) 
gilt, so hat er die Bequemlichkeit der Erhöhung von 
der Erde seiner Mitbestimmung als Altar zu danken. 
Damit stimmt die Etymologie von Bwud6g, ara, altare. 
Fbenso sind die Opfertische (anclabris, Yuwpöc) als 
eine Art von Altären mäfsig hoch, während die 
Speisetische niedrig blieben. — In ältester Zeit er- 
richtete man Altäre aus Erdaufschüttungen oder 
Steinhaufen, aus Zweigen oder geschichteten Holz- 
stöfsen, welche letzteren zugleich die Flamme des 
Opfers nährten (Paus. IX, 3, 2\. Ländliche Altäre 
aus Rasen (graminea, cespiticia) kennen noch Horaz 
Od. I, 19, 13 und Vergil Aen. XII, 118. Impro- 
visierte Altäre aus zusamınengelesenen Steinen (xep- 
uddes Apoll. Rhod. I, 1123; II, 695) oft auf Vasen- 
bildern, 8. z. B. Art. »Athena«; aus ungebrannten 
Ziegeln Paus. VI, 20, 7. Als ein Raftinement viel- 
besuchter Opferstätten aber ist der Bau der Altäre 
aus der Asche der Öpfertiere oder aus ihren llörnern 
anzusehen. Letzteres war beim Apollontempel in 
Delos der Fall (xepdrivos Bwuös, structa de cornibus 
ara); ersteres häufiger (der Apollon onödlog in Theben 
hatte seinen Beinamen davon); namentlich bestand 
der grofse Altar des Zeus in Olympia, welcher unten 
125 Fuls im Umfange hielt, im oberen Teile, der 
22 Fufs hoch war, aus der mit Alpheioswasser ver- 
mischten und verhärteten Opferasche; Paus. V, 13,5. 
Auf Kunstwerken finden wir jedoch meist künstliche 
Altäre aus Stein, wie sie in historischer Zeit fast 


56 Altar. 


ausschliefslich in Gebrauch waren. Innerhalb der 
Tempel, wo bekanntlich keine eigentlichen Brand- 
opfer stattfanden, sondern neben unblutigen Gaben 
und Weihgeschenken nur Räucherwerk angezündet 
wurde, sind sie klein und niedrig (arulae Üic. Verr. 
IV, 3), um das Götterbild «dem Betenden nicht zu 
verdecken ; die im Freien stehenden Brandaltäre 
haben jede beliebige Gröfse. Der Altar zu Pergamon 
(8. Art.) wird auf 13 m Höhe berechnet; in Parion 
war ein Altar von der Länge eines Stadions; ein 
in Eleusis gefundenes Stück der Schmalseite des 
Demeterultars ist über 25 Fuls lang. Die auf Reliefs 
und Gemälden dargestellten, sowie zahlreiche auf- 
gefundene Altäre halten ziemlich beschränkte Ver- 
hältnisse ein; so der hier abgebildete (Abb. 59) auf 
Delos gefundene (nach Clarac Muse pl. 121, 156), 
dessen Höhe nicht ganz Im beträgt. Er ist von cylin- 
drischer Form (andre sind dreieckig, viereckig oder 
länglich rund), ist wie die meisten architektonisch 
gegliedert mit Basis und Aufsatz und trägt in Marmor 
den Schmuck ausgehauen, welchen man ursprüng- 
lich als Naturgaben Jen Altären anzuhängen pflegte: 
ein Gewinde von Blättern, Blumen und Früchten, 
schön geordnet zwischen den Schädeln der geopferten 
Stiere und durchschlungen von der breiten bakchi- 
schen Binde (xprjideuvov), welche nebst den Trauben 
einen Dionysosaltar anzudeuten scheint. Denn, wie 
natürlich , werden jedes Gottes Altäre, wenn über- 
haupt, mit den ihm eigenen Attributen und Eın- 
blemen verziert. Zusammenstellungen bietet aufser 
zahlreichen Münzen mit Altären Bouillon vol. UI, 
Autels pl. 1—6, woraus wir nach pl. 2 die eine Seite 
eines römischen Apollonaltars hier wiederholen 
(Abb. 60). Er ist dreieckig und 1m hoch. Die eine 
Seite zeigt einen schön verzierten Dreifuls, darauf 
einen Raben, rechts und links Lorbeerzweige. Auf 
der zweiten Seite sieht man einen mit Bändern ge- 
schmückten Ährenkranz, das xpuoodv #epos an- 
deutend, worauf ein Adler sitzt, zu den Seiten Mais- 
ähren. Auf der dritten (hier abgebildeten) Seite 
zeigt sich zwischen Lorbeerbüäumen vor einem Rauch- 
altar ein ährenbekränzter Priester, welcher eine un- 
gegürtete Tunika trägt, die den rechten Arm blofs 
läfst (Erepoudoxalos Pollux VII, 41; brachio exserto). 
Vielleicht ist ein Weihrauch opfernder römischer 
Quindecimvir des Apollon gemeint und zwar, wie 
der Vollbart zeigt, aus der Zeit der Antonine. Die 
abgestumpften Ecken sind mit Blumen verziert, die 
aus Kelchen und Vasen hervorwachsen; daneben 
an den Kanten noch Doppelthyrsen (di}upoov). An 
der Basis sind sirenenähnliche Sphinxe als Träger 
gebildet, dazwischen eine grofse Sonnenblume. — 
Ein ganz kleiner, dreiseitiger römischer Hausaltar 
aus Terrakotte in Berlin, sog. lucerna Larum, nur 
13cm hoch (Abb. 61, hier nach Gerhard, Ant. Bildw. 
Taf. 64), tragbar (foculus, Eoxapis) und zu vielen 


Ceremonien im öffentlichen Leben (vgl. z. B. Plut. 
Crass. 16) dienstbar, zeigt an der Hauptseite die 
beiden Laren in gewöhnlicher Haltung, darüber ein 
nacktes Knäbchen und zwei kahlköpfige Masken 
(Faunus, Silvanus ?), unten Schwein und Schafbock, 
die Haustiere. (Panofka, Museo Bartoldiano p. 153 
erkennt in der untersten Reihe einen Löwen, der 
einen Panther angreift, und einen Eber gegenüber 
einem Bären.) Auf den beiden anderen Seiten ist 
der schlangenwürgende Herakles in der Mitte, sonst 
die gleiche Darstellung. — Altäre für blutige Opfer 
hatten, wie wir auf Vasenbildern oft sehen, un der 
Seitenfläche Löcher und im Innern Kanäle, welche 
dem Blute und Fette einen Abflufs nach aufsen ge- 
statteten (z. B. Winckelmann mon. ined. 181). — 
Hörner des Altars (x&pata, cornua) nannte man die 
vielleicht oft mit wirklichen Hörnern von Opfertieren 
verzierten vorspringenden Wulste (volutae) und Ecken 
der Oberfläche, welche man z. B. bei Eidschwüren 
anfafste; vgl. 2 Mos. 27, 2. — Zum Schutze des 
ÖOpferfeuers gegen Regen und Wind findet sich zu- 
weilen ein Metallschirm darüber gespannt, so auf 
einen Basrelief, Mon. Inst. V,8. — Eine besondere 
Art von Altären waren die vor den Hausthüren 
stehenden apollinischen Ayuvıeis Bwuol; nach Pollux 
IV, 123 dyvieüs 6 mp6 TWv Yupüv Eotic Bwuös Ev 
oxnnarı xiovos. Darüber Wieseler, Ann. Inst. 1858 
S. 222. Ein solcher im Lateran wird beschrieben von 
Benndorf N. 439) als eine Säule mit ionischem 
Fufs, ionischen C'annelüren und einer Art dorischen 
Kapitäls. Man pflegte sie mit Salböl zu begiefsen. — 
Bei den Römern wurde in späterer Zeit übrigens 
auch den (iabdenkmälern häufig die Form von 
Altären gegeben, da man die Toten zu vergöttern 
anfing. — Als ein Altar mufs endlich auch das be- 
rühmte puteal Libonis (d.h. der über jenem »Blitz- 
brunnen« errichtete Sühnstein) angesehen werden 
nach den Abbildungen, welche sich auf römischen 
Münzen mehrfach finden. Wir 
geben ein Exemplar der gens 
Seribonia nach Cohen med. con- 
sul. XXXVI, 2 (Abb. 62), worauf 
dies deutlich sichtbar ist. Der 
runde Altar ist mit einem Lor- 
beerzweige und zwei Leiern ge- 
schmückt, darunter die Zange des 62 

Vulkan als des Blitzgottes. Eine vollständigere Nach- 
bildung des merkwürdigen Denkmals, im Lateran 
befindlich, abgebildet Mon. Inst. IV, 36, zeigt einen 
runden Altar mit merklicher Anschwellung (Evraaıg), 
den ringsum laufend eine Fruchtschnur umzieht, da- 
zwischen vier zehnseitige bebänderte Zithern, dar- 
unter die Symbole Vulkans: Ambofs, Hammer, Zange, 
Pileus. Die Inschrift Pietatis sacrum deutet viel- 
leicht an, dafs ein Angehöriger des Weihenden dort 
vom Blitze getroffen war. [Bm] 









































Altar. 














59 (Zu Belte 56.) 





























60 (Zu Belte 56.) 








57 


58 


Amazonen. Indem wir hier von der mythologi- 
schen Bedeutung und den etwaigen historischen 
oder kulturhistorischen Anknüpfungspunkten bei der 
Entwickelung der Idee eines streitbaren Weibervolkes 
ganz absehen, bemerken wir vorab, dals in der 
Ausbildung des statuarischen Amazonentypus der 
griechische Schöpfergeist denselben Gang nahm, 
wie z. B. bei Herakles. In der älteren Kunst (vor 
Phidias) erscheinen die Amazonen, obwohl als Aus- 
länderinnen angesehen, nicht in ihrem nationalen 


Kostüm, sondern hellenisiert; ferner aber (auf den |! 


ältesten Vasenbildern) der Tracht und Rüstung nach 
durchaus nicht verschieden von männlichen Kriegern; 
z. B. Gerhard, Auserl. Vasenb. Il, 104; Mon. Inst. I, 
24,27. Sie haben hier niclıt blofs den hohen Helm 
mit Bügel und Busch, sondern auch den kurzen 
ärmellosen Panzerrock und Schienen an den blofsen 
Beinen; dazu kämpfen sie mit der Lanze und 
schützen sich mit dem ovalen Langschild. 

Nach der Zeit der Perserkriege aber geht die 
Kunst in zwei Richtungen auseinander: die Malerei 
macht aus ihnen allmählich Orientalen in der Tracht, 
während die Plastik es für ihr Gebiet vorteilhafter 
findet, den Körper der kämpfenden Jungfrauen 
möglichst zu entblöfsen, um Jaraus ein eigenartiger 
Ideal zu bilden. 

Die malerische Auffassung, welcher die späteren 
Vasenbilder meistens treu bleiben, zeigt die Ama- 
zonen zu Pferde wie zu Fuls, im eng anschliefsen- 
den Unterkleide mit Gürtung, darunter enge Hosen 
nebst geschnäbelten Schuhen oder Stiefeln; alles 
mit Zacken, Flecken, Blumen, Sternen, Mäander- 
kanten u. 8. w. bunt verziert. Zuweilen tragen sie 
noch darüber ein Tierfell oder eine weite flatternde 
Chlamys. Der Kopf ist nicht sehr oft mit dem 
Helme, meistens mit der verzierten phrygischen 
Mütze, zuweilen auch nur mit einer ihr ähnlichen 
Kapuze aus Zeug oder Tierfell bedeckt, deren Ende 
über Nacken und Haar herabfällt. Dazu führen sie 
die barbarischen Waffen der Perser, Bogen und 
grofse Köcher, zu Pferde Stolslanzen, oder den 
mondförmig ausgeschnittenen Schild (neArn, pelta 
lunata Verg. Aen. I, 490) nebst der Streitaxt oder 
der (karischen) Doppelaxt. Vielleicht liegen diesem 
Typus die Gemälde Mikons und Polygnots in der 
Poikile und am athenischen Theseion (Paus. I, 
15, 2; 17, 2) zu Grunde. Wir geben als Probe der 
sehr zahlreichen jüngeren Vasen mit Amazonen- 
kämpfen (oft am Halse des Gefäüfses oder auf der 
Rückseite desselben) das Gegenbild der Vase mit 
Antigone (8. Art.) nach Mon. Inst. X, 28. (Abb. 63.) 

Die Mitte der das ganze Gefäfs umschlingenden 
Zeichnung (von welcher in unserer Abbildung das 
Stück links der unteren Reihe bei a links an die 
obere zu fügen ist, sowie bunten an boben) nimmt 
die Gruppe des gegen die Königin selbst kämpfenden 


a 


Amazonen. 


Herakles ein, in deren Hintergrunde ein Ölbaum 
steht. Herakles ist nackt, die Löwenhaut hat er 
wie einen Schild um den linken Arm gewickelt, 
wobei er zugleich den Bogen hält, während seine 
Rechte mit der Keule zum vernichtenden Schlage 
gegen das Pferd der Reiterin ausholt. Links davon 
packt ein gerüsteter Jüngling, dem der Petasos über- 
hängt, mit der Rechten, in welcher er zugleich das 
Schwert hält, eine davonsprengende Amazone am 
Haar; sie hat den Zügel schon fahren lassen, um 
des Gegners Hand zu packen, wird aber im nächsten 
Augenblicke stürzen und gefangen sein. Vor ihr 
‘weiter links) eilt eine Gefährtin, den Kampf auf- 
gebend, mit geschulterter Lanze davon, wogegen 
eine andere mit der Lanze zustofsen will, während 
schon ihr Rofs den Todesstofs in den Hals empfängt. 
Auf der rechten Seite von Herakles dagegen ist 
die kämpfende Amazone freiwillig vom Pferde ge- 
sprungen, dessen Zügel sie noch hält, und dringt 
mutig auf den gerüsteten Krieger ein; der Ausgang 
des Kampfes bleibt noch unentschieden. Ebenso 
ist es mit der letzten Gruppe rechts, die in gleicher 
Weise wie die letzte links aus drei Personen, worunter 
„wei Amazonen, besteht: diesmal ist der mittleren 
Amazone das Pferd durch eine Verwundung zu Fall 
gebracht, jedoch ihre zu Hilfe eilende Gefährtin 
bedroht den angreifenden Griechen. Man beachte 
den strengen Parallelismus der Gruppierung, der 
zwischen beiden Seiten obwaltet und deutlich an- 
zeigt, dafs das Bild, welches rechts und links durch 
einen Busch abgeschlossen ist, ursprünglich auf 
einer ebenen Fläche zu stehen bestimmt war und 
dafs das Reliefgesetz genau dabei eingehalten war. 
Auch ist zu bemerken, dafs nur mit Lanzen ge- 
kämpft wird. Die Amazonen haben weder Bogen, 
noch Beil, noch Schwert, auch nur einige einen 
Schild. Vollständig asiatisch kostümiert ist nur die 
Königin; den anderen fehlt ebenso wie auch den 
Griechen aus künstlerischen Rücksichten das eine 
oder andre Stück. Die Gürtel und die Kreuzbänder 
über der Brust sind mit Edelsteinen besetzt; die 
schönen Körperformen und edlen Züge sind überall 
in helles Licht gesetzt. — Andere hervorragende 
Darstellungen von Amazonenkämpfen dieser Art 
sind aufgezählt Ann. Inst. 1876 S. 184ff. — Selten 
sind Amazonen auf Streitwagen, mit langen Lanzen 
kämpfend: Millin G. M. 134, 497, Gerhard, Auser!. 
Vasenb. I, 102, Mus. Borb. U t. A; auch auf der 
grolsen Prachtvase von Ruvo im Museum zu Neapel, 
abgebildet Mon. Inst. II, 30—32 und erklärt von 
H. W. Schulz, Leipzig 1851. 

Für die plastische Darstellung der Amazonen als 
Einzelfiguren ist mafsgebend geworden das Resultat 
des von Plinius 34, 53 erwähnten Wettstreites von 
vier der bedeutendsten Künstler, über deren Werke 
im Art. »Polykleitos« (wo auch Abbildungen) näher 


gehandelt wird. Die von diesen 
geschaffenen Idealtypen, wel- 
che in den zahlreichen Nach- 
bildungen späterer Zeit, die 
uns geblieben sind, mehr oder 
minder nachklingen, zeigen 
die kriegerischen Frauen auch 
leiblich mit den Männern 
rivalisierend (ävrıdveipaı Ho- 
mer T 198 Z 686). Die weib- 
liche Natur wird durch An- 
näherung an die männliche 
gesteigert, nicht gemischt, wie 
beim Hermaphroditen; ausder 
Jungfrau wird eine Heroine. 
Niemals jedoch eine Göttin; 
die geistige Hoheit der stets 
langbekleideten Athene haben 
die Künstler nicht angestrebt. 
Auch der Artemis Züge sind 
heiterer, lichter, strahlender, 
als die der trübgestimmten, 
unterliegenden, verwundeten 
und sterbenden Kriegerinnen; 
dazu ist jene, welche nur Tiere 
jagt, leichter am Oberkörper 
gebaut, als diese Jungfrauen, 
welche einen kräftigen Hals 
und starke Schultern zeigen. 
Der Brustkasten ist stärker 
entwickelt, die Hüften aber 
sind schmächtiger als sonst 
bei Frauen; die nackten Beine 
zeigen scharfe Umrisse. Offen- 
bar haben die jungen Spar- 
tanerinnen, denen man in 
Athen zu jener Zeit den 
Preis kräftiger Schönheit zu- 
erkannte, hier zum Modell ge- 
dient, worauf auch der kurze 
dorische ärmellose Chiton hin- 
zuweisen scheint, welcher re- 
gelmäfsig die eine der stark 
entwickelten Brüste frei läfst. 
(Die von Strab. 504 erwähnte 
Exstirpierung der rechten 
Brust kommt bekanntlich auf 
Kunstwerken nirgends vor.) — 
DerGesichtsausdruck entbehrt 
jeglicher Regung von Liebreiz 
oder Sinnlichkeit. Aufser den 
ruhig stehenden Bildern stellt 
ein grofsartiger Torso im Hofe 
des Palastes Borghese zu Rom 
(abgebildet Mon. Inst. IX, 37) 
eine anscheinend am Arm 








Amazonen. 























59 


63 Aımazonenkampf. (Zu Seite 58.) 


Jdumganuozumy 79 





Amazonen. 


gepackte und vorwärts geschleifte Amasone vor, bis 
jetzt, das einzige gröfsere Rundwerk dieser Art. 
Sonst sind uns nur Relieffriese übrig, allerdings 
der vorzüglichsten Arbeit und in bedeutender Aus- 
dehnung, welche die Schlachten der Griechen gegen 
Amazonen mit unerschöpflichen Variationen be- 
handeln. Wir nennen den Fries des Apollontempels 
von Bassai bei Phigulia (Annal. Inst. 1856), des 
Nereidenmonunments von Nanthos (Mon. Inst. X, 
14), des Artemistempels in Magnesia (Clarac Musee 
pl. 117), des Mausoleum» von Halikarnassos (Mon. 
Inst. V, 1-3, 18, 21, s. »Maussolos«). Auch im Weih- 
geschenk des Attalor (Paus. I, 25, 2) waren Ama- 
zumenkämpfe enthalten, von denen wenigstens eine 
Probe übrig ist. Aus der späteren Zeit mehrt 
sich das Material aus Bronzen, Spiegeln, Schmuck- 
kästchen, Aschenurnen, pompejanischen Gemälden 
und namentlich Sarkophagen. Unter dierer letzten 
“Gattung ragt ein in Lakonien (?) gefundener, jetzt 
in Wien befindlich, hervor, von dem wir die Haupt- 
seite ‚die auf der Rtickseite rich ebenso wiederholt) 
nach Bouillon II, 94 hier wiedergeben (Abb. 64). 
Friederichs, Bausteine I N. 783 sagt: »Die Motive der 
Komposition sind durchgängig sehr schön, nament- 
lich die Mitteleruppe, wo ein Freund dem anderen 
beisteht. Doch sind sie schwerlich überall nen; 
die Gruppe an der rechten Seite, in welcher eine 
Amazone an den Huuren vom Pferde gerissen wird, 
kehrt auch in früheren Werken ähnlich wieder. 
Bemerkenswert ist die Tracht einer Amazone in 
der Mitte, die aufser den Hosen und dem Ärmel- 
kleid auch noch einen hinten flatternden, ebenfalls 
mit Ärmeln versehenen Überrock trägt. (8. über 
diese leeren, pelzgefütterten Ärmel »Anchises«.) — 
Dafs dieser Sarkophag nicht einer früheren griechi- 
schen Kunstzeit angehöre, zeigt die Vergleichung 
desselben mit den Reliefs von Halikarnafs (6. 
»Maussoleum«). Die Figuren sind im allgemeinen 
zu lang und schmüchtig, die Gewänder zu reich an 
Detail. Unter den Darstellungen der Sarkophage 
nimmt dies Relief aber jedenfalls einen hervor 
ragenden Platz ein. Es ist ganz verschieden von 
der unruhigen Weise so vieler römischer Sarko- 
phage, auf denen zwei Reihen von Figuren hinter- 
einander gestellt werden und das Relief seinen 
ornamentalen Charakter ganz verloren hat. Freilich 
ist der Künstler wohl eben durch das flachere Re- 
lief zu einem kleinen Fehler veranlafst, indem näm- 
lich die Beine der ausgestreckt liegenden Amazone 
vom Knie abwärts ganz verschwinden. « 

Während hier und in den oben genannten Tempel- 
reliefs die Kümpfe der Griechen und Amazonen nur 
den nationalen Gegensatz zu den Persern und den 
Völkern des Orients abspiegeln und die Überlegen- 
heit des hellenischen Elements symbolisch darsu- 
stellen bestimmt sind, haben daneben in der älteren 














Amazonen. 


klassischen Kunst vorzugsweise bestimmte mythische 
Ereignisse der Heroenzeit diese Aufgabe zu erfüllen. 
Wir finden: 

1. Kämpfe der Amazonen mit Herakles, der 
den Gürtel der Hippolyte holen soll. Eine sehr 
alta Statuengruppe des gegen die berittene Amazone 
kämpfenden Herakles von Aristokles führt Paus. \, 
25,.6 unter den Weihgeschenken in Olympia an, 
woselbst auch Alkamenes dieselbe Scene über deın 
Opisthodom des Zeustempels bildete. Eine grofse 
Kampfscene aus 29 Figuren hatte Phidias an den 
Thronschranken des Zeusbildes dargestellt; Paus. V, 
10,2; 11, 2. Auf Vasenbildern älteren Stiles findet 
sich Herakles meist gegen drei Amazonen streitend, 
zuweilen gegen zwei, aber auch im eigentlichen Zwei- 
kampf. Der Aresgürtel, um den es sich handelt, tritt 
selten dabei hervor. Ein jüngeres Vasenbild Millin 
G. M. 122, 443; ältere bei Gerhard, Auserl. Vasenb. 
11,102— 104; dazu S. 58—68. Welcker, Alte Denkm.\, 
334. Auf Münzen von Herakleia am Pontos kämpft 
Herakles mit der Keule gegen eine berittene Ama- 
zone; ebenso bei Heydemann, Nacheuripid. Antigone 
Taf. II. Über die betr. Metopen in Olympia und 
am Theseion s. die Art. (Herakles setzt der auf den 
Leib niedergeworfenen Amazone den Fufs oder 
das Knie auf oder zwischen die Schultern.‘ Weit 
häufiger sind: 

2. Kämpfe des Theseus, besonders natürlich in 
attischer Kunst, in den jüngeren Vasenbildern über- 
haupt entschieden vorherrschend. Gerhard, Auserl. 
Vasenb. Taf. 163— 166, 329,330. Weitere Anführungen 
das. II S.42ff. Die Amazonenvase von Ruvo, ein 
Prachtstück, ist in Originalgröfse publiziert von 
Schulz, Leipzig 1851. Theseus kämpft gegen Hippo- 
lyte und Deinoınache zugleich, ein Vorbild für den 
kriegsdienstpflichtigen atlıenischen Epheben,Welcker, 
Alte Denkm. IH Taf. 21. Man sehe im ganzen: 
A. Klügmann, Die Amazonen in der attischen 
Litteratur und Kunst, Stuttgart 1875. 

Für die älteren Vasenmaler war die Sage vom 
Raube der Antiope durch Theseus (Schol. Pind. 
Nem. 5, 89; Paus. I, 2, 1) mafsgebend; sie findet 
sich auf vier schönen Gefälsen, namentlich auf dem 
mit Krösos auf dem Scheiterhaufen, Mon. Inst. I, 
55: Theseus trägt die Amazone, welche die Hände 
flehend zurückstreckt, in seinen Armen eilig und vor- 
sichtig davon; Peirithoos folgt. \Ygl. Grerhard, Auserl. 
Vasenb. II, 163—165, 168B. Auf einem anderen 
Bilde kommt Phorbas hinzu, Theseus’ Wagenlenker; 
auf einer Münchener Vase (N.7) kommt aufserdem 
Poseidon dem Sohne entgegen. 
welcher jedoch eine Feier der Hochzeit, die man 
auf einigen Vasen finden will (Mon. Inst. IV, 43; 


Welcker, Alte Denkın. III, 353), bezweifelt. — Von dem : 


S. Klügmann 24, ! 


Bachezuge der Amazonen gegen Athen, den grofßsen 


Schlachten innerhalb der Mauern der späteren Stadt 


61 


und dem endlichen Siege des Theseus und der Seinen 
zeugten Gräber, namentlich das der Antiope am 
itonischen Thore. Ein grofses Schlachtenbild in der 
Stoa Poikile war von Mikon, dem Genossen des 
Polygnot, Arist. Lysistr. 679, Arrian. Anab. VII, 
13, 10; ein andres im Theseion; Paus. 1, 15, 2; 17,1. 
In diesen beiden haben wir das Vorbild für ein 
häufiges Motiv jüngerer Vasenmaler zu suchen: eine 
reitende Amazone, die gegen einen Griechen die 
Lanze oder Axt schwingend ansprengt. \gl. Ann. 
Inst. 1867, 211. Auf den gröfseren Kompositionen 
dieser Art finden sich mannigfaltig erfundene Namen 
beigeschrieben, auch für die kämpfenden Griechen. 

Die Amazonenschlacht war ferner von Phidias 
auf dem Schilde seines Athenabildes dargestellt, 
Plut. Per. 31; ein Relief, welches schon im Alter- 
tum nachgeahmt wurde, Paus. X, 34, 8. Von vier 
Fragmenten, die jüngst entdeckt sind, geben wir die 
gröfste Nachbildung im Britischen Museum, nach 
Gerhard, Ges. Abhandl. Taf. 27; sie ist geeignet, 
eine leidliche Vorstellung von der Gruppierung zu 
gewähren (Abb. 65). 

In der Mitte des 048m im Durchmesser halten- 
den Marmorreliefs, welches ziemlich flach gehalten 
ist und Reste von Bemalung zeigt, sehen wir das 
Haupt der Medusa (s. Art.) in einer Übergangsforn ; 
und rings um diesen Mittelpunkt ziehen sich die 
lebendigsten Kampfscenen. Für ihr Verständnis ist zu- 
nächst von Interesse die Kenntnis des Terrains, auf 
dem sich die mythische Schlacht bewegte: es ist der 
Areshügel nebst den benachbarten Höhen des süd- 
lichen Stadtgebietes, welche der Künstler indirekt 
durch die anklimmenden und herabstürzenden Figuren 
angedeutet hat (Plut. Thes. 27). Das Verständnis der 
einzelnen Figuren ergibt sich meistens von selbst, 
soweit nicht Verstümmelung der Oberfläche des 
Marmors oder Mängel der zu Grunde gelegten Litho- 
graphie ihm Eintrag thun. Auf dem Schilde des 
speerzückenden Griechen rechts von der Gorgo sollte 
ein in den Rücken getroffener Kentaur zu sehen 
sein. Bei dem Griechen weiter unten, der die hin- 
stürzende Amazone beim Haar zurückreifst, ist der 
Helm, den er trug, abgestofsen. Am meisten aber 
nehmen unsere Teilnahme die beiden links von 
diesem kämpfenden Griechen in Anspruch, worüber 
eine nähere Erörterung nach (Conze in Arch. Ztg. 
1865 8. 33—48 hier einzuschalten ist.. Nach Jer Er- 
zählung Plutarchs nämlich im Perikles 31 hatte 
Phidias auf dem Schilde sein eigenes Bildnis ange- 
bracht und zwar als das eines kahlköpfigen (ireises, 
der einen Stein zum Schleudern erhoben hat (mpeo- 
BuüTov @Yalaxpoü TIETPOVv Ernpuevov di AuPOoTEpwWv 
tüv xeıpwv) und ferner das des Perikles, dessen 
Antlitz jedoch durch die den Speer hebende Hand 
in der Mitte verdeckt war (toü TTepıxkeoug eiköva 
nayxdAnv Eveönxe naxouevov tpös Analöva' TO de 


62 


oxAna Ts xeıpdc Avareıvobong böpu mp6 Ts öyews 
700 TI. memomuevov ebunxdvwg olov Emixpünreiv 
BotAeraı Tv öuorörnra napaparvonevnv Exarepuev). 
Hiernach ist der kahlköpfige Greis ohne weiteres in 
dem bejahrten kräftigen Manne zu erkennen, welcher 
nur mit einer flatternden Chlamys behangen, stark 
ausschreitend eine Doppelaxt mit beiden Händen 
über dem Kopfe schwingt; man sieht freilich nicht 
ein, gegen wen. Da dieselbe Figur aber in völlig 
gleicher Stellung auf der sog. Lenormantschen 


j 


‚Amazonen. 


Wiederum zeigt sich auf dem Schilde der Lenormant- 
schen Statuette dieselbe Figur, auch oben neben 
dem Kahlkopf, freilich eo, dafs der rechte Arm das 
Gesicht gar nicht verdeckt. Beide Nachbildner haben 
also die Feinheit des von Plutarch angegebenen 
Motivs der Bewegung nicht verstanden, was nicht 
zu verwundern ist, uns aber ein sicheres Beispiel 
der Willkür ihres Verfahrens hinterlassen, nach dem 
wir die sonstigen Einzelheiten des kleinen, ziemlich 
flüchtigen Bildwerks abschätzen dürfen. (Millin G.M. 





65 Schild der Athene. 


Statuette (wovon unter »Pheidias«), allerlings 
über dem Gorgoneion, wiederkehrt und dort einen 
Stein anstatt der Doppelaxt hält, so haben wir 
einen Beleg für die oft zu hemerkende Zwang- 
losigkeit der alten Künstler in derartigen Nachbil- 
dungen und werden den in unserer Reproduktion 
nebenbei noch besonders abgebildeten Kalılkopf als 
Phidias’ eigenes Bildnis erkennen dürfen. Bei seinem 
Nachbar zur Rechten aber, der den linken Fufs auf 
eine liegende Amazone setzt, hat zunächst der Litho- 
graph sich versehen; der rechte Arm desselben sollte 
über den unteren Teil des allerdings ganz zerstolsenen 
Gesichts hinlaufen, wie am Originale konstatiert ist. 


(Zu Beite 61.) 


135, 498 hielt ein Vasengemälde für Nachbildung die- 
ses Schildes des Phidias, welches allerdings mehrere 
Auffälligkeiten bietet.) — In Olympia brachte Phidias 
aufser dem oben erwähnten Relief, worin Herakles 
Hauptperson war, die Amazonenschlacht nochmals 
am Schemel des Zeus an und zwar ausdrücklich als 
erste nationale That der Athener gegen Barbaren 
(Alnvalwv mpürov &vdpaydänna &5 obx dnopükous, 


| Paus. V,11, 2). 


| 
| 
I 


3. Kämpfe vor Troja, vorzüglich der Penthesileia 
gegen Achilleus. Hier findet sich die Ankunft der 
Amazonen und ihre Begrüfsung durch Priamos auf 
einer etruskischen Urne, Brunn urne etr. I, 67, 1. 
























































64 Amazonen. 


Einige Vasen und spätere Reliefs verbinden diese 
Scene mit der Trauer um Hektor, indem Andromache 
mit der Urne dasitzt. Unter den zahlreichen Bildern 
des Kampfes bildet das Zusammentreffen der beiden 
Haupthelden regelmäfsig den Mittelpunkt und eine 
schöne Gruppe. Achill verwundet die Amazone 
tödlich mit dem Speere, dann aber fängt er die 
Sterbende mitleidsvoll in seinen Armen auf und 
wird von ihrer Schönheit und Anmut heftig bewegt. 
So malte das Paar Panainos an den Thronschranken 
des olympischen Zeusbildes, Paus. V, 11, 2: TTeväe- 
ollerid TE Ag@ıeica nv Wuxnv xai Axıllels Avexwv 
€otiv abrrv. Diese (Femäldegruppe findet Overbeck, 
Her. Gal. S. 507 nachgebildet in ınehreren Sarko- 
phagreliefs, von denen wir das vorzüglichste, aus 
Salonichi stammend, jetzt in Paris, nach Clarac 
Muse&e pl. 117 hier wiedergeben (Abb. 66). 

Auf der linken Schmalseite sehen wir Penthe- 
sileia völlig nackt bei zurückgeschlagener Chlamys 
und nur mit einem pyramidalen Kopfputze bedeckt 
im Begriffe niederzusinken, während Achill sie mit 
untergesetztem Knie zu stützen und mit dem rechten 
Arm zu heben versucht. Die ganze Haltung beider 
macht jedoch hier, selbst abgesehen von dem Unter- 
satze für Achills Fufs, statt dessen Panainos wohl 
einen Felsblock gemalt hatte, mehr den Eindruck 
einer studierten Theaterstellung, als einer Kampf- 
scene; auch lälst sich aus der Abweichung der 
übrigen Sarkophage abnehmen, dafs der Rück- 
schlufs näherer Abhängigkeit von einem um viel- 
leicht 500 Jahre zurückliegenden Originale sehr ge- 
wagt ist, wenngleich eine Anzahl von Gemmen und 
Pasten (Overbeck Taf. 21, 9—13) ungefähr dasselbe 
Motiv bietet. Dagegen ist anzuerkennen, dafs die 
höchst lebendig gedachten und ausgeführten Kampf- 
scenen der Langseite und der rechten Schmalseite 
eher auf den troischen Krieg Bezug haben, als, 
wie Clarac wollte, auf Theseus mit Hippolyte und 
Heraklese mit Antiope, obwohl besondere Kenn- 
zeichen bis auf Jen Hut des Odysseus mangeln. 
Zu bemerken ist noch, dafs nicht blofs die Zügel 
der Rosse ‘wie oft) fehlen, sondern auclı mehrere 
Schwerter, welche bei der Begrenzung nach oben 
keinen Raum melır fanden. Die Langseiten des Sarko- 
phags werden durch Karyatiden im Dekorationsstil, 
die Schmalseiten nach hinten durch Herakles-Hermen 
mit dem Löwenfell begrenzt. 

Einige Darstellungen von Aınazonen, welche mit 
Greifen kämpfen (Klügmann S. 54 f.), haben keine 
sagengeschichtliche Grundlage, sondern werden künst- 
lerischen Motiven verdankt. Aufser einigen Vasen 
sind es ınehrere zum Anheften bestimmte farbige 
und vergoldete Thonreliefs, «davon eines in Würz- 
burg, Verzeichnis N. 103, ferner bei Wieseler II, 
143, wo im Text Arimaspen statt Amazonen ange- 
nommen werden. 


Ammen. 


Schliefslich ist zu erwähnen, dafs man die bei 
Tac. Ann. II, 61 und Paus. VII, 2, 4 erwähnte 
Sage von einer Niederlage der Amazonen gegen 
Dionysos bei Epbesos angedeutet findet auf einem 
Sarkophage in Cortona, abgeb. Wieseler II, 443. [Bm 

Ammen. Bereits in den Homerischen Gedichten 
tinden wir, neben dem guten alten Brauch, dafs die 
Mütter ihre Kinder selbst nähren (wie Hekabe oder 
Penelope, Il. XXL, 83, Od. XI, 448), Sklavinnen als 
Ammen (Od. XIX, 483). Welches von beiden damals 
das gewöhnlichere war, läfst sich freilich nicht mehr 
feststellen; in den historischen Zeiten scheint aller- 
dings der Gebrauch der Ammen gegenüber dem 
Stillen durch die Mutter selbst vorgewaltet zu haben. 
In den meisten Fällen waren diese rir$aı wohl auch 
später noch Sklavinnen, oft von barbarischer Ab- 
kunft; doch genossen besonderen Ruf als tüchtige, 
auf Abhärtung der Kinder bedachte Pflegerinnen 
die spartanischen Ammen, die man daher häufig 
auch nach auswärts sich kommen liels (Plut. Lyc. 
16, Aleib. 1). In Athen gaben sich wohl auch arme 
Bürgerfrauen gegen Lohn dazu her (Demosth. adv. 
Eubul. 35 p. 1309: xai yap vDv doTäs Yuvalkag 
moAAüg eüprigere Tırdevouoas). Häufig wurden die 
Ammen, welche beim Heranwachsen der Kinder 
dieselben als Wärterinnen (tpopot) in ihrer Pflege 
behielten, später die Vertrauten namentlich der 
Töchter des Hauses und begleiteten dieselben nach 
dder Verheiratung in die neue Heimat; die Tragödie 
hat solche Verhältnisse, auf die heroischen Zeiten 
übertragen, mehrfach dargestellt, wie z. B. bei der 
Phädra, Medea u. a. — Auch in Rom war es das 
gewöhnliche, dafs die Mütter die Ernährung der 
Kinder den Ammen überliefsen (vgl. Tac. Germ. 20, 
wo es von den Deutschen, im Gegensatz zur römi- 
schen Sitte, gerühmt wird: sua quemque mater uteri- 
bus alit nee ancillis aut nutricibus delegantur); die 
ärztlichen Schriftsteller enthalten verschiedene Vor- 
schriften über die Wahl einer passenden Amme. 
Auch in der Kaiserzeit waren hierfür Griechinnen 
wegen ihrer Sorgfalt in der Aufziehung der Kinder 
beliebt (Soran. Ephes. de mul. affect. 38). — Auf 
Bildwerken, namentlich mythologischen Scenen, er- 
scheinen die Ammen häufig, meist als alte Weiber 
mit runzelieen Zügen, fast immer die Haare mit 
einem Kopftuche bedeckt; vgl. Jahn, Archäol. Beitr. 
S.355f. So sehen wir auf deın hier unter Abb. 67 ab- 
gebildeten herkulanischen Wandgemälde (nach Ant. 
d’Ercol. II p. 83) die Amme der Phädra dem 
Hippolyt Vorstellungen über die Liebe seiner Stief- 
ınutter machen, welche (dieser entsetzt zurückweist, 
während die Königin in Gedanken versunken dabei 
sitzt; auch die einfache Kleidung kennzeichnet die 
Amme als Dienerin. Ähnliche Vorstellungen sind 
auch auf römischen Sarkophagreliefs häufg zu 
finden. 





Ammen. 


Litteratur: Hermann, Griech. Privataltert. 
3. Aufl. 8.287 #.; Becker-Göll, Charikles II, 29f.; 
Friedländer, Darstellungen a. d. röm. Sittengeschichte 
5. Aufl. I, 406. [B1) 

Ammon. Dafs der Zeus, welchen die Griechen 
unter dem Namen Ammon verehrten, ursprünglich 
































































































































Ammon, 65 
| glyphenforschung erklärt hut, dafs der ägyptische 
' Amun niemals widderköptig dargestellt wird, sondern 
‚nur Chnubis oder Kneph (Parthey in Abhdl. Berl. 
‘ Akad. 1862, 131), versucht Overbeck, Kunstmyth. 

1, 273 dem weitverbreiteten Kultus des Gottes mit 

den Widderhörnern, welchem Pindar als Herm des 


er vum A 
2 


R , $ 




































































GG rn 











67 Phädra und Hippolyt. 


u 





te 61) 


eine ägyptische Gottheit sei, haben nicht blofs die | Olymp huldigte und Ilymnen in seine libysche Oase 


neueren Mythologen einstimmig angenommen, sun 
dern auch die alten Griechen seit Herodot geglaubt. 
Man identifizierte ihn mit Amun oder Amen, dem 
Hauptgotte des ägyptischen Theben, welchem das 
Schaf und die gehörnte Viper geheiligt war, der 
mit einem Widderkopfe gebildet wurde (xpionpsownov 
ruralua Herod. II, 42) und in dessen Legende die 


sandte (Pind. Pyth. 4, 28; Paus. IN, 16, 1), dem 
derselbe Dichter eine von Kalamis verfertigte Statue 
weihte, den urgriechisehen Ursprung zu vindizieren. 
Die Lösung des ernstlichen Zweifels ist um so 
schwieriger, als vom Wesen und Dienst des Ammon 
bei den Griechen besondere Überlieferungen fehlen. 
Aus dem Widde: 





ıbol läfst sich nach griechischer 





ägyptischen Priester den Heraklexs verflochten hatten. , Anschauung allenfalls schliefsen, dafs Ammon in 
Nachdem nun überraschenderweise die neuere Hiero- | der Wolke und im Wasser, mit fruchtbringendem 


Denkmäler d. klass. Altertums. 


5 


66 Ammon. Amphiaraos. 


Regen wirkte. Die Hauptstätten seiner Verehrung 
stehen mit den thebanischen Geschlechtern der 
Aegiden und Gephyräer in verwandtschaftlicher Ver- 
bindung: Spartu, Thera, Kyrene. Seit der Zeit, als 
das Orakel in der libyschen Wüste sich Alexandern 
d. Gr. politischen Absichten willfährig erwies und 
dafür Weltruhm erntete, ward natürlich der Ciott 
noch mehr populär; auf makedonischen Münzen 
gab mun Alexunders Kopfe kleine Ammonshörner 
(@. B. Wiesoler, Denkm. d. alten Kunst I, 162, 164, 
166); man scheint seinem Bilde ebenso wie dem 
Alexanders später amulettartige Kraft zugeschrieben 
zu haben und verwendete es aufser bei Ringen auch 





6% Jupiter Ammon. 


vielfältig in dekorativen Skulpturen, sowie als Maske 
zu Brunnenmündungen, welches letztere mit der 
Deutung als einer im Wasser wirkenden Segens- 
gottheit stimmt. 

Auffallend ist, dafs unter den uns gebliebenen 
Abbildern des Ammon kaum eine einzige sichere 
Statue sich findet und dafs aus dem Altertum eben- 
falls nur eine einzige Notiz über eine solche übrig 
ist (Paus. X, 18, 5), dagegen die regelmäfsige Bil- 
dung sich auf den Kopf oder die Büste in Hermen 
form oder die blofse Maske beschränkt. So 
auf Münzen, Gemmen, Reliefs. Für den Gesichts- 
ausdruck lassen sich zwei Typen unterscheiden; der 
eine nähert sich mehr oder weniger dem des Zeus, 
der andere fällt ins Wilde und Tierische. Sonstige 
hiermit nicht parallel gehende Variationen liegen in 
dem höheren oder niedrigeren Ansatz der Hörner, 











auch 











in der menschlichen oder tierischen Bildung der 
Ohren. Braun Annal. 1848 8.186 hat bemerkt, dafs 
die (resichtsbildung öfters der des Dionysos sich 
nühert, mit welchem Ammon mehrmals zur Doppel- 
herme vereinigt ist, ebenso wie mit einer Libya (?) 
und sonstigen unbestimmbaren Wesen. Auf Vasen- 
bildern kommt Aınmon nirgends vor. 

Wir geben von dem vollkommensten Exemplar 
des edleren Typus, einer Büste in Neapel, die Photo- 
graphie Abb. 68) und begleiten sie mit Overbecks 
gründlicher Charakteristik: »Die wenig krausen Haare 
steigen über der Stirn gescheitelt empor und be- 
decken, die Stirn nıft einem Kranz umrahınend, 
bald die Wurzeln der mächtig geschwungenen Hör- 
ner, sowie sie auch «den Ansatz der in der Biegung 
der Hörner liegenden tierischen Ohren verhüllen. 
Auf dem Scheitel ist das Haar halbkurz, am Hinter- 
haupt nach dem Nacken zu athletisch kurz ge- 
schnitten. Auch der Bart ist wenig gewellt, 
Stirn nur mäfsig vorgewölbt, namentlich unmittel- 
bar über den Augenhöhlen und besonders nach der 
Mitte zu stürker anschwellend. Darüber liegt eher 
eine Vertiefung oder Senkung und in derselben ein 
paar Falten. Die Augen sind mäfsig geöffnet und 
in ihnen ist etwas Träumerisches. Die Nase ist 
schr lang, etwas gebogen und auffallend schmal, be- 
sonders dicht über den Nüstern fast gekniffen, vie 
und der ganz eigentümlich gerade geschnittene Mund 
bieten einen vollkommenen, menschlich idealisierten 
Schafstypus. Der Mund ist besonders merkwürdig, in- 
(dem er durchaus an den eines blöken wollenden oder 
in geschlechtlicher Erregung schnobernden Widders 
erinnert. Trotzlem aber ist der Kopf nicht ent- 
fernt unedel, der Zeustypus ist unverkennbar; die 
inächtigen und kühn geschwungenen Hörner stehen 
ihn schmuckhaft zu Gesichte. Der Ausdruck ist trotz 
dem beschriebenen Zug im Munde von allem Viehi- 
schen fern und am ersten als orakelhaft träumend 
oder sinnend zu charakterisieren, was besonders den 
schön geformten Augen verlankt wird, die in ihrer 
edlen Menschlichkeit über das Tierische in den 
Zügen einen glänzenden Sieg davontragen. Die erste 
Stelle aber unter allen Denkniilern des Ammon ver- 
dient dieser Kopf deshalb, weil er am vollkommensten 
die symbolisch tief bedeutsame Widdernatur des 
Gottes nicht allein darstellt, sondern idealisiert und 
mit der Zeusnatur in eins arbeitet, so dafs Name 
und Beiname des Gottes zu einem untrennbaren 
Ganzen werden. (Bnı} 

Amphiaraos. Das wahrhaft tragische Schicksal 
des Amphiaraos in Zuge der Sieben gegen Thebeı 
kennt schon Homer A 826: orurepfv T' ’Epıpüknv, 
A xpuoov piAov Avbpög EdeEaro Tunevra. Er bildete 
gewissermafsen den Mittelpunkt jenes kyklischen 
Epos, in dem sich die von Leutsch nach Pind. Ol. 
6, 15 restituierten schönen Worte Adrasts fanden: 





















Amphiaraos. 


’Optaluöv molkw orpariäg, xAuröv Anpıdpaov, dp- 
Pörepov udvrıv T'äyahöv xal doupl naxealaı. Sein 
Auszug in den Krieg (efeAaoia), der eigene Lieder 
veranlafste, mit dem Alschiede von Eriphyle und 
den Kindern war auch ein häufiger Gegenstand der 
Kunst. So schon auf der Lade des Kypsclos, wo Paus. 
V, 17, 4 ihn anschaulich beschreibt: “Apgiapdou re 
A oixla memoinrar xal AnplAoxov pepeı vAmov mpeo- 
Büris Arıs dn: mpd de TA olxlag 'EpıpbAn Töv öpuov 
Exovoa Lornxe, mapd dE aurhv al Hurarepes, Eupudlen 
xai Anubvaoga, xal AAkpalwv mais Tuuvös. Barwv 
DE, ds Aviöxeı tb Angiapdıy, Tds Te Avlas TOv inmuv 
ai rn xeıpi &xeı TA Erepg Aöyynv. Aupiapdw de d 
nev Tüv moduv Emßeßnkev fiön Tod üpuarog: Eipog de 
&xeı yuuvöv nal &s rhv "Epipbänv eoriv Eneorpauuevog 
eEayöuevdg Te Umd ToD Yunod exeivng &v drooxeataı 
(die letzten Worte sind verderben; duch ist der 
Sinn klar: Amphiaraos kann sich kaum enthalten, 
mit dem nackten Schwerte Eriphyle anzugreifen). 
Ganz übereinstimmend mit dieser Beschreibung ist 
ein Bild auf einer schr altertümlichen Vase 
Caere, jetzt in Berlin, welches wir hier (Abb. 69) 
nach Mon. Inst. X, 4, 5. A, b wiederholen. 

Die Figuren sind bräunlich auf gelbem Natur- 
grunde des Thons aufgetragen, die nackten Teile 
der Frauen weifs gefärbt. Den Hintergrund nehmen 
zwei Gebäude ein, welche den sog. Tenpeln in antis 
sehr ähnlich schen, mit regelrecht gezeichneten 
Pilastern und Säulen, über welchen die Trielyphen 
und rechts auch die Tropfen angebracht sind. Es 
ist der Palast des Amphiaraos, dessen Wagen zur 
Abfahrt bereit steht. Von den vier Rossen sind die 
Deichselpferde als Schimmel, die Aufsentiere schwarz. 
gemalt, wie es scheint nach fenter Regel, vel. Eur. 
Iph. Aul. 221 #. Auf dem Wagen steht Baton im 
weifsen, gestreiften, ärmellosen Chiton, mit Schild, 
Schwert und Helm ohne Busch. Während er mit der 
Rechten einen Speer und die Zügel hält, empfüngt 
er mit der linken Hand einen Abschiedstrunk 
von Leontis (vielleicht der Schaffnerin des Königs- 
hausee), die ihm gegenüber steht. Hinter ihm setzt 
Amphiaraos den linken Fufs schon auf den Wagen, 
hat aber das Gesicht nach rückwärts gewandt und 
halt das nackte Schwert. Zunächst hinter ihm steht 
ein kleiner Knabe, nackt, mit einer Binde iin Haar; 
hinter diesem die etwas gröfsere Eurydika, dann 
Damonassa; ferner eine Amme Ainippa, welche 
auf ihrer Schulter ein Knüblein hält. Alle diese 
strecken die Hände zu dem scheidenden Könige 
empor. Zuletzt steht Friphyle, von Kopf bis zu 
Fufs in einen Schleier gehüllt, den sie mit der 
linken Hund lüftet; in der Rechten hält sie das 
aus grolsen weifsen Perlen bestehende Halsband. 
(Sonst ist dasselbe von Gold, A 327. Diodor. 4, 45. 
Soph. EI. 836.) Auf der rechten Seite vor den 
Pferden steht noch Hippotion, ein mit der Chlamys 





18 





67 


69 Amphiaraos’ Auszug 


68 


bekleideter Ephebe, der ein Band im Haar hat; 
hinter ihm sitzt auf der Erde Halimedes, im weifsen 
Untergewande und dunklen Mantel; in der Linken 
stützt er einen Stab auf, die Rechte hält er in 
sinnendem Schmerze vor die Stim. — Die Scene ist 
also hier um die letzten Personen vermehrt, deren 
spezielle Erklärung der Herausgeber des Bildes, 
Robert in Ann. Inst. 1874 S. 82 ınit: Recht ablehnt. 
Die dem Halimedes entsprechende Figur kehrt auf 
einer Münchener Vase (N. 151 der Sammlung, abgeb. 
Overbeck, Her. Gal. 3, 5\ wieder. Die derselben ge- 
gebenen Benennungen als Oikles, Amphiaraos’ Vater, 
oder als Pädagog erweisen sich nach unserer Vase 
als falsch. Soll eine Vermutung gewagt werden, so 
kann Halimedes wohl nur ein Seher sein, zugleich 
Genosse des Amphiaraos und dessen Schicksal vor- 
herwissend; Schlange und Vogel über seinem Haupte 
würden dann als bedeutsame Attribute aufgefafst 
werden müssen. Robert a.a.O. hält freilich diese so 
wie alle übrigen Tiere auf dem Bilde für ganz zu- 
fällig gewählt; doch dürfte wenigstens das Käuzehen 
über den Pferden (es braucht nieht auf deren Halse 
zu sitzen) den schlimmen Ausgang anzeigen. Der 
springende Hase, das Stachelschwein und die Ei- 
dechse zwischen den Beinen des Amphiaraos schei- 
nen auch nicht blofse Lückenbülfser zu sein; doch 
können naheliegende symbolische Bezüge nur in 
gröfseren Zusammenstellungen behandelt werden. 
Mit Recht aber hebt Robert hervor, dafs aus unseren 
Gemälde der Grund ersichtlich werde, warum der 
Held die treulose Gattin nicht mit dem Schwerte 
durchstolse, sondern letzteres hier schultere, auf 
der citierten Münchener Vase in «ie Scheide zurück- 
schiebe. Amphiaraos gibt ersichtlich dem Flehen 
der Kinder nach, die für ihre Mutter bitten. Viel- 
leicht sei in den verstümmelten Worten des Pau- 
sanias eine Angabe dieser Art enthalten gewesen. 

Neben dieser der alten Tradition folgenden Dar- 
stellung gibt es aber eine ganze Reihe von Bildern, 
in welchen der IIeld ohne jene drastische Geberde 
furchtbarsten Grolles, ja meistens mild und freund- 
lich Abschied nehmend erscheint. Zuweilen ist da- 
bei nur Friphyle zugegen; öfters jedoch wird die 
Scene durch mehrere Kinder verschiedenen Alters, 
das Beisein einer Amme und eines Pädagogen (z.B. 
Overbeck, Her. Gal. Taf. III, 6) belebt, wobei der 
freigebige Maler sogar durch willkürliche Vermehrung 
der Nachkommenschaft den Archäologen Schwierig- 
keiten bereitet. Wenn man früher mehrere dieser 
Bilder als :Hektors Abschied: benannte (Överbeck 
a.2.0.S.98\., so wird man jetzt geneigt sein, darin 
das zu erkennen, was im Art. -Mythische Genre- 
bilder«e besprochen wird, und nicht für launige Varia- 
tionen eines Kleinkünstlers abgelegene diehterische 
Grundlagen zu suchen sich abmühen. (Fälschlich 
ist auch ein Bildchen Annal. Inst. 1863, H, wo 


 Z— m htm mn Un 2m 27m Porz mm me kl nn en nn nn 
- - - 


Amphiaraos. 


ein bärtiger Mann im Himation, bequem auf einen 
Stal gestützt, einer Frau aus einem Körbchen etwar 
darreicht oder zeigt, das man allenfalls für ein sehr 
kurzes Halsband halten kann, benannt worden: 
Adrast die Eriphyle bestechend. Der Gegenstand 
hat wohl nichts mit der Mythologie zu thun.) 

Aulser denjenigen Scenen des thebanischen Zuges, 
in welchen das Auftreten des Amphiaraos an sichı 
natürlich ist (worüber zu vergleichen »Archemoros«, 
»Adrastos«, »Thebais«) erscheint er in der Gestalt des 
Propheten in einer Statue bei Christodor. ecphr. 259 
lorbeerbekränzt und schwermütig; zu Athen auf dem 
Markte neben der Gruppe der Friedensgöttin mit 
dem Reichtum (vgl. »Kephisodotos«), Paus. I, 8, 3; 
auch fand er sich in der grofsen Giebelgruppe der 
kalydonischen Jagd am Tempel der Athene Alea 
in Tegea, von Skopas, Paus. VIII, 45, 4 — In der 
Entscheidungsschlacht vor Theben wird Tydeus von 
Melanippos tödlich verwundet; als letzterer dann 
dem Amphiaraos erliegt, bittet Tydeus um das ab- 
gehauene Haupt des Feindes, dem er das Him 
ausschlürft. Auf diese Erzählung bezieht Overbeck, 
Her. Gal. S. 131 ff. (vgl. Taf. V, 8. 9) mehrere 
Gemmen, auf denen ein Krieger auf den Leichnam 
des getöteten Gegners den Fufs setzt und den abge- 
hauenen Kopf sinnend in der Hand hält. Amphia- 
raos zögert, dem verhafsten Genossen mit der Über- 
reichung des Beutestückes die in Aussicht gestellte 
Unsterblichkeit zu entziehen. Diese Deutung hat 
vor allen ronst vorgeschlagenen den Vorzug grofser 
Wahrscheinlichkeit. 

Des Amphiaraos Niederfahrt (kardßacıc eic 
Aidov) war um so mehr ein von Dichtern und 
Künstlern gefeierter Stoff, als der Seher zum Gott 
erhoben ein hochberühmtes Orakel in Oropos, dem 
Orte des Vorganges besafs; Strab. 399 ödnou guyoövra 
rov Augpidpewv, ls pnot ZoporAfs, Eedekaro payeiva 
Onßuia xövıs abroiaıv Ömkors Kal Terpwplorw dippw. 
Der Held flieht. vor der Lanze des Periklvymenos 
auf seinem Wagen; da spaltet ihm zur Rettung 
Zeus die Erde, Pind. Nem. 9, 57. Dieser Moment 
ist in idealster Auffassung dargestellt auf einem von 
Welcker bei Oropos selbst entdeckten Relief aus der 
griechischen Kunstblüte, beschrieben Alte Denkın. 2, 
172 ff. (Abb. 0, nach Mon. Inst. Inst. IV, 5.) 

Zur Erläuterung fügen wir nur einige Sätze von 
Welcker bei. »Nicht die Erde zeigt sich zur Auf- 
nahme bereit, kein Schlund eröffnet sich; aber in 
der Wirkung auf den Helden, auf seinen Wagen- 
lenker und auf die Tiere sehen wir das Wunder, 
das vor sich geht. Amphiaraos ist in der Blüte der 
Jugend, die Kinder, die er zurückgelassen hatte, 
waren noch klein (llomer o 246): Helm und Schild 
sind statt der vollen Rüstung. Sehr schade ist es, 
dafs das Gesicht abgestofsen ist, da der Ausdruck 
im Gresichte des Baton (des Wagenlenkers Apollod. 


Amphiaraos. 69 


3, 6, 8, 4) vermuten lafst, dafs auch das des Sehers 
einen treuen Spiegel\des wunderbaren Augenblicke 
abgab. Baton, dem zum Kontrast mit der jugend- 
lichen Gestalt ziemlich greisenhafte Züge gegeben 


zu verlieren und nicht zufällig oder wie gewöhnlich 
mit der Rechten sich an dem Wagenrand festzu- 
halten. Die Pferde selbst scheinen von dem Hauch 
aus der Tiefe ergriffen und, während die hintersten 


j 
ı 
| 
! 











70 Amphiaraos' Niederfahrt. (Zu Seite 68.) 
































sind und dicker und verwahrloster mit dem Bart | scheuen, ist das vorderste, dem Erdspalt am nächsten 
zusammenfallender Haarwuchs, steht wie betroffen | gekommene, wie betäubt. — Die originelle und fein 
und nachsinnend da, von dem Gespann abgewandt, | durchgeführte Charakteristik und die Reinheit des 
als ob er es sich selbst überliefse, und indem er die | ausgebildetsten Stils erheben dies Werk unter die 
Zügel zwar fort in seinen Händen hält, in das Un- | vorzüglichsten, die aus dem Altertum auf uns ge- 
vermeidliche sich ergäbe. Amphiaraos aber scheint ' kommen sind, und stellen es in einen nicht sehr 
wie von Geisterhauch umwittert die feste Stellung | weiten Kreis des Schönsten, was überhaupt in der 
5* 


10 Amphiaraos. 
Kunst existiert.«c — Mit diesem Relief stimmt eine 
in Herculaneum gefundene rote Zeichnung auf Mar- 
mor, sog. Monochrom (vgl. Plin. 33, 117 und 35, 64. 
so augenfällig überein, dafs Welcker {nach der Ab- 
bildung Alte Denkm. II Taf.10) darin mit Recht eine 
Kopie findet, deren Verfertiger allerdings in den 
tieferen Geist des Originals wenig eindrang und 
nur den flüchtenden Amphiaraos mit den kräftig 
dahinsausenden Rossen darstellte. Noch stürkeren 
Abstand zeigt eine etruskische Aschenkiste bei Over- 
beck, Her. Gal. VI, 9, wo der Abgrund durch ge- 
brochenes Gestein angedeutet ist und eine geflügelte 
Furie mit Fackel dem Wagen voraus hinabsinkt, 
während ein gerüsteter Krieger, dessen Bedeutung 
unklar ist, noch neben letzterem herschreitet. Inter- 
essant ist ferner der Vergleich mit denı von Philostr. 
I, 27 beschriebenen Gemälde, auf welchem Am: 
phiaraos, obwohl bewaffnet, als zukünftiger Seler 
schon das Haupt mit einem Kranze von Lorbeer 
und Wollenbinden umwunden und mit verklärtem 
Blick (BAenwv iepöv Kai xpnouwWdes) gemalt war; da- 
neben der Ortsgenius und Mcerjungfern, vorne aber 
der Erdspalt selbst mit dem Thor der Träume, an 
welchem die Wahrheit und der Traumgott standen. 
In seinem Heiligtume zu Oropos, wo Amphiaraos 
eine Marmorstatue und einen prächtigen Altar be- 
safs, wurden nämlich auch Traumorakel erteilt; vgl. 
Paus. I, 34; er galt für einen Heilgott und deshalb ist 
sein Kopf auf einer Münze des Orts dem Asklepios 
ähnlich gebildet, der Revers zeigt dessen Schlangen- 
stab, Overbeck, Her. Gal. Taf. VI, 10. 

Über eine ausgezeichnete Bronzestatuette des 
Tuxischen Kabinetts, welche auf «len Wagenlenker 
Baton bezogen wird, ». »Bildhauerkunst, archaische-, 
woselbst auch die Abbildung. [Bm] 

Amphitheater. Das Amphitheater (dugpılldartpov, 
amphitheatrum), ein Gebäude, bestimmt zur Auf- 
führung von Fechter- und Tierkämpfen, scheint eine 
Erfindung der Campaner gewesen zu sein. Wenigstens 
ist das älteste aller uns bekannten derartigen (Ge- 
bäude das steinerne Amphitheater in Pompeji (etwa 
70 v. Chr. erbaut). Erst von dieser (regend kam 
diese Gebüudeart nach Rom. Die Nachricht des 
Plinius (N. H. XXXVI, 117), wonach das erste 
Amphitheater durch den Tribun Scribonius Curio im 
Jahre 50 v. Chr. zu Rom hergerichtet worden sei, 
ist mithin falsch. Ebenso unrichtig ist die Angabe, 
dafs derselbe die Form durch Vereinigung zweier 
mechanisch beweglicher, hölzerner Theaterzuschauer- 
räume hergestellt habe: theatra iurta duo fecit am- 
plissima ligno, cardinum singulorum versatili suspensu 
libramento, in quibus utrisyue antemeridiano ludorum 
spectaculo edito inter sese aversis ne inticem obstreperent 
scenae, repente circumactis, ul constat, post primos dies 
sedentibus aliquis, cornibus in se coeuntibur faciebat 
amphitheatrum yladiatorumque proeliu edebat. Die 


Amphitheater. 


Form ist einfach als eine Umbildung des Circus 
anzusehen. Vier Jahre später errichtete Cäsar das 
erste feststehende Amphitheater zu Rom, aber auch 
noch aus Holz (Dio Cass. 43 c.22), während Statilius 
Taurus unter Augustus das erste steinerne Gebäude 
dieser Art in Rom erbauen liefs (Suet. Aug. c. 29). 
Das gröfste und gewaltigste Amphitheater aber ist 
das Flavische, erbaut durch Vespasian, geweiht von 
Titus, welches unter dem Namen des Colosseum 
allgemein bekannt ist. Diese Gattung von Bauten 
für blutige Festspiele beschränkt sich nicht auf die 
Hauptstadt. Das Amphitheater von Pompeji wurde 
schon erwähnt. Grofsartige Anlagen dieser Art haben 
sich unter anderm zu Capua, Verona, Pola und 
Nimes erhalten; auch auf griechischem Boden finden 
sich Reste, z. B. zu Korinth. 

Die ganze Einrichtung läfst sich am einfachsten 
durch die Betrachtung des (Grrundplanes und des 
Durchschnittes des Colosseums, welche wir nach Hirt, 
Gesch. d. Bauk. b. d. Alten Taf. 20, 9 u.10 geben, klar 
machen. Die Grundform des Gebäudes ist elliptisch. 
Der gröfsere Durchmesser der Arena beträgt 77, Jder 
kleinere 46,50 m, die Tiefe des die Sitze tragenden 
Baues (im ganzen 87000 Sitze umfassend) 48,64 m, 
die ganze Axenlänge 185, die Axenbreite 156 m, die 
Gesamthöhe 48,50 m. Der äufsere Aufbau (Abb. 71 
nach Gailhabaud, Denkn:. d. Bauk.) besteht aus vier 
Stockwerken, das erste aus 80 durch fortlaufende 
Nummern bezeichnete Arkadenöffnungen mit dori- 
schen Halbsäulen, das zweite und dritte Stockwerk 
zeigt ebenfalls Arkaden mit Halbsäulen, und zwar 
ionische im zweiten, korinthische im dritten, das 
vierte endlich ist durch Fenster durchbrochen und 
mit korinthischen Pilastern geziert. Der Aufsenbau 
ist mit Travertinquadern verkleidet, während der 
ganze Innenbau aus Backstein mit teilweisem Mar- 
morbelag bestand. Unter der Arena finden sich grols- 
artige Substruktionen, deren Zweck im einzelnen nicht 
völlig aufgehellt, die aber offenbar in Zusammenhang 
stehen mit den für die Spiele nötigen Maschinerien, 
dann auch dazu dienten, die Arena zeitweise unter 
Wasser zu setzen. Abgeschlossen war die Arena 
gegen den Zuschauerraum durch die hohe Frontwand 
des Podiums. Zum Schutze gegen die wilden Tiere 
waren noch Netze mit grofsen Stacheln und bei der 
Berührung sich umdrehende Walzen längs des Po- 
diums angebracht. Der ganze Zuschauerraum ruht 
auf einem vielfach zusammengesetzten Gewölbe- 
system. Vier gewölbte Umgänge (itinera: CDEF 
in Abb. 72 und 73) laufen elliptisch, parallel mit der 
Arena, zwischen D E und E F liegen die in der 
Axe des Gebäudes aufsteigenden Treppen, welche 
durch Gewölbe überdeckt sind. Die allmählich an- 
steigenden Sitzreihen sind in verschiedene Stock- 
werke geteilt: zu unterst das Podium (G Abb. 72, 
B Abb. 73) mit beweglichen Sitzen, dann die erste 


‚Abteilung derSitzstufen aus Marmor 
(maenianum: H Abb.12, G Abb.73), 
darauf durch eine Gürtung (prae- 
einctio: K Abb. 72) getrennt das 
zweite Muenianum (Z Abb. 72, H 
Abb. 73), ebenfalls mit marmornen 
Sitzstufen. Das Podium ist vom 
Umgange E unmittelbar durch die 
Treppen a in Abb. 72 und 73 zu- 
günglich, das erste Maenianuın so- 
wohl von unten vom Podium, wie 
von oben von der ersten Gürtung 
durch Treppen (de Abb.12, DAhb.73; 
f Abb. 72). Diexe Treppen teilen 
das Maenianum iu verschiedene 
Keile (eunei). Ebenso war das zweite 
Maenianum von unten von der er- 
sten Gürtung durch die Treppen g 
Abb. 72, f Abb. 73, wie von der 
zweiten Gürtung (M Abb. 72, ß 
Abb. 73) zugänglich. Aufseriem er- 
leichterten Ausgänge in der Mitte 
dienen Maenianums (p Abb. 72, a 
Abb. 73) den Verkehr. Zum (lritten 
Maenianum (N Abb. 72, I Abb. 73), 
welches auf hoher Mauer (balteus?) 
sich erhebt und mit Holzsitzen ver- 
sehen war, führen die Treppen ! nı 
Abb. 72, k Abb. 73. Oberhalb des 
dritten Maenianums lief eine Säulen- 
halle (0 Abb. 72, K Ahtı. 73) — 
wahrscheinlich korinthischen, nicht 
dorischen Stiles, wie in Abb. 73 --, 
erreichbar durch die Treppen 0 
Abb. 72, 1 Abb. 73. Schliefslich 
konnte man auch die Dachung der 
Halle (1, Abb. 78) mitteln der 
Treppen m (Abb. 73) und von da 
mittels der Treppen n (Abb. 78 
den obersten Absatz des Gehiluden 
{R Abb. 73) ersteigen, von wo aus 
das Velarium dirigiert wurde. Das 
ganze Gebäude konnte nämlich zum 
Schutze gegen die Sonnenhitze mıit 
einem rierigen an Masten befestig- 
ten Zeltdache (velarium) überspannt 
werden. Alles übrige, besonden« 
die Anlage der Treppen und der 
Zugänge, macht die Zeichenerkli- 
rung der Abbildungen 72 u. 78 klar. 

Es sei bemerkt, dafs die Stock- 
werke der verschiedenen Höhen 
wegen sich innen und aufsen nicht 
entsprechen, worauf bei Benutzung 
der Zeichenerklärung der Abbil- 
dungen zu achten ist. nn 





Amphitheater. 


7 





12 


Amphitheater. 








Colosseums. (Zu Seite 70.) 


Grundrifs der vier Stockwerke, 
I. Grundplan des ersten Stockwerkes. 


U. Plan des zweiten Stockwerkes. 
A Arena. 





. @ das Podium mit beweglichen Sitzen. 
B die vier Haupteingünge zu derselben. H d e Treppen nach dem ersten Maenianum 
CDEF die vier Umgünge (itinera) der Wöl- : vom Podium aus. 
bungen, auf denen die Sitze ruhen. | f dergl. von der ersten Gürtung aus. 
a Treppen nach dem Podium und der ersten | H erstes Maenianum mit marmornen Stte- 
Abteilung der Sitzstufen (maenianum). stufen, durch die Treppen e und fin Keile 
b c Treppen nach dem zweiten Maenianum. 


(cunei) geteilt. 


Amphithester. 


erste (ürtung (praecinctio). 

Treppen nach dem zweiten Maenianum. 
Treppen nach den Ausgängen (tomitoria) 
in der Mitte des zweiten Maenianum. 

it Treppen nach den inneren Gewölben des | 


= 


N 


dritten Stockwerkes. N 
I1I. Plan des dritten Stockwerkes. | 0 
L zweites Maenianım mit Marmorsitzen. |! 0 


p Treppen und Ausgänge. 


Durchschnitt durch das 


I. II. III. IV. Stockwerke des Aufsenbauen. y 
7 Stufen «des Unterbaues. 
EU DEF die vier Umgänge. | l 
A Arena. | s 
B Podium. m 
@ erstes Maenianum. 
H zweites Maenianum. t 
I (im Durchschnitt irrig ?) drittes Maenianuım. n 
K Säulenhalle. j | y 
@ Treppen nach dem Podium. uw 
b Treppen nach dem ersten Maenianum @. 
o Öffnung in der Wölbung des Podiums, um ' v 


dem Umgange F' Licht zu geben. | 

c Treppen nach dem zweiten Stockwerk (des | 

Aufsenbaues). | 

Treppen nach der ersten Gürtung. 

Treppen von der ersten Gürtung zum zwei- 

ten Maenianum AH. 

p Öffnung in der Wölbung der ersten (ürtung, 

um dem Umgange E Licht zu geben. 

Treppen nach dem zweiten Stockwerk (des 

Aufsenbaues), von da mittels der Treppen g 

und durch die Ausgänge a nach dem zweiten | 

Maenianum H. 

h Treppen nach der Wölbung und den | 
Treppen d, welche nach dem dritten Stock- : 
werk und von da durch die Ausgänge ß | 
auf die zweite Gürtung führen. 

k Treppen, welche naclı der Wölbung Z! und 

von da durch die Ausgänge Y zum dritten 

Maenianum .J führen. 


13 


M zweite Gürtung. 
! m Treppen nach dem dritten Maenianum. 
IV. Plan des vierten Stockwerkes und der darüber 
liegenden Säulenhalle. 


drittes Maenianum mit Holzsitzen.' 
Ausgänge darauf. 

Säulenhalle. 

Treppen dazu. 


Gebäude, 


Mauer, auf der das dritte Maenianum J 
liegt” 

Treppen nach der Säulenhalle X. 
Lichtfenster für diese Treppen. 

Treppen nach der Dachung der Säulen. 
halle ZL. 

Fenster «der Siäulenhalle. 

Treppen nach dem obersten Absatz R. 
Balken zur Befestigung des Velariuns. 
Krunzgesims, in welches die Balken ein- 
gelassen sind. 
Kragstein, auf dein die 
Balken ruhen. 






















73 Durchschnitt des Colosseums. (Zu Seite 70.) 


74 Amphitrite. 


Amphitrite. In der genealogisierenden Mytho- 
logie zwar die eheliche (iemahlin Poseidons, aber 
bei Homer nur die Allegorie der rauschenden stöh- 
menden (&ydorovog) Meerflut, ohne Persönlichkeit. 
Über ihren mangelnden statuarischen Uharakter be- 
merkt Conze, Götter- und Heroengestalten: »Eine 
selbständig zu fester Individualität und Kunstgestalt 
ausgebildete weibliche (ottheit war dem Poseidon 
nicht zugesellt; er erhielt sie gleichsam der Ordnung 
wegen und sie erscheint dann in Tracht und Be- 
haben als seine Gattin, aufserden als Herrin des 
Meeres von Seegeschöpfen umgeben. Einen ganz 
festen eigenartigen Typus, der ihr fehlt, erhalten 
unter den (iöttinnen nur solche, denen in Natur 
Bildung und im Kultus Selbständigkeit innewohnte, 
die dem entsprechend auch im Mythus mehr wirk- 
lich handelnd auftreten, als es bei der Poseidon- 
gemuhlin der Fall ist.e Das sichere Bild der Göttin 
ist übrigens doch in manchen Kunstwerken erhalten, 
unter denen das hervorragendste der in der Mün- 
chener Glyptothek befindliche Fries ist, welcher ihre 
Hochzeit mit Poseidon darstellt und im Art. »Skopas« 
abgebildet und besprochen wird. Amphitrite er- 
scheint darelbst als züchtige Braut auf dem Wagen 
neben dem Gemahl fahrend, hekleidet und «en 
Schleier, der das Flinterhanpt und den Nucken ver: 
hüllt, noch enger anziehend, mit einfach geschei- 
teltem Haar, im (esichte jugendlich und mild. Wenn 
hiernach selbst die Schule den Skopas kein eigen. 
tümliches Charakterhild hervorgebracht hat, so darf 
dies noch weniger von der älteren Kunst erwartet 
werden, von welcher uns hauptsichlich die Vasen 
bilder Kunde geben. Auf der Schale des Sosias 
thront Amphitrite an der Seite der Hestia, übrigens 
völlig gleich gebildet, und nur darin unterschieden, 
dafs Hestia verschleiert ist, Amphitrite dagegen das 
offene Haar mit einer Stephane geschmückt hat 
und in der Linken ein Seepter führt, um dessen 
oberen Teil Seeblumen (oder Seegras?) gewunden 
scheinen. Dieselbe Zusammenstellung mit Hestia 
{also der (iegensatz des beweglichen Meeres und der 
festen Erde) neben Poseidon findet sich in einem 
Weihgeschenke von Erzstatuen aus Olymp. 77, (essen 
Paus. V, 26, 2 gedenkt. Als cheliches Paar waren 
Amphitrite und Poseidon dargestellt im Relief der 
Tempels der Athena Chalkioikos Paus. III, 17, 3 
und an der Basis des Thrones des olympischen Zeus 
Paus. V, 11, 3. $o sitzen sie zusammen bei der 
Mahlzeit der Götter auf einen Varenbilde, Mon. 
Inst. V, 49; auf dem Wagen im Zuge zur Hochzeit 
des Peleus und der Thetis anf der Frangoisvase 
(vgl. »Uliuse), ebenso auf einem Relief der Villa 
Albani bei Zoega bassiril. tuv. ]. Ein prachtvoller 
in Konstantine entdeckter Mosaikfufsboden (abge- 
bildet auch Arch. Ztg. 1860 Taf. 144) wird so be- 
schrieben: »Auf einem von vier feurigen Seerossen 

















gezogenen Wagen steht Poseidon, nackt bis auf 
einen über den linken Arm herabfallenden Mantel, 
mit der Binde im Haar, den Dreizack in der Linken ; 
ihm zur Rechten Amphitrite ebenfalls nackt bis 
auf das um die Beine geschlungene Gewand, mit 
Stirnkrone, Ohrringen und Armbindern geschmückt. 
Sie hält den (emahl mit der Linken umfafst und 
reicht ihm, indem sie ihn zärtlich ansieht, die Rechte 
hin. Beide Gottheiten haben einen Nimbus ums 
Haupt; zwei in der Luft achwebende Eroten halten 
über ihnen ein (iewand bogenförmig ausgespannt. 
Die ganze Gruppe ist vollkommen en face darge- 
stellt. Unter derselben sind zwei Schiffe init aus- 
gespannten Segeln, und in jedem ein Mann und 
eine Frau, beide nackt; der Mann im Schiffe links 
zieht eben an der Angel einen Fisch empor, der 
andere hat einen Thunfisch mit dem Dreizack ge- 
troffen und hält die Leine in der Hand. Darunter 
tauchen zwei Nereiden mit Krinzen von Schilf im 
Haar und mit Halk- 
bändern geschmückt, 
auf Delphine gelehnt, 
mit halbem Leibe aus 
der Flut auf; in der 
einen Hand halten beide 
eine Art von Guirlande. 
Überall sind im Felde 
Fische und Schnecken, 
auch. eine Sepia an- 
gebracht. Eine Ver- 
gleichung dieser Vor- 
stellung mit dem Mün- 
chener Relief zeigt die 
bildende Kunst in ihren 
verschiedensten Richtungen unter dem Einflusse weit 
entfernter Zeiten.e (Jahn.) 

Die vorwiegend jugendliche, fast jungfräuliche 
Bildung der Amphitrite stimmt mit der Vorstellung, 
dafs Amphitrite, sowie andre Nereiden, namentlich 
Thetis, anfangs versucht habe, sich den Umarmungen 
dles Liebenden zu entziehen und vom Poseidon ver- 
folgt, auf Naxos aus dem Reigen geraubt sei (Schol. 
Hom. y 91: &v Naky riv Angirpfrnv Xopebousav 
idiov fpmasev), eine Scene, die sich auf mehreren 
Vusenbildern, wo nicht Amymone (s. Art.) dargestellt 
sein kann, wiederholt findet, Elite e&ramogr. III, 
19 #. Bei der Werbung Poseidons um Amymone 
ist sie sogar zugegen (inschriftlich), ebendas. 27. Zu- 
weilen ist auf Vasen Amphitrite von Amymone 
schwer zu scheiden, ebenso auf einem griechischen 
Relief (Zoega busiril. I, Welcker, Alte Denkm. II 
Taf 4,7), wo sie in nymphenartiger Haltung neben 
Poseidon steht, aber in der Gesellschaft von Pluton 
und Kora und des thronenden Zeus kaum der Ge- 
liebten Anymone weichen dürfte. Auf einem mit 
Hippokampen bespannten Wagen fährt sie mit 





4 Amphitrite. (Zu Seite 75.) 





Amphitrite. 


Poseidon in Begleitung von Tritunen, auf einigen 
Kupferimünzen von Korinth. Dafs ihr Andenken in 
dieser Stadt besonders gepflegt wurde, erfahren wir 
aus Paus. IT, 1, 7, welcher bei der Beschreibung 
des isthinischen Poseidonheiligtumes eine Erzstatue 
von ihr im Vorhofe und im Tempel selbst eine 
grofse Gruppe aus Gold und Elfenbein erwähnt, 
welche Herodes Atticus setzen liefs und deren Mittel- 
punkt Poseidon und Amphitrite auf dem Wagen 
bildeten. Von dem Wachstum ihres Anschens zeugt 
die Notiz des Philochoros bei Clem. Alex. Protr. p.41, 
dafs der Erzgielser Telesias sie neben Poseidon, in 
Kolossalstatuen von neun Ellen Höhe, aufgestellt 
habe; sowie die Angaben über verschiedene Feste 
und Kulte. Die zierliche Kleinkunst der römischen 
Epoche bildete einen anmutigen Typus für sie aus, 
der namentlich für die Gemmenform wie geschaffen 
scheint: eine wellenumspülte Büste mit langgeringe!- 
tem, feuchtem Haupthaare eben aus den Wogen 
emportauchend, das Antlitz voller, das Profil stumpfer, 
der Ausdruck ernster als bei den neckischen Nereiden, 
als deren eine Amphitrite trotz schwankender (ie 
nealogie immer anzusehen ist. So auf dem ge 
schnittenen Steine, nach Gori, Mus. Flor. 1, 85, N. 4. 
(Abb. 74.) Zuweilen wird sie auch durch Krebs 
scheren an den Schläfen näher charakterisiert. Die 
Münzen der gens Crepereia tragen genau dasselbe 
Bild, dazu auf dem Revers den dreizackschwingenden 
Poseidon mit Hippokampen fahrend, wodurch die 
Deutung sicher gestellt wird. Da diese Familie in 
näherem Verhältnisse zu Korinth gestanden zu haben 
scheint, so ist es nicht unmöglich, dafs dem Münz. 
typus ein dort vorhandener bedeutendes Bild der 
Ampbhitrite zu Cirunde liegt. [Bm] 
Amulett. Wie heut noch im Süden überall und 
vereinzelt auch anderwärts, so war im Altertum in 
Griechenland und Italien der Glaube allgemein ver- 
breitet, dafs jemand durch seinen Blick einem andern 
Schaden zufügen könne (Baokalveıv, faseinare); sei 
es nun, dafs er dabei selbst die Absicht hat zu 
schaden, sei es, dafs er von Natur aus mit dem 
»bösen Blick« behaftet und an der nachteiligen Wir- 
kung desselben eigentlich unschuldig ist. Dieser Zau- 
ber wurde, wie man glaubte, nicht blofa Menschen, 
sondern auch Tieren, ja selbst leblosen Wesen, wie 
Gebäuden, Geräten u. s. w. verderblich; und man 
suchte daher sowohl sich und seine Angehörigen, uls 
sein Vieh und sein sonstiges Besitztum gegen (liesen 
nachteiligen Einflufs zu sichern durch Schutz ver- 
leihende, Unglück abwehrende Symbole (dnotpönaua), 
welche man den gefährdeten Personen oder Dingen 
anlegte, resp. an denselben befestigte. Ganz he- 
sonders glaubte man die Kinder, als hilflose, sich 
selbst zu schützen nicht fähige Wesen (der Erwach- 
sene kann sich allenfalls durch die Geberde der 





Feige — der Daumen zwischen Zeige- und Mittel- 


Amulett. 75 
finger der zur Faust geschlossenen Hand hindurch 
gesteckt — schützen) der Gefahr der Bezauberung 
ausgesetzt; und deshalb trugen Mütter und Kinder- 
wärterinnen eifrig Sorge, denselben schon im zar- 
testen Alter allerlei Amulette, welche der Bezau- 
berung wehren sollten (mpoaoxdvia), umzuhängen, 
die deshalb auch »Umhängsel«, repıanrd oder mepı- 
dpnara genannt werden (Ael. Nat. an. XII, 7; Diod. 
Sic. V, 64) und um den Hals, «ie Brust oder aın Arme 
getragen wurden. Die Vorstellungen dieser meist 
einen figürlichen Charakter tragenden Arnulette, deren 
sich noch zahlreiche erhalten haben, sind sehr 
mannigfaltig; wir finden darunter bestimmte Gott- 
heiten, wie namentlich das Bild des Harpokrates, - 
Ciorgoneia (die Meduse als das ansgeprägteste Bild 
(des verächtlichen Hohnes war ganz besonders be- 
liebt als Apotropaion und ist deshalb sehr häufig 








iu Votivhand zn 


an Waffen, Geräten, Gefäfsen n. dergl. angebracht), 
Tierköpfe aller Art, Ilände, welche die Geberde der 
Feige oder sonst einen verspottenden Giestus machen, 
abentenerliche Mifsbildungen, Zwerggestalten, viel- 
fach auch derbe Obscönitäten: namentlich der Phallus 
spielt eine wichtige Rolle unter diesen Anuletten. 
Als Probe teilen wir unter Abb. 75a, b und 76 
einige Beispiele mit, entnommen aus der vortreff- 
lichen und sehr eingehenden Abhandlung von O.Jahn, 
Über den Aberglauben des bösen Blicks bei den 
Alten, in den Süchs. Ber. 1855 8.28 ff. Abb. 75 u, b 
(nach Jahn Taf. IV 2a, b} ist eine sog. Votivhand 
aus Bronze, wie man deren jetzt eine beträchtliche 
Zahl kennt (vgl. J. Becker, Die Heddernheiner 
Votivhand, Frankfurt a. M. 1861, und Dilthey in den 
Archäol.-epigraph. Mitteil. aus Österr. II, 148); sie 
stammt aus dem Besitz Belloris und ist heute im 
Berliner Museum. Diese Votivhände sind allerdings 
meistens nicht zum Anhüngen bestimmte Amulette, 
sondern Weihgeschenke: sie stimmen aber alle in 


76 


ihren bildlichen Zuthaten durchaus mit dem Charak- 


ter der Amulette überein. Wie alle diese Vutiv- 
'hände, ist auch die Berliner eine rechte Hand, un 
der die drei ersten Finger ausgestreckt, die beiden 
letzten eingeschlagen sind. Vom Handgelenk aus 
nach den Fingerspitzen zu ringelt sich eine grofse 


Amulett. 


andre Attribute sind auf den beiden Seiten der Hand 
verstreut: ein zweihenkeliger Kantharos als Attribut 
des Dionysor, Uymbeln, ein Messer, eine Wage, ein 
Frosch, eine Schildkröte, eine Eidechse — Tiere, denen 
man irgendwelche Zauberkraft beimafs, da sie auch 
sonst auf bildlichen Darstellungen als Feinde des 








76 Amuletthalsband. 


(iu Seite 75.) 





Ki 


Amulette. 


Schlange empor; unten an der Handwurzel ist in | 
einem abgetrennten Kreissegnient eine liegende Frau | 
abgebildet, un deren Brust ein Kin saugt; daneben | 
ein krummselinabeliger Vogel; mun nimint an, dafs 

diese und ähnliche Tlände, die das Attribut der | 
Frau mit dem Kinde aufweisen, ein Ex-vofo für | 
glückliche Entbindung seien. Auf der Innenseite der 
Hand ist ferner, zwischen zweitem und drittem ! 
‚Finger, die Büste des Zeus Serapis angebracht. Allerlei 


(zu Beite 77.) 


1 


bösen Auges enscheinen. — Abb. 76 (naclı Jahn 
Taf. V, 2) ist ein sehr charakteristisches Beispiel 
eines aus verschiodenen Amuletten zusammenge- 
setzten Halsbanden, gefunden in der Krim. Den 
Hauptbestandteil des Halsbandes bilden geschliffene 
Steinchen und Glasperlen; dann sehen wir allerlei 


, figürliche Vorstellungen: eine Hand, welche die Ge 


berde der Feige macht, Frösche, eine phallische Herme, 
ein plumpes Idol, allerlei Tiere u. dergl. m. Spezifisch 


Amulett. Amymone. 


italischer, auch bei den Römern ganz allgemeiner 
Brauch war es, dafs die Knaben irgend ein Amulett 
in einer Kapsel, Dlla genannt, um den Hals trugen, 
welche bei den Vornelmern von Gold, bei gewöhn- 
lichen Leuten von Leier oder sonst einem geringeren 
Stoffe war {Iuv. 5, 165: Ktrusco puero si comtigit 
aurum Vel nodus tantum et signum de paupere loro); 
diene bulla, mit der wir Knaben auf etruskischen 
und römischen Denkmülern schr häufig abgebildet 
sehen, legte man beim Fintritt in dan Mannesalter 
ab, mit Anlegung der Tagu ririlis. Auch von solchen 


bullae haben sich mehrere Exemplare erhalten, die : 























79 Altar. 


wir hier unter Abb. 77 und 78 (nach Arch.Journ. VI, 
113 und VHI, 166) abbilden. Sie bestehen aus zwei 
kreisförmigen konkaven Goldblechen, etwa 2” im 
Durchmesser, von Gestalt eines Uhrglases, die zu- 
sammengelegt eine linsenförmige Kapsel bilden. Eine 


breite, zugleich als Henkel dienende Klumnmer drückt | 


beide Hälften aneinander; bei Abb. 78 steht durauf 
der Name des Besitzers: Hostfus) Hosftilius). — 
Abb. 79, Figur eines Lar in der den Laren (s. Art.) 


eigentümlichen Kleidung und Stellung rührt von der . 


Seitenfläche einer Ara aus Caere her (nach Mon. 


Inst. VI, 13); derselbe hat um den Hals an einer ' 


Kette die dulla hängen. Dafs diese bei den Laren, 


als den Repräsentanten von Haus und Familie, ein | 


gewöhnliches Attribut war, zeigt Petron. Sat. 60: 





"gibt Bun 
‚ der angivischen Bucht gegenüber Nauplia (dessen 


je 


77 


inter haec tres pueri candidas succincti tunicas in- 
traverunt, quorum duo Lares bullatos super mensam 
posuerunt. 

Litteratur: Aufser den oben angeführten Ab- 
handlungen noch zu vergl. Berker-Göll, Charikles 
T, 200, Gallus IT, 70; Marquardt, Privatleben 8.82 #. 

[Bi] 

Amymone. Fine der reizendsten und fafsbarsten 
Naturmytben, an der man zugleich die Fantasie der 
Griechen und ihre Art, Diehtung in Bildwerk zu 
übersetzen, bewundern kann, erzählt von dieser an- 
geblichen Danaostochter und ihrer Liebschaft mit 
Poseidon. Nach Apollod. I1, 1, 4, 8 ist Danaos in 
Argos angelangt: ävöbpou d2 Tg Xupag UmapxoUons— 





| räg Hurarepag Üdpevoouevas Emenye: pia dL abrWv 


Auupbvn Znroooca Udwp pimter BeAog Eni &rıpov xal 
Komwpevov Zarupou TUYxüvei, xäKeivog TepIavaotäg 
enetbner ouyrevichan- TTooeıdivog d! &mı pavevrog & 
Zdrupog nev &puyev, ‘Auupdvn dE Tobtw ouveuvdZeran, 
ai aut TloveıdWv tüg Ev Adpyn mnyäg Eunvuaev. 
So vielleicht nach dem den Gegenstand behandeln- 
den Satyrdrama des Aeschylos; zwei Variationen 
andrer Dichter bei Nygin. fab. 169. Eine Beschrei- 
bung der Örtlichkeit, die den Hergang erklärt, 
, Geogr. Griechen]. I1, 67. Im Winkel 








Gründungsheros Nauplios als Sohn des Poseidon 
und der Nymphe Amymone galt) sprudelt aus dem 
nah ans Meer vortretenden Berge Pontinos eine 
starke Quelle hervor, die sich nicht wie die meisten 
anderen durch Wald und Gebirge schlüngelt und 
herabspringende Nebengewässer aufnimmt, sondern 
ihren Wasserreichtum direkt ins Meer ergiefst. Hierzu 
war künstliche Hilfe durch Eindämmung schon im 
frühesten Altertum so nötig wie heutzutage, um das 
flache Uferland vor Überschwemmung und Ver- 
sumpfung zu schützen. Die ganze Gegend, Lerna 
nannt, wie auch jetzt noch die Quelle selbst oft 
heifst, ist von aufsteigendem (uellwasser durch- 
tränkt, dessen Sprudel bald da bald dort sich zeigen. 
So erklärt sich die lernäische Hydra, eine Wasser- 
schlange, der zwei Köpfe nachwachsen, wenn einer 
niedergeschlagen ist; ITerakles der Sonnengott konnte 
sie nur mit Feuersglut ausbrennen und schliefslich 
den stärksten Sprudel durch Muuerbauten am Berge 
einzwängen. Man bemerke die Ausdrücke bei Apollod. 
1, 5, 2, 3, worin noch Nachklinge des ursprüng- 
lichen Sinnes enthalten sind: T& pondAw räg kepaAdg 
xömtwv o0dev Avbeıv &dvaro- mäg Tüp Komtonevng 
xepaAfig dio Avepbovro. Emeßonleı dE Kapkivos TA 
Üdpq Unepuereiing daxvwv Töv nöda (etwa die giftigen 
Dünste ? oder das fressende Seewasser N). — ’löAaog 
nepos Tı xaranphioag TAG Eyrüg BAng Toig daAoig kara- 
alwv rüg AvaroAdg Tv Avapvou&vwv kepaAiv exukuev 
ävıevar. — iv Addvarov Amoröyas Karlıpuke xal 
Bapeiav Emeünke merpav. Neben dem Sumpfwasser 








(64 108 nz) "ouousuy 08 


(sr Ayas nz) "auousury pun uoppsog 18 


Amymone. 

















Amymone. 


der T.erna ist Amymone die »untadelige« Nymphe 
wegen ihres klaren, gesunden Wassers; darum wurde 
auch in der Kunst ihre Erscheinung lieblich ge- 
bildet. Auf älteren Vasen ist der Gegenstand selten, 
8. Gerhard, Auserl. Vasenb. I 8.48, der Taf. 11,2 eine 
solche abbildet, auf deren einer Seite Poseidon die 
langbekleidete Nymphe verfolgt, welehe schon im 
Begriffe ist, den Krug fallen zu lassen. Auf der 
Kehrseite steht Amymone ruhig mit dem Kruge da, 
wührend der Gott seinen Dreizack in einen Felsen 
rennt, aus welchem schon Wassertropfen hervor- 
springen. Den Zusammenhang gibt Ilygin. fah. 169 
un: Quam Neptunus compressit; pro quo benefeium 
ei tribuit jussitque cjus fuscinam de pelra educrr 
quae cum eduriwet, tres silani sunt consecuti. Auf 
einer Florentiner Gemme (Abb. 80, nach Wicar, 
Galerie de Florence t. I pl. 91, in bedeutender Ver- 
gröfserung) sehen wir die Cieliebte des Poseidon als 
verklärte Heroine, mit der Linken auf den Dreizack 
gestützt, in der Rechten den Wasserkrug haltend, in 
aphroditenähnlicher Nacktheit: das herabgesunkene 
Gewand ruht nur noch auf der linken Hüfte. Auf 
einem pompejanischen Wandgemälde, nach Mus. 
Borbon. VI, 18 (Abb. 81\, finden wir die Scene dar- 
gestellt, wie die Nymphe, von dem verfolgenden 
‘hier nicht sichtbaren) Satyr erschreekt, in Posei- 
ons Arme flieht. Des steilen Berges Felsen und 
die durch Delphine angedeutete Nähe des Meeres 
lassen an der Richtigkeit der Deutung kaum einen 
Zweifel, wenngleich die äufseren Motive der Da 
stellung in der dekorativen Behandlung der 
wänder und der Körperstellung den genreartigen 
Charakter pompejanischer Gemälde nicht verlengnen. 
(Zweifel gegen diese Deutung wegen Mangels des 
Wasserkruges bei Wieseler, Alte Denkm. I, 8 
Mehrfach finden sich beide im Augenblick der 
Werbung, wo Poseidon dem Mädchen einen Delphin 
reicht, Elite eeramogr. III, 25, sie ihn annimmt, 
ebenda. 23, 24, wie auch Christodor. 61 ff. die Erz. 
gruppe in Konstantinopel schildert, wo Poseidon 
dıepöv deApiva mpoiogero. Auf einen Vaxenbilde 
strengen Stiles, bei Wieseler, Alte Denkn. IT, 84, 
dagegen ist Poseidon der Verfolger der Nymphe; 
beide sind voll bekleidet, der Gott hochzeitlich be- 
kränzt und mit dem Dreizack in der Rechten, die 
Verfolgte zu bereden versuchend, wihrend zu den 
Seiten hier die bekleidete Aphrodite init Seepter 
würdevoll dasteht, dort Eros nackt dem Mädchen 
voranschwebt (die Namen sind beigeschrieben). Zwei 
Vasen, beschrieben von Minervini im Bull. napolet. 
H, 61, auf deren einer Poseidon, jugendlich und 
unbärtig, die Nymphe verfolgend ergreift, während 
er auf der andern, bärtig und langhaarig, auch voll- 
bekleidet vor ihr steht, zeigen in der Hand der 
Amymone einen kreisrunden Polsterkranz, wie ihn 
die Frauen beim Tragen der Wasserkrüge oder 


















































Anakreon. 79 


andrer Gefüfse auf dem Kopfe unterzulegen pflegten ; 
griechisch : omeipa, tüAn, lateinisch: cesticulus appella- 
tur eirculus, quem superimponit capiti, qui aliquid est 
laturus in capite, Paul. Diac. p. 45,1. Dasselbe Gerät 
sichert auch die Deutung eines iebendas. p. 57) be- 
schriebenen und (tav. III) abgebildeten vorzüglichen 
Vasengemüäldes, wo die Liebenden ruhig im Gespräche 
nebeneinander sitzen, und zwar von einer halbkreis- 
förmigen Wölbung überdeckt, deren Ring mit Tropfen 
und Perlen geschmückt ist. Anscheinend haben wir 
hier nur eine künstliche (uellgrotte, deren sich 
einige, mit Mosaik bunt geziert, in pompejanischen 
sern finden; Welcker jedoch (zu Müller, Archiol. 
$ 356, 3) erblickt in diesem »Wassergewölhe einen 
Thalamos, wie Philostratus Imag. II, 8 (auch 1, 8, 
Poseidon Anıymone verfolgend: xüpa ap fjdn Kup- 
rodraı &g Töv Ydpov, YAauköv Erı xal TOD xapomob 
Tpörov) ihn beschreibt«. Viel. Homer A 240 f., 'Hoch- 
zeit des Poseidon und der Kretheix. Eine Reihe von 
Nebenfiguren deuten nur auf die hochzeitliche Be- 
stimmung des Gemäldes und haben schwerlich zu 
Narkissos und den Mysterien eine Beziehung. — In 
demselben Bull. napolet. 1, 53 kommt in der Be- 
schreibung eines Bildes it demselben Gegenstand 
auch das Hirschkall vor, welches das von Apollod. 
1. c. gegebene Motiv andentet. Eine krofse Vase 
{Mon. Inst. IV, 14) stellt in der Mitte ein Brunnen- 
haus mit aus Löwenmäulern fliefsendem Wasser vor: 
rechts sitzt Amymone vor ihrer Kalpis, links Posei- 
don lorbeerbekränzt, zwischen ihnen das weißse 
Hirschkalb. Zur Seite links Hermes mit dem Stabe 
und Aphrodite mit dem Spiegel; rechts Pan mit 
der Syrinx und eine Ortsnyinphe mit grofsem Blumen- 
kelche. Eros schwebt einen Kranz haltend über der 
Braut. —- Ruhig zusammen stehend, Anıyinone be- 
kleidet und den Krug in der Hand, Poseidon nackt 
mit Dreizuck, den Fuls auf einen Felsen hoch auf- 
gestützt, auf einer Gemme Inpronte dell Institut. 
1,64. Auf Genmen auch mehrmals wasserschöpfend 
an der Quelle, nach einem älteren Original, s. Wieseler, 
Alte Denkm. zu 11, 82b. ‚Über eine Anzahl aphro- 
ditenähnlicher Statuen, in welehen man Amymone 
vermutet hat, s. Bernouilli, Aphrodite 366 ff.) (Bm; 
Anakreon, «der Dichter von Teos, ist vorgestellt 
als bürtiger Greis, auf einem Sessel sitzend, be- 
kleidet mit Chiton und faltigem 
tel, die Leier haltend und 
mit der Rechten zum Spiel ein- 
greifend auf dem Revers einer ( 
Münze mit der Umschrift CTpa- 
Tnyoo Tißepiov TTETTRNEWS THIRIN. 
Der Avers zeigt den Kopf des » 
Poseidon, davor ein Dreizack, umwunden vom Del- 
phin.i Nach Visconti Icon. er. pl.3 n.6. (Abb. 82.) 
Haltung und Figur des Dichters mit der Leier 
stimmen nun so auffällig mit einer 1835 im Sabiner- 





























































8 Anakreon. 


lande gefundenen, jetzt in Villa Borghese vor Rom 


aufgestellten lebensgrofsen Marmorstatue, dafs man | 
diese auf Anakreon zu beziehen kein Bedenken trägt. | der Trunkenheit singend darstellte (xal ol 


(Hier nach Photographie, Abb. 83.) Die Augen, 
welche fehlen, waren vermutlich aus Edelstein ein- 
gesetzt, der rechte Arm und die Leier sind gröfsten- 
teils ergänzt. Die Behübigkeit des Sitzens mit 
übergeschlagenen Füfsen und in halb zusammen- 





83 Aunkreon. 


gesunkener Stellung weist auf einen Dichter der 
leichteren Gattung; die frischen, noch beweglichen 
Formen bei höherem Alter passen besonders für den 
Sänger des schönen Knaben Bathyllos und den Lob- 
reiner des Weines. Die Behandlung des dicken 
Wollengewandes und die flotte Ausführung lassen 
auf einen griechischen Meister schliefsen. Jahn, 
Abhandl. Süchs. Ges. Wiss. VII, 726 hat wahr- 
scheinlich gemacht, dafs die Statue einer in Teos 
selbst aufgestellten nachgebildet ist. Verschieden 


| 


Anchises. 


war jedenfalls die von Pause. I, 25, 1 auf 
polis von Athen gesehene, welche den L 


earıv olov gdovrog Av Ev nen yevorro Avilp 
einer Haltung, die in zwei Epigrammen dı 
logie (Jacobs Deleetus epigr. IV, 47,48) schr 
geschildert wird: der weinbesehwerte Diel 
zwar noch, aber man fürchtet, dafs er 
schon hat er einen Schuh verloren und sc 
Gewand nach. Vgl. Friederichs, Bausteine 
Eine andre Münze von Teos mit Anakreor. 
zeigt einen bärtigen aufrecht stehenden M: 
nackt, da die kleine Chlamys in der Luf 
der die Leier in der Linken hült und die ] 
die Seite stemmt (abgebildet Jahn a. a. 0.’ 
wahrscheinlich ebenfalls nach einer Statue. 
daselbst Taf. 3, 1 ein Vasenbild, wo int 
Anakreon sitzend zur Leier singt und zv 
linge entzückt ihm zuhören; eine genreh 
stellung, wie sie der allgemeinen Belieb 
Dichters entspricht. 

Anchises. Die Liebesscene der Aphrc 
dex Anchises wird nach ziemlich allgem« 
nahme erkannt auf einem mit Silber ar 
Hochrelief von Bronze in Hawkins Besitz, 
bei Paramythia in Epirus 1798 gefunden w 
wahrscheinlich in alter Zeit als Spiegelkaps 
Nach Millingen Uned. mon. II, 12. (Abl. 
chises erscheint in phrygischer Kleidung ı 
sonst so vollkommen als Paris, dafs man 
sein könnte, an diesen letzteren und H 
denken, wenn nicht, wie Millingen richtig 
übrigens die Auffassung der Situation entgeg 
Denn wie im Homerischen Hymnos (man 
sonders V. 81, 109, 126 ff., 133, 156) zeigt siel 
schüchtern und zurückhaltend, der über « 
gelegte linke Arm drückt behagliche Rı 
während Aphrodite halb entblöfst ihn sich 
Indet und ermuntert, dreister zu sein. 
Paris und Helena würde das umgekehrte \ 
stattfinden. Auffullend sind an Anchises' 
die beiden, wie bei den Husarendolmans 
der heutigen Albanesentracht herabhüngend 
Ärmel, ein Prunkstück wie die silbergestic 
blümten) Hosen. (Diese leeren Ärmel an ü 
schen Obergewande (xdvdus) heifsen xöpaı (J 
weil sie unbenutzt bleiben aufser in Gege 
Königs, vor dem er nicht erlaubt ist, »heni 
zu erscheinen; vgl. Xen. Cyrop. 8, 3, 10 un 
2, 1,8; Müller, Archilol. $ 246, 5.) Die ! 
Füfsen des Herrn, sowie die beiden Eroten 
der Göttin dienen wesentlich zur Aufsere: 
dung der Komposition. Die Auffassung 
dite, sowie das starke Hervortreten des 1 
laubt nicht, das in seiner Art einzige K 
in die voralexandrinische Epoche zu setz 








Anchises. 


gelällige Variation derselben Scene bietet ein apuli- 
sches Thonrelief in Berlin (abgeb. Arch. Ztg. 1847 
Tat. 1), wo Anchises ganz ebenso gekleidet und 
in gleicher Stellung sitzend einen Eros auf dem 
Knie stehend hält, welchen die bekleidete Aphro- 
dite, die gegenüber sitzt, sanft zurückzuziehen sucht. | 
Dasselbe Paar 


Ancus Mareius. 





Anklopfen. a 
schlossen zu sein und ein Thür hütender Sklave 
(dupwpös, ianitor) den Eingang zu überwachen pflegte, 
so war es doch nicht üblich, dafs Fremde ohne 
weiteres das Innere des Hauses betraten; vielmehr 
gab der Aufsenstehende seine Anwesenheit durch 
Anklopfen (körreiv, xpobeıv, pulsare) zu erkennen; 
vielfach waren 


anf einer spä- auch hierfür 
ten Münze von metallene Thür- 
Lion, Millin. G. klopfer (bön- 
M.4, 644, und Tpa, xöpaneg, 
auf einer römi- enionaotpa)an- 
schen Aschen- gebracht.(Plut. 
ume, in Havre de curios. 3 p. 
gefunden, Bull. BIGE: AAAd vOv 
de YAcad. des ev elor Supw- 
Inser. 1870 p. pol, mdraı de 
151. Über An- böntpa xpoud- 
chises bei der eva mpög Talg 
Flucht des Höpaıs aladmaıv 
Acneas 8. 8.31. mapeixev). Die 
[Bm] früher vielfach 
Ancıs Mar- verteidigte An- 
eiws, der vierte sicht, dafs man 
nmische Kö- auch beim Hin- 
nig, findet sich ausgehen aus 
dargestellt (na- der Thür von 
türlich als frei innen an die- 
erfundener Ty- selbe geklopft 
Pus) auf einem oder geschla- 
Denar des gen habe, da- 
Münzmeisters mit die nach 
1 Mareius Phi- aufsen  auf- 
Ippus (Cohen &4 Venus bei Anchises. (Zu Seite 80.) schlagende 
med. cone. pl. Thür keinen 


XXVL8), hinter ihm der Augurnstab(lituus), Abb.8bu; , 
erner zusammen mit dem Kopfe seines Grofsvaters 
Numa auf Denaren und Bronzemünzen des C. Maroius 
Oensorinus (Cohen mdd. cons. pl. XXVI Marein 7 | 


ud pl.LVIII, 9, 10, letztere beide Kupfermünzen‘. 
bb. 85%, c, d. Auffallend ist seine Bartlosigkeit 
“U eintlichen Münzen (nur an den Originalen sicht- 
), ein Zug, welcher der älteren römischen Sitte 
itet; s. »Ikonographie« und Bernouilli, Röm. 
1,16. (Bm) 
‚Auklopfen. Obgleich die Thüren sowohl bei den 
Griechen als bei den Römern am Tage nicht ver- ı 
Deukmäler d. klass. Altertums. 


auf der Strafse Gehenden beschädige, und dafs dieses 
Klopfen speziell durch wopeiv bezeichnet worden 
sei, ist unhaltbar; unter yopeiv hat man an jenen 
Stellen, welche für diese Ansicht geltend gemacht 





worden sind, vielmehr das Geräusch oder Knarren 
der sich öffnenden Thür zu verstehen (namentlich 
häufig im Lustspiel: crepuerunt fores, wenn ein auf 
der Bühne befindlicher Schauspieler auf das Ein- 
treten einer neuen, aus dem Hause kommenden 
Person aufmerksam macht). Vgl. Becker-Göll, 
Charikles I, WE. 
Bl] 


& 
E 
® 
2 
5 
E 
B 
& 
E 





Antalos. Von dem Ringkanipfe des 
Herakles gegen diesen Sohn des Posei- 
don und der Erde war die berühmteste 
Darstellung von Meisterhand gewils die 
des Praxiteles, der sie am Herakleion in 
Theben an Stelle der stymphalischen 
Vögel gesetzt hatte, Paus. IX, 11, 4; 
während sonst Antäus’ Bezwingung 
kaum zu den Zwölfthaten gerechnet 
wurde. Statuarische Gruppen werden 
erwähnt Brunck Anal. III, 211 N. 284, 
und Libanius ecphr. IV, 1082. Erhalten 
sind aufser Gemmen nur kleine Bronzen 
(Catal. Beugnot. N. 379 u. a.), welche 
den Riesen nach der gewöhnlichen Ver- 
sion durch Aufheben von der Erde und 
Erdrücken in der Luft besiegt darstellen; 
Apollod. II, 5, 11: tobrw malateıv Avay- 
xaZöpevog ‘HpaxAfig äpduevog dppacı ne- 
tewpov xAdoag ämexreıvev. Dennoch ist 
dieses für plastische Künstler neue und 
dankbare Motiv auf einer Anzahl älterer 
Vasenbilder noch nicht benützt, viel- 
mehr ein Ringkampf gewöhnlicher Art 
so dargestellt, dafs nur die Namens- 
inschrift die Beziehung sichert. Unter 
den von Stephani Compte rendu 1867, 
13 aufgezählten Bildern steht obenan in 
Feinheit der Zeichnung die Vase des 
Euphronios (Abb. 86, hier nach Mon. 
Inst. 1855 t.V). Wir sehen hier in der 
Mitte den riesigen Unhold rückwärts zu 
Boden gestürzt, von dem er sich mit 
der aufgestemmten Rechten kaum noch 
zu erheben versucht, während Herakles 
ihn mit beiden Armen fest umschlungen 
hält und durch den Druck seines eigenen 
Kopfes den des Gegners (was fast ein 
palästrischer Kunstgriff zu sein scheint) 
in eine seitwärtige, unbequeme und 
wohl auch schmerzhafte Lage gezwängt 
hat, um ihn zu erdrosseln. Der Maler 
erreichte durch diese Anordnung zu- 
gleich die für die älteren Künstler die- 
ser Gattung vorschriftsmäfsige Profil- 
stellung der Gesichter, wobei trotzdem 
ebenso konsequent die Zeichnung der 
Augen wie in der Vorderansicht be- 
wahrt wird. Vortrefflich hat der Künst- 
ler auch den Gegensatz der Unbeholfen- 
heit und der Barbarennatur des Riesen, 
mit glattem und matt fallendem Haar 
und Bart, mit geistlosen Augen und ge- 
öffnetem, mit starken Zähnen besetztem 
Munde, und des gymnastisch geschulten 
Herakles, mit fein gekräuseltem Locken- 


Antaios. 


haar und intelligentem Ausdruck des Gesichts zu 


zeichnen verstanden, sowie auch die Anatomie der | 


Körper aus vollem Verständnis scharf markiert ist. 
Die drei Frauen, welche erstaunt und durch ver- 
ständliche Geberden ihre Bestürzung kundgeben, 
sollen hier schwerlich bestimmt zu benennende Per- 
sonen (etwa Frau oder Mutter des Riesen) vorstellen; 
eie dienen zur Dekoration ebenso wie Keule und 
Löwenfell des griechischen Helden, welche am Baume 
aufgehängt sind. — Unter den anderen von Urlichs, 
Ann. Inst. 1856, 105 angeführten Vasen zeichnet sich 
eine Münchener Hydra (114) aus (abgeb. Arch. Ztg. 
1878 Taf. 10), auf welcher Herakles den am Bein 
und am Ohr gepackten Riesen in die Höhe zu heben 
im Begriff steht. Bemerkenswert ist, dafs der (egner 
stets geknickt am Boden liegend dargestellt wird, 





Antigone. 83 
zu erkennen glaubt; Welcker, Alte Denkm. II, 504 #f. 
Abbildung nach Gerhard, Ant. Bildw. Taf. 73 
(Abb.87). Welcker bezieht nach Panofkas Vorgange 
das Bild auf die Scene, wo der Wächter die bei den 
Leichnamen ergriffene Jungfrau dem Kreon gefangen 
zuführt (V.3%0 #.). Man mufs allerdings Witz und 
Inhalt der Travestie erratend so bestimmen, wie 
Welcker thut: »Die Antigone der Komödie war eben- 
so feige als in der Tragödie unerschrocken und 
schickte duher, nachdem sie mit der Drohung die 
schwesterliche Pflicht trotz des Verbotes zu erfüllen, 
geprahlt hatte, einen alten Diener an ihrer Stelle 
hin, der, dem zornigen Kreon unter Augen gestellt, 
um sein Leben zu retten, die Maske der Antigone 
sich abnimmt, wobei zugleich der verstellten Tapfer- 





keit der Antigone die Larve abfällt. Dies mag aus 


£ 
g 


DIA 
(utalı 
A 








87 Antigone purodiert. 


damit kein Mifsverbältnis in der Gröfse sich ergebe. | einer Hilarotragödie genommen sein der Art unge- 
Eine eigentümliche Bronzegruppe zeigt Hlerakles, wie , führ wie der Tereus des Livius Andronicus, der aber 


er den auf die Knie gesunkenen Antius von hinten 
mit den Händen würgt; a. Urliche a.a.0. [Bm] 
Antigone. Von der Heldenthat der Antigone, 
deren erste Andeutung uns bei Acsch. Sept. 1026 ff. 
aufbewahrt ist und deren Verherrlichung in Sopho- 
les’ Meisterstück die moderne Welt entzückt, sind in 
der alten Kunst nur geringe Spuren übrig geblieben. 
8. Arch. Ztg. 1863, 70, wo ein wenig charakteristi- 
sches Vasenbild bei Millingen, Peint. de vases pl. 54 
gedeutet ist auf Antigone, die bei Polyneikes' Be- 
stattung von den Wächtern ergriffen vor Kreon ge- 
führt wird. Philostratus Imag. II, 29 beschreibt ein 
Bild, Antigone an der Leiche des Bruders sitzend. 
Als Darstellung einer Parodie des sophokleischen 
®ückes durch die Komödie dagegen fufst man ge- 
wöbnlich ein Vasenbild auf, welches in derber Kari- 
katar drei Personen zeigt, in denen man die Vor- 
führung der Antigone durch den Wächter vor Kreon 





Vorgänger in der griechischen Komödie hatte. Aus 
diesem Tereus wissen wir nämlich so viel, dafs Phi- 
lomele bei ihrer Schwester sich sehr rühmte, wie 
spröd und blöd sie gegen Tereus gewesen sei, und 
es kam nachher heraus, dafs sie eine Anıme mitge- 
bracht hatte und also nicht erst auf der Reise mit 
ihm bekannt geworden war.« (Gegen die Deutung 
erhebt Zweifel Wieseler, Denkm. d. Bühnenwesens 
8. 55. 

Ein auffallendes Zeichen veränderter Geschmacks- 
richtung der hellenistischen Epoche liegt aber darin, 
dafs ein neuerlich gefundenes jüngeres Vasenbild 
(etwa Olymp. 100— 120 gemalt), hier (Abb. 88) nach 
Mon. Inst. 27 (das Oberbild des Gefäfses mit 
der Amazonenschlacht s. 8.59), eine Scene aus einer 
nacheuripideischen Tragödie desselben Namens dar- 
stellt. Unter einem tempelartigen Gebäude, welches 
hier, wie auch sonst, den Königspalast bezeichnen 








Jaypvmug uarospde mauje yası 'ouaßı 


(s8 ag nz) 


Antigone. 


mufs, steht Herakles mit Löwenfell 
und Köcher, auf die Keule sich 
stützend; er erteilt mit Handbe- 
wegung Weisungen an den rechts in 
gebückter Greisengestalt dastehen- 
den Kreon, der durch reiche Kleidung 
und Adlierscepter als Herrscher be- 
zeichnet ist. Den König begleitet 
ein Knabe mit der Opferschale, wel- 
chen Heydemann für den von Hai- 
mon und Antigone geborenen, von 
Kreon erkannten Maion zu halten ge- 
neigt ist (vgl. Homer A 394); weiter 
zurück steht eine Frau mit weilsen 
Haaren, ganz in ihr Gewand gehüllt, 
ohne Zweifel Eurydike, Kreons Ge- 
mahlin. Im Hintergrunde sitzt Is- 
mene mit einem Schmuckkästchen 
beschäftigt, bräutlich geputzt (?). 
Links von Herakles dagegen schrei- 
tet mit auf den Rücken gefesselten 
Händen Antigone heran, bewacht 
von einem lanzenbewehrten Krieger; 
dahinter steht Haimon, in seine 
Chlamys gehüllt und auf den Stab 
gestützt, in tiefes Nachsinnen ver- 
sunken. Da nun ersichtlich ist, dafs 
Herakles hier die vermittelnde Rolle 
spielt, so liegt es nahe, das Gemälde 
auf eine Scene zu beziehen, welche 
in der Erzählung bei Hygin. fab. 72 
den Wendepunkt bildet. Das Ganze 
lautet: Oreon Menoecei filius edirit, 
nequis Polynicen aut qui una venerunt 
sepulturae traderet, quod palriam op- 
Pugnatum venerint. Anligona soror 
et Argia conjunz clam noctu Polynicis 
corpus sublatum in cadem pyra qua 
Eteocles sepultus est imposuerunt: quae 
cum a custodibus deprehensae essent, 
Argia profugit, Antigona ad regem est 
‚perducta. Ille eam Haemoni filio eujus 
sponsa fuerat dedit interficiendam. 
Haemon amore capfus patris impe- 
rium neglerit ei Antigonam ad pastores 
demandavit; emenfitusque est se cam 
interfecisse. Quae cum filium pro- 
creasset et ad puberem aetatem venisset, 
Thebas ad ludos venit. Hunc Creon 
rer, quod ex draconteo genere omnes 
in corpore insigne habebant, cognovit. 
Cum Hercules pro Haemone de- 
precaretur ut ei ignosceret, non 
impetrauit. Hacmon se et Anti- 
gonam conjugem interfecit. At Creon 
Megaram filiam suam Herculi dedit 


Antigone. Antigonos. Antinoos. Antiochos. 85 


in conjugium, ex qua nati sunt Therimachus et Ophites. | sein Liebling mit Vorliebe in ägyptircher oder grie- 
Diese Erzählung nimmt Heydemann (Über eine nach- _chischer Art dargestellt wurde, und zwar nicht nur 
euripideische Antigone, Berlin 1868) als den Auszug | ala Mensch, sondern unter der Gestalt der verschie- 
eines sonst unbekannten Dramas, welches aber nach ' densten Gottheiten. So zeigen ihn zwei seiner be- 
oder neben Euripides geschrieben sein mufs; denn ! rühntesten Porträte, die Kolossalstatue des Vatican 
bei letzterem war, nach einer allerdings verdorbenen : und die Kolossalbüste «der Villa Mondragone, jetzt 
Notiz des Aristophunes von Byzanz, in der Hypo- | im Louvre, als Bakchox. Menschlich, wenn auch 
thesis des Sophokleischen Stückes Antigone dem | idealisiert aufgefufst, ist er in dem schönen Relief 
Haimon vermählt worden und er kam Dionysos als | der Villa Albani (Abb. 89 nach Photographie). Der 
Vermittler vor. {Fine Zurtckführung des Bildes auf | Portrütcharakter ist trotz der idenlisierenden Tendenz 
Euripides versucht dennoch Klügmann, Ann. Inst. | immer noch gewahrt: die niedrige Stirn, das düstere 








89 Antinoun.  " @  Antisthenex. (Zu Seite 86.) 


1876, 176.) Eine sehr freie aber sicher hierher ge- , Auge, der üppige Mund, die breite Brust. kehren in 
hörige Variation unserer Bildes behandelt Heyd allen seinen Bildern wieder. Einen erfreulichen - 
mann, Arch. Ztg. 1870, 108 Taf. 40. "Bm‘, druck macht aber weder dieses noch ingend ein 

Antigonos s. Pergamon. anderes Porträt des Antinoos. Eine Öde und Leere 

Antinoos. Die Idealbildung des Antinoos ver- ı tritt uns überall entzegen, man sieht chen, die 
dankt ihre Entstehung der eirentünlichen, durch Kraft der griechischen Kunst war erschöpft, und 
Hadrian herbeigeführten Kunstrichtung. Die spe- ı selbst das Machtwort eines römischen Kaisers ver- 
zitisch römische Kunst zeichnete sich besonders mochte sie nicht wieder zu beleben. Vgl. K. Levezow, 
durch charaktervolle Porträtdarstellung und durch | Über den Antinons, Berlin 1808. 
lebensvolle, realistische Wiedergabe historischer Vi Antiochos, von Athen, nennt sich der Bildhauer 
gunge aus. Durch Hadrian wurde die einheimische , einer Athenastatne der Villa Indovisi, sofern der an 
Kunntweise gewaltaum zurückpedrngt. Wie er in , einer Gewandfalte dersellen angebrachte fragmen- 
der Religion fremde Kulte bevorzugte, so in der .TLOXOG richt ergänzt ist. Die Statue 
Kunst fremde Stile, besonders den igeyptischen und jesch. d. griech. Plastik 
den griechischen. Kein Wunder, «dafs nun gerade t durch schlechte Restauration 

s* 































3. Aut. 1, Fir. 144} Iı 


86 


und Beschädigungen sehr gelitten, sie ist aber offenbar 
eine Nachbildung der Athena Parthenos des Pheidias. 
Der Künstler hat es versucht, namentlich in der Ge- 
wandung die ursprüngliche Technik des Materiales 
wiederzugeben, indem er den Marmor ganz im Stile 
des getriebenen Gold- 
bleches des Originales 
behandelte. Der Künst- 
ler ist etwa in die 
Zeit um Christi Geburt 
zu setzen und gehört 
in die Richtung der 
attischen Renaissance 
(vgl.»Apollonios2«). [J] 

Antisthenes, derStif- 
ter der eynischen Philo- 
sophie, ist in mehreren 
Marmorbüsten darge- 
stellt, deren eine den 
Namen trägt. Das 
Exemplar bei Visconti 
Iconogr. gr. pl. 2, 1, 
welches wir wieder 
geben (Abb. 90), ist 
von griechischem Mar- 
mor und sehr guter 
Arbeit; es entspricht 
durch ungepflegtesHaar 
und langen Bart (Diog. 
La.6, 1,18), sowie durch 
den verdrossenen Aus- 
druck seinem Charakter 
vollkommen. [Bm] 

Antoninus Pius. 
Arrius Antoninus, 


von väterlicher Seite aus Ne- 


mausus in der Gallia Transalpina stammen, erhält ' 





bei seiner Adoption durch Hadrian am 25. Febr. 138 | 
den Namen T. Aclius Hadrianus Antoninus, gelangt ı 
zur Regierung im Juli 138, stirbt den 7. März 161, | 
74 Jahre alt. Aus den Anfangsjahren seiner Herr- | 
schaft (140 bis 144) stammt das Bronzemedaillon der 

Berliner Sammlung mit dem Brustbild des Kaisers 
im sagum, auf der Kehrseite Diuna den Dammhirsch 





Antiochos. Antisthenes. Antoninus Pius. 





92 Antoninus Pius, 


T. Aurelius Fulvus Boionius | 


Antonius. 


an der Hand führend, offenbar nach einem gröfseren 
plastischen Werke einer früheren Kunstperiode ko- 
piert (Abb. 91 nach v. Sallets Zeitschr. f. Num. IX 
Taf. 1 N. 6). Das vielgerühmte milde, geradsinnige 
Wesen des Antoninus gibt die Marmorbüste der 
Münchener Glyptothek 
(Abb. 92, Brunn N. 198) 
in besonders anspre- 
chender Weise wieder, 
sie trägt Harnisch und 
Paludamentum und ist 
mit dem Fufse aus 
einem Stücke gearbei- 
tet. — Des Kaisers Ge- 
mahlin 

Annia Galeria Fau- 
stina, Tochter des An- 
nius Verus, mit Anto- 
ninus schon längere 
Zeit vor seinem Re- 
gierungsantritt verhei- 
ratet, stirbt 141 im Al- 
ter von 36 Jahren. Die 
auf sie bezüglichen 
Münzen sind alle erst 
nach ihrem Tode ge- 
prägt. Bronzemedaillon 
mit der verschleierten 
Büste der Kaiserin, als 
Kehrseite Kybele auf 
dem Löwen reitend 
(Abb.98 nach Cohen II, 
437 N.129pl.XIV). (W] 

Antonius, Marcus, der Triumyir. Von seiner Ge- 
stalt rühmt Plutarch Ant. 4: mpooniv de kai noppäis 
@euikpiov äklupa xal muyYWV Tıg 0x Ayevung kai 





. 


Fi 
eh 
a 
S] 
S 


mAdrog perumou al YPURÖTNg HUKTAPOG Edöer 
Toig Ypapopevors xai maarropevois ‘Hpaxkkoug Tpo- 
oumoıs Eupepts Exeıv 76 Appevwöv. Indes wurde er 
infolge schwelgerischer Lebensweise bald so beleibt, 
dafs Cäsar bei dem berühmten Worte über die 
Feisten, welche er nicht fürchte (Plut. Cnes. 62: 
ToUg mayxeis xal xoprrag), ihn besonders andeuten 


Antonius, 


konnte. Nach Dio Cass. 45, 30 warf Cicero ihm 
seine Beleibtheit (rd eöoapkov) vor. Seinen unver- 
wüstlichen Körper bezeichnet auch Cie. Phil. 2, 25, 63 | 
mit den Worten: tu istis faucibus, istis lateribus, ista 
‚gladialoria totius corporis firmitate. — Die Münzbilder 
des Antonius sind so zahlreich, wie von niemand 
sonst vor Augustus; sie zeigen mit Ausnahıne des 
Bartes (den er wohl nur zeitweilig trug) die ange- 
führten Eigentümlichkei- 
ten: breite niedrige Stirn 
und Adlernase, dazu ein 
vorspringendes, spitzes 
Kinn und einen auffallend 
dicken Hals. Wir geben 
den Avers eines asiati- 
schen Kistophoren aus den 
Jahren 39—37 (Abb. 94) 
nach Cohen med. consul. 
pl.IV, 3. 

An Statuen und Büsten 
des Antonius fehlte es na- 
türlich zur Zeit seiner 
Macht nicht, besonders im 
Osten des Reiches, den er 
beherrschte. Nach seinem 
Bturze im Jahre 30 wurden 
sie auf Antrag des dama- 
ligen Consuls Q. Cicero 
durch Senatsbeschlufs um- 
gestürzt oder vernichtet, 
Plut.Cie.49. Von den übrig 
gebliebenen oder heimlich 
durch die Familie gerette- 
ten ist dem Anscheine 
nach eins erhalten in der 
Kologsalbüste zu Florenz 
in den Uffizien N. 299, 
wenigstens nach Ansicht 
Viscontis, dessen hier fol- 
gende Abb. 95 (Iconogr. 

Rom. pl. VII, 6) mit den 
Münzen in der Bildung des herkulischen Nackens, 

der breiten Stirn und dem Kinn stimmt. Die edlere | 
Form der Nase könnte 
man dem Schönheits- 
gefühle des idealisieren- 
den Künstlers zu gute 
halten; da jedoch auch 
der Haarwuchs dünner, 
der Hinterkopf eckiger 
gebildet ist, so sind die 
Zweifel an der Authen- 
tieität (Bernouilli 8.200) 
schwer zu überwinden. 
Man vergleiche auch das Bild der im Art. »Kleo- 
patra« mitgeteilten Münze. (Bm] 


MA 








Aphrodite. 7 

Aphrodite. Die orientalische Herkunft der grie- 
chischen Aphrodite ist unbestritten; das Wort selbst 
bedeutet im Chaldäischen die Taube, und weist uns 
den Anlafs eines der ältesten Symbole der Göttin. 
Herodot erklärt den Tempel zu Askalon für ihren 
Stammeitz, von dem der Dienst auf Kypros ausging 
(1, 105); er stellt ihr Wesen zusammen mit der Alitta 
der Araber und der Mitra der Perser (1, 131. 8, 8), 
wozu Paus. 1, 14, 6 noch 
die Mylitta der Assyrer 
fügt. Bei Homer heifst sie 
schlechthin Kypris (E 330, 
422,760) und hat in Paphos 
ihr Grundstück nebst Altar 
(#362) wie spüter im Ilym- 
nus (59, 66, 222). Dennoch 
ist sie, dem Geiste der 
Homerischen Dichtung ge- 
milfs, in die Familie der 
Olympier eingebürgert als 
Tochter dex Zeus und der 
Dione. Erst bei Hesiod 
Theog. 187—206 kommt 
das ältere Wissen wieder 
zu seinem Rechte; aber 
der Versuch ihrer genealo- 
gischen Einordnung ergibt. 
widerliche Bilder, von 
denen nur die platte Ety- 
mologie als »Schaumge- 
borne« (oüver' &v äpp 
3p£pin) Bestand hatte und 
auf die Phantasie späterer 
Dichter und Künstler be- 
fruchtend einwirkte. Als 
eine von aufsen zugewan- 
derte Göttin ward Aphro- 
dite in keinem einheimi- 
schen Geschlechte als 
Stammgöttin verehrt; ihre 
Lieblinge sind sämtlich 
Ausländer (Adonis, Anchises); dagegen finden wir 
sie (besonders in Theben) dem tlırakischen Ares 
vermählt, und in Lemnos erscheint sie als Gattin 
des Hephästos (vgl. »Arese und »Hephaistose). 
Aphrodite ist von Hause aus streitbar, äpela; ihre 
Bilder halten Lanzen oder sind vollgerüstet in Ky- 
thera, Sparta, Korinth, auch auf einer Münze der 
Julia Soimias. Als solche bewaffnete Himmels- 
königin heifst sie Urania und erscheint als strenges, 
der Weichlichkeit abholdes Mannweib, wurde jedoch 
in dieser Sphüre auf echt griechischem Boden teils 
durch Ilera, namentlich aber durch die früh fertige 
Persönlichkeit der Pallas-Athene eingeschränkt und 
hat auf künstlerische Bildung ebenso wie auf dich- 
terische Ausgestaltung Verzicht leisten müssen. 








.ntoniun. 





88 Aphrodite. 


Besser gelang ihr der Assimilierungsprozefs als Ver- 
treterin des feuchten und ewig bewegten Elements, 
die in das hafenreiche Hellas als Göttin der günstigen 
Fahrt (eömloıa, Paus. 1, 1,3) eingezogen war, für die 
Tochter der Meeres selbst galt und auf der Muschel 
lag, ein Wunder der Schöpfung (Paul. Diac. 52: Cy- 
therea Venus ab urbe Cythera, in quamı primum devecta 
esse dicitur concha, quum in mari'esset concepta). Doch 
hat sie auch hier in ernsterer Auffassung dem zür- 
nenden Meeresbeherrscher Poseidon weichen müssen; 
beim freundlichen Spiel der Wellen aber überwogen 
allmählich schon durch ihre Zahl die lieblichen Aus- 
geburten griechischer Phantasie, die ganze Schar der 
Nereustöchter. Auch im dritten der Elemente mulste 
sich die Lenkerin des hervorbringenden und gebären- 
den Erdenlebens, die Göttin der Frühlingslust und des 
Natursegens, allerlei Beschränkungen gefallen lassen. 
Dem Eindringlinge gegenüber wahrte Demeter ihr 
Anrecht auf die Frucht des Feldes, dem Dionysos 
verblieb die Gabe des Weines und alle geräusch- 
volle Festlust, Pan und Hermes hüteten das Vieh 
und wachten über seine Fruchtbarkeit. Nur in die 
innersten Beziehungen des physischen Menschen- 
lebens gelang es der semitischen Göttin Eingang 
zu finden und sich dauernd zu behaupten: das 
ganze weite Gebiet der Geschlechtsliebe ward ihr 
Reich. Sie ist nicht die strenge Hüterin der Ehe 
wie Here, nicht die Schützerin der Jungfräulichkeit 
und der Cieburten wie Artemis, sondern die Erregerin 
des natürlichen Triebes bis zur unbezwinglichen 
Leidenschaft; sie adelt die zartesten Regungen des 
Herzens und befriedigt die nackte Wollust. Zwar ist 
hier wiederum der echt griechische Eros ein älterer 
Rival; aber die fremde Frau zwingt diesen herab 
zum willenlosen Kinde und willführigen Diener (s. 
»Eros«). Sie selbst aber wandelt sich in alleGestalten, 
die mit dem Zauber der Weiblichkeit den Mann ein- 
nehmen und verführen, von der ehrbaren Hausfrau 
bis zur schamlosen Lustdirne. Die Kunst durch- 
läuft in der Bildung der Aphrodite alle Phasen der 
griechischen Charakterentwickelung;; die Vermensch- 
lichung der Gottheit und die Vergötterung der Mensch- 
heit ist in diesen Gestalten auf dem Höhepunkte 
angelangt. 

Über die älteren Venusidole handelt Gerhard, 
Ges. Abhandl. I, 258. In Paphos wurde die Göttin 
noch zu Tacitus’ Zeiten als Spitzeäule verehrt; 
Hist. 2, 3; vgl. Serv. Virg. Aon. 1, 724: Apud Cyprios 
Venus in modum umbilici vel, ut quidam volunt, 
metae colitur. So auch auf Münzen (römischer Zeit) 
von Kypern, Sardes und Pergamon mit der Inschrift 
mapia. In eine Art von Herme lief die Aphrodite 
in Delos aus, welche Dädalos der Ariane selbst 
verfertigt haben sollte (Paus. 10, 40, 4: od ueya Eöa- 
vov... xdreioı dE Avril modüv &5 Terpdywvov oyfna). 
Als älteste der Moiren ward diese Urania auch in 





Athen genannt und verehrt in der Gartenstrafse, 
ebenfalls in hermenartiger Gestalt (vgl. Gerhard a. 
a. O0. Taf. 29, 1); Paus. 1, 19, 2: rabıng yüp oxfina 
nev terpdywvov ara Tabr& xal toig ‘Epnais, Tö de 
eniypauna onnalveı rhv obpavlav Appodlrnv rWv xa- 
AoupevwvMoıpuv elvaı mpeoßurdemv. (Diese drei Moiren 
erläutert der orphische Hymnus 54 als die drei Natur- 
gebiete: xal xpateeıg tpıoowv Moıplv, Yevväg dE Tü 
ndvra, 8000 Ev obpavip darı xal Ev yaln moAukdprw 
&v növrov te Bub.) Die himmlische Aphrodite, deren 
Priesterinnen Keuschheit auferlegt war, bildete Kana- 
chos von Sikyon (um Olymp. 75) in seiner Vater- 
stadt thronend aus 
Gold und Elfen- 
bein mit dem Polos 
auf dem Haupte, 
Mohnstengel in der 
einen,einenApfelin 
der andern Hand; 
Paus. 2, 10,4. Der 
Polos ist Sinnbild 
des Himmelsgewöl- 
bes, der Mohn deu- 
tet auf weibliche 
Fruchtbarkeit. Den 
gleichen Kopfputz 
und dazu eine fast 
völlige Einhüllung 
in Schleiergewän- 
der zeigt uns eine 
verstümmelte pom- 
pejanische Statue 
(nach Mus. Borbon. 
IV, 54), welche die 
rechte Hand vor 
die Brust hält, wäh- 
rend die linke zier- 
lich das Gewand 
hebt (Abb. 96). 
Diese Gestalt, mei- 
stens als Urania die 
älteste der Moiren gefafst (einmal auch inschriftlich 
benannt, Hübner, Ant. Bildw. in Madrid N. 552), von 
Gerhard enger als Venus-Proserpina, ist das Muster- 
bild für den Typus zahlreicher Idole aus Erz und 
Thon, welche häufig noch eine Granatblüte oder eine 
Taube, seltener einen Apfel, mit derHand an dieBrust 
halten. (Abweichende Meinungen bei Wieseler, Alte 
Denkm. II zu N.262, 8.193.) Durch Vermittelung der 
Etrusker, aus deren Gräbern ein Teil dieser Bilder 
stammt, kam die Form den Römern zu, welche ihre 
der Gartengöttin Venus nahestehende Göttin der 
Hoffnung auf gute Emte, die Spes frugum oder 
segetum (vgl. Preller, Röm. Myth. 617) damit be- 
kleideten und namentlich den typischen Gestus der 
Gewandhebung beibehielten. Vgl. Arch. Ztg. 1864 





96 Altertümliche Venus. 


Aphrodite. 


Taf.182; 1867 Taf.228. Selbstverständlich konnte diese 
»Hoffnung« des Hauses der Beziehung auf ehelichen 
Segen und Fruchtbarkeit der Frauen nicht entbehren, 
wie sie denn auch später als Spes publica, der wir 
auf Kaisermünzen begegnen, auf das Gedeihen des 
ganzen Staates übertragen wurde. Noch am ber- 
berinischen Kandelaber (aus der Villa Hadrians) zeigt 
Aphrodite diese Form der Gewandhebung und die 
Granatblüte. Wenn Gerhard aber dieselbe Figur, 
namentlich da, wo sie als Stütze vorkommt, als 
Venus Libitina, als Todergöttin zu erweisen sich 
bemüht, so scheint er damit allein zu stehen. 

Auf einer altertümlichen Votivplatte aus Calabrien 
im Münchener Antiquarium (Christ, Beschreib. S. 17, 
abgeb. Annal. Inst. 1867 tav. D) hat Jie bekleidete 
Aphrodite auf dem rechten vorgestreckten Arm Eros 
und in der Hand eine Knospe; ihre Linke hebt 
wahrscheinlich das Gewand. Ihr hinten weit herab- 
fallendes Haar durchzieht ein mit Rosetten ge- 
schmücktes Band, um die Stirn sind Löckchen ge- 
ringelt. 

Der bis dahin vollständigen Bekleidung der grie- 
chischen Aphrodite geschah zuerst ein Ahbruch durch 
die teilweise Entblöfsung der linken Brust, welche 
sich schon auf dem Altar der Zwölfgötter (s. Art.) 
findet. Zu gewisser Zeit war diese auffallende Eigen- 
tümlichkeit, welche auch Apoll. Rhod. I, 743 angibt, 
ein charakteristisches Merkzeichen der Göttin; vel. 
das Relief im Art. »Helena«, wo sie einen Schleier 
über dem Kopfe und doch eine Brust frei hat. Von 
des Phidias Aphrodite in Elis (einer Goldelfenbein- 
statue) wissen wir nur (Paus. 6, 25, 1), dafs sie den 
Fufs auf eine Schildkröte setzte, was die Alten als 
Symbol der Häuslichkeit deuteten (Plut. conjug. 

praec. 32, wobei man sich des Scherzes erinnern 
mufs, mit dem der Knabe Hermes die Schildkröte 
ergreift, Hymn. Hom. Merc. 36: olxoı BeArtepov eivaı, 
mel BAaßepdv Tö Yupnpıv). Von ähnlicher Strenge 
mögen die nicht näher bekannten Bilder des Kalamis 
und des Alkamenes gewesen sein; denn letzterem 
sollte Phidias selbst geholfen haben, Plin. 36, 16; 
für Kalamis würde man Beweise haben, wenn seine 
Aphrodite mit der gepriesenen, aber rütselhaften 
Sosandra (Lucian. Imagg. 6; dial. meretr. 3, 2) sicher 
identisch wäre (vgl. Overbeck, Schriftquellen N. 520), 
was jedoch zweifelhaft ist. Wie wir uns die Aphro- 
dite xdvdnuog des Skopas zu denken haben, welche 
in Elis nicht weit von der Urania des Phidias, als 
Erzbild auf einem Bocke reitend (emtpayla), aufge- 
stellt war, wissen wir nicht, können es auch nicht 
aus dem Beinamen abnehmen, der mit Venus volgi- 
vaga keineswegs gleichbedeutend ist (vgl. Plut.Thes. 18, 
Pans. 6, 25, 1); doch ist anzunehmen, dafs sie min- 
destens halbbekleidet war. (Halbbekleidet ist auch 
die auf einem Widder reitende Aphrodite, neben ihr 
die Taube und sieben Sterne, welche auf das Gestirn 


89 


der Plejaden Bezug zu haben und eine Frühlings- 
gottheit anzudeuten scheinen; s. Arch. Ztg. 1862, 
304 mit Taf. 166, 4.) Völlige Nacktheit würde man 
am ersten aus der Situation folgern können bei der 
Darstellung am Untersatze des Thrones vom olym- 
pischen Zeus, auf welchem von Phidias der Empfang 
der aus dem Meere aufsteigenden Aphrodite im Bei- 
sein zahlreicher Götter in vergoldetem Relief ge- 
bildet war (Paus. 5, 11, 6). Eine badende Aphrodite 
von dem Sikyonier Dädalos (wenig später) erwähnt 
als hervorragend Plinius 36, 35. 

Der Geist der Zeit drängte zur Darstellung des 
Nackten nicht immer aus lauteren Gründen, aus 
reiner Freude am Ideal; aber die Künstler mufsten 
sich doch gerade im innersten Schaffensdrange vor 
die Aufgabe gestellt sehen, «das »Meisterstück der 
Nature ganz unverhüllt den Augen vorzuführen; es 
war dies eine unerläfsliche Bedingung für den Triumph 
ihrer Kunst. Ohne Zweifel gelang der letzte Aufstieg 
zum Gipfel nur mühsam und nach manchen unzu- 
länglichen Versuchen. Praxiteles’ Sieg liefs das frühere 
(selbst eine nackte Statue des Skopas, Plin. 36, 26, 
deren Situation zweifelhaft ist) in Vergessenheit ge- 
riten; ist doch auch bei ihm fast nur von der kni- 
dischen Statue die Rede, selten von seiner koischen 
bekleideten (veluta specie Plin. 36, 20) und mehreren 
andern, die er schuf. Da von jenem Meisterstücke 
in deın Art. »Praxiteles« besonders gehandelt wird 
und ebenso von der späteren Abart, welche uns 
unter dem Namen der mediceischen Venus erhalten 
ist, im Art. »Kleoınenes<, so beschränken wir uns 
hier darauf, die zusammenfassende Charakteristik 
des Ideals aus K. OÖ. Müllers Handbuch 8 375 wieder- 
zugeben: »Aphrodite ist ganz Weib, in viel vollerem 
Sinne des Worts, als Athene und Artemis. Die reife 
Blüte der Jungfrau ist, bei manchen Modifikationen, 
(die Stufe der physischen Entwickelung, welche in den 
Formen des Körpers festgehalten wird. Die Schul- 
tern sind schmal, der Busen jungfräulich ausgebildet, 
die Fülle der Hüften läuft in zierlich geformten 
Fülsen aus, welche, wenig zu festem Stand und 
Tritt gemacht, einen flüchtigen und weichen Gang 
(&Bpöv Bddtona) zu verraten scheinen. Das Gesicht, 
in den älteren Darstellungen von einer junonischen 
Fülle und grofsartigen Ausbildung der Züge, erscheint 
hernach zarter und länglicher; das Schmachtende der 
Augen (Tö üypöv, 8. lex.) und das Lächelnde des 
Mundes (Tö oeonpevaı) vereint sich zu dem allge- 
meinen Ausdrucke von Anmut und Wonne. Die 
Haare sind mit Zierlichkeit geordnet, bei den älteren 
Darstellungen gewöhnlich durch ein Diadem zusarn- 
mengehalten und in dasselbe hineingesteckt, bei den 
entkleideten Venusbildern der jüngeren Kunst aber 
zum Krobylus zusammengeknüpft«. 

Das Motiv des Bades, welches Praxiteles benutzte, 
ist von seinen Nachfolgern auf das mannigfaltigste 


Eu} 


ausgebeutet worden. Die reiche Fülle der bei Pliniur 
meist ohne nähere Angaben erwähnten und die 
grofse Zahl der uns in allen Gattungen von Kunst- 
denkmälern erhaltenen nachpraxitelischen Bilder der 
Aphrodite 
hat Stark in 
einem gedie- 
genen Auf- 
satze (Säch«. 
Berichte 1860 
8.4698) zu 
sichten und 
die Entwick- 
lung in der 
Darstellungs- 
art nachzu- 
weisen _ver- 
sucht. In ei- 
ner gewissen 
Reihe von 
Statuen dreht 
sich die Fort- 
bildung um 
das Motiv 
des Gewan- 
des, welches 
nicht mehr 
verhüllensoll, 
dessen Zipfel 
aber zur Be- 
schäftigung 
für eine der 
Hände dient, 
während die 
andere die 
Scham od.die 
Brüste deckt. 
So z. B. bei 
der Aphrodite 
von _Troas, 
welche nach 
Stark etwa 
Olymp. 120 
gearbeitet ist 
(abg.Wieseler 
II, 275) und 
der vorzügli- 
chen Syraku- 
raner Statue 
(Clarac Musee 
pl. 608, 1844). Eine andre Gruppe von Bildungen 
nimmt die Richtung zur allmählichen Entfernung 
des Gewandes, wobei als erste Stufe die wunder- 
volle Schöpfung der capitolinischen Venus 
erscheint (Wieseler II, 278), deren Berühmtheit im 
Altertum uns mindestens ein Dutzend Wieder- 





#7 Venus das Haar trocknend. 





Aphrodite. 


holungen bezeugt. »In ihr ist die Vermittelung 
zwischen Gewand nebst Badegefäfs und der Person 
bereits aufgegeben, aber dieses beides schliefst sich 
für das Auge eng an die Gestalt durch Neben- 
stellung an und so ist für die Vorstellung die 
Beziehung dieses Motivs noch ganz lebendig.« Fin 
weiterer grofser Schritt bestand in der Weglassung 
des Badegerätes, zugleich aber in Beifügung eines 
Meergeschöpfes, um die Nacktheit der Göttin mit 
der Andeutung ihres heimischen Elementes zu moti- 
vieren. Das vollendetste Werk dierer Gattung ist 
die sog. mediceische Venus mit dem Delphin zur 
Seite, über welche im Art. »Kleomener: gehandelt 
wird, und von welcher Stark 28 Wiederholungen aller 
Art nachweist, daneben auch den Grund, warum so 
viele vornehme römische Frauen sich als nackte 
Venus porträtieren liefsen, gewifs richtig aus dem von 
Ovid. Fast. IV, 133 ff. berichteten religiösen Brauche 
herleitet; ®. das. 8. 61 f. Unter den Seetieren ist 
der Delphin die weitaus häufigste Beigabe dieser 
Statuen, weil er als Symbol der heiteren Meerflut 
galt und in enger Beziehung zur Göttin der Schiff- 
fahrt und der Liebe stand. (Gell. N.A.VH,8: delfinos 
venereos esae ct amasins non mode historiae veteres sed 
recentiorer quoque memorie deelarant. Nach Athen. 
VII, 282 war er gleicher Herkunft mit ihr.) Seltener 
kommen statt seiner andre Tingeheuer der Sce vor, 
vielleicht hauptsächlich des Kontrastes wegen. Dazu 
gesellt sich fast regelmäfsig Eros, welcher schon im 
Mythus der den Meere entsteigenden Göttin zur 
Seite steht (IIes. Theog. 201) und bei Sophokles 
(Ant. 785 ümepmövruog) als Herr über das Meer 
schreitet. — Neben dem Motiv der Hände, welche 
hier Schofs und Brüste decken, entspricht der Situa- 
tion des scheu und schamhaft sich zurückziehenden 
Weibes die Neigung des Oberkörpers nach vorn nebst 
dem Finziehen des Unterleibes, das Aneinander- 
drücken der Schenkel, die zusammengeneigten Knie 
und das Zurückweichen des rechten Fufses. Auch das 
Antlitz ist fast nie dem Beschauer gerade zugewandt, 
sondern schüchtern geneigt und leise zur Seite (meist 
nach linke) gebogen. Das Haar ist zwar nicht auf- 
gelöst, aber doch nur mit eigenen Mitteln geordnet 
und entbehrt ebenso wie meist der ganze übrige 
Körper des künstlichen Schmuckes. 

In diesem letzten Punkte noch einen Schritt 
weiter gehend hatte man später auch gewagt, Aphro- 
dite darzustellen, wie sie, soeben dem Meere ent- 
stiegen, das feuchte Haar ausdrückt. Eine in Rom 
berühmte Statue mit diesem Motiv (Ovid. A. A III, 
223: nobile signum nuda Venus madidas exprimit inıbre 
comas) will Stark a.a.O. S.80 einem kleinasiatischen 
Künstler zuschreiben und darauf eine kleine Marmor- 
statue in Neapel mit himmelblauer Bemalung des 
| Gewandes zurückführen, welche wir nach seiner 
‚ Taf. VIIA hier wiederholen. (Abb. 97.) (Ganz ähnlich 











ist die Statue im Vatican Braccio nuovo 92; 
Mus.Chiaram. I, 26; Braun, Vorschule I, 74.) 
Die Statue hat Ähnlichkeit mit der von 
Christodor. eephr. 79 beschriebenen: dmö 
orpvow dE Yunvh Yaivero ev, Päpog de 
ouwirayev Avruyı unpüv. Das Gewandstück 
ist so locker umgelegt, dafs es nur für die 
kurze Zeit halten wird, welche das Ordnen 
des Haares beansprucht. Die Körperformen 
sind reif, kräftig und voll; die Bildung des 
Haareg sehr geschickt und nicht ganz na- 
turalistisch. Die leichte Senkung des Haup- 
tes ist der ganzen Stellung des mit dem 
Haar beschäftigten Weibes angemessen; es 
scheint unnötig mit Stark anzunehmen, die 
Göttin spiegle sich noch sinnend in ihrem 
»mütterlichen und heimatlichen Elemente: 
(maternis aquis Ov. Trist. 11, 528). Neben 
einigen Wiederholungen dieser halbbeklei- 
deten Figur finden sich andre gänzlich nackte 
mit demselben Motiv. Über das vielgeprie- 
sene Gemälde der Anadyomene des Apelles, 
welches sich im Tempel des Asklepios zu 
Kos befand, von Augustus aber nach Rum 
entführt wurde, s. »Malereic. 
Die das Haar austrocknende Aphrodite 
führt nun ganz von selbst weiter in das 
Gebiet der einfach sich schmückenden 
Göttin, welche seit Homer für jede Gelegen- 
heit mit den Chariten und Horen Toilette 
macht. Die zahlreichen Exemplare kleiner 
Figuren der sich spiegelnden, salbenden, 
waschenden, den Busengürtel (keotög) um- 
legenden, sich beschuhenden Frau {denn 
Göttin läfst sich bei diesen durchaus genre- 
haften Darstellungen kaum noch sagen; 
finden sich in allen Museen in Marmor, 
Bronze und Thon (vgl. z. B. von Sacken, 
Wiener Bronzen 8.40); ebenso auf Gemmen 
und Münzen, welche nicht selten dienen, 
für einen abgebrochenen Rumpf die rich- 
tige Ergänzung anzuzeigen. Besonders her- 
vortretend ist hier nur die im Bade nieder- 
kauernde Aphrodite, welche sich in einer 
Anzahl lebensgrofßser Exemplare vorfindet 
(man sucht darin des Dädalos lavans se 
Plin. 36, 35) und auch als Porträtstatue 
(wie in der Renaissancezeit bekanntlich 
die gemalte nackt liegende Venus) benutzt 
wurde, wovon in Neapel mehrere Beispiele. 
Ferner mufs erwähnt werden die Kalli- 
pygos in Neapel, welche das Gewand 
zurückschlägt und ihr Hinterteil der Be- 
trachtung ausstellt, deren Original — uns 
unbegreiflich — in einer Kapelle zu Sy- 
rakus stand. (Die Gründungssage erzählt 


Aphrodite 


38 Venus im koischen Gewande. 








(Zu Seite 92.) 


9 


92 Aphrodite. 


Athen. 12, 554; vgl. Alciphr. ep. I, 39, der auch die 
Schönheit der Grübchen auf den Hinterwangen 
[reAaoivoı] rühmt.) Den Anfang zu solcher Ver- 
götterung des Hetärenwesens hatte freilich Praxiteles 
selber gemacht, indem er nicht blofs Hetären zu 
Modellen seiner Göttinnen verwendete, sondern auch 
das vergoldete Bild der Plıryne in Delphi als Weih- 
geschenk neben den Statuen von Göttern und 
Königen aufstellte; s. Overbeck, Schriftquellen 
N. 1269 — 1277. 

Neben der höchsten Steigerung des sinnlichen 
Effektes durch völlige Nacktheit aber erhielt sich 
durch alle Jahrhunderte die Darstellung der ganz 
und der halbbekleideten Aphrodite. Als eine Schö- 
pfung deralexandrinischen Epoche und als ein Zeichen 
der Reaktion gegen den Hetärenkultus haben wir 
wohl eine oft wiederholte und namentlich in der 
römischen Kaiserzeit beliebte Auffassung der Aphro- 
dite zu betrachten, welche den Liebreiz einer ge- 
reiften weiblichen Schönheit mit der züchtigen Ver- 
hüllung einer ehrbaren Ehefrau vereinigt. Diese 
bisher meist als Venus Genetrix bezeichnete Göttin 
erhält einen mehr matronalen Charakter und vullere 
Formen, welche durch den durchsichtigen Seiden- 
stoff des koischen Gewandes hindurchschimmern und 
dem Künstler eine neue lohnende Aufgabe stellen. 
Der einfache Chiton ist gürtellos (zona soluta nach 
der Heirat), die linke Brust entblöfst; in der linken 
Hand hält sie den Apfel, während die rechte Jas 
Obergewand über die Schulter zieht, zum Zweck 
sorgfältigerer Verliüllung. Nicht selten liefsen sich 
Kaiserinnen und vornehme Frauen so abbilden; da- 
her die Köpfe öfters Porträte sind. So auf einer 
Bronzemünze der Kaiserin Sabina bei Wiceseler II 
N. 266 (263 a). Der Apfel ist allgemeines Liebes- 
symbol, vgl. Aristoph. Nub. 997; den Gestus be- 
schreibt Aristaenet. I, 15: TAG Aumexövns Gxpoıg 
daxtuAoıg Epantouevn TWv kpoooWwv und erklärt ihn 
als Zeichen der Scham. Hiernach ist die im Louvre 
befindliche Statue, welche wir nach Bouillon Mus. 
I, 11 geben (Abb. 98), mit dem Apfel in der linken 
Hand richtig ergänzt. Der Typus des Kopfes zeigt 
(wo er zugehörig) eine rundliche Form und meist 
eine Neigung nach der linken Seite; die Haare um- 
rahmen wellig das Gesicht und sind schlicht ge- 
scheitelt, ohne Stirnkrone und Locken. Der Gesichts- 
ausdruck hat wenig Erhabenes, der schmachtende 
Blick der Augen wird vermilst, ebenso wie das 
Lächeln des Mundes. Eine ähnliche Statuette in 
Dresden, welche sich auf den Priapos lehnt, gilt für 
ein Bittgeschenk um eheliche Nachkommenschaft. 
Höchst charakteristisch für römische Zustände aber 
und zugleich für den damit verbundenen frivolen 
Mifsbrauch der Kunst ist eine vollkommen gleich ge- 
kleidete Statue im Louvre (abgebildet bei Wieseler II 
N. 265), welche nach der gewöhnlichen, allerdings 


jetzt bezweifelten Erklärung ihren Fufs auf ein 
Embryon in der Hülle setzt, und um keinen Zweifel 
über den Sinn aufkommen zu lassen, dem winzigen 
Eros, der neben ihr auf der Säule sitzt, die Schwingen 
ausgerissen hat und sie in der Hand hält; — also 
eine Empfehlung des abortus für Hetären;; vgl. über 
die Sitte Ovid. Amor. II, 14. 

Einen ganz anderen, gewissermalsen heroischen 
Charakter atmet eine Anzahl von Venusbildern, 
welche nur an der unteren Hälfte des Körpers bis 
eben über den Schofs mittels eines umgeschlungenen 
Obergewandes bekleidet sind und meistens den einen 
Fufs auf eine kleine Erhöhung aufstützen. Sie zeigen 
besonders kräftige und feste Körperformen, in den 
Zügen Stolz, Hoheit, Selbstbewulstsein. Diese Bil- 
dung ist offenbar aus der Vorstellung einer strengen 
Urania abgeleitet; sic vergegenwärtigt eine herr- 
schende Göttin, welche milden Feldherren und gnä- 
digen Siegern hold ist und selbst den Kriegagott 
sich unterthan gemacht hat (vgl. »Arcs«). Diese 
gewöhnlich Venus Victrix genannte Aphrodite sehen 
wir auf einer Münze Cäsars der Colonia Julia in 
Korinth im Schilde des Mars sich spiegeln. Mehr- 
fach kommt sie auch nackt als grofse Statue vor, 
das Schwert sich anhängend oder den Helm haltend. 
Die Stellung der Aphrodite von Melos (s. »Alexan- 
dros« mit Abb. 49) widerspricht dieser Haltung nicht; 
sicher aber ist in dieser Art zu ergänzen die Statue 
von Capua in Neapel, der beide Arme fehlen und 
deren gegenwärtige Restauration als falsch anerkannt 
wird. Die Bespiegelung in Ares’ Schilde erwähnt 
schon Apoll. Rhod. I, 745. 

Zu der Klassifikation und Benennung unseres an- 
sehinlichen Vorrats von Darstellungen der Aphrodite 
aus römischer Zeit, welche besondere Schwierigkeiten 
bietet, hat wertvolle Beiträge geliefert die Abhand- 
lung von Wissowa (de Veneris simulacris Romanis 
Vratisl. 1882), deren Resultate hier kurz zu berühren 
sind. Zunächst scheint sicher, dafs von den eigen- 
tümlichen Formen der römischen Venus, also Jder 
Murcia, Cluacina, Libitina, welche man später der 
griechischen Aphrodite gleichzustellen beliebte, nichts 
Erkennbares übrig geblieben ist. Von der Gestalt 
der Venus Erucina, welche die Römer im ersten 
punischen Kriege kennen lernten, enthielt der durch 
Fabius Cunctator im Jahre 217 errichtete Tempel 
an der porta Collina (Liv. 22, 9, 8; 23, 30, 13; 31,9) 
eine Nachbildung (Apidpuna Strab. VI, 2, 5): nach 
Münzen thronte sie langbekleidet, geachinückt mit 
Diadem und Halsband, in der Rechten die Taube, 
Amor neben ihr stehend oder auf sie zufliegend 
(Cohen med. cons. XIII Considia 1); vgl. Ovid. 
rem. anı. 549. Auf dieselbe Erucina scheinen auch 
bezogen werden zu müssen die Bilder auf den 
Münzen der Geschlechter Memmis (welches sich 
vom Troer Mnestheus herleitete, Verg. Aen. V, 117) 


Aphrodite. 


und Julia, wo die Göttin auf dem Zweigespann 
fährt, auf ersteren vom fliegenden Amor gekrönt, 
auf letzteren von zwei Amoren gezogen; Cohen 
möd. cons. XXVII Memmia 2,3. XX Julia 4. Eine 
Bestätigung dieser Vorstellung hat man gefunden 
in Hor. Carm. I, 2, 33 sive tu mavis, Erycina ridens, 
quam Jocus eircumvolat et Cupido, auch bei Ovid. 
Fast. IV, 1 geminorum mater amorum. — Die von 
Sulla, der sich selber Felix nannte und dies mit 
magpödırog übersetzte (Appian. b. civ. I, 97; Plut. 
Sal. 3) hochverehrte Venus Felix, die er an 
das Siegeszeichen bei Chäronea (vielleicht) malen 
liefs (Plut. Sull. 19), ist als eine Herrscherin ähn- 
lich wie Fortuna und Felicitas zu denken. Einen 
Nachklang von ihr mit leiser Modifikation finden 
wir in der von seinen Soldaten bevölkerten Kolonie 
Pompeji auf nicht wenigen Wandgemälden: stehend, 
vollbekleidet, mit dem Diadem (oder der Mauer- 
krone als Stadtgöttin) auf dem Iaupte; ihr linker 
Arm stützt sich auf ein grofses Ruder und hält ein 
Scepter, die rechte Hand hebt den Ölzweig, dus Sinn- 
bild des Glücks (Verg. Acn. VI, 230); neben ihr 
ein Amor, der gewöhnlich den Spiegel hült. (Ein 
Bild im Art. »Tarese. Dahin gehören auch die bei 
Wieseler, Denkm. II, 932—934 Tyche genannten 
Figuren) — Die Aphrodite vixnpöpog, welche in 
Kleinasien, hauptsächlich in Smyrna und Pergamon, 
verehrt wurde, verpflanzte Pompejus ala Venus 
Vietrix nach Rom und gründete ihr einen Tempel 
neben seinem Theater. Über ihre Gestaltung wissen 
wir nichts, können auch aus Kaisernünzen nichts 
schliefsen, da die hier erwähnten Beinamen später 
ganz ohne Unterscheidung den verschiedensten Venus 

bildern zugeteilt werden, wie Wissowa a.a.0. 8.21, 26 
nachweist, 

Über Venus Genetrix, welcher von Cäsar 
als der Ahnin des julischen Geschlechts (Dio Cam. 
43,22: Ic Apxnyeridog TOD yevous abrod olang, vel. 

die Schilderung Lueret. I, 1-30; 
ein Tempel gegründet wurde, s. 
»Arkesilaose. Von dem Bilde der- 
selben läfst sich eine unpeführe 
N Vorstellung gewinnen aus einer 
Münze des Cordius Rufus (hier, 
Abb. 99, nach Cohen med. cons. 
” XIV Cordia 1). 

‚Die Bekleidung besteht aus langem Chiton und 
einem Mantel, der von rechts nach links vorn über 
den Leib gezogen (und über die linke Schulter ge- 
norimen war); in rechter Hand hält sie eine Wage 
(freier Zusatz), in der linken ruht das Sceepter, auf 
ie Schulter stützt sich Amor, »welcher der Göttin 
ie Verbindung mit Anchises empfichlt«. Diese Fr- 
Kling seiner Anwesenheit wird allerdings unter- 
sätst durch das Relief Art. »Anchises«, und Stellen 
ie Hor. Car. IV, 15, 32; Carm. Sec. 50. Übrigens 





9 


kommt ein Amor auf der Schulter auch sonst und 
früher vor; z.B. Gerhard, Ges. Abhandl. Taf. 30, 1. 

Der Statue des capitolinischen Tempels der Eru- 
einn soll ein auf Kaisermünzen bis Hadrian vielfach 
erscheinender Typus der Venus Vietrix entsprechen, 
welcher die nur mit dem pallium um die Hüfte 
bekleidete Göttin mit dem linken Arm auf einen 
Pfeiler sich stützend darstellt, so dafs sie dem Be- 
schauer mit der rechten Seite gegenüber steht; rechte 
hält sie den Helm, links 
die Lanze. Wir geben 
eine Gemme (Abb. 100) 
nach Hirt, Bilderbuch 
Taf. VII, 11, welche den 
Typus erkennbarer dur- 
stellt als die Münzen. 

Die absonderliche 
Stellung an dem Pfeiler, 
welche nuch Wieseler, 
Alte Denkm. II, 272 
»sichere,, + behagliche 
Ruhe« bezeichnet, als 
die habituelle Haltung 
der Securitus, deutet 
nach Wissowa auf eine ursprüngliche Gruppierung 
mit Mars, »dem sie die Waffen übergeben wille. 
Vielleicht aber sind auch die Attribute des Kriegs- 
gottes der Liebergöttin hier nur im allegorischen 
Sinne beigelegt. 

Die aus dem Schaume des Meeres auftauchende 
Göttin konnte eigentlich kein Gegenstand der Plastik 
sein, dennoch gibt es neben (iemälden (z. B. Mus. 
Borb. I, 33) eine Anzahl schöner Terrakotten, welche 
sie in Halbfigur unter der Brust von Wellen um- 
spült zeigen; dus Haupt ist reich gelockt, in die 
Haare sind Wasserrosen geflochten, darüber ein 
hoher korbilhnlicher Aufsatz (xdAalos). Arch. Ztg. 
NXXII, Taf. 6, 7. Besonders schön Millin mon. 
ined. II, 28, zu vergleichen die Schilderung Apoll. 
Rhod. III, 45. Selbst das Relief des Phidias am 
Throne des olympischen Zeus, wo Fros die aus dem 
Meere aufsteigende Aphrodite in seine Arme nahm, 
(Epwg &oriv &x HaAdoong ‘Appodirnv Avıoloay ümo- 
dexönevog) will man in einer kleinen schönen Platte 
von vergoldetem Silber und danach auch in einer 
Bronzegruppe wiederfinden; s. Gazette arch6olog. 1879 
8.171 ff. Fine zierliche Erfindung, doch auch nur 
für Kleinkunst geeignet, ebenfalls Thonfigur (hier, 
Abb. 101, nach Clarac Musde 605, 1343) ist Aphro- 
dite vor der Muschel knieend, deren Schalen wie 
Flügel auseinander schlagen, um die kostbare Perle 
in die Welt zu entlassen. (Sie hat, entgegen dem An- 
schein der Abbildung, das Haupt mit einer Strahlen- 
krone umzogen und hält in der Linken eine Schale.) 
Ahnliches bei Stephani Compte rendu Petersb. 1870 
bis 1871 in den Vignetten. Bouillon III, basr. I, 2,3. 




















9 


In der Muschel sitzend mit Eros zur Seite und einer 
Taube auf der Hand, als Körper einer Lekythos bei 
Jahn, Sächs. Ber. 1853 Taf. I. Derselbe erinnert an 
Tibull. III, 3,24 et fureas concha, Cypria, vecta tua; 
Stat. Silv. I, 2, 117, III, 4,4. Auf Sarkophagen 
wird sie häufig so von Meerdämonen geleitet, vgl. 
Braun, Zwölf Busreliefs Blatt 13: in der Mitte Aphro- 
dite in einer Muschel emporgehoben von zwei bärtigen 
Tritonen, auf deren Schwanzepitzen spiegelhaltende 
Eroten stehen; links die Enthanptung der Gorgo, 
rechts die Befreiung der Andromeda; ulso eine Zu- 
sammenstellung, welche der Verstorbenen in symboli- 
schen Rätseln nach Überwindung der Schrecknisse 
des Todes Er- 
rettung und se- 
liges Leben ver- 
heifst. Ähnliches 
Benndorf, Late- 
ran N. 296; Ger- 
hard, Ant. Bildw. 
100. Schon im 
Heiligtume des — 
isthmischen Po- . 
seidon befand | 
sich an der Ba- 
sis der Statuen- 
gruppe im Relief 
Aphrodite von 
der Meergöttin 
Thalassa empur- 
gehalten, umher 
die Nereiden, 
Paus. II, 1, 7. 
Zwischen Nerei- 
den und Tritonen 
getragen, aufSee- 
stieren reitend, 
in der Muschel 
fahrend, finden 
wir sie auch auf 
erhaltenen Kunstwerken, z. B. Clarac Musee pl. 224. 
So erscheint denn die Göttin derglücklichen 
Schiffahrt (movria, meAayla, eömAora, yanvaln und 
Aıuvnofa) sogar vereint mit dem stürmischen Posei- 
don z.B. auf dem Revers einer Münze der Bruttier, 
vollbekleidet und mit Schleier auf einem Hippo- 
kampen sitzend, Eros auf dem Schofse, ein Füll- 
horn zur Seite. Eine Statue im-Louvre (Clarac Muse 
pl. 386), wo sie das flatternde Gewand nur um den 
Unterkörper geschlungen auf einem Schiffsvorderteile 
steht und sich auf ein Stenerruder stützt, ist nach 
der ganzen Ialtung cher ihr als der Thetis zuzu- 
schreiben. In Knidos verehrte man sie als Euplois, 
Paus. I, 1, 3. Eine schöne Thonfigur aus Aegina 
im umgeworfenen Mantel, der nur die linke Brust 
frei WAfst, mit einer Muschelkrone und etwas trüben 





N ——_ 






101 Venus In der Muschel. 


Aphrodite. 


Zügen, die sich an eine mit Seehundsfell umnhängte 
Satyrgestalt lehnt, wird als Tovria gedeutet von 
Stark, Arch. Ztg. 1865 Taf.200. Auf einem Vasen- 
bilde, wo sie ein aplustre in der Rechten und ein 
Scepter in der Linken hält, dabei grofse Flügel hat 
und an einem Alture steht, scheint das Opfer für 
glückliche Fahrt angedeutet zu sein; Welcker, Alte 
Denkm. III, 248. Eine auf dem Widder sitzende, 
vielmehr neben ihm schwebende Aphrodite im feinen, 
besternten Chiton mit einem Obergewande, das sie 
mit der Rechten über die Schulter zieht, welche 
man, weil sie über das Meer hinfährt, früher für 
Helle nahm, weist Flasch, Angebl. Argonautenbilder 
8.4. in kypri- 
schen Münzen 
und an kleinen 
Denkmälern 
(Millin G.M.102, 
408) als movria 
nach; vgl. Ber- 
nouilli 8.411. — 
Scherzhaft zu 
fassen ist ihre 
Darstellung als 
Anglerin auf 
pompejanischen 
Gemälden, z. B. 
Zehn III, 55; I, 


! 


ten Attributen 
der Taube, der 
Granatblüte, 
der Schildkrö- 
te, dem Bocke 
(worüber Ber- 
nouilli 8. 410), 
dem Delphin, 
findet sich der 
Granatapfel (vorzugsweise beim Paris-Urteil, e. 
Art.), der Hahn (oft von der Taube schwer zu 
unterscheiden) auf Terrakotten, häufiger der Hase 
auf ihrem Schofse oder unter dem Sitze oder neben 
ihr laufend auf Vasenbildern, als erotisches Sym- 
bol. Die Sperlinge der Aphrodite bei Sappho 
aber sind auf Kunstwerken wohl noch nicht nach- 
gewiesen. Dagegen findet sich die vom Schwane 
emporgehobene Göttin durch Inschrift oder Beiwerk 
gesichert auf Vasen, Spiegeln und Gemmen, sogar 
als lebensgrofse Marmorgruppe in Petersburg; vgl. 
Stephani, ©. R. 1863, 65 und 1864, 208. Benndorf, 
Griech. u sieil. Vasenb. 8.76. Brunn, Supplem. zu 
Strube Studien 8. 14. Auch in der Muschel von 
Schwänen gezogen (wie bei Horat. Carm. III, 28, 15) 
als Thonfigur, Bernouilli 8, 409. Das Busenband 


(Zu Seite 08.) 





Aphrodite. Apollodoros. 


(xeotöc), welches zur Hebung der Brüste dient, legt 
sie sich um (Wieseler II, 282) oder trägt es in der 
Hand als Symbol des Liebreizes, auf Sarkophagen, 
Arch. Ztg. 1866, 261. 

Überdie Gruppierungen der Aphrodite vgl. nament- 
lich »Adonis«, »Anchises«, »Ares«, »Eros«, »Paris«, 
»Zwölfgöttere u. a. Das gesamte Material findet 
sich zweckmäfsig geordnet und kritisch behandelt in 
dem Werke von Bernouilli, Aphrodite, cin Baustein 
zur Kunstmythologie, Leipzig 1873. [Bm! 

Apollodoros von Damaskos, Architekt der be- 
deutendsten Bauten des Kaisers Trajan. Erwälhnt 
werden als solche das Forum des Trajan, das Odeum 
und das Gymnasium, mit welch’ letzterem walır- 
scheinlich die anderwärts genannten Thermen iden- 
tisch sind. Ihm besonders scheint die römische 
Architektur die hohe Blüte zu danken, zu der sie 
unter der Regierung Trajans gelangte. Unter Hadrian 
mulste der Künstler seine freimütige Kritik der di- 
lettantischen, architektonischen Versuche des Kaisers 
mit dem Leben büfsen. Vgl. Brunn, Gesch. d. griech. 
Künstler II, 340 £. [J] 

Apollon. Der Lichtgott Apollon war nach allge- 
meiner Annahme ursprünglich ein Sonnengott; diese 
Vorstellung ist nicht nur in dem Namen ®oißog, 
der Leuchtende, erhalten (vgl. Plut. orac. def. 42), 
sondern hat auch in einigen Münztypen nachgewirkt, 
ı.B. denen von Katana bei Wieseler, Alte Denkm. II 
N. 122 mit dem gleich Strahlen auswallenden Haare. 
Jedoch trat schon sehr früh in der Entwickelung der 
mythologischen Idee die konkrete Erscheinung des 
Tagergestirns hinter die physikalischen Wirkungen 
und deren ethische Reflexe ziemlich zurück. Apollon 
entsendet als Sonnengott seine Strahlen in der Ge- 
stalt von giftigen und tötenden Pfeilen gegen seine 
Feinde (Homer A 53 Enuıxero xfiAa Heolo); seinen 
Verehrern aber ist er weitaus mehr ein abwehrender, 
schützender (dmeAAwv nach älterer Form, vgl. Welcker, 
Griech. Götterl. I, 460) Gott. Auf der flachen Insel 
Delos sieht man ihn unmittelbar dem Dunkel des 
Meeres entsteigen; aber er wirkt auch in der tiefen 
delphischen Schlucht am senkrechten Hang des 
Parmafs, wo er im Frühjahr die rauschenden und 
schlangenähnlich zischenden Gewässer bündigt, das 
Land trocknet und fruchtbar macht, indem er helles 
Licht ausgiefst, vor dem alles Gewürm sich ver- 
kriecht. Den Winter über zieht er sich zurück zu 
den Hyperboreern, die noch über dem äufsersten 
Norden hinaus ihre Wohnsitze haben (ins Land der 
Nacht, wo die im Westen untergehende Sonne weilen 
muß); dort gewinnt er in seliger Ruhe neue Kraft 
zum folgenden Sommerlaufe, während Greife seinen 
Schlummer hüten, bis die Schwäne, die Lichtvögel, 
ihn zurückführen. Dann wird der Gott dieser regel- 
mäfsigen Jahresordnung auch zum strengen Hüter 
der Rechtsordnung, zum Vertreter strafender Rache, 


Apollon. 95 


gerechter Bufse und sühnender Ausgleichung und, 
was wichtiger noch für die Kunstvorstellung, zum 
Sinnbilde der Lebensharmonie, wie sie sich in den 
musischen Künsten abspiegelt und vorbildlich wirkt, 
lehrend und sänftigend, das Mafs der Zeit selbst 
in die Seele des Menschen einpflanzend durch die 
Töne und ihre Wirkungen. Klang und Glanz bringen 
ja ähnliche Affekte beim Menschen zuwege, wie 
schon in den einfachsten sprachlichen Metaphern 
von reinen und hellen Tönen angedeutet liegt; der 
Gang der Sonne wird als rhythmische Bewegung 
gedacht und die Lehre des Pythagoras von der 
Harmonie der Sphären beruht im letzten Grunde 
auf der griechischen Volksempfindung. Anderseits 
hängt wiederum das Prophetentum so innig mit 
der Sangesgabe zusammen (wie schon die Sprache 
ınannigfach bezeichnet), dafs es fast überflüssig 
scheint, daran zu erinnern, wie natürlich die Weis- 
sagung dem (Grotte der lichten Helle und Klarheit zu- 
geteilt wird, dem allschauenden Sunnengotte, dessen 
grofsartige Stiftung des delphischen Orakels in seiner 
historischen (restalt auf Kreta und asiatische Vor- 
bilder zurückzuführen ist. Denn durch «das Symbol 
des Dreifuflses dürfte auf die wiederum von der 
Sonne ausgehende Erdwärme hingewiesen werden, 
deren schaffende Kraft schon vor den Naturphilo- 
sophen geahnt wurde; und der Delphin, das bei 
sonnenbeschienener Meeresglätte auftauchende Tier, 
gelangte durch zufälligen Anklang und etymologisch 
gerechtfertigten Zusammenhang mit dem Namen der 
delphischen Schlucht (deApüs, Bauchhöhle) zu ge- 
feierter Bedeutung in der Wirksamkeit des Orakels 
bei überseeischen Gründungen. — Zahlreiche Bezüge 
auf alle Seiten altgriechischen Lebens, welche durch 
Beinamen und Attribute in lokalen Kulten des 
Apollon ihren Ausdruck fanden und deren monu- 
mentale Kunde meist durch Münzen und andre 
(iegenstände der Kleinkunst. vermittelt wird, müssen 
hier übergangen werden, wogegen die Entwickelung 
(ler anthropowmorphischen Darstellung des Gottes in 
den Haupttypen kurz zu skizzieren ist. 

Aus ältester Zeit erfahren wir von einem Apollon 
in Amyklai, der an indische Götterbildungen er- 
innert, mit vier Ohren und vier Händen (rerpaxeıp), 
vielleicht auch mit vier Füfsen als vollständigem 
Janus; vgl. die Stellen bei Welcker, Griech. Götter]. 
I, 473. Als Spitzsäule ıxlwv kwvoeidrig Müller, Dorier 
1, 299) ist der mehrfach erwähnte Apollon dyuieüg auf 
den Strafsen zu denken, dem man Rauchopfer brachte; 
einzelne Münzen und Vasen geben ihn wieder; 
s. Arch. Zte. 1852, 144. Eine hermenähnliche Bil- 
dung hatte der amykläische Erzkolols von etwa 
30 Ellen (= 15 m) Tlöhe, für welchen Batlıykles 
einen berühmten Thron errichtete. Nur Hände, 
Füfse und Kopf ragten aus einem säulenartigen 
Schafte hervor, den man sich etwa wie das Bild der 


96 ‚Apollon. 


ephesischen Artemis (s. Art.) zu denken hat. 
(Paus. 3,19, 2: 8rı yap un npdownov aut wal mödes 


elolv äxpoı kai xeipes, 16 Aoımöv xaAkıı xiovi &arlv ! 


eixaguevov. &yeı dE Emi Th xepaAf) xpdvos, Abyynv de 
@v als xepol xal T6Eov.) 

Auch in ältester Kunst wurde Apollon nicht als 
reifer Mann, sondern jugendlich gebildet; der Bart ist 
bei ihm sehr selten, z. B. Elite c&ramogr. II, 15; Ger- 
hard, Auserl. Vasenb. I, 117,64. Aber dem kräftigen, 
untersetzten Wesen der in mehreren ausgezeichneten 
Exemplaren erhaltenen Werke dieser Epoche (vgl. 
»Bildhauerkunst, archaische« und daselbst die Ab- 
bildungen nebst Beschreibung der Apollonstatuen 
von Orchomenos, Thera, Tenea) mangelt noch die 
dem Gotte später verliehene wundervolle Leichtigkeit 
des Gliederbaues und jugendliche Frische: ein kerzen- 
gerader Stand auf beiden Beinen, deren eines nur 
ein wenig vorgesetzt ist, gemahnt an ägyptische 
Vorbilder ebenso wie die allgemeinen Proportionen 
des Körpers, und der Ausdruck des vollen, rund- 
lichen Gesichts ist ein typisches, dem Verehrer 
Gnade ankündigendes Lächeln. Neben diesen ge- 
meinsainen Zügen aller Werke jener Zeit gehört zur 
wesentlichen Charakteristik des Apollon die Haar- 
bildung des langgelockten Gottes (Axepoexduns Y 39): 
sorgsäffi gescheitelt und gekimmt, später auch in 
zahlreiche Löckchen gedreht und mit einem Bande 
oder dem Lorbeerkranze zusummengehalten, ordnet 
sich dis Fülle des Haares um die Stirn und fällt 
nach hinten wellenförmig, aber noch steif und 
perückenartig bis über den Nacken herab. Indessen 
läfst sich gerade an Apollons Gestalt, da er (aufser 
als Citharöde) schon früh in vollständiger Nacktheit 
erscheint, die allmähliche Entwickelung einer immer 
freieren und dem Ideal zustrebenden Kunstbildung 
beobachten, indem alle hervorragenden Künstler an 
dem vielverchrten Gotte sich versuchten. Unter den 
Nachbildungen vorphidiassischer Werke ist besunders 
zu beachten eine Bronze (Specimens of anc. seulpt. 
1, 12), in welcher man den Apollon Philesios des 
Kanachos von Sikyon im Didymäischen Heiligtume 
bei Milet wiedererkennen will (Entstehung kurz 
vor 494): hiernach zeigte das eherne Tempelbild 
freier gestaltete, kräftige Glieder, ein volles Gesicht 
mit ernstem Ausdruck; die linke Hand trägt den 
Bogen, die rechte steif vorgestreckt eine Hirschkuh. 
Eine ähnliche Statue, ein Lamm tragend, Gerhard, 
Ant. Bildw. 11. Auch auf zahlreichen Münzen späterer 
Zeit erscheinen altertümliche Apollonsköpfe, wohl 
meist nach Kultusbildern. 

Wie schon angedeutet, unterscheidet sich von dem 
Bogenschützen der zitherspielende Apoll (Apollo 
eitharoedus) durch volle Bekleidung. Wie die Singer 
an den Festspielen in Delphi und anderen Orten, 
trägt er in früherer Zeit den ärmellosen Chiton, der 
bis auf die Füfse zeicht, darüber einen faltenreichen 





Mantel. So sehen wir den Gott auf einem Vasen 
gemälde alten Stiles (Abb. 102, aus Mon. Inst 
HI, 44) in dem mit Troddeln und Besatz verzierten 





102 Apollon, ultwrtümlich. 


aber hier noch straff angezogenen Gewande die 
fast zu schwere siebensaitige Zither mit den Fingern 
der linken Hand und dem Plektron schlagen; in 
dem wenig geistvoll geratenen Gesichte hat der 
Künstler sich bemüht, das Lauschen auf die eignen 























IE 





























103 Apoll als Sieger im Gesang in Delphi. (Zu Seite 98.) 


98 


Töne auszudrücken. — Einen vorgeschritteneren Stil 
zeigt eines jener oft wiederholten Reliefs, deren 
berühmtes Original jetzt wohl allgemein als ein 
Votivbild für den Sängersieg in den pythischen 
Spielen gefafst wird. Welcker, Alte Denkm. II, 
37—57 (dessen Taf. II, 3 wir in Abb. 103 wieder- 
geben) führt sehr fein aus, wie der Künstler dem 
siegreichen Sänger seinen stets siegreichen Gott 
(vgl. »Marsyas«) substituiert, welchem Nike selber 
den Weihetrank zur Spende und zur Erquickung 
reicht. Der pythische Wettgesang datiert von der 
ältesten Zeit (Paus. 10, 7, 2); Terpander war vier- 
mal als Sieger aufgezeichnet {Plut. mus. 4) und der 
Homerische Hymnus auf den pythischen Apollon läfst 
den Gott selbst in diesem Aufzuge sein delphisches 
Heiligtum betreten, v. 336: npxe d’äpa opıv AvaE 
Aıög viös AndAAwv, POpuIYY Ev Xeipeoarv Exwv, Epatov 
xıldapiZwv, kadla xai Uyı Bıßac' ol de PrNocovTes Enovro 
Kpftes npös Tui xai innammov aeıdov xTA; er ist 
also Ur- und Vorbild für seine Sänger. Den zither- 
spielenden, häufig in etwas geziertem Tanzschritt 
auf den Fufsspitzen dahinschreitenden (xala xai 
Uyı Bıßas) Gott begleiten die Schwester Artemis mit 
Köcher und Fackel und die Mutter Leto mit dem 
Scepter, indem sie voll Stolz auf den Sohn blickt 
(wie im Ilymn. Apoll. Del. 12: xaipeı de Te nötvıa 
Antb, oüvexa ToEopöpov xal Kaprepov Ul6V ETIKTEV 
und Apull. Pyth. 26 ff.). Hinter einer Mauer er- 
blicken wir das delphische Tempelgebäude, zwar 
mit Willkür behandelt; denn statt dorischer Säulen 
sehen wir korinthische; auch das Medusenhaupt 
zwischen geflügelten Meerweibern im (iiebelfelde 
und ebenso das Wagenrennen am Friese stimmen 
nicht mit den sonstigen Nachrichten und zeugen 
für späte Entstehung der altertümelnden Kopie; 
aber wirklich befand sich das Theater, in dem die 
Wettkämpfe gehalten wurden, neben der den Tempel 
einschliefsenden Mauer; lucian. adv. indoect. 9; 
Paus. 10, 32, 1. Hinter Nike steht auf diesem 
Exemplare ein Altar mit den tanzenden Horen, auf 
anderen eine Säule mit dem Apollonbilde (eni xiovog 
ayalna Gpxaiov Paus. 2, 17, 5), eine unanstölsige 
Naivetät alter Kunst nicht minder als der Dreifufs 
"auf der Säule links hinter Leto, welcher ebenfalls 
als das Weihgeschenk eines früheren Sängers zu 
denken ist. 

In der Darstellungsweise dieser archaisierenden 
Reliefs zeigt sich aber schon der Einflu[s der jüngeren 
attischen Schule, deren Meister Skopas und Praxiteles 
auch die Verkörperung Apollons auf «den (Gipfel 
der Ideulität hoben. Unter »Praxiteles< wird der 
Apollon oaupoxTovos dieses Meisters behandelt, dessen 
mythologische Bedeutung (s. Welcker, Alte Denkm. 
I, 406) für die Erklärung der Skulptur unerheblich 
ist. Gleichzeitig schuf Skopas sein grandioses Ideul 
des zitherspielenden Apollon, welches auch die 


Apollon. 


Römer so entzückte, dafs Augustus die Statue in 
den palatinischen Tempel versetzte, durch welchen 
er seinem Schutzgotte für den Sieg bei Actium 
dankte; Plin. 36, 25. Kaiserliche Münzen geben das 
Bildnis wieder, besonders unter Nero, der selbst sein 
Kostüm (habitum citharoedieum Sueton. Ner.25) nach- 
ahmte. Ein Abglanz des Prachtwerkes ist uns in 
einer vaticanischen Statue (wir geben sie in Abb. 104 
nach Photographie) erhalten, gefunden zusammen 
mit neun Musen in der Villa des Cassiur bei Tibur. 
(Einer späteren Epoche gehört das Original der früher 
so genannten barberinischen Muse in der Münchener 
Glyptothek N.%.) Diesen palatinischen Apoll feiern 
häufig die augusteischen Dichter, z B. Propert. III, 
29, 15: inter matrem (die nach Plin. 36, 24 ein Werk 
des Praxiteles war) deus ipse interque sororem (vom 
Timotheos Plin. 36, 32) Pythius in lonyga carmina 
veste sonat. Als Traumbild beschreibt ihn Tibull. 
Ill, 4, 23—40, besonders in den Versen: ima vide- 
batur talis illudere palla: namque haec in nitido corpore 
vestis erat — artis opus rarae, fulgens testudine et 
auro pendebat laeva garrula parte lyra. Vgl. auch 
Ovid. Amor. I, 8, 59; Metam. XI, 165. (Auf unsrer 
Statue ist an der Innenseite der Kithar das Relief- 
bild des zur Schindung an den Baum gefesselten 
Marsyas, vgl. Art., bemerkenswert.) In der etwas 
theatralischen Stellung, welche freilich hier am 
Platze ist, noch mehr aber in der Haltung des 
Kopfes und den Gesichtszügen drückt sich Schwung 
und edle Begeisterung auf unnachahnmliche Weise 
aus, während die schön geschwungenen Falten der 
Festgewandes die feierliche Stimmung und die er- 
habenen Gesänge des Gottes zu malen scheinen. 
Die Höhe der Auffassung dieser Statue tritt erst 
recht hervor, wenn man die vielen nackten und 
halbnackten Bildungen des zitherspielenden Apoll 
vergleicht, welche zum Teil sehr schön, aber für 
den Gott fast zu stark schwärmerische Hingebung 
und süfse Versunkenheit zeigen. Auch die weiche, 
ins Weibliche spielende Bildung der schwellenden 
Glieder durfte nur in der Umhüllung angedeutet 
werden; sie entspricht der Fülle der Gefühle, welche 
den Sänger bewegen. 

Die grofse Menge der sonst erhaltenen Apollon- 
statuen geben den C'harakter wieder, welchen Pra- 
xiteles seinem Sauroktonos aufgeprägt hatte: eines 
Ephelen von schlanker Bildung, Kraft und Zartheit 
der (ilieder vereinigend, zwischen Hermes und Dio- 
nysos die Mitte haltend. Der Ausdruck des schönen 
Ovals des Kopfes, welches durch den Aufsatz des 
Krobylos (s. »Haartracht«) häufig noch verlängert 
wird, zeigt geistige Anregung, doch mit Vermeidung 
einer Denkerstirn. Die Stimmung geht durch alle 
Variationen eines klaren, erhabenen und selbstbe- 
wulsten Sinnes bis zu der göttlich hohes Sieger- 
gefühl atmenden Statue im Belvedere des Vatican 


(welche in einem beson- 
deren Artikel hier unten 
behandelt wird), und an- 
derseits sinkt das Ideal des 
Gottes auch wieder oft zu 
einer spielenden und fast 
genrehafte Naivetät zeigen- 
den Knabengestalt herab, 
aller Feierlichkeit und 
Würde bar. Die Zither ist 
hier nur mehr das Symbol 
friedlicher Heiterkeit; Pfeil 
und Bogen erscheint als 
harmloses Spielzeng. So 
schon beginnend im Sau- 
Toktonos, noch mehr aber 
im weltberühmten Apollino 
in Florenz (dessen Abb. 105 
nach Photographie), der 
nicht vom ernsten Bogen- 
kampfe, sondern nur von 
den Anstrengungen der 
Palästra ausruht. 

Nach Lucian, Anach. 7, 
stand ein ganz ähnlicher 
Bid im Lykeion, dem 
athenischen Gymnasium: 
78 Aralua öpdc, Tv Emi 
TA ortAn xexkuevov, TA 
Apwrepg uev To Tökov 
Exovra, h dekih d2 ümep 
Tg KipaAfig AvanexAaouevn 
bonep dk Kaudrou naxpob 
dvanauduevov deikvuoı Töv 
de. (Daher die aus Mifs- 
verstand hervorgegangene 
Benennung eines Iykischen 
Apollo). Die künstleri- 
sche Feinheit des Werkes 
schildert E. Braun, Vor- 
schule d. Kunstm. 8. 25: 
»Dadurch, dafs bei der 
Stellung, die vom Künstler 
zur Veranschaulichung be- 
haglicher Ruhe gewählt ist, 
alle Muskeln des Leibes in 
eine ganz eigentümliche, 
nur in entgegengesetzter 
Richtung verlaufende 
Spannung geraten, wird 
die vielfach gegliederte Le- 

nekruft und dieGelenkig- 
keit des zarteren Alters 
schärfer hervorgehoben, 
als dies selbst bei Schil- 
der heftigsten 


Apollon. 


104 Der palatinische Apoll 





(Zu Seite 96.) 


100 


Bewegung möglich ist. Die Linien aber, welche die 
verschiedenen Teile des Leibes begrenzen, zeigen 
80 lieblich harmonische Schwingungen, dafs man 


} 
N 
| 
j 





105 Apollino. (Zu Seite 9.) 


Akkorde der anmutreichsten Musik zu vernehmen, 
aus dem Reiche der Töne aber plötzlich in die Körper- 
welt versetzt zu rein meint. Wir erblicken den Gott | 
in seinem Wachsen; er reift seinem hohen Berufe ; 





‚Apollon. 


entgegen, der sich bald in doppelter Weise offen- 
baren wird, Die Pfeile der Todesvernichtung und 
die versöhnenden Klänge der Leier sind beide seinen 
Händen anvertraut. Zorn und gnadenreiche Milde 
finden sich kaum in einem anderen Göttercharakter 
so nahe bei einander, wie in dem seinigen. Auch 
in unserem Marmorbilde, welches zu den auserlesenen 
Kostbarkeiten der Florentiner Tribuna gehört‘, be- 
gegnet sich eine anmutige Nachlässigkeit der ganzen 
Stellung mit einer Festigkeit des Wollens, das sich 
in den sicheren Blicken, die er vor sich hersendet, 
offenbart, in wunderbarem Kontrast.« 

So falsten denn die jüngeren Künstler die Macht 
des Apollon als eine innerliche Wirkung seiner 
geistigen Persönlichkeit auf, die kaum der dahin 
deutenden Attribute bedürfte. Die Aegis, deren er 
sich bei Homer bedient, trägt er selten auf Kunst- 
werken, seltener noch das Schwert (obwohl xpuodwp 
genannt), wohl nie vollständige Rüstung mit Panzer 
und Helm. Die Bekämpfung des Drachen Python 
durch Pfeilschüsse stellte der Bildhauer Pythagoras 
von Rhegion in einem bedeutenden Werke vor, 
Plin. 34,59; die Gruppe wird mit Wahrscheinlichkeit 
in Münzen von Kroton erkannt (Wieseler, Denkm. 
TI, 145), wo zwischen Apollon und der sich hoch 
aufringelnden Schlange ein mächtiger Dreifufs steht, 
um den Schützen und sein Ziel in angemessener 
Art zu trennen. Eine gröfsere Rolle spielt der Drei- 
fufsraub, worüber im Art. »Dreifufs«. Seine Lieber- 
verhältnisse mit Nymphen sowohl wie mit schönen 
Knaben sind verhältnismäfsig selten dargestellt; die 
Verwandlung der Daphne kommt als Statue nur ein- 
mal (Villa Borghese in Rom) vor; Fragmente im 
Lateran, Benndorf N. 412. Überhaupt ist Apollon vor 
allen die (in unserm Sinne) sittlichste Göttergestalt 
der Griechen, dem Unziemliches nachzusagen selbst 
die Komiker sich selten getraut haben. Dennoch 
findet sich auch der Apollonskopt mit jenem Zuge 
ergreifender Sentimentalitit, man möchte es eine 
Weltschmerzphysiognomie nennen, welche besonders 
einzelnen Seedämonen aus der Schule des Skopas 
anhaftet und wofür die Erklärung nicht sowohl in 
einem besonderen mythologischen Bezuge (man hat, 
bei Apollon an die Trauer über Hyakinthos gedacht) 
zu suchen ist, als in der Stimmung des Künstlers 
und dem Reize, welchen die Darstellung unendlicher 
Wehmut ausübt. Unbewulst besingt in diesen Ge- 
stalten das hinsterbende Griechenvolk seine eigne 
Götterdämmerung. Der aus Panofka, Cabinet Pour- 
talös pl. 14 bekannte, hier in Abb.106 nach Photo- 
graphie vom Gipsabgufk wiedergegebene Kopf teilt 
die Wendung des Halses und den Haarputz mit der 
belvederischen Statue, steht aber sonst in stärksten 
Gegensatze zu dieser. Mangel an Kraft in den 
weichen Formen des Untergesichts und das sehn- 
süchtig schmerzliche Aufziehen der Augenbrauen 


Apollon. 


verraten ein Vorwiegen des zarteren Seelenlebens; 
mädchenhaft mutet die künstlich verengerte Stirn 
an, in welche die Töckchen sich herabringeln; aus 
den übervollen, verschwommenen Augen scheinen 
Thränentropfen hervorquellen zu wollen. 

(»Die Urteile über den Ausdruck den Kopfes und 
dessen Entstehungszeit stimmen keineswegs überein. 
Nach Zoega ist jener ‚voller Milde‘ und zeigt zu- 
gleich etwas, ‚das sich dem 
bakchischen Enthusiasmus 
nähert‘. Wagner hebt die 
‚Änstere, strenge Miene‘ her- 
vor. Hirt versetzte wegen 
‚der Schärfe des Stiles‘ das 
Werk in das Zeitalter des 
Phidias. Ähnlich urteilen 
H.Meyer, der zuerst eine 
‚Kopie eines besseren Origi- 
nals von hohem Stile‘ er- 
kannte, Panofka, welcher 

zuerst ein Bronzeoriginal ver- 
mutete, und Dubois. Nach 
Bendorf ist der Kopf mit 
seinem Ausdruck von ‚sanf- 
tem Ernst‘ und der ‚Ruhe 
einesstillen Gefühls von Mit- 
leid und leiser Trauer‘, vor 
jener ‚merkwürdigen Wen- 
dung zum Sentimentalen‘ un- 
gehr von der Zeit Alexan- 
ders d. Gr. an undenkbar. 
— Helbig ist der Ansicht, 
dale die Formen dieses 
Kopfes, ‚dessen Züge ge- 
radem schmerzerfüllt er- 
scheinen‘, vor allem die 
tiele Einsenkung zwischen 
Nase und Augen, im ganzen 
der Kunstweise der zweiten 
attischen Schule entsprechen 
und der Typus als solcher 
daher dieser zuzuschreiben 
sein werde, die Stimmung 
aber, welche in dem Ant- 
lite zu Tage trete, innerhalb 
der Kunst vor Alexander ohne irgend welche Ana- 
logie sei. — Schon früher hatte ich die Ansicht 
ausgesprochen, dafs dus nicht originale Werk auf 
die Schule des Skopas zurückzuführen sei. Für die 
Auführung desselben nach Alexander kann auch 
die Behandlung des Haares veranschlagt werden.« 
Wieseler zu Apollon, Denkm. II, 123.) Man ver- 
gleiche den ähnlichen Kopf Mon. Inst. X, 19. 
Von den vielen, ursprünglich lokalen Attributen 
Apollons, welche weitere Geltung erlangten, ist die 
Palme auf Delos zu nennen, welche Leto bei der 





106 Apollon Pourtalts. 


ı 
I 


101 


Geburt umfafste; bei der Epiphanie des Gottes ist 
sie Kennzeichen des Ortes. So fliegt Apollon, von 
einem Schwane getragen, lorbeerbekränzt und die 
Zäther spielend auf einem Vasenbilde heran (Tisch- 
bein anc. vases II, 12); delische Jungfrauen er- 
warten ihn mit Zitherspiel und Tanz; ein Satyr mit 
Thyrsusstab, der ihm eine Binde reicht, soll hier 
nur lebendige Andeutung der Festlust geben. Der 
Schwan sitzt auch zu Füfsen 
des Sängers Apollon. In Del- 
phi tritt natürlich der Lor- 
beer für die (südlichere) 
Palme ein, dazu der Drei- 
fufs und der Omphalos, 
das geschickteste Zauber- 
mittel einer diplomatischen 
Priesterschaft. Der Nabel- 
stein, ursprünglich wohl das 
Sinnbild des Gottes selbst, 
halbeiförmiger Gestalt, wird 
zum geweihten Bätyl, das 
man mit Öl begiefst und mit 
einem Netze von Wollbinden 
(&rpnvöv Hesych.) umhängt. 
Apollon sitzt auf oder an 
ihm, auch wohl daneben die 
pythische Schlange, so z. B. 
Wieseler, Alte Denkm. II 
N. 137, wo das Fell eines 
geopferten Widders darüber 
gebreitet ist (ein Arög xu- 
dev), der Gott also als 
Sühn- und Heilgott erscheint. 
In dieser Bezichung sind ty- 
pisch die Vorstellungen der 
Orestes-Sage (8. Art.). An- 
derseits wird auch der Drei- 
fußs zum Sitze des Gottes, 
dessen altertümliche Form 
als heiliges Gefäfs der Ver- 
änderung nicht unterworfen 
ist. Ursprünglich für den 
Gebrauch der Küche be- 
stimmt, als Braukessel (&u- 
nupißneng), wird er für den 
Tempelgebrauch in Delphi zweckmäfsig umgestaltet, 
dafs die Pythia darauf sitzen kann (O. Müller in 
Böttigers Amalthen I, 124), daher die auf Kunst- 
werken abgebildeten Dreifüfse für die Küche un- 
brauchbar sind und nur als heilige Schaugeräte 
gelten können. ie enthalten im oberen Teile einen 
beweglichen’ Finsatz (hxelov genannt, lat. cortina, 
ein Wort, welches die alten Erklürer schr plagte), 
darüber einen Deckel ($Anos), auf welchem die 
orakelgebende Pythin sals; s. Hermann, Gottesd. 
Alt. 3 40, 10. Eine einfache Darstellung mit der 
1° 


(Zu Seite 100.) 





102 


cortina auf der hier (Abb. 107) folgenden römischen 
Münze (Cohen med. con. pl. XI Cassia 10) zeigt ihn 
mit Wollenbinden umhangen. 
Auf Vasenbildern, Münzen und 
sogar statuarisch erscheint nun 
mehrfach Apollon selbst auf dem 
Dreifufs sitzend, sogar auf einem 
geflügelten Dreifufse, der über 
das Meer fährt, wie wir dies auf 
einer schönen Hydria des gregorianischen Museums 
im Vatican finden (Abb. 108 aus Elite c&ramogr. 
1 pl.6). — Auf dem Dreifufse, der kaum die Haupt- 
bestandteile zeigt (die 
Ringe, welche zum 
Tragen dienen, sind 
hier als Sitzlehne be- 
handelt), aber mit 
großen Flügeln ver- 
sehen ist, schwebt 
Apoll mit Ärmelchi- 
ton und Mantel be- 





kleidet, lorbeerbe- 
kränzt, Köcher und 
Bogen zusammenge- 


bunden auf dem Rü- 
cken tragend, die 
Zither mit der Linken 
rührend über die Flu- 
ten des Meeres dahin. 
Delphine schiefsen 
vor und hinter ihm 
in die Wellen, eine 
‚Anspielung auf seinen 
Beinamen Delphinios 
(vgl. Hymn. Hom. 
Apoll. Pyth. 222 f. 
316®.). Es ist wohl 
keine Frage, dafs hier 
das Orakel des Gottes 
alsKolonien gründend 
und aussendend ge- 
dacht wird. Apollon ist zwar mit den ihm eigen- 
tümlichen Waffen gerüstet, aber die Harmonien der 
Zither genügen zu glücklicher Fahrt; ihre Rhythmen 
(vöuor) sind ja zugleich die Normen der staatlichen 
Ordnung. $o schwebt auch der mythische Gründer 
von Tarent auf dem Delphine (nach Geheifs des 
Apollon) übers Meer, auf Münzen, und gab viclleicht 
Anlafs zur bekannten Arionsage. 

Der dem Apollon geheiligte Greif, eine geflügelte 
Rofsgestalt, aber mit Löwenkrallen und Adlerkopf, 
der eine zackige Mühne und einen scharfen krummen 
Schnabel zeigt, findet sich oft zu seinen Füfsen an 
Statuen, dient ihm auch als Wagengespann oder 
Reitpferd, kommt aber (aufser in der Sage vom 
Kampfe mit den Arinıaspen) meist nur in dekorativer 





108 Apoll auf dem Droifufse segelnd. 





Apollon. 


Verwendung vor; Weleker, Alte Denkm. II, 73; auf 
einer Vase Arch. Ztg. 1856 Taf.86, 87. Zu den seltener 
erwähnten Attributen zählt das Reh, das aber sehr 
häufig auf archaischen Vasenbildern vorkommt, nach 
Gerhard, Auserl. Vasen). 1, 26 als Ausdruck des vom 
Lichtgott überstrahlten Sternenhimmels wegen Orph 
fig. 7, 15: abräp Ümepde veßpoio mavanöAou Eupü 
addıyan deppa moAborıtov Inpdg ward dekiöv dinov, 
&orpwv daıdakewv uiunu' fepod Te möAoıo. 

Von den Altären Apollons, welche mit seinen 
Attributen geschmückt zu sein pflegen, haben wir 
8.57 (Abb.60) einen abgebildet. Ein hervorragender 
Thron des Gottes in 
Lansdowne abgebild. 
Mon. Inst. V, 28 vgl. 
Annal. Inst. 1861, 117. 

Anstatt des Kam- 
pfes mit dem Dra- 
chen Python, der 
bildlich nur auf Mün- 
zen vorzukommen 
scheint, geben wir in 
Abb. 109 ein Vasen- 
bild nolanischenStiles 
(rotfigurig) nach Elite 
ceramogr.II, 1, worauf 
Leto mit den beiden 
Kindern vor dem Un- 
geheuer fliehend er- 
scheint. Die Varia- 
tion der Sage, nach 
welcher Leto von 
Chalkis kommend in 
dem Felsenthale von 
Delphi dem Angriffe 
des Drachen ausge- 
setzt wird und mit 
Mühe hinter der hei- 
ligen Platane Schutz 
findet, erzählt Kle- 
archos bei Athen. 
XV, 701; eine Erzgruppe in Delphi nahm darauf 
Bezug. Von Euphranor erwähnt Plin. 34, 77 eine 
berühmte Gruppe: Latona puerpera Apollinem et 
Dianam infantes sustinens, vielleicht in derselben 
Situation; spätere Münzen von Ephesos u.a. haben 
die Scene ebenfalls erhalten, welche danach also 
beliebt war. Auf unserem Bilde erinnern die höchst 
einfach getürmten Felsen und der in gewaltigen 
Ringen sich aufbäumende Drache an Bilder vom 
Kampfe des Kadmos. Mit Letos Erschrecken kon- 
trastiert sehr schön die Unbefangenheit der Kinder, 
welche ohne Arg die Hände nach dem Untiere 
ausstrecken. Artemis ist von dem Bruder durch 
kleine Ohrringe und den Haarputz (xexpüpakog) 
unterschieden. 


Apollon. 


Andre Bilder Apollons finden sich unter »Marsyaa«, 
ine, »Hermes«. Clarac Muade pl. 474—496 
Apollonstatuen abgebildet. 

Eine reiche Zusammenstellung von anf Apollon 
bezüglichen Vasenbildern bietet Elite c&ramogr. II; 
so die achöne Fpiphanie auf Delos pl. 42, und sein 
Abschied von Delphi, um auf dem (ircifen die 
Hyperboreer heimzusuchen (dmoönuia) pl. 44; auf 
dem Dreifufs sitzend pl. 46. Er erschiefst Tityos, 
welcher Leto hat angreifen wollen pl. 55-57. Ein 
ander Mal hat der Frevler Leto schon gepackt 
und in die Höhe gehoben, als Apollon und Artemis 
(die oft zugegen ist) herbeieilen, Gerhard, Auserl 
Vasenb. I, 22. Auf dem schönen Innenbilde einer 














108 


Tm Frühjahr aber kommt, durch Lieder gerufen und 
auf Schwanenfittigen getragen, der Herr des Lichtes 
zurück, wie Alktos (bei Himerios; sang; s. Preller, 
Griech. Myth. 1,191. Diesen Moment vergepenwirtigt 
in geistvoller Weise ein schönes in Kertsch ge- 
fundenes Vasenbild (hier, Abb. 110, nach Compte- 
rendu 1861 Taf. IV), dessen Inhalt Brunn, Troische 
Misc. III, 213 zusammenfafst als das feierliche 
Bündnis zwischen Dionysos und dem in Delphi ein- 
ziehenden Apollon. Der ältere Gott, hier hirtig, 
epheubekränzt, angethan mit reichverziertem Ober- 
gewande, hochgestiefelt, das Thyrsosscepter auf- 
set: d und in dieser Erscheinung an die Bilder 
orientalischer Könige erinnernd, reicht mit freund- 








109 Der Drache Python. 


Schale holt Apollon gegen den auf die Knie ge 


den Sternenschleier; Gerhard, Trinkschalen I Taf. C. 
Apollon ringt mit Tityos zwischen zwei Palmen, 
Gerhard, Auserl. Vasenb. I, 70, 4. 

Unterden mythischen Beziehungen, welche Apollon 
mit anderen Göttern verknüpfen, ist für künstlerische 
Darstellungen keine so interessant, als sein Verhältnis 
zu Dionysor, welcher in Delphi bekanntlich durch 
den Festcyklus des Jahres mit ihm eng verbunden 
war. Zu Anfang Winters zieht Apollon aus seinem 
Heiligtume fort zu den Hyperboreern, und «ann 
hemscht zu Pytho während des harten Winters, 
wo das Orakel schweigt und die Stürme auf dem 
Pamafs brausen, Dionysos mit seinen Thyiuden, 
welche auf den Höhen des (ichirges den Dithyrumb 
ertönen lassen und nächtliche Geheimdienste feiern. 





(Zu Selto 102.) 


“ licher Herablassung dem jungen Mitherrscher die 
wunkenen Tityos mit dem Schwerte aus, Leto hebt ' 





Rechte, zur Schliefsung und Bekräftiung des Ver- 
trages (vgl. oben 8. ”. 

Apollons Körperbildung ist ephebenartix jugend- 
lich, seine Haltung schüchtern, sein lorbeerum- 
wundenes Tlaupt geneigt, in dem herabgesunkenen 
Hlimation ist die warıne Jahreszeit angedeutet, wie 
bei Dionysos in der vollen Bekleidung der Winter. 
Während Dionysos fort steht, zeigt Apollon« linker 
Fuß anoch die Bewegung der Ankunft bei der 
grofsen Palme, welche weniger als der Omphalıs 
im Vonlergrunde das Lokal bezeichnet. m und 
Bacchantinnen zengen von dem hier getriebenen, 
zum Teil noch fortgesetzten Saitenspiel, Cymbeln- 
lirmı und Tanz. Zur Linken steht der mit Binden 
xeschmückte Dreifufs; im Vordergrunde aber, wo 
man des jungen Gottes Ankunft noch nieht gewalr 











104 


Tadıeq ur myaowg pm Trody ort 


Csor eos nz) 





Apollon. 











geworden ist, spielt der 
Satyr die Doppelflöte 
weiter, während dieihm 
links entsprechende ge- 
schmückte Frau ein ge- 
sticktesKissen auf dem, 
wie es scheint, für den 
erwarteten Gott be- 
stimmten Lehnsessel 
zurecht legt. Wohl mit 
Absicht sind hier die 
bacchischen Frauen 
such mit dem apolli- 
nischen Lorbeer ge- 
schmückt, um die in- 
nere Einigung beider 
Götterdienste recht zur 
Anschauung zu bringen. 
Vgl. Arch. Ztg. 1876, 
185 #. Andre Bilder, 
ebendas. 1865, 97 u.112 
vorgeführt und bespro- 
chen, zeigen Apollon 
an seinem Orakelorte 
sitzend und von Bak- 
chanten umgeben, wel- 
che auch wohl Her- 
mes zu ihm heranführt. 
Über die in Athens 
bester Zeit vollzogene 
und fruchtbringende 
enge Verbindung bei- 
der Gottheiten bemerkt 
treffend L. Weniger a. 
8.0.: »Der apollinische 
Dreifufs, gleichsam das 
Wahrzeichen von Del- 
phi selbst, war Sieges- 
preis für dionysische 
Feste geworden, Apol- 
lons Sänger widmeten 
dem Dionysos ihren 
Dienst, Dionysos selbst 
veranlafge musische 
Schöpfungen : was lag 
näher, als auch ihm 
musische Kraft und 
apollinisches Wesen zu- 
zuschreiben ? Somit 
wird es klar, was Paus. 
I, 2, 4 berichtet: Au- 
vvoov dE ToDrov kaloücı 
MeAnöpevov &ml Adyw 
Toupde, Ep'dmoly Anöi- 
Auva Movanrernv, und 
von welcher Bedeutung 


Apollon. 





11 Apoll von Belvedere. (Zu Seite 106.) 


106 


106 


das Ansehen des Dionysos Melpomenor in Athen ! 

war, beweisen auch die Priesterinschriften auf den 
Murmorsesseln des Dionysos-Theaters zu Athen.« 
(Bm) 

Apollon. Die bekannteste Statue des Apollon, 

welche gleichzeitig auch eine eigenartige kunstge- 

schichtliche Stellung einnimmt, ist die des Apollon 





des 15. Jahrhunderts zu Antium, einem Lustorte der 
römischen Kaiser bei Rom, gefunden und ist jetzt 
im Belvedere des Vatican aufgestellt. Dieselbe ist , 
kein Originalwerk, sondern eine schr getreue Kopie | 
| 
I 


von Belvedere. Die Marmorstatue wurde am Ende | 
! 
{ 


eines Bronzeoriginales, wie die Behandlung des Kör- 
pers, des Gewandes, besonders aber der Haare an- 
zeigt (Abb. 111 und 112 nach Photographien). Die 
Bronze bedurfte nicht der Stütze des Baumstammes, 





112 Kopf des Apoll von Belvedere. 


Apollon. 


der die Marmortechnik nicht entraten kannte, 

durch die Lebendigkeit des Originales etwas be 
trächtigt wird. Die früher viel besprochene Res 
ration der Statue ist jetzt durch den Vergleich e: 
kleinen Bronze in Petersburg (Publ. von Steph 
Apollon Bo&dromios, Petersb. 1860) sicher gest 
Apollon trug in der vorgestreckten Linken die Ai 


die Rechte war leer, doch sind die Finger ı 
selben nicht so theatralisch gespreizt, wie in 
jetzigen Restauration, zu denken, sondern leise 
bogen, wie denn auch der falsch zusammengere 
rechte Arm ursprünglich mehr gebogen und « 
Körper mehr genähert war. Der Gott, dessen Mic 
Selbst- und Biegesbewufstsein zeigen, tritt uns ] 
nicht entgegen als der zarte weiche Gott des 
sanges, der Vorsteher der Musen, sondern als 


Apollon. Apollonios. 1 


kriegerische, zürnende, der im Vorüberschreiten durch ' Delphi, bei welcher Gelegenheit der Gott durch 
die Aigis die Schlachtreihen der Feinde niederwirft. | sein persönliches Erscheinen die Barbaren von seinem 
Mühelos schreitet er die Reihen ab, sie gewisser-  Heiligtume zurückscheuchte. Man hat die Statue in 
malsen aufrollend, nur sich des Frfolges verge- : Zusammenhang bringen wollen mit der bekannten 





118 Der farnesische Stier. (Zu Seite 10x.) 


wissernd, indem das Auge nicht der Bewegung des , Artemis von Versailles und einer bewegten Athene- 
Armes folgt, sondern etwas hinter demselben zurück- ' statue im capitolinischen Museum, so dafs alle drei 
bleibt. Den Proportionen nach gehört das Werk in | gegen einen gemeinsamen Feind, nämlich die Callier, 
die Zeit nach Lysippos, und es ist eine ansprechende | anklimpfen (vgi. Overbeck, Gesch. d. griech. Plastik 
Vermutung, das Original sei aufgestellt worden nach | 8. Aufl. II, 317 f.), doch ist diese Vermutung zum 
dem Angriffe der Gallier im Jahre 278 v. Chr. auf | mindesten problematisch. Wi 


108 


Apollonios. 

1. Apollonios und Tauriskos, Bildhauer von 
Tralles in Karien, die Meister der unter dem Namen 
des farnesischen Stiers bekannten Marmorgruppe 
(Plinius N. H. XNXXVI, 33), welche früher in Rhodos 
stand, zu Augustus’ Zeiten nach Rom gebracht wurde, 


114 Hercules-Torso von Belvedere. 


im 16. Jahrhundert in den Thermen des Curacallı 
zu Tage kum und jetzt das Museum zu Neapel 
schmückt (Abb. 1° nach Photographie). Dargestellt 
ist das Ende der Dirke (s. Art.). Zethos und Amphion 
haben Dirke an die Hörner eines Stieres gebunden, 
um sie von demselben schleifen zu lassen. Amphion, 





als der sanftere, charakterisiert durch die Leier, dessen“ 


Knie Dirke flehentlich umfufst, packt den Stier beim 
Kopfe, während Zethos mit der Rechten den um die 





(Zu Seite 109.) 


‚Apollonios. 


Hörner gelegten Strick hält, mit der Linken aber 

! Pirkes Haar fafst, um sie von Amphion loszureifsen. 
Der Strick lag der Dirke ursprünglich nicht um den 
Hals, sondern unter der Brust. In letzteren beiden 
Punkten irrt die Restauration der Gruppe, die in 
der Beschreibung gegebene Berichtigung beruht auf 
dem Zeugnis eines in Neapel 
befindlichen antiken Cameo. 
Im Hintergrunde steht An- 
tiope, die Mutter der strafen- 
den Jünglinge, in ziemlich 
ruhiger Haltung. Die Basis 
ist landschaftlich belebt, und 
der Kithairon, der Ort der 
Handlung, ist im Vordergrunde 
personifiziert alsSchäfer darge- 
stellt. Der Hund wird der des 
Zethos sein. Die Ciste neben 
Dirke weist darauf hin, dafs 
die Katastrophe ein dionysi- 
sches Fest unterbrochen hat. 
Mit keinem anderen Werke 

ist das unsere, innerlich wie 
äufserlich, so verwandt, wie 
mit derLaokoongruppe. Schon 
dadurch wird äufserlich zwi- 
schen beiden eine Parallele 
hergestellt, dafs auch vom 
Stier durch Plinius berichtet 
wird, er sei »ex eodem la- 
‚pide« gemacht, was aber hier 
ebensowenig wie beim Lao- 
koon einfach materiell zu ver- 
stehen ist, sondern vielmehr 
auf die Darstellung der Scene 
»in geschlossener Gruppe« deu- 
tet. Auch in unserer Gruppe 
ist die Komposition eine äu- 
fserst kühne, bewunderns- 
werter vielleicht noch als beim 
Laokoon, da letzterer nur für 
den Blick von einer Seite be- 
rechnet ist, erstere aber für 
den Anblick von allen Seiten, 
obgleich der Standpunkt, von 
dem aus man Dirke im Vorder- 
grunde hat, wie in unsrer Ab- 
; bildung, als der vom Künstler bevorzugte zu bezeichnen 
ist. Geistig genommen, ist das Bestreben der Künstler 

| beiderGruppen dasselbe: Darstellung der momentan- 
ı sten Erscheinung des rein physischen Pathos, welches 
jedoch hier, im Gegensatz zum Laokoon, selbst durch 

“ die flehende Geberde der Dirke in keine höhere ideale 
! Sphäre gehoben wird, durch das ruhige Verhalten 
| der Antiope sogar bis an das Abstofsende grenzt. 
. Wir schen einfach die Exekution eines schwachen 


Apollonios. Apotheken. Apotheosis. 


Weibes durch zwei krüftige Henkersknechte. — 
Dafs die Grappe vor die römische Kaiserzeit füllt, 
wird durch den Umstand klar, dafs sie vor der Zeit 
des Augustus in Rhodos stand. Das Werk wird von 
allen in die alexandrinische Zeit versetzt, selbst von 
denen, welche die Entstehung des I,aokoon in römi- 
scher Zeit annehmen. Unsere Künstler waren viel- 
leicht auch in Pergamon (s. Art.) thätig. 

2. Apollonios, Bildhauer, Sohn des Nestor, von 
Athen, ist nach der Inschrift der Künstler des durch 
Winckelmanns Hymnus weltbekannten Herakles- 
torso im Belvedere des Vatican (Abb. 114 nach Photo- 
graphie). Gefunden wurde das Werk unter Julius II 
beim Theater des Pompejus in Rom und ist wahr- 
scheinlich als Schmuck dieses Gebäudes angefertigt 
worden, indem der paläographische Charakter der In- 
schrift das Werk in die Zeit der Erbauung desselben 
verweist. Über die Restauration des im Altertume 
schon verstümmelten und wieder hergestellten Werkes 
gehen die Ansichten weit auseinander. Die wahr- 
scheinlichste ist die, dafs der Held leierspielend dar- 
gestellt war, indem er die auf dem linken Schenkel 
stehende Leier oben mit der Linken hielt, während 
die Rechte in die Saiten griff. (Vgl. Petersen, Arch. 
Zig.1867 8.126 f£.) Dem Werke liegen wahrschein- 
lich ältere und zwar Iysippische Motive zu Grunde. 

Das Kunstwerk nimmt einen hervorragenden Platz 
ein innerhalb einer Richtung der antiken Plastik, 
welche man neuerdings mit dem Namen der atti- 
schen Renaissance zu bezeichnen pflegt. Diexe 
Renaissance blühte in Athen zuerst, dann in Rom 
von der Mitte des 2. Jahrh. v. Chr. bis in den 
Anfang der römischen Kaiserzeit. Das Hanptmerk- 
mal derselben beruht darin, dafs die Künstler nicht 
durch neue künstlerische, der freien Phantasie ent- 
sprungene Schöpfungen glünzen, sondern dafs sie 
Werke älterer Zeit und grofsen Stiles frei repro- 
duzieren, nicht einfach kopieren, sondern unter Bei- 
behaltung des Motives im grofsen und ganzen eine 
Neuschöpfung versuchen, welche teilweise dem ver- 
änderten Geschmacke der Zeit, teilweise den eigenen 
verringerten Kräften angepafst ist. So kommt es, dufs 
allen Werken dieser Richtung trotz grußser, idealer 
Anlage eine gewisse Neigung zur Herabmilderung 

der Grofsen, Majestätischen zum Milden, Zarten an- 
haftet, dann aber eine der Anlage gemüfse Durch- 
bildung des Einzelnen fehlt. In letzterer Bezichung 
begnügte sich der Künstler mit der Wiedergabe 
seines eignen Könnens, welches allerdings immerhin 
noch ein ganz staunenswertes ist, aber dennoch die 
heutige Kritik nicht mit Winckelmann überein- 
stimmen läfst, dem freilich Skulpturen echt griechi- 
schen Meifsels, wie die Gruppen aus den Parthenon- 
giebeln, zum Vergleiche nicht zu Gebote standen. 
Dasjenige Leben, die Frische, wie bei diesen Wer- 
ken, dürfen wir deshalb hier nicht erwarten, und 





109 


dennoch erscheint die ganze Richtung als eine er- 
freuliche, weil durch sie die ideale griechische Kunst- 
übung, wenn auch abgeschwächt, eine Zeit lang weiter 
getragen wurde. IR] 
Apollonios von Tyana Der bekannte Neupytha- 
goreer und Wunderthäter erscheint mit würdevollem 
Antlitze, langbärtig und lorbeerbekränzt auf einem 
Contorniaten, dessen Avers den Sieger mit der 
Palme auf einem 
Viergespunn zeigt 
(Abb. 115, nach Vis- 
eonti, Iconogr. gr. 
pl. 17,4). An der 
Authentizität des 
Bildnisses ist nicht 
zu zweifeln, da er 
schon bei Lebzeiten 
schrgefeiert war und 
Jahrhunderte hin- 
durch seine Züge 
bekannt gewesen 
sein müssen, &0 dafs der Kaiser Aurelian ihn im 
Traume erkannte, wie Vopiscus erzählt: norat vultum 
philosophi venerabilis Aurelianus, atque in multis qjus 
imaginem viderat templis. Alexander Severus stellte im 
Lararium (der Hauskapelle) sein Bildnis neben dem 
Christi und Abrahums auf, vgl. Ael. Lamprid. c. 29. 
Hiernach ist es glaublich, dafs unerkannte Exemplare 
sich noch in unseren Sammlungen befinden. [Bm] 
Apotheken im heutigen Sinne kennt das Alter- 
tum nicht, da die Ärzte in der Regel ihre Medika- 
mente selbst bereiteten (vgl. »Ärzte«); etwas ähn- 
liches aber waren die Läden der papnaonwkaı, 
(der Droguenhändler, welche Medikamente aller Art, 
Gewürze, Spezereien, Farben u. dergl. feilbielten und 
sich vielfach mit den uupomüwAaı, den Salbenhänd- 
lern (vgl. »Salben«) berührten, die zum Teil die 
gleichen Artikel verkauften. Der Droguenvorrat 
dieser Händler war sehr reichhaltig und mannigfach, 
aber vielfach auch gefälscht; er mag mit der Un- 
redlichkeit dieser Kaufleute zusammenhängen, dafs 
bei den Römern pharmacopola im speziellen einen 
herumziehenden Quacksalber bedeutet (vgl. Hor. Sat. 
1,2,1), während die Droguenhändler je nach ihrer 
Hauptbranche als !hurarü, aromatarüi, pigmentarii ete. 
bezeichnet werden. Vgl. Marquardt, Privatleb. der 
Römer $. 758 fl. (81) 
Apotheosis. Die Erhebung eines Menschen zum 
Range der Gottheit unter den Griechen kann bei 
näherer Betrachtung lange nicht sw» auffällig sein, 
wie es unserem modernen Gefühle anfänglich vor 
kommt. Denn da bei der Vielgötterei jede einzelne 
iottheit des für uns wesentlichen Begriffes der 
Einzigkeit und damit auch der Unbegrenztheit ihrer 
ontologischen Figenschaften erinangelt, so bleibt 
selbst neben dem Superlativ der letzteren stets noch 











110 


genügender Raum für zahlreiche Stufen in jedem 
der nach gröbster Erfahrung getrennten Naturge- 
biete übrig, um die zunächst in lokaler Beschränkung 
gefalsten Dämonen aufzunehmen, deren Zahl an 
sich ein Gedränge verursacht. Wenn ferner der 
Stamımgott häufig als Urheber des hervorragendsten 
Geschlechtes angesehen wird, wenn jeder, auch der 
höchste Gott, mit sterblichen Weibern sterbliche 
Söhne zeugt, so kann auch die Vergötterung an 
sich kaum befremden, zumal wenn greifbares Ver- 
dienst um die Mitmenschen, eine vielfach empfun- 
dene Wohlthat hinzukommt. So lebten in der Auf- 
fassung des griechischen Volkes (wobei wir natürlich 
den Vorwurf euhemeristischer Deutung für uns selbst 
abweisen) Herakles und die Dioskuren, selbst As- 
klepios und Dionysos, auf welche sich mit vollem 
Rechte Horaz beruft, wenn er (die Apotheose seines 
Kaisers besingt (Od. 3, 3, 9: Hac arte Pollux et 
vagus Hercules enisus arces attigit igneas, quos inter 
Augustus recumbens purpureo bibit ore nectar etc. Das 
Übergewicht der materiellen Mächte im politischen 
und im privaten Leben gegen das Ende des pelo- 
ponnesischen Krieges trieb zuerst asiatische Griechen 
dazu, den Lysander als einen Gott zu verehren 
(Plut. Lys. 18) und ihm Päane zu singen, annoch 
eine vorübergehende Erscheinung. Bei Alexander 
wird die Einwirkung des Orients und die Berück- 
sichtigung seiner Anschauungen fühlbar ; doch selbst 
die oppositionellen Spartaner dekretieren auf seine 
Zumutung nur: Enreidr) AleEavbpog Bobkerar Heög eivaı, 
£orw Yeös, Aelian. V. H. 2, 19. Aber unter den 
Ptolemäern wird die göttliche Verehrung der Herr- 
scher, in Anknüpfung an die Religion und Politik 
der Pharaonen, zur Staatsmaxime erhoben und ayste- 
matisch ausgebildet. Vgl. Welcker, Griech. Götterl. 
III, 300 ff. Von Ägypten hat schon Cäsar vieles, 
noch mehr Octavian gelernt, dessen bewufste Stre- 
bungen in diesem Punkte in Horazens und Virgils 
Äufserungen reflektiert vorliegen. Bemerkenswert 
ist im ganzen dabei nur, da[s das abstrakte Wesen 
der römischen Volksreligion einer Vergötterung der 
Lebenden oder jüngst Verstorbenen weit weniger 
Entgegenkommen bot, als die griechische; denn 
Romulus-Quirinus enthält wohl nur eine im Staats- 
interesse (vielleicht unter griechischem Einflusse) 
erfundene Umkehrung des ursprünglichen Verhält- 
nissen. Freilich waren die römischen Grofsen längst 
so weit. gräcisiert, dafs ihre eigene Götterweihe in 
asiatisch -griechischen Provinzen blofs als selbstver- 
ständliche Iluldigung aufgefafst ward, Cicero Quint. 
fratr. 1,1, 31: in istis urbibus — tuas virtutes conse- 
cratas et in deorum numero collocatas vides, daher man 
sich über Kaisermünzen mit der (lementia Caesaris 
nicht zu wundern braucht. Nach der gründlichen 
Behandlung des Kaiserkultur und seiner Geschichte 
bei Preller, Röm. Myth. 770 — 796 ist zur Erläuterung 


—————eeeeeeeeee———————————————————————————————————————————————— ne, nn nn nn nn 


Apotheosis. 


bildlicher Darstellungen nur auf das Ceremoniell 
hinzuweisen, welches sich wahrscheinlicher Weise 
ebenfalls im Anschlufs an den Orient ausbildete. 
Die consecratio (Sueton. Dom. 2; Tac. Ann. XI, 2) 
win! ausführlich beschrieben von Herodian IV, 2 
beim Tode des Septinmius Severus, ebenso von 
Dio Cass. 74, 4 bei Pertinax, und mit einigen Ab- 
weichungen 56, 33 und 42 bei Augustus. Nach der 
Trauerfeierlichkeit auf dem Forum (welche die 
frühere laudatio ersetzt) findet auf dem Marsfelde 
die Verbrennung der Leiche statt und zwar in einem 
turmartigen Gebäude von vier Stockwerken (ähn- 
lich schon bei Hephaistion und Alexander selbst), 
welches auf einigen Münzen abgebildet ist (z. B. 
Cohen, descer. monnaies imp6riales II, pl. 13 und III, 
5,28). Auf der Spitze dieses T,euchtturmes (ppux- 
twpeiov, pdposg Herodian.) war ein Adler angebun- 
den, den man beim Brande lösen und auffliegen 
liefs, um den unsterblichen Teil des Kaisers zum 
Himmel zu tragen. So schwebt der Kaiser Titus 
selbst auf dem Adler empor, in einem Bilde seines 
Triumphbogens (ähnliches Millin. G. M. 677*, 680, 
681, 684); feiner symbolisch ist die Darstellung auf 
dem Fufsgestell der Säule des Antoninus Pius (ab- 
gebildet Wieseler, Denkm. I, 394), wo Kaiser und 
Kaiserin, von dem geflügelten Genius der Ewigkeit 
getragen, emporschweben, während unterhalb rechts 
Roma mit dem Helm und an den Schild gelehnt 
neben erbeuteten Waffen sitzt, links halbbekleidet 
der Campus Martius an einem Obelisk gelagert ist. 
Nach Analogie dieses Bildes ist auch das vom 
Triumphbogen des Marc Aurel stammende, jetzt im 
Palast der C'onservatoren auf dem Capitol bewahırte 
Relief zu deuten, auf dem die Apotheose der jüngeren 
Faustina in stark erhobenem Bildwerke sich zeigt. 
(Abb. 116.) Die ungünstige Aufstellung läfst in der 
Photographie die Schlagschatten allzustark wirken.) 
Der Scheiterhaufen ist hier zum Brandaltar geworden, 
der tragende (senius führt als Lichtgott nur eine 
grofse Fackel und bedarf kaum einer speziellen Be- 
namsung. Unten rechts weist der hinterbliebene 
Kaiser mit dem Zeigefinger aufwärts dahin, wo bei 
geschlossenem Auge seine Gedanken weilen; der 
hinter ihm stehende kann wohl nur sein Sohn 
Commodus sein, während die links gelagerte halb- 
nackte Figur den Campus Martius als das Übungs- 
feld der römischen Jugend (Hor. Od. I, 8, 3) per- 
sonifiziert. 

In äufserlich ähnlicher Weise ist die Apotheose 
Homers dargestellt auf einem Silbergefülse aus Her- 
culaneum, abgebildet Millingen Uned. mon. II, 13. 
Der Dichter, dessen Züge mehr mit einigen Münzen, 
als mit den Büsten stimmen, sitzt mit verhülltem 
Hinterhaupte (wie auch Faustina) auf dem Rücken 
des Adlers in ruhiger Haltung und Gesichtsausdruck. 
Seine rechte Hand ist an das bärtige Kinn gelegt, 


Apotheosis. Aratos. Archelaos. 


die linke, eine Schriftenrolle haltend, umfafst den 
Hals des Adlers, der mit ausgebreiteten Schwingen | 
aufsteigt. In den das ganze Feld füllenden grofsen | 
Arabesken aus Blumenranken sitzt links die Ilias, 
rechtsdie Odyssee im kurzen Chiton und mit Stiefeln; 
jene gerästet mit Helm, Schild, Speer und Schwert, | 
diese nur mit dem Schwerte, in der Linken ein : 
‚Ruder, mit der Rechten das 
Haupt stützend, welches 
mit dem spitzen Schiffer- 
hut des Odysseus bedeckt, 
ist. — Übrigens kommen 
auch frei erfundene Varia- 
tioneninden Darstellungen 
vor. Augustus schwebt 
auf dem Pariser Cameo (#. 
»Steinschneidekunst«) auf 
einem Flügelrofs in den 
Himmel. Romulus wird 
auf einem spüten Dipty- 
bon (Millin G.M. 659) von 
Stunnwinden in den Hinı- 
melgehoben, währen«d sein 
Genius mit Viergerpann 
vom Scheiterhaufen auf- 
fährt und zwei Adler em- 
porfiegen, gleichzeitig aber 
er selbst als Mensch noch 
in seinem Palaste sitzt. 
Die Kaiserin Julia Domna 
schwebt auf einem Pfau 
(als Juno) empor auf einer 
Münze, Millin G.M. 688. — 
Über das Relief, welches 
gewöhnlich die Apotheose 
des Homer genannt wird, 
8. »Archelaose. [Bm] 
Aratos, der Dichter 
von $oloi in Kilikien, ist 
abgebildet auf einer apä- 
teren Münze dieser Stadt, 
deren Revers den Philo- 
rophen Chrysippos zeigt. 
Die Identität beider wird schon so ziemlich dudurch 
erwiesen, duf die Stadt ! 
Soloi nur diese zwei he- i 
rühmten Männer hervor- 
brachte, und dufs aufser 
dem, was für Chrysippos 
spricht. (s. »Chrysippose), 
auch bei Aratos eine phy- 
siognomische Andeutung 
des himmelwärts gerichte- 
ten Blickes und gekrümm- 
ten Nackens mit einer Äufserung des Sidon. Apollin. ı 
IS, 9 vortrefflich stimmt: quod per gymnasia pingatur 





116. Apotheose der Kaiserin 











u 





ıı 


areopagitica vel prytanea curva cervice Zeuxippus, Ara- 
tus panda. Visconti, Iconogr. gr. I, p. 98, II, p. 395. 
Wir geben die Münze nach dessen Suppl. pl.57 N.1 
(Abb. 117). Die Legende ©KC bezeichnet das Jahr 229 
der Ära von Pompejopolis. [Bm] 
Archelaos, Sohn des Apollonios, von Priene, ist 
nach der Inschrift der Künstler der unter dem Namen 
des Apotheose des Ho- 
inerbekannten, zu Bovillae 
gefundenen, jetzt im Briti- 
schen Museum befindlichen 
Marmorplatte (Abb. 118 
nach Brauns galvanopla- 
stischer Nachbildung). Die- 
selbe ist wahrscheinlich in 
den ersten Jahren der Re- 
gierung des Tiberius ent- 
standen. Dargestellt ist 
ein Berk, auf dessen 
Spitze Zens lagert. In zwei 
Streifen darunter sehen 
wir die neun Musen in 
zum gröfsten Teil auch 
sonst bekannten Typen, 
im untern derselben rechts 
eine Grotte, in dieser Apol- 
lon als Kitharoiden, ihm 
gegenüber eine weibliche 
Gestalt (Pythia?) und zwi- 
schen beiden den Ompha- 
los,  schliefslich rechts 
neben der Grotte eine 
Diehterstatue. Im aller- 
untersten Streifen thront 
in einem durch einen 
Teppich abgeschlossenen 
taume links Homer, der 
von Chronos und Oiku- 
mene gekränzt wird. Ne- 
ben Homer hocken in 
kleinen Figuren Ilias mit 
dem Schwert und Odyssein 
mit dem Schiffsschnabel. 
Ein Frosch und eine Maus am Fufsschemel deuten 
auf die Batrachomyomachie hin. Homer entgegen 
bewegt sich rechts her ein feierlicher Zug, 
durch Altar und Stier als Opferzug bezeichnet. Vor 
dem Altare steht der Mythos mit Kunne und Schale, 
hinter demselben Historia, Weihrauch auf den Altar 
streuend, ex folgen Poiesis, Tragodia und Komaokia, 
ferner Physis als Kind, Arete, Mneme, Pistis und 
Sophia. Die Gestalten sind sämtlich mit Inschriften 
bezeichnet, was auch durchaus nötig war, da der 
Beschauer bei den meisten wenigstens die Bedeutung 
ohne Beischrift nicht erkennen würde. Der Sinn der 
ganzen Darstellung des untersten Streifens läfst sich 









Fanstinn. (Zu Selte 110. 





von 


112 





Archelaos. 


118 Apotheose Homers. (Zu Selte 111.) 


Archelaos. 


‚dabin zusammenfassen, dafs Homer und seine Werke, 


»o lange es eine Zeit gibt, über die bewohnte Erde ' 


tin Verühmt sein werden, und dafs die Geschichte, 
als deren Anfang der Mythos zu bezeichnen, ebenso 
wie alle Arten der Dichtkunst den Altmeister stets 


dankend verehren werden. Der Zusammenhang der ) 


Geslten von Phy- 
sis an mit der übri- 
gen Darstellung ist 
nicht völlig klar 
und gewils ein lo- 
verer, als der der 
übrigen Gestalten. 





Archemoros. 113 
' zu dieser Arbeit ist das Werk eines Landsmannes 
und ungefähren Zeitgenossen «des Archelaus, der 
sogenannte borghesische Fechter von der Hand 
des Aganias (#. Art. eine geradezu staunenswerte 
Leistung. Vgl. Kortegarn, De tabula Archelai. 
Bonn 1862. ) 
Archemoros. Die 
Sage von Opheltas, 
denn durch Sehlan- 
genbifs getöteten 
Knaben in Nemea 
(kurz erzählt bei 
Apollod. III, 6, 4), 









i5 


















Kunsthisto- welche noch durch 
risch interessant die damit in Ver- 
ist das Relief aus bindung gesetzten 
mehreren Gründen. Namen an den Un- 
Die oberen Strei- terweltskultus er- 
fen mit Zeus, den innert, war schon 
Musen und der läischen 
Grotte mit Apollon »Bathyk- 
sind durchaus ma- les ium Olyinp. 60) 
lerisch komponiert, dargestellt, Paus. 
sie geben eine voll- 111,18, 7: Adpuorog 
kommene Land- de kalTudeugAngid- 
schaft, eine Weise, paov ai Aukoüpyov 
welche wir erst in Töv TTpbvartog nd- 
akzndrinischer xns Katumadougıv, 
Zeit Anden, wäh- wo aber Tydeus' 
rad der untere und Amphiurnos’ 
Streifen  vollkom- Namen,  wahr- 
men an die Kom- scheinlich dureh 
Petition  griechi- erständliche 
scher Votivreliefs chung der Bei- 
einert. Die obe- schriften auf dem 
ren ßtreifen enthal- Kunstwerke selbst, 
ten fast durchweg verwechselt sind. 
Reminiszenzen äl- Denn nach allen 
tere Werke, beson- Überlieferungen ist 
ders statuarischer, Tydeus der Vertei- 
insofern ein Fehler, diger der unglück- 
als sich eine Statue lichen Liypsipyle, 
nicht Ohne weiteres Amphiaraos aber 
ins Relief übertra- versöhnt den König 
gen ft und um- Lykurgos durch 
gekehrt. Der un- Reden. Dieselbe 
tere Streifen aber 19 Archemorus‘ Tl. & Scene hat Jahn, 


verdankt seine Entstehung nicht der künstleri 
Phantasie, sondern der verstandesnil; 
legung, wir haben hier eine reine Allegorie. Die 
Erladung ist also eine geringe, uuf der einen Seite 
Aneignung fremder Motive, auf der anderen kalte 
Reexion, auch die künstlerische Foriengebung ist 
des Gegensatzes der oberen Streifen zum unteren 
wegen keine einheitliche, und selbst die technix 
Ausführung läfst zu wünschen übrig. Im Vergleich 
Denkmäler d. klass. Altertums. 









. für die künstlerische Komj 


Sitehs. Ber. 1853, 21—38 auf mehreren erhaltenen 
ehgewiesen. Häufiger noch 
. die Bekämpfung der mönlerischen 
len Knaben tötet, und 2. die Be- 
des Knaben nebst der Berütigung «der trost- 
ern auf Reliefs und Vasen {sowie aueh in 
abpekürzter Form anf Geimmen', unter denen mehrere 
ion hohen Wert in An- 
spruch nehmen dürfen. Wir bringen zunächst eins der 
8 

















114 


prächtigen Reliefs aus Palast Spada (nach Braun, Bas- 
reliefs T.6) zur Anschauung (Abb. 119), dessen allge- 
meine Situation kaum einer Erläuterung bedarf. Der 
von der Schlange mehrfach umstrickte Knabe hat, 
offenbar schon erdrosselt, die Augen geschlossen und 
den Mund noch wie zum Schreien geöffnet. Durch die 
glücklich erfundene, auch anderwärts wiederkehrende 


Archemoros. 


setzlichen Anblick fallen lassen und wendet sich plötz- 
| lich zur Flucht, gewaltsam ihren Schritt hemmend 
und sich rasch wendend, wobei jene für spätere 
| Kunstwerke so churakteristische doppelte Falten- 
biegung der Gewänder entsteht. Das dürre Felsen- 
| thal von Nemes wird durch den verdorrten Baum 
| im Hintergrunde links angedeutet; daneben in nicht 



































EINS 





NN 










































































Stellung der Gruppe hat es der Künstler ermöglicht, 
den Drachen zugleich als in der Abwehr begriffen 
darzustellen gegen zwei Angreifer, welche ganz gleich 
mit Schild und Helm gerüstet, die flatternde Chlamys 
um die Schultern, der eine aus nächster Nühe, der 
andre noch halb hinter den die Höhle des Untieres 
bildenden Felsen verdeckt, dasselbe mit der Spitze 
ihrer Speere zu durchbohren suchen. Hinter ihnen 
die erschreckte Hypsipyle, hier jugendlich mit wallen- 
dem Haar; sie hat den Wasserkrug bei dem ent- 


120 Archemoros' Begräbnis. (Zu Beite 115.) 


ungewöhnlicher Antieipation der erst in Anlafs des 
| Vorganges selbst gegründete Tempel, dessen Archi- 
‚ tektur allerdings weder mit dem dort später vor- 
handenen, noch mit sonst einem Tempel aus griechi- 
scher Zeit zu vereinigen ist. Ganz auf der Grundlage 
einer euripideischen Tragödie Hypsipyle, gleich so 
manchen anderen Bildern späterer Prachtvasen, ruht 
! die Vorstellung eines namentlich von Gerhard (Arche- 
moros und die Hesperiden, Ges. Abhandl. I, 5 £.) 
ausführlich erläuterten Gemäldes auf einer grofsen 


Archemoros. 


(160m hohen) Amphora von Ruvo, bei dem die 
verschiedenen Scenen des Stückes in kunstvoller 
Anordnung gewissermalsen zum Gesamtbilde ver- 
einigt sind und dem Beschauer die wirkungsvollsten 
Momente der bekannten Dichtung ins Gedächtnis 
zu rufen geeignet waren. Welcker, Griech. Trag. 
2,5% ff. (Abbildung nach Braun, elıdas. Blatt 9. 
Das Bild (Abb. 120) zerfällt in drei übereinander- 
gestellte Reihen, welche sich gewissermafsen zun 
Ersatz für die mangelnde Perspektive als Vorder-, 
Mittel-, Hintergrund auffassen lassen. Den Mittel- 


punkt des Ganzen nimmt die Königshalle ein, in : 


welcher die Haupthandlung vor sich geht. Dieselbe 
ist auf übermäfsig schlanken ionischen Säulen 
(welche bereits an pompejanische Wanddekorationen 


'erinnern) errichtet und am Gebälke mit aufgehäng- 
ten Rädern, Stierschädeln und Hirschgeweihen ge- . 


schmückt. Zwischen den Mittelsäulen erscheint 
Eurydike, die Mutter des getöteten Knaben, in 
Matronenkleidung und mit der Geberde traurigen 
Sinnens; links redet Hypsipyle, im Gefühle ihrer 
Schuld unterwürfig sich beugend und beide Hiünde 
flehentlich vorstreckend, um sie zu begütigen, wäh- 
rend rechts Amphiaraos, als Vertreter (les TIeeres 
vollständig gerüstet, in würdiger Haltung des reifen 
Mannes ihr gemessene Worte des Trostes und der 
Milde zuzusprechen scheint, wie uns deren eins in 
den Fragmenten der Tragödie (7) aufbewahrt ist: 
"Egu uev obdelsg darıc ob movei Bpotüuv xtA. Links 
von der Königshalle stehen die beiden Söhne der 
Hypeipyle, Euneos und Thoas (letzteren nennt 
Apollod. I, 9, 17 Nebrophonos, Hygin. fah. 15 Dei- 
Philos), welche soeben ankommend (daher die Reise- 
stiefel) ihre. Mutter aus der üblen Lage befreien 
und nach Lemnos zurückführen sollen. Auf der 
Rechten dagegen assistieren dem Amphiaraos seine 
beiden Gefährten, der stürmische Kapaneus und 


der jugendliche Parthenopaios. Beide Teile scheinen : 


bereit, ihr Verlangen, wenn nötig, mit Waffengewalt 
zu mterstützen. Zur unteren Reihe, gewissermafsen 
der Unterwelt übergehend, sehen wir den etwas 
reifer gebildeten Knaben, schon jetzt Archemoros 
von dem Seher genannt, im feinen Leichentuch auf 
der Bahre ausgestellt. Eine verschleierte Frau setzt 


ihm den Myrtenkranz auf (xAöva uupoivns, Eur. ' 


Eleetr. 324 dem Toten gespendet), während eine 


andere über ihn einen Sonnenschirm hält, damit ° 


Helios nicht durch den Anblick verunreinigt werde 
(Hermann, Griech. Privataltert. $ 39, 17). Rechts 
steht zunächst der Bahre der Pädagog des Knaben 
in der üblichen Tracht mit langem Stabe; er hält 
die Leier, das Instrument der musischen Unter- 


weisung, und einen Krummstab, wie er bei Über- . 


wachung palästrischer Übung gebräuchlich war; 
hinter ihm zwei Diener mit auf dem Haupt ge- 
tragenen Tischen, deren Aufsätze, bebänderte Vasen 


115 


aller Formen, teils wohl zu (rrabesspenden dienen, 
teils ebenso wie Jie grofsen dazwischen am Boden 
stehenden Gefäfse dem Toten als üblicher Schmuck 
ins Grab folgen sollen — eine sprechende Erklärung 
unserer zahllosen Funde dieser Art. (Die auf der 
linken Seite correspondierenden Figuren waren bis 
auf den Krater ausgebrochen und sind durch moderne 
Ergänzung hergestellt.) — Die oberste Reihe zeigt 
uns im fernsten Hintergrunde die mitwirkenden 
Ciötter ; zunächst links Dionysos, über den von ihm 
beschützten Jünglingen, denen er einen Rebzweig 
(hier über ihm schwebend) als Erkennungszeichen 
ınitgegeben hat (vgl. das Epigramm auf die Metopen 
im Tempel der Apollonis zu Kyzikos: ®aive, Odav, 
Baxxou PUuTövV TÖdE: untepa Yap oou dÜuon Tod Havd- 
rov, oikerıv “Yyımioklav). Der auf Epheu gelagerte 
Gott hält die Leier als MeAnöuevos (Paus. J, 2, 4); 
er trat bei Euripides als Prolog auf; jetzt schenkt 
ihm ein Panisk (dessen Mittelteil ergänzt, dessen 
Kopf falsch gezeichnet ist) erquickenden Trank ein; 
der Hader ist geschlichtet, auch der Gott kann sich 
seliger Ruhe hingeben. Und in diesem Sinne eines 
friedlichen Ausgangs fassen wir auf der anderen 
Seite die Figur des auf olympischer Höhe sitzenden 
Zeus, der in gewöhnlicher Halbbekleidung und be- 
schuht das adlerbekrönte Scepter aufstützt, während 
er den Blitz zu seinen Füfsen an den Felsen ge- 
lehnt hat. Fr. gibt der unter ihm sitzenden und 
vertraulich aufblickenden Nemea, der Ortsnymphe, 
neben der Versicherung seiner Gnade und Befrie- 
digung Aufschlufs und Anweisung über die anzu- 
stellenden nemeischen Spiele, welche das Gedächtnis 
des Toten lebendig erhalten und seinem Priester 
I,ykurgos (der auf dem Bilde so wenig wie in der 
Tragödie sich zeigt) Sühnung bieten sollen. 

Gegen dieses in seiner Anlage grofsartige Denk- 
mal stehen alle anderen, welche Scenen dieses Mythus 
behandeln, weit zurück. Dennoch beweist ihre Zahl 
und Mannigfaltigkeit auch hier griechischen Erfin- 
dungsgeist. Auf einer grofsen ruvesischen Amphora 
liegt das Kind in der Mitte tot da; Hvpsipyle 
stürzt zu ihm hin, verzweifelnd, während auf der 
anderen Seite die Nymphe Nemea mit der Opfer- 
schale feierlich dasteht und die Zukunft andeutet. 
Im Hintergrunde bekämpfen drei Helden den Dra- 
chen, welcher sich um einen Palmbaum geringelt 
hat, während Amphiaraos zu trüber Weissagung die 
Hand erhebt. 

Auf der derben Zeichnung einer etruskischen Urne 
(Overbeck, Her. Gal. 3, 11) ist Archemoros gerade 
wie auf dem Relief Spada von dem hier geflügelten 
und bärtigen Drachen umringelt; zwei Helden be- 
kämpfen ihn mit Schwertern, Kapaneus und Ilippo- 
medon nach Stat. Theb. V, 558. Auch römische 
Grabsteine tragen solch Bild, ebenso wie Gemmen 
und Münzen von Korinth, wobei man sicher an die 


116 


dem getöteten Kinde zu teil gewordene heroische 
Ehre der Leichenspiele denken mufs als eine Art 
von Unsterblichkeit. — Auf einer grofsen apulischen 
Amphora endlich (Overbeck, Her. Gial. 4,4) schen wir 
Iypsipyle vor der Königin sich rechtfertigend, da- 
neben I,ykurgus mit Amphiaraos, der von zwei 
jüngeren Helden begleitet ist, unterhandelnd. [Bm] 

Archilochos. Da dieser Jambendichter bei den 
Alten so hoch geschätzt wurde, dafs ınan ihn mehr- 
fach mit ITomer zusaınmen- 
stellte (r. die Stellen bei 
Bernhardy, Griech. Lit. II, 
8 102, 2 A. 1, besonders 
Vellej. I, 5 praeter Home- 
rum et Archilochum, Cie. 
Orat. I, 2 und Plat. Rep. 
3650), ro glaubt Virconti 
eine Doppelherme, deren 
eine Seite den Homer in 
bekanntem Typus wieder- 
gibt (a. Art.), anderseits auf 
ihn beziehen zu müssen. 
Derselbe meint auch in 
dem Gesichte Kühnheit, ja 
Keckheit zu bemerken, w0- 
wie in einer gewissen Fr- 
schlaffung der Muskeln 
unter den Augen den Aus- 
druck der Spottsucht, nach 
Adamant. de physiognon. 
11, 42: 6 d& efpwv kai ma- 
MpBouAog TA Aupl tous 
öpduAnous Aayupa exerw. 
Der Kopf (Abb. 121) ist bis 
auf die Nasenspitze gut 
erhalten; nach Visconti, 
Tconogr. gr. pl. 2,6. [Bm) 

Ares. Ob der (iott des 
Krieges, der Thraker, ur- 
sprünglich ein Gott der 
Unterwelt oder des Win- 
ters oder des Gewitters ge- 
wesen sei, kommt für die 
Kunstvorstellungen nicht 
in Betracht; bedeutsamer ist die Wandlung, welche 
innerhall, jener engeren Sphire als Kriegsgott von 
Homer bis auf die römischen Kaiser mit ihm vor- 
ging. Nach den Schilderungen der Tlias stellen wir 









| 
| 





121. Archllochus. 
j 


ihn uns natürlich als unbündig wild, blind daher- i 


stürmen vor, als den rohen ungeschlachten Krieger, 
der den Mord um seiner selbst willen liebt, ohne 
alle Berechnung kämpft und daher in jeden Hinter- 
halt füllt: wis consili erpers mole ruit sua, wie nament- 
lich das fünfte Buch zeigt. Vater Zeus hat wenig Mit- 
leid mit ihm. Dagegen tritt er schon in der allerdings 
spät eingelegten Episode der friedlichen Odyssee, in 


Archemoros. Archilochos. Ares. 


dem Gesang des Demodokos uls der verliebt 
der Aphrodite auf, welchen Hephästos mit 

baren Fesseln füngt; ein reizender, durchaı 
unnattirlicher Gegensatz, den bekanntlich in 
drinischen Zeiten zu erläutern und zu illu 
Philosophie und Dichtkunst um die Wette 
gewesen sind. Von den älteren Tempelbild 
eigentlichen Kriegsgottes Ares ist um so 

bekannt, als sein Dienst nur an wenig Or 
Bedeutung geweser 
scheint; alsStamm 
finden wir ihn fast 
Theben. In Ath 
blafste seine Giest 
vor dem glänzende: 
der zugleich str 
und klugen Stu 
und aufser dem 

für welchen Al 
noch ein nicht we 
kanntes Bildnis 

(Paus. 1, 8, 5) let 
Name nur im Geric 
für Mordsachen, de 
pug, fort. Selbst 
widinete ihm keine 
ragende Pflege: « 
dort Onpirag, der 
Paus. 3, 19,7. Bei 
(Seut. 192) wind 
schrieben wie jede 
Homerische Kriegs 
dem Streitwagen, 
ebenso gerüstet, n 
überströmt, nebe 
seine Dämonen 

und Schrecken« (A 
®6ßog re). Fortwäl 
erin Gefahr, zum ı 
gorischen Wesen 

den, dessen Name | 
Dichtern appella 
Anwendungfürk' 
und gewaltsaınen ' 
det. Auf den verhältnirmäfsig iltesten Origir 
ınälern, den Vasenbildern, ist seine Gestalt dı 
nieht von gewöhnlichen geharnischten Stre 
unterscheiden (vgl. die Aufzählung bei Tür 











Fleckeisens Jahrbb. Suppl. XI, 664). A 
borghesischen Altar der Zwölfgötter (s. Art. 





wir ihn als bärtigen geharnischten Krieger ge 
der Aphrodite; ebenso auf dem Kusten den R 
(Paur. 5, 18, 1), einer Vase von Corneto, Mc 
X, 23, und andern archaisierenden Werken 

einigen Münzen, besonders der Bruttier. Wi 
ihn hier (Millin, G. M. 150158) teils birt 


Ares. 


ganz jugendlich und nackt, nur mit Helm, Schild 
und Lanze; einmal steht eine Eule vor ihm (der 
Athene entlehnt und ale Mahnung des Kriegers zur 
Klugheit gedeutet); er führt eine Leiter als Städte- 
stürmer (reixeanAring). — Doch abgesehen hiervon 
ist sein Bild in Statuen, obwohl bedeutende Meister 
solche gefertigt hatten (Alkamenes in Athen, Paus. 
1,8,5), bis in die neueste 
Zeit nicht immer aner- 
kannt worden. Denn da 
es an unterscheidenden 
Kennzeichen fehlt, sokann 
wancher Heros auf Ares 
gedeutet werden und ist 
umgekehrt fast gegen aämt- 
liche Aresbilder auch des 
jtngeren Typus Zweifel 
erhoben worden. Die ju- 
gendliche Bildung des krie- 
gerischen Gottes, welche 
zweifelsohne in der Blüte- 
zeit der attischen Kunst 
Sitte wurde, mufste einiger- 
maßen z.B. der des Achill 
gleichkommen; nurfeinere 
Charakteristik konnte ihn 
etwa davon trennen. »Eine 
derbe und kräftige Musku- 
tur, ein starker fleischiger 
Nacken und ein kurzge- 
locktes und gesträubtes 
Haar (oülog, BAogupös T6 
dor) scheinen durchgängig 
zur Vorstellung des Gottes 
zu gehören. Ares hat klei- 
nere Augen, eine etwas 
Särker geöffnete Nase (ols 
ol uuräpes ävamentanevon, 
Wunde, Aristot. Physiogn. 
1), eine weniger heitere 
Stim,alsandere Zeussöhne. 
Dem Alter nach erscheint 
& männlicher als Apollon, 
der Mellepheb, und selbst 
als Hermes, der Epheb 
unter den Göttern, als ein 
jügendlicher Mann.« (Müller, Arch. $ 372). Dieser 
Typus zeigt sich am deutlichsten in der borghesi- 
schen Statue im Louvre, welche Ares stehend in 
hervischer Nacktheit darstellt und zwar genau in 
der Haltung, wie er zu Florenz (und öfter) in einer 
Gruppe mit Aphrodite vereinigt sich findet. Die 
derben, etwas schwerfälligen Körperforinen lenken 
den Gedanken von Achill, den man auch hier ver- 
mutet hat, ab. Eine feinere Wiederholung des Kopfes 
dieser Statue, welche aus der Sammlung Albani in 


122 





ı 
j 
| 
| 
I 
| 
| 


117 


Rom stammt, jetzt in der Münchener Glyptothek 
N. 91, geben wir hier nach Photographie (Abb. 122). 
Über die Zweifel der Benennung sagt Brunn im 
Katalog 8.111: »Der Reliefschmuck am Helm : Wölfe 
am Stirnschild, Greife an der Wölbung geben keine 
Entscheidung. Dagegen scheinen die mehr auf ma- 
terielle Kraftentwickelung hindeutenden Formen der 
Borgheseschen Statue, der 
mehr männliche als Jüng- 
lingscharakter des Kopfes, 
der nicht besonders nach 
der geistigen Seite hin 
entwickelte Ausdruck der 
Gesiehtszüge, wenig dem 
schnellen, elastischen und 
lebendigen Wesen des 
Achilles zu entsprechen. 
Das keineswegs ‚lange und 
weich unter dem Helm 
herabfliefsende Haar‘ hat 
vielmehr einen sehrschlich- 
ten Charakter, und die An- 
deutung des Backenbartes 
eignet sich weit mehr für 
einen Mars als für einen 
Achilles. Das ‚Schwermä- 
tige‘ in der Neigung des 
Kopfes aber charakterisiert 
sehr wohl den wilden, zwi- 
schen Schlacht- und Liebes- 
gedanken schwankenden 
Kriegsgott«. Mit dieser 
Auffassung stimmt auch 
im ganzen Dilthey, der 
im Jahrb. der Altertumsfr. 
Rheinl. 1873 Heft 53, 1—43 
eingehend die Aresdarstel- 
lungen besprochen und 
aufser verschiedenen Mün- 
zen einen wahrscheinlich 
jüngeren, bei den Römern 
besonders beliebten Ares- 
typus namentlich in einer 
Reihe von kleineren Bron- 
zen überzeugend nachge- 
wiesen hat. Der Gott er- 
scheint in diesen Figuren, von denen wir eine Büste 
in Berlin (nach Taf. III) und eine Statuette in Wien 
(n.T.X) hier (Abb.123 u. 124) wiedergeben, stets weich 
und fast zart. »In dem Gesichte (der Büste) sind ge- 
wisse Züge tren bewahrt, welche auf die lysippische 
Schule zurückweisen; namentlich entspricht der Bau 
der $tirne und ihr Übergang in die Nase den Eigen- 
tümlichkeiten, welche vornehmlich am Schultypus 
des Iysippos beobachtet werden. Der Ausdruck des 
fein modellierten Gesichts ist sehr schmerzlich und 
8” 


i 
| 
j 
I 
! 
! 


Ares, 


118 


verrät zu gleicher Zeit ein zornmütiges Temperament. 
Die hinaufgezogenen Augensterne geben einen ver- 
schwommenen, languiden Blick. Diese Eigentüm- 
lichkeit entspricht einer Modeliebhaberei der spä- 
teren zur Sentimentalität neigenden Kunst.« Aufser 
diesen mehr oder weniger betonten Merkmalen findet 
sich überall die Bartlosigkeit und das volle weiche 
Lockenhaar, in welches der hohe korinthische Helm 
eingedrückt ist, und eine ideale Formenschönheit, 
welche in der Abglättung kleiner Bronzekopien aller- 





128 (Zu Seite 117.) 


dings mehr nuiv als geistvoll anmutet. Das Stellungs- 
motiv der Wiener Figur wird von Dilthey mit dem 
Apoxyomenos des Lysippos verglichen, ebenso die 
Handlung des Schwerteinsteckens, welche nach 
anderen Exemplaren hier durch die verlorenen Attri- 
bute dargestellt war, und die wie dort das Abschaben 
nach der Mühe der Palästra, hier nach der kriege- 
rischen Anstrengung in Form einer leichten Aktion 
die völlige Ruhe vorbereitend, ein harmonisches 
Spiel der Muskeln und mühelose Gliederbewegung 
veranlafst. »Während bei dem Apoxyomenos (sagt 
Dilthey) die Linke thätig ist, füllt hier der erhobenen 
Rechten, weil sie das Schwert geführt hat, die Aktion 





Ares. 


zu. Hierdurch ist bedingt, dafs das Standbein eben- 
falls vertauscht ist; denn naturgemäfs beschäftigen 
wir den Arm auf derjenigen Seite, wo der fester 
aufgesetzte Fufs Halt und Sicherheit gewährt. Der 
Körper lastet durchaus auf dem rechten Bein, wäh- 
rend der linke Fufs seitwärts leicht aufsetzt. Bei 





121 (Zu Beite 117.) 


der völligen Entlastung des linken Beines ist der 
rechte Schenkel stark einwärts gestellt und unter- 
stützt den Körper in seinem Schwerpunkt; in dem- 
selben Mafse tritt die Hüfte auf der rechten Seite 
hervor, ist der Oberkörper auf die linke Seite hinüber- 
gebogen und die linke Schulter erhöht. So entsteht 
eine Verschiebung, welche den Eindruck großser 
Biegsamkeit hervorbringt, das Gefüge der Figur 


Ares. 


verliert an Festigkeit, der Rhythmus ihrer Linien wird 
schwungvoller und weichlicher.« Andre Bilder dieses 
Kriegsgottes, den die römischen Legionen auch mit 
nach Germanien führten, zeigen ihn mit der Lanze 
in der Rechten, zur Linken den Schild, zuweilen 
auch mit dem Panzer bekleidet und in voller Kriegs- 
rüstung; s. v. Sacken, Wiener Bronzen 8.34. Selbst 
die ihm sonst fremde Ägis führt er in einem Statuen- 
bruchstück in Madrid, Sächs. Ber. 1864, 173. Zu 
der Verbreitung dieses mehr lieblichen als strengen 
Typus des Kriegsgottes, der das Schwert einsteckt, 
um sich dem Genusse des Friedens hinzugeben, 
trug vornehmlich wohl bei der seit Julius Cäsar an- 
scheinend geflissentlich gepflegte Mythus und von 
allen Dichtern poetisch und politisch ausgenutzte 
Gedanke von der Vermählung des römischen Stamm- 
gottes Mars mit Aphrodite als Ahnin des Julischen 
Herrschergeschlechts. 

Der Gesang des Demodokos in der Odyssce näm- 
lich wirkte, wie schon bemerkt, bei den Künstlern 
zuerst dahin, den rauhen Kriegsgott allmählich in 
einen schmachtenden Liebhaber der Schönheitegöttin 
zu verwandeln. Wenn er im thebischen Kultus mit 
Aphrodite wirklich vermählt war und auf Grund 
dessen in älteren Kompositionen ihr Geleiter ist (80 
auf dem Kypseloskasten, Paus. V, 18, 5, auf der 
Frangoisyase und auf der Soriasschale), s0 hat er 
auf jüngeren Vasenbildern (z. B. Elite c&ramogr. 
IV, %) ganz wie Herakles bei Omphale, in spielen- 
der Art die Attribute mit ihr getauscht: sie spiegelt 
sich in seinem Helme und hat seinen Speer er- 
grifien, Ares betrachtet sich in ihrem Spiegel. 
Anderswo spielen Eroten mit seinen Waffen. Der 
Ring am Beine der borghesischen Statue soll nach 
einfachster Auslegung an die Fesselung durch 
Hephästos erinnern. Der Moment der Überraschung 
ist schr sinnreich vorgeführt auf einem römischen 
Altar, den Ti. Claudius Faventinus weihte, wahr- 
scheinlich der von Tacitus Hist. III, 57 erwähnte 
Parteiginger des Vespasian. Diese Ara Casalic, 
zwei Fußs hoch, enthält auf der Vorderseite das 
hier nach der Zeichnung in Wieselers Erläutertungs- 
schrift (Gött. 1844) wiedergegebene Relief (Abb. 125), 
auf den beiden Nebenseiten Scenen aus dem troischen 
Sagenkreise und auf der Rückseite vier Scenen des 
Mythus der Gründung Roms (s. »Mars«). Faven- 
tinus hatte sich, wie es scheint, durch die Über- 
führung der Flottenabteilung in Misenum zu Ves- 
Pasian bei diesem die corona eivica »ob cives servatog« 
verdient, welche seine Widmung umschliefst. Das 
emlich grobe Relief — ohne Zweifel hundwerks- 
mälsige Nachbildung eines guten Originals — zeigt 
unten Mars und Venus auf den: Lager, die Göttin 
gefesselt. Mars ist tief beschimt, so dafs der Amor 
hinter ihm Trost zusprechen mufs; Venus aber er- 
hebt, ebenso wie der ihr beigegebene Amor, klagend 





119 


die Rechte ob der Schmach der Fesseln und der 
Entdeckung. Oben links erscheint Helios auf dem 
Viergespann und mit dem Strahlenhaupt; er hat 
als aufgehender Tag den Vorgang dem Hephästos 
offenbart, der in seiner gewöhnlichen Tracht als 
Handwerker mit der Schmiedezange zornig dasteht. 
Zu vermuten bleibt, dafs auf dem Original zu- 
schauende Götter die Scene vervollstündigten, welche 
hier aus Mangel an Raum fortblieben. (Einer weit 
späteren Zeit schreibt den »roh gearbeiteten« Altar 





125 Murs und Venus, 


zu Friederichs, Bausteine I, 491; doch geht das Ori- 
ginal auf die julische Periode zurück.) Eine undre 
Darstellung des Vorganges: Relief bei Winckelmann, 
Mon. ined. 28; vgl. Brunn, Bullet. 1849, 62. 

Der halb philosophische Gedanke von der Bän- 
digung des wilden Streitgottes durch die Allmacht 
der Liebe, welcher sich in der ulexandrinischen Epoche 
entwickelte, gewann bei den Römern auch einen 
politischen Hintergrund; daher sich das Kuiserpaar 
nicht selten als Mars und Venus porträtieren liefs, 
z.B. Marc Aurel und Faustina, im Louvre. Ohne 
diese Beziehung findet sich die trauliche Götter- 
gruppe im Capitol, in Florenz (Wiescler, Alte Denkm. 
I, 290); ferner auf Gemmen und oft auf pompe- 
janischen Gemälden, uud zwar ganze Gruppen in 
derselben Haltung und Bekleidung, welche auf 


120 Ares, 
berühmte Originale hinweisen. Vgl.Dilthey, Ann.Inst. 
1875, 15; Tümpel a. a. O. 670. — Verschieden davon 
aber ist und eine höhere Bedeutung beanspruchend 
der berühmte Mars Ludovisi, Abb. 126 (hier nach 
Photographie), den man auf ein Original des Skopas 
(Plin. 36, 26: Mars sedens colossiaeus in templo Bruti 
Gallaeci apud circum Flaminium) hat zurückführen 
wollen. Dem steht jedoch‘ entgegen »ein der Figur 
fremdes Überbleibsel auf der linken Schulter und 
der Rest einer Stütze an derselben Seite weiter 
unten«, woraus viele auf eine Gruppierung mit Aphro- 
dite geschlossen haben. Wenn dies mit Plinius, 
der nach den eben angeführten Worten unmittelbar 
fortfährt: praeterea Venus in eodem loco nuda Pra:ri- 
teliam Ulam antecedens, vertrüglich sein soll, so mufs 
man dem Schriftsteller eine (allerdings nicht ganz 
unmögliche) Nachlässigkeit zuschreiben, die nur durch 
den Einschub einer späteren Randnotiz erklärt 
werden könnte. Dagegen hat Friederichs, Bausteine 
N. 436 in dem plastischen Stile des Mars die gröfste 
Übereinstimmung mit dem Apoxyomenos des Lysip- 
pos (8. Art.), »namentlich in den Köpfen und dem 
freien Wurf des Haares« wahrgenommen und fast 
allgemeine Beistimmung gefunden. Über das Motiv 
der Statue sind die widersprechendsten Meinungen 
laut geworden, welche man vollständig bei Wieseler, 
Alte Denkm. II zu N. 250 citiert findet. Sicher 
steht jetzt wohl, dafs durch die Beisetzung des ver- 
schmitzt lauernden Eros der Kriegsgott als der Liebe 
unterliegend zu denken sei. Das Anziehen des 
linken auf den Helm gestützten Knies und das Um- 
fassen desselben mit den nicht gefaltenen, sondern 
nur übereinander gelegten Händen zeigt möglichst 
deutlich ein Sichgehenlassen in behaglicher Träumerei 
an. Das Schwert steckt in der Scheide, die Chlamys 
ist längst herabgeglitten; der Gott blickt etwas starr 
geradeaus in eine unbestimmte Ferne, wie es eben 
nach der Ermüdung (hier von der Kriegsarbeit) bei 
der Hingebung an süfses Ausruhen natürlich ist. 
Die Lockung der Liebe nach vollbrachter Helden- 
that würde demnach der Gedanke des Künstlers ge- 
wesen sein, nicht unangemessen für die Natur der 
Feldherren hellenistischer Zeit. Die Anwesenheit 
der Aphrodite würde dabei nicht notwendig, ihre 
plastisch schöne Gruppierung aber erst nachzuweisen 
sein; denn anscheinend dürfte sie bei der Abwen- 
dung des Kopfes des Ares fürs erste eine wirkungs- 
lose Rolle übernehmen. Beachtenswert ist die Ver- 
mutung Wieselers a. a. O., dafs anstatt der Aphrodite 
zur Linken des Ares vielleicht eine Nike herange- 
schwebt sei, um ihn zu krönen. — Ares als Kind 
von Athene gepflegt im grofsen Göttervereine dar- 
gestellt auf einer pränestinischen Cista, wobei man- 
ches dunkel bleibt, Mon. Inst. IX, 58, 59; Michaelis, 
Annal. 1873, 221. — Über die Romulussage s. »Mars« 
und »Romulus«. [Bm] 


Argonauten. 


Argonauten. Der weite Kreis der Argonauten- 
sage ist von den griechischen Künstlern älterer Zeit 
verhältnismäfsig selten zum Vorwurfe genommen, so- 
wie auch eine hervorragende epische Dichtung in der 
klassischen Zeit fehlt. Erst die Tragiker machten 
durch Hervorhebung der romantischen und patheti- 
schen Momente einzelne Scenen populär; nach ihnen 
haben die Alexandriner eine breite und doch wenig 
ergiebige Nachlese gehalten. Die kindermordende 
Medea ist der Grlanzpunkt ihrer Leistungen. 

In besonderen Artikeln behandeln wir die Aben- 
teuer der Ino und des Phrixos, die spätere Ge- 
schichte der Medea, des Pelias, die Talossage, 
Phineus und den Faustkampf des Amykos mit 
dem Dioskuren. Mit dem Reste der allmählich 
zu grofser Breite angewachsenen Fabel können wir 
hier um so kürzer uns abfinden, als die neuere 
Kritik mit Recht eine Anzahl von Monumenten, 
die hierher gedeutet waren, aus diesem Sagenkreise 
zurückgewiesen hat. Eine für Jason gehaltene Statue 
in München (N. 151) ist als sandalenbindender Hermes 
(8. Art.) erkannt worden, und schwerlich hat ein 
alter Bildhauer den Führer der Argonauten, dessen 
Heldentum nach jüngerer Auffassung etwas zweifel- 
haft erschien, selbständig zu formen unternommen. 
Nach Pindars Schilderung (Pyth. IV, 79) zeigte sein 
Äufseres den gewaltigen Helden von riesiger Gröfse: 
über dem eng anschliefsenden Rocke der Magneten 
trägt er ein Pardelfell und das Haar wallt ihm tief 
auf den Rücken herab. Sind diese Züge schon mehr 
malerisch als plastisch, so ist in seinem Bilde bei 
Philostr. jun. 7 die Mischung von Heroenkostüm 
und sentimentaler Stutzerhaftigkeit durchaus einem 
Gemälde in der Manier der pompejanischen ent- 
nommen. Eine Statuengruppe von Lykios, Myrons 
Schüler, wird von Plinius (34, 79) schlechtweg ala 
die Argonauten bezeichnet, ein sehr kostbares Ge- 
mälde des Kydias (35, 130) ebenso, ohne nähere 
Angabe. Ein Wandgemälde in der Neptunshalle zu 
Rom, welches Jason und andere Argonauten be- 
waffnet darstellte, erwähnt Dio 53, 27 und in An- 
spielung Juven. 6, 153, Martial. 2, 14,5. — 

Den Bau des Schiffes Argo erkannte man allge- 
mein in mehreren Terrakotten, von denen wir die 
bekannteste nach Combe Terracott. X, 16 hier 
(Abb. 127) wiedergeben. 

Zwei Handwerker in der üblichen Tracht der 
eZwuig sind an der Herstellung eines Schiffes be- 
schäftigt; der eine, mit einer helmartigen Kappe 
bedeckt, arbeitet mit Hammer und Meifsel an dem 
Vorderteile, während der andre das Segel an den 
Mast befestigt. Daneben sitzt unterweisend die 
Werkmeisterin Athene (’Epydvn) im langen Chiton 
mit faltigem Überwurf; sie trägt den Helm und hat 
den Gorgonenschild hinten an ihren Sessel gelehnt. 
Auf einer Säule sitzt ihr Käuzchen, den verständigen 


121 





126 Mars Ludoyisi. (Zu Selte 120.) 


122 


Rat andeutend. Das Gemiuer mit dem Thorein- 
gunge stellt die Hafenbauten von Pagasai vor, der 
Eichbaum die übrige Landschaft. Der das Schiff 
umwindende Lorbeerzweig verheifst siegreiche Fahrt. 
Wenn Brunn in Paulys Reuleneyklop. I°, 1537 
schreibt (Campana folgend;, die Scene acheine rich- 
tiger auf den Schiffsbau des Dunaus bezogen zu 
werlen, so baut allerdings auch dieser wie Jaxun 
»nach Eingebung der Athene« {ümolleuevng Alnväz 





men N AN 


_ 


Da aa li 


127 Bau der Argo. 


Apollod. 11, 1,4,5 und 1,9, 18,6); indessen scheint 
die Fahrt des Danuos in Kunstdenkmälern sonst 
kaum vorzukommen, während Jasons Name auf einer 
etruskischen, den Schiffbau darstellenden Gemme 
bei Micali, mon. ant. 116, 2 dus Alter dieser Vor- 
stellung bezeugt. Übrigens könnte obiges Bild, da 


es nichts Charakteristisches bietet, auch recht wohl ! 


PET EEE irn 





(Zu Seite 120) 


| 
| 


(#ie Brunn mir jetzt mündlich bemerkt) ohne alle ; 


mythologische Bedeutung sein. Noch bedeutendere 
Zweifel errext ein Bronzereliet bei Millin G. M. 105, 
418. — Eine späte Münze der Magneten (Millin G.M. 


Argonauten. 


111, 420) zeigt die geruderte Argo {inschr.) mit 
den Helden, welche deutlicher auf einem Thon- 
fragment (ebendas. 105, 419) als griechische IIeroen 
erscheinen. — Über das vermeintliche Opfer um Altar 
der Chryse vgl. »lerakles, Zug gegen Troja«. — Die 
anmutige, in die Argonauten verflochtene Hylassag 
stellen mehrere kampanische Wundgemälde «ar, x. 
Helbig N. 1260 ff. — Die Weissagung des Glaukos 
Pontios als Gemälde beschreibt Philostr. II, 15. 
Reicher sind die Begeben- 
heiten in Kolchis selbst 
bedacht. Die Bändigung 
der Stiere schen wir auf 
Sarkophagen im Louvre 
Clarae Munde 199, 210, 
und in Wien (Arch. Zt. 
1860 Taf. 135, 2); die kräf- 
tige Stellung der leider ver- 
stümmelten Helden, der in 
Gegenwart des tıronenden 
Aietes mit jeder Hand 
einen Stier am Horne ge- 
packt hält (wiederholt in 
dem Fragmente bei Mil 
G. M. 175, 424) lüfst ei 
gediegenes Original vorans- 
setzen; als Seitenstück 
ebenso einfach die Ver- 
lobung mit der verschleier- 
ten Medea in Gegenwart 
der dem Jason günstigen 
TIera; die alte Amme und 
ein Argonaut sind Zeugen, 
daneben noch ein Fror. 
Auf dem Kasten des Kyp- 
selos thronte Medea, Jason 
stand zur Rechten und 
Aphrodite zur Linken, da- 
bei der erläuternde Vers: 
Mitderav ’Idowv Taneı, xe- 
Aeraı d’Appodlra Paus. V, 
18, 1. — Den Beistand der 
Aphrodite betont noclı 
stärker ein Vasenbild Arch. 
Ztg. 1883 Taf. 11: Jason 
bezwingt einen um Horne gehaltenen Stier sonder- 
barer Weise ınit der Keule, wobei Aphrodite von 
einer Balustrade herab zuschaut, hinter ihr Eror; 
der Drache am Bauın daneben züngelt gegen den 
Helden; das Vlies scheint (dabei auf der Erde zu 
liegen. Diese Deutung wird bestritten ebendas. 3.261; 
lagegen eine Vase aus Kertsch (Antiq. du Bosph. 
Cimmör. pl. 63A) in ähnlicher Weise die Sache dar- 
stellt, wo aber Medea selbst (kenntlich an der hohen 
phrygischen Kopftracht) zuschaut. — Ein eigentlicher 




















. Kaınpf mit dem Drachen findet nur auf wenigen 


Argonauten. 


Vasen statt, unter denen wir von der bemerkenswertesten, einer 
grofsen mit vielem Bildwerk geschmückten Amphora in München 
(N. 805) das betreffende Stück ausheben (Abb. 128, nach Arch. Ztg. 
1860 Taf. 239, 140, erläutert von Jahn; weiteres s. »Bellerophon«). 

Das goldene Vlies ist hier abweichender Weise nicht an einen 
Baum gehängt, sondern über einen Felsen gebreitet, wo cs dem 
Drachen zum Lager dient. In kräftiger Haltung stürmt Jason 
mit gerücktem Schwerte gegen das Untier heran, die Chlamys 
wie einen Schild über den linken Arm geschlagen (xAauüs Av dei 
Th Aaıd mepielltteiv, Önöte mpoondxorro toig Unplorc, Pollux V, 18), 
während ihm der Petasos hinten herabhängt, übrigens nackt, nur 
an den Füfsen mit lang hinaufreichenden Schnürstiefeln be- 
kleidet, an Haltung ähnlich dem Harmodios in der Gruppe der 
Tyrannenmörder. Hinter ihm steht seine Schützerin Medea, im 
ärmellosen Chiton mit dem Überschlag, in der Linken das Küst- 
chen mit den Zaubermitteln haltend, welches für ihre Figur auf 
Bildern charakteristisch ist (puwpianöv nerexiadev, h &vı moA& 
@Pdpnaxa-Exeıro Apoll. Rhod. III, 802). Dafs aber Jason vorzugs- 
weise durch Zauber siegt und der siegreiche Ausgang gewils ist, 
zeigt aufser der Haltung der Hauptpersonen die anmutige Gruppe 
der sorglos daneben stehenden und sitzenden Gefährten, welche 
in bequemer Stellung und mit epischer Ruhe der Befriedigung 
ihrer Neugier fröhnen, und unter denen nur die beiden Boreaden 
durch ihre mächtigen Schulterflügel kenntlich gemacht sind. — 
Zwei ähnliche Darstellungen Mon. Inst. V, 12. Weit deutlicher 
aber als hier ist die Wirksamkeit der Zaubermittel auf einigen 
anderen Denkmälern, namentlich auf Sarkophagreliefs (s. Jahn, 
Arch. Ztg. 1866, 234) hervorgehoben. Mehrmals sehen wir, wie 
der Drache um einen Baum geringelt, das Haupt schlaff herab- 
hängen läfst, während auf der einen Seite Meden ruhig dabei 
steht, auf der andern Jason das Vlies vom Baume herabzulangen 
im Begriff ist. (Vgl. Val. Flace. VIII, 88: iamyue altae cecidere 
jubae nutatgue coactum jam caput atque ingens ertra sua vellera 
cervir.) Oder die Zauberin läfst die Schlange aus einer Schale 
fressen, während Jason von der andern Seite herbeischleicht, um 
das Vlies zu stehlen. Kurz, wir finden, wie auch in der späteren 
Poesie, dafs Medea die Hauptrolle spielt und Jason zum Werk- 
zeuge ihrer Absichten herabgedrückt ist. (Nicht als Jasons Er- 
oberung, sondern als Phrixos’ Weihung des Vlieses möchte ich 
das Gemmenbild Millin G.M. 146, 424* auffassen.) 

Dieser romantische Zug in Jasons Abenteuer findet sich jedoch 
am stärksten ausgeprägt in der Scene eines Vasenbildes, welches 
ohne die Namensbeischrift schwerlich genügend erklärt werden 
könnte, da jede litterarische Tradition fehlt. Hier (Abb. 129) nach 
Welcker, Alte Denkm. III Taf. XXIV, 1. 

Wir sehen das goldene Vlies am Baum hängen, daneben von 
dem Drachenungeheuer nur das Vorderteil und den mit scharfen 
Zähnen besetzten geöffneten Rachen, aus welchem der nackte 
Jason kopflings herauszugleiten im Begriff steht. Mit Recht be- 
merkt Flasch (Angebl. Argonautenbilder S. 25), dafs die schlaf 
herabhängenden Arme und die Kopfhaltung des Helden seine 
vollständige Passivität bezeugen, und ferner, dafs der Drache 
wegen seiner aufgebäumten Krümmung nicht tot sein kann. 
Daher ist die geistreiche Parallele Welckers a. a. O. S. 378 mit 
dem Kampfe des Herakles im Drachenleibe (s. »Herakles, Be- 
freiung der Hesione«) hier nicht statthuft; vielmehr anzunehmen, 








123 


198 Jasons Drachenkampf. 














124 


dafs Jason, wie gegen die feuerschnaubenden Stiere 
durch die Salbe der Meden, und in der Sage von der 
Einschläferung des Drachen durch die Iynx, so hier 
durch den Beistand der ruhig zuschauenden Athene 
(wohl die kolchische Alnvä ‘Aola bei Paus. 8, 24, 5) 
gegen die Verletzung gefeit und gestählt sei, dafs 
also Zaubermittel die Heldenkraft ersetzen und der 
Drache den Jason freiwillig wieder herausgeben mufs. 
Ein etruskischer Spiegel bei Gerbard II, 188 zeigt 
Jason von dem Drachen angefallen und im Begriff 








129 Jason im Drachen. (Zu Seite 129.) 


verschlungen zu werden; doch wird der Zusammen- 
hang unseres Bilder auch hierdurch nicht aufge- 
heilt. — Auf einem Gemälde in Neapel (Philostr. 
iun. 11) sıh man die Arko den Phasis hinubfahren, 
Jason bewaffnet vorn auf dem Schiffe, neben ihm 
Medea finster und erschreckt, Orpheus den Ruderern 
singend; in der Ferne hing der eingeschläferte 
Drache an der Eiche und Aietes jagte mit Apsyr- 
tos (2) ala Wagenlenker auf einem Viergespann den 
Fliebenden nach. [Bm] 
Ariadne. Dafs des Dionysos Gattin nicht die 
sterbliche Tochter eines Königs, sondern ursprüng- 
lich eine Göttin war, welche als die schlafende Erde 
von dem Frühlingshelden erweckt und befruchtet 


Argonauten. 


| 
| 
| 





Ariadne. 


wird, möge hier nur eben angedeutet werden, wie 
es sich ja aus der Feier in Amathus nach Plut. 
Thes. 20 von selbst ergibt. Mit Recht hat man sie 
der Kora gleichgestellt, da sie wie diese in die 
Unterwelt mufs, was auch die aus attischem Ein- 
flufs stammenden Homerverse A321 beweisen. Schon 
die'späteren Griechen suchten vergebens den alten 
Lokalkult von Naxos mit der historisierten Theseus- 
sage der Athener zu vereinigen, indem sie zwei 
Arisdnen annahmen, unter denen aber die Heroine 
in dem Zeitalter der Tragödie so 
sehr überwog, dafs die Kunst, 
sowohl die dichtende als die bil- 
dende und zeichnende, es nur mit 
dieser zu thun hat und zwar meist 
in einer Umformung nach dem 
Geschmack des Euripides und 
seines sentimentalen Publikums. 
Noch zu Philostratos’ (I, 15) Zeit 
pflegten die Ammen den Kindern 
die schöne Mär zu erzählen, wie 
der böge Theseus die arme Ariadne 
verliefs, und dabei Thränen der 
Rührung zu vergiefsen. Wir fin- 
den daher (indem wir für ihr 
sonstiges Vorkommen in Kreta 
auf »Theseus« verweisen) die im 
Schlaf verlassene Geliebte, welche 
kummervoll erwacht und dann 
oder auch schon vor dem Erwa- 
chen von dem Gotte gefunden und 
mit hohen Ehren überrascht wird. 
Den Moment, wo Theseus die 
schlafende Ariadne verläfst, stellt 
ein pompejanisches Gemälde vor 
(Mus. Borb. XI, 84), wobei die in 
der Luft erscheinende Athene den 
zögernden Helden antreibt, wie 
schon Pherekydes (nach Schol. 
Odyss. A 821), offenbar der atti- 
schen Sage folgend, angsb. In 
schalkhafter Weise ist dies Motiv 
übertrieben auf einer jüngst entdeckten Schale aus 
Corneto (abgeb. Mon. Inst. XI, %, dasu Ann. Inst. 
1880, 150), wo Ariadne ganz bekleidet unter Wein- 
ranken daliegt, über ihr schwebt Eros, während 
Theseus mit der linken Hand eben seine Sandalen 
aufhebt, um ohne Geräusch davon zu eilen und 
Hermes, sich nach ihm umsehend, schon auf den 
Fufsspitzen davon schleicht. Die absichtliche Komik 
der Darstellung erhellt auch aus dem Gegenbilde 
worüber s. »Iliupersise. Die erwachte und be- 
kümmerte Ariadne stellen aber mehrere Statuen, 
namentlich eine früher unter dem Namen Agrippins 
berühmte in Dresden vor (Becker, Augusteum Taf.17), 
deren Gleichartigkeit auf ein hervorragendes Original 





Selte 126.) 


180 Schlafende Arladne. (Zu 


126 


weist: sie sitzt in dem auf den Schofs herahge- 
sunkenen Gewande auf einem Felsen, den vorge- 
neigten Kopf auf die rechte Hand stützend, den 
Ellbogen auf das höher gezogene Knie, in traurigem 
Sinnen. Ähnlich malte sie wohl Polygnot in der 
Unterwelt, auf dem Felsen sitzend, Paus. X, 29, 2. 

Auf pompejanischen Gemälden liegt sie am Ufer 
und blickt dem in der Ferne segelnden Schiffe nach. 
Ergiebiger noch war diese Situation für die römischen 
Dichter, deren ausführliche Schilderungen vielleicht 
auf alexandrinischen Vorbildern beruhen: Catull. 65, 
52 f.; Ovid. Heroid. 10; Met. 8,175; Fast. 3, 459 ff. 

Dagegen erfreute sich die schlafende Ariadne 
bei den Künstlern grofser Beliebtheit, besonders in 
späterer Zeit. Hier kommt vor allem eine berühmte 
Statue des Vatican in Betracht, welche wir nach 
(soweit möglich ge- 
lungener) Photographie 
wiedergeben (Abb. 130). 
Sie war früher Kleo- 
patra (wegen des in 
Form einer Schlange ge- 
bildeten Armbandes)be- 
nannt; Winckelmann, 
der die Deutung ver- 
kehrt fand, schlug die 
allgemeinere Benen- 
nung einer schlafenden 
Nymphe vor; Visconti erkannte in ihr die schlafende 
Ariadne, hauptsichlich geleitet durch eine Anzahl 
von Sarkophagreliefs, welche die Scene der Über- 
raschung durch Dionysos vorführen. Dazu verglich 
Jacobs eine Bronzemünze von Perinthos (Abb. 131, 
hier nach Wieseler, Alte Denkm. II, 417), durch 
welche die jetzt allgemein angenommene Deutung 
sicher gestellt: wird. 

Dionysos, unbekleidet und mit langem Locken- 
haar, in der Rechten den Thyreos, ist eben in den 
Anblick der Ariadne versunken, auf welche ihn der 
begleitende junge Satyr, dessen Schulter seine Linke 
stützt, ennunternd aufmerksam gemacht hat. Rechts 
von ihm steht Pan, jubelnd und lüstern aufspringend, 
wobei er den alten Silen anscheinend mit sich fort- 
zuziehen sucht. Über dem Haupte der Ariadne steht 
winkend und den Arm hoch.erhebend ein Satyr 
(mehr läfst sich woll nicht sagen), der augen- 
scheinlich die erste Entdeckung der Schlafenden ge- 
macht hat. 

Die Bekleidung und das ganze Motiv der Ariadne 
auf der das übrige, wie meist, verkürzenden und 
verkümmernden Münze stimmt nun mit der Statue 
80 genau überein, dafs man versucht wird, eine 
bedeutende Statuengruppe als Grundlage beider zu 
denken, besonders du zahlreiche Wiederholungen 
der Statue sowohl wie der ganzen Gruppe in Reliefs 
(deren eines im Vatican dicht daneben sich befindet), 





Ariadne. 


besonders auf Sarkophagen, ferner Gemälde, Mosaiken 
und geschnittene Steine (aufgezählt Sächs. Ber. 1860 
8. 26 ff.) bei vielfachen Variationen im einzelnen dem 
Grundmotive treu bleiben. 

Über die vaticanische Statue sagt Burckhardt: 
»Als Motiv der Ruhe wird dieses in seiner Art 
einzige Werk auf ewig die Skulptur beherrschen. 
Es ist nicht möglich ein lieblich-grandioses Weib auf 
majestätischere Weise schlummernd hinzustrecken. 
Die Art, wie der Kopf durch die Lage der Arme 
die höchste Bedeutung erhält, die ungemeine Würde 
in der Kreuzung der Beine, endlich die unerreich- 
bare Pracht und die weise Aufeinanderfolge der Ge- 
wandmotive werden nie genug zu bewundern sein. 
Der noch streng-schöne Gesichtstypus läfst uns eine 
Ariadne erkennen, die noch nicht in den Kreis ihres 
Retters aufgenommen worden ist.«e Da die nur 
flüchtig behandelte Rückseite der Figur ihre Auf- 
stellung in einer Nische oder an der Wand erforder- 
lich macht, und da eine Statuengruppe, wie sie nach 
der Münze sich ergeben würde, den Gesetzen der 
griechischen Plastik nicht zu entsprechen scheint, so 
hat man in Hinweis auf ein Gemälde im athenischen 
Dionysostempel (Paus. I, 20, 2: ‘Apıddvn xafetdouca 
ai Onoeüg dvarsnevog xal Auövuoog Arwv eis TAv 
‘Apıddvng äpmayıv) neuerlich (Ann. Inst. 1872, 89) 
die Statue erst für Nachahmung eines Gemäldes 
ansehen wollen. Doch hat auch in diesem Falle 
der Bildhauer Lob und Ansehen erworben, wie ein 
Fpigramm Anthol. zeigt: 00 Bpörog 6 YAbmras, olav dE 
oe Bänxog Epdooag eidev Ömep merpag EEeoe xexyuevav: 
vgl. Propert. I, 3, 1. Die Lage des rechten Armes .. 
der Schlafenden bezeichnet ebenso Anthol. Pal. V,_ 
275, 2: xeiro mepl xpörapov mAxuv &ıkanevn. Über— 
die ganze Situation vgl. die Schilderung des Ge - 
mäldes Philostr. I, 15, wo jedoch der Oberleib gan 
entblöfst ist, wie auch in mehreren Darstellungen 
und bei Nonnos, Dionys. 47, 269. Der letztere 
lüfst sie auch ausdrücklich am Meeresufer schlafen 
(ömvWousa Em’ alyıaloicıv), was ebenfalls an einer 
Mannheimer Statue (Stark, Süchs. Ber. 1860 Taf. 3) 
durch die mit Delphinen erfüllten Meereswellen am 
unteren Rande des Lagers angedeutet wird. Auf 
einem späteren prunkhaften Vasengemälde (Mon. 
Inst. X, 51) liegt Ariadne aurgestreckt auf einem 
Pantherfelle mit entblöfstem Oberkörper, schlafend 
(das Oberteil der Figur ist freilich zerstört); rings um 
rie stehen und sitzen Satyrn und Bacchantinnen, 
dienende Frauen und Eroten. Der göttliche Bräu- 
tigam wird erst erwartet. (Schlafend auch bei Ger- 
hard, Etr. und kampan. Vaseng. Taf. 6, 7). 

Über den eigentlichen Hochzeitszug s. »Dionysos«. 

Als eine mystische Vermählungsfeier (lepds ydpoc) 
nach lokalem Kultus ist wohl aufzufassen ein Vasen- 
gemälde mit der Inschrift NAZIQN, wo unter einer 
Taube von Epheuranken Dionysos mit dem Thyrsos- 








Ariadne. 


scepter der neben ihm sitzenden bekleideten und 
geschmückten Braut den Kantharos beut, ein Eros 
mit der Binde fliegt herzu; Millingen, Uned. mon. 
I, 26. Ähnliche Vase bei Gerhard, Berlins Ant. 
Bildw. 8. 844. Lebhafter ist die Bewegung auf einer 
prächtigen, fein gemalten Amphora Mon. Inst. VI, 70, 
wo die bekränzten Götter von Satyr und Mainade um- 
geben sind. Eine ruhige Begegnung, wobei Ariadne 
von einem Satyr geleitet wird, hinter dem bärtigen 
Dionysos Hermes und Poseidon hergehen, auf ar- 
chaischer Vase Gerhard, Auserl. Vas. I, 48. Als 
Kora gilt die Braut noch ebendas. I, 53, wo sie dem 
Gotte entgegenzieht auf dem mit Böcken bespannten 
Wagen, geleitet von dem zitherspielenden Apollon 
und Hermes. Dagegen ist die Vermählung zum 
frivolen Ballett umgestaltet bei Xenoph. Symp. 9. 
Auf Sarkophagen (aufgezählt Stark, Sächs. Ber. 
1860 8. 26) findet sich die schlafende Ariadne zu- 
weilen, daneben Eros mit gesenkter Fackel, sie 
enthüllend (Clarac Musee 191, 347), in dem Sinne 
des Verlassens dieser Erde in sicherer Hoffnung 
eines schöneren Erwachens. 
Als Symbol ewiger und seliger Vermählung ist 


Aristens und Papias. 





& auch wohl zu deuten, wenn auf einem römischen ' 


Grabsteine Ariadne und Bacchus (inschriftlich) sich 
die Hand reichen, nach römischem Eheritus; Arch. 
ig. 1860 Taf. 141. 

Einzelne Köpfe sind schwer mit Sicherheit uls 
Arisdne zu erklären. Der berühmte im Capitol, den 


Braun (Ruinen und Museen Roms $. 195) noch so ' 


deutete, wird jetzt allgemein als Dionysos gefufst 
wegen der kleinen Hörner unter dem Haur; es 
bleibt ein schöner Marmor in Neapel (Mus. Borb. 
1,39) und eine epheubekrünzte kleine Bronzebüste 
nit edlem Audsruck und idealen Forinen (s. Sacken, 
Wiener Bronzen Taf. 28, 4). Von dem eigentüm- 
lichen Mythus, welcher in der Odyssce (A 421— 425) 
berührt ist, dafs die von Theseus entführte Ariadne 
in Naxos »auf das Zeugnis des Dionysos« von Ar- 
'emis getötet sei, findet sich eine Spur auf zwei 
ezukischen Spiegeln mit Inschriften (Gerhard 1, 87 
und Annal. 1859 tav. L): Arteınis langbekleidet trigt 
in den Armen ein fast kindlich gebildetes Mädchen 
ESIA= Evis), daneben den Bogen und 3 Pfeile; ihr 
gegenüber der bärtige Bakchos mit Kantharos, weiter 
zurück Athena mit Helm und Ägis, letztere mit ab- 
wehrender, ersterer mit versöhnender Geberde nach 
der Erläuterung von L. Schmidt, Annal. 1858, 258 f., 
der dahin gelangt zu konstutieren, dafs Theseus' 
Schuld und Ariadnes Vergehen im Tempel d 
Dionysos angedeutet sei, welches auf Athenens Be- 
febl durch Theseus’ Abreise und Ariadnes Tod 
mittels der sanften Pfeile der Artemis gesühnt 
werde. — Aufzählung der Denkmäler bei Jahn, Arch. 
Beitr. 8.251 #., Brunn in Pauly's Realencykl. 2. Aufl. 
L 2, 8.1549, Not. (Bj 











| 


Aristogeiton. 197 

Aristeas und Paplas, Bildhauer aus Aphrodisias 
in Karien, wahrscheinlich aus der Zeit Hadrians. 
Von ihrer Hand besitzen wir die in schwarzem 
Marmor hergestellten Statuen zweier Kentauren, ge- 
funden in der Villa Hadrians zu Tivoli, jetzt im 
capitolinischen Museum. (Abb. 182.) Den jüngeren 
derselben zeigt unsere Abbildung nach einer Photo- 
graphie, der ältere ist abgebildet nach einer Pariser 
Wiederholung bei Müller-Wieseler, Denkm. d. alten 
Kunst II, 47,597. Es sind Kopien nach Bronze- 
werken der alexandrinischen Zeit, für unsere Künstler 
bleibt nur das Verdienst der materiellen Ausführung 





132 Centaur. 


in dem schwierig zu bearbeitenden Stein übrig. Die 
Statuen zeigen uns zwei Kentauren, einen älteren 
und einen jüngeren als Pendants. Dem älteren hat 
ein Eros die Hünde auf den Rücken gebunden; der 
Kentaur, in seinem Alter der Bürde der Liebe un- 
gewohnt, schaut sich bittflehend nach seiner uner- 
wünschten Lust um. Der jüngere Genosse schlägt 
freudig erregt über diese Scene ein Schnippehen, 
ohne zu bemerken, dafs auch er vor den Fesseln 
der Liebe nicht sicher ist. Denn schon sitzt auch 
ihm (im capitolinischen Exemplar nicht erhalten) ein 
Eros auf dem Rücken. Die ganze Erfindung zeugt 
von einem köstlichen IIumor und ist den alexandri- 
nischen Zeitgeiste vollkommen entsprechend. [Jj 
Aristogelton s. Hypatodoros. 


128 Aristophanes. 


Aristophanes, der Komödiendichter. Eine bei 


I 


Tusculum gefundene Doppelherme stellt, wie Welcker 


(Annali del Instituto XXV 1853 p. 251 ff.) erkannte, 
auf einer Seite Menanders anderweitig inschriftlieb 
beglaubigtes Bild vor; ®. »Menander«. Da nun bei 
antiken Doppelbüsten die Regel ist, gleichartige 
Personen miteinander zu verbinden, so hat Welckers 
Vermutung, dafs das zweite Bildnis Aristophanes 


Aristoteles. 


@esichte schreibt ihm Aclian, V. Hist. IH, 19 zu 
(xai nwria Tıg Av abrod mepl 1ö mpdowmov), doch 
gibt er zu, dafs Gehässigkeit dies aufbrachte. Aufser- 
denı fiel dem Aristoteles die Aussprache des Rho 
schwer (rpauAörng). Übrigens habe er sich sorg- 
fältig gekleidet, das Haar gepflegt und gern Ringe 
getragen. — Seine Bildnisse waren zahlreich, nach- 
dem ihm schon Alexander d. Gr. eine Portrtstatue 


sei, schon an sich eine grofse Wahrscheinlichkeit. ı in Athen hatte errichten lassen, deren Inschrift wir 


Freilich bezeichnet sich 
dieser selbst, Pac. 768 ff., 
energisch als kahlköpfig 
(Depe T& paraxpıı, dös Tb 
@adaxp), wihrend die 
Herme nur den Beginn des 
Haarmangels aufweist, den 
@akavrlas. Dennoch kön- 
nen wir die Differenz nicht 
80 hoch unschlagen, um 
dafür mit Stark, Arch. Ztg. 
1859 $. 87 den auch im 
Altertume unberühmteren 
Kratinos zu bieten; deı 
einerseits scheint der Dich- 
ter a. a. U. absichtlich 
durch Übertreibung seine 
Person dem Scherze preis- 
zugeben, anderseits it bei 
den Porträtbildnern Nei- 
gung vorhanden, derartige 
Mängel zu verdecken. Die 
Abb. 133 nach Mon. Inst. 
V, 55 bestätigt die Worte 
Welckers, dafs die Züge 
nicht blofs einen bedeu- 
tenden Mann, sondern spe- 
ziell einen ernsten Beob- 
achter verraten : gerunzelte 
Stirn, tiefliegende Augen, 
einige Verdrossenheit in 
dem Zucken der Mund- 
winkel. Die schmale, den 
Kopf wngebende Tünie, 











noch besitzen (Corp. Inser. 
Gr.N. 186), und auch Phi- 
ippos und Olympias seine 
Statue neben die ihrigen 
setzten (? Ammon. lat. 
p. 56). Sein Schüler Theo- 
phrast veroninete nach 
Diog. La. 5, 51 testamenta- 
risch die Aufstellung seines 
Bilder in einem Heiligtume. 
Im kaiserlichen Rom re- 
nommierte man damit, si 
quis Aristotelem similem vel 
Pittacon emit, Juv. 2, 6. 
Christodor. ecphr. 16 be- 
schreibt seine Statue in 
einem Gymnasium in Kon- 
stantinopel: fordnevog dE 
xeipe mepınAeydnv ouveepra- 
dev, obb'Evl xaAxb Apdörrp 
ppevag eixev Aepyeag, AA’ 
Erı Bouktv axemrouevip uev 
Eixro: guviorduevar de ma- 
peial Avepog dppielısoov 
@uavrebovro nevoiviiv xal 
Tpoxalai oruarvov doAkda 
pArıv önwraf. 

Mit dem Gestus der ge- 
falteten Hände stimmt nun 
vortrefflich eine Statuette 
der Villa Mattei bei Vis- 
conti, Iconogr. gr. pl. 20, 7. 
Daselbst ist unter N. lein 
Relief gegeben, welches 





welche Menander nicht 
hat, wird ebenso wie bei 
andern Doppelhernien (Homer und .Archilochos) als 
Zeichen des ihm zuerkannten Vorzugen gedeutet. — 
Über eine andere Herme mit Inschrift in Florenz 
8. Welcker, Alt. Denkm. V, 51; über eine Doppel- 
herme in Neapel #. Braun, Ann. Inst. 1854 8. 48. 
[Bm] 





theos bei Diog. La. V, 1 und einem Epigramme 
der Anthologie klein, hatte magere Beine (loxvo- 


133 Aristophanes. 


selbst ohne Bezeichnung, 
aber von J. Faber früher 
nach einer schr ähnlichen Büste mit Inschrift als 
Aristoteler bekannt gemacht worden war. Und auf der 
völligen Übereinstimmung der Gesichtszüge fufsend, 
durfte Visconti eine Statue in Lebensgröfse im Palust 
Spada zu Rom ebenso benennen, zumal da auch die 


, Anfangsbuchstaben der halbzerstörten Inschrift darauf 
Aristoteles, der Philosoph. Er war nach Timo- ' 


oxeAg), einen vorstehenden Bauch, kleine Augen : 
und wenig Haare. Einen spottenden Ausdruck im | drachio, wie hier, erwähnt Sidon. Apoll. IX, 9 


hinweisen. Wir geben die ganze Statue (Abb. 134), 
an welcher die Füfse schlecht ergänzt sind; dann 
den Kopf besonders (Abb. 185), beides aus Visconti 
pl. 20, 2 und 3. Eine Statue des Aristoteles exserto 


Aristoteles. Arkesilaos. Armbänder. 


Auch die Magerkeit der Wangen (rapeıal ouviotduevaı) 
bei Christodoros ist deutlich ausgedrückt und durch 
«das Magenleiden des Philosophen begründet. Es 
ist kaum nötig zu bemerken, wie fein gewählt die 
Haltung des sinnenden Weisen ist, wie geistvoll 
das verhältnismäfsig kleine Auge unter der durch- 
arbeiteten Stirn und den fein modellierten Augen- 
brauen hervorblickt. Zwei geschnittene Steine (eben- 
falle bei Visconti a. a. O.) stimmen in den Zügen 
vollständig mit der Statue überein, verraten jedoch 
höberes Alter durch die zunehmende Kahlköpfigkeit 
des angestrengt arbeitenden Weisen. [Bm] 





134 Aristoteles. 


‚kesilaos, Bildhauer, Zeitgenosge Cäsars, ein 
seiner Zeit besonders geschätzter Künstler. Aufservon 
einigen mehr genrehaften Werken, Kentauren, welche 
Nymphen tragen, einer Löwin, umgeben von Eroten, 
von denen einige sie gefesselt haben, andre sie 
zwingen, aus einem Horne zu trinken, wieder andre 
ihr Pantoffeln anziehen, wissen wir von einem Bilde 
der Felieites, welche Lucullus um einen enormen 
Preis bei ihm bestellte, die aber wegen Ableben» 
des Bestellers wie des Künstlers nicht zur Aus- 
führung kam (Plin. N. H. XXXV, 156). Für Cüsar 
schuf er das Tempelbild der Venus Genetrix 


(Zu Selte 188.) 





(Plin. 1.c). Früher glaubte man dasselbe in einem ' 


öfter wiederkehrenden Typus mit enganliegendem, 

die Formen mit grofsem Raffinement durchscheinen 

lassenden Gewande wiederzuerkennen. Wahrschein- 

lich aber war sie erhabener, mehr der Juno ähn- 
Denkmäler d. klass. Altertums, 


129 


lich gebildet, völlig bekleidet, mit Scepter und 
Diadem, einen kleinen Amor auf der Schulter. (Vgl. 
Wissowa, De Veneris simulacris Romanis. Vratisl. 
1882, p.23, ss.). Wie bei Pasiteles (s. Art.) wird bei 
Arkesilaos die treffliche Durchbildung des Modelles 
gerühmt, und es wird berichtet, dafs seine Modelle 
teurer bezahlt wurden, als fertige Werke anderer 
Künstler. Im allgemeinen scheint der Künstler eine 
selbständigere Richtung eingeschlagen zu haben, als 
die meist auf freie Reproduktion älterer Werke sich 
beschränkenden gleichzeitigen attischen Renaissan- 
cisten in Rom (vgl. »Apollonios 2«). 63) 
Armbänder bilden bereits in der Homerischen 
Zeit einen Bestandteil des weiblichen Schmuckes 





195 Kopf des Aristoteles. 


(Zu Seite 128.) 


(denn die Ares im Schmuck der Aphrodite, I. XVILL, 
401, sind jedenfalls als Armbänder zu deuten) und 
blieben bei Griechinnen wie bei Rümerinnen eine 
beliebte Zierde. Man trug sie jedoch nicht blof, wie 
bei uns, um das Handgelenk, sondern auch um den 
Oberarm; mit alleemeinem Namen heifsen sie y&ıa, 
armillae, speziell unterscheidet ınan mepıxdpma und 
Mepıßpaxıövia, für Handgelenk und für Oberarm 
(Poll. V, 99); bei den Römern ist spafalium ein um 
' das Handgelenk getragenes Armband, brachiale ein 
! für den Oberarm bestimmtes, und zwar trug man 
' den spinter am linken, das dextrocherium am rechten 
Arın (Fertus p. 336B, 6: spinfer vocabatur armillae 
genus, quod mulieres antiquae gerere solebant brachio 
summo sinistro). In der Regel wurden sie aus 
(old hergestellt und vielfach mit Edelsteinen be- 
| setzt. Sehr schöne Beispiele prachtvoll gearbeiteter 
9 


180 
goldener Armbänder haben namentlich die Funde 
in der Krim ergeben (Abb. 186 nach Antiqu. du 
Bosph. Cimmer. pl. VI, 3). Für 
den Oberarm benutzte man na- 
mentlich gern die Schlangenform 
(daher solche Armbänder auch 
ö9e15 heifsen); diese achlangen- 
förmigen Armbänder, von denen 
Abb. 137 ein Beispiel nach einem 
in Pompeji gefundenen Exemplare 
gibt (Mus. Borbon. VII, 46), hatten 
nicht, wie die anderen in der 
Regel, einen Verschlufs, sondern 
schmiegten sich vermöge ihrer 
Elastizität dem Arme an. Am 
Oberarm der schlafenden Ariadne 
des Vatikans (Abb. 180) erblickt 
man auch ein solches Schlangen- 
armband, welches bekanntlich die 
früher verbreitete falsche Benen- 
nung der Statue als Kleopatra 
veranlafst hat. Vgl. Daremberg, 
Diet. des antiquit6s 1,435. [Bl] 

Artemis. Wie Apollon ur- 
sprünglich der Sonnengott war, 
so ist die Idee der griechischen 
Artemis auf den Mond und die 
ihm zugeschriebenen Wirkungen 
zurückzuführen. Vor allem aber 
mufs bemerkt werden, dafs, wie 
die Römer griechische Götterge- 
stalten durch Identifizierung mit 
ihren nationalen, wenig ent- 
wickelten Göttern sich anpafsten 
und aneigneten, so auch die 
Hellenen gerade asiatische (z. B. 
ephesische Artemis) und nordi- 
sche (Bendis, Tauropolos) Gott- 
heiten auf gewisse Ähnlichkeiten 
hin mit ihrer Artemis zu ver- 
schmelzen verstanden haben, wo- 
durch bei der steten Erweiterung 
der Beziehungen die Herstellung 
eines mythologischen Gesamtbil- 
des erschwert wird. Indessen hat 
sich auch hier die Assimilations- 
kraft des griechischen Geistes 
so bewunderungswürdig bewährt, 
dafs in der endlichen künstleri- 
schen Fassung der Göttin eine 
einheitliche Gestalt rein und ein- 
fach als das natürliche Produkt 
vielseitiger Spiegelung hervor- 
springt und bleibende Geltung gewinnt: eine vollen-, 
det schöne Menschenbildung in alltäglicher Verrich- 
tung begriffen, symbolisiert den gewaltigen Gedanken 


2V.\ 
I) 
Rn] 






RTRONS, 


RT. 











Armbänder. Artemis. 


einer Herrschaft über alle irdische Natur und Kreatur 
und verflicht auf zarteste Weise damit geläuterte 
Vorstellungen über die sittlichen Grundlagen des 
Kulturlebens. 

Bei historischer Anordnung der Kunstdarstellungen 
mufs die ephesische Artemis zuerst genannt werden, 
obwohl oder vielmehr weil sie ausländischen Ur- 
sprungs ist und ihr von Symbolik triefendes Bild in 
der Form eines Säulenschaftes mit der Gestaltungsart 
der ältesten Periode zusammentrifft, wahrscheinlich 
auch auf diese eingewirkt hat. Nach Paus. 7, 2,4 
fallt die Gründung des ephesischen Heiligtums vor 
die Einwanderung der Ioner, welche letzteren jedoch 
ihre Sagen und Vorstellungen von Artemis dahin 
übertrugen und darin wiederzufinden glaubten, Strab. 
639; Tac. Ann. 3, 61. Ein interessantes Zeugnis von 
der Verbreitung ihres Kultus in das europäische 
Griechenland und von der gewissenhaften Verpflan- 





187 Armband. 


zung des altgeheiligten Bildes bietet bekanntlich Xen. 
Anab. 6, 4, 3—13 (6 d2 vadg ug mımpdg neydAy Tip Ev 
’Epkay elkaoraı, kal Tö Edavov Eoıkev ig kumaplrrivov 
xpvanı övrı td Ev 'Epkow). Daher sieht man auf den 
späten Münzen vieler kleinasiatischen Städte immer 
die gleiche Gestalt, welche auch in mehreren Statuen 
erhalten ist; nur dafs die ausgebildete Technik, so- 
weit die Gebundenheit der herkömmlichen Figur 
dies zuliels, die freien Glieder dem veränderten Ge- 
schmack entsprechend formte und dem Antlitze 
wenigstens den Ausdruck einer phidiassischen Karya- 
tide verlieh. Ungre Abb.138, nach einer Photographie 
der vaticanischen Statue (andre Museen enthalten 
mannigfache Variationen), vergegenwärtigt haupt- 
sächlich die Nährgöttin durch die vielen Brüste (noA0- 
naorog, multimammia Hieronym. epist. ad Ephes.), 
und spricht ihren Charakter als Herrin der anima- 
lischen Welt durch die reibenweis und hieroglyphen- 
artig den Unterkörper bedeckenden Reliefs von Köpfen 
wilder und zahmer Tiere aus, deren Gestalten auf 
den verschiedenen Exemplaren der Statue wechseln. 


Artemis. 


Hier sehen wir auf der Vorderseite, soviel erkennbar, 
reihenweis Stiere, Hirsche, Löwen (?), Greife (? Flügel 
sind da); unten und an den Seiten aufser Rosetten 
Bienen und Schmetterlinge. An beiden Armen lagern 
Löwen; die mondförmige Scheibe hinter dem Haupte 
ist mit geflügelten Stieren bedeckt. Auf dem feinen 
Gewande dicht unterm Halse sind (hier kaum sicht- 
ber) tanzende Horen gebildet, dazwischen die Him- 
melszeichendesTierkreises, 
welche den Frühling an- 
‚gehen. Darunter ein Laub- 
gerinde mit Blumen, dann 
ein Halaband von Eicheln 
über den hängenden Brü- 
sten. Die (hier nach ähn- 
lichen Mustern sicher er- 
gänzten) Hände sind aus- 
gebreitet, wie es der alle 
Kreatur liebevoll aufneh- 
menden Muttergöttin ge- 
zient. Die Mauerkrone 
(corona turrita) mit großen 
Thoröffnungen weist wie- 
derım auf die spite An- 
fertigung des Bildes hin 
(&. »Eutychides«), welches 
unsdie vom Apostel Paulus 
gesehene Tempelstatue ver- 
gegeanärtigt. Eine Menge 
variierter Münzbilder der 
ephesischen Artemis sind 
zusammengestellt bei Ger- 
hard, Ant, Bildw. Taf. 308. 
Nahe verwandt ist die 
Darstellung der Artemis 
Leuophryne . auf einer 
Mänze von Magnesia bei 
Müler-Wieseler IN.14 und 
diesyrische Gottheit ehdas. 
N. 46. Artemis Lusia in 
Arkıdien erscheint als be- 
kleidetes Holzbild in Ahn- 
lich gebundener Form 
ebdas. N. 11; namentlich 
aber die taurische Göttin 
in den beiden wichtigsten 
enten der Iphigeneia (». Art). Eine 

andre Vorstellungsweise der Artemis ist ebenfalls dem 
Unsprunge nach als vorgriechisch zu bezeichnen: die 





I 


| 





138 Diana von Ephesus. 


einer geflügelten Frau, welche, übrigens in ruhiger ' 


Stellung, wilde Tiere mit beiden Händen gefafst 
hält, ganz nach dem Typus bekannter ausyrischer 
Reliefs. Wir geben ein Bruchstück der sog. Frangois- 
vase in Abb. 139 (nach Mon. Inst. IV, 58). Das Bild 
stellt die sowohl schützende wie vernichtende Herr- 


schaft über die Tierwelt in handgreiflicher Art vor. | 


131 


Sie hält Löwen wie spielend am Schweife auf einem 
alten Vasenbilde Gerhard, Auserl. Vasenb. I, 26. Die- 
selbe Vorstellung fand sich aber auch auf der Lade 
des Kypselos in Olympia (nach Paus. 5, 19, 1: “Apre- 
Pig dE 00x olda &p’ Örw Abry mrepuyag Exouod dorıv 
eml rwv buwv, xal TA nev dekid Karexeı mdpdakıv, TR 
d2 Erepg Tüv xeıpbv Adovra) und sonst (vgl. Arch. 
Ztg. 1854 Taf. 61; Ausgrabungen zu Olympia III 
Taf. 23), wobei die Flügel 
als sinnbildlicher Ausdruck 
rascher Göttergegenwart 
und Wirksamkeit zu neh- 
men sind. 
Zu der Zeit, als die 
griechische Kunst allmäh- 
* lich zur eigenen Gedanken- 
produktion gelangte, hatte 
sich aber die religiöse An- 
schauung von dem Wesen 
der Artemis wesentlich um- 
gewandelt und zwar haupt- 
sächlich wohl durch den 
Einflufs der epischen Dich- 
tung und des delphischen 
Orakels. Anstatt der müt- 
terlichen Naturgottheit des 
Orients überwiegt immer 
mehrdiejugendlicheSchwe- 
ster Apollons; man bildete 
Artemis im Sinne des do- 
rischen Volksstammes als 
reife Jungfrau, jugendlich 
kräftig und lebensfrisch, 
weder besonders anmutig 
noch herb, sondern selbst- 
genügsam. Sie ist mit lang 
herabreichendem, zierlich 
gefaltetem Gewande be- 
kleidet, erscheint meistens 
schreitend (eine Andeutung 
des wandelnden Mondes ?) 
und führt entweder Bogen 
und Köcher als die Schwe- 
ster und Genossin Apol- 
lons, oder die Fackel als 
leuchtende Göttin, die Heil 
und Segen spendet. Da von ganzen Statuen aus 
dieser Periode keine Originalarbeit übrig ist, so ver- 
weisen wir auf die archaisierende Nachahmung aus 
Pompeji, welche im Artikel »Bildhauerkunst, archai- 
»sierende« behandelt wird. Mehrere Reliefs und 
zahlreiche Vasenbilder geben dieselbe Figur, welche 
nun allmählich von der früheren steifen Würde 
befreit wird und endlich unter den Göttern ganz 
wie die Tochter im Familienkreise erscheint. Vgl. 
den Altar im Artikel »Zwölfgötter«; das grolse 


(Zu Seite 190.) 


182 


Vasenbild im Artikel »Marsyas« u.a. (Revue archöol. 
1844 pl. 44). 

Die volle Ausbildung eines eigentümlichen, freien 
Ideals der Artemis datiert erst von der jüngeren 
attischen Schule, über deren Schöpfungen wir nur 
aus Kopien zweiter und dritter Hand eine Vor- 
stellung gewinnen können. Von Skopas erwähnt 
eine Statue Lucian. Lexiph. 12, von Timotheos Plin. 
36, 22; mehrere werden dem Praxiteles zugeschrieben. 
Eine zufällige Erwähnung (osculum quale Praziteles 
'habere Dianam credidit Petron. 126: das zarte Münd- 
chen) läfst ungefähr schliefsen, dafs in dieser Form 
schon das Hauptkennzeichen aller der landläufigen 
Bilder gefunden war, welche die Göttin verweltlicht 



































189 Ältere Artemis. 


(Zu Beite 131.) 


und selbst für das modernste Publikum anziehend 
erhalten haben. Es ist dies die schlanke und zier- 
liche Mädchengestalt mit den noch etwas herben 
Formen des weiblichen Körpers vor der Zeit voller 
Entwickelung, welche der Künstler festgehalten hat: 
die Göttin ist leichtfüfsig wie das ihr beigegebene 
Reh, Hüften und Brust entbehren noch der weib- 
lichen Fülle, das Gesicht ist rundlich und heiter, 
ohne jeden Anflug von Sinnlichkeit, aber auch nicht 
von tieferem geistigen Ausdruck belebt. Artemis 
halt etwa die Mitte zwischen Athene und Aphrodite. 
Aus der das Wild beschützenden und zugleich die 
Tiere des Waldes beherrschenden Gottheit ist ein- 
fach eine Jägerin geworden, zu welcher die kriftige 
Art spartiatischer Jungfrauen das Modell geliefert 
hat. Sie trägt ala Bekleidung den dorischen Chiton, 
hochgeschürzt, mit kurzen Ärmeln oder ärmellos, 
darüber oft ein als breiter Leibgürtel zusammen- 
gerolltes Tuch. 80 schildern die Jügerin Vergil. Aen. 


1, 320: nuda genu nodoque sinus collecta Auentie; | 





Artemis. 


Ovid. Metam. 10, 536: nuda genu, vestem ri 
Dianae; Claudian. rapt. Pros. 2, 33: crispı 
vetis Gortynia cinctu poplite fusa tenus (d 
im Winde) und Christodor. 308 schildert e 
Av d’enl yobvwv mapdevıov Aervwröv dvazı 
uva. An den Fülsen trägt sie meist hı 
reichende Jagdstiefel (vöponides, Kpnru 
Das Haar ist entweder über der Stirn 
Knauf (xöpupßog) aufgebunden oder zurücl 
und am Hinterkopf in einem Büschel 
gefafst; Binden oder diademartiger Sch 
nicht selten. 

Die Krone der erhaltenen Werke diese: 
die berühmte Diana von Versailles im Louvr 
nach Bonillon Muste I, 20), gefunden iı 
Villa bei Tibur oder am Nemi-See. De 
zeigt uns eine schöne hochgewachsene G 
sie dem Homer vorschwebt, wenn er mit 
Nausikaa, Penelope vergleicht (d 122, 7 102 
düömep fire xdpn Exeı hd uerwna, peia 
meXeraı, kakal dE re mäcaı, T54). DerEin 
Länge wird noch verstärkt durch die ' 
des Oberkörpers und die Verkleinerung € 
ein Kunstgriff, dessen Anwendung eben 
hohe Eleganz der Arbeit und die etwas ı 
haschende Stellung der Figur eine nahe 
schaft mit dem belvederischen Apollo be 
Hörner der Hindin sind ein schon von 
bemerkter Verstols gegen die Natur, zı 
den Künstler noch besonders die Schönh 
weihes veranlafste, nachdem schon in de 
sage die goldgehörnte Hirschkuh (f} xpuoore 
Apollod.2,5, 3, 1 und räv xpuooxdpavov d6 
Herc. fur. 375) besungen war. Dieses ihı 
Tier gegen seine Angreifer in Schutz z 
während sie mit ihm Berge und Walde 
Laufes durchstreift, ist offenbar der G« 
Göttin, welcher dem Künstler als Motir 
geschwebt hat; Artemis greift in den K 
einen Pfeil hervorzuziehen. Wer dabei : 
wesenheit des nur angedeuteten Bogeı 
nehmen sollte, würde als gelinde Zure 
die Aufforderung erhalten, er möge vers 
lange Instrument ohne Störung der schö 
der Gruppe anzufügen. E. Braun, der die d 
Bewegtheit und dennoch streng plastisch 
der Gestalt betont, hebt besonders die 
Wahl des Momentes, das plötzliche Ar 
Laufe und die dadurch hervorgebracht 
hervor. Er sagt (Vorsch. der Kunstmy 
»Der Zusammenstols einander widerstret 
sich gegenseitig hemmmender Kräfte ist ı 
ungeübten Blick durch die eigentümli 
förmige Bewegung der grofsartig und € 
handelten Gewandmassen auffüllig, welch 
Anhalten im raschen Lauf nach entgeg« 


Artemis. 





von Versailles. (Zu Seite 132.) 


140 Dinun 


134 


Richtungen fortgerissen werden. Der leichte dorische 
Chiton, welcher aufgeschürzt und durch Einschlagen 
um die Hüften hier verdoppelt ist, würde für sich 
allein der erhabenen Gestalt nicht hinreichende Fülle 
und Großsartigkeit des Ansehens gewährt haben, wes- 
halb es für die Herstellung des Gleichgewichts der 
Massen Aufserst günstig wirkt, dafs das kleine,schmale 
Mäntelchen, welches vielfach vorkommt, um den Leib 
geschlagen und zu einer Art Gürtel verwendet er- 
scheint. Es ist über die linke Schulter gezogen und 
läfst die rechte frei, was für die Veranschaulichung 
der Muskelthätigkeit, die durch das Hinauf- und 
Zurücklangen nach den Pfeilen veranlafst wird, sehr 
vorteilhaft ist. In den leidenschaftlich erregten, aber 
durch und durch charaktervollen Zügen des Antlitzer 
spiegelt sich die jungfräuliche Seele der nach einer 
Seite hin wohlwollenden und das Wild beschützen- 
den, nach der anderen hin dagegen zornig um sich 
blickenden Göttin wie ein Edelstein auf dunkelem 
Grunde mit erhabener Pracht ab. Die bescheidene 
geordnete Lockenfülle krönt ein kammartig aufge- 
setztes Diadem«. (Overbeck, Sächs. Ber. 1867, 121 #. 
vereinigt die Artemis von Versailles mit dem Apoll 
von Belvedere und einer capitolinischen Athena zu 
einer anathematischen Gruppe, welche von den 
Ätolern nach der Niederlage der Gallier auf einer 
halbrunden Basis aufgestellt sei, namentlich auf 
Grund einer Angabe bei Paus. X, 16, 2. Der Pa- 
rallelismus mit jenem Apollon in Stil und Auffassung 
ist vielfach bemerkt.) 

Wie hoch die Versailler Statue, mag ihr Original 
auch erst der sog. pergamenischen Epoche angehören, 
in der Auffassung und Durchführung über den zahl- 
reichen gleichartigen, zum Teil keineswegs unbedeu- 
tenden Werken steht (die Darstellungen der bogen- 
schiefsenden Artemis bieten reizende Motive), zeigt 
deren einfache Vergleichung in den Sammlungen von 
Braun und Müller-Wieseler. Die Variierung des leiten- 
den Motivs führt gerade bei der Jagdgöttin sehr leicht 
zum Genrehaften, so dafs thatsächlich die anmutige 
Statue eines jungen Mädchens, welches das Ober- 
gewand auf der Schulter festzuheften im Begriffe 
ist, in mancherlei Nachbildungen unter dem grofsen 
Publikum als »Diana von Gabii« (im Louvre) um- 
läuft, obwohl sie höchstens für eine Nymphe gelten 
kann. (Man vergleiche auch die zierliche Figur bei 
v. Sacken, Wiener Bronzen Taf. VII, 1 und ebdas. 
N.3 und 4 die an pompejanische Bilder erinnernden 
Köpfchen mit dem Korymbos.) 

Dafs daneben manche Künstler, insbesondere bei 
'Tempelbildern, von der amazonenhaften Tracht der 
Jagdgöttin zurücklenkten zu der ehrwürdigeren lang- 
bekleideten Figur, bewirkte aufger dem Einflusse der 
römischen Diana (s. Art.) die Hervorkehrung andrer 
Eigenschaften der Artemis namentlich als Licht- und 
Heilbringerin. Artemis oWreıpa, deren schöner Kopf 





Artemis. 


sich auf Münzen von Syrakus findet (wir geben ein 
Abb.141 aus dem Berliner Kabinett nach neuer Zeicl 
nung; R. lorbeerbekränzter Apollon), trägt zwar de 
Köcher, aber geschlossen, oder sie bewegt die Hanı 
um ihn zu schlie- 
fsen, wie auch die 
freundliche Miene 
und dieruhige Hal- 
tung anzeigt; so 
namentlich eine 
Dresdener Statue 
(Becker, August. 
1,45). Auf andern Münzen ist die Leier hinzugefüg 
denn Artemis ist auch als Sängerin (önvia) ihrem Br 
der Apoll gleichartig und nimmt an seiner musische 
Kunst thätigen Anteil, wie der Homerische Hymnı 
XXVIH und Hymn. Apoll. Pyth. 20 so schön schi 
dern. Mit der Leier erscheint sie daher auf maı 
chen Vasenbildern, z: B. auf der Schale des Sosis; 
vor Pan Elite c&ramogr. II, 98 A. Für die weittrage: 
den Beziehungen der Teben verleihenden Lichtgötti 
(Pwcpöpog, GeRacpöpos) — als Geburtsgöttin (Aoxlo 
Schützerin der Jungfräulichkeit (eöxAeıa), Schirmeri 
von Haus und Stadt (npoBupala, owotmoAg, äpıor: 
BobAn) — hatte die Kunst den Ausdruck gefunden i 
der Verbindung des Bogens mit der leuchtende 
Fackel, häufig auch unter Weglassung des Bogen 
für den eine zweite Fackel eintritt. So auf dem Weil 
relief Art. »Apollon« 8.97 (Abb.108). Unter der Ması 
gewöhnlicher Bilder dieser Art ragt eine lebensgrofi 
vaticanische Statue hervor (Abb. 142, nach Phot 
graphie), welche die Idee der wandelnden Nach 
göttin in wirkungsvoller Weise verklärt. Die Götti 
ist mit dem langen Doppelgewande (hpıbımAoidıov) b 
kleidet, dessen Faltenwurf durch den raschen Schri 
malerisch bewegt und auf der Brust durch das que 
laufende Köcherband mannigfaltig unterbrochen wir 
Das volle Gesicht der Mondgöttin, dessen Bildur 
hier charakteristisch ist, wird von den im Wind 
flatternden Locken kreisförmig umrahmt und vo 
breiter Binde durchzogen, über welche vielleicht u 
sprünglich der Halbmond (wie oft auf Reliefs) he 
vorragte. Die Züge sind erhaben, fast geisterhai 
an die Vorstellung der Hekate streifend; die gan; 
Erscheinung atmet die Poesie des Schauers der Nach 
wo die hocherhobene Fackel Licht und Hilfe bring 

Die spätere Zeit gefiel sich darin, Selene als eir 
auf der Mondsichel schwebende Halbfigur zu bilde 
Aus älterer Zeit sind vereinzelte Darstellungen dı 
auf dem Stiere reitenden oder mit Stieren fahrende 
Artemis (rauporöAoc) zu erwähnen, die jedoch e 
wenig eine wirksame Kunstgestalt gewonnen habeı 
wie Artemis auf dem Pferde in Pherai, auf deı 
Hirsche auf Vasen und auf Münzen, mit Stiere 
fahrend auf Endymionsarkophagen, z. B. Clare 
166, 76; auch Millin, G.M. 34, 121. Die Abenteu« 





mit Endymion und Aktaion. 
s. unter diesen Artikeln; einige 
andre Darstellungen in »Diana«, 
»Iphigeneia«, »Apollon«, »Gigan- 
ten«; vgl. auch die grofse Vase 
Art. »Marsyas«, wo Artemis wie 
in manchem anderen Vereine von 
Göttern ihren Platz hat. Ein 
Kandelaber bei Gerhard, Ant. 
Bildw. 7, 83 vereinigt ihre Haupt- 
attribute. Für ihre Dienerinnen 
gelten Einigen die sog. Karya- 
tiden (e. Art). (Bm) 
Asbest, auch Amiant ge- 
nannt, wurde vornehmlich bei 
Karystos auf Euböa und auf 
Kypern gewonnen und als dem 
Feuer Widerstand leistender Web- 
stoff teils zu Lampendochten, 
teils zu Totenkleidern (für Lei- 
ehenverbrennung), bisweilen auch 
zu Tischtüchern u. dergl. verar- 
beitet. Reste von Asbestkleidern 
haben sich noch in Gräbern ge- 
funden. (Vgl. Marquardt, Privat- 
leben der Römer 8.484 ff.; Blüm- 
mer, Technol. der Griechen und 
Römer I, 194.) 81] 
Aschengefäfse. Wenn eine 
Leiche nicht beerdigt, sondern 
verbrannt wurde (vgl. »Bestat- 
tung«), so sammelte man, nach- 
dem der Scheiterhaufen erloschen 
war, Asche und Gebeine, um sie 
in einem besonderen Gefäfse 
aufbewahrt beizusetzen. Diesen 
Brauch finden wir schon in der 
Homerischen Zeit (Hom.I1.XXIII, 
240; vgl. Soph. El. 54 u. 747), wie 
später (Plut. Philopoem. 21). Als 
solche Aschenbehälter dienten 
Giefüfse verschiedener Form, meirt 
topf- oder urnenartig gebildet, 
und aus mannigfachem Material: 
Thon oder Erz ist das gewöhn- 
liche, doch kommen auch Steine, 
wie Marmor, Alabaster u. s. w., 
ferner edle Metalle, wie Silber 
and Gold, und auch Glas in noch 
erhaltenen Exemplaren solcher 
Aschengefäfse vor. So fand man 
z.B. in einem athenischen Grabe 
ein silbernes Gefäfs in steiner- 
neın Gehäuse (Bull. d. Inst. 1860 
p.116), und auf Delos ein halb- 
kugelförmiges Gefifs von dünnem 





Artemis. Asbest. Aschengefäfse. 





142 Diana mit der Fackel. (Zu Beite 13.) 


185 


186 


Bronzehlech, 10— 12 Zoll im Durchmesser, in einem 
genau dazu passenden marmornen Behälter mit darauf 
liegendem, eingefügtem Deckel, wie eine grofse runde 
Schachtel (Rofs, Archiol. Aufsätze I, 62; vgl. Mar- 
quardt, Privatleb. der Römer $.370f.). Eigentümlicher 
Art sind die etruskischen Aschenurnen: aus Stein 
oder Thon gearbeitete, viereckige Kisten, auf der Vor- 
derseite ınit stark vorspringendem Relief mythologi- 
schen oder sepulkralen Inhalts verziert, während auf 





























































































































































































































Aschengefüfse. Asklepios. 


schicht bei Albano gefundene Aschenurnen, welche 
« die älteste Form des italischen Bauernhauser vor- 
führen (vgl. Abb. 146, nach Alcken, Mittelitalien 

; Taf. III, 6). Bl, 
Askleplos. Der Heilgott Asklepios, in (der Ilias 
nur erst als Heros gedacht (das ihm gegebene Bei- 
wort äubpwv A 194, A 835 führt sonst kein Gott! 
und Vater zweier Ärzte genannt (während der Götter- 
chirurg Paieon reine Abstraktion seines Berufes ist), 





146 Aschenurnen. 


dem Deckel die meißt stark verkürzt gebildete Portrüt- 
figur des Verstorbenen dargestellt ist. Sie gleichen 
also im allgemeinen den zur Aufnahme von unver- 
brannten Leichen bestimmten Sarkophagen (s. Art.), 
nur dafs die Dimensionen kleinere sind. Vgl. Abb.148, 
aus dem Grab der Volumnier in Perugia, nach einer 
Photographie. Andere haben die Form eines Tem- 
pels mit Giebeldach (wie Abb. 144 nach Gori, Mus. 
Etruse. II, Cl. II, Tab. 12,1), oder einer Ume (wie 
Abb. 145, nach Gori, ebd. Tab. 12, 4). Von ganz 
besonderem Interesse sind einige in einer Peperin- 


! hat sich aus dem thessalischen Lokalkult zu Trikka 
langsam zu einer immer bedeutsameren Potenz im 
Kulturleben entwickelt und ist auch im Bilde zu 
einer ansehnlichen, wenngleich beim Mangel an 
äufserer Handlung etwas einförnigen Gestalt heraus- 

ı gearbeitet worden. Da unter den ältern Göttern vor- 
zugsweise Apollon auch körperliche Leiden schickt 
und wiederum heilt, so war der Anschlufs an dessen 
in Thersalien gepflegten Kult durch die Sohnschaft 
und damit verknüpfte Wunderlegenden sehr förder- 
lich für die Verbreitung seines Dienstes an fart 


Asklepios. 


137 


unzählige Orte und in wenig veründerter Form. Die ; lassend um denlinken Arm genommen und in schöne 


thessalischen Zaubermittel werden aufgegeben gegen 


die Weeissagung, besonders die Traumorakel. An den , 


pythässchen Gott erinnert der Schlangenstab des As- 
klepios uni der oft neben ihm stehende Omphalos; 
vgl. Welcker, Griech. Götterl. 2, 734, welcher auch 
die Namensdeutung durch doxdAaßog — Eidechse 
billigt, womit man an den Apollon 
als yaAcırrng anknüpfen könnte. 
In Bildlicher Darstellung ist es 
auffallend, gerade in älterer Zeit 
einen jugendlichen, unbärtigen 
Asklepios zu finden: so die Statue 
aus Gold und Elfenbein von Kala- 
mis in Korinth, mit Scepter und 
Piniernapfel in den Händen, Pans. 
2, 10, 3; desgleichen von Skopas 
in Gortys, Paus. 8, 38, 1 u.a. 
Erhaltene Statuen dieser Art bei 
Müller -Wieseler II, N. 775, 776. 
(Sollte etwa die Künstler sich 
gescheut haben, den Sohn des 
jngendlichen Apollon bärtig dar- 
stellen? vgl. Cic. nat. deor. III, 
%, 83.) Dagegen fand sich in 
Tithorea in einem von allen 
Pokern hochgehaltenen Heilig- 
tume des Asklepios däpxaydras 
win jedenfalls schr altes Stein- 
bild mit einem mehr als zwei 
Fußs langen Barte, und die Dar- 
stellung des Asklepios im reifen 
Mannesalter wurde später zur 
herrschenden Kunstform. In die- 
ser hat das Antlitz zeusähnliche 
Züge, jedoch von der Erhabenheit 
zur freundlichen Milde herabge- 
stimmt (18 peiAlxov xal. mpdov 
rühnt Hippoer. epist. p. 818), so 
dafs man bei einzelnen Köpfen 
weileln kann, wer gemeint sei. 
% wird der hier nach Description 
de Morde IIT pl. 29 abgebildete 
kolseale Kopf (Abb. 147), welcher 
auf Melos gefunden ist, von Over- 
beck, Kunstmyth. 8.89 für Zeus 
Meilichios erklärt und die Treue 
des Pariser Stiches angefochten. Dar volle Haar ist 
oft mit einer turbanähnlichen Binde (#epiorpiov) um- 
wunden. Der Gott ist entweder stehend oder thro- 
nend gebildet; im ersteren Falle regelmäfsig auf den 
kräftigen keulenartigen Stab unter der rechten (oder 
auch linken, Ovid. Met. 15, 654) Schulter gestützt, 
um welchen sich die Schlange, sein ständiges Symbol 
(vielleicht die Heilkraft der Erde), hinaufwindet. Der 
Mantel ist unter der rechten Achsel, die Brust frei 








143 Etruskische Aschenkiste. 


Falten gezogen. (Eine gewisse Ähnlichkeit mit dem 
Philosophenmantel ist nicht zu verkennen; die Tracht 
der Ärzte mag ähnlich gewesen sein. Damit stimmt 
auch Virg. Aen. 12,400: ille retorto Paconium in morem 
senior suceinekus anietu.) Daneben «teht häufig der 
Omphalos. So in derhiernach Photographie gegebenen 


(Zu Seite 186.) 


Statue in Florenz (Abb. 148), welche man nach einer 


‚ Münze von Pergamon für die Kopie des für den 


| 


dortigen Tempel gefertixten Bildes von Phyromachos 
(vgl. Diod. Sie. exe. 1. 31 fg. 46; Polyb. 32, 25) an- 
sehen darf. Dafs derselbe Künstler zugleich auch 
der Schöpfer dieser Idealtypus gewesen, nahm ınan 
früher allgemein an; doch will Overbeck, Gesch. d. 
griech. Plastik I, 215 diese »geistreiche Modifikation 
des Zeusidealse schon dem Schüler des Phidias, 


138 


Alkamenes, der ein Tempelbild des Asklepios in 
Mantineia ausführte (Paus. 8, 9, 1), zuschreiben. 
Übrigens war in Pergamon Asklepios, wie an der 
schon erwähnten Münze ersichtlich ist (Abb.149 nach 
Müller-Wieseler I N. 219b), mit seiner Tochter (sel- 
tener wird sie Gemahlin genannt) Hygieia gruppiert 
und zwischen beiden der vermummte kleine Teles- 
phoros, über welchen s. unten. (Panofka [Asklepios 
und die Asklepiaden in den Abhandl. Berl. Akad. d. 
Wissensch. 1845, worin der gröfste Teil der vorhan- 
denen Denkmäler gesammelt ist] will allerdings der 
Vorstellung von dieser Statue eine andre Münze, bei 
ihm abgebildet Taf. I, 3 zu 
Grunde legen, wo Asklepios 
zwischen zwei fackeltragenden 
Kentauren steht.) 

Nach einer Münze des Kai- 
sers Commodus zu schliefsen, 
mufs es in Pergamon später 
auch ein thronendes Bild des 
Asklepios gegeben haben (s. 
Abbildung Müller-Wieseler II 
N. 167); das berühmteste dieser 
Art aber fand sich in Epi- 
dauros, von Thrasymedes (ci- 
nem Zeitgenossen des Phidiar) 
verfertigt aus Gold und Elfen- 
bein. Der Gott safs wie der 
Zeus des Phidias, hatte aber 
nur dessen halbe Höhe; in 
einer Hand hielt er den Stab 
(das Zeichen der Ärzte), mit 
der andern eine Schale über 
den Kopf der Schlange; neben 
ihm lag ein Hund, Paus.2,27,2. 
Die Erklärung dieses Hundes 
ergibt sich aus der Angabe von 
Paus. 2, 26,4, nach welcher ein 
Hund den von der Mutter aus- 
gesetzten Knaben bewacht hatte. (Er findet sich 
auch auf athenischen Votivbildern hinter dem sitzen- 
den Asklepios, der 
zwei Söhne neben 
sich hat; Schöne, 
Gr. Reliefs N. 102.) 
Die Umrisse des Bil- 
des sind auf Münzen 
erhalten; s. Panofka 
Taf. 1, 7,9. Sitzend 
erscheint der Gott 
auch aufMünzenvon 
Trikka, der Schlange 
einen Vogel zum 
Frafs bietend. Aufser den Einzelbildern werden zahl- 
reiche Gruppierungen des Asklepivs mit den Seinen 
erwähnt, von denen am häufigsten die Tochter 








147 Aesculap. 





Asklepios. 


Hygieia vorkommt, meist die sich aufringelnde 
Schlange fütternd.. Ihre Bildung ist jugendlich, im 
langen Doppelchiton. Der Stil einiger uns erhaltenen 
Bildwerke deutet darauf, dafs ihr Bildungstypus in 
die Zeit des Skopas zurückgeht, welcher selbst Sta- 
tuen der Göttin für den Asklepiostempel in Gortys 
und den der Athene Alea in Tegea arbeitete (Paus. 
8,47, 1und8, 28, 1), während Bryaxis eine in Megara 
aufstellte (Paus. I, 40, 6). An einer restaurierten 
Statue im Belvedere des Vatican ist der Kopf nicht 
zugehörig, entstammt aber einer attischen Athena 
Hygieia, Plut. Pericl. 18; s. Flasch, Ann. Inst. 1873, 
5ff. — Alle vier Asklepios- 
töchter (Hygieia, Jaso, Pana- 
keia, Aigle) hatte Nikophanes 
auf einem Gemälde vereinigt 
(Plin.85, 187). Auf einem Re- 
lief (Visconti, Mus. Pio-Clem. 
I, 32) finden wir neben As- 
klepios, dem ein von Hermes 
'herbeigeführter Genesener auf 
den Knien dankt, die’ drei 
Grazien an ihrer Stelle, aber 
in ähnlichem Sinne. Auf ei- 
nem grofsen Relief aus guter 
griechischer Zeit (Ann. Inst. 
1873 Taf.M N 8. 114) findet 
sich gegenüber einer opfemn- 
den Familie: Asklepios mit 
Hygieia (oder seiner Frau 
Epione), dann zwei Söhne, 
welche Lueders wohl mit 
Recht als Podaleirios und Ma- 
chaon ansieht (ihr Kult ist 
bezeugt in Messene von Paus. 
TV, 31, 8. 9), und die eben 
genannten drei Töchter. Von 
dem Asklepieion am Südab- 
hange der athenischen Burg 
sagt Paus. 1, 21, 7: ToD d’AorAnmiod To lepöv Ex re 
ra äydinard Eorıv öndoa Tod Heod menolnraı xal 
zov maldwv && Täs Tpapäg Bea Akov. An dieser 
Stelle hat man in den letzten Jahren eine grofse 
Anzahl von Votivreliefs gefunden. Noch ist zu be- 
merken, dafs eine Münze von Epidauros den neu- 
gebornen Asklepios darstellt, der von einer Ziege 
gesäugt und vom Hirten Aresthanas (man erklärt: 
qui mortem placavit)gefunden wird; Müller-Wieseler II 
N. 759; vgl. Paus. 2, 26, 4. Ein schönes Relief des 
Iateranensischen Museums, abgebildet bei Braun, 
Ant. Marmorwerke Taf. 5, auf dem ein bärtiger Alter 
mit Trinkhorn und Kanne ein vor ihm auf der 
Erde spielendes, nacktes Knäblein findet, mitten im 
eichenbewachsenen Felsenthal, ist auf diesen jungen 
Asklepios bezogen, den nach arkadischer Sage Arkas’ 
Sohn, Autolaos, pflegte, Paus. 8, 35, 11; Nuove 


(Zu Beite 187.) 


Asklepios. 139 




















152 Hygiea. (Zu Seite 140.) 


























148 Acsculap. (Zu Seite 197.) 

















151 Aeseulap. (Zu Selte 140.) 




















140 Asklepios. 
Memorie dell Inst. p. 124. Asklepios wurde deshalb 
auch an einigen Orten in Kindesgestalt verehrt, was 
jedoch auf Denkmälern nicht nachzuweisen ist. Wohl 
zu scheiden von dem Knaben Asklepios ist aber der 
Dämon Telesphoros, welcher in krankhafter, 
schmächtiger Knabengestalt häufig neben ihm er- 
scheint. Er ist eingehüillt in eine paenula cucullata, 
eine Art Nachtkleid mit der Kapuze, welche über 
den Kopf gezogen wird. Man falst ihn gewöhnlich 
als Dämon der Genesung (wie denn auch an seine 
Stelle in Epidauros Akerios trat, in Pergamon Eua- 
merion); Welcker, Griech. Götterl. II, 740 aber mit 
Böckh als Genius der für die Kranken nötigen Wei- 
hungen, mit Bezug auf Paus. II, 11, 7 u.a. Über 
das phallische Element in ihm vgl. Panofka S. 54; 
Fröhner, Sculpt. du Louvre I, 369 nennt ihn des- 
wegen Agathodimon. 

Im Jahre 291 v.Chr. wurde infolge einer heftigen 
Pest in Rom auf Befehl der sibyllinischen Bücher 
der Heilgott von Epidauros dorthin berufen, wie 
Liv. X, 47 und Epit. XI berichtet; vgl. Preller, Röm. 
Myth. 8. 606 ff. Die Gesandten erhielten aber nur 
eine von den im Heiligtume gezüchteten Schlangen 
(in quo ipsum numen esse conatabat«), welche bei 
Ankunft des Schiffes nach der Tiberinsel schwamm, 
worauf dort der Tempel des Gottes errichtet wurde. 
Die Insel hiefs fortan nach dem Namen des Gottes. 
Mehrere Münzen verherrlichen das Ereignis, von 
denen wir das Bronzemedaillon des Cummodus (nach 
Panofka a. a. O. 
Taf. II, 3) wieder- 
geben 
Das Schiff führt hier 
unter der Tiberbrü- 
ecke, wahrscheinlich 
dem pons Aemilius, 
durch; die Schlange 
ringelt sich auf den 
schon antizipierten 
Tempel zu; der un- 
ten gelagerte Flufs- 
gott heifst sie mit 
Handbewegung willkommen. — Der Dienst des Aer- 
culapius blieb in Rom selbst und in allen römi- 
schen Ländern völlig griechisch, wie auch die 
Arzneikunst meistens von Griechen geübt wurde. 





> RE 








Durch seine praktische Wirksamkeit machte er dem ! 


Christentume nachhaltige Konkurrenz, wovon unter 


andern ein früher in Florenz befindliches elfen- | 


beinernex Diptychon Zeugnis ablegt, welches wir be- 
sonders seiner ausgezeichneten Schönheit wegen nach 
dem Stiche von Raphael Morghen aus Wieseler, Alte 
Denkm. 11 N. 792 hier vorführen (Abb. 151 und 182). 
An Besonderheiten dieser Darstellung ist zu be- 
merken, dafs, wie neben Anklepiox der kleine Teles- 
pheros, so neben Ilygiein ein ilügelloser Eros hinzu- 


(Abb. 180). | 


Aspasia. 


gefügt ist, dessen Erklärung neben dem jung 
Weibe nicht viel Schwierigkeit machen sollte. 

dem auf dem Pfeiler neben der Göttin hinter - 
geöffneten cista mystica hervorschauenden Knat 
vermutet man einen Heildämon, Euamerion o 
Akesios (Paus.2, 11,7). Kanne und Schale auf d 
Pilaster rechts von Hygieia beziehen sich auf 

medizinischen Darreichungen, sowie auch der K« 
oberhalb Asklepios Heilkräuter enthält. Der Schlang 
stab des Gottes ist hier ganz wie eine Keule gesta! 
und stützt sich auf einen Stierschädel, wie zuwei 
bei Herakles und auf einem auf der Tiberinsel 
findlichen Votivrelief. ‘Bm 





||| 

III) 

IN] 

III} 

N 

158 Aspasia. (Zu Solte 141.) 


Aspasia, die ältere, Freundin und Gattin < 

! Perikles. Ein wohlgeformtes Bild von ihr in Herm- 
ı gestalt (was sonst bei Frauen nicht vorkomnıt) ı 
' Namensinschrift, in Civitavecchia gefunden, g 
Visconti, Iconogr. gr. pl. 15,3. Die Züge sind böc 
regelmüfsig, der Ausdruck lieblich, ohne jedoch ı 
kräftig zu sein. Das kunstreich in Lockenreil 





. : Aspasia. Astragalen. 14 
abgeteilte Haar findet sich ebenso an den Köpfen 
einiger Ptolemäerinnen wieder; an dem das Haupt 
umgebenden Schleier ist die ehrbare Matrone kennt- 


Beschaffenheit der Knöchel es leicht möglich macht, 
die einzelnen Seiten auch ohne inschriftliche Be- 
zeichnung zu unterscheiden. Die Gesetze und Regeln, 


lich (Abb. 153). Dagegen hat Bernouilli, Arch. Ztg. 
1877, 57 die Echtheit der Inschrift angezweifelt und 
versucht, für eine ziemlich gleichartige Büste des 
Berliner Museums (N. 266; abgebildet ebdas. Taf. 8), 
von der sich eine Replik im Louvre befindet (abgeb. 
Clarac Mus6e pl. 1082), den Namen Aspasia in An- 
spruch zu nehmen. [Bm] 
Astragalen. Die Knöchel oder Sprungbeine aus 
der Ferse von Lämmern, äorpdyaloı, tali, dienten 
im Altertum bei mannigfaltigen Spielen der Jugend 
wie des Alters, und zwar vornehmlich in zweierlei 
Anwendung: als einfache Marken, die Stelle von 
Spielsteinchen, Bohnen u. dergl. vertretend, oder als 
Würfel. Im ersteren Falle waren sie ohne schrift- 
liche Bezeichnung und konnten in beliebiger Anzahl 
und in verschiedener Weise benutzt werden. So 
spielte man damit den sog. Aprıaoudg, das Aprıa 
A mepırrd malZeıv oder Aprıdleiv (vgl. Plat. Lys 
P-6E: ol dE Tıveg ToD Amodurnplou Ev ywvig hpria- 
ov dorpaydAoıg maumörkoıg Ex Popnloxwv TIıviv Tpo- 
„ Woiuewoi), Iudere par impar, das »Gerade oder Un- 
gede-Spielen«, das bei Knaben ganz besonders 
beliebt war (Arist. Vesp. 295). Der eine Spieler 
nahm dabei eine beliebige Zahl seiner Astragalen 
(reap. Steinchen, Bohnen, Nüsse oder dergl.) in die 
Hand und liefs den andern rathen, ob die Anzahl 
gerade oder ungerade sei; bei richtiger Lösung er- 
hielt der Erratende die betreffenden Astragalen etc. 
al Gewinn, im entgegengesetzten Falle mufste er 
dem Gegner die gleiche Anzahl auszahlen. Andre 
Spiele, bei denen man sich ebenfalls der Astragalen 
® gut wie andrer Spielmarken bedienen konnte, 
sind die dula, eine Art Wettwerfen mit Astragalen, 
Üe tpdma oder el; Bößpov BdAleıv, das Werfen oder 
Schnellen der Knöchel in eine Grube u. dergl. m. 
(vd. Pollax IX, 102 #.); vornehmlich aber das Fünf- 
Sleinapiel, mevrelßa, mevrelißfZev, wobei man mit 
der inneren Hiandfläche fünf Astragalen in die Höhe 
wart und dieselben mit der oberen Handfläche wieder 
aufsufangen suchte (Pollux IX, 126). 
oa@ans andrer Art ist das mehr von Erwachsenen 
ugeübte Würfelspiel mit Astragalen. Hierzu nahm 
man vier Knöchel und warf dieselben wie Würfel 
eutweder aus freier Hand oder aus einem Würfel- 


becher heraus (vgl. »Würfeln«). Von den sechs | 


Seiten des Astragales kamen die beiden schmalen 
Flächen, das obere und untere Ende, nicht in Be- 
tracht, weil der Astragal nicht darauf zu liegen 

konnte; die andern vier Seiten hatten jede 
ihre bestimmte Bedeutung, und bisweilen waren auch 
noch die Zahlzeichen 1 und 6, 3 und 4 ausdrücklich 
darauf bezeichnet (2 und 5 fehlen). Doch war dies 
aicht unbedingt notwendig, da die eigentümliche 





Ber] 





on 


154 Knöchelspieler. (Zu Seite 142.) 


nach denen gespielt wurde, waren denen des Würfel- 
spiels ähnlich; man kannte 35 verschiedene Kom- 
binationen, deren jede einen besonderen Namen 
hatte (vgl. Schol, Plat. 1.1), z.B. Aphrodite, Dareios, 
Euripides, Chios u.s.w. Dieses Spiel war besonders 





142 


nach Mahlzeiten beliebt (Plaut. Asin. 904 u. 8). — 
Sehr viele antike Kunstwerke führen uns Bilder 
des Artragalenspieles vor. Sehr bekannt und in 
mehreren Repliken erhalten ist die Statue eines am 


Antragalen. 


solchen gehörte wohl die (Abb. 154) abgebil 
Statue des Berliner Museums (nach Levezov 
der Amalthea I, 175 Taf. 5): ein nackter klı 
Bursch, welcher fröhlich lachend seine gewonn: 















































155 Medoa und ihre Kinder. 





Boxen sitzenden, knöchel ons, wahr- 
sch ursprünglich ein Bestandteil einer Gruppe 
'r Mitlehenfiguren, von denen die eine al 
Siegerin aufreeht neben der andern, der Besickten, 
stand. Eine ühnliche Gruppe scheint es auch in 
Knabengestulten gegeben zu haben; und zu einer 











Astraygulen mit dem linken Händchen an die } 
drückt, wohl den Gewinst eines Spieler der er 
schriebenen Art; eine allerliebste Illustration zr 
im Olymp spielenden Scene zwischen Gunymed 
Fror bei Apoll. Rhod, III, 117. Die Alıb. 155 | 
, pejunisches Wandgeimälde nach Mus. Borbon. V 


Astragalen. 


zeigt die Medea, wie sie auf den Mord ihrer Kinder 
sinnt; letztere, unter Aufsicht des Pädagogen, be- 
schäftigen sich ahnungslos und fröhlich mit dem 
Astragalenspiel. Der eino hat eben vier Astragalen 
mit der Rechten geworfen; der andere, daneben 
sitzend, zählt das Resultat des Wurfes: die Kinder 
sind also mit dem Astrugalen-Würfeln beschäftigt. 
Abb. 156, eine Terrakotte aus Tanngra (nach Kekule, 
Thonfiguren aus Tanagra Taf. 6), stellt ein junges 
Mädchen, am Boden knieend, vor, welches vermut- 
lich mit dem nevreu- 
YiZewv beschäftigt ist. 

Ursprünglich und 
später wohl in der Re- 
gel nahm man bei die- 
sen Spielen wirkliche 
Knöchel; da aber der 
Bedarf zu grofs war, so 
verfertigte man solche 
auch künstlich aus aller- 
lei Material, namentlich 
ausKnochen, Elfenbein, 
Metall, Stein u. s. w. 

Abb. 157 (nach 

A Ann. d. Inst. 

| 1872tav.d’agg. 

h 8) zeigt einen 

solchen künst- 

lichen Astra- 

gel aus Granat 

mit einem gravierten 
Adler. 

Litteratur: Her- 
mann, Griech. Privat- 
altert. 3. Aufl. 8.297 u. 
511; Becker-Göll, Cha- 
rikles II,41; Marquardt, 
Privatleb. d. Römer 827; 
Heydemann, Die Knd- 
chelspielerin im Pal. 
Colonna zu Rom, Halle 
1877. {B1] 

Atalante, die Jägerin und Läuferin, eine Abart 
der Artemis, in Arkadien und Böotien zu Hause, 
spielt ihre Hauptrolle bei «der kalydonischen Jagd; 
8. »Meleagros«. Der ihr zugeschriebene Wettlauf 
mit den Freiern ist, wie es scheint, künstlerisch 
nicht benutzt; nur am Kypseloskasten war sie neben 
ihrem Geliebten Melanion dargestellt, ein Hirsch- 
kalb haltend, Paus. V, 19, 1. Von der böotischen 
Version der Sage aus geht ihre Teilnahme an den 
Leichenspielen des Pelias, wo sie den Peleus im 
Ringen besiegt, nach Apollod. III, 9, 2,4. Am 
Kasten des Kypselos werden freilich, bei Paus. V, 
17, 4, als Ringer in diesen Spielen genannt Jason 


157 


und Peleus, die sich einander gewachsen waren, wie . 


Atalante. 148 
Aias und Odysseus bei Homer Y 735; bei Hygin. 
fab. 273 Peleus als Sieger ohne Angabe des Gegners. 
Jene Notiz Apollodors aber wird durch das Bild 
einer Amphora in München bestätigt, welche in 
schwarzen Figuren und sorgfültiger strenger Zeich- 
nung das Ringerpaar vorführt. Abb. 158, nach Ger- 
hard, Auserl. Vasenb. 177. Die nur mit einem Schurz 
bekleidete, übrigens mit Stirnband geschmückte Frau, 
deren nackter Körper, wie regelmäfsig bei dieser 
Gattung von Vasen, weils gemalt ist, »teht einem 





156 Knöchelspielerin. 


als Greix durch weifsgestreiftes geringeltes Haupt- 
und Bartlıaur charakterisierten Manne gegenüber, 
der ihre rechte Handwurzel gepackt hat, während 
jene mit ihrer Linken seinen Kopf, der gegen den 
ihrigen gestemmt ist, niederzudrücken versucht. 
Hinter Pelens steht ein Kampfwärtel in geblümtem 
Mantel mit zwei Ruthen (s.»Gymnastik-), hinter Ata- 
lante vielleicht ein &pedpog. Der hinter den Kämpfen- 
den am Boden liegende Mann kann nur ein schon 
besiegter Ringer sein, welcher mit staunender Be- 
schämung der siegenden Frau zusieht. Man möchte 
meinen (sagt Gerhard), Meleagros, der jenen Spielen 
beiwohnte, habe, von Peleus besiegt, Anlafs ge- 
geben, dafs, ihres Geliebten Demütiyung zu rächen, 


14 Atalante. Athen. 


Atalante nach ihm dem Peleus entgegen trat. — Die ' Parnes (bis zu 1413 m Höhe), die hohe Scheide- 
Deutung des Bildes auf die genannten Personen | wand gegen Böotien. Alle übrigen Bergzüge, welche 
wird gesichert durch eine etruskische Spiegelzeich- | das Gerüst von Attika bilden, nehmen einen voll- 
nung mit Namensinschriften, Gerhard, Etr. Spieg. | kommen selbständigen stidlichen und südöstlichen 
11,224. Die Wiederholungen auf drei anderen archai- | Verlauf, um sich in den Inseln, wie Salamis und 
schen Vasen notiert Gerhard, Auserl. Vasenb. III, 66. | der inneren Cykladenreihe, weiter fortzusetzen. So 
Wir fügen dazu noch aus demselben Werke Taf. 237, | vermittelt Attika zwischen der Inselwelt und dem 
wo der Augenschein bei derselben Gruppe (in wenig | Festlande; die Ebenen der Halbinsel sind zum Teil 
veränderter Stellung) zu derselben Erklärung zu | selbst erst durch Abschwemmung des Erdreiches 
nötigen scheint, obwohl der beigeschriebene Name | von den Bergen her dem Meere abgewonnen. Dies 
des Peleus verschoben ist und hinter den Ringern | gilt sowohl von der westlichen Ebene, der von 
das Haupt und das Fell des kalydonischen Ebers | Eleusis, als auch von der mittleren Ebene, 
erscheint. (Ganz anders der Herausgeber.) Hierzu | der von Athen, während die östliche durch Rand- 
kommt neuerdings eine griechische Thonplatte bester | gebirge gegen das Meer von vornherein abgegrenzt 
Zeit mit einem Hochrelief von schönen Formen: Ata- | war. Dafür ermangelt dieselbe auch der kultur- 
lante hat den Kopf des Pelens, der ihren Leib mit | historischen Bedeutung, welche den beiden anderen 
beiden Armen zu Teil gewor- 





umfafst hält, den ist. 
unter ihren lin- Uns beschäf- 
" ken Arm ge tigt hier ledig- 
zwängt und lich die mitt- 
drückt ihm zu- lere und grö- 
gleich ihr lin- Isere Ebene, 
kes Knie in die auf welcher 
Hüfte; beide Athen erwach- 
sind nackt, Ata- sen ist. Die 
lante hat einen selbe stellt sich 
kurzen gemal- ” von der Küste 
ten Schurz. Ga- oder von den 
zette archeolog. ' Stadthöhen aus 
1880 pl. 18; als ein auf drei 
ebdas. pl. 14 das Seiten von Ber- 
Innenbild einer gen umschlos- 
rotfigurigen senes, nach der 





Schale: Atalan- = — = = See zu offenes 
te nackt wäscht 5 EEREEFUFURFERELIFEREE Viereck dar, 
sich vor einem 158 Peleus und Atalante ringend. (Zu Seite 148.) di .n Länge 


Becken das Haar, Peleus sitzt daneben in Er- ' (von Norden nach Süden) über 2 Meilen, dessen 
wartung des Kampfes; beide mit Namensinschrift. ' Breite etwa ®/ Meilen beträgt. Den nördlichen 
Da die Heroine hier ganz dieselbe zurückgebeugte Horizont schliefst das schon erwähnte Parnes- 
Stellung hat, wie auf zwei etruskischen Steinen Peleus  gebirge und mehr östlich der giebelförmig (bis zu 
(inschriftlich;; abgeb. Overbeck, Her. Gal. VI, 2,3), | 1110 m Höhe) aufragende, marmorreiche Briles- 
so werden die letzteren auch hierher zu ziehen sein. | sos, oder (benannt nach dem Demos Pentele) 
Ein eyprischer Stein, ebdas. $. 94, zeigt die Ringen- | Pentelikon ab. Die östliche Langseite bis zum 
den kurz bekleidet, Peleus bürtig, eben beim Angriff; | Meere hinab bezeichnet der gleichförmig hinge- 
zu ihren Füfsen liegt der Kopf des kalydonischen | streckte, baumlose Hymettos (bis zu 1003m Höhe), 
Ebers. [Bm] | im Norden jedoch vom Pentelikon durch ein breites 
Athen. ! Intervall getrennt, welches die östliche Ebene mit 
Skizze der Landschaft. ! der athenischen verbindet. Ebenso verhält sich das 

Die dreieckige, nach Südosten vorgeschobene |, westliche (nur bis zu 457 und 452m hohe) Grenz- 
Halbinsel Attika (unter dem 38.0 nördl.Br.und dem ' gebirge, welches wiederum in das Meer hinabläuft, 
21.0 östl. L. von Paris gelegen) hängt nur an ihrer | zum Parnes. Die Einsattelung wurde in vermutlich 
nördlichen Basis mit dem geschlossenen System von | sehr alter Zeit gegen Einfälle von Westen her durch 
Bergketten zusammen, welche die ganze Balkanhalb- eine Mauer verteidigt, deren Spuren noch erhalten 
insel durchziehen. Dort, im Norden, bezeichnet | und heute genau verzeichnet sind. (Vgl. Curtius 
als östliche Fortsetzung des Kithirongebirges, der | und Kaupert, Karten von Attika Bl. VI; Text Heft 2 

















Fa 





Karte I zu Artikel „Athen“, 














Athen (Skizze der Landschaft). ' 


145 


S. 44 f.).. Jene nur von dem Pafsweg der eleusini- | Kombination beruhende Erinnerung bewahrt haben 
schen Strafse schärfer durchschnittene Ilügelkette | vgl. Strab. I, 58 Suid s. v. "Eußapos Plin. II, 85, 201 


scheint aber ebenso wie der Brilessos eine doppelte, 
vielleicht auf verschiedene Zeiten des Altertums zu 
verteilende Benennung erhalten zu haben: Aegaleos 
(bei den älteren Schriftstellern) und Korydallos 
(bei den späteren, nach dem gleichnamigen Demos, 
ähnlich wie Pentelikon von Pentele); vgl. meinen 
Text zu Heft 2 der Karten von Attika S. 46. 

In der Ebene zwischen Hymettos und Aegaleos, 
dem ersteren Gebirge näher, finden wir eine dritte 
parallele Erhebung (bis zu 338 m) von geringerer 
Länge, den Hügelzug der Turkovuni; sein antiker 
Name ist vielleicht Anchesmos (Paus. I, 32,2 xai 
Arxecouös dpog Eotiv ob ueya), wie indirekt wahr- 
scheinlich wird, da die Etymologie des Wortes ces 
nahe legt, das niedrige Gebirge in der Umgebung der 
Stadt zu suchen. Dieser Zweiteilung der athenischen 
Ebene durch den Anchesmos entsprechen die beiden 
namhaftesten Flufsläufe der Landschaft, der Kephi- 
sos in der grölseren westlichen Hälfte und der 
Ilisos im östlichen Nebenthal. Während der erstere, 
nie versiegende Hauptflufs, welchen die noch immer 
reichlichen Quellen an den Abhängen des Pentelikon 
und den Vorbergen des Parnes nähren, in beinahe 
südlicher Richtung dem Meere zufliel[st, auf halbem 
Wege jedoch in Kanäle zerschnitten den Ölwald 
bewässert, wird das tiefe trockene Rinnsal des Ilisos 
von seinem Ursprung am Nordwestablıang des Hy- 
mettos durch die Vorhöhen desselben Gebirges in 
die Kephisosebene herübergedrängt. Ob er sich 
einst mit dem Kephisos verband oder eine eigene 
Mündung in der Meeresbucht hatte, ist heute nicht 
mehr auszumachen, da selbst die Spuren seines 
Bettes sich verlieren. Die heutige Gestalt des athe- 
nischen Küstenstriches ist das Ergebnis zweier 
gegeneinander wirkenden Kräfte: des Meeres, wel- 
ches in Griechenland ja zumeist von Süden her alle 
Lücken zwischen den Bergzügen auszufüllen trachtet, 
und der beweglichen Erdmassen, welche durch regel- 
mälsige und periodische Wassergewalten, von den 
Bergen herabgeführt, das Meer immer weiter zurück- 
gestaut haben. Diesen Entstehungsprozefs (mit 
grofser Regelmäfsigkeit namentlich an der Bildung 
der eleusinischen Ebene zu verfolgen) machte die 
athenische Kephisosebene bereits in Urzeiten durch; 
heute hat sich der Flufs an seinem oberen Lauf 
wiederum tief in die von ihm selber aufgehäuften 
Thonlager eingewühlt. Aber an der Küste selbst 
haben sich noch innerhalb der historischen Jahr- 
tausende entsprechende Veränderungen vollzogen. 
Dafs die Halbinsel Peiraicus, »der Jenseitige«, mit 
der Munichiahöhe ursprünglich eine gleich Sala- 
mis dem Lande vorgelagerte Insel war, ist cine 
Thatsache (vgl. Karten von Attika Heft 1S. 10), an 
welche die Alten selber eine schwerlich auf blofser 

Denkmäler d. klass. Altertums. 


ırccessuw maris«). Anderseits dürfen wir zuversicht- 
lich vermuten, dafs die östliche Bucht, das Pha- 
lerikon, noch in alktgriechischer Zeit weit tiefer 
als heute in das Land eingeschnitten habe. (Vgl. 
Karten von Attika Heft 2 8.3.) Die weite phalerische 
Bucht nnd die blattartig ausgezackte Halbinsel Pei- 
raieus, deren Topographie uns in einem besonderen 
Abschnitt beschäftigen soll, bezeichnen daseigentliche, 
der Seefahrt offene Küstengebiet der athenischen 
Ebene. Auf beiden Seiten treten die Vorhügel des 
Hymettos im Osten und des Aegaleos oder Korydallos 
im Westen umgrenzend heran: amı Ostende der pha- 
lerischen Bucht der flache Felsknauf Trispyrgi, das 
einzig charakteristische Vorgebirge auf der ganzen 
nun folgenden Küstenstrecke, dem wir mit Recht 
den eine Zeit lang streitig gewordenen Namen der 
Kwäıas äxpa wiedergeben zu dürfen glauben (Karten 
von Attika Heft 2 S.2f.). Anderseits beteiligt sich 
westlich vom Peiraieus die noch den Ausläufern des 
Korydallos angehörige Felszunge Eetioneia an der 
Bildung des grofsen, geschlossenen Haupthafens. 
Der westlich bis zur Fähre von Salamis fortlaufende, 
meist steile Uferrand weist nur wenige versteckte 
Buchten und Einschnitte auf, deren einer, bereits 
nahe dem Gebirge, uns unter dem Namen Pwpwv 
Aıunv, »Diebshafen«, bekannt geworden ist (Karten 
von Attika Heft 2 S. 10 u. 12). — Innerhalb dieser 
Landschaft nimmt Athen eine schon durch die 
Natur der Örtlichkeit ganz besonders ausgezeichnete 
Stelle ein. Dieselbe wird bezeichnet durch die 
denkbar gröfste Mannigfaltigkeit des Terrains, die 
innigste Durchdringung von Ebene und Felsgebiet, 
das teils zur Bewohnung, teils zum Schutze der An- 
siedelung geeignet war. Athen liegt an dem Be- 
rührungspunkt zweier Hügelketten, der Turkovuni, 
welche sich hier, an ihrem Südende, in einzelne 
Höhen auflösen, und der weniger gegliederten Aus- 
läufer des Hymettos. Ebenso begrenzen die beiden 
Hauptflüsse der Ebene, Ilisos und Kephisos, die 
Stadt von zwei Seiten her, im Süden und Westen. 

Von der Küste aus gesehen scheinen die Stadt- 
höhen des 1!/s Stunden entfernten Athen eine kom- 
pakte Massc zu bilden, einer ruhenden steinernen 
Sphinx nicht unähnlich. Aber nicht blofs diesem 
Umstande ist es zuzuschreiben, wenn schon den 
Alten die Vorstellung von einem Zusammenhang 
oder einer Zusammengehörigkeit der einzelnen Teile 
geläufig war. Vgl. Platos Bild von einem Urathen 
(Kritias S. 112a) und die Erzählung von dem zur Be- 
festigung Athens herbeigeholten Lykabettos (Antig. 
Caryst. 12). 

In der That können dem aufmerksameren Be- 
obachter die Beziehungen, welche die Haupthöhen 
Athens untereinander verbinden, nicht verborgen 

10 


146 


bleiben. Im Nordosten dominiert, unmittelbar aufser- 
halb) des bewohnten Stadtbezirkes, die auffallende, 
pyraınidale oder kegelfürmige Berggestalt des Lyka- 
bettos (277,3 m), heute naclı der auf dem Gipfel 
erbauten Kapelle Hag. Georgios benannt. (Zur Be- 
nennung vergleiche namentlich Forchhammer und 
K. O. Müller, Zur Topogr. Atheus, ein Brief aus 
Athen und ein Brief nach Athen; Göttingen 1833. 
Proklos wird begraben: Ev Tois dvatoAıkwrepoig 
ns tmölews npös TW Aukaßrntrw Marin. vit. Procl. 
Dieselbe Lage bezeugt die Erzählung des Amelesagoras 
bei Antig. Caryst. 12, dafs Atlıene ihn auf dem Wege 
von Pallene zur Akropolis habe fallen lassen.) 
Dieser Berg erscheint freilich nur von der Stadt- 
seite aus isoliert; nach Nordosten hängt er mit 
einem zweiten, etwas höheren, gratartigen Gipfel, 
sodann durch eine Einsattelung getrennt, aber doch 
deutlich genug mit der Turkovunikette zusammen. 
Als losgerissene Teile derselben Kette geben sich 
nun auch die übrigen Felserhebungen des eigent- 
lichen Stadtgebietes zu erkennen, welche in zwei 
Reihen, einer inneren (nordöstlichen) und einer 
äulseren (südwestlichen) die Richtung des Lyka- 
bettos in einer flachen Kurve fortsetzen. Die innere 
Reihe besteht aus Akropolis (mit 150m durch- 
schnittlicher Erhebung), Areiopag (bis zu 115 m) 
(Töv karevavriov TG Axpotöklos Ööxllov Herod. VIII, 
52; Operationspunkt der Amazonen gegen die Akro- 
polis, Aeschyl. Eumenid 680 f., Aualövwv &dpuv — ÖTE 
...Tnvaolıv... Avremüpywoav T6Te) und dein flachen 
Plateau (ca. 90 m), welches wir nach der Kapelle 
der Hag. Marina benennen. Die äufsere, kom- 
paktere Gruppe setzt sich aus drei längeren, durch 
zwei parallele Einschnitte geteilten südwestwärts 
streichenden Felsrücken zusammen: der Akropolis 
liegt südwestlich die höchste, gratartige Erhebung 
(bis zu 147,4 m) gegenüber, welche das Grabmal des 
Syrers Antivchos Philopappos trägt (s. unten). 
Danach bestimmt sich aus Pausanias der antike 
Name der Höhe als Museion (l, 25, 8 Eorı bE Evrös 
tod nepıßöAov TOD Apxalouv TÖ Movoeiov, Atavrıkpü 
MS AxKpotöAews Adpog ... ÜOTEPOV dE kai uvfiua abrötı 
avdpi Wrodoundn Züpw, d.h. Philvpappos). Für die 
beiden andern Parallelrücken sind antike Namen im 
einzelnen nicht nachzuweisen ; gegenwärtig wird der 
mittlere nach der grofsen, unten zu besprechenden 
Terrassenanlage gewöhnlich im engeren Sinne als 
Pnyxhügel (bis zu 109,5 m), der zu äulserst nord- 
westliche, welcher in einen charakteristischen Fels- 
knauf (104,8 m) gipfelt, nach der darauf erbauten 
Sternwarte bezeichnet, oder mit Beziehung auf 
die altertümliche, am oberen Plateau in den Fels 
gegrabene, heute schwer leserliche Inschrift (€. 7. 
Att. I, 503 Hıiepöv | Nuup[Wwv] | deuoofiov?]) als: 
Nymphenhügel. In ihm berührt sich die äufsere 
Höhenreihe nahezu mit der inneren, da das Plateau 


Athen (Skizze der Landschaft). 


der Hag. Marina im Osten so nahe heranrückt, 
dafs man es gleichzeitig als einen Ausläufer des 
Nymphenhügels betrachten könnte. Anderseits setzt 
sich das Felsterrain des Nymphenhügels in flachen 
zerklüfteten Massen noch weiter in die nördliche 
Ebene fort und bildet somit für die ganze Westseite 
Athens eine sehr bestimmte Abgrenzung. Noch 
eine zweite, sanfte Erhebung im Innern des Stadt- 
gebietes nimmt gleichfalls nördliche Richtung an. 
Es ist der Hügel, welcher sich zungenartig vom 
Plateau der Hag. Marina aus erstreckt, nach dem 
wohlerhaltenen antiken, auf seiner nordöstlichen 
Endigung gelegenen Tempel, dem sog. Theseion, 
gewöhnlich Theseionhügel genannt. Zwischen 
diesen Erhebungen des städtischen Terrains sind 
zwei grofse Hauptebenen eingesenkt, welche sich 
östlich von der Akropolis berühren: das mulden- 
förmige, nach Südosten sich verbreiternde Thal 
zwischen der äufseren und der inneren Hügelreihe, 
eine Ebene, Jie allmählich in die Niederung des 
Ilisos herabsteigt (vgl. die beigegebene Abbildun: 
Taf. II); anderseits die gesamte, nördlich von Akro- 
polis und Arciopag zum Flufsgebiet des Kephisos 
und eines von Osten herkommenden Nebenbaches 
(Skiron ? Pausanias 1, 36, 4; vgl. Karten von Attika 
H.2 S. 15 nach Curtius KukAoßöpos) herabsteigende 
Fläche, deren tiefster Punkt an dem nachmaligen 
Hauptthore Athens, dem Dipylon, zu suchen ist 
(47,4m). Die nördliche Ebene bezeichnet in histo- 
rischer Zeit die bei weitem gröfsere Hälfte der be- 
wohnten Stadt. Besonders ausgezeichnet ist die 
muldenförmige Einsenkung zwischen dem sog. The- 
seionhügel und der von dem Nordabhang der Akro- 
polis ausgehenden Terrainerhebung, welche, im Süden 
von dem Areiopag begrenzt, sich nach Nordwesten 
in sehr allmählicher Neigung dem Gebiet des Ilisos 
und des Ölwaldes öffnet. In der That fand die 
Entwickelung des städtischen Lebens in dieser jetzt 
unter tiefer Verschüttung und dichter Bewohnung 
versunkenen Örtlichkeit, wie wir sehen werden, ihr 
natürliches Centrum. 

Umfang und Einteilung der Stadt. 

(Mauern, Thore, städtische Bezirke.) 

Als Grenze des eigentlichen Stadtgebietes gilt 
uns bis in die römische Zeit hinein (wo eine Über- 
schreitung nach Östen hin erfolgte) der Verlauf 
einer Ringmauer, offenbar Jder themistokleischen 
‚Thukyd. I, 89 f.), welcher in allen wesentlichen 
Punkten unverändert eingehalten wurde und noclı 
heute bis auf eine Strecke mit hinlänglicher Sicher- 
heit verfolgt werden kann. (Vgl. Curtius, Att. Studien 
Heft 1, Pnyx und Stadtinauer.) 

Am genauesten kennen wir heute Jdie im Laufe 
der Zeit vielfach umigestalteten Befestigungsanlagen 
am nordwestlichen, tiefsten Teile der Stadt (s. 
oben), welche seit 1873 durch die Ausgrabungen der 


BAUMEISTER. DENKMÄLER. 





Neu-Athen mit Akropolie 


In der Mitte div Burg von Athen (Akropolis) init den Ruinen des Parthenon; gerade unter denselbe 
nuch welter linke die hohen Säulen des Tempels des 


- TAFEL I. (zu seite 146,) 





ım Ilisos) aus gesehen. 


ch nicht aufgegrabene) Theater des Dionysos; links am Burgabhangu das Orleum des Heroes; 
Vontergrunde liuks der Bach Illsos mit Gärten. 


Athen (Umfang der Stadt). 147 


priechischen archäologischen Gesellschaft allmählich 
blofsgelegt worden sind. (Vgl. TIpaxrıra Ts Apx. 
erarpias 1873 S. 15 f., 1874 S. 9 f.; Arch. Ztg. 
XXXU S. 157 £. mit Holzschnitt und den Be- 
merkungen Adlers. Die genaueste Aufnahme durch 
G. v. Alten: Mitteil. d. arch. Inst. III Taf. 3, 4 mit 
seinem Text S. 28 f.£ Eine Fortsetzung der Aus- 
grabungen nach Südwesten hin: TTpaxrıxa 1880 
nebst Holzschnitt.) 

Zwei nach Nordwesten gerichtete, aber nach dem 
Innern der Stadt etwas konvergierende Thore, nur 
ca. 55 m voneinander entfernt (näheres darüber s. 
unten: Dipylon und den betreffenden Abschnitt 
der Stadtbeschreibung), sind durch eine doppelte 
Mauerlinie verbunden, von denen die äufsere (4,30 m 
im Durchmesser) nur den aus Konglomeratgestein 
hergestellten Unterbau aufweist; vor derselben zug 
noch ein Graben hin. Die innere, 5m entfernte 
Meauerlinie ist nur 2,50 ın dick und zeigt in ihrer 
erhaltenen Schicht zwei Reihen polygon gefügter 
Kalksteine, deren Zwischenraum mit lockerem Ma- 
teriale ausgefüllt war. Dieselbe Doppelmauer läfst 
sich auch jenseits der beiden Thore, nach Nordosten 
auf 36 bezw. 50 m, nach Südsüdwesten, wo sie die 
Höhe zu ersteigen beginnt, jetzt auf mehr als 36 m 
verfolgen (vgl. den Plan zu den TIpaxrıra 1880). 
Hier ist die Innenmauer (nur zum Teil polygonal' 
in 7—8 Schichten bis zur Höhe von 4m erhalten; 
die äufsere (Abstand hier ca. 9m), wiederum aus 
‘verkleideten?) Konglomeratsteinen erbaut, liegt teils 
umgestürzt am Boden, teils ist dieselbe bis zu einer 
Höhe von 14 Steinschichten erhalten; davor der 
Wassergraben (s. oben), in welchen aus der Mauer, 
wie auch dort, horizontale Wasserausgüsse hincin- 
führen. Wo die felsige, heute von der Eisenbahn 
durchschnittene, Terrainhebung beginnt, auf deren 
Höhe die Kapelle des Hag. Athanasios liegt, scheint 
die äufsere Parallelmauer ein Ende zu erreichen, 
offenbar weil der Felshang genügende Verstärkung 
bot. Von hier ab zeichnete die natürliche Be- 
schaffenheit der westlichen und südwestlichen Stadt- 
höhen den weiteren Verlauf der Mauer ziemlich be- 
stimmt vor, so dafs wir über denselben auf eine 
weite Strecke hin nicht zweifelhaft sein können. 
Dazu kommen an mehreren Stellen sichere Spuren, 
welche überall die auf die Terrainbeobachtung ge- 
stützten Voraussetzungen bestätigen. Einige Grund- 
mauerspuren am Abhange westlich der Athanasios- 
kapelle führen allmählich in südlicher Richtung 
nach der Senkung zwischen dieser Höhe und dem 
Nymphenhügel, durch welche heute die Nebenstrafse 
nach dem Peiraieus führt. Einige Zisternen und 
Mauerblöcke bezeichnen hier unverkennbar die Stelle 
eines antiken Thores, in welchem wir ohne Zögern 
das Peiraiische (Teipawn moAn Plut. Sull. 14) 
erkennen dürfen. Von hier scheint die Stadtmauer 


in knapper Kurve westlich hinter dem Sternwarten- 
hügel vorbeigezogen zu sein (Curtius, Att. Studien 
I, 66), um sich dann südlich desselben mit einem 
gleichfalls noch erkennbaren Thore für den Weg 
zu öffnen, welcher zwischen den südwestwärts 
streichenden Höhen des Nymphen- und Pnyxhügels 
auf kürzerem Wege vom Peiraieus heraufführt. So- 
dann verfolgen wir die Fortsetzung der Befestigung 
in südöstlicher Richtung quer über den Rücken des 
sog. Pnyxhügels hinweg, mit Einschlufs der grofsen 
Terrassenanlage, an eingeschnittenen Felsbahnen und 
(im südlichen Teile) von turmartigen Vorsprüngen 
herrührenden Schutthügeln bis in die zweite Sen- 
kung, welche Pnyxhügel und Museion trennt und 
in der (Gegend des Hag. Dimitrios Lumbardaris 
wiederum ein Thor voraussetzen läfst. Der Weg 
zur Höhe des Philopapposdenkmals ist sodann noch 
in erhaltenen Mauerresten aus Konglomeratstein 
bestimmt gegeben, ebenso der Abstieg zum llisos- 
thal in genau östlicher Richtung. (Über den An- 
schlufs der »Langen Mauern< s. unter Artikel 
»Peiraieuse.) Wo die Mauer, etwa südlich von 
der »antiken Säule« {s. die Karte), den vom Mili- 
tärhospital sich abzweigenden Nebenweg erreicht, 
begegnen wir von neuem Resten eines gröfseren 
Thores. Dieselben sind erst in jüngerer Zeit zu Tage 
getreten; vel. Revue archeol. XXI, 319 f. nebst 
der Inschrift C. J. Att. II, 982, welche die Errich- 
tung eines neuen Turmes bezeugt: ’Emi Zwoıyevoug 
üpxovros olde TOv tÜUpyov Aveinkav. Dieses Thor 
wird unten als das Itonische zu erweisen sein. 

Der weitere Verlauf der Mauer an dem Abhang 
des Ilisosbettes und diesem parallel bis in die Nähe 
des Olympieion ist durch zwei zu Tage liegende 
Reste vorspringender Türme gegeben, deren aus 
Konglomeratgestein bestehender Kern noch erhalten 
ist. Südlich und östlich der Olympieionterrasse, wo 
wir die Mauer herumzuführen durch die Terrain- 
verhältnisse genötigt werden, sind sichere Spuren 
heute nicht nachweisbar. Die Reste zwischen Olym- 
pieion und Kallirrhoö (Kaupert, Monatsber. d. Berl. 
Akad. 1879 S. 615) sind gewifs nicht mehr antik. 
Auch den »vierceckigen Turm« vor Jdem südlichen 
Rund des königlichen Schlofsgartens, dem »Stadium« 
gegenüber (Curtius, Att. Stud. S.69; Kaupert a.a.O. 
S. 615), halte ich für den Rest eines freistehenden 
Trügers der (hadrianischen) Wasserleitung. Da ich 
nun auch die in den königlichen Treibhäusern, sowie 
im Schlofsgarten befindlichen Reste (s. unten) als 
zur Stadtmauer gehörig nicht anzuerkennen vermag 
und um des von Thukydides angegebenen Mauer- 
umfangs willen eine möglichst weite Ausdehnung in 
dieser Richtung erwünscht scheint, so mufs der (auf 
unsrer Karte nach Curtius und Kaupert eingezeich- 
nete) Verlauf der ganzen östlichen Stadtbefestigung 
hypothetisch bleiben. 


148 


Im Norden scheint die Mauer, nach vereinzelt in 
neuerer Zeit aufgedeckten, aber wieder verschütteten 
Resten zu schliefsen, über den Hof des königlichen 
Marstalles weggehend (Curtius, Att. Stud. I, 70), 
die heutige Stadionstrafse schräge geschnitten zu 
haben (Haus Kosti, Bull. d. Inst. 1858 S. 178; Abge- 
ordnetenhaus: Rofs, Archäolog. Aufsätze II, 580), 
um dann beim Hause Melas in der Nähe des Post- 
gebäudes (TTpartıxa 1874 S. 24; ’Epnnepis Apyx. II, 
411, 426; Hermes VII, 259 f.) aus der nördlichen 
Richtung in eine westliche umzubiegen. Wenn auch 
die Zugehörigkeit jener Reste zur Stadtbefestigung 
mehrfach angezweifelt worden ist, so bezeichnen sie 
doch eine Grenzlinie, hinter welche die Peripherie der 
Ringmauer keinesfalls zurückgezogen werden darf. 

Für die nördliche Stadtgrenze bis zum Anschlufs 
an das Dipylon bieten einen Anhaltspunkt die Reste 
eines Thores, welches Stuart in der Nähe des 
heutigen Bankgebäudes sah, vermutlich des achar- 
nischen. Westlich davon sollen Spuren einer Pforte 
zwischen der Kapelle des Hag. Joannis Kolonnais 
und dem heutigen Theater sichthar gewesen sein 
(Kaupert a. n.O. S. 612). Sodann folgen, nur 180m 
vom Dipylon entfernt, die Reste eines Turmes, 
welche ich im Jahre 1877 gelegentlich eines Haus- 
baues zu Tage treten sah. 

Thukydides (II, 13, 7) gibt den Umfang des 
Stadtringes, soweit er eine Besatzung erforderte, auf 
43 Stadien an (II, 13, 7 abroü Toü kukkou TO PLAacod- 
HEvVovV Tpeis Kal TEOGapdkovra oradıon) und fügt hinzu, 
dafs das Stück zwischen der »langen« und der »pha- 
lerischen< Mauer unbewacht blieb (£orı de abroü d 
kai AplAuxKTov Tv TO HETAEU TOU TE Haxpoü kai ToU 
®aAnpıxod). Selbst wenn man diese letztere Be- 
merkung mit Curtius (Att. Stud. I, 75 Anm. ]) 
für einen späteren Zusatz hält (auch Wachsmuth, 
Athen I, 339 Anm. 3 neigt zu dieser Annahme), 
wird man ein dpLbAaktov aus dem vorangehenden 
@uAaooöuevov substituieren müssen. Dieses dpü- 
Aaxtov gibt nun der Scholiast zu der betreffenden 
Stelle auf 17 Stadien an. Offenbar hat er diese 
Zahl durch Subtraktion aus 60 Stadien erhalten, 
welche ihm als runde Summe vorschwebte. (So 
auch Aristodem. Müller frag. hist. gr. V,9,3.) Nun 
können wir, wie ich glaube, schon auf Grund unsrer 
jetzigen Kenntnis vom Verlauf der Stadtmauer zu- 
versichtlich behaupten, dafs die Zahl von 60 Stadien 
in keiner Weise herauszubringen ist und notwendig 
auf einem Irrtum beruhen mufs, vermutlich auf 
einer Verwechselung mit dem thatsächlich 60 Sta- 
dien messenden Mauerringe des Peiraieus. Kaupert 
hat für die Aufsenfront der gesamten athenischen 
Mauerlinie, wie er und Curtius sie geführt haben, 
mit Hinzunahme der Turmvorsprünge überhaupt 
nur 43 Stadien gewonnen (Monatsber. a.a.O. 8. 634), 
wobei das Stadienmafls von 184m zu Grunde gelegt 


a — > 


‚, klar. 


Athen (Umfang der Stadt). 


wurde. Vielleicht findet aber auch des »aäpükı 
noch Platz, wenn wir uns nur nicht an die 
Scholiasten gemachte unsinnige Entfernungsa 
von 17 Stadien für den Ansatzpunkt der (nördl 
langen Mauer und den der phalerischen b 
Ersterer wird beim Nymphenhügel zu suchen 
der Ort des Anschlusses der phalerischen Maı 
unbekannt. Denkbar wäre es immerhin, daf 
selbe weit näher beim Museion zu suchen is 
Kaupert in dem hier beigefügten Übersichtskä 
»Athen-Peiraieus< annimmt. Die daraus resulti« 
Länge von 4,50 bis 5 Stadien für das dp, 
wurde dann teils durch die weitere Ausdehnuı 
Stadtmauer nach Osten, wie wir sie oben ange 
haben, teils durch das von Dörpfeld (Mitt. d 
vIl, 227 £., 301) berechnete kleinere Stadienma 
177,5 m hinzugewonnen werden können. 
Fernere Schicksale der Stadtmauer. 
die Verengerung (?) des Mauerkreises unter 
bestand (Aristoph. Equ. 817 o0 d’ Atnvaiov 
znoag ukpotnoAitus anopfvar dtareiyilwv... | 
ovvdywv kai ovoteAlwv TA Teiyn), bleibt völl 
Grofse Reparaturen nach der Schlac 
Chäronea Aeschin. 1II, 27, 31; Liban. ad Dei 
XXX, 221, 1. Umfassende Herstellung unte 
brons Verwaltung ((‘. J. Att. II, 167). — Durch 
kleides und Mikion (C.J. Att. I, 379:. — B 
durch Sulla gelegt {Plut. Sull. 14). — Mauer] 
unter Valerian (Zosim. 1,29; Zonar. XI, 2% 
die Inschrift C. J. Att. III, 399, ca. 3. Jahrh. n. 
Unter Justinian (Procop. de aedif. IV, 2, B 
273%. — Über das Pekasgikon s. unten Akr 
— Über die Spuren einer »vorthemistoklei: 
Mauer s. unten »Hadriansthor«. — Über die 
tinische oder fränkische sog. » Valeriansmaı 
den Abschnitt Nordathen und Burgaufgang. 
Thore. Genannt sind oben bereits die 
paıkrı mUAn (nur einmal erwähnt Plut. Sull. ' 
Westen der Stadt, nördlich des Nymphenhüge: 
Axapvıxn nüAn im Norden (Hesych. s. v. A 
C. J. Att. III, 6LAII Z. 33— 36), und zw 
beiden das Dipylon, die grofse Thoranla; 
Nordwesten der Stadt. (Liv. XXXI, 24 port 
in ore urbis posita, major aliquanto, patentiorque 
ceterae.) Die Benennung wird im allgemein: 
sichert durch die Angabe, dafs durch das D 
der Weg zur Akademie (Cic. de finib. V,1,11 
Scyth. 2) in die thriasische (eleusinische) 
(Plut. Pericl. 30), sowie auch nach dem Pe: 


: (Polyb. XVI, 25; Lucian. navig. 17) führte 


Lage beim Gau Kerameikos (8. unten) ist b 
durch Plut. Sull. 14 (Töv Evrös Tod Aımblou 
neıxöv, daher auch Kepaueıxai nmUoAaı: H 
8. v. Kepayeikög. Vgl. Aristoph. Ran. 1125 £.), i 
bindung mit dem noch in situ zwischen der 
genannten Parallelmauer, nahe südwestlich 


Athen (Umfang der Stadt). 


Hauptthor befindlichen Inschriftsteine C. J. Att. II, 
1101: öpog Kepaueixod. — Das Dipylon hiefs einst 
thrissisches Thor (Plut. Pericl. 30 rapid räs 
Opraslas mLAas, al vüv Almukov Övoudlovraı), offen- 
bar ehe es eben ein geräumiges, dem gesteigerten 
Verkehrsbedürfnisse entsprechendes bimuAov gewor- 
den war. Wenn wir nun in nächster Nähe eines 
gröfseren neueren Thores ein unzweifelhaft älteres 
(das südwestlich gelegene s. oben S.147 und für das 
Altersverhältnis Arch. Ztg. 1875, XXXII, 160f. und 
Mitt. III, 33£.) noch daneben bestehen sehen, dessen 
Richtung genau auf die eleusinische Strafse, d.h. auf 
die thriasische Ebene weist, so folgt daraus, wie nr 
scheint, mit Sicherheit, dafs dieses das eigentliche 
thriasische Thor sei und dafs somit der Name Di- 
pylon eine Gesamtbezeichnung für die doppelte, nah 
benachbarte Thoranlage sei, nicht etwa von dem 
doppelten Verschlufs herrühre, der auch andern 
Thoren eigen ist. (Vgl. B. Schmidt, Die Thorfrage 
in der Topogr. Athens S. 19, Freiburg 1879; ähn- 
lich hatte ich selber mich bereits in einem Vortrage 
beim Institut in Athen geäufsert) Da nun der 
Weg nach Eleusis, weicher durch die thriasische 
Ebene führt, iepa 6865 genannt wurde (Paus. I, 36, 3, 
dagegen in den Grenzsteinen vgl.C. J. Att. 1,505 und 
II, 10 nur 8doc ’EXevoivdde), hat man geglaubt, 
demselben (kleineren) Thor noch einen zweiten oder 
dritten (nur bei Plut. Sull. 14 bezeugten) Namen: 
lepd muAn beilegen zu müssen. (So schon Leake, 
Topogr. 8. 164; v. Alten, Mitt. d. Inst. III, 33 £.; 
B. Schmidt a. a. 0. 8.16.) Sulla reifst in der Nacht 
ein Stück Mauer ein (TO uerafü rnc TTeipaikfic muAng 
xal TAc lepäg xartaoxdyas xal ovvonaküvas, also die 
ganze Strecke) und erobert Athen. Die Stelle wird 
vorher bezeichnet als: rönoc dAuWoıuos und: &podos 
H nö duvardv eivar kai padiov Unepßfivaı ToUs To- 
Mtulouc. Dies kann nimmermehr von der Höhe 
gelten, auf welcher die Kapelle des Hag. Athanasios 
liegt; auch ist die Linie zwischen Peiraieus- und 
Nordwestthor zu ausgedehnt. Endlich wird das Di- 
pylon von demselben Schriftsteller kurz darauf mit 
seinem gewöhnlichen Namen bezeichnet. (Wachs- 
muth, Athen I, 346 vermutet ansprechend dafs 
Thor, welches zur Richtstätte des in der Nähe 

*8 Peirniischen Thores gelegenen Barathron führte 
(e unten), iep& ıöAn genannt worden sei. Oder 
Sollte hplag nbAng zu lesen sein? Wir kennen das- 
®tlbe lediglich dem Namen nach als Begräbnisthor: 
.magn. 8. v. 'Hploı muAaı, Theophr. charact. 14.) 

Ein andres Thor hiefs das melitische (MeXi- 
Tides TÖölaı, nur in Verbindung mit dem aufserhalb 
Mm Gau Koile gelegenen Kimonischen Erbbegräbnis 
wähnt: Marcellin. vit. Thukyd. 17; Paus. I, 23, 9). 
der Gau Melite die ganze Pnyxgegend, d h. die 
Südwestliche Hügelgruppe Athens umfafste (s. unten 
’Melitee), so lag das melitische Thor vermutlich am 


149 


Ausgange eines der beiden Wege, welche jenes 
felsige Terrain der Länge nach durchschneiden, also 
südlich des Nyınphenhügels, oder (was weniger 
wahrscheinlich), in der Nähe der Kapelle des Hag. 
Dimitrios Lumbardaris. 

Das itonische Thor (Irwviaı miAaı) läfst sich 
vermittelst einer sicheren Kombination an die Süd- 
grenze der Stadt verlegen, wo die phulerische Strafse 
einmündet. Plato Axioch. 364d erwähnt dasselbe 
npös TM Analovidı ornAn und Pausanias (I, 2, 1) 
findet dieses Grabmal \der Amazone Antiope), als 
er die Stadt auf dem Wege von Phaleron her betritt. 

Die Bestimmung des diocharischen Thores 
im Osten der Stadt hängt von der Lage des Lykeion 
ab, worüber unten (iStrab. IX, 397 extös rwv Ato- 
xdpous nuAwWwv, mAnoiov TOD Aukelov). 

Das diomeische Thor (Atounis miüAn Alkiphr. 
III, 51, &) führte in den gleichfalls östlich gelegenen 
vorstädtischen Gau Diomeia (w. s.). 

Unbekannt ist die Lage des Reiterthores 
(Innades niiaı Alkiphr. a. a. 0. Vit. X orr. 849c 
C. J. Att. III, 61, Bd. 1,2. 23 m(pö)s A Innadı). 
Da in «diesem Verzeichnis von Grundstücken vor 
und nach der Erwähnung dieses Thores der Demos 
Ankyle genannt wird, könnte man auf eine be- 
nachbarte Lage schliefsen, also auf ein Thor der 
südlichen Stadtmauer (auf dem Wege nach Sunion ?). 

Ein Pförtchen in der Stadtmauer, an welchem 
man auf dem Wege von der Akademie zum Lykeion 
vorbeikommt, erwähnt Plato (Lys. 203a xara trıv 
nvAida 1 1) TTavonmos xprivn). Das Pförtchen im Kera- 
meikos, wo der Wein feil gehalten wurde (bei Isaios 
VI, 20 erwähnt), ist vermutlich identisch ınit dem, 
welches noch heute neben dem südwestlichen Dipy- 
Ionthore erhalten ist. (Dabei scheint sogar eine 
Kelteranlage erhalten zu sein; vgl. den Plan der 
Tpaxrıca 1880 bei ß.) Fine dritte nvAic, durch 
welche Lachares entfloh, erwähnt Polyain. III, 7,1. 

Einteilung der Stadt. Wie das übrige At- 
tika, so zerfiel auch das Gebiet von Athen in ein- 
zelne Gaue oder Demen, die wohl zum Teil erst 
bei der kleisthenischen Demenverfassung unter Zu- 
grundelegung schon vorhandener Lokalnamen be- 
stimmter abgegrenzt worden sind (die öpıouoi TAG 
nökews, Schol. Aristoph. Av. 997). Später wurden 
diese Grenzen wieder unklar (wie zwischen Kollytos 
und Melite, Eratosthenes bei Strab. I, 65), so dafs 
der Name des ehemaligen Demos gar nicht selten 
nur noch an einer einzelnen Strafse oder einem 
Platze haften blieb (vgl. unten Kollytos als orevw- 
mög, Kerameikos, Kolonos). 

Da die Demeneinteilung auf alter Grundlage er- 
wuchs, so bildet die Stadtmauer auch in keinem 
sicheren Falle eine Grenze für dieselbe. Als völlig 
binnenstädtischen Demos können wir zuversicht- 
licher nur Kudatrnvarov betrachten, einen Demos, 


10* 


150 


dessen Name vermuten läfst, dafs er bei der Auf- 
teilung der Stadt erst neu geschaffen worden sei 
(Hesych. s. v. Kudatnvalos‘ dos TAG TTavdıovidog 
puAng Ev Acteı). Unserer Meinung nach hat Kud- 
adrıvaıov den ehrwürdigsten Stadtteil Atlıens südlich 
der Akropolis (Thukyd. II, 15) umfafst. 

Im allgemeinen wird auch der Demos Melite, 
dessen Nachbardemen (vgl. unten Keiriadai und 
Koile) von aufsen her nah an die Mauer grenzten, 
auf das Innere der Stadt beschränkt gewesen sein. 
Melite nalım die südwestlichen Felshöhen Athens 
ein, die Pnyxgegend (Plat. Krit. 112a Töv Aukußnr- 
ToÖV ... €EK TOD xaravrıkpd TAs TTuxvöos verglichen 
mit Schol. Aristoph. Av. 997 Tö xwpiov... db tepı- 
Aaußaverar kai fi TIvuE... Melitn Yap Ätav Exelvo, 
Ws Ev Tois dpiouois Yerypantar TAG Töiewc); doch 
mufs Melite sich auch noch auf die nördlichen Aus- 
läufer dieser Höhengruppe, welche die westliche Be- 
grenzung der Stadt bilden, erstreckt haben: Themi- 
stokles wohnte, nach Plut. Them. 22, in Melite beim 
Heiligtum der Artemis Aristobule. Dieses war 
wieder dem Richtplatz kenachbart, an welchem man 
auf dem Wege nach dem Peiruieus (durch das West- 
thor, s. oben) vorbeikam. (So im Leben des Philo- 
sophen Secundus, ägypt. Papyrus; s. Sauppe. Philol. 
XVII, 152: xareßaıvov eis TTeipaıdk' Nv Yap d Tömog 
exelvn rwv koAaZöuevwv, vgl. Plato rep. 439e.) Östlich 
grenzte dieser Demos unmittelbar an den Markt 
(s. Kerameikos und Agora in der Stadtbeschrei- 
bung): Plato Parmenid. 126c oixei de (AvrıpWbv) 
€yrös (d.h. vom Markt aus) ev MeAitn. Noch mehr: 
Wenn nach der Schilderung bei Demosthenes (LIV, 7) 
Ktesias den Weg der Spaziergänger, welche den 
Markt auf und ab wandeln, bei Leokorion kreuzt, 
um von da direkt nach Melite heraufzugehen (mepı- 
raroDvTog... Ev Ayopd mov trapepxeraı Krnolas... 
xara T6O Acwxöpiov. karıdWv d' Nuäg rapie Trpöc 
Mekitnv üvw), so mufs der Hügel, auf welchem das 
sog. Theseion liegt, noch zu Melite gehört haben. 
Denn das Leokorion lag bereits am Nordende des 
Marktes, im Verkaufsbazar (€yyös tWwv TTuloddpou, 
d.h. bei den Buden des Pythodoros ; vgl. Harpocrat. 
8. V. oxnvirng), nicht mehr weit vom Kerameikos- 
thor, wie der Bericht des Thukydides von der FEr- 
mordung des Hipparch erweist; (hier ordnete der- 
selbe noch den Panathenäenzug: I, 20; die Tyrannen- 
mörder kommen durch das Thor gestürmt: V1, 57: 
WOTEp EiXov Üpundav elow TWv TUAWYV Kal TTEPIETU- 
xov ro Inndpxw tapa Tö Acwaöpıiov Kakoluevov). 

Sicher bestimmbar ist ferner die Lage des Demos 
Kerameikos. Derselbe dehnte sich sowohl inner- 
halb als aufserhalb der Stadt aus (Harpocrat. 8. v. 
Kepaueikög‘ AvrıpWv ev TW rpös Nirorkea Trepi Öpwv' 
örı dbo eiol Kepaneikoi ... 6 uev Evdöv TAG TröAewg, 
ö de Erepog EEw vgl. Schol. Aristoph. Equ. 772, Av. 
395). Aufserhalb reichte derselbe vom Dipylon (vgl. 


Athen (Einteilung der Stadt). 


den oben aufgeführten Grenzstein öposg Kepaueikod) 
bis zu der (nach Cic. de finib. V, 1, 1) 6 Stadien 
entfernten Akademie (Hesych. s. v. Axadnnia, Steph. 
Ryz. s. v. 'Exadnuia). In dem Evrös Tob Atmbkou 
Kepaneic (Plut. Sull. 14) lag die durch den Fund 
der Epistylinschrift heute mit Sicherheit bestimmte 
Stoa des Attalos (s. unten und die Karte), deren 
Ruine den ÖOstrand jener nördlich vom Areiopag 
ausgebreiteten Niederung einnimmt, gegenüber dem 
sog. Theseion (Athenaios V, 212f.: mAnpns nv 6 
Kepaueinög dorWwv xai Eevwv... Aavaßdc oüv Eri TO 
Pina tö npö THs ArrtdAov 0Toäs u. 8. w.). Der 
Kerameikos reichte sogar bis zum (westlichen) Burg- 
aufgange (Arrhian. anabas. III, 16, 8 kai vüv xeivraı 
Atnvnow ev Kepaueikb ai eiköves (der Tyrannen- 
mörder) h ävıuev eis rnv nöAıv), d.h. er begriff da- 
mals die gesamte Agora bis zu ihrem Südrande in 
sich: Lucian. Paras. 48 ai vüv Eotnke xaAkoüg (Ari- 
stogeiton) Ev TH dyopd era TWv tadırWv (u. a. m. 
vgl. Tyrannenmörder).. Bei Tausanias findet sich 
der Name Kerameikos sogar lediglich auf die Agora 
beschränkt (I, 3, 1 xwplov 6 Kepaueikög vel. I, 2, 4; 
1, 14, 6). Andre sichere Beispiele für die Gleich- 
setzung von Agora und Kerameikos s. K. O. Müller, 
Götting. Index lect. 1840 S.8; Zestermann, Die ant. 
u. die christl. Basiliken 8. 36. Indes mufs betont 
werden, dafs dieser ausgedehnte oder gar partielle 
Gebrauch des Wortes Kerameikos nur durch späte 
Zeugnisse zu belegen ist, während wir z. B. inı 5. 
und 4. Jahrh. für die Agora nur diesen einen Nanıen 
vorfinden. Mit Kerameikos wird nur die Gegend 
aufserhalb und «die nähere Umgebung innerhalb des 
Nordwestthores bezeichnet. Sehr ausschliefslich 
klingt noch die Wendung bei Thukydides VI, 57: 
“Innias (rois TTavadnvaloıs) EEw Ev Tb KepaneınW 
xalouuevw...dıexdouer (Tv rounnv), auch Plato 
Parmenid. 127b: rapd rW TTuyodbpw Extödc TEIXoUG 
Ev Kepaueik; vgl. Aristoph. Av. 395 6 Kepaueiköc 
dezeran vi (als Grabstätte). Ran. 128 xadepıuosv 
vuv Es Kepaueiköv (die Stätte des Fackellaufs). Am 
Thore: Aristoph. Ran. 1093 f. x&t’ oi Kepaufis | Ev 
raicı nbAaıg nalouc’ aurod | Yaorepa u.8s. w. Inner- 
halb der Stadt (?) lag (Isaios VI, 20): ri Ev Kepa- 
new ouvomkla f trapd Trv mruAlda, o0 6 olvog dbvioc. 
Vom Standort der Wurstverkäufer gilt: Aristoph. 
Equ. 772: N xpedypa ... &Axolunv Es Kepaneıröv. 
Daraus möchte man schliefsen, dafs das Centrum 
des Töpfergaues ursprünglich nördlich lag und dafs 
sich dieser handwerkliche Demos von vornherein 
gewils nicht bis zum Burgaufgange ausgedehnt hat. 
Es kommt noch hinzu, dafs wir urkundlich eine 
Gleichsetzung der ganzen Agora mit dem Kern- 
meikos nicht nachweisen können. Die beiden ein- 
zigen mir bekannten Beispiele erweisen vielmehr 
den Gegensatz: der schon mehrfach erwähnte Grenz- 
stein ©. J. Att. I, 1101 (2. Jahrh. v. Chr.) süd- 


Athen (Einteilung der Stadt). 


westlich vom Hauptthor des Dipylon {dem ein zweiter 
nordöstlich entsprach) zeigt uns den Namen für 
jene Zeit offenbar auf eine nicht allzubreite Zone 
aufserhalb wie innerhalb der Mauern beschränkt 
und die Stelle eines aus dem 1. Jahrh. v. Chr. 
stanımenden Ehrendekrets: C. J. Att. II, 421 Z. 13 
(von der Aufstellung einer Statue des Miltiades 
S. d. Zoilos: mp6 TA] Ev Kepaueikw uaxpäs ot[oäg, 
stände unter zahlreichen älteren und späteren In- 
schriften dieser Art, welche stets die Agora selber 
nennen, so vereinzelt da, dafs wir schon aus diesem 
Grunde (sowie aus andern s. unten) die »lange 
Halle« ganz gewifs aufserhalb des eigentlichen (süd- 
lichen‘ Marktgebietes zu suchen haben. Als die 
politische Bedeutung des letzteren schwand und die 
römischen Feldherren ihre Rednertribüne sogar vor 
der Attalosstoa (is. oben; aufschlugen, mochte der 
Sprachgebrauch jene weiteste Ausdehnung em- 
pfangen baben. 

In bezug auf die Lage «des Denws Kollytos ist 
bis heute noch keine Übereinstimmung der Mei- 
nungen erzielt worden. Kollytos stiels an Melite, 
wenn man auch später die Grenze nicht bestimmt 
aufzuzeigen vermochte \Strab. I, 65 un Yap övrwv 
äxpıBüov öpwv xaddrrep KoAAurob xai Melitns x. T.A.; 
vgl. ebendas. S. 66); es mufs zugleich ein teilweise 
vorstädtischer Demos gewesen sein (Aeschin. 1, 157 
ev Tois xar' Aypous Arovuciois KouwdWv ÖVTWwv Ev 
KoAlurw, vgl. Demosth. XVIII, 180); doch führt 
Himerius bei Photius \bibl. 375 b, 6) eine Bazargasse 
dieses Namens inmitten der Stadt auf (oTevwırög 
rıs fiv KoAAurös ourTw Kakoluevos Ev TW HEGULTATW 
TNs möoAews, driuou uev Exwv ErtWvuuov, Aayopäc 82 
xpela rıuWwuevos). Eine Berührung mit Melite ist 
nach dem obigen nur an der Nord- oder der Südost- 
seite dieses Demos denkbar. Im Südosten suchten 
wir aber Kydathenaion, auch würde man nicht ohne 
weiteres von dem (ländlichen! Theater im Kollytos 
sprechen, wenn das städtische Dionysostheater /süd- 
lich der Burg) zu demselben Gau gehört hätte. 
(Deinosth. a. a. O.: dv Ev KoAlurb more Oivönaov 
xakWs Urrokpivöuevos Enerpiwac). Endlich scheinen 
hier die vorstädtischen Bezirke durch die Demen 
Ankvle und Agryle besetzt (s. unten‘. Am meisten 
empfiehlt sich daher meines Erachtens die schr be- 
lebte Gegend, welche nördlich von Melite, westlich 
vom Kerameikos ein Stück der inneren Stadt umfafst 
und sich aufserhalb bis an den Ölwald hinzieht. 

Dagegen erwächst eine Schwierigkeit daraus, dafs 
auch ein andrer Demos, der Kolonos, dieselbe 
Lage, westlich vom Markte und dein Kerameikos, 
zu beanspruchen scheint. In der antiken Litteratur 
kommt derselbe fast ausschliefslich als Dienstmänner- 
standplatz vor (Harpoer. 8. v. KoAwverac’ ToUg uioHw- 
tous KoAwveras Wvöualov, Eneidn apa Tw KoAwvü 
eiornxeoav; vgl. Pollux VII, 132; Hesych. s. v. öy' 


151 


nAlles u. a... Ein Quartier aber bezeichnet wenig- 
stens Aeschines (1, 125: ı)} ev KoAwvö ouvoikiu N Ar- 
novos kadouuevn‘; dasselbe beweist die Gegenüber- 
stellung des äufseren Kolonos IHHippios (Poll. a.a.O. 
dbo övrwv KoAwvwv 6 uev Immog Eekakeito... 6 d' nv 
ev Ayopd tapa TO Ebpucdkeiov) wenigstens in der 
Auffassung bei Diodor und Philochoros \Harpocr. 
a.a. 0. wepi TWwv KoAwvWv Atddwpös TE 6 Trepınyn- 
tris Kai PiAöxopos Ev A Tpırn Aritidog dreiniättev). 
Endlich aber haben aus den Prytanenurkunden 
Dittenberzer (Hermes IX, 403 f. 415) zwei Demen 
dieses Namens, Köhler :Mitt. d. Inst. IV, 102) »mit 
unumstöfslicher Sicherheit bereits für den An- 
fang des 4. Jahrh. sogar drei Demen Kolonos (der 
Phyle Aigeis, Leontis und Antiochis angehörig) er- 
mittelt, deren einer gewifls ınit jenem städtischen 
Platze zusammenhing. Da sich der Kolonos Hip- 
pios etwa 10 Stadien aufserhalb der Stadt (Thukyd. 
VII, 6% in der Nähe der Akademie befand (Cic. 
de finib. V, 1, näheres unten), so liegt die An- 
nahme am nächsten, dafs die drei Kolonoi auch 
örtlich zusammenlagen, mit andern Worten, dafs 
ein bis in «die Stadt reichender Bezirk dieses Namens 
auf drei verschiedene Phylen verteilt wurde. (So 
auch €. O. Müller, Sed. leet. S. 8, Göttingen 1840.) 
Nur dann konnte der Name des Kolonos ohne unter- 
scheidendes Beiwort gebraucht werden (z.B. Aristoph. 
Av. 997), während es in jeder Beziehung auffallend 
wäre, die beiden Kolonoi durch einen dritten Demos 
ıden Kerameikos) getrennt zu sehen. 

Anderseits scheinen die erhaltenen Angaben 
über den städtischen Platz Kolonos (den Kolonos 
uiot!tog oder Ayopatog) gerade diese Ansetzung (west- 
lich vom Markte: zu fordern. Wir erfahren, dafs 
derselbe in der Nähe der Agora beim Hephaisteion 
und Eurysekeion lag. (Harpocr. s. v. KoAwvertas‘' 
qAnciov TAG Ayopäs, evdu TO "Hopaıcreiov kal To 
Ebpuodkeiöv Eotıv. — Poll. VII, 133 6 d’ nv Ev dyopd 
mapa to Ebpuodkeiov; vgl. Argum. 1I, Soph. Oed. 
Col. 16, 10; Dindorf.) Über beide Heiligtümer liegen 
Angaben vor, welehe man gegenwärtig übereinstim- 
mend auf die Gegend des sog. Theseionhügels be- 
zogen hat. iPaus. I, 14, 6; Harporr. 8. v. Ebpvod- 
keiov.) Wir können das Gewicht dieser Gründe erst 
unten im Zusammenhang mit der Marktwanderung 
des Pausanias erwägen. 

Aufser den genannten Demen, welche zum Teil 
innerhalb der Stadt lagen, sind uns ausschliefslich 
vorstädtische bekannt. 

Diomeia, der Phyle Aigeis angehörig, enthielt 
das Heraklesheiligtum und Gymnasion Kynosarges 
vgl. Schol. Aristoph. Ran. 651; Harpocr. s. v. €v 
Aroueiorig ‘'Hpdrkeiov u. a.) und ist mit (demselben 
östlich aufserhalb der Stadt zu verlegen (vgl. unten 
Kvnosarges). Nach dem Demos war das oben er- 
wähnte Diomeische Thor benannt. 


152 Athen (südwestlicher Teil). 


Die auf dem linken Ilisosufer gelegene Vorstadt 
Agrai (Paus. I, 19, 6), welche selbst keinen Demos 
bezeichnet, dürfte einerseits (im östlichen Teile) zum 
Gau Agryle gehören, weil bei ihm der Berg Ar- 
dettos in der Nähe des Stadion (s. die Karte) und 
des Ilisos gelegen hat: Harpoer. s. v. Apdntrög... 
tönos Adınvnoıv Umep TO oTadıov TO Tlavuyınvaiköv 
(Poll. VIII, 122: mAnotov, Hesych s. v. Apöntrtöc: 
eyyös) npös rw driuw TWVv Unevepilev Aypukewv. 

Sodann bildete der Demos Ankyle eine Vor- 
stadt (npodorteiov), welches man von «dem im öst- 
lichen Teil der Peiraieushalbinsel gelegenen Bade 
Serangeion (vgl. Peiraieus) in der Richtung auf Athen 
erreichte, also wohl vor der Mitte der südlichen 
Mauer. (Alkiphr. ep. III, 43 Aovoduevoi eig TO Ev 
Znparvelw Bakaveiov...dp6uov APPpEvres Eis TO TTPO- 
doteıov tig Ayxüinc.) 

Weiter westlich, an Melite grenzend, wird der 
Demos Koile erwähnt (Anonym. Biogr. d. Thukyd. 
& 10 erdpn minoiov rwv Mekıtidwv nuAWv Ev Xwpiw 
ns Artıkfs, 5 tpocayopebderar KolAn;, vgl. Herod. 
VI, 103; Marcell. vit. Thukyd. $17,55; Paus. I, 23, 9). 

Vor dem peiraiischen Thore lag der Gau Kei- 
riadai, in welchem sich die Richtstätte, das Bara- 
thron, befand, dessen Spuren wir noch heute in 
den tiefen Felsschluchten westlich des Nymphen- 
hügels erkennen dürfen (Curtius, Att. Stud. I, 8; 
Bekker anecd. gr. I, 219, 11 Bapattpov: ‘Atlyvnaor d’ nv 
öpuyuad rı Ev KeipiadWöv driuw; vgl. dazu das oben 
bei Melite Angeführte). 

Über einzelne städtische Ortsbezeichnungen, wie 
Kfjnoı, Alyuvar vgl. die Tokalbeschreibung der Stadt. 

Die Einzelschilderung Athens suchen wir thun- 
lichst an die Periegese des Pausanias (TTlepınynois 
ns "EAAddog I, 2,4 bis XXVIIL, 4: zu knüpfen, soweit 
sie örtlich zusammenhängt. Im allgemeinen kann 
man (von der Akropolis aus gerechnet) eine nörd- 
liche Partie (I, 2, 4 bis XVIIL, 4; ausgenommen 
VII, 6 bis XIV, 6), eine östliche (XVIIL, 4 bis 
XX, 3), eine südliche (von XX, 3 bis XXL, 4; 
dazu VIII, 6 bis XIV, 6% unterscheiden. Darauf 
folgt (von XXI, 4 bis XXVIIL, 4) die Beschreibung 
der Akropolis, welche für uns den Schlufs der 
Stadtbeschreibung macht, da sich Gelegenheit bieten 
wird, alles übrige, auch die Anlagen aufserhalb der 
Stadt, an entsprechenden Stellen einzuordnen. 

Aufserdem gibt es aber einen ganzen Stadtteil, 
auf welchen sich die Wanderung des Pausanias 
überhaupt nicht erstreckt hat, die südwestlich in 
Melite (s. oben) gelegene Hügelgegend der Pnyx. 
Mit diesem Namen bezeichnet Plato (Krit. 112a) die 
äufserste Höhe der Stadt gegenüber dem I,ykabettos : 
töv Aukaßnttöv Ex ToD katavrırpü tfs TIuxvöc. Klei- 
demos (bei Plut. Thes. 27) scheidet Pnyx und Mu- 
seion (s. oben); doch hat der volkstümliche Sprach- 
gebrauch ohne Zweifel die gesamte, dem Auge sich 


als Einheit darstellende Hügelgruppe mit dem um- 
fassenderen Namen Pnyx belegt. 

Da die interessanten und unvergänglichen Spuren 
der Felsbearbeitung, welche jene Gegend be- 
decken, zugleich ein einheitliches Gepräge tragen 
und vielfach hohes Altertum verraten, so schicken 
wir das Kapitel über 

das südwestliche (felsige‘ Athen 
jenen vier, dem Pausanias folgenden Abschnitten 
voraus. 

Der eigentümliche Charakter der Felsbearbeitun- 
gen in Melite setzt uns in den Stand, unser Gebiet 
ganz bestimmt abzugrenzen. Dieselben erstrecken 
sich vom Östabhange des Museionhügels über die 
»Pnyxhöhe« und den Rücken des Nymphenhügels, 
sodann aber auch über das Plateau der Hag. Ma- 
rina und den Areiopag. Alle übrigen Felshöhen 
Athens, z. B. Akropolis und ihre Abhänge, die Agrai- 
gegend u. s. w. bieten keine Analogie dazu. Die an 
dem überaus harten, graubraunen Gestein ausge- 
führten Glättungen, Einschnitte, Vertiefungen, Höh- 
lungen lassen sich nach zum Teil sicheren Kriterien 
als IHlausplätze, Vorratsräume, Verbindungswege, 
Raınpen und Treppen (dazu Entwässerungsrinnen), 
als Versammlungsplätze für sakrale oder pro- 
fane Zwecke, als Votivnischen und Altarreste, 
endlich als Gräber und Steinbrucharbeiten erkennen. 

Die Weg- und Treppenanlagen erweisen anı 
deutlichsten das ehemalige Vorhandensein einer 
aystematisch-zusammenhängenden Besiedelung, der 
auch ein natürliches Centrum, «die Senkung zwischen 
den fünf Hügeln, nicht fehlte. Dafür ist nament- 
lich der Umstand bezeichnend, dafs sowohl Areiopag 
wie Hag. Marina nicht auf der Nordseite, sondern 
am Südabhang, wo sich auch die meisten Wohnungen 
zusammendrängten, durch zuhlreichere Aufgänge er- 
steigbar und mit Randwegen versehen waren, die 
heute nur noch stellenweise erhalten sind. Andre 
Wegerichtungen sind oft nur an den eingetieften 
Wasserrinnen erkennbar, welche sie begleiteten. 
Eine sehr tiefe Wasserrinne folgt denn vom Hag. 
Dimitrios Lumbardaris ausgehenden Schluchtwege; 
ebenda (auch sonst) Rillen für Lasttieree. Wagen- 
geleise sind nicht sicher nachweisbar. Die Haus- 
stätten, welche über- und nebeneinander alle nack- 
ten Felsflächen bedecken, geben sich als horizontal 
geebnete viereckige Räume von sehr verschiedener 
Ausdehnung zu erkennen, deren Begrenzung von 
dem natürlichen Felsen gebildet wird. Bei einem 
Komplex von mehreren Gemächern liefs man einen 
Felsgrat in der beabsichtigten Breite der Zwischen- 
mauer stehen. Danach scheinen die Wände sehr 
schwach gewesen zu sein; sie bestanden unten ver- 
mutlich aus Lehm nnd Bruchsteinen. Oben dürfen 
wir mit Sicherheit Holzkonstruktion voraussetzen. 
Da sich nirgends eine Spur von Schwellen (abgesehen 


Athen (südwestlicher Teil). 


von einigen späten Beispielen am Areiopag‘ oder 
Thüren zeigt, waren vermutlich nur die oberen 
Stockwerke von aufsen durch Holztreppen zugäng- 
lich gemacht. 

Von diesen {ältesten Wohnungsanlagen zu schei- 
den sind Reste späterer Häuser mit verputzten 
Wänden aus Bruchsteinen und mit Fufsböden, die 
aus mandelförmigen Meerkieseln über dem unge- 
ebneten Felsen (durch Ausfüllung mit Erde) her- 
gestellt sind. Eine andre Gattung von Wohnungen, 
nicht minder jüngeren Ursprunges, benutzte (ie 
vertikal geglätteten Abhänge der Felshöhen als 
Wände und vermittelst zahlreich eingzemeifselter 
Löcher als Halt für das Balkenwerk. Der relativ 
späte Charakter dieser Häuser wird erwiesen durch 
die Umgestaltung und Mitbenutzung von Girabkam- 
mern zu Wohnungszwecken is. unten das »Grefüngnis 
dies Sokrates«), sowie gelegentlich (z. B. am Südrande 
des Hag. Marinaplateaus) durch Zerstörung des oben 
an der Kante entlang laufenden Weges. 

Als besonders hervorragende Leistungen auf dem 
Gebiete dieser mühsamen und mit züher Energie 
durchgeführten Felsarbeiten stellen sich die grofsen 
flaschenförmigen Zisternen dar, welche oben mit 
schmaler Mündung (0,60 — 0,75 nı) eine Tiefe von 5 ın 
und einen unteren Durchmesser von 4m erreichen. 
Dieselben wurden offenbar auch später benutzt und 
zeigen noch vielfach einen inneren Ausputz von 
Stuck. Ihrer Hauptbestimmung nach dienten sie 
sicherlich als Wasserbehälter; bisweilen sieht man 
hineingeleitete Rinnen. Die Zahl dieser Reservoirs 
beträgt heute etwa 60, doch liegen viele unzweifel- 
haft noch verschüttet. 

Das Vorhandensein von Kultusstätten wird 
uns zunächst durch Votivnischen von bekannter 
Form verbürgt, die wir nicht selten an vertikal ge- 
glätteten Felswänden sehen (vgl. z. B. Atlas von 
Athen Bl. VI, 3) und die Felswand der sog. P’nyx 
(Bl. V, 1). Ebenda finden wir auch die unverkenn- 
baren Reste eines Felsaltars (is. unten 8.158) und 
die eines zweiten nicht weit vom Südrande des Dla- 
teaus der Hag. Marina, nach der Mitte zu; davor stelıt 
in grofsen deutlichen Zügen auf der fast horizontalen, 
dem Randwege etwas zugeneigten Felsfläche die alter- 
tümliche Inschrift: C. J. Att. I, 404: öpos Aıdc. 

Von Versammlungsplätzen kennen wir, ab- 
gesehen von der Doppelterrasse der sog. Pnyx und 
der Stätte des Gerichtshofes auf dem Areiopag (über 
Beides weiter unten), namentlich eine Örtlichkeit 
auf dem Westabhange des Museionhügels (ca. 230m 
von der Kapelle des Hag. Dimitrios entfernt), welche 
unter dem Namen Siebensesselplatz aufgeführt 
zu werden pflegt. (Vgl. die Ansicht im Atlas von 
Athen Bl. VI, 4; Grundrifs im Text S. 20.) In die 
‚nach Westen gerichtete Felswand sind’nebeneinander 
sieben sehr einfache Steinsitze eingemeifselt. Am 


153 


Nordende springt die Felswand im rechten Winkel 
nach Westen um; hier befindet sich eine Art von 
Steinbank mit Vertiefung, wie um eine Mauer auf- 
zunehmen; die von dem Winkel umfafste Fläche bildet 
einen gecbneten Platz vor den Sesseln. Sehr wahr- 
scheinlich ist die Vermutung, dafs diese Stätte einst 
als Gerichtshof benutzt wurde, wie solche e&v 
dpavei ns trölewc ‚Paus. 1,28,8) vorhanden waren. 

Finen nicht unwesentlichen Bestandteil der im 
Pnyxgebiet erhaltenen Anlagen bilden die Gräber, 
unter welchen die an den Rändern der Plateaus 
horizontal in den Felsen getriebenen CGirabkam- 
mern von den schachtartieen, vertikal eingesenkten 
viereckigen Felsgräbern auf den Höhen und Ab- 
hängen wohl zu scheiden sind. Die letzteren, oft 
mit Falzen am oberen Rande (für horizontalen 
Plattenverschlufs versehen‘, finden sich in besonders 
grofser Anzahl längs den Schluchtwegen wruppiert, 
aber auch auf den ]Ilöhen, namentlich dem mitt- 
leren Pnyxrücken, vor. Da sie sehr häufig inner- 
halb der viereckig geebneten Hausstellen liegen, 
wlaubte man irrtümlich auf eine prähistorische (?' 
Epoche schliefsen zu dürfen, in welcher die Toten 
unter den Wohnungen der Lebenden bestattet 
worden seien. Vielmehr ist zu erweisen, dafs diese 
(wräber erst angelegt worden sind, nachdem jene 
Stätten längst verlassen waren und sich, wie heute, 
nur noch als geebnete Felsflächen darstellten. Für 
den späteren Ursprung der Ciräber spricht zunächst 
die Beobachtung, dafs dieselben sich nur aufser- 
halb der historischen Stadtmauer vorfinden, welche 
wir vom Nymphenhügel zur Höhe des Museion ver- 
folgt haben, während dieselbe, wie schon oben her- 
vorgehoben wurde, für die übrigen im Felsen erhal- 
tenen Anlagen durchaus keine Grenze bildet. Als 
besonders wichtig ergaben sich nıir sodann bei 
näherer Prüfung des Terrains einzelne Beispiele, 
welehe jene Gräber nicht {wie es um der Bequenı- 
lichkeit und Symmetrie willen meist geschah) inner- 
halb der geebneten Flächen, parallel zu ihren Be- 
grenzungeen angelegt zeigen, sondern so, dafs sie die 
Ränder der Vierecke, auf (denen einst die Mauern 
geruhit haben müssen, schräg durchschneiden. Ein 
solcher Fall bietet sich z. B. auf der rechten Seite 
des von Hag. DPimitrios ILnmbardaris ausgehenden 
Schluchtweges, etwa 50 Schritte östlich von der 
Kapelle. Dicht daneben wurden, was nicht minder 
bemerkenswert ist, einige Gräber mitten durch eine 
Stufenanlage gelegt, welche zu einer etwas höheren 
Hausterrasse führte. 

Aus welcher Zeit stammen nun diese (Gräber, 
welche bereits eine stark vorgeschrittene Verödung 
des ganzen Gebietes voraussetzen lassen? Soweit 
ihr Inhalt wissenschaftlich untersucht ist, oder In- 
schriften von kleinen Grabsäulen zu Hilfe kaınen 
(über die von Pervanoglu geleiteten Ausgrabungen 


154 


vel. Bull. d. Inst. 1862 S. 145 f.; 'Epnu. Apx. II, 
84 f.), werden wir nur in den seltensten Fällen 
über die letzten vorchristlichen Jahrhunderte hinaus- 
geführt. Dabei ist jedoch zu beuchten, dafs diese 
unzerstörbaren Felsgräber zu häufiger Wiederbe- 
nutzung aufgefordert haben {vgl. ein sicheres Bei- 
spiel beim »Grab des Kimon«) und dafs somit ein 
später Inhalt aller Voraussetzung nach die Regel 
bilden mufste. Um so mehr werden wir Gewicht 
darauf legen dürfen, wenn sich auch ältere Thon- 
ware /namentlich Lekythen aus dem 4. und 5. 
Jahrh.) auf der Pnyx gefunden hat. Ja, man kann 
selbst die Thatsache, dafs dort noch gegenwärtig 
zahlreiche geheime Grübereröffnungen vorgenomnien 
werden, bei dem Spürsinn der professionellen Sca- 
vatori zum indirckten Beweise für die gelegentliche 
Ergiebigkeit jenes Terrains benutzen. 

Ich glaube somit allerdings, dafs die meisten 
jener mit grofser Mühe und Sorgfalt in die Felsen 
gemeilselten Gräber am Ende des 4. vorchristlichen 
Jahrhunderts bereits vorhanden waren. Damit ver- 
einigt sich aufs beste die einzige bei einem antiken 
Schriftsteller vorliegende Äufserung über jene (iegend, 
deren Öde und Verwahrlosung uns daraus deutlich 
entgegentritt (Aeschin. I ce. Timarch. 81 f.). Timar- 
chos hatte beim Arciovpag (der zuständigen Behörde) 
einen Antrag auf Neubesiedelung der Pnyx gestellt, 
welcher von diesem zurückgewiesen wurde Bei 
dieser Gelegenheit ist wiederholt von der eEpnula und 
houxla Tob tönou (Toü Ev TH TTuxvi), von den ver- 
fallenen Hausstellen (oixöneda) und «den Adkxoı 
(Zisternen ?) die Rede. Wenn dies der Zustand jener 
Gegend in einer Zeit war, da die Bevölkerungsziffer 
Athens ihren Höhepunkt erreicht hatte, so können 
die Spuren einer Besiedelung, welche den Felsboden 
so systematisch und durchgreifend umgestaltet haben, 
weder dem 4. Jahrh. angehören, noch, wie wir hin- 
zufügen dürfen, dem 5., denn man wird sie noch 
weniger der flüchtenden Landbevölkerung des pelo- 
ponnesischen Kriezes zuschreiben dürfen. Vielmehr 
ist das Pnyxgebiet wahrscheinlich in erster Linie 
unter den »epfiua rs ölews< gemeint, welche (nach 
Thukyd. I, 17; vgl. Aristoph. Pax 243 Ev tuic puyals 
merd TAavdpös doxno’ Ev muxvi) von den zusammen- 
strömenden Attikern okkupiert wurden. Durch 
diesen »terminus ante quem« wird es wahrschein- 
lich, dafs jene Bewohnungsspuren der Felsplateaus 
Athens überhaupt nicht eine Folge der städtischen 
Entwickelung sind, sondern derselben vorausgehen. 
Die Bevölkerung, welche sich auf den nackten IIöhen 
ansiedelte, war aber gewifs weder ein fremdes IIan- 
delsvolk, noch dem Kriege oder der Seefahrt zuge- 
than, sondern ein kräftiger, ausdauernder Stamm 
von Ackerbauern, welche die Felder ringsum zu ihren 
Fülsen haben wollten, ohne die fruchtbare Acker- 
erde durch Wohnplätze einzuengen. 


Athen (südwestlicher Teil). 


Die andre Gattung von Gräbern (aus grofsen, 
horizontal in den Felsen gearbeiteten Kammern be- 
stehend‘ findet sich zum Teil auch innerhalb der 
Ringmauer. So das sog. Gefängnis des Sokra- 
tes südöstlich vom Hag. Dimitrios und eine neu 
entdeckte Grabanlage hart aın Boulevard nord- 
östlich von der genannten Kapelle. Andre hervor- 
ragende Beispiele sind das sog. Grab des Kimon 
links am Schluchtwege vom lHag. Dimitrios; die 
vrofse Felsengrabanlage am äufsersten Südwestende 
der ganzen llöhengruppe, nahe über dem llisos- 
bett. Andre Grabkammern, zum Teil verschüttet, 
fanden sich auf dem gestreckten Rücken des Nym- 
phenhügels. 

Das sog. Gefüngnis des Sokrates (s. Karten 
Bl. V Nr. 4—6; Atlas von Athen Bl. VII, 4; da- 





nach unsere Abb. 159, 160, 161) ist eine Anlage 
aus drei nebeneinander liegenden Kammern (die 
beiden äufsersten von mehr als 3m im Durchmesser) 
bestehend, von denen die mittlere und kleinste 
nicht vollendet oder gewaltsam erweitert worden 
ist. Jede dieser ursprünglich getrennten Kammern 
hat eine besondere, etwa 2 m hohe Thür. Die 
Aufsenseite des Felsens, welcher etwa 7m Höhe 
erreicht, ist heute vertikal geglättet; rechts von der 
Anlage springt derselbe dann in einem rechten, links 
in einem stumpf konvexen Winkel um. Über den 
Thüren zahlreiche, in Reihen geordnete Löcher zur 
Einfügung von Balkenköpfen. Auch sonst hat die 
spätere Verwendung dieser Räume für Wohnungs- 
zwecke mannigfache Veränderungen herbeigeführt. 
Selbst der Felsen scheint früher nicht in gleicher 
Ausdehnung vertikal koupiert gewesen zu sein: 
links über der südlichen Thür bemerkt man näm- 
lich Stufen ciner zum oberen Plateau führenden 
Treppe, welche sich einst nach unten fortgesetzt 


Athen (stdwestlicher Teil). 


haben mufs (nicht etwa erst vom Dach des anlch- 
nenden Hauses emporgeführt wurde). Sodann ist im 
Innern eine Verbindung zwischen den drei Kam- 
mern erst nuchträglich hergestellt worden, wie die 
verschiedenartige Technik der Meifselarbeit am Felsen 
erweist. Von der mittleren zur nördlichen Kammer 
ist der Durchbruch sogar ganz roh und gewaltsam 
ausgeführt. Endlich hat man, und dies ist meines 
Erachtens der interessanteste Punkt, die Scheide- 
wand zwischen der Nordwestecke der letztern Kam- 


mer und einer ganz nahe benachbarten flaschen- | 
förmigen Zisterne durchstofsen, wodurch ein neuer _ 
Raum gewonnen wurde. Noch heute zeigt die innere ; 


etwas eingezogene Seite der jener Kammer zuge- 








155 


wand geht ein zweiter Felsgang aus, der mit einer 
Biegung nach rechts (bei welcher es wieder vier 
Stufen hinabgeht), in ein kreisrundes Gemach führt, 
welches ebenfalls aus einer jener Zisternen hergestellt 
ist. Die obere Mündung ist zugewölbt; dagegen 
führt ein seitlich eingebrochener Durchgang auch 
von hier aus ins Freie. Diese Fülle und nament- 
h der erstere lassen vermuten, dafs wenigstens 


! einzelne dieser Grabstütten jener alten Bevölkerung 
auf der Höhe angehört habe. 

Das sog. Grab der Kimon (der üblich ge- 
wordene Name beruht auf dem oben zum Demos 
Koile angeführten Citaten) liegt auf der Südseite 
des Eingangs zur Mag. Dimitrios-Schlucht. 


el. 





101 (Zu Seite 154.) 


kehrten Wandung, sowie eine Spur auf dem Boden, 
dafs man bei Anlegung der Zisterne jene Kammer 
schon vorfand und die Berührung mit der nächsten 
Ecke derselben zu vermeiden wufste. (Die Grund- 
rifsskizze ist in diesem Punkte nicht ganz genau.‘ 
Die Grabkammer ist also älter als jene tlaschen- 
förmige Zisterne, die aber selber immerhin noch 
aus der ältesten Epoche stammt und einem Woh- 
nungskomplex angehört (vgl. 7 Karten Bl. V, 4), zu 
dein eben die vorher erwähnte Treppe hinaufführte. 

Ein verwandtes Beispiel bietet das Grab am 
Boulevard (1879 entdeckt und noch nicht aufge- 
nomınen), im Ostrande des mittleren Pnyxrückens, 
ca. 140m nordöstlich vom Hag. Dimitrios. Durch 
einen längeren schmalen Gang gelangt man in einen 
6 Stufen tiefer gelegenen Raum von etwa 7 Schritten 
im Durchmesser, dessen Rückwand eine nischen- 














artige Eintiefung zeigt. Von der rechten Seiten- ! der zungenartig 








Atlas von Athen Bl. VIL,3 und die Skizzen auf 
29 des Texten! Von einem mäfsie geebneten 
Vorplatz (von 18m Länge und 8m Tiefe) tritt man 
vor eine 1,75 m über dem Felsboden beginnende 
große Öffnung in Form eines liegenden Vierecke, 
über welchem der Fels dachartig abpeschrügt int. 
Dahinter betindet sich eine Kammer von 1,95 m 
Tiefe, 2,7U m Breite, 1,65 m Ilöhe, unterhalb deren 
in besonderer, einst durch eine horizontale Stein- 
platte abgeschlossener Vertiefung nebeneinander zwei 
og. Troggräber liegen. Auch an der Eingangnöft- 
nung sind Verschlufsspuren erhalten. Eine bei den 
Grabe gefundene Inschrift aus apiltexter Zeit (0. J. 
«ir. I, 951: Zworntavoo T6mog o0rog u. x. w.; beweist 
natürlich nur wiederholte Benutzung der Grabstätte. 

Die stattlichste Anlage dieser Art findet sich, 
wio oben erwähnt, hart am Ilisosbette im Südrunde 
Südwesten ausgestreckten 





























Athen (südwestlicher Teil). 











Athen (südwestlicher Teil). 


Felshöhen. (Vgl. Atlas von Athen Bl. VII, 1, 2 und 
die Skizze im Text S. 28.) Ein Vorplatz war, wie 
es scheint, ursprünglich mit Felsquadern belegt. 
Aufser zwei in einiger Höhe befindlichen 2,30 m 
tiefen, 116 m breiten Nischen, welche durch Stein- 
platten verschliefsbar waren und wohl auch sepul- 
kralen Zwecken dienten, öffnet sich links der Ein- 
gang zu einem grolsen Grabraum. Dieser Fingang 
scheint ursprünglich quadratisch gewesen und später 
(für Bewohnungszwecke) nach unten gewaltsam cer- 
weitert worden zu sein. Die 4,20 breite, 4,18 m tiefe 
Hauptkammer hat eine Satteldecke mit drei aus 
dem Felsen gehauenen Längsbalken in Nachahmung 
der Holzkonstruktion. In der vorausgesetzten ur- 
sprünglichen Höhe der Eingangsschwelle läuft ein 
Falz um den ganzen Raum, welcher jene Vermutung 
zu bestätigen scheint. Dazu stimmt auch die um 
drei Stufen höhere Lage der im Hintergrunde an- 
schliefsenden eigentlichen Grabkammer. Diese (mit 
dem Eingang 4,12 m tief, 3,70 m breit) enthält drei 
Troggräber von verschiedener Gröfse (2,15 — 2,40 m 
lang, 0,70— 0,96 m breit). 

Eine zweite Kammer öffnet sich mittels eines 
schmalen Ganges in der links vom Eingang befind- 
lichen Wand (Tiefe 3m, Länge 4,25 m), doch ist 
dieselbe, wie namentlich die Ostwand bezeugt, un- 
vollendet geblieben. 

Schliefslich erwähnen wir noch eine auf dem 
südöstlichen Abhange des Nymphenhügelrückens 
befindliche Grabanlage, welcher bisher eine genauere 


Aufnahme nicht zu Teil geworden ist (s. Atlas von 


Athen Bl. III an der mit ‚Höhle, Grab« bezeich- 
neten Stelle). Der nach Südwesten blickende Ein- 
gang ist wie alle Räume heute nur 1,50 m hoch; 
schwerlich tief verschüttet. Den gewöhnlichen 
Vorraume schliefsen sich gegenüber und links je 
eine, rechts zwei niedrige aber tiefe Nebenkammern 
an, Ohne dafs man heute Grabstätten darin bemerken 
könnte, 
Im Verkehrscentrum des ganzen Hügelgebictes, 
A auf dem nordöstlich vorgeschobenen Teil des 
mittleren Pnyxrückens, gegenüber der zwischen 
diesem, dem Areiopag und dem Plateau der Hag. 
liegenden Senkung, erhebt sich jene vielbe- 
Eprochene doppelte Terrassenanlage, deren 
Sprung, Technik und Bestimmung nur in engem 
Zusammenhang mit den übrigen Felsgründungen 
8anzen Gebietes erörtert werden kann. 
Beschreibun g (vgl. Att.Stud. I, Taf.1; 7 Karten, 
Textbeilage zu S.16, danach unsre Abb. 162; Atlas 
von Athen BI. V,1,2): Wir unterscheiden eine obere 
(Kdwestliche) und eine untere (nordöstliche) Ter- 
se, zwischen denen eine vertikal geglätte Fels- 
wand (d) die Scheidelinie bildet. Die obere (kleinere) 
Terrasse wird zum Teil auch im Rücken durch eine 
(Weniger hohe) Wand (k) begrenzt und ist völlig 


' Teile sogar 15°20. 


157 


aus dem natürlichen Felsen gearbeitet, während die 
untere Terrasse durch Erdaufschüttung erzielt ist, 
welche abwärts durch eine grofse segmentartige 


i Polygonalmauer (d) zusammengehalten wird. Diese 


Mauer (vgl. die Ansichten bei Gell, Probestücke 
Taf. 30; Rofs, Pnyx u. Pelasg. S.7; Atlas von Athen 
Bl.V,2) bildet einen Bogen von 70m Sehnenlänge und 
erreicht in der Mitte eine Höhe von 4,50 m bei durch- 
schnittlich drei Steinlagen. Doch fehlt mindestens 
noch eine Steinlage auf derselben. Die polygon ge- 
fügten, doch vielfach bereits dem Rechteck sich 
nähernden, zum Teil bossierten Steine erreichen 4m 
Länge und 2m Höhe; sie sind unmittelbar ober- 
halb aus dem Fels gebrochen (s. unten). Eine Lücke 
über der untersten Steinlage gerade in der Mitte 
der Mauer diente vermutlich als Wasserabflufs. 
Rechts davon verschwindet eine Anlage von Fels- 
stufen (ee) in westlicher Richtung unter der Mauer. 
Auf beiden Endpunkten läuft sich die Mauer an 
dem aufsteigenden Felsterrain tot. Rechts (nach 
der Sternwarte zu) bemerkt man ebenfalls Spuren 
einer Treppe \e;, welche auf das Innere des um- 
schlossenen Raumes führte. Letzterer hat, von der 
Polygonalmauer bis zu der vertikalen Felswand ge- 
rechnet, einen gröfsten Durchmesser von 63m. Die 
Böschung der heutigen Erdterrasse beträgt 8°, die- 
jenige der aufgefüllten Felssohle 11° 40’, im oberen 
Die Untersuchung derselben 
durch einen von Curtius gezogenen Graben ergab 
aufserdem noch, ca. 22m von der Polygonalmauer 
entfernt, einige in den Fels gehauene Stufen (n). 

Die geglättete, bis zu 6 m hohe Felswand, welche 
die südwestliche Begrenzung der unteren Terrasse 
ausmacht (b db), bildet keine gerade Linie, sondern 
einen sehr stumpfen Winkel, dessen Schenkel gleich- 
mälsig etwa 53m Länge haben. Den Winkel selbst 
füllt ein viereckiger Felsblock (a) aus, welcher 
ringsum mit einer Stufenanlage versehen ist (s. unten). 
Von den beiden Endpunkten laufen noch in spitzem 
Winkel scharf geschnittene Felsränder je eine Strecke 
von 18m in der Richtung auf die oberen Enden 
der Polygonalmauer zu; doch bleibt auf beiden 
Seiten noch ein Durchgang von 28m offen. 

Die Symmetrie der ganzen Anlage wird noch ge- 
hoben durch die Behandlung der drei vorspringenden 
Seiten jenes Felswürfels (a) in der Mitte der Rück- 
wand (Abb. 163, nach Atlas von Athen Bl. V,D. 
Derselbe erhebt sich zunächst auf einem flachen 
dreistufigen Absatz. Vorne befindet sich noch eine 
bankartige Stufe mit vier rechteckigen Eintiefungen 
(für Weihgeschenke ?\. Seitwärts führen schmälere 
Stufen bis zur zweiten höher gelegenen Terrasse 
empor. Die ganze Anlage ist bei Ilerstellung der 
vertikalen Wand aus dem Felsen ausgespart, daher 
auch das Zurücktreten der letzteren in stumpfem 
Winkel. Die etwas schräge Oberfläche des Würfels 


158 


ist nicht gewaltsam zerstört, sondern weist die ur- 
sprüngliche Böschung des natürlichen Felsterrains 
auf. Links (d. h. südöstlich der Stufenanlage) ent- 
hält die Fläche der Felswand, welche hier ihre 
gröfste Höhe erreicht, eine Anzahl gröfserer und 
kleinerer Votivnischen. Am Fufs derselben hat Lord 
Aberdeen eine Anzahl kleiner Weihgeschenke, nament- 
lich Marmortäfelchen mit Körperteilen in Relief aus- 
gegraben, die meist von Frauen als Dank für Heilung 
gestiftet und dem Zeus Hypsistos (Yylorw oder 
“Yyiory Au) gewidmet waren. Simtliche gehören 
spätrömischer Zeit an (vgl. C. J. Att. III, 148 f.). 
Der südöstliche Winkel derselben Flanke um- 
schliefst auch ein Stück horizontal geebneten, mit 








163 (Zu Seite 157.) 


tiefen Rinnen durehzogenen Gesteins (I, m), welches 
ursprünglich in rogelmäfsigen Blöcken herausgebro- 
chen werden sollte. Auch über der nordwestlichen 
Rückwand sind hart am Rande der oberen Terrasse 
zwei rings umschnittene, offenbar für den Bau der 
unteren Polygonalmauer bestimmte Blöcke stehen 
geblieben. 

Das obere Plateau ist dem Aufgange gegenüber 
nur 80m tief, an anderen Stellen bis zu 40m. Die 
Breite beträgt ca. 60m. Nur der südöstliche Teil 
ist durch eine tiber 2,50m hohe Rückwand abge- 
schlossen, in welcher sich eine oben abgerundete 
Nische befindet. Auf der Kante über der tieferen 
Terrasse bemerkt man die Spuren einer südöstlich 
von der Stufenanlage auslaufenden eingetieften Bahn, 
als ob hier eine Mauer aufgeruht hätte. Im übrigen 
ist die Fläche der oberen Terrasse nicht völlig gleich- 








Athen (südwestlicher Teil). 


mäfsig geebnet. Die Bestimmung einiger runde”? 
Felslöcher und viereckiger Glättungen bleibt unklase”- 
Am bemerkenswertesten jedoch ist die grofse, vier " 
eckige Gründung (f), die fast in der Axe des Auf — 
gangs ca. 17m von demselben entfernt liegt. Eirzm 
viereckiger Felsblock von ca. 5,60m Durchmesser 
doch nur ca. !sm Höhe ist ringsum von einer etwa- 
1,20 breiten geglätteten Bahn umgeben. Auf der 
Südseite des Blockes bemerkt man aufserdem noch 
einen, auf der Ostseite noch zwei treppenartige Ein- 
schnitte. Offenbar war der Felsblock mit einem 
Aufbau aus Steinen, auf der Oßtseite noch mit 
Stufen umkleidet. Das Ganze kann lediglich ein 
freistehender Altar gewesen sein, dessen Kern jener 
Felsblock bildete. Keineswegs 
aber stellte dieser für sich 
allein schon den Altar vor, 
dessen Oberteil nur, wie man 
annahm, gewaltsam oder im. 
Laufe der Zeit zerstört worden. 
wäre. Dieselbe ist vielmehr 
die natürliche Fläche des ge- 
wachsenen Felsens, welcher” 
sich hier niemals zu gröfserer- 
Höhe erhoben hat. 

Bis gegen die Mitte unsress 
Jahrhunderts galt diese An— 
lage bei den Topographen aus— 
mahmslos als die Stätte der” 
athenischen Volksversamm— 
lungen, die sog. Pnyx im 
engeren Sinne. Die erstem 
Zweifel daran scheint Ulrichess 
gehegt zu haben; ausführlich 
begründet wurden sie danm 
durch Welcker, Der Felsen- 
altar des höchsten Zeus und 
des Pelasgikon zu Athen (Ab- 
handl. der k. Akad. d. Wiss. 
zu Berlin, 1852). Dagegen, sowie gegen Göttlings 
verfehlte Hypothese (Das Pelasgikon in Athen, Ges. 
Abhandl. I, 68, und Das Pelasgikon und die Pnyx, 
1853) von der ursprünglichen Bestimmung des Ganzen 
als Festung (Pelasgikon) wendet sich die Streitschrift 
von Rofs (Die Pnyx und das Pelasgikon in Athen, 
1853), welcher an der hergebrachten Meinung festhält. 
(Ebenso Bursian, Philol. IX, 631f) Den Gedanken 
Welckers hat sodann Curtius (Att. Stud. I, 1862, sowie 
in seinen folgenden Schriften) mit Wärme und Bered- 
samkeit ausgeführt, sowie durch Lokaluntersuchungen 
zu stützen gesucht. Neuerdings scheint man hier 
und da wieder der älteren Ansicht zuzuneigen. 

Was zunächst den Volksversammlungsort angeht, 
so entscheiden in unserem Falle gegen denselben 
meines Erachtens einige Stellen bei Aristophanes, 


\ die einzig authentischen, aus denen wir wenigstens 


Athen (südwestlicher Teil). 


etwas über die Beschaffenheit der Pnyx erfahren. ! 


Aristoph. Equ. 783: eni raicı merpaıs oU @pov- 
rileı onÄnpWs ce (TOvV dfinov) Kadnuevov oürws ibid. 
313 (von Kleon): xAndo rWv nmerpWv üvwiev Toüg 
Yöpous YuvvooxonWwv vgl. 965 Adpos xexnvus Enl 
netpag dnunyopüv. Auch das Herübersteigen über 
die Köpfe andrer Eccles. 95f. Aus alledem folgt für 
den Unbefangenen mit Sicherheit, dafs das Volk auf 
natürlichem Fels, nicht etwa auf reihenweise 
gelegten Steinen oder Steinbänken sals. Sodann ist 
jenes sog. »Pfiua« (von welchem aus der Redner 
über die Köpfe der abwärts sitzenden [I] Menge hin- 
weg gesprochen haben mülste [1] lediglich ein monu- 
mentaler Treppenaufgang, dessen obere Fläche 
einen festen Standpunkt gar nicht verstattete. End- 
lich halten wir die ganze Gründung, wie schon her- 
vorgehoben wurde, um ihrer centralen Lage, der 
Technik in der Felsbearbeitung und andrer Ana- 
logien willen (vgl. die sog. Kleine Pnyx westlich 
von der Sternwarte, mit ähnlichem Stufen-»prua«. 
Atlas von Athen, Text S. 18 mit Skizze) für ein 
Produkt der gleichen Epoche, über welche wir uns 
bereits oben ausgesprochen haben. Auch ich hege 
keinen Zweifel, dafs die untere Terrasse einen fest- 
lichen Versammlungsplatz für eine Gemeinde bildet, 
der vielleicht auch zu feierlichen Reigentänzen be- 
nutzt wurde (eine Öpxrjiotpa im grofsen Mafsstab). 
An ein Heiligtum des Zeus zu denken, bestim- 
men mich nicht so sehr die Votivtäfelchen (s. oben), 
wie der Umstand, dafs angesichts einer so bedeu- 
tungsvoll angelegten Kultusstätte unter freiem Him- 
mel ein andrer hellenischer Gott nicht leicht in 
Betracht kommen kann. (Vgl. auch die geweihten 
Bezirke desselben Gottes beim Olyınpieion und auf 
dem Plateau der Hag. Marina.) 
Über die wirkliche Lage des alten Volksversanım- 
lungsplatzes läfst sich heute mit Sicherheit noch 
nichts entscheiden. Mehrere Angaben der alten 
Schriftsteller beschränken nur einigermafsen das 
Feld der Möglichkeiten: man konnte vom Redner- 
platze aus auf die Propyläen hinweisen (Deimosth. 
XM, 28; XXIII, 207; vgl. Harpocr. TTpomiAaıu 
tabra), Pollux (VIII, 132) nennt die TIvuE...xw- 
plov npög TN AKpoToöAecı, KATEOKEVAOHEVOV Kata TV 
ralauıv Ankdmra, olx Eis dedrpou ToAUNpayuoouvnv 
(mpös bedeutet doch nicht gerade die unmittelbare 
Nähe; der Schlufs, welchen Wachsmuth, Athen 
8. 372, aus der Stelle bei Lucian Jup. tragoed. 11, 
auf die Lage der Pnyx unmittelbar beim Areiopag 
ziehen möchte, beruht auf seiner Deutung von 
ouveöpıov als Kolleg des Areiopag, wührend es doch 
gewifs die Götterverseammlung selber bedeutet). 
Auch aus der Stelle bei Lucian, bis accus 9 
Hermes fordert die Dike auf, vom Areiopag aus auf 
lie Pnyx zu schauen), ist nur ganz im allgemeinen 
Jie südliche Lage derselben zu entnehmen. 


159 


Wenn man mit Rücksicht auf diese Stellen die 
Beschaffenheit des Terrains in Betracht zieht, so 
scheinen für den Zweck der Volksversammlung nur 
zwei Örtlichkeiten geeignet, die Gegend nördlich 
unterhalb der grolsen Terrassenanlage und diejenige 
unterhalb des sog. Gefängnisses des Sokrates. Da nach 
dem Vorhergehenden Spuren künstlicher Herrich- 
tung des Platzes kaum zu erwarten sind, so bleibt 
nur die Aussicht auf gelegentliche Entdeckung von 
Grenzsteinen, deren Fundort durch bessere Gewährs- 
männer bezeugt wäre, als es bei den vorhandenen 
(öpog TTuxvös C. J. Att. I, 501, nach Pittakis: aus 
der Gegend Jdes sog. Bema der Pnyx) der Fall ist. 

Ehe wir uns dem nächsten Abschnitt zuwenden, 
erübrigt noch Jie kurze Beschreibung eines Denk- 
mals aus römischer Zeit, dessen Ruine auf dem 
Gipfel des Museion ein charakteristisches, überall 
sichtbares Wahrzeichen der Gegend bildet, desDenk- 
mals eines Syrers, des Antiochos Philopappos 
(errichtet zwischen 114 und 116 n. Chr., s. Mitt. d. 
Inst. I, 36. Von dem Grabmonument sind etwa 
zwei Dritteile erhalten. (Vgl. Stuart u. Revett, Die 
Altert. von Athen, deutsche Ausg. II, 440 f.; Atlas 
von Athen Lfg. XI Taf. 11—12, Lig. XII Taf. 1—9.) 
Die der Burg zugewandte Fassade hatte eine flach- 
konkave Form; die Sehnenlänge derselben betrug 
etwa l1Um (heute 7,60 m). Die Höhe des ganzen 
Aufbaues erreicht ca. 12,60 ın. Die Basis bilden fünf 
Schichten peiraiischen Kalksteins, darauf eine Lage 
hymettischen und pentelischen Marmors, über wel- 


‘cher sich ein 2,80 m hoher Marmorfries durch die 


ganze Breite des Grabmals hinzog, nur an den 
Enden durch Pilaster und oben durch kräftiges Ge- 
sims begrenzt. Der vorhandene, wenn auch arg 
verstümmelte Teil dieses Frieses ies fehlt rechts ein 
Dritteil) stellt den Inhaber des Grabmals in kon- 
sularischem Pompe auf einem Viergespann nach 
links dar, welches eine Figur in Tunika anführt, 
während eine zweite, ähnlich gekleidete nachfolgt. 
Dem ganzen Zuge gehen Liktoren voran. 

Der obere, eigentliche Hauptteil des Monumentes 
zerfällt in drei, durch korinthische Pilaster geteilte 
Nischen, von denen die beiden äufseren (2,12 m hoch, 
1,25 ın breit) viereckig waren, die ınittlere und 
gröfste (2,85 m hoch, 1,85 m breit) gerundet ist. 
In den beiden erhaltenen Nischen (zur Linken) be- 
finden sich noch kopfluse Torsen männlicher Sitz- 
statuen, von denen die äufsere völlig bekleidet, 
die andre mit nacktem Oberkörper erscheint. 

Von den fünf Inschriften (deren zwei heute ver- 
loren gegangen, aber in Kopien erhalten sind) be- 
ziehen sich drei auf die Mittelfigur. Die erste, unter- 
halb der Statue befindliche, nennt den Verstorbenen 
einfach als attischen, im Demos Besa eingeschrie- 
benen Bürger (C. J. Att. IIL, 557): PuUötannog ’Em- 
puvous Bnourebc. Auf dem Pilaster zur Linken 


160 


(C. J. Lat. III, 552) stehen seine römischen Würden 
und Namen verzeichnet: (’, Julius C. f. | Fab. An- 
tiolchus Philo|pappus, cos. | frater ar | valis alle; ctus 


Athen (nördlicher Teil). 


weil es eben alle anderen als Haupt- u 
eigentliches Verkehrsthor überragte. 
Pausanias erwähnt zuerst (1, 2,3) vor dem Tt 


inter | praetori os ab Imp. | Caesare | Nerva Traja no | ein Reiterdenkmal von der Hand des Praxiteles (& 
optu|mo Augus to Germa ,nico Dajcico. Der rechte | dE Täpog ol möppw TWv TUAWV). Über den äufser 


Pilaster trug seinen syrischen Königstitel (C. TI. 
Att. III, 557) BaowWevg | ’Avriox los PıAö namıog | Ba- 
oe ws ’Em pavoug | Toü ’Av' rıöyov. Er war der 
Enkel des im Jahre 72 abgesetzten Königs Antio- 
chos IV Epiphanes aus der syrischen Dynastie der 
Kommagene Demgemäfs enthielten die Nischen zu 
beiden Seiten Jie Bilder des ersten und letzten 
Königs dieser Herrscherreihe: die linke seinen Grols- 
vater Antiochos, dem der Name Philopappos galt, 
mit der Unterschrift (C. J. Att. III, 557): Baoıkeüg 
Avrioxog Baoıkws Avrıöyov. Die rechte den Be- 
gründer Seleukos Nikator (ebdJas.): BaowWeüg ZeAeukog 
Avrıöxouv Nirdrwp. 

An die Rückseite der Fassade, welche noch 
einen korinthischen Pilaster zeigt, stiefs vermut- 
lich ein quadratischer Bau mit dem eigentlichen 
Grabraume. 

Nord-Athen. 

In der grundlegenden Frage, von welchem Thore 
aus die Stadtbeschreibung «es Pausanias, der wir 
uns im folgenden möglichst anschliefsen werden, be- 
ginne, entscheiden wir uns zuversichtlich für das 
Dipylon (so schon früher Otfr. Müller, Ulrichs, 
Curtius, heute wohl die meisten, vgl. Bernh. Schmidt, 
Die Thborfrage in der Topographie Athens, Freiburg 
1879. Für das westliche, peiraiische Thor traten ein: 
Teake, Rofs, Bursian, De foro Athenarum, Zürich 1865; 
zuletzt vor allem C. Wachsmuth, Die Stadt Athen 
1,182 ff... Von Gründen allgemeinerer Art (zu denen 
die in der Folge aufzuzählenden Denkmäler noch 
mannigfache Bestätigung liefern werden) sprechen 
für das Dipylon die Bedeutung desselben als Haupt- 
thor der Stadt (major aliuanto patentiorque quam 
ceterae Livius XXXI, 24), die Lage (telut in ore 
urbis), die Bequemlichkeit, es auch vom Peiraieus 
aus zu erreichen, da der kleine Umweg durch die 
Vermeidung aller Stadthügel ausgeglichen wird. Dem 
entsprechend beweisen auch mehrere Zeugnisse, dafs 
man vom Hufen aus ganz gewöhnlich diesen Weg 
nahm. König Attulos von Pergamon hielt hier seinen 
feierlichen Einzug (Polyb. XVI, 25); noch deutlicher 
charakterisiert diese Sitte der Rückweg der Freunde 
aus Peiraieus in dem Lucianischen Dialog TTAoiov fi 
Eöxai vgl. c.17—46. (Adeimantos will sogar c. 24 
mit seinen geträumten Reichtümern das Meer bis 
zum Dipylon leiten.) Den gleichen Weg läfst T.ucian 
sowohl den Charinos (dial. meretr. IV) wie den Sky- 
thon Anacharsis (Scyth. c. 3. 5) nehmen. Sodann 
adoptieren auch wir die einfache und gute Bemerkung 
von B. Schmidt (a.a.0.S.7): dafs Pausanias eine ge- 
nauere Bezeichnung des Thores deshalb nicht bietet, 


Kerameikos und weitere Umgebung s. Schlufs dier 
Kapitels. 

Die beiden Thoranlagen, deren Überreste jetzt 
Tage liegen (s. S. 147 u. 149 Mitt. d. Inst. IH Taf. 3. 
hatten langgestreckte, von vier Türmen flankie 
Innenhöfe, die an beiden Enden verschliefsbar war 
Die ältesten Bestandteile des kleineren, südwestlich 
Thores sind die Kalksteinfundamente der tu 
artigen Verstärkungen, welche den inneren Verschl 
bilden {der Durchgang beträgt nur 3,85 m), au 
Teile der Thorhofmauer. Die äufseren Türme 
gegen haben mehrfache Umbauten und Anbau 
erfahren; der nordöstliche ist sogar weit zurück 
schoben worden, um einem gewölbten Abzugska' 
spätester Konstruktion Tlatz zu machen. Das s 
westlich benachbarte Tförtchen haben wir sch 
S. 149 erwähnt. 

Das grofse, offenbar jüngere Nordostthor hat 
Altertum weniger Veränderungen erfahren. |] 
Türme entlialten einen Kern aus Konglomeratst: 
und sind aufsen mit Kalksteinquadern bekleid: 
auch Reste der Zinnen sind vorhanden. Der sı 
westliche äufsere Turm, welcher bessere Erhaltu 
zeigt, hat 7m im Durchmesser. Dieses Thor w 
an beiden Enden des Thorhofes Doppelverschlü: 
nebeneinander auf, die durch grofse Zwischenpfei 
getrennt waren. Dieselben standen jedoch ni 
genau in der Mittelaxe des Thorhofes, sondern näl 
der südwestlichen Langseite.. Der äufsere Pfei' 
welcher vielfach umgebaut worden ist, hat 3,76 
Breite; die des Verschlusses betrug 3,45 m. I 
selben Malse werden auch für die anderen Stel 
gelten. Der ganze Thorhof hat eine Länge von mı 
als 40 m, einen Flächeninhalt von ca. 769 qm. 
ist derselbe, in welchem 200 v. Chr. König Philipy 
von Makerdlonien zwar eingedrungen war, dann al 
in die geführlichste Lage geriet, so dafs er sich ı 
ınit Mühe wieder ins Freie retten konnte (l 
XXXI, 24). 

Von Einzelheiten sind aufser dem schon S. 14$ 
Anf. genannten, ca.3m vom Nordwestturm entfernt 
der inneren Verbindungsmauer der beiden Thore a 
gestellten Kerameikorgrenzstein zu erwähn: 
ein dem äufseren Zwischenpfeiler vorgehautes Deı 
mal, dessen yuadratischer Unterbau aus Kalkst 
besteht, und an der Nordseite eine Bank aus hyn 
tischem Marmor darüber die eigentlich reich pr 
lierte pentilische Basis aufweist. In der Nähe lie 
Fragmente des mit Zahnschnitt versehenen Gie! 
aufsatzes, auch einer ca. 0,30 m dicken ionischen S&ı 
Das Ganze war vermutlich ein Grabmonument. 


Athen (nördlicher Teil). 


Sodann befand sich beim Eintritt aus dem Thor- 
hofe in die Stadt, unmittelbar links, ein Brunnen- 
haus (Mitt. d. Inst. III Taf. 4c), welches noch auf 
zwei Seiten von der Thormauer umfalst wurde. Das 
erhaltene, mit grofsen hymettischen Marmorplatten 
belegte Viereck ist 9m tief und 11,50m breit. Den 
gröfsten Teil des Raumes nahm das an den Lager- 
spuren seiner Wände kenntliche Bassin ein. Der 
dem Kerameikoswege zugewandte Eingang (von 1,84m 
Breite) war von zwei, an ihren Standspuren erkenn- 
baren Säulen eingefalst, eine dritte Säule bildete die 
südliche Ecke; aufserdem trugen noch zwei Pfeiler 
die offene Halle, welche etwa 34 der Frontseite und 
!s; der rechten Nebenseite einnahm. Dieselbe war 
jedoch, abgesehen vom Eingang, durch Barrieren 
verschlossen. Die abgetretenen Marmorfliesen des 
Fufsbodens vor dem Bassin (namentlich gegenüber 
der noch kenntlichen Stelle des Woassereinflusses) 
zeugen von langem und lebhaftem Verkehr. 

Endlich fand sich, gleichfalls schon auf der Stadt- 
seite gerade vor der Mitte des inneren Zwischen- 
pfeilers (von dem nur ein kleines Eckstück erhalten 
ist) eine quadratische Basis, auf welche jetzt, ohne 
allen Zweifel mit Recht, ein in der Nähe gefundener, 
niedriger, oben etwas zerstörter Rundaltar aus 
Marmor (Durchmesser 0,75 ım) gesetzt worden ist. 
Derselbe trägt die Inschrift: Auög "Epreiovu'Epuoü 
Ar ayavroc. Dazu bemerkt U. Köhler (Mitt. d. Inst. 
VW, 288) richtig: »dem Zeus und Hermes als Hütern 
des Stadtringes und der Thore, dem Akamas als 
Schutzheros des Stadtquartiera«. Denn der Kera- 
meikos gehörte zur Phyle Akamantis. Der Altar, 
nach den Schriftzügen zu urteilen, spätestens dem 3., 
Welleicht noch dem 4. vorchristlichen Jahrhundert 
ANZehörig, dürfte gleichzeitig mit der ganzen Thor- 
anlage errichtet worden sein. 

Beim Eintritt in die Stadt (I, 2, 4 &oeAtövrwv 
lc nv möAıv) erwähnt Pausanias das Pompeion 
(ixadsunna eis napaoxeunv TWv moumwv). Da gleich- 
#itig von den Thoren Säulenhallen auslaufen sollen 
@.n. O. oroai dE eloıv And rWwv muAWv eis TOV Kepa- 
Heticöv, d.h. die Agora), so liegt der Gedanke sehr 
nahe, die Fundamente eines grofsen dreischiffigen 
el,äudes zwischen den nach der Stadt zu conver- 
ferenden Thorhöfen dem Pompeion zuzuschreiben. 

© Fassade desselben mufs nach der noch nicht 
au fpedeckten Stadtseite zu gelegen haben. Die (em 
Sücl westlichen, älteren Thore parallel gehaltene An- 
Ke scheint für frühere Entstehungszeit zu sprechen. 
(Das Pompeion wird bereits im 4. Jahrhundert er- 
"uhnt.) Anderseits muls wenigstens die Nordecke, 
Welche merkwürdigerweise in die innere Stadtmauer 
ENschneidet, jünger sein als letztere, ja diese mul 
"Teits bis auf die untersten Schichten abgetragen 
“Orden sein; auch sind die nordöstlichen Längs- 
Mauern unseres Gebäudes nicht von guter und alter 
Denkmäler d. klass. Altertums. 


161 
Konstruktion, so dlals man wenigstens auf späte Um- 
bauten und Erweiterungen wird schliefsen müssen. 
Das Pompeion war selber eine Art Stoa (vgl. Diog. 
Laert. VI, 22) mit Ehrenbildsäulen (Sokrates von 
Lysipp; Diog. Laert. II, 43) und Gemälden; (Plin.N.H. 
XNXNNV, 11 8 140) ausgeschmückt (auch bewahrte 
man dort Korn und Mehl auf (Demosth. 34 $ 39). 

Die Erwähnung des Pompeion beweist ebenfalls, 
dals wir uns an demjenigen Thore befinden, welches 
die meisten Prozessionen kreuzten und welches na- 
mentlich den Ausgangspunkt des panathenäischen 
Festzuges bildete, d.i. eben das Thor im Kerameikos. 

Dasselbe gilt von dem nächsten (mAnolov) bei 
Pausanias erwähnten Bauwerke, dem Tempel der 
Demeter, Kore und des Jakchos, mit ihren 
Billwerken von der Hand des älteren Praxiteles. Es 
wäre mindestens auffallend, wenn (dieser nicht an 
dem Thore läge, welches zur heiligen Strafse nach 
Eleusis führt (vgl. Schul. Aristoph. Ran. 395. 399; 
Ilesych. s.v. di" dyopäc‘. Offenbar ist dieses Heiligtum 
identisch mit «dein "laxxelov, welches man (nach 
Plut. Aristid. e. 27) in stark frequentierter Gegend 
suchen möchte, da dort Lysimachos mit einem 
Traumbüchlein seinen Lebensunterhalt erwarb. War 
nın die Fassade des Pompeion nach Süden ge- 
richtet, so mufs dierelbe ein freies Terrain von etwa 
dreieckiger Form begrenzt haben (da von beiden 
Seiten die konvergierenden Hallen von den äufseren 
Thortlanken erst allmählich zusammentraten), auf 
welchem der Tempel am angemessensten seinen Platz 
findet. Ebenso das folgende Denkmal (to0 vaod ob 
töppw): Poseidon zu Rofs im Kampf mit dem 
(iganten Polybotes. (Vgl. den Poseidon inmog auf 
dem Kolonos vor dem Thor I, 30, 4; in Verbindung 
mit Demeter und Korc an der heiligen Strafse 1,37, 2.) 

Vom Thore führten Säulenhallen, vor denen 
Bildwerke berühmter Männer und Frauen aufgestellt 
waren, auf den Kerameikos, d.h. die Agora (Paus. 
I, 2, 4f£.\. Wir wissen aus der Schilderung von der 
Fahrt des Panathenäenschiffes (bei Himerius or. 
111, 12), dafs diese Säulenhallen eine gerade, allmäh- 
lich von oben, d.h. von Süden herabsteigende Strafse 
umschlossen, welche Dromos hiefs (dia ueoou ToD 
Apöuou, ds editurevnsg TE Kal Aclos kataßaivwv Avw- 
dev oxiZeı TAG Exatepwilev AUTW TTapaTteTauevas OTodg, 
ep'bv Ayopalovaıv Allmvaloi TE Kai oil Aormoi). Die 
Richtung dieses Dromos war vermutlich eine ziem- 
lich streng südöstliche, wohl mehr der Richtung des 
kleineren als der des gröfseren Dipylonthors ent- 
sprechende. Dazu nötigte schon der llügel, auf 
welchem das sog. Theseion liegt. Ferner beweisen 
die Richtung der Kloake, der Wasserleitung der llag. 
Triada (s. Ziller, Mitt. d. Inst. II, 116. 117) und einige 
Reste unterhalb der Attalosstoa (s. Adler, Arch. Ztg. 
XXXII, 124), dafs hier schon in sehr alter Zeit ein 
Strafsenzug bestanden hat, der vermutlich östlich 
11 


162 
über den Kerameikos hinaus die Stadt teilte Ja 
selbst bis in die späteste Zeit müssen für die ge- 
samte Östliche Stadtgegend die südöstlichen Weg- 
richtungen malsgebend geblieben sein. 

Säulenreste von Porosstein aus den Dromoshallen 
stecken vielleicht (in situ oder aus der Nähe ver- 
schleppt, dann aber nach der Linie aufgepflanzt) in 
dem unterirdischen Kanal (der Kloake?), welchen 
Rofs u. A. von der Gegend des »Theseion« aus be- 
sucht haben (vgl. Rofs, Arch. Aufs. I, 155 ff.\. 

Schon diese Säulenhallen dienten zumeist Ver- 
kaufszwecken (s. oben Himerius a. a. O.), und er ist 
wohl gerade eine Ausnahme, wenn Pausanias (I, 2, 5 
n dE Erepa Tüv 0ToWwv Exeı x. T.A.) in einer derselben 
nebst verschiedenen Heiligtümern (lep& Yewv) ein 
Gymnasium des Ilermes und das durch My- 
sterienverspottung bekannt gewordene, offenbar sehr 
prunkvolle Haus des Pulytion (Plato Eryx. 400 b) 
erwähnt. Dieses Besitztum wurde dann dem Dio- 
nys808 Melpomenos geweiht. Darin befanden sich 
auch Bildwerke der Athena Paionia, des Zeus, 
der Musen nebst ihrer Mutter und des Apollon, 
sein Weihgeschenk und Werk des Eubulides«. 

Der Kult des Dionysos Melpomenos wurde zu- 
folge den Sesselinschriften des athenischen Theaters 
von zwei Korpvurationen gepflegt, dem (reschlecht 
der Euneiden iC. J. Att. Ill, 274) und den uns sonst 
wohlbekannten »dionysischen Künstlern< (C. J. Att. 
III, 278: "lep&ews Aırovbgov MeAtouevou EX TEXveiTWv. 
Vgl. auch C. J. Att. III, 20 Z. 12). Dann aber wird 
das bei Athenaios (V, 212d und e) erwähnte renevog 
züv (nepi Töv Aılödvucov) Texviırwv doch vermutlich 
eben jenes von Pausanias erwähnte Temenos des 
Dionysos sein. (Ein Buleuterion der [dionysischen ?] 
Techniten erwähnt Philostratos vit. suphist. HU, 8, 2 
tapa Tas TOD Kepaneikoü trLAag 0U TTöPPW TWV Inmewv.) 

Von dem in demselben Bezirk erwähnten Weih- 
geschenk des Eubulides aber sind etwas über 
150m südöstlich vom grofsen Dipylonthor in den 
Fundamenten des unmittelbar westlich der Kapelle 
Asomaton liegenden Ilauses des Generalarztes Trei- 
ber unverkennbare Spuren aufgetaucht. Bereits im 
Jahre 1837 fand man daselbst den 8m langen Sockel 
eines nach Nordwesten gerichteten Monumentes, be- 
stehend aus 2—3 Stufen, auf denen sich ein gröfsten- 
teils zerstörter Würfel erhoben hatte. Dazu kam ein 
Fragment der Dedikationsinschrift aus hymettischem 
Marmor (1,10m lang und 0,23m hoch), welche mit 
der sicheren Ergänzung folgendermafsen lautet: [EÖ- 
BovAidns Eü]xeipog Kpwriöng Enoinoev (vel. G. lirsch- 
feld, Tituli statuar. 107. 108). Andre Funde, (resims- 
blöcke und römische Porträtköpfe übergehen wir 
hier. Dagegen bezog schon der erste Berichterstatter 
(Rofs, Archäol. Aufs. I, 146 ff.) auf dasselbe Denk- 
mal den Torso einer weiblichen Kolossalfigur nebst 
einem ganz gewifs zugehörigen Kopf (a.a.0. Taf. XII. 


Athen (nördlicher Teil). 


XIII; beide Stücke vereinigt unter den Cripsabgüsseı 
des Berliner Museums N. 330 A des Verzeichnisses 
Friederichs, Berl. ant. Bildw. N. 455). Endlich kan 
(erst im Jahre 1574; an derselben Stelle ein kolossale 
Athenakopf aus Marmor zum Vorschein {Mitt. d. Inst 
VII Taf. V‘, ein Fund, welcher der mittlerweile viel 
fach angezweifelten Identität der hier entdeckte 
Reste mit dem Eubulidesmonument eine weiter 
Stütze verlieh und namentlich L. Julius (Mitt. d. Inst 
VII, 81) zu erneuter Revision der ganzen Frage veı 
anlafst hat. 

Die technische Untersuchung des Inschriftblocke 
ergab, dafs derselbe unter der Corona eines TPosta 
mentes an hervorragender Stelle eingefügt waı 
Dieser Umstand, zusammengenommen mit der un 
gewöhnlichen Gröfse der Buchstaben {0,035 m) be 
weist, dafs es sich nicht um eine gewöhnlich: 
Künstlerinschrift handeln könne, sondern dafs de 
Künstler auch an der Weihung beteiligt war, wen 
sie ihm nicht ganz allein zufällt. Der Text de 
Pausanias: &vraüııd &orıv Allmväs üyalua TTawvia 
xul Arös kai Mvnuocbvns kai Mouowv, AnöAAwv T 
(so nach den besten IIandschriften statt AnöoAAwvoc 
avddnna kai Epyov EbßovAidou läfst beide Auffassungeı 
zu; jedenfalls sind alle Figuren eng miteinande 
verbunden. Der Zusatz dvddnua bei Pausanias, wel 
cher an der Inschrift fehlt, konnte auf sehr ein 
fachem Rückschlufs {aus der Stellung und Gröfs 
derselben) beruhen. Eine weitere Bestätigung liefer 
auch der stilistische Charakter des Athenakopfe 
(wie Julius a. a. O. S. 91 f. gezeigt hat). Dasselb 
gilt aber meines Erachtens nicht minder von den 
andern weiblichen Torso, welchen Julius (S. 84) dc 
finitiv ausscheidet; freilich, so lange man ihn fü 
eine Nike hält, findet er keinen Platz. Ohne miel 
hier auf weitere Erörterungen einlassen zu können 
bemerke ich nur, dafs derselbe ganz gewifs kein: 
Nike darstellte, dagegen vollkommen für eine Mus: 
pafst; ferner dafs er im Stil wie in technischen Ein 
zelheiten dem Athenakopfe durchaus verwandt ist 

Alle diese Thatsachen, unter denen schon einzeln: 
beweiskrüftig wären, vereinigen sich in so schlagen 
der Weise mit den Angaben des Pausanias, dafs wi 
in dem Monumente des Eubulides einen der topv 
graphisch wichtigsten und sichersten Anhaltspunkt: 
zu besitzen glauben. 

Derselben Reihe von Denkwürdigkeiten schliefs 
Pausanias ein Haus mit thönernen Bildwerkeı 
an (I, 2, 5 uera Tö Tod Alovuoou TEuevos), welch: 
den König Amphiktyon als Wirt der Götter zun 
(Gegenstand hatten; namentlich nennt TPausania 
Dionysos, den Gott von Eleuthierae, und da sicl 
cben hier auch eine Statue des Priesters Pegaso 
von Eleutherae befand, der den Gott in Athen ein 
geführt haben soll (Schol. Aristoph. Ach. 243), s 
wird jene Gruppe eben seine Aufnalıme dargestell 


Athen (nördlicher Teil). 


haben. Der Umstand, dafs ein solches Monument 
doch naturgemäfs an dem Wege lag, welchen der 
(tott gekommen ist, liefert eine weitere Bestätigung 
für das nordwestliche Eintrittsthor des Pausanias. 
Nach Erwähnung des letztgenannten Gebäudes geht 
Pausanias unmittelbar zu dem Platze Kerameikos 
und dessen öffentlichen Bauten über (I, 3, 1 ö 
dE xwpiov 6 Kepaneikög... rpWurn dE Eotıv Ev deiiä 
kalouuevn 0toa BagiAcerog, x.T.A.). Das Eubulides- 
monument befand sich aber in der ersten Hälfte 
jenes mit Säulenhallen umgebenen, breiten Dromos 
(8. oben) und zwar, wie die Karte lehrt, zur Linken 
des Kommenden. Das südwestliche Ende des Dromos 
ist in der Gegend der Kapelle des Hag. Philippos 
zu suchen; denn jene Strafse war gerade (eü}u- 
tevic) und von hier aus geben westlich der vorge- 
Strecke Theseionhügel, östlich die Ruine der 
Attulosstoa, welche bereits am Markte lag, für 
diesen selbst eine veränderte ( nordsüdliche‘ Ans- 
dehnung an. Da sich nun die Beschreibung des 
P ausanias, wie wir sehen werden, lediglich auf eine 
geschlossene Gruppe öffentlicher Bauwerke be- 
Schränkt, die samt und sonders im südlichsten Teile 
des Marktes nachweisbar sind, so hat Pausanias eine 
SToflse Strecke des Weges und des Marktes selbst, 
darunter ja auch die grofse Attalosstoa, ohne Be- 
merkung übergangen. Wir wissen, dafs diese ganze 
Strecke dem Handelsverkehr gewidmet war und 
. dürfen annehmen, dafs dieser Uinstand das Still- 
Sch weigen des Pausanias zu erklären geeignet ist. 

Daneben läfst der Beginn seiner Schilderung: 
TPustn de Eorıv Ev de£ıd oroa Kulouuevn noch ver- 
muten, dafs dieses xwpiov sich äufserlich als etwas 
Ganzes oder doch als ein neuer Abschnitt darstellte. 
Dieser selbständige Charakter mochte vornehmlich 
auf lem freieren Überblick über die ganze, hier wohl 
{was breitere Fläche beruhen, im Gegensatze zu 
dena dicht mit Buden und andern Anstalten des 
Verkkchres besetzten Handelsmarkte. Ob aufserdem, 
wie seit längerer Zeit allgemein angenommen wird, 
Me doppelte Reihe von Hermen die beiden 
“arkthälften schied, wird weiter unten zu er 
nern sein. 

Die erste Halle auf dem Markte aleo, welche dem 
vom Kerameikosthor Kommenden zur Rechten lag, 
“r die Stoa Basileios, das auch für Gerichts- 
Zungen bestimmte Amtslokal des Archon Basileus. 
Das Gebäude begrenzte somit den Markt im west- 
lichen Teil der Nordseite, oder wenn diese völlig 
ven war, an dem nördlichen Teil der Westseite. 
Im Innern waren Abschriften der Gesetze des Drakon 
md Solon aufgestellt (vgl. Andokid. I, 82, 84 f.; 
Harpoer, Phot. Suid. s. v. Köpßeis); vor der Halle 
such andre Urkunden (Aelian. var. hist. VI, 1). Das 
Dach war (nach Paus. a. a. O.) mit zwei Thongruppen 

g°Schmückt: Theseus, der den Skiron ins Meer stürzt 


163 


und Kephalos von Eos geraubt. (Über diese Stoa 
handelt ausführlich das erste Buch von Zestermann, 
Die antiken und christlichen Basiliken, 1847.) 

In der Nähe der Stoa (minolov As oT.) nennt 
Pausanias (I, 3, 2) sodann die Statuen des Konon, 
seines Sohnes Timotheos (vgl. Corn. Nepos 
Timoth. 2) und des kyprischen Königs Euagoras; 
ebenda (eEvradta) standen Zeus Eleutherios und 
der Kaiser Hadrian; «dahinter (I, 33 ömo}ev) eine 
Stoa mit Gemälden der zwölf Götter u.s. w. 
Konon und Euagoras erwähnt auch Isokrates (IX, 57): 
obmep TO ToD Arös üyalua Tod Zwrfipog (d. i. des 
'EAeustepiog Zeug, vgl. Hesych. u. Harpoer. unter ’E. Z.). 
Die Säulenhalle heifst selber Zrou EXeudepıog (vgl. 
Paus. selbst X, 21, 6; Tlaton Theagen. 121a, Eryx. 
392a, Nenoph. oeconom. VII, 1). Somit gehören 
auch jene ersten Bildsäulen, deren Lage Pausanias 
nach der Stoa Basileios (mit mAnoiov) bestimmt, mit 
dem Zeus in den Bereich der Stoa Eleutherios. 
Daraus folgt allein schon die unmittelbare Nähe 
beider Hallen, welche auch sonst bezeugt ist (Harpocr. 
Suid. s. v. Bao. oT.: map’alänkasg und ’EXeud. Zeug: 
rAnoiov; vgl. Eustath.ad Odyas. a, 395). Jener Über- 
gang des Pausanias von der einen Halle zur andern 
durch Vermittelung der Bildwerke wäre aber meines 
Frachtens undenkbar, wenn dieselben sich parallel 
gegenübergelegen hatten, d.h. wenn sie, wie man 
wohl angenommen hat {Bursian, Wachsmuth) durch 
die ganze Breite des Marktes getrennt gewesen wären. 
Am verständlichsten dagegen wird jene Ausdrucks- 
weise, wenn beide Hallen etwa in rechten Winkel 
zusammenstielsen (die Stoa Basileios also die Nord- 
westseite der Agora einnahm), so dafs die Statuen 
in dem von beiden eingeschlossenen Winkel gelegen 
hätten. 

Fin andrer Vorteil wird damit insofern noch er- 
reicht, als die Westgrenze der Agora für zwei in 
einer Flucht liegende llallen, sowie vielleicht noch 
andre Bauten (s. unten) kaum die hinreichende Breite 
besitzt, da wir die erste Stoa nicht zu weit nördlich 
in das Terrain rücken dürfen, welches die Fassade der 
östlich gegenüberliegenden Attalosstoa beherrscht und 
da von Süden die Abhänge des Areiopag herantreten. 

Die Stoa Fleutherios und die Bildsäule des Zeus 
galten dem Andenken der Befreiung von den Persern 
(Didymos bei Harpoer. ’EX. Z.). Die Halle, in der 
man promcnieren und sitzen konnte (Plat.Eryx. 392a) 
war mit Gemälden des Euphranor geschmückt 
(Paus. I, 3, 3—4): es entsprachen «den zwölf Göttern 
an der gegenüberliegenden Wand Theseus, Demo- 
kratia und Demos. Die dritte (lange) Seite der Halle 
zeigte einen Reiterkampf der Athener, als Bundes- 
genossen der Lakedämonier, gegen die Thebaner bei 
Mantineia. 

An Euphranor anknüpfend nennt Pausanias den 
Tempel des Apollo Patroos (1,3,4): kai nAnoiov 


164 


enoinsev Ev tb va Töv Anöllwva Tlarpiov Eni- 
xAnoıv' po de Toü veWb Töv uev Acewxdpns, Öv dE 
xaloücıv Akekixakov, Kakduıs Ertoinge. 

Da die vorher genannten wie die folgenden Bauten 
am Markte liegen, so sind wir nach der Methode 
des Pausanias schwerlich berechtigt, an dieser Stelle 
eine lediglich durch den Namen des Eupliranor ver- 
anlafste Abschweifung vorauszusetzen. Zudem wird 
ein (später von Neoptolemos vergoldeter) Altar des 
Apollo auf der Agora genannt (vit. X orr. 843b), 
in welchem wir doch am natürlichsten den vor dem 
Tempel des Gottes gelegenen Altar des Apollo Pa- 
troos erkennen. 

Auch dieses Heiligtum suchen wir somit auf der 
Westseite des Marktes, etwa an ihrem südlichen 
Ende. Überdies läfst sich, abgesehen von dem Lokal- 
zusammenhange, wie bei der Stoa Eleutherios, noch 
ein besonderes Argument für die westliche Lage 
nachweisen: nur so konnte es dem Markte den Ost- 
giebel, seine IHaupt- und Eingangsfront zukehren, ein 
Umstand, auf den doch bei der Anlage ganz gewils 
Rücksicht genommen wurde. 

Es folgt nun eine Gruppe von Stiftungen, deren 
enger, schon durch Jdie gemeinsame Bestimmung für 
Verwaltungszwecke verbürgter Zusammenhang auch 
sonst vielfach bezeugt ist: das Metroon (Paus. I, 3, 5 
Wxodöunrtaı de) mit dem Bilde der Göttermutter von 
Phidias, zugleich Archiv des Staates (vgl. C. Curtius, 
Das Metroon in Athen, Gotha 1868); das Buleu- 
terion (nAnolov), in welchem der Rat der Fünf- 
hundert tagte, mit Schnitzbildern des Zeus Bulaios 
(und der Athena Bulaia ?), Bildwerken des Apollo 
und Demos, (ferner nach U. Köhlers Vermutung, 
Hermes: V, 342 und VI, 98, das Thesmothesion, 
darin vermutlich die von Pausanias a. a. O. erwähnten 
Thesmothetenbilder des Protogenes, das Strategion 
mit dem Bilde des Feldherrn Kallippos), sodann (I,5,1 
tod Bovkeurnplov nAnolov) die Tholos, das kuppel- 
bedachte Rundgebäude, in welchem die Prytanen 
speisten. Die ganze Gruppe scheint auch rö TTpu- 
tavıköv und Tü Apyxeia genannt worden zu sein ivgl. 
Hermes V, 340 und Bekk., anecd. gr. I, 264). 

Dem Terrain zufolge haben wir uns diese Stif- 
tungen vor dem Nordfufse des Areiopag ausgebreitet 
zu denken und zwar noch in der Ebene, da die auf- 
steigenden Terrassen durch Anlagen mannigfacher 
Art okkupiert zu denken sind. Denn der zunächst 
folgende Teil der Marktbeschreibung des Pausanias, 
welcher mit dvwrepw anhebt (I, 5, 1) und bei den 
Statuen derTyrannenmörder (I, 8, 5) endigt, mufs 
sich durchaus auf diesem meist höher gelegenen 
südlichsten Gebiet bewegt haben, um dann mit den 
Tyrannenmördern wieder bei einen stark nach 
Norden und Osten vorgeschobenen, »dem Metroon 
gegenüberliegenden« immer noch erhöhten Posten 
anzulangen. So nämlich bestimmt Arrhian (anabas. 


Athen (nördlicher Teil). 


III, 16, 8) die Lage der berühmten Erzgruppe mit 
dem noch wertvolleren Zusatz, dafs man an ihr vor- 
bei zur Burg (d.h. zwischen Areiopag und Akropolis) 
hinaufstiege (kai vbv xeivrar Adrıvnorv Ev Kepaueınü 
ai eiköves h Avınev Es TV TöÄAıv Katavrırpl udAlotu 
tod MntpWbou ob naxpav Tüv Ebdaveuwv ToU Bwuod). 
Es mufs sich daher der Bezirk des Metroon ziem- 
lich weit nach Osten erstreckt haben und zwar, da 
Pausanias, der vom Westrande des Marktes komiınt, 
es zuerst nennt, vor d.h. nördlich von den andern 
Gebäuden der südlichen Gruppe. 

Von den höher gelegenen Gründungen, meist Weih- 
geschenken, nennt Vausanias zunächst, nach Erwäh- 
nung der Tholos (1, 5, 1 dvwrepw dE Avdpıdvres Eotı- 
kagıv fpWbwv k.T.A.), die StandbilderderlHeroen, 
welche den attischen Phylen ihre Namen gegeben 
haben (daher etbvunoı genannt; die zehn älteren: 
Hippothoon, Antivchos, Aias, Sohn des Telamon, 
Leos, Erechtheus, Aigens, Oineus, Akamas, Kekrops, 
Pandion; später Attalos und Ptolemaios, zuletzt 
lladrian). Im Scholion zu Aristoph. Pax 1183 wird 
der Ort, wo die Bildsäulen standen, als mapd trpu- 
raveiov gelegen bezeichnet, womit speziell an die 
Tholos, wenn nicht an das ganze »Prytanikon« 
(s. oben) zu denken ist; hier wurden öffentliche Be- 
kanntimachungen, Gesetzesvorschläge und namentlich 
die Listen der Militärpflichtigen angeschlagen (vgl. 
Schol. Aristoph. a.a. O.; Demosth. XX, 94), denn, 
wie im Schol. Demosth. a.a.O. ausdrücklich hervor- 
gehoben wird: ev emionuw dE Tonw elotnkeıdav. 

Nach den Eponymen (nera 8, 2) nennt Pausanias 
die Statuen des Amphiaraos und der Eirene mit 
dem Plutosknaben. Dafs ersterer, wie Köhler (Her- 
mes VI, 99) meint, bereits in Jdeın Bezirk der unter- 
irdischen Götter (am östlichen Ende des Areiopag' 
gestanden habe, scheint mir aus topographischen 
Gründen nicht wohl annehmbar; auch war jener 
Bezirk vermutlich geschlossen. Auf Jie Eirenegruppe, 
ein Werk (wahrscheinlich Erzbild) des älteren Kephi- 
sodotos (Paus. IX, 16, 2), von welcher wir eine Nach- 
bildung in der Glyptothek zu München besitzen 
(s. H. Brunn, Über die sog. Leukothea\, bezog Rofs 
(Hellenika S. 80 Anm. 10) den im 17. Jahrhundert 
bei der Kapelle des Hag. Diunysios Areopagita pre- 
machten Fund einer Marmorgruppe, die man da- 
mals für eine Madonna mit dem Christuskinde hielt 
und sogleich zerstörte. 

Es folgen die Statuen zweier Staatsmänner, des 
Lykurg und Kallias (&vraütda 8, 2), wohl immer 
noch in der Nähe der Eponymen, wo man wohl- 
verdiente Patrioten (ebepyeras) aufzustellen pflegte 
(I.ucian Anachars. 17 xaAkoüv alrtöv dvaotnoarte 
zapa roüg Eenwvüuoug). Die loser angekhüpfte Bild- 
säule des Demosthenes (£orı dE xal Anuocdevng) 
lag nach anderweitigen Nachrichten in der Nähe 
eines umgrenzten Platzes, des Perischoinisma und 


Athen (nördlicher Teil). 


En] 


des Altars der zwölf Götter (vit. X orr. 847a), 
sodann noch unter einer Platane (Plut. Demosth. 31), 
also in wohlbewässerter Gegend. Mit Platanenan- 
lagen hatte den Markt namentlich Kimon geschmückt 
(Plat. Kimon 13). Der bereits erwähnte, von dem 
jüngeren Peisistrator, dem Sohne des Hippias er- 
richtete Altar der zwölf Götter (Thukyd. VI, 54, 7) 
kann nach Obigem zwar nicht den Mittelpunkt des 
Marktes gebildet haben, mufs jedoch im Schnitt- 
punkt der verschiedenen, nördlich von der Ein- 
senkung zwischen Burg und Areiopag ausstrahlenden 
Wegerichtungen gesucht werden, da derselbe als 
Centralmeilenstein diente (Herod. II, 7 und U. J. Att. 
11, 1078) und bei allen Festprozessionen, nanıentlich 
auch den dionysischen umwandelt wurde {Pindar. 
frgm. 45, Böckh, vgl. O. Müller, Ind. lect. Gott. 1840, 
3f., Xen. Hipparch. III, 2). 

Die südliche Lage der Demosthenesstatue und 
des Zwölfgötteraltars wird ferner erwiesen durch die 
Nachbarschaft des Arestempels (Paus. I, 8, 4 tig 
dE Toü Anmoodkevous eikövos mAnolov “Apeus Eorıv 
iepöv); aufser L. Rofs (Das Theseion oder der Tempel 
des Ares, 1852}, welcher ihn mit dem sog. Theseion 
identifiziert, hat nicht leicht ein Topograph gewagt, 
dieses Heiligtum vom Areiopax zu trennen. Da 
dasselbe gewifs nicht unmittelbar am Markte lag 
und wir uns bereits dem Ostende des nördlichen 
Areiopagabhanges genähert haben, so spricht meines 
Erachtens nichts gegen die Tempelstätte des lag. 
Dionysiog Areopagita (vgl. die Karte) oder deren 
nächste Umgebung. Im Innern befanden sieh (nach 
Pausanias) zwei Bildwerke der Aphrodite, des Ares von 
der Hand des Alkamenes, eine Atlıena von Lokros 
aus Paros, ein Bild der Enyo, von den Söhnen des 
Praxiteles gefertigt. (Auch Enyalios wurde daselbst 
verehrt; vgl. C. J. Att. III, 2 7.5 iepeus "Apewg 
'Ewaliou xal ’Evvoüc.) »Um den Tempel< (Paus. 
nepl &E Töv vaöv), jedoch wohl nicht durchweg in 
näherer Beziehung zu demselben, standen Herakles, 
Theseus und Apollon, das Haupt mit einer Tänie 
umwindend, von Ehrenstatuen »Kalades« (Altnvaloıg, 
dus Aeyerar, vönoug Ypdyas, wohl musikalische. Kala- 
des ist sonst unbekannt; nach Löscheke, Dorp. 

Progr. 1883 S.5 Anm. 5 hat zuerst U. Köhler xai 
A@&0og vermutet) und Pindar. 

Die letztere Statue hat nicht geringe Schwierig- 
keiten bereitet, da man die hier angegebene Lage 
derselben glaubte in Einklang bringen zu müssen 
mit einer anderen Notiz (Ps. Aeschin. Brief IV $ 3), 
derzufulge ein Sitzbild desselben Dichters vor (der 
Stoa Basileios aufgestellt war. Eine Vereinigung 
der beiden Angaben, wie sie z. B. Wuchsmuth zu 
erzielen sucht, erscheint jedoch nur unter den be- 
denklichsten Voraussetzungen annähernd durchführ- 
bar: Verlegung der Stoa Eleutherios auf die Ostreite 
des Marktes, Umdrehung der ganzen Marktbeschrei- 


SG 


165 


bung; Ansetzung der Tyrannenmördergruppe in der 
Südwestecke des Marktes, statt an den Burgaufgang ; 
Entfernung der Stoa Poikile (s. unten) aus der süd- 
lichen Agora u. s. w. Wenn wir bedenken, dafs die 
Aufstellung einer Ehrenstatue, und gar der eines 
Dichters vor der Stoa Basileivos ohne alle Analogie 
wäre (in der Nähe des von Pindar selbst besungenen 


7wölfgötterultars dagegen ganz am Platze), so neigt 


man dazu, die Ps. Acschineische Angabe entweder 
für irrtümlich oder doch für ungenau zu halten, 
letzteres etwa in dem Sinne, dafs die nach Südosten 
gerichtete Fassade der Stoa Basileios auch die Süd- 
seite des Marktes beherrscht hätte und hier somit 
eine Statue allerdings als vor ihr gelegen bezeichnet 
werden könnte. 

Auf Pindar folgen als »nicht weit entfernt« (oÖ 
nöppw 1,8,5) die Statuen der Tyrannenmörder, 
auf einer halbkreisförmiren, öpxnotpa genannten 
Terrasse (Timaios lex. s. v. öpxriotpa' TOToG Emipavnis 
eis Tuviyupıv Evta Apuodiov xai ApıioToyeitovos 
eiköves). Die ältere, von Xerxes entführte und von 
Antiochos zurückgegcbene Gruppe des Antenor war 
neben der jüngeren, von Kritias (und Nesiotes) zum 
Ersatz gearbeiteten aufgestellt. Auf letztere hat zu- 
erst Friederichs zwei bekannte Neapler Statuen be- 
zogen Arch. Zt. 18559 S. 65 ff., Bausteine N. 24. 25). 
Das Verbot, neben den Tyrannenmördern andere 
Billwerke zu errichten (vgl. z.B. C. J. Att. 11, 300 
7.28 18), wurde erst. später, zuerst zu gunsten des 
Deinetrios und Antigonos {der owrnpes‘, dann auch 
des Brutus und Cassius aufgehoben (Died. XX, 46; 
Cass. Div 47,20: Auf Grund der oben 8.164 ange- 
führten Stelle bei Arrhian halten wir daran fest, dafs 
die Orchestra, {welehe übrigens kein natürliches 
Yelsplateau, sondern eine Erdterrasse war, vgl. Plut. 
Demetrios 12, von dem Schierling, welcher an den 
Altären der >»Soteres< aufsprofs,) nördlich von der 
Einsenkung zwischen Areiopag und Akropolis zu 
suchen sei. 

Mit dem folgenden von Pausanias erwähnten Bau- 
werk, dem Odeion (1,8,6), verläfst der Perieget «den 
Markt, um erst 1,14,6 bei der Erwähnung des He- 
phaistostempels die Nähe des Kerameikos wieder 
zu betonen (Umep de TÖV Kepaneıköv Kai OTOoAv TNV 
kakouuevnv Baoikeiov) und denselben bei der Stoa 
Poikile (I, 15, 1) von neuem zu betreten. Welcher Um- 
stand jene unter dem Namen der »Enneakrunos- 
episodee (8. unten) bekannte Abschweifung auch 
immer veranlafst haben mag, die Topographie Athens 
erleidet dadurch wenigstens insofern keine Verwir- 
rung, als wir in der Lage sind, seine Diversion zu 
kontrollieren und die darin aufgezählten Monumente 
annähernd sieher unterzubringen (vgl. unten Ennea- 
krunos). 

Auch die Frage nach der Situation des Hephai- 
stostempels (ünep TövV Kepaueiköv x. T.A.) können 

11* 


a 
166 


wir vorläufig unentschieden lassen. An der Agora 
selbst ist die Stoa Poikile zu suchen (vgl. z. B. 
Aeschin. 111,186), das letzte Marktgebäude, welches 
Pausanias erwähnt (1,15, 1 lo0doı dE npög Tv OToüv, 
nv TloıkiAnv ÖvoudZovamwv). In einen Citat aus Mene- 
kles oder Kullikrates (bei Harpocration 8. v. "Epnai) 
wirl die Stoa Poikile zur Stoa Basileior ver- 
inittelst der jedenfalls iin nördlichen Teil des Marktes 
gelegenen Hermen (8. unten) in Beziehung gesetzt: 
ATTO Yap TAGS moikidng Kui TNS TOD Buorkews OTOüG Eidiv 
ol "Epuat xuloßuevorl. Alle neueren Topographen 
lassen diese berühmte Hermenreihe übereinstiinmend 
von Westen nach Osten quer über die Agora laufen, 
wodurch zugleich eine passende Abgrenzung des poli- 
tischen Marktes gegen den Handelsmarkt hergestellt 
werde. Eine Bestätigung schienen namentlich die 
Vorschriften Xenophons (Iipparch. 111,2) zu bieten, 
welcher als Ausgangs- und Endpunkt der den Markt 
umwandelnden Reiterpruzessionen die llermen an- 
setzte. Indes führen mich andre Stellen und selbst 
die letztgenannte zu der Überzeugung, dafs unter 
‚den liermenc lediglich eine mit vielen den Llallen 
parallelen IIermen besetzte Abteilung des Handels- 
marktes zu verstehen sei. Sokrates verkehrte gern 
unter der Menge bei »den Wechselbänken< und »den 
Hermen« eig ToUg OxAous elüwiteltTo Kul TUT dIuTpißas 
enoreito Trpös Tuis Tputnelug xal tpög Tois "Epudis 
(Theodoret Therapeut. XI]; Porphyr. vit. Soer). » Bei 
den Hermen: auf dem Markte hielten sich «ie Phy- 
larchen auf (Athen. IX, 402 f. mpös Toug "Epuäg, ol 
mPoopoıtWg’ oi pLAupxor); und in der Barbierstube 
‚neben den llerinen: Eni TO Koupelov TO Tapd TOoUg 
“Epuäs verkelirten die Dekeleer, wenn sie zur Stadt 
kamen (Lysias XXIII, 3;. 

Wenn es nun in der oben ceitierten Stelle des 
Menckles heifst: ano TAG noıkKiAng Kal Tig TOD Bacı- 
A&ws OToäs eloiv ol 'Epuul xakounevoi, 80 kann 
dies (wie schon Wachsmuth S. 207 Anm.2 bemerkt) 
doch nicht eine Verbindung der beiden Hallen 
durch die lIermen bedeuten (wofür man vielmehr 
vexpi statt Kal erwarten müfste), sondern lediglich 
den Beginn der IIermenreihen oder vielmehr der 
sug. sllermen« vun der Stoa Basileios und der Stoa 
Pvikile (wie man in Berlin die »Linden« von dein 
kl. Palais und der kgl. Universität ausgehen lassen 
könnte). 
Poikile der Stoa Basileios östlich, d. h. am Ost- 
rande des Marktes, gegenüber gelegen habe und dafs 
von beiden parallele llermenreihen nach Norden aus- 
gingen. (Die andre Möglichkeit, welche die Mene- 
krutesstelle offen läfst, dafs nämlich Stoa Poikile und 
Basilcios sich berührten [so Wachsmuth], wird dureh 
den Erweis des Dipylon als Ausgangspunktes der 
Stultbeschreibung bei Pausanias von vornherein be- 
seitigt. Pausanias hätte in Jiesem Falle die Poikile 
noch vor der Stoa Busileivos nennen müssen.) Zu- 


Dann bleibt nur übrig, Jdals die Stoa - 


Athen (nördlicher Teil). 


dem erfahren wir aus CO. J. Att. II, 778 BZ.5, dafs 
jene Halle auch als Gerichtselokal diente (TO dıxa- 
orihpiov N gTod ij noıkiAn); eine derartige Lokalität 
wird man schwerlich in dem geräuschvollen Ilandels- 
markt suchen dürfen; ebensowenig spricht für eine 
derartige Lage die Benutzung der Stoa seitens der 
Philosophen, welche nach ihr Stviker genannt wurden. 
In später Zeit freilich trieben vor ihr auch Gaukler 
ihre Künste (Apulej. Met. I, 4). Die Halle war unter 
Kimon von Peisianax errichtet worden, daher der 
ältere Name TTeisiuvarreıos oTod (Plut. Cim.4; Dive. 
Laert. V1J,5). Die volkstümlich gewordene Bezeich- 
nung Poikile erhielt sie von den Gremälden des Poly- 
gnotos, welche die Schlacht bei Oinoe, den Kampf 
des Tlieseus gegen die Amazonen, die Einnahme von 
Troja und die Schlacht bei Marathon darstellten 
(Paus. 1, 15, 1—3). Ebenda waren als Trophäen 
Schilde aufgehängt, welche die Athener von den 
Skionäern und den Lakedämoniern {bei Sphakteria) 
erbeutet hatten. 

Die Erwähnung der Stoa Toikile bildet somit 
über die Enneakrunosepisode hinaus die Fortsetzung 
und Ergänzung der südlichen Marktwanderung des 
Pausanias, indeın damit die noch nicht erwähnte 
Westseite der Agora ausgefüllt wird. Da Pausanias 
den Markt an seiner Südwestecke verliefs (s. oben 
S.165), so lüge es nahe, die Wiederanknüpfung: 1,15, 1 
lobaı de TTPöS nv OToav Tv TloıkiAnnv 6voudZougtıv von 
eben diesem Punkte aus begonnen zu denken. Da- 
gegen scheint nur der Umstand zu sprechen, dafs 
der Perieget kurz vorher (1,14,0.7) zwei Heiligtümer, 
das des Hephaistos und der Aphrodite Urania: 
ünep TÜV Kepaueiköv Kul 0Toav TIv Kakounevnv Baui- 
Aerov, nach der gewöhnlichen Interpretation: jenseits 
der Stoa Basileios, also westlich oder nordwestlich über 
dem Markte, sah. Gestattet aber, wie ich glaube, 
der Sprachgebrauch bei Pausanias, Urmep mit ober- 
halb zu übersetzen, und war die Fassade der Stoa 
Basileivs dem Südmarkt zugewandt, so mufs wohl 
die Frage berechtigt sein, ob nicht auch jene beiden 
Heiligtümer über der Südostecke der Agura gelegen 
waren, sv dafs die Kontinuität der Beschreibung eine 
vollständige würde. Obwohl ich diese Vermutung 
nur mit aller Reserve äufsere, fehlt es doch nicht 
an einer Reihe von Argumenten, welche dieselbe zu 
stützen scheinen is. unten den Abschnitt »die Um- 
gebung des Marktese«). 

Auf dem Weg zur »bunten 1alle« stand der IIer- 
ıneB Agoraios und ein Thor (loboı d&.... Eorıv 'Ep- 
uns xaAkxoüs kaloluevog "Ayopaios Kai mUuAn TrAnoiov). 
Das mit einem Tropaion über Pleistarchos, den Reiter- 
oberst des Kassundros, geschmückte Thor lag duch 
unzweifelhaft an der Marktgrenze. Kum also der 
Perieget vom Süden wieder zum Markte herab, so 
begegmete er dem Thor vor dem Südende der Poikile, 
die er entlang schreiten mufste. Wenig nach der 


Athen (nördlicher Teil). 167 


Mitte des Marktes zu stand die altertümliche Kultus- 
statue des (unter denı Archontat des Kebris im 5. Jahr- 
hundert geweihten s. Hesych. s. v. ’Ay. 'Epu.) Hermes 
Agoraios, deren Lage sonst: mapa tnv moıkiAnv 
(Lucian Jup. trag. 33), Kata nv dyopdv, ev N AY. 
(Bekker, anecd. er. I, 339, 1; Schol. Tucian a. a. OÖ) 
und selbst ev ueon rn ayopd (Schol. Aristoph. Equ.297) 
angereben wird. 

Vor der Poikile (Paus. I, 16, I) und wiederum 
‘ev rä ayopd (Demosth. XXVI, 23; Aeclian. var. hist. 
VII,16) stand ein Erzbild des Solon, nicht weit 
davon Seleukos Nikator. 

Unter den Merkwürdigkeiten des inneren Markt- 
raumes (I, 17,1 ev tn dyopd, welches Wort hier zum 
erstenmal gebraucht wird) hebt Pausanias nament- 
lich den Altar des Erbarmens (’EAcou Bwusc) her- 
vor. Diese in später Zeit nicht selten auftretende 
Personifikation hat sich vielleicht auf älterer realerer 
Girundlage entwickelt. Wenn jener Altar /nach Statins 
Theb. XIT, 481 ff.) von Baumpflanzungen umgeben 
war, go spricht dieser Umstand allerdings für seine 
Lage im südlichsten Teil des Marktes, und da Pau- 
sanias die berühmteste Asylstätte des Marktes, den 
Zwölfgötteraltar, auffallenderweisenicht erwähnt, 
so erhält die hier und da geäufserte Vermutung von 
der Identität beider einige Stütze. 

Dienördliche, dem Handel und Handelsverkehr 
vorbehaltene, von Pausanias mit Stillschweigen über- 
gangene Fortsetzung des Marktes, deren ganze 
Ostseite, wie es scheint, später von der Stoa des 
Attalos begrenzt wurde, war zum Teil dicht mit 
Verkaufsbuden (oxnvat) besetzt, deren Umzäu- 
nungen und auch Wände aus Geflechten (Yeppa) be- 
standen (Demosth. X VIII, 169 Toüg d’ex TWv ocnvWv 
TÜV Kara trıv Ayropav Efeipyov Kal ta Yeppa Eve- 
"iunpagav, vgl. Harpocrat. s. v. oxnvitng). Je nach 
den Waren, welche daselbst verkauft wurden, bilde- 
ten dieselben verschiedene Sonderabteilungen kUuxAoı 
(Pollux VII, 11; X, 18 Hesych. Harpocrat. xUurkoı 
1.a.m.). Wir kennen eine grofse Anzahl von solchen 
Örtsbezeichnungen, die nach den Verkaufsgegenstän- 
den hiefsen: eis Tobwov, eig TA uüpa, eig Tv XAwpov 
Tupöv, eis TA oxöpoba, Kpdunva, Apbuara u. 8. w. 
(vgl. Poll. IX, 47. X, 19 ff.; die Zusammenstellungen 
bei Becker-Göll, Charikl. II, 198 ff.). 

Einen vornehmeren Teil des Marktes, vielleicht 
bei den »Hermen« gelegen, bezeichneten die Tische 
der Geldwechsler ai tpdneZaı (Theophr. Charact. 21 
al kixpopioriula: TAG AYopäs npös TAs Tparmelag 
Mpoopoıräv). Wie der breite Dromos in die Agora 
überging und im eigentlichen Wortsinne (als Gegend 
des Handelsverkehrs s. Himer. or. III, 12 von den 
an demselben gelegenen oroal, E&p'%bv AyopdZoucıv 
Alnvaioi te xal ol Aoımot) vielleicht selber schon 
zum Bazar im Kerameikos gerechnet wurde, 80 
dehnten sich die Marktanlagen mit der Zeit nach- 


weislich auch über den Kerameikos nach Osten aus 
(s. unten »Marktthore und den Tlatz beim »Horo- 
logione). Für einzelne Waren werden uns auch ab- 
seits gelegene Verkaufsstellen angeführt, so für das 
Fleisch (Schol. Aristoph. Equ. 157); die KepxWurwv 
ayopd, berüchtigt durch den Handel mit gestohlenen 
Waren, lag mAnolov AAuias (Eustath. ad. Odyss. 1430, 
22). Wein und gesalzenes Fleisch scheint vorzugs- 
weise am Thore verkauft worden zu sein (Tsacos VI, 20 
ev KepaueikW. .. mapda triv muAida, 00 6 olvog (Wbvuog, 
Aristoph. Fu. 1245 Eenmi Tuls mbAausıv, oU TO TÄpıxos 
Wviov). 

Die Begrenzung dieses mittleren Teiles des Keru- 
meikos ist nur auf der Ostseite durch die im 
ganzen über 118m lanre Stoa des Attalos ge- 
sichert, welehe nach obiger Ausführung im Süden 
von der Stoa Poikile nur durch eine Strafse getrennt 
war und nach Norden bis an die Einmündung des 
Dromos reichte. Wollte man voraussetzen, dafs der- 
selben westlich ebenfalls nur cine einzige Säulen- 
halle gerenüberlag, so könnte diese eine wesentlich 
pröfsere Längenausdehnung doch kaum gehabt haben. 
Wenn somit die Attalosstoa schon aus räumlichen 
(iründen an Länge nicht leicht übertroffen werden 
konnte, wenn ferner mehrere Hallen, von denen 
uns blofs die Namen überliefert sind, aller Wahr- 
scheinlichkeit nach in jenem gegenüberliegenden 
Terrain untergebracht werden müssen (z. B. die 
tod twv ‘Epuwv, Aeschin.TII, 183 und Schol.; Harpoecr. 
s. v. "Epuat. — Die otoa AApırömwäıg Aristoph. Eccles. 
686; Tesveh. aApitwv oTod, Fustath. ad Odyss. 
868, 38; eine Stoa ‘Pwuaiov CO. J. Att. II, 446), 
so liegt es am nächsten, die an andrer Stelle (Schel. 
Aristoph. av. 997), auch einmal urkundlich (C. J. Att. 
421), kar' e£oxiiv sor. lange Halle*(h ev KepaneınW 
nakpa tod) mit der Attalosstoa zu identifizieren. 
(Verl. Adler, Die Stoa des Attalos; Winckelmanns Pro- 
eramm der Berl. arch. Gesellsch. 1874; denselben 
in Erbkams Zeitschr. f. Bauwesen 1875; Rich. Bohn 
ebdas. 1882.) Die richtige Bestimmung dieser Halle, 
deren Ruine lange Zeit für das Gymnasium des Ptolc- 
mäos gehalten wurde, erzielten die Ausgrabungen der 
griechischen archäolog. Gesellschaft im Anfang der 
sechziger Jahre durch den Fund der Reste einer 
dorischen 10,66 m langen Epistylinschrift: Avo yevı- 
kai auveleuoeıs 1861 —62 S. 16 f. Baoıkeüg "Art[adog] 
Baoı[lews AtrdAou! xal Baloıkiojons AmoAAwv[ibdoc. 
Es war somit Attalos II, König von Pergamon (159 
bis 138 v. Chr.), welcher offenbar mit Beseitigung 
älterer Bauten (vgl. Arch. Ztg. XXXII [1875], 121 f.) 
und wahrscheinlich einer regellosen Menge von Ver- 
kaufsbuden dieses prunkvolle, durchaus für den Markt- 
verkehr bestimmte Gebäude errichtete. Das Terrain 
mufste zu diesem Zwecke am Südende 3— 4m tief 
abgetragen, im Norden um etwa ebensoviel durch 
Substruktionen erhöht werden. Die offene Fassade 


168 


hatte zwei nach der Agora zu durch Säulenstellungen 
getragene Stockwerke und zwar im unteren Teile 
eine äufsere Reihe von 44 «dorischen, eine innere 
von 22 ionischen Säulen, deren 6 m breiter Abstand 
durch eine Tolzdecke überspannt wurde. Hinter 
den Säulenstellungen ziehen sich 21 zu Verkaufs- 
zwecken dienende Gemächer hin. Die Greramttiefe 
des Gebäudes betruz 19,43 m. Die Wand der süd- 
lichen Schmalseite, durch welche eine Thür führt, 
zeigt an der Aufsenfläche die Spuren einer zum Ober- 
geschofs führenden Treppe. Das entgegengesetzte 
nördliche Ende der Stoa schliefst innen mit mar- 
mornen Sitzbänken, einer Art Exedra, ab. 

Vor der Säulenhalle war später für «die römi- 
schen Feldherren zum Zwecke öffentlicher Bekannt- 
machungen eine Rednerbühne errichtet worden (Athe- 
naios V, 212f., oben S. 150). 

Zwischen der Attalosstoa und dem sog. Theseion 
befinden sich die Reste eines sehr spüten Baues, 
dessen unregelmäfsige Tage inmitten der Markt- 
niederung bis heute ein topographisches Rütsel dar- 
stellt. Es ist die sog. Gigantenhalle ıvgl. die 
mpaxrıka der gr. arch. Ges. 1859 S.15 f. und 1870 
bis 1871 S. 33f. mit Grundrifs; auch Arch. Ztg. 
1871 S.164f.; v. Sybel, Katal.d. Sculpt. 3793 f}. Die- 
selbe besteht aus vier grofsen, aus spätern Material 
nachläseig zusammengefügten Postamenten, aufdenen 
sich ebenfalls ziemlich roh gearbeitete Pfeilerbasen 
aus Marmor erhoben, letztere an ihrer vorderen, nach 
Norden gewandten Fläche mit schlangenumwundenem 
Ölbaum im Relief geschmückt. Auf diese wiederum 
waren hohe Pfeiler gesetzt, an welche sich in auf- 
rechter Ilaltung nackte männliche Kolossalfiguren 
lehnten. Der Unterteil des Körpers ging in phan- 
tastisch gewundene Schlangen- bezw. Fischleiber aus; 
die Köpfe fehlen an den drei erhaltenen Stücken; 
die Arme waren augenscheinlich erhoben, um das 
Gebälk zu stützen. Der besseren Arbeit nach zu 
urteilen, rühren diese Gebälkträger wiederum aus 
einer anderen, wenn auch römischen, so doch älteren 
Epoche her. Mir ist es wahrscheinlich, dafs dieselben 
von einem theaterähnlichen Gebäude herrühren. 

Die drei breiten Eingünge zwischen den vier 
Postamenten scheinen in einen (nach Nordnordost 
zu offenen) viereckigen Raum geführt zu haben, dem 
sich rechts und links Nebengemächer anschlossen. 
Man findet daselbst je einen Brunnen und (rechts) 
vielleicht die Reste einer Badanlage. Dafs man hier 
in spätrömischer, wenn nicht noch jüngerer Zeit an 
so unsymmetrischer Stelle einen neuen monumen- 
talen Eingang zu irgend einem Teile der Agora ge- 
schaffen haben sollte, ist mir nicht sehr glaublich. 

Im nördlichsten Teile des Marktes haben wir 
endlich noch von litterarisch bezeugten Stätten des 
Altertums, die Pausanias mit Stillschweigen über- 
gangen hat, das Leokorion zu suchen, einen abge- 


Athen (nördlicher Teil). 


grenzten, wohl zur Lustration des Volkes bestimmten 
Platz (s. Curtius, Über d. Leokorion), dessen Grün- 
dung die volkstümliche Sage auf die Todesweihe der 
Töchter des Königs Leos zurückführte. Dieser be- 
rühmte Bezirk (vgl. Strab. IX, 396) lag €v ueow rü 
Kepaneicw illarpoer. 8. v. Aewe.) in der Nähe von 
Verkaufsbuden (Demosth. L1V,7). Nach der Schil- 
derung, welche Thukydides von der Ermordung des 
Hlipparch gibt (I, 20; VI, 57), ist man veranlafst, das 
Leokorion möglichst nahe an das Kerameikosthor 
zu rücken: hier treffen Hermodias und Aristogeiton, 
als sie zum Thor hineinstürmten (Kpunoav elow tüv 
muAWv), den Tyrannen beim Ordnen das panathenäi- 
schen Festzuges. lWier hielten sich, wie beim Thor, 
die Hetären auf (Theophyl. ep. 12; Alkiphr. ep. III, 
5,1); hier fand Jdie Prügelei statt, welche den Gegen- 
stand der Rede des Demosthenes gegen Konon bildet. 
Anderseits ging man von dieser Stätte des Marktes 
nach Melite hinauf (mpög MeXitnv üvw, Demosth. 
a.a.0. 87). Da wir das Leokorion keinesfalls süd- 
licher rücken können, als in die Nühe der Kapelle 
Hag. Philippos oder der »Giganten«, so mufs die 
IIöhe, auf welcher das sog. Theseion liegt, schon zu 
Melite gehört haben (s. oben S. 150). 

Die Unigebung des Marktes. Nach jener 
Ahschweifung zur Enneakrunos, welche wir später 
behandeln werden, nennt Pausanias (I, 14, 6) ünep 
töv Kepaneiköv Kai OToüv Tv kakounevnv Baoikeıov: 
den Tempel des Hephaistos und (mAnolov) den 
der Aphrodite Urania. Die beiden Heiligtümer 
lagen somit auf der Höhe über dem Markte, und 
zwar haben die neueren Topographen sich darin 
geeinigt, dieselbe in dem sog. Theseionhügel zu er- 
kennen, da ja die Stoa Basileios unzweifelhaft im 
nordwestlichen Teile des Marktes zu suchen ist. So 
nahe diese Interpretation auch liegt, kann ich nicht 
umlıin, meine Bedenken dagegen auszusprechen, 
ohne damit die schwierige Frage zu völliger Ent- 
scheidung hringen zu wollen. Nach Harpocration 
(s. v. KoAwverac) befand sich das Hephaisteion (so- 
wie ein heiliger Bezirk des Eurysakes, Sohnes 
des Aias) bei dem als Standplatz der Dienstmänner 
bekannten KoAwvös Ayopaioc: ög Eorı mAnoloy Trig 
dyopäc, Evita TO ‘Hopaıdreiov al TO Ebpugdxeidv EaTıv. 
(Bei Poll. VII, 132 und im Argument. II zu Sophocl. 
Oed. Col. 16,10 Dindf. wird nur das Eurysakeion ge- 
nannt.) Da ich mich nicht entschliefsen kann, diesen 
Markt Kolonos von einem gleichnamigen (städti- 
schen) Demos völlig zu trennen, der Theseionhügel 
aber noch zu Melite gehören mufs (s. oben), an 
welches im Norden vermutlich Kollytos grenzte (vgl. 
S. 151), so bleibt für den Kolonos nur auf der West- 
seite des Marktes Raum, cine Annahme, welche ich be- 
reits a.a.O. zu stützen suchte. Die ausführlichere Er- 
örterung dieses Themas mufs ich um des allzureichen 
Details willen einer anderen Gelegenheit vorbehalten. 


Athen (nördlicher Teil). 


Nach Beschreibung der Poikile und Erwähnung 

des Altars des Eleos auf dem Markte (I, 17,1) wendet 
sich Pausanias wieder der näheren Umgebung des- 
selben zu. Ererwähnt das Gymnasium des Ptole- 
maios (I, 17, 2 fs Ayopds Anexov ob moAb) mit 
Hermenbildern, einer Bronzestatuce des Ttolemaios, 
sowie anderen Bildsäulen des Juba, (seines Sohnes 
Ptolemaios C. J. gr. 360), und des Chrysippos von 
Soloi. Daneben (mpös rw yuuvaoiw) lag das The- 
seion und eben dieses nennt Plutarch (Thes. 36) 
ev ueon N möleı mapüa Tö vüv Yuuvdoırov. Der 
Stifter des Gymnasion war unzweifelhaft Ptolemaios 
Philadelphos (285— 247 v. Chr... Tbenda befand 
sich eine wohl von dem Könige selbst angelegte 
Bibliothek, zu welcher nachmals die Epheben bei- 
steuerten (vgl. Dittenberger, de eplieb. att. 51; ge- 
wöhnliche Formel: &dooav kal BußAla eis triv Ev TTroke- 
nalw Bıßlıodricnv). Die sehr zahlreichen Ephebenin- 
schriften, welche durch die Ausgrabungen bei der 
Attalosstoa zu Tage gefördert wurden, stammen un- 
zweifelhaft aus dem Ptolemaion, welches sie öfter 
erwähnen. In der Nähe, d. h. an der Nordostseite 
der Agora, würden wir das Gymnasium auch ohne 
diese Zeugnisse zu suchen berechtigt sein; denn 
westlich fehlt es, auch abgesehen davon, dafs jede 
Kontinuität mit dem Vorhergehenden und dem Fol- 
genden (I, 18,1 vgl. das Dioskurenheiligtum) zer- 
rissen wurde, schon an Raum, man müfste denn 
glauben, dafs auch dieses Bauwerk auf dem »Theseion- 
hügel« Platz gefunden hätte. 

Nun erheben sich noch heute, östlich von der 

Attalosstoa, die Reste eines gewaltigen Peribolos aus 
römischer Zeit (wie die Architektur unzweifel- 
haft erkennen läfst), dessen Abgeschlossenheit und 
nahezu quadratischer Grundrifs die gewöhnliche Be- 
nennung »Stoa des Hadrian« wenig rechtfertigt 
und vielmehr auf das von demselben Kaiser er- 
baute Gymnasium zu beziehen sein wird (Paus. 
I, 18, 9. Da wir in derselben Gegend auch das 
Gymnasium des Ptolemaios suchen und in römi- 
scher Epoche die Neuanlage eines Gymnasiums 
in unmittelbarer Nachbarschaft eines bereits vor- 
handenen doch kaum wahrscheinlich ist, so läge 
die Annahme nahe, dafs der Hadrianische Bau 
geradezu an Stelle des älteren getreten sei. Dazu 
kommt, dafs ein so ausgedehnter Bauplatz inmitten 
der Stadt ohne Beseitigung gröfserer öffentlicher 
Gebäude selbst damals wohl nicht leicht zu ge- 
winnen war. 

Gegen diese Schlufsfolgerung scheinen ja freilich 
eben die Worte des Pausanias zu sprechen, welcher 
beide Gründungen an getrennter Stelle aufführt (das 
Gymnasium ],18,9 unter den übrigen, summarisch 
erwähnten Bauten des Hadrian).. Doch ist heute 
wohl die Frage berechtigt, ob ein solcher Widerspruch 
nicht auf die Benutzung verschiedenartiger Quellen 


Dr] 


169 


zurückzuführen wäre, welche Pausanias für seine 
Stadtbeschreibung zu Rate gezogen hat. 

Das grofse Viereck des Hadrianischen Baues 
wandte seine Hauptseite dem Kerameikos zu, doch 
weicht die nach Nordwesten gerichtete Orientierung 
desselben bedeutend von derjenigen der Attalosstoa ab. 
Da das südwestlich gelegene »Marktthor« in gleicher 
Flucht liegt, so dürfte (wie auch Bursian, Geogr. v. 
Griechen!. I, 292 vermutet) ein Strafsenzug, der viel- 
leicht auf das acharnische Thor zuführte, von 
bestimmendem Einflufs auf diese Gruppe von An- 
lagen gewesen sein. 

Das Gebäude, dessen vollständigen Grundrifs Stuart 
(s. Altert. v. Athen, d. Ausg. TI, 173£. Lfg. IV Taf.”7 bis 
Lfg. V Taf. 6) noch ermitteln konnte, weist heute 
nur die nördliche Hälfte der mit korinthischen Säulen 
geschmückten Westfront, sowie Teile der nördlichen 
und östlichen Mauer auf. Die von Westen nach 
Östen gerichtete Längenausdehnung betrug etwas 
über 122 m, die Breite beinahe 82m. Die architek- 
tonischen Details werden in dem Artikel »Bau- 
kunst« (unter »Hadrianstoa«c) näher besprochen. In 
der Osthälfte des Innenraums ist der noch aufrecht 
stehende Rest einer aus pentelischen Quadern ge- 
fügten Wand, daneben eine Rundbogenthür in die 
jetzt zerstörte Kirche der Meydin TTavayla verbaut. 
Die drei dorischen Säulen (Durchm. 0,50 m) nebst 
Antenpfeiler, welche ein nicht zugehöriges (ionisches) 
Epistyl tragen, sind (als Träger des Glockenstuhles) 
erst mit dem Bau der Kirche hierher verpflanzt 
worden. 

Ganz in der Nähe des Gymnasion des Ttole- 
maios lag nach doppeltem Zeugnis (s. oben) das 
Theseion. Dasselbe umschlofs die Gebeine des 
Theseus, welche Kimon (Ol. 77,4) von Skyros nach 
Athen geführt hatte (Plut. Thes. 35. 36 xeltaır Ev 
ueon tM mökeı, Diod. Sie. IV, 62). Es wird in unsern 
Quellen aufgeführt als: Teuevos (inschriftlich, C. J. 
Att. IT, 446 2.13), Teuevos AcuAov (Diod. IV, 62) 
onxös (Paus. I, 17, 6) und iep6v (Paus. I, 17, 2). 
Einen Priester des Theseus nennt der Theatersitz 
C.J. Att. ITI,295, vgl. ’Epnu dpx. 2154; seinen heiligen 
Schatz die Urkunden C. J. Att. 1,213.210 u.a.m. Das 
Temenos war Asylstätte (Diod. u. Plut. a. a. O.; 
Etym. M. Onoeiov und Onoeiötpiy) und bot Raum 
für Truppenansammilungen (Thukyd. VI, 61), auch 
für Ratssitzungen (C. J. Att. II, 48N. Das Innere 
des Heiligtums war von Mikon (unter Leitung oder 
Beteiligung des Polygnot; Harpocr. Suid. Phot. 8. v. 
TToAbyvwroc, wo !ncaupW längst in Onoewg lepWw oder 
Onceiw emendiert) mit drei, auf ebensoviel Wände 
verteilten (remälden ausgeschmückt, welche 1. den 
Kampf der Athener gegen die Amazonen, 2. die 
Kentaurenschlacht, beides natürlich unter Beteiligung 
des Theseus, 3. Theseus darstellte, wie er den Ring 
des Minos aus dem Meere heraufholt. (Den folgenden 


170 


Exkurs des Tausanias über das Ende des Theseus 


1,17,4f. hat man wohl mit Unreelit auf ein viertes 
Gemälde bezogen.) 

Schon der topographische Zusammenhang mit 
den vor- und nachstehend aufgeführten Gründungen 
verlangt die Ansetzung des Theseion in der Nond- 
stadt, östlich vom Kerameikos. Unabhängig von 
diesen Erwägungen stimmt dazu aufs beste die An- 
gabe Ev ueon tn nöder (Plut. Thes. 36 nach Philo- 
choros: vgl. Philol. XXXII, 66). Wahrscheinlich 
waren auch einige der vorzugsweise bei Dimitrios 
Katiphori gefundenen Siegerverzeichnisse aus den 
Theseen ursprünglich im Theseion aufgestellt (vgl. 
C. J. Att. IT, 444 f.; Attyyvarov VIII, 399, dazu 446, 
2.13 f.: aveiinkev de kai] atrAnv Ev TW Toü Oncews 
teuever eis iv Aveypayev T[ous vırnoavras]\. Wie- 
wohl verschleppt, würden diese schr grofsen Platten 
doch wenigstens für die östliche Lage sprechen. 
Eine andre Spur scheint mir folgende Kombination 
zu ergeben: von Tromes, dem Vater des Aeschines, 
sagt Demosthenes (XVIT, 129: dig 5 marnp oou 
Tpöung Edobleve nup' ’Eitia rw mpös TW Onceiw 
dıddokovri Ypdupartu. An einer andern Stelle (XIX, 
249): drddoxwv d’ 6 marrp Ypdunata... Tpöc TW 
tod Apw Toü iarpod. Mir scheint nun die natür- 
lichste Voraussetzung, dafs der Redner anf ein und 
dasselbe Faktum anspielt und nur im Ausdrucke 
wechselt. (Auch Apollonios in der vita d. Aecschines 
zieht beide Angaben zusammen: gaoiv... Tpdunra 
... TeYovevar TO Kart’ Apxäac doVAov Kal tredas Exovra 
dödoreıv Ypduuara rpös TW Onceliw kai TW ToÜ 
latpo0 hpıbw.) Wenn man daraus, wie ich glaube, auf 
die Nachbarschaft des Theseion und des Heroon 
des Heilheros, schliefsen darf, so bietet sich für die 
Lokalisierung des letztern ein Anhaltspunkt in dem 
vor wenig Jahren gemachten Fund zweier grofsen 
Inschriftplatten am oberen Ende der Anthenastrafse 
(nördlich von Megalo Monastir, gegenüber (dem Boreas- 
hrunnen), welche Bestimmungen über die Verwen- 
dung von Weihgeschenken im Heiligtum des Heros 
Iatros treffen (C. 7. Att. TI, 403, 404). In diese 
Giegend würden wir schon mit Rücksicht auf die 
übrigen östlich vom Markte vorhandenen Anlagen 
die geräumige Fläche des Theseion hinausrücken 
müssen. 

Ein merkwürdiges Zusamınentreffen, welches man 
(trotz des unzuverlässigen Gewährsmannes, Pittakis) 
kaum umhin kann, als Bestätigung zu verwerten, 
bildet der Fund einer andern Inschrift bei dem eben 
genannten Boreasbrunnen : lepomoroi Avellesuv TW 
Onoet u. s. w. (Rangabe, ant. hell. 1059). 

Seit dem frühesten Beginn topographischer Er- 
örterungen über Athen ‘vgl. den »Pariser Anonymos« 
vom Ende des 15. Jahrhunderts: Archäol. Anz, 1862 
S.378£.; Arch. Ztg. 1883 S.51f.; Wachsmuth, Athen I, 
142 f.) bis gegen die Mitte unseres Jahrhunderts 


Athen (nördlicher Teil). 


galt unbestritten als Theseion der wohlerhaltene, 
frühzeitig in eine Kirche des Hag. Georgios verwan- 
delte dorische Tempel in Melite, an hervor 
ragender Stelle auf dem Nordende des sog. The- 
seionhügels gelegen. (Vgl. Stuart u. Revett, Altert. 
von Athen, d. Ausg. II, 324 f, Lfg. IX Taf. 7 bis X 


Taf. 6 Die Metopen: Lfg. XXV Taf. 10 bis XXV] 
Taf.1. Die nähere Beschreibung folgt unter »The- 


seion«.) Rufs (T6 Onoeiov kai 6 vaös ToU "Apews 1838, 
deutsch 1852), der erste Zweifler, suchte in ihm den 
Arestempel nachzuweisen (so ohne Motivierung 
allerdings schon Cyriacus von Ancona epigr. rep. 
per Ilyrie., gedruckt 1747, p. XTIT; Wachsmuth 
a.a.0.S. 727): für den HHephaistostempel traten 
Pervanoglu (Philol. VNXVI, 66 £.) und Lolling (Gött. 
gel. Nachr. 1874 S. 17 f.) ein. Aufserdem sind Hera- 
kles in Melite und Apollo Tatroos genannt 
worden. An IIerakles erinnerte zuerst, doch zweifeln!, 
Bursian /Geogr. Griechen]. I, 288 Anm. 2), mit zu- 
nehmender Sicherheit trat sodann Wachsmuth für 
ihn ein (Rhein. Mus. XXIII, 12 f., XXIV, 44 f.; Die 
Stadt Athen 8. 364 f.). Ihm stimmten u. A. Curtius 
(Erl. Text zu den 7 Karten 8. 55 u. sonst), sowie 
W. Gurlitt (Satura IH. Sauppio oblat. 1879 S. 165 
bei. An den Tempel des Apollo Patroos (s. oben 
S. 163f.) dachte später auch Rofs; neuerdings hat 
sich (gesprächsweise) U. Köhler dafür entschieden, 
dem auch Löscheke (Dorpater Progr. 1883 S. 2L£. 
beipflichtet. Andre haben sich wieder auf das Be 
stiminteste für Theseus erklärt (Schultz, de Thesen, 
1874; v. Willamowitz, Aus Kydathen 8. 136 u. A.. 

(Gegen das Theseion sprechen nicht nur alle 
oben vorgebrachten topographischen Momente, son 
dern auch der Charakter des Bauwerkes. Die Ost 
fronte wird durch den reicheren Skulpturenschmuck 
als Haupt- und Eingangsseite gekennzeichnet, der 
Tempel dadurch einem Gotte zugewiesen; denn deı 
Kultus des Heroen wendet sich nach Westen (vgl. 
Schol. Pind. Isthm. III, 110 bestätigt durch die 
Westeingänge zu dem Pelopion und dem »Heroon: 
in Olympia). Dafs das reuevos oder der anxös, zugleichı 
Bepräbnisstätte des Theseus, einen stattlichen Tem- 
pel umschlossen habe, ist zudem eine unbewierene 
Voraussetzung. (Vgl. z. B. Paus. I, 1, 3 €vraöıka, 
d. i. im peiraiischen Hleiligtum des Zeus Soter: Acw- 
ollevnv kai Tous truidas Eypayev Apkeoikaog mit Strabb. 
IX, 396 Tod iepod rAa grToidıa Exeı nivaxas Yauua- 
orobc). Was ferner ein Hauptargument der An 
hänger des Theseion, die Chronologie des Tempels. 
anlangt, so wäre doch noch nicht erwiesen, dafs im 
Heiligtum, dessen Bauzeit nnmittelbar nach Olym 
piade 77 (nach der Einholung der (Cirebeine (der 
Theseus) fiele, eben das Theseion sein müsse. Abeı 
relbst diese Voraussetzung kann nicht als zutreffend 
gelten. In der 77. Olympiade, also höchstens ein 
paar Jahre früher, begann auch der Bau des Zeus 


Athen (nördlicher Teil). 


tempels zu Olympia; derselbe war in der 80. Olym- 
piade bereits vollendet. Unmöglich könnte der Bau 
des kleinen dorischen Tempels längere Zeit erfordert 
haben. Nun ist doch der Abstand im Stilcharakter 
beider Bauwerke und ihres bildnerischen Schmuckes 
immerhin so grofs, dafs im Vergleich dazu der leise 
Archaismus der Architektur, weleher das » Theseion« 
von Parthenon trennt, fast verschwindet. Noch ge- 
ringere Unterschiede weisen die Skulpturen, nament- 
lich die Friesreliefs auf, angesichts jener rapiden 
Entwickelung der Plastik seit der Mitte des 5. Jahr- 
hunderts. Deshalb stehe auch ich nicht an, die Fr- 
richtung oder doch die Ausführung des » Theseion« zu 
den früheren Werken zu rechnen, welche unter der 
Staatsleitung des Perikles {seit Olymp. 80, 1) ent- 
standen sind. 

Was endlich den Inhalt der Skulpturen angeht, 
80 gestatten dieselben keinen direkten Schlußs auf 
den Inhaber des Gebäudes, mag auch der inoch un- 
gedeutete) östliche Fries, sowie der westliche (Kampf 
der Kentauren und Lapithen‘ immerhin sehr walır- 
scheinliche Beziehungen auf Theseus, den national- 
sten attischen IIeros, zulassen. Übrigens füllt es 
schwer zu glauben, dafs der Kentaurenkainpf, wel- 
ehen im Theseion Mikon gemalt hat ;s. oben) an 
demselben Bauwerk auch plastisch ausgeführt 
wonlen sei. Der Umstand aber, dafs die 10 an der 
hervorragendsten Stelle der Ostfront des Gebändes 
befindlichen Metopen Thaten des Herakles darstellen, 
denen nur je 4 Theseusabenteuer an den beiden 
Langseiten des Tempels beigesellt sind, scheint mir 
gerade Theseus als den Einzigen zu bezeichnen, 
welcher von jedem Anspruch ausgeschlossen ist. 

Über das Heiligtum des Apollo Patroos haben 
wir uns bereits oben (8. 163£.) vom topographischen 
Standpunkt geäulsert. An unserem Tempel dürfte 
Apollo — und dies halte ich für den gewichtigsten 
(regengrund — unter den am Ostfriese dargestellten 
Gottheiten nicht fehlen ; erscheint derselbe doch an 
seinen Tempel zu Phigalia, sowie im Westgiebel zu 
Olympia sogar beim Kentaurenkampf. Die Deutung 
des Ostfrieses auf den Kampf des Jon und der 
Athener gegen die Eleusinier (so zuerst Lolling, 
(rött, gel. Nachrichten 1871 8.17 f.) unterliegt zu- 
lem noch anderen Bedenken. 

Die Deutungen auf Theseus, Apollo (Ares, Ile- 
phaistos) sind zum Teil stark beeinflufst worden 
durch die Voraussetzung, dafs Pausanias ein #0 her- 
vöorragendes Bauwerk unmöglich übergangen haben 
könne. Dies Bedenken erledigt sich durch das auf- 
fallende, aber im Zusammenhange unserer Unter- 
suchung unvermeidliche Ergebnis, dafs der Perieget 
das ganze Quartier Melite überhaupt nicht be- 
rücksichtigt hat, wenn nicht etwa der Areiopag 
und dessen nächste Umgebung dazu gehörte. So 
übergeht er mit Stillschweigen auch alle übrigen 


171 


Denkmäler, deren Lage in Melite uns aus andern 
Quellen bekannt geworden ist: die Pnyx (s. S.158f), 
ein dabei gelegenes lleiligtum der Chrysa (Phut. 
Thes. 27), den Tempel der Artemis Aristobule 
(Plut. Themist. 22), des Herakles {s. unten), Heroa 
des Melanippos (Harpocr. s. v. Mekavinteiov), des 
Chalkodon (Plut.a.a.0.), desHeptachalkon(Plut. 
Sull. 14}, das AuaZöveıov (Steph. Byz. Harpocr. s. v.; 
Diodor IV, 283) und die Amazonengräber (Plut. 
Thes. 27 Quaert. gr. 56), das berühmte Übungshaus 
der Schauspieler, MeAıtewv oikog genannt (Hesych. 
Phot. s. v. Zenob. TI, 2), abgesehen von privaten 
Gebäuden und anderen Grundstücken, denen wir 
überhaupt bei Pausanias seltener zu begegnen ge- 
wohnt sind (das Haus des Themistokles, Plut. 
Themist. 22; des Phokion, Plut. Phok. 18; des 
Kallias Schol. Aristoph. ran. 501; des Epikur Diog. 
Laert. X, 17). 

Ist jene Beobachtung richtig und dürfen wir 
voraussetzen, dafs der dorische Tenpel auf dem 
westlichen Stadthügel irgend eine Spur in unsrer 
Überlieferung zurückgelassen hat, so können wir 
nicht umhin, den :Herakles aus Melite«e darin 
einzusetzen. Kult und Lleiligtum desselben in Me- 
lite sind wohlbezeugt: Schol. Aristoph. ran. 501 zu 
obk Mekitng nacrıylas:... ev Mekitn &oriv Empave- 
Otutov iepöv "Hpurkeoug UAEEIKdKOU ... TO dE TOU 
"Hpurk&ous ayulua Epyov Ayekadov ToU Apyeiov, TOD 
d:duokdAou Peidiov.. Den Beinamen und das dem 
IIerakles in Melite eigentümliche Äpfelopfer bezeugt 
Apollodor iZenob. V, 33 unkov "Hpuräns‘ AroAlö- 
dwpog Ev Tois trepi Yeuv örı Yberar Alttfıvnoıv “Hpa- 
xkei Adeiıkurw IldIdZovod TI Yvoia u. 8. w.; Ilesych. 
s. v. MiAwv "HparAfic); vol. auch das Versprechen, 
welches Theseus dem IfTerakles bei Eurip. Iler. fur. 
1331 f. gibt: Yavovroc de... Yuciarcı Aaivorol T' EE- 
oykWuagcıv | Tiuiv avaleı näc’ Alnvalwv TÖÄLc. 

Damit vereinigt sich der Thatbestand aufs beste. 
Gierade in Attika wurde Herakles als Gott verehrt 
(Diod. IV, 39%. Ageladas war bis gegen Olymp. 82 
thätig; sein Schüler Phidias konnte an dem Kult- 
bilde des lerakles schon beteiligt gewesen sein. 
Die Heraklesmetopen über den östlichen Tempel- 
säulen dürfen nun, wenn nicht als Beweis, so doch 
als Bestätigung herangezogen werden. Die auf The- 
seus bezüglichen Bildwerke passen nicht minder 
gut, da die Athener denselben ja mit Vorliebe neben 
IIerakles zu stellen pflegten (@AAos “HparAfc). Wir 
schliefsen uns daher unbeirrt von neueren: Wider- 
spruch den Worten Wachsnuths (Athen 8. 365) an: 
‚Sicherlich kann man keinen Olympier nachweisen, 
der auch nur annähernd so viele und so gut verbürgte 
Ansprüche auf dies lleiligtum erheben könnte.« 

Nach dieser Abschweifung auf das Gebiet von 
Melite setzen wir mit Pausanias die Wanderung fort, 
welche uns vom Theseion weiter führt. 1, 18,1 geht 


172 


er ohne orientierende Bemerkung zum Anakeion, 
dem Heiligtum der Dioskuren, über: r6 de lepöv TWv 
Arooko'bpwv Eotiv Apxaiov (also wohl dem Perser- 
brande entgangen). Darin (in einem Tempel?) be- 
fanden sich aufser ihren Statuen die Reiterbilder ihrer 
Söhne (Anaxis und Mnasinus), ferner Gemälde des 
Polygnot und Mikon, von ersterem die Dioskuren 
mit den Töchtern des Leukippos (wohl der Raub), 
von Mikon die Argonauten. Mit diesen "Avakes und 
Zwrfipes (©. J. Att. III, 195) war auch anderer 
Hervenkult verbunden. C. J. Att. IIl, 290 lepews 
Avdxoıv xai Hpwos ’Emteylov. Das gerüumige Te- 
menos, in welchem sich Truppen und selbst die 
Reiterei versammeln konnten (Thukyd. VIII, 3; 
Andokid. I, 45), lag schon unmittelbar am nördlichen 
Burgabhang (vgl. Lucian. pisc. 42 oi de Kai npös TO 
"Avdkeıov kAluaxas Trpoctenevor Aveprrouoıwv, nämlich 
auf die Akropolis), doch über ihm noch das Heilig- 
tum der Aglauros (Paus. I, 18, 2 ümep TO rWv A. 
tö lepdv, Polyain. 1, 21, 2;. Das letztere wiederum 
wird bestimmt durch die Angaben, dafs es an der 
abschüssigsten Stelle des Burgfelsens (Herod. VIIl, 53 
Atoxpriuvov 6vTos TOD xwpiou, vgl. Paus. I, 18, 2 
Evda nv udAıota Amötouov), den sog. Maxpal (nerpaı) 
vor den Heiligtümern der Pallas, d. i. dem Erech- 
theion und nicht weit von der am Nordwestabhang 
gelegenen Punsgrotte (also zwischen beiden) lag: 
Eurip. Jon. 492 f. bu TTavös daxriuara xai | rapauAl- 
Zovoa netpa | muxWdeoı Maxpais | iva xopoüc oTel- 
Bovon nodotv | Aypaukou Köpaı Tplyovor | OTadıa XAoepa 
mp6 TTaAAddos | vauv. An dieser Stelle erkletterten 
die Perser bei der Belagerung die Burg (Paus.a.a.O. 
katd Toüto Enavaßdvres u. 8. w. Herod. VIII, 53). 
(Gewöhnlich läfst man sie durch den sicherlich an- 
tiken Felsgang oder Felsspalt hinaufgelangt sein, 
welcher am oberen Burgrande, etwa 40m westlich 
vom Erechtheion, seinen Anfang nimmt, heute nach 
ein paar Stufen abwärts völlig zerstört und an 
seinem unteren Ausgang gegenüber der Kapellen- 
ruine Seraphim zugemauert ist. (Vgl. C. Bötticher, 
Bericht über d. Untersuch. zu Athen 8. 220, 21.) Ich 
zweifle daran, obwohl die Örtlichkeit zur Beschrei- 
bung pafst. Der geheime Zugang wurde von den 
Belagerten sicherlich wohl verschlossen. Nun ist es 
aber, wie ich aus eigner Erfahrung weifs, durchaus 
nicht unmöglich, den Burgfelsen von aufsen auf 
der ganzen Linie bis zum Ansatzpunkt der (türki- 
schen) Befestigungsmauer zu erklimmen und, da 
eine solche damals fehlte, das obere Plateau zu er- 
reichen. 

In der Nähe des Aglaurosheiligtums (mAnolov), 
und zwar nach Mafsgabe der ferneren Wanderung 
des Pausanias Östlich davon lag das Prytaneion 
(1, 18, 3) mit Resten der hölzernen Gesetzestafeln 
des Solon (vgl. auch Plut. Solon 25; Harpocr. s. v. 
&ovı), Bildwerken der Eirene, Hestia (vgl. vit. X 


Athen (nördlicher Teil.) 


orr. 8347c) und Agathe Tyche (Aelian, var. hist. IX, 
39), Standbillern des Pankratiasten Autolykos (von 
Leochares, Plin. N.H. 31,8 8 79; Xen. Symp. 1,1), 
des Miltiades und Themistokles (deren Basisinschrif- 
ten später auf einen Römer und einen Thraker um- 
geschrieben wurden; auch Demochares wurde von 
der Agora versetzt, vit. X orr. a.a.0O.). Das Pryta- 
neion lag noch an der Burghöhe, denn von dort 
geht Pausanias I, 18, 4 &s Ta xdrw TG mökewec. 
Zahlreiche Prytanenurkunden mit Verzeichnissen 
der speisenden Beamten und sonst Geehrten (deiot- 
tor vgl. Hermes V, 399 £.; VI, 14 f. 50. 51) sind am 
Nordfufse der Burg zum Vorschein gekommen (vgl. 
7. B. C. J. Att. 111, 1025 — 28, 1034— 37, 1042. 1052 
u.a. m... Als »beim Prytaneion gelegen« wird uns 
aus andern Quellen noch ein Komplex verschieden- 
artiger Stiftungen genannt, der Gerichtshof E€ri 
TTpvraveiw (Poll. VIII, 120; Paus. I, 28, 10), das 
Basileion oder Amtslokal der Puloßacnkeis, welche 
auch dem Gerichtshof beim Prytaneion vorstanden 
(Poll. a. a. O.), in der Nähe das Bukoleion (Poll. 
VIU, 111; vgl. Plut. praeec. conj. 42 Uno mökıv Töv 
kalouuevov BovZuyıov\; dieses Bukoleion wird 
wiederum (bei Bekker anecd. gr. 1, 449, 15; Suid. 
s. v. üpxwv, und soweit wird die dort enthaltene 
Angabe ja brauchbar sein) direkt in die Nähe des 
Prytaneion verlegt (T6 de nv mAnolov Toü mpuravelov). 
Hinter dein Prytaneion«e befand sich endlich ein 
ödes Feld, Aıudü nediov genannt (Zenob. IV, 93: 
Tö Önıotdev TOD mpuraveiovu ebiov. — Über alle diese 
Stätten und Stiftungen vgl. die Kombinationen von 
Chr. Petersen, Arch. Ztg. 1852 S. 410 f.; C. Böt- 
ticher im 3. Suppl. d. Philol. 8. 323 f.).. Von den 
antiken Spuren zwischen den Kapellen Hag. Soter 
und Simeon (vgl. die Übersichtskarte der Akropolis), 
in denen Bötticher (a. a. O. S. 359) Reste des Pry- 
taneion zu erkennen glaubte, ist heute wenigstens 
nichts mehr vorhanden. Doch kann die Stelle des 
selben nur hier oder wenig unterhalb gesucht werden. 
Denn nahe dem Felsen zog sich längs den zahl- 
reichen Grotten und Votivnischen des Norlabhanges 
(genau verzeichnet und beschrieben von Kaupert 
und Curtius, Atlas von Athen 8.20 f.) ein die ganze 
Burg umspannender Gürtelweg hin, von welchem 
eine oberhalb Hag. Simeon in die vertikale Fels- 
fläche gemeifselte Inschrift Kunde gibt, C. J. Att. 
II, 1077 = Il, 409: [TJoDd nepındro[u] | mepfodos | P 
(d.i. 5 Stadien) mödes AMlli (d.i. 18 Fufs), eine Mafs- 
bezeichnung, die sich mit dem Umfang des Burg- 
abhanges selır wohl vereint, wenn man den Weg 
(in der auf dem Akropolisplan bezeichneten Weise) 
durch die obere Cavea des Dionysostheaters legt. 
Die Naturkulte, von denen jene zahlreichen Votirv- 
nischen Zeugnis ablegen, dürften mit keinem der am 
Nordabhang der Burg gelegenen gröfseren Heilig- 
tümer in direkter Verbindung stehen. 


"Athen (nördlicher Teil). 


Von Prytaneion aus unternimmt Pausanias zwei 
fernere Wanderungen, deren erste (I, 18, 4 £.) das 
»östliche« (bezw. südöstliche) Athen absolviert, wäh- 
rend ihn die zweite (1, 20, 1 f.\ auf die Südseite 
der Burg bis zu ihrem Westeingange führt. Zuvor 
haben wir noch einige römische Anlagen in dem 
nördlich vorder Akropolis ausgebreiteten Quar- 
tier nachzutragen, sowie den äufseren Keramei- 
kos und dessen nähere Umgebung zu beschreiben. 

Von der Ostseite des Marktes aus führte südlich 
an der Attalosstoa vorbei (also zwischen ihr und 
der Poikile, wie wir 8.166 £. annahınen' eine Strafse 
nach Östen, auf deren rechter ‚südlicher. Seite vor 

wenig Jahren gelegentlich eines Iläuserbaues Funda- 
mente einer Halle aus römischer Zeit nebst Statuen- 
testen zum Vorschein kamen (vgl. Karten von At- 
tika I, 9, 5). Diese Strafsenriehtung führt auf ein 
gröfstenteils noch wohlerhaltenes dorisches Thor, 
die sog. Pyle der Agora oder der Athena Arche- 
getis (dessen ausführlichere Beschreibung unter 
»Agorathor« in dem Art. »Bankunstr erfolgt. Vgl. 
C. Bötticher, Bericht über d. Untersuch. in Athen 
2.223 f). Die vier Säulen des 11,14 m breiten 
Thores bilden einen Mitteldurchgang für Wagen 
(3,42 m) und beiderseits je einen schmäleren 1,42 m} 
für Fufsgüänger. Wie die Architravinschrift bekundet, 
ist das Gebäude in augusteischer Zeit von Volke 
aus Geschenken des Caesar und des Augustus er- 
richtet und der Athena Archegetis geweiht worden 
(C. J. Att. III, 65 6 dnuos dnö TWv doteiawv dwpeWv 
und Taiov ’louAlov Kaioupog Heoü xui abTOKpuTopog 
Kaisapos Yeoü viov Zeßuotod Alva ApynyerWı, uTpa- 
nfoövros u. 8. w.). Fine Basis über dem Gicbel 
trug die (Reiter-?) Statue des Lucius Caesar, Einkels 
und Adoptivscohnes des Augustus (C. J. Att. III, 
445: 5 dfuos | Aoukıov Kaloapa Abrtokpdropog | Heoü 
vo Zeßaotod Kalcapos UV). Nach Osten zu ent- 
sprachen den Säulen drei durch Antenwände gebil- 
dete Thorgänge. Diese Wände sind heute bis auf 
einen Antenpfeiler verschwunden; am linken Ende 
des Mittelganges findet sich vor der Bettung der 
serschwundenen Ante an ursprünglicher Stelle im 
Boden festgedübelt eine kolossale Marmorstele, deren 
Inschrift (C. J. Att. III, 38) ein Kdikt des Kaisers 
Hadrian mit Anordnungen bezüglich der Ölpreise 
u. 8. w. enthält. An die äufseren Wände schlossen 
sich vermutlich zu Verwaltungszwecken dienende 
Marktgebäude an. (Vgl. auch die ebenda gefundene 
Basisinschrift einer Statue der Julia, in welcher zwei 
Agoranomen auftreten, C. J. Att. III, 461.) Jeden- 
falls führte das Thor im Osten auf einen freien, 
dem Handelsverkehr gewidmeten Platz; man hat 
sich gewöhnt, ihn als Ölmarkt zu bezeichnen. Von 
der Einfassung desselben sind bedeutende Säulen- 
reste in situ östlich in einem Privathause und nörd- 
lich davon in der jetzigen Kaserne sichthar (die 


173 


Säulen, unkanneliert, ionischer Ordnung, aus hymet- 
tischem Marmor mit pentelischen Kapitälen, 5,20 m 
hoch, in der Kaserne auch ein Stück des Architravs; 
vel. auch B. Schmidt, Rhein. Mus. XX, 161; Curtius, 
Yrl. Text zu d. 7 Karten 8. 45}; nach diesen Spuren 
ergänzt, würde der Platz eine Breite von ca. 60 m 
und cine westöstliche Ausdehnung von nahezu 100 m 
gehabt haben. 

Die Einheitlichkeit der Anlagen setzt sich noch 
weiter nach Osten fort; hier liegt, noch in der Axe 
des Marktthores {27 m von dem Säulenabschlufs 
des Platzes‘, ein nur wenig älteres Bauwerk, der im 
sanzen wohlerhaltene soxr. Turm d er Winde, d.i. 
das im 1. vorehristl. Jahrh. erbaute Horologion 
des Syrers Andronikos aus Kyrrhos, von wel- 
chen uns Vitruv ], 6, & berichtet: Andronicus Cyr- 
rhestes. qui eliam eremplum conlocarit Athenis turrim 
marmorcam octagonon et in sinqulis lateribus octa- 
gont singulorum ventorum imagines u. 8. Ww. (Vgl. 
Varro, De re rust. III, 5, 19%. Aufser den noch er- 
haltenen Reliefs der acht Winde: Boreas, Skiron, 
Zephyros, Lips, Notos, Euros, Apeliotes, Kaikias be- 
fand sich auf der Spitze des Gebäudes ein eherner 
Triton als Wetterfahne. Das Innere zeigt Einrich- 
tungen für eine Wasseruhr. Vgl. Altert. von Athen 
I, 96 f. Lie. II Taf. 3; Lig. III Taf.9. Das Nähere 
unter dem besonderen Art. Turm der Windee.) Das 
Gebäude stand auf höherem Terrain als das Agora- 
tlıor und der Markt mit seiner ionischen Säulenord- 
nung (vgl. C. Bötticher, Bericht über d. Untersuch. zu 
Athen 8. 223; B. Schmidt und E. Curtius a. a. O.; 
der Unterschied zu den Basen der letzteren beträgt 
2,30 m), nicht aber, wie man gemeint hat, in der 
Mitte eines freien Platzes. Denn «die unmittelbar 
südlich von dem Horologion aufgedeckten Substruk- 
tionen trugen eine mit Rundbögen (von denen noch 
zwei und cin halber erhalten sind) geschmückte 
Ilalle (nicht Wasserleitung, die vielmehr verdeckt 
tlofs). Drei Fragmente des Frieses melden, dafs 
dieser Bau gleichfalls (doch nicht gleichzeitig) der 
Athena Archegetis (und Mitgliedern des kaiser- 
lichen ]Iauses) geweiht war. C. J. Att. III, 66; 
jetzt vollständiger Mitt. d. arch. Inst. VIT, 398 £. 
(Dessau): f... Kai] Adnva Apxnyeridı Kal Heois Zeßu- 
oroig [.... Epuoyevns.... ou]Js Fapynrris [xul.. Ins 
‘Epnoy[evous]) Fapyntrios, yYovw de Anuntpiov Mapa- 
[Hwviouv ....]Ju Aveiinkav. Nördlich von dem Turm 
des Andronikos liegt jetzt ein kleines Wasserbassin 
zu Taxe. 

Etwa 160 m östlich über das Lorolozion hinaus 
findet sich die Ausgrabungsstätte von lagios Dimi- 
trios Katiphori (einer jetzt abgetragenen Kapelle), 
deren reiche Ergebnisse an Ephebeninschriften (s. 
’Eniypagai averd. 1860; Philistor I—IV; Ditten- 
berger, De epheb. att. S. D1f£f.) den (redanken nahe 
gelegt haben, hier oder in nächster Umgebung das 


174 


dem makedonischen Söldnerführer Diogenes zu Ehren 
Diogeneion benannte, in jenen Urkunden häufig 
erwähnte Gymnasion zu suchen. iÜÜber Diogenes, 
der sich durch Räumung der attischen Festungen 
nach 229 v. Chr. die ungemessene Dankbarkeit der 
Athener erwarb — ihm wurden sogar ein Lleiligtum 
und Festspiele gestiftet — vgl. Köhler im Hermes 
VI, ı1f) Freilich mufs betont werden, dafs an 
jenem Orte antike Reste in situ nicht vorhanden 
sind und dafs vielmehr die dort hindurchgehende 
fränkische (gewöhnlich sog. valerianische) Mauer den 
Sammelpunkt jenes reichen Materiales gebildet hat. 

In der Nordstadt unweit der Stadtmauer liegt 
zwischen dem archarnischen Thor und dem Dipylon 
das Kirchlein des Ilag. Joannis Kolonnais, so 
genannt nach einer antiken Säule, deren Schaft 
von demselben umschlossen wird, während das Ka- 
pitäl das Dach noch überragt. Angeheftete Ilaare 
und Wollenfäden beweisen, dafs man derselben 
wunderthätige Kraft beimifst. Es ist eine glatte 
Säule aus grünlich geädertem Marmor (Cipollino, 
vgl. die Säulen von der Westfront der »Hadrianstoa:) 
von ca. 0,70 m Durchmesser und 4,50 —5 m Höhe; 
das Kapitäl zeigt Akanthosblätter und (auf drei 
Seiten) herauswachsende Volutenpaare. 

Wir bemerken gleich, dafs von anderen römi- 
schen {ihadrianischen?) Bauten in dieser (Gegend 
zwei wohl verschleppte korinthische Kapitäle 
herrühren, welche heute aufserhall der Stadt bei 
den Ölpressen (in der Nähe der Kapelle Hag. Daniel, 
der nordwestlichsten auf unsrer Karte) liegen. Höhe 
und Durchmesser betragen je lm. Aus den Akan- 
thoskelehen erheben sich wiederum die Doppel- 
ranken. 

Hart unter der Innenseite der Stadtmauer, welche 
von Dipylon nach Nordosten zieht, wurde von der 
archäologischen Gesellschaft eine gröfsere Anzahl 
von Fundamenten und zum Teil erhaltenen Wand- 
resten räumlich schr beschränkter Privathäuser 
aufgedeckt (vgl. TIpaxrıxa 1876 S. 16 £. mit Plan; 
auch v. Altens Aufnahme des Dipylon, Mitt. d. 
Inst. ITI Taf. 3 Nr. 54— 58, dazu S. 48). Die Räume 
enthalten kaum mehr als 4— 7 m im Durchmesser. 
Die Fufsböden waren aus gestampfter Erde mit ein- 
gedrückten Kieseln und Marnorsplittern hergestellt. 
Die Wände hatten Stuckbewurf und ziemlich ordi- 
näre, naturalistische Ornamente, meist mit roter 
Farbe aufgemalt. Ein Haus {N. 55 bei Alten) hatte 
südlich eine Art Portal mit zwei Säulen; in der 
Nähe befinden sieh mehrere Zisternen. 

Ähnliche Fundamente dicht gedrängter kleinerer 
Wohnhänser finden sich auch südwestlich vom klei- 
neren Dipylonthor (N. 13,15 bei v. Alten, N. 14 ist 
ein gewölbter Brennofen, in dem sich Lampen mit 
christlichen Emblemen fanden; vgl. a. a. 0.8. 46 £.): 
ebenda sind neuerdings auch an der Aufsenseite 


Athen (nördlicher Teil). 


der Stadtmauer Fulsbodenmosaike und Mauerrest: 
von Wohnungen ans Licht getreten. (Vgl. TTpax 
rıca 1880 in Plan bein, 8 u. s. w.) 

Die nördliche Umgebung der Stadt. 

Von dem kleineren Dipylonthore, dessen Rich 
tunz selber auf die eleusinische Stralse weist 
zweigt sich links in sanfter Kurve ein Weg nacl 
Westen ab, der dann vermutlich südwärts zu den 
Peiraieus führte. Auf jener Strecke wird derselb: 
zu beiden Seiten von zahlreichen Grabdenkmiäler 
begleitet, der interessantesten und besterhaltener 
Anlage dieser Art bei Athen, welche die griechisch: 
archäolog. Gesellschaft in mehrfachen Ausgrabunge 
perioden blofsgelegt hat. Man kann thatsächliel 
von einem antiken Friedhof sprechen, spezielle 
wird derselbe nach der unmittelbar rechts gelegeneı 
Kupelle der Hagia Triada benannt. (Oft beschrie 
ben und aufgenommen; Ausgrabungen aus deı 
Jahren 1861, 1863, 1870, 1879; vgl. u. a. Bull 
Inst. 1863 S. 161f., 'Epnu. apx. 1861—1863; TTpaxrıxı 
1870 — 1871 8.9 £.; Zuveleuang 1870 8.9 f. mit Plan 
Salinas, i. monum. sepoler. scoperti presso ... la St 
Trinita 1863; C. Curtius, Arch. Zte. XXIX 71871 
S. 12 f. mit Plan; E. Curtius, Erl. Text zu d.\ 
Karten S. 38 u. Beilage; Atlas von Athen Bl. IV 
S. 24 f.; v. Sybel, Katalog d. Skulpt. zu Ather 
. 236 f.; Milchhöfer, Die Museen Athens S. 35 £. 

Die beiden ersten Denkmäler, welche uns aul 
dem Wege vom Thor aus begegnen, die Stele deı 
kerkyraeischen Gresandten Thersandros und Simy 
los (v.Sybel N.3357) und des athenischen Proxeno: 
Pythagoras vonSalybria, beide zu den frühester 
datierbaren gehörig (aus der ersten Hälfte des 4 
Jahrhunderts), sind auf Kosten des Staates ge 
setzt {die einzigen dieser Art) und stehen zugleicl 
abgesondert auf tieferem Niveau. Nach einen 
nicht unerheblichen Anstieg nimmt links das be 
rühmte Denkmal des Dexileos (zu der Familien 
gruft des Lysanias gehörig, v. Sybel N. 3312 mit 
Angabe der Litteratur) eine hervorragende Stellung 
ein. Es ist zugleich das älteste hier bekannte Grab 
mal (nach 394/393 errichtet, in welchem Jahre Dexi 
leos bei Korinth fiel); der Friedhof scheint somi' 
nicht vor Ende des 5. Jahrhunderts angelegt worder 
zu sein. Von hervorragenden Monumenten in der 
selben Reihe nennen wir noch das benachbarte Fa 
miliengrab des Aguthon (v. Sybel N. 3316 f.) un 
den Grabnaos des Dionysios, ınit polychrome: 
Malerei auf Marmor (v. Sybel N. 3323), gegenübe: 
namentlich das (stilistisch älteste) Grabrelief de: 
Hegeso (v. Sybel N. 3332). 

Da die Strafse, welche vom Thore aus den Fried 
hof bei der Hag. Triada durchschneidet, immerhiı 
noch eine Steigung enthält (s. oben), welche ihn fü 
den schwereren Lastverkehr unbequem macht, durcl 
eine weitere Biegung nördlich um die Kapelle herun 


Ja 


Athen (nördlicher Teil). 


dagegen leicht zu vermeiden war, so halte ich die- 
selbe nur für einen Nebenweg nach dem Peiraieus, 
während die Hauptstrafse sich in der weiteren Fort 
setzung des Thorganges erst bei der heutigen Fahr- 
stralse west- und dann südwärts gewandt häben wird. 
Ebenda suche ich jetzt (entgegen der dem »Atlas 
von Athene entnoinmenen Wegskizze auf unserer 
Karte) den Anschlufs der vom nordöstlichen Dipy- 
lonthor kommenden Peiraicusstrafse und den Aus- 
gangspunkt der eigentlichen heiligen Stralse 
nach Eleusis (bei «dem auf der Karte nordwestlich 
der Hag. Triada verzeichneten Reservoir, welches 
eine Wasserleitung aufnimmt). Genau an letzterer 
Stelle sind zwei Grenzsteine (C. J. Att. I, 505a und 
II, 1057) gefunden worden mit «der Aufschrift öpos 
ns Ödob Ts "EAevoivdde. Ebenda haben wir das 
Grabmal des Antheıiokritos zu suchen, mit 
welchen Pausanias die Beschreibung der heiligen 
Strafse einleitet (I, 36, 3; vgl. Plut. Pericl. 30 rapa 
Tag Opiagtaug müukag [s.S. 149] und Isaios bei Harpocr. 
B. v. Avdeuökpıtos‘ TO TE Bukaveiov TU ap’ "Avile- 
Hoxpirov Avdpıdvra. Das Bad wird eben aus der 
erwähnten Leitung gespeist worden sein). Für die 
Denkmäler der eleusinischen Strafse s. Lenormant, 
La voie sacree und meinen Text zu den Karten von 
Attika II, 15 f£. — Auf das Grab des Molottos ı Paus. 
I, 86, 4) folgte der Platz Skiron, bei einen (jetzt 
regulierten) Giefsbach, wo der im Kampf gegen 
Athen gefallene Seher Skiros bestattet worden sein 
soll. Noch vor der Brücke über den Kephisos lag 
ferner (I, 37, 2. 3) der Demos Lakiadai mit dem 
Heroon des Lakios, ebenso ein Altar desZephyros 
und Heiligtum der Demeter und Kore, an wel- 
ches sich die Sage von der Aufnahme der Giöttin 
durch Phytalos knüpte; zusammen mit ihnen ge- 
nossen Athena und Poseidon Verehrung. Nach dem 
heiligen Feigenbaum,, dem Gieschenk der Demeter 
an Phytalos, hiefs die Gegend auch iepd ouxfi 
(Philostr. vit. opt. II, 20, 3; Athenaios III, 47d: 
Herych. Phot. s. v.). Es folgte die durch Spottge- 
brauch lei den Prozessionen nach Eleusis (Yepupıo- 
yoi) berühmte Kephisosbrücke iStrab. IN, 400; 
Paus. ], 37, 4), weiterhin (bei der Kirche «les Ha. 
Sabas?) ein Altar des Zeus Meilichios, sodann 
ibei Hag. Georgios?) ein Heiligtum, des Ileros 
Kyamites, Grabmäler, zum Teil der prunkvollsten 
Art, wie das der Pythionike {I, 37, 5‘, begleiten die 
Strafse bie an den Engpafs des Korydallos. 

Ein dritter breiter Weg führte vom Dipylon zur 
Akademie (Livius XXXI, 24 extra [portam i. e. 
Dipylum] limes mille ferme passus longus in Aca- 

ige gymnasium ferens; vgl. Cicero de finib. V, 
1. 1; Lucian Scyth. 2). Die Richtung fulgt aus der 
Angabe, dafs die öffentlichen Begrübnisstätten auf 
beiden Seiten desselben (Paus. I, 29, 4 f.\ im äufseren 
Kerameikos lagen (Aristoph. av. 395 6 Kepaneıkög 


175 


deferar vb, vgl. das Scholion; dazu Harpocr. s. v. 
Kepaueixös, Thukvd. II, 34, 5 Eni TOD KaAkiortou Trpo- 
aotelov TAG nölewgo), sowie aus der Nachbarschaft 
der Akademie und des Kolonos l1lippios (Paus. 
I, 30, 4), dessen Lage unzweifelhaft durch die beiden 
am Ostrande des Ölwaldes in der Ebene aufsteigen- 
den Felshügel (s. unten) gekennzeichnet wird. So- 
mit war das nordöstliche Dipylonthor genau auf die 
Akademie orientiert und von ihm ging die breite 
Strafse aus, welche Livius (d. h. seine Quelle Po- 
lybios) a. a. O. erwälhnt. 

Fhe die Gräber begannen, lagen vor dem Tliore 
noch einige Heiligtümer, ein Hain der Artemis 
illekate vgl. IIesych. s. v. KaAktorn) mit Schnitz- 
bildern, welche ihre Beinamen Ariste und Kal- 
liste trugen (Paus. I, 29, 2; darauf bezüglich viel- 
leicht zwei beim Dipylon gefundene Inschriften: 
"Atyyvarov I, 395, cin kleiner Altar und VIII, 235, 
Thiasotendekret : dvatteivar... otnAnv ev TW tepWw TAG 
"Apre[uıdoc]‘, sodann ein kleiner Tenıpel, in welchen 
jährlich das Kultbild des Dionysos Eleuthereus 
getragen wurde. (Vgl. Ephebeninschriften wie C.J. 
Att. 11, 470 Z. 11 eionyayov de kai Tov Alovücov 
armo TNsS Eoxdpucs C.J. Att. 11,471B 2.16 CZ. 12. 
Weihinschriften in der Nähe des Dipylon gefunden 
C. J. Att. IIT. 139, 192). In der Nähe des Dipylon 
(wenn nieht innerhalb der Stadt, s. S. 162) befand 
sich das BouAeurrnpıov TO TEexvırWwv (Philostr. 
vit. Soph. II, 8, 2 napa tag Toü Kepaneikod mÜAac); 
das Heroon des Skythen Toxaris lag ob moAU And 
tod Armibkouv Ev Apıotepk eis Akadriueiav Avidvrwv 
(Lucian Skyth. 2), ebenso das Grab (Kenotaphion ?) 
des Solon: nmapda rtäs milklasc TTPOS TW TEIXEı Ev derd 
eioıövrwv (Aelian. var. hist. VIIT, 16). Die übrigen 
in der Fortsetzung der Strafse gelegenen Grabstätten 
kennen wir grölstenteils aus Pansanias (I, 29, 31£.); 
von öffentlich errichteten Einzelgräbern zuerst 
das des Thrasybul (mpwrog uev EoTıv 0UTOg TÄAPOG), 
des Perikles (emi de aurw vgl. Cicero de finib. V, 
2,5 pauum ad derteram), des Chabrias und 
Phormis. 

Sodann folgte, etwa gegen die Mitte des Weges 
der Friedhof, in welchem der Staat seine Gefallenen 
bestattete. Nur die Marathonkänipfer hatten ihr 
Polyandrion an Ort und Stelle. Pausanias erwähnt 
an erster Stelle (l, 29, 4 nmpwror Erapnoav) das 
Denkmal deı bei Drabeskos in Thrakien Ciefallenen 
(vgl. C. J. Att. I, 432°; vor demselben befand sich 
ein Relief mit kämpfenden Reiten (Melanopos und 
Makartatos, die in Böotien fielen); es folgten Gräber 
der verbündeten thessalischen Reiter, kreti- 
scher Bogenschützen und wiederum athenischer 
Krieger, die in verschiedenen Schlachten gefallen 
waren (29, 6f... Von diesen hat sich die palinet- 
tenverzierte Krönung des Denkmals jener Reiter 
(darunter auch der Name des Dexileos, s. S. 174), 


176 


welche im Jahre 394/393 bei Korinth (und Koro- 
neia) gefallen waren (Paus. I, 29, 11), im Jahre 1861 
im Felde bei einer Ziegelbrennerei (250 Schritte von 
der Hag. Triada) gefunden; (vgl. Köhler, Monatsber. 
d. Berl. Akad. 1878 S. 273; als Vignette zu S. 3 Jes 
Atlas von Athen abgebildet). Der Grabstein eines 
andern Kriegergrabes aus dem Kerameikos, der (im 
Jahre 432) bei Potidaia Gefallenen (C. J. Att. I, 
442) kam gleichfalls »ev rw mediw Ts "Aradnulage« 
zum Vorschein. 

An Ort und Stelle sieht man nur noch etwa 300m 
nordwestlich vom Dipylon bei der heutigen Strafse 
in einem annähernd kubischen Mauerstück (4,30 — 
4,50 m im Durchm., über 2m Höhe, darüber Auf- 
bau?) den Kern eines wohl aus römischer Zeit 
stammenden Grabmonumentes (auf der Karte »Denk- 
male). 

Den Beschlufs macht bei Pausanias (29, 15 £.) 
wieder eine Reihe von Einzelgräbern: des Konon, 
Timotheos, Zenon (vgl. Diog. Lacrt. VII, 11, 15, 29), 
Chrysippos, Nikias (des Malers), Harmodios und 
Aristogeiton (denen vom Polemarchen an den 
Epitaphien geopfert wurde, Poll. VIII, 91, ebenso 
wie dem Androgeos, lHesych. s. v. em’ Eüpuyün 
aybv), Ephialtes und Lykurgos (schon dessen 
Vorfahren; vgl. vit. X orr. 852a). Das Grabmal des 
ILykurg scheint bereits dicht neben der Akademie 
gelegen zu haben; vit. X orr. 842e: ävrırpus Ts 
TTawwvias Attnväs Ev TW Mekavitiov TOD @IA00d@oU 
KW. 

Die Akademie, eine Örtlichkeit, die nach ihrem 
einstigen Besitzer oder einem Heros Hekademos 
benannt worden sein soll (Paus I, 29, 1; Diog. 
Laert. III, 7; Suid. s. v.) wird als Hain mit Gym- 
nasium, selbst als Vorstadt bezeichnet ({Diog. Laert. 
a. a. 0. Yuuvdarov tpodgoteiov dAcwdes, Plut. Sulla 12 
dEvVÖPOPOPWTÄTN Trpoagreiwv). Der Tyrann Hipparch 
hatte sie mit einer mächtigen Mauer umgeben (Suid. 
8. v. TÖ mmdpxou Teıxiov), Kimon reich bewässert, 
bepflanzt und mit Spaziergängen ausgestattet (Plut. 
Cim. 13). Nach Ciceros genauer Angabe (de fin. V, 
1,1) lag die Akademie vom Dipylon 6 Stadien ent- 
fernt, womit die im Volksmunde noch heute so ge- 
nannte baumreiche Örtlichkeit wohl übereinkommt. 
Vor dem Eingange lag nach Pausanias (l, 30, 1 mpd 
ts Eoödov) ein Altar des Eros, von Charmos, 
einem Liebhaber (oder Verwandten) des Hippias 
geweiht ivgl. besonders Athenaios XLII, 609d, nach 
Kleidemos, mit Angabe der Dedikationsinschrift). 
Von hier ging der Fackelwettlauf bei den Lampa- 
dedromieen aus (Plut. Solon 1; IHermias zu Plat. 
Phaidr. e. VII); genauer wohl (s. Wecklein, Hermes 
VII, 443 f., nach Apollodor beim Scholiasten zu 
Sophocl. Oed. Col. 57) von der Bdors Apxala xarü 
nv eioodov mit dem Relief des Prometheus und 
Hephaistos, denen dieser Altar geweiht war. Den- 


Athen (nördlicher Teil). 


selben Bwuös, an dem auch die Fackeln angezü 
wurden, erwähnt Pausanias gleich darauf (3 
bereits in der Akademie. Die nun (a.a.O).) fo 
den Altäre der Musen, des Hermes und des H 
kles verraten die Nähe des berühmten Gyn 
siums, dessen Pausanias selber keine Erwäh: 
thut. Auch den heiligen Bezirk der Atl 
deutet er nur an (xai Evdov ’Allnväs... . Bwudg), 
cher Göttin die Akademie doch ganz besonder 
heiligt war (Athenaios XII, 561ld rAs ’"Aradı 
exdrAws TAN 'Adnvd xadıepwuevng). Neben ihr ha 
abgesehen von jener ßdoıs äpxaia am Eing: 
Prometheus und Hephaistos noch ihre b: 
dere Kultstätte (Schol. Soph. Oed. Col. 57, 

Apollodor: ovvrıuarar de [6 TTpoundebc] kai Ev 
dönnia N "Adnva xaldrep 6 "Hopauotos‘ xai 

aurWw TaAaröv Tdpuna Kai vaos Ev TW Teueve 
3eo0). Endlich hängt der Ölbaum, Jessen P: 
nias nur flüchtig gedenkt (kai puröv &orıv EA 
deuTEpPnV ToUTo Aeyöuevov paviivaı, d. h. nüchs 
heiligen Olive beim Erechtheion), unzweifelhaft 
sammen mit den dem Athenaheiligtum benachb: 
12 uopiaı (nach Istros, Schol. Soph. Oed. Col. 
vgl. Phot. s. v. popioı &Aalaı, Absenker derjeı 
von der Akropolis), welche unter dem spezi 
Schutz des Zeus Morios (oder Kataibates) 
den (vgl. Soph. Oed. Col. 704 und Schol.). 

Plato betrifft, so nennt Pausanias (30, 3) nuı 
Grabmal des Philosophen nicht weit von der 
demie, d. h. wohl dem Gymnasium (’Axadnuic 
zöppw); in derselben Gegend mufs sich aber 
der Garten befunden haben, welchen er späte 
seinem didagkaleiov machte, denn auch Jieser 
in der Nähe des von dem Menschenhasser Ti 
bewohnten Turmes und des Kolonos Hip 
erwähnt (Proleg. Platon. philos. c. 4 mAnolov 
karaywylouv Tiuwvos und Diog. Laert. III, 5 
röv KoAwvöv), welche Pausanias (30, 4) nächst 
Denkmal des Plato aufführt (kara roüro rg X 
puiverar trupyog Tiuwvog und bdeikvuraı de Kai X 
xaAobuevos KoAwvös immoc). In jenem (rarten ] 
Platon selber ein Heiligtum der Musen ges 
(Proleg. Plat. a. a. O., Diog. Laert. IV, 19), « 
Speusippos Bildwerke der Chariten (Diog. L 
IV, 1), ein Perser Mithridates die Statue des 
ton, von der Hand des Silanion, wie ja der (in 
kurzweg als Akademie bezeichnet, auf seine Scl 
und Nachfolger, die Akademiker, forterbte. 1 
haupt war der Begriff der Akademie, wenigstcı 
späterer Zeit, ein ziemlich weit umfassender. . 
mehrere andre Privatgrundstücke werden darav 
wähnt: Diog. Laert. IV, 66, der »Lakydeion« 
nannte Garten; mehrmals treten xwpia Ev 'Axat 
auf in der Urkunde C. J. Att. IH, 61 A; IH 2 
B. 12.31; B. II Z. 28 Auch als Lokal der 
lichen Leichenfeier, welche doch den im äuf: 


Athen (östlicher Teil). 


Kerameikos bestatteten Kriegern galt, wird die Aka- 
demie genannt (Philostr. vit. Soph. 1I, 30; Poll. 
VII, 91). Diese Örtlichkeit, in welcher sich die 
Opfergrube (auch für andre Heroen, wie Eury- 
gyes, d.i. Androgeos llesych. s. v. em Ebpuyün 
aylıv, und die Tyrannenmörder, Poll. VIII, 91) 
befand: Heliod. Aethiop I, 17 5 Bödpos 6 Ev ’Axa- 
önnig, sowie das TToAudvdperov als gemeinsame 
Opferstätte (in Ephebeninschriften ; vgl. Verhandl. 
d. Würzb. Phil. Ges. 8. 36 f.) wird eben nur kurz 
vor der eigentlichen Akademie, etwa am Ende der 
Gräberreihe, zu suchen sein. 
Die Entfernung des Kolonos Hippios von 
Athen gibt Thukydides (VIII, 67) auf 10 Stadien 
; 10 Stadien vom Dipylon entfernt ist bereits 
er südlichere Felshügel (s. S. 151), auf welchem 
sich die Grabsteine O. Müllers und Ch. Lenormants 
erheben. Hier lag ein Heiligtum des Poseidon 
Hippios und der Athena Hippia (Thukyd.a.a.U., 
Paus. 1,30,4). Die fruchtbaren Gefilde, welche der 
berühmte Chorgesang des Sophokles feiert (Oed. 
Col. 668 £.), erkennen wir noch heute in der nord- 
westlich und nördlich, namentlich um den Fufs des 
iweiten, gröfseren Hügels ausgebreiteten Land- 
Schaft wieder. Hier befanden sich auch die aus 
derselben Tragödie bekannten, sagenberühmten 
Stätten und Wahrzeichen, das Heiligtum der Eu- 
meniden (Oed. Col. 40 £.), die »eherne Schwelle«, 
welche zum Hades hinabführte (xaAkönous 8d6s v. 57 
und Schol. v. 1590), die Heroa des Thescus und 
Peirithoos (v. 1593 Paus. a.a.O.), dann des Oidi- 
Pus (und Adrastos, Paus.); daneben war ein Hügel 
(ünzweifelhaft der nördliche von den beiden ge- 
Nannten), der Demeter Euchloos geheiligt (Oed. 
Col. v. 1600 ebyAdou Arjuntpos mpooöyıos TdYog). 
Vgl. über diese und benachbarte Örtlichkeiten Ste- 
Phani, Reise durch einige Gegenden des nördlichen 
Griechenland 8. 102 f. 


Das östliche Athen. 


Auf dem Wege vom Prytaneion (s. S.172) &s ta xürtw 
Mc wölews gelangt Pausanias(1,48,4)zum Heiligtum 
€8 Serapis, welches die Athener dem König Ptole- 
Maios Philadelphos zuliebe errichtet hatten. Durch 
Anige epigraphische Funde werden wir allerdings in 
€ nordöstliche Stadt, die Gegend der neuen Mctro- 
Poliskirche, geführt, bei deren Fundamentlegung das 
Tagment einer Inschrift auf einer Kanephore des 
pis und der Isis zum Vorschein kam (C. J. Att. 
» 923). Eine andre Basis mit der Weihung an 
rapis und Isis (Rangal)e ant. hell. 2361 = ’Epnu. 
PX. 1813) stammt gleichfalls aus einer Kapelle am 
Norsbhange der Burg, eine andre Urkunde, deren 
“Thaltener Teil freilich nur Isis und Os(iris) nennt 
(©. 5. itt. III, 203), aus der Gegend des Turms des 
Andronikos. 
Denkmäler d. klass. Altertums. 


177 


Eine Örtlichkeit in der Nähe (od nöppw) bewahrte 
das Angedenken an das Bündnis zwischen The- 
seus und Peirithoos; (beim Theseion hiefs nach 
Plut. Thes. 27 eine Stätte öpkwudorov, welche aber 
an das Bündnis des Theseus mit den Amazonen 
erinnern sollte). Bei jenem Platze lag (Paus. I, 18, 5 
nAnciov) ein Tempel der Eileithyia, wohl zu 
scheiden, wenn hier keine Verwirrung vorliegt, von 
einem zweiten Heiligtum derselben Göttin »in Agrai«. 
Isaios V, 39 nennt nur tö rs Endviag lepöv. Doch 
ist eine Weihinschrift auf diese Göttin auch bei der 
Metropolis gefunden wurden (Rofs, Demen 8.95 N.165 
— Ep. Apx. 821), andre stamınen aus der Gegend öst- 
lich von der Burg (C. J. Att. TII, 925. 926; vgl. auch 
C. J. Att. III, 836a; Asklepieion ?). Vom Eileithyia- 
tempel geht Pausanias zum Heiligtum des Zeus 
Olympivs, den Olympieion, über, dessen Lage 
und Ruine wohl bekannt sind. (Vgl. Stuart und 
Revett, Altert. von Athen II, 10 Taf. 7” —10; ’E@. 
px. 1862 S. 26 mit Plan; Curtius, Erl. Text S. 47, 
Atlas von Athen Bl. X.) Diese uralte Kultusstätte 
des Zeus, auf welcher der Sage nach schon Deu- 
kalion ein Heiligtum gründete (Paus. I, 18, 1; vgl. 
Thukyd. II, 15), begann zuerst Peisistratos durch 
die Architekten Antistates, Kallaischros, Antiinachi- 
des und Porinos mit einem grofsartigen Tempel aus- 
zuschmücken (Arist. polit. V, 11; Vitruv. VII praf. 15). 
Nur der gewaltige Unterbau scheint fertig geworden 
zu sein; dann blieb das Werk gegen 350 Jahre liegen, 
bis der König von Syrien, Antiochos IV Epiphanes 
(175 — 164), dem römischen Baumeister Cossutius die 
Fortführung übertrug; damals wurde die Cella, um- 
geben von einem Dipteros korinthischer Säulen, fertig 
(Vitruv a.a.O.; Athen. V, 194a; Livius XLI, 20, 8 
u.a. m.). Nach des Königs Tod stockte der Bau 
von neuem, auch im halbvollendeten Zustande, 
welcher allmählich sprichwörtlich wurde, ein (Gregen- 
stand der Bewunderung (TVs.-Dikaiarch 1, 1; vgk Plut. 
Solon 32; Lucian Ikaromenipp. 24). Nach der Ein- 
nahme Athens (86 v. Chr.) entfüfrte Sulla Säulen 
vom Olympieion (ältere oder erst vorgearbeitete ?), 
zum Bau des capitolinischen Jupitertempels (Plin. 
H.N. XXXVI, 6 $45). Ein Plan der den Römern 
befreundeten und verbündeten Könige, das Olym- 
pieion auszubauen und dem »Genius des Augustus« 
zu weihen, ist vielleicht nicht einmal zu den ersten 
Anfängen gediehen (Sueton August. 60). Erst dem 
Kaiser Hadrian war es vergönnt, das grolse Werk 
650 Jahre nach seiner Begründung zunı Abschlufs zu 
bringen und das auf das prachtvollste hergerichtete 
Heiligtum mit dem goldelfenbeinernen Kultbilde des 
Gottes einzuweihen (Paus. I, 18, 6; Cass. Dio 
LXIX, 16; Philostr. vit. Soph. 1, 25, 3). 

Wann die Zerstörung des gröfsten Teiles des 
Tempels vor sich ging, ist unbekannt. Cyriacus von 
Ancona (gegen Mitte des 15. Jahrhunderts) zählte 

12 


178 


noch 21 Säulen (Epigr. p. Olyr. 11), nach Babin (in 
seinem Brief von 1672 815, s. Wachsmuth, Athen 
8. 759) wufste die Tradition noch von 26 Säulen zu 
berichten, zu seiner Zeit existierten nur noch 17; 
so viele sahen auch Stuart und Revett (1751 — 53); 
gegen 1760 wurde die westlichste, alleinstehende 
Säule auf Befehl des Woywoden zu Kalk gebrannt; 
im Jahre 1852 warf ein Orkan die mittlere der drei 
isolierten Säulen um, die noch heute, in ihre Trom- 
meln aufgelöst, der Länge nach am Boden liegt. Es 
stehen somit noch 15 Säulen mit Teilen ihres Ge- 
bälkes nuf dem gewaltigen, über 200m langen, 130 m 
breiten Unterbau, welcher sich nach Osten (bis 
über 4,50 m), nach Süden (bis gegen 3,50 m) und 
nach Westen (wo er stark zerstört ist) über dem zum 
llisos abfallenden Niveau erhebt. Derselbe ist mit 
bossierten Kalksteinquadern verkleidet und wird in 
Zwischenräumen von je 5,597 m durch Strebepfeiler 
verstärkt; ihnen entspricht im Innern (nach Sempers 
Untersuchungen) ein Netz von Gurtbögen (die also 
ein System von Cellen, sog. favissae herstellen). Die 
Ausdehnung des Unterbaues stimmt zu der Angabe 
des Pausanias (18, 6), dafs der Perilolos des Tem- 
pels ungefähr vier Stadien betragen habe. 

Dieser selbst war ein über 120 m langer, 54 m 
breiter Dipteros Dekastylos korinthischer Ordnung 
(vgl. Vitruv VI, Praef. 15) mit «dreifachen Näulen- 
reihen am Pronaos und Opisthodon, zu denen noch 
je vier zwischen den Anten der Gella kommen (also 
im ganzen etwa 126 Säulen). Die erhaltenen Säulen 
gehören der Südostecke und der inneren südlichen 
Langseite an. Ihr Durchmesser, wegen der Entasis 
ungleich, erreicht 2m, ihre Höhe mit Kapitäl und 
Basis 20,16 m. Ersteres, 2,50 m hoch und oben 3m 
breit, ist aus zwei Teilen (unten Akanthoskelch, oben 
Voluten) gearbeitet. Die Interkolummnien betragen 
2,92 m. Die Architrave, welche über om Länge 
erreichen und 2,25m Ilöhe haben, sind der Breite 
nach aus je Jrei parallel gelegten Blöcken zusammen- 
gesetzt. 

Der ganze Peribolos war (nach Pausanias) erfüllt 
mit Bildwerken, meist des Hadrian, welche die grie- 
chischen Städte einzeln geweiht hatten (eine Anzahl 
von Basen mit den Inschriften ist erhalten); die 
Kolossalstatue desselben Kaisers hinter dem Tempel 
war von den Athenern gestiftet worden. Aufserdem 
erwähnt der Perieget (18, D) einen altertümlichen 
Zeus aus Erz, die Brunzestatue des Isokrates auf 
einer Säule (deren Aufstellung bein Olympieion auch 
anderweitig, vit. X orr. 839b, bezeugt ist), Perser 
aus phrygischen: Marmor, die einen ehernen Drei- 
fuls trugen. 

Dagegen mufs das lleiligtum des Kronos und 
der Rhea und das Temenos der Ge Olympia, 
welche in demselben Zusammenhang (18, 7) vour- 
kommen, schon aufserhalb des eigentlichen Peribolos 


Athen (östlicher Teil). 


von vier Stadien gelegen haben. Ersteres erstreckte 
sich bis zum Iisos, wo ihm jenseits das »Metroon 
in Agraic benachbart war (Bekk. anecd. gr. I, 273, 20 
Kpöviov TEnEevos‘ TÖ apa TO vv 'OAlumov Eexpı 
Tob untpWou ToD Ev "Aypq [so statt dyopä); Wachs- 
mutlı, Rhein. Mus. XXIII, 17). Das altertümliche 
Heiligtum der Ge Olympia (Thukyd. 1J, 15) lag 
nach Piut. Thes. 27 bereits in der Nähe einer Grab- 
stele der Amazone Antiope, welche JPausanias 
(I, 2, 1) beim Eintritt in die Stadt vom Phaleron 
aus, d.h. beim itonischen Thore (Plat. Axioch. 
364 d) erwähnt (s. S. 149). Hliier in einem Erdspalt 
des niedrig gelegenen Terrains soll sich die deu- 
kalionische Flut verlaufen haben (Paus. I, 18, 7); 
Deukalion selber war in der Nähe des Zeustempels 
bestattet (18, 8). 

Von der Reihe der übrigen Hadrianischen 
Bauten in Athen, welche Pausanias beim Olym- 
pieion noch anhangsweise nennt (18, 9), dem Tempel 
der Hera und des Zeus Panhellenios, dem Pan- 
theon, der bewunderten Säulenhalle mit der 
Bibliothek, dem (iymnasion vermögen wir nur 
das letztere bestimmter zu lokalisieren (s. S. 169); 
as meiste wird im Osten Athens, der eigentlichen 
Hadriansstadt zu suchen sein. Die Existenz und 
die Lage eines »neuen« Hadrianischen Athen, wel- 
ches auf die Anregung des Kaisers hin entstand, 
wird monumental bezeugt durch die Inschrift des 
von den Athenern ihm zu Ehren vor der Nordwest- 
ecke des Olympieionbezirkes errichteten Thor- 
bogens, des sog. Thores des Uadrian (Stuart 
und Revett, Altert. von Atlıen U, 400 f. Ifg. X 
Taf. 10; Lfg. XI Taf. 6; s. die nähere architektoni- 
sche Beschreibung in dem Art. »Baukunst« unter 
Hadriansthor). Auf der Ostseite liest man (C. J. 
Att. III, 402): Aid’ eio’ "Adpıavob Kai olxi Onoewc 
nöıc, auf der Westseite: Aid’ eio’ ’Aydfivan Onoews N 
mpiv mölıg‘ (ungenau wiedergegeben im Scholion zu 
Aristid. Panath. ILI, 201, 32; Dindf.). 

Die Vermutung, dafs die schräge Lage des Thores 
nicht frei gewählt sei, sondern eine alte Grenzlinine 
(die Mauerflucht der vorthemistokleischen Stadtbe- 
festigung ?) bezeichne, mufs ganz dahingestellt blei- 
ben. Übrigens haben auch Fundamentgrabungen in 
der nördlichen Verlängerung des Thores, jenseits der 
heutigen Struafse, keinerlei Spuren ergeben, welche 
diese Annahme unterstützen könnten. 

Wir wollen gleich bemerken, dafs für grölsere 
Monumentalbauten im östlichen Athen, welche 
auf diese Epoche bezogen werden können, vornehnı- 
lich einige im königlichen Schlofsgarten ver- 
streute Reste in Betracht kommen. So rühren (die 
Fundamente, welche die Ostgrenze des Parkes in 
der Mitte schräg (nach Nordwest) Jurchschneiden, 
meines Erachtens nicht von der Stadtmauer, sondern 
teils von einer Wasserleitung, teils aber von einem 


Athen (östlicher Teil). 


größseren Gebinde her (dessen nordwestliche Ecke 
übrigens erkennbar ist). Flensowenig vermag ich 
den südöstlich im Treibhause aufgeileckten, wiederum 
von der Leitung begrenzten Mauerzug, als Rest der 
Befestigung anzuerkennen (vgl. Curtius, Att. Stud. 
8.69; Bull. d. Inst. 1850 8. 118f.). Dazu kommen an 
der erwähnten Stelle des Schlofagartens verschiedene 
Sünlentrommeln (1,10—1,30m im Durchmesser); auch 
ein grofses korinthisches Kapitäl (Durchm. 1,45 m, 
Höhe 0,75 m). Ähnliche Reste liegen im aüdlicheren 
Teile des Gartens; mehrere Epistylblöcke und (ie- 
simsstücke, sowie korinthische Süulentrommeln (von 
085 und 0,53 m im Durchmesser). 

Namentlich aber verkündet das östliche Athen in 
mancherlei Überresten von Mosaikfufsböden #n- 
wie Bäderanlagen die Stadt des Hadrian (vel. 
Göttling, Ges. Abhandl. II, 171; Arch. Anz. 1861 
8.79). Von ersteren, welche meist römischen 
Villen angehört haben mögen, findet sich das reichste 
und ausgedehnteste Beispiel im nordöstlichen Teile 
des Schlofsgartens, ein andres bei der bearbeiteten 
Felspartie am. südöstlichen Halbrund desselben (vgl. 
Bull. d. Inst. 1846 p. 178), ein drittes jenseits des 
Ilison bei der Kapelle des Ilap. Petros Stavromenox. 

Eine gröfsere Thermenanlage ist vor allem 
nordöstlich vom Olympieion beim neuen Ausstellunge- 
gebäude zu Tage getreten (vel. Arch. Ztg. 1873 8. 114; 
Eonu. äpy. II, 150; Revue arch6ol. XXVI, 50 mit 
Plan). Nicht minder ausgedehnt mufs die Anlage 
genesen sein, welche sich nordwestlich davon unter- 
halb des Gartens der russischen Kirche hinzieht. 
Man betritt auf herabführenden Stufen einige ge- 
wölbte unterirdische Gänge. Vgl. tiber die Aus- 
grabungen des Archimandriten (1852—56) ’Egnn. 
äpx. 8.1449 f. mit Plan. Über ein andres, jetzt 
zerstörtes BaAaveiov hinter dem königlichen Garten 
s. Mpaxrına 1874 8.33 und 371. 

‚Wieder anknüpfend an den Tempel des olym- 
pischen Zeus (nerä I, 19, 1) nennt T’ausanias das 
&raya ’AnöMwvog TIußiov. Wir kennen indes das 
Prthion als heiliges Temenor und sind auf Grund 
nenerer Funde über die Inge desselben genauer 
unterrichtet (vgl. E. Curtius, Über das Pythion in 
Athen, Hermes XII, 492). Danach lag es (aufser- 
halb der alten Stadtmauer, Strab. IX, 404) südwent- 
lich vom Olympieion beim Ilisos, eine Richtung, 
welche Pausanias bereits mit der Erwähnung des 
Heiligtums der Ge Olympin (8. 8. 178) eingeschlagen 
hatte. Mit diesem und dem Olympieion zusammen 
errähnt es bereits Thukyd. II, 15 als Beispiel 
für älteste, südwärts der Burg gelegene Stiftungen. 
Peisistratog hat dasselbe zuerst reicher ausgentattet 
(Phot, $uid. s. v.TTöhrov), nach Hesych. 8. v. &v TTulw | 
x&u auch ein Tempelgebäude errichtet. Sein Enkel 

ittratos, der Sohn des Hippins, weihte darin | 
während seines Archontats einen Altar, dessen ı 








179 


Aufschrift Thukydides (VI, 54) bewahrt hat. Diese 
Kranzplatte der Altars, mit der Inschrift und lesbi- 
schem Kyma geziert, iet his auf ein Mittelstück im 
Jahre 1877 an der bezeichneten Stelle aufgefunden 
worden, eine der interessantesten Entdeckungen dieser 
Art, welche in neuerer Zeit auf dem Boden Athens 
gemacht worden sind: €. J. Att. I, 873e: 

Mufua röbe fig Apxig TTeisiolrparog 'Immiou] vis 

Inxev ’AnöAAwvog TTulou Ev reueveı. 

Schon vorher hatten andre Inschriftenfunde die 
Lage des Pythion an jener Stelle mir und andern 
wahrscheinlich gemacht (TIpaktıxa 1873 8.25). Über 
die Aufstellung von Thargeliondreifüfsen daselbst vgl. 
auch Isaios V, 41; Plate, org. 4722; (.J. Att. T, 428. 
ach Straho (IX, 404) lag auf der (Stadt) Mauer 
zwischen Pythion und Olympieion ein Altar (&oxdpa) 
des Zeus Astrapaios, bei welchem die Pythaisten 
Blitzzeichen vom Harma, einer Stelle des Parnes- 
gebirges, her erwarteten. 

Neben dem Pythion erwähnt Pausanias (a. a. 0.) 
ohne nähere Lokalbezeichnung das Heiligtum des 
ApolloDelphinios(und der Artemis Delphinia, 
Pollux VIII, 119); dazu die Anckdote, wie Theseus, 
als er unbekannt die Stadt betrat, durch den Spott 
der Baulente des Tempels gereizt, einen Wagen bis 
über die Höhe des Daches schleuderte. Mit Theseus 
und Aigeus ist das Delphinion auch sonst noch 
mannigfach verflochten: Thesens wird bei dem von 
Aigeus gegründeten Gerichtshof &m Adqıvly vom 
(gerechten) Morde der Räuber und der Pallantiden 
gereinigt; derselbe legt im Delphinion vor seiner Ab- 
fahrt nach Kreta die ixernpla nieder (Plut. Then. 18, 
was gewifs als verbindlich für spätere Seefahrerge- 
bräuche galt). Aikeus selber wohnte beim Delphinien 
an einem später umhegten Platze (Tö mepıppaxtöv), 
und eine Herme, östlich von dem Heiligtum, hiefs 
die »hei der Thtir des Aigeuse (m’ Aly&us mülaıs 
Plut. Thes. 12). Da nun auch sonst das eigentliche 
Quartier den Theseus am oberen Tlisox im Sildorten 
der Stadt gedacht ist, da die Athiener unter seiner 
Führung &mö TTaAkadlov xal ‘Apdnrrod xal Auxelou 
gexren das Amazonenvolk losstürmen (Kleideinos bei 
Plut. Thex. 27; vgl. Wachsmuth, Rhein. Mus. 175£.), 
da ferner Pausanias gleich darauf (19, 2) zum Heilig- 
tum der Aphrodite »in den Gärtene übergeht, 
50 werden wir auch das Delphinion in der Richtung 
des letzteren, d.h. jedenfalls östlich vom Olympieion 
zu suchen haben. 

Anch das Palladion, bei welchem Zeus gleich- 
falls Verehrung genofs (C. J. Att. III, TI, östlich der 
Burg gefunden III, 273; Rangahe, unt. hell. 819 
2.4. 12; sein Priester war ein Buzyge), scheint 
(aufserhalb der Stadtmauer?) in gleicher Gegend 
angesetzt werden zu müssen. Vgl. die oben ange- 
führte Stelle des Kleidemos. An dem Gerichtshof 
ei TTaAkabiw, bei welchem über unfreiwilligen Mord 














180 


abgeurteilt wurde, haftete die Legende von dem 
Palladienraub im Phaleron, wodurch wir gleichfalls 
an die Südgrenze der Stadt gewiesen werden (Pollux 
VIII, 118). Später diente der Bezirk Jdes Palladion 
auch als Unterrichtsstätte der Philosophen (Plut. 
de exil 14 und Bücheler, Ind. lect. Gryph. 1869/70 
p. 15 aus einem herkulan. Papyros, von Kleito- 
machos). 

Das Heiligtum der Aphrodite in den Gär- 
ten (Paus. 19, 2; vgl. auch die Schatzurkunden 
©. J. Att. 1, 273ef ’Appodtirns Ev cıimoıc) suchen auch 
wir, wiewohl ein strenger Beweis dafür nicht zu 
erbringen ist, in der heute noch üppigen, gartenrei- 
chen Ilisosniederung oberhall» des Olympieion; nach 
Plin. N. H. XXXV], 5, 16 lag es ertra muros; die 
Abhänge des Lykabettos, welche sonst allein noch 
in Betracht kommen könnten, waren schon im Alter- 
tum steril (Xen. Oekon. 19, 6). Der Kult dieser 
Göttin galt (wie Wachsmuth, Athen S. 410 f. auch 
mir sehr wahrscheinlich gemaclıt hat) als eine Stif- 
tung des Aigeus, die dann gewifs noch im Bereiche 
seiner angeblichen Wohnung, östlich vom Delphinion 
lag (s. oben). Der Tempel besafs eine berühmte 
Statue der Göttin von der Hand des Alkamenes 
(Paus. Plin. a. a. O.\. Vielleicht befand sich hier 
auch der rosenbekränzte Eros des Zeuxis (Aristoph. 
Ach. 991 und Schol.). Aufserhalb des Tempels stand 
(nach Paus. a. a. O.) eine Herme der Göttin, deren 
Aufschrift dieselbe als » Aphrodite Urania, die älteste 
der Moiren« bezeichnete. 

Von den »Gärten« geht Pausanias (19, 2) direkt 
zum Herakleion im Kynosarges tiber, darin sich 
Altüre desIIerakles, derllebe(vgl.C.J. Att. 111,370, 
370 Priestersitze im Theater”HBnc), der Alkmene und 
des Iolaos befanden (vgl. die Schatzurkunde C. J. 
Att. I, 210 ’loA&ew). Des berühmten Gymnasium 
thut der Perieget hier so wenig wie bei der Aka- 
demie Erwähnung. Das Gymnasium diente den 
Halbbürgern (Demosth. XXTII, 213), wie auch die 
Parasiten des Heiligtums aus den vödor gewählt 
wurden (Athen. VI, 234 e). Im Jahre 200 v. Chr. 
wurde dasselbe durch König Philipp V. von Make- 
donien bei der Belagerung Athens, wie auch das 
Lykeion (s. unten), ınit Feuer verwüstet (Livius 
AXXT, 24,17). Bekanntlich «diente das Kynosarges 
der Philosophenschule des Antisthenes, welche sich 
nach ihm Kyniker nannte, als Lehrlokal (Diog. Laert. 
VI, 13, Steph. Bz. 5 v. u.a. m.). Zur Erklärung des 
Namens, in welchem wenigstens «as Wort xlwv 
unverkennbar enthalten ist, tragen die dazu erfun- 
denen Legenden (über den weilsen Hund, welcher 
Fleisch von dem Altar raubte, als Diomos «dem 
Herakles opferte; s. d. Lexicogr. 8. v. Kuvöcapyes, 
Paus. 19, 3) wenig bei; neuere Versuche sind zu- 
sammengestellt und vermehrt bei Wachsmuth, Athen 
8. 461 Ann... 


Athen (östlicher Teil). 


Das Kynosarges lag aufserhalb des diomeischen 
Thores, im Gau der Diomeer (s. 8. 151), daher 
rö Ev Arouelois oder Ev Tb Arouewv “Hpdxkeıov, 
s. Harp. 8. v. ev A. ‘Hp. und Athen. XIV, 614d. 
Die Diomeer sollen aus Melite herübergewandert sein 
(Plut. de exil. 6), worauf sich ihr Fest der Meta- 
geitnien bezog. Anderseits wird ihr Heros Diomos 
als Sehn des Kollytos bezeichnet (Steph. Byz. Au6- 
nera, Hesych. 8. v. Atoueic). Derselbe galt zugleich 
als Liebling des Herakles (Schol. Aristoph. Ran. 661). 

Vom diomeischen Thore war das Kynosarges 
‚nicht weit entfernt« (Diog. Laert. VI, 13 yuıxpöv 
ünodev rWv muAWv), und zwar auf der Strafse nach 
dem Gau Alopeke, dessen Stelle ungefähr das 
heutige, bereits östlich vom Lykabettos gelegene 
Dorf Ambelokipi einnimmt (vgl. Karten von Attika 
I, 20f.); denn nach Hervdot (V, 65) lag das Grab 
des Anchimolios ’AAwrrexfjor und zugleich dyxoü 
ob “Hpaxkeiouv TOD Ev Kuvoodpyei. Eine andre Grab- 
stätte, die des Isokrates und seiner Familie, befand 
sich nAnolov Kuvoodpyoug, Enl TOU Adpou Ev Apıortepä. 
Da hiermit lediglich die Höhe oder eine Höhe am 
Abhang des Lykabettos gemeint sein kann, so wird 
die Ansetzung des Kynosarges bei dem grofsen Kloster 
Ton Asomaton ziemlich genau das Richtige treffen, 
wiewohl dort antike Reste von Bauanlagen bisher 
nicht ermittelt worden sind. Die erhöhte Lage dieses 
Punktes, welcher eine freie Aussicht auf das Meer 
gestattete und ebenso von dort aus sichtbar war, 
erläutert zugleich «len Bericht des Herodot (VI, 116), 
nach welcheın die zum Schutze der Stadt nach der 
Schlacht von Marathon zurückeilenden Athener beim 
Kynosarges Posto fafsten, um die Sunion um- 
schiffende Flotte der Perser zu beobachten, worauf 
diese nach einigem Aufenthalt in der Rhede von 
Phaleron wieder absegelte. 

Über den Lykabettos s. S. 146. Der einzige 
Aufgang zum Gipfel zog sich vermutlich wie heute 
von Süden empor. ’ 

Es ist schwer auszumachen, ob das kleine Plateau, 
welches heute die Kapelle des Hag. Georgios einnimmt, 
irgend ein Heiligtum oder Denkmal getragen habe. 
Eine schwache Spur, welche Wachsmuth (Athen 
S. 373 f.) ausnutzt, führt allerdings darauf, dafs es 
Grammatiker gab, welche den altertümlichen Namen 
PavxWmıov.öpog (mit Heiligtum der Athena Glau- 
kopis) nicht wie andre auf die Akropolis (Etym. 
M. 8. v. MAauxdımiov Eustath. ad Odyss. 1451, 52), 
sondern auf den I,ykabettos bezogen (Etym. M. 
8. v. MMaukWumcs' ...r and Tod FTAauxwırlou Öpovs, Ö 
Avxaßnttög Kakeitaı). Dieser nach dem Zeugnis des 
Apollodor (bei Strabo VII, 299) kontroverse Name, 
welcher auch in der Hekale des Kallimachos vorkam, 
wird auffallenderweise von den Scholiasten zur Er- 
klärung eines Ausdruckes des Euripides (Hippolyt.80): 
nerpav ap’ abrnv TTaAAddo; verwandt, wo Phaedra 


Athen (östlicher Teil). 


das Heiligtum der Aphrodite beim Hippolytos 
gegründet haben soll. Da aber für mich wenigstens 
kein Zweifel besteht, dafs der Dichter mit jenem 
Ausdruck die Akropolis selber gemeint hat, an der 
ja auch das Heroon des Hippolytos lag (Paus. I, 22, 1) 
und somit (was Diodor. IV, 62 bestätigt) cben auch 
das Heiligtum der Aphrodite Ep’ InnoAUtw, so ist es 
mir nicht denkbar, dafs einigermafsen gut instruierte 
Erklärer mit Glaukopion etwas andres als ein Syno- 
nym für Akropolis bezeichnen wollten; ob es gerade 
die Euripidesscholiasten als ein solches erkannten, 
oder dasselbe, was wahrscheinlicher, für einen be- 
sonderen Lokalnamen hielten, ist für den That- 
bestand gleichgültig. 

Eine wichtige Rolle spielte die Kette der Turko- 
vuni mit dem Lykabettos als Vermittler des Wasser- 
bedarfs, welchen Athen vermutlich schon seit dem 
5. Jahrhundert vorzugsweise aus den am Fufse des 
Pentelikon gelegenen (Quellen bezog. Spuren alter 
Leitungen ziehen sich auf der Nord- wie auf der 
Südseite an die Abhänge des Lykabettos heran. 

(Über das gesamte System der »antiken Wasser- 
leitungen Athens« vgl. jetzt die Untersuchungen von 
E. Ziller, Mitt. d. Inst. II, 107 f., über die vom Lyka- 
bettos ausgehenden S.120f. und Karten von Attika 
I1, 19 f. 33 f.) 

Insbesondere wichtig ist die heute wieder in Be- 
trieb gesetzte unterirdische Leitung, welche sich in 
ihrem letzten Teile am Südwestfuls des Berges, ober- 
halb Asomaton (Kynosarges), hinzieht, um dann (etwa 
130 m südwestlich unter dem Gipfelpunkt) in ein 
grofses Reservoir zu münden. Auf dieser Strecke 
ist der unterirdische Kanal in den ziemlich wasser- 
festen Fels gehauen; Luftschachte im Abstande von 
33 zu 37m begleiten denselben und machen seinen 
Verlauf äufserlich kenntlich. Das Reservoir zeigt 
noch heute an der südlichen Schmalseite des Unter- 
baues Basisreste nebst den Säulenbasen eines monu- 
mentalen FassadenbAues, dessen Schicksale wir durch 
verschiedene Jahrhunderte bis zu seinem ursprüng- 
lichen Zustande zurückverfolgen können. Er be- 
zeichnet den Abschlufs des von Hadrian begon- 
nenen und von Antoninus beendigten Werkes einer 
Neuversorgung Athens, besonders der Hadriansstallt, 
mit Wasser. Stuart und Revett (Altert. von Athen 
II, 425 f.; Atlas Lfg. XI Taf. 7— 10) sahen noch zwei 
aufrecht stehende ionische Säulen mit Resten des 
Epistyls und der Inschrift (s. unten) darüber; Cyriacus 
von Ancona (vgl. die Kopie seiner Zeichnung bei 
Laborde, Athenes I,33) sah und zeichnete noch das 
vollständige, wenn auch schon geborstene Portal. 
Erst im Jahre 1778, als die Türken gegen die räube- 
rischen Albanesen rasch eine neue Stadtmauer auf- 
richteten, wurden alle aufrecht stehenden Reste ab- 
getragen. Ein Stück des Architravs mit der Hälfte 
der Inschrift kam sodann 18835, als man die türkische 


181 


Ringmauer wieder beseitigte, in die kleine Antiken- 
sammlung des kgl. Schlofsgartens (vgl. Arch. Anz. 
1861 S. 179). 

Der ganze Aufbau, welcher eine Breite von 14 
bis 15m hatte, erhob sich auf vier unkannelierten 
ionischen, über 6m hohen Säulen. Das mittlere und 
breiteste Interkolumnium (von beinahe 4m) war mit 
einem Bogen überspannt, welcher den horizontalen, 
mit Zahnschnittgesims gekrönten Epystil in zwei 
gleiche Hälften teilte. DieWidmungsinschrift (s. oben), 
deren einzelne Zeilen sich von der linken (erhaltenen) 
Hälfte auf die rechte fortsetzte, lautet (C.J. Lat. IH, 
549): Imp. Caesar T. Aelius [Hadrianus Antoninus]| 
Aug. Pius Cos. III Trib. Pot. II P. P. aquaeductum 
in novis [Athenis coeptum a divo Hadriano patre suo]| 
consummarvit [dedicavitque]. 

Von hier aus wurde das Wasser der Hadrianischen 
Leitung auf Bogenträgern in die Stadt geführt. Noch 
auf dem Plan der französischen Kapuziner aus dem 
17. Jahrhundert (s. Laborde, Athenes I, 78) sieht man 
auf der Strecke zwischen Lykabettos und Olympieion 
drei Stücke derselben in einer Flucht (vgl. auch den 
Wiener Anonymus 89). Als Rest eines Pfeilers dieser 
Leitung habe ich bereits früher (Karten von Attika 
II, 34 Anm.) ein Mauerstück südöstlich vor dem 
Schlofsgarten bezeichnet, welches man gewöhnlich zur 
alten Stadtbefestigung gerechnet hat (s. oben 8. 147). 

Auch aus der nördlichen Gegend, an der West- 
seite des Lykabettos, kam ein Aquädukt in die Stadt, 
von welchem sechs Bogen auf dem erwähnten Plan 
der Kapuziner und bei Guillet (Laborde, Athenes], 
228) unter N. 21 gezeichnet sind (vgl. denselben Ano- 
nymus a.a.0.); Jdies mufs ein Teil der gleichfalls 
römischen, bei Ziller (a. a. O.) sog. Kephisiawasser- 
leitung sein, von welcher am Westabhang der Turko- 
vuni noch heute mehrere Bogen und Pfeiler erhalten 
sind (vgl. Karten von Attika II, 34f., auch S. 20). 

Über eine, wie es scheint, unvollendete Stollen- 
anlage, welche an der Westseite des Lykabettos mit 
zwei Kanälen horizontal in das Gestein hineinführt, 
s. Ziller, Mitt. d. Inst. II, 128 und Taf. IX. In der 
Nähe ein gespaltener Felsblock, nach seiner charak- 
teristischen Form gewöhnlich »Froschmaul« genannt. 

Nach dem Kynosarges nennt Pausanias (I, 19, 3) 
das L,ykeion mit dem Heiligtum des Apollo Ly- 
keios. Wir kennen dasselbe aufserdem als das 
dritte berühmte vorstädtische Gymnasion (neben 
Akademie und Kynosarges). 

Das Lykeion lag nach dem Ilisos (und Eridanos 
s. unten) zu (Strab. IX, 400 5 MAıcoods ... EKk TOD 
Unep TIS Aypas kai Tod Aukelou uepwv vgl. p. 397); 
es wird mit Jer jenseitigen Agraigegend (Strab. 
2.2.0. und unten), sowie mit dem ebenda gelegenen 
Ardettos (Plut. Thes. 27 dnö TTaAAadlou kai "Apönrt- 
tod xal Aukelou 8. oben 8. 152 u. 184) zusammenge- 
stellt, lag aber noch auf dem rechten Ilisosufer, da 

12*® 


182 


Pausanias den Flufs erst 1,19,6 überschreitet. Man 
konnte von der Akademie an der Aufsenseite der 
Stadtmauer direkt zum I,ykeion gehen (Plato Lysis 
2032). Vom Lykeion führte ein breiter Weg 6 ex 
Auxelov dpönos (Xenoph. Hell. II, 4, 27; vgl. dens. 
Hipparch 3, 6) auf ein Stadtthor zu, welches nach 
Strabo (IX, 397: Extös TÜV Atoxdpobs Kalouuevwv 
nuAWv mAnolov ToD Aukeiov) das Thor des Dio- 
chures gewesen sein mus. 

Alle diese Angaben erweisen zunächst die Lage 
des Lykeion am Nuordabhang des oberen Tlisoslaufes 
etwa auf der Linie zwischen Kvnosarges und dem 
Stadion (s. d. Karte). Gewöhnlich sucht man es 
jetzt südlich gegenüber dem Kynosarges an der Stelle 
des heutigen Priesterseminars Rizareion. Indes 
wurde diese Gegend ja durch das eigentliche West- 
thor Athens, das diomeische, mit der Stadt ver- 
bunden; man müfste somit für den schmalen Land- 
strich zwischen den Südabhängen des Lykabettos 
und dem llisos zwei Thore und zwei Parallelstrafsen 
annehmen. Näher liegt daher meines Erachtens die 
Annahme, dafs der Weg vom »Thor des Divchares: 
südöstlich nach der jenseitigen llisusgegend geführt 
habe, wo sich wichtige Strafsen nach den Stein- 
brüchen des Hymettos und der westlich vom Ge- 
birge ausgedehinten Landschaft verzweigten (vgl. 
Karten ven Attika II, 20). Für niedriges Terrain 
vor dem diocharischen Thor sprechen auch aufser 
den von Strabo (IX, 397) erwähnten Quellen die 
Angaben eines Inschriftfragmentes (Verpachtungs- 
urkunde ©. J. Att. II, 1056), welche eine der Athena 
geheiligte Wiese und ein Bad nennen: Z. 6f. "Alnväs 
reAua TIpös Taig ... Tals mapd TOU Atoxdpoug ...: 
[kai ?] BaAaveiov. Diese Erwähnungen würden dahin 
führen, das Lykeion etwas näher der Stadt zu rücken, 
wodurch zugleich für die mehrfach bezeugten mili- 
tärischen Übungen mehr ebene Fläche gewonnen 
würde (vgl. Xenoph. a. a. O.; Aristoph. Pax 353; 
ebenda hatte auch der Polemarch sein Amtslokal 
Suid. s. v.äpxwv, Bekker anecd. gr. I, 277; Hesych. 
8. v. 'EmAükıov). 

Bereits in die älteste Stadtgeschichte verflochten 
(Plut. Thes. 27) finden wir das Lykeion als Heiligtum 
des Apollo Lykeios (des »Lichtgottes«, vgl.C.J. Att. 
III, 292 iepews ’AnöAAwvog Aukriou, nicht des Wolfs- 
gottes, den das Scholion zu Demosth. XXIV,14 ety- 
mologisierend herbeizieht; vgl. die ebenso unrichtige 
Namenserklärung des benachbarten Lykabettos von 
Auxog, statt vom Stamme Auk, bei Hesych. s. v. und 
Schol. Plat. Krit. [l2a). Nach Lucian, Anachars. 7 
war der Gott daselbst Jargestellt als dvanauduevog, 
an eine Säule gelehnt, in der Linken den Bogen, 
während der rechte Arm (nach Art des »Apollino« 
in Florenz und anderer Repliken) über das Haupt 
geschlagen war. Das Gymnasium soll nach Thev- 
pomp eine Stiftung des Peisistratos, nach Philochoros 


Athen (östlicher Teil). 


vielmehr des Perikles gewesen sein (Harpocr. Suid. 
s. v. Abxeıiov). Dann hat Lykurg Jaselbst offenbar 
sehr umfassende Neubauten vorgenommen vit. X 
orr. 84lc heifst es sogar T6 Ev Aukeiw Yuuvdolov 
enoinoe, vgl. Paus. I, 29,16; in dem Ehrendekret 
des Stratukles €. J. Att. II, 240, Fragm. 2 2.8 To 
Tuuvuoıov TO Kata Alkeıov KATEOKEDagev), ferner eine 
Palästra errichtet und neue Baumpflanzungen hin- 
zugefügt (vit. X orr. a.a. 0. xai epbtevoe xul TV 
taAuiotpav WkKodöunde); vor der Palästra stellte der- 
selbe dann auch eine Tafel auf, welche ein Ver- 
zeichnis aller seiner öffentlichen Leistungen ent- 
hielt (vit. X orr. 843f.). Wie das Kynosarges wurde 
200 v. Chr. auch das ILykeion durch Philipp V. von 
Makedonien in Brand gesteckt (s. oben; Liv. XXXI, 
24 $ 17); ebenso liefs Sulla bei seiner Belagerung 
Athens 86 v. Chr. die Bäume der Akadernie wie des 
Lykeion fällen. 

Das Lykeion war das berühmte Schullokal des 
Aristoteles uud der Peripatetiker (Diog. Laert.V, 2; 
Cic. Qu. acad. I, 4, 17), welche übrigens schon seit 
Theophrast eigne, mit Musenheiligtum, Hallen u. 8. w. 
ausgestattete Grundstücke in dessen Nühe erworben 
zu haben scheinen (Diog. Laert. V, 39, 51 £.). 

Nachdem Pausanias (19, 4) ömiotdev Toü Aukeiouv, 
d.h. wohl östlich, den Ilisus aufwärts, das Grabmal 
des Königs von Megara Nisos erwähnt hat, nennt 
er den llisos und dessen Nebenflufs Eridanos 
(19,5). Dem ersteren begegnete er ja unzweifelhaft. 
auf seinen Wege, da er ihn gleich darauf über- 
schreitet (19,6), aber auch die Einmündung des 
Eridanos sind wir berechtigt, an derselben Stelle zu 
suchen. Strabo (IX, 397) verteidigt einen älteren 
Epiker, nach welchem einst Jie athenischen Jung- 
frauen das »reine Nufs des Fridanos«e geschöpft 
hätten »xadapov Yavog "Hpidbavoio«, gewifs des durch 
den Eridanos verstärkten Ilisos selber‘, mit der Be- 
merkung: eloi u&v vüv ai nnyai kadapoü kai noriuou 
bdaTog, WG Paoıv, EKTöc TWv Aloxdpous Kulouuevwv 
nuAWv tAnolov ToD Aukelov. Anderseits läfst Plato 
sein Urathen >bis zum Eridanos und Ilisos«e reichen, 
so dals Pnyx und Lykabettos dieäufsersten Grenzen 
der Stadt gebildet hätten. Den Eridanos erkennen 
auch wir in dem jetzt freilich meist wasserlosen 
beileutendsten Flufsbette, welches auf der linken 
Seite Jdes Ilisos südlich vom Kynosarges mündet und 
dem reichen Quellgebiet des mittleren Hyınettus ent- 
stammt, wo im Altertum das berühmte Heiligtum 
der Aphrodite mit der Heilquelle x0AAov mrHhpa 
(Suid. Phot. s.v.) lag. (Heute das Kloster Kaesariani; 
s. das Nähere Karten von Attika HI, 18 f. 24 f. 
Diese schon seit Leake, Demen von Attika S.9 be- 
stehende Ansetzung des Eridanos bekämpft Wachs- 
muth in einem besonderen Exkurse: die Stadt Athen 
8. 365 f.; derselbe möchte vielmehr einen ganz un- 
bedeutenden, vom Lykabettos herabkommenden 


Athen (östlicher Teil). 


Wasserrifs für den Eridanos erklären, da er seiner 
Meinung nach auf der rechten Seite des Tlisos ge- 
mündet haben müsse.) 

Mit dem TIlisos verbindet Pausanias (19,5) die 
Aufzählung einiger am Flufs gelegenen denkwürdigen 
Stätten und Kulte: der Örtlichkeiten, wo Boreas 
die Oreithyia raubte, wo Kodros fiel, und ein 
Ileiligtum der Musen am Tlisos. Dafs Pausanias 
dabei bis zu einem gewissen Grade den topographi- 
schen Zusammenhang gewahrt hat, beweist für die 
Stätte des Oreithyiaraubes (wo die Athener auch 
einen Altar des Boreas errichteten, Herod. V1I, 189 u. 
Plato a. anzuf. O.) die Ansetzung Platos (Phaedr.229b): 
n npös Tö ts "Aypas (d. i. dem Heiligtum der 
Artemis Agrotera) dtaßaivouev, offenbar ein ganz 
bestimmter Übergang, welchen auch Pausanias gleich 
darauf (19, 6} benutzt: dıaßäcı dE Tov EiAt0oöv xwpiov 
"Aypaı kaklobuevov kui vaös Aypotepacg 'Apreuıdoc. 
Diese Stelle ist nun keinesfalls auf die Stadionbrücke 
zu beziehen (s. unten 8. 185 und Wachsmuth, Athen 
S. 236 f£.), sondern weiter oberhalb zu suchen, am 
natürlichsten in der Fortsetzung des Weges, welchen 
wir (oben 8.182) vom Diocharesthor am Lykeion 
vorbei den Nisos überschreiten liefsen. Der Kodros- 
platz und das Musenheiligtum wird dann (als Ex- 
kurs betrachtet) auf «lem rechten Ufer zwischen dem 
eigentlichen Übergang nach Agrai und der späteren 
Stadionbrücke anzunehmen Sein. Kodros wurde un- 
erkannt vor dem Thore getötet (Lykurz I, 86 Kata 
tac mbAus bmodüuvra ... po Ts tölewc). Unklar 
bleibt, in welchem Verhältnis dazu die beim Lysi- 
kratesdenkmal gefundene Inschrift steht (auf einem 
Kalksteinblocke C. J. Att. TII, 943): Koödpou ToüTo 
mweonua Mekavdeldaw [avaktog] Zeive, TO Kai neydAnv 
’Acida (d. i. Attika) Teixioatr[o] oWwua 5’ Um AxKpo- 
moAnı Pepwv Tdpxuoev ["Alnvewv] Aaög, Es Allavaroug 
döfav Aeıpdue[voc., Das Musenheiligtum (s. auch 
Steph. Byz. s. v. 'IAıoöc' notauös TG Artrıkfis, Ev 
& rıu@vraı ai MoDoaı "Iıotdes, dus 'AnoAA6dwpoc) war 
ja schwerlich ein Tempel; sehr unsicher ist deshalb 
die bereits von Spon aufgestellte, vielfach geteilte 
Vermutung, dafs die zeitweise durch eine Über- 
schwemmung blofsgelegten, schon zu Stuarts Zeiten 
wieder verschwundenen Grundniaucrn eines kreis- 
förmigen Gebäudes 50 Schritt oberhall der Stadion- 
brücke auf jenes Heiligtum zu beziehen seien (Spon, 
voyage II, 126; die Lokalaugabe wird richtig sein; die 
widersprechenden Ansetzungen bei Wheler, Fanelli, 
auf dem Plan der Kapuziner und Guillets vgl. 
Wachsmuth, Athen 8. 235 Anm.3, S. 736 Anm. 1 
beruhen wohl einfach auf Verwechslung mit den 
Resten einer altbyzantinischen Kirche, welche zum 
Teil noch heute auf der Ilisosinsel, südöstlich vom 
Olympieion vorhanden sind und ein unterirdisches 
Grabgewölbe mit Spuren eines achtseitigen, einst 
gewifs mit einer Kuppel überdachten Aufbaus zeigen). 


183 


Unter den üAMoı deoi, deren Verehrung am Ilisos 
Pausanias im allgemeinen bezeugt, sind ohne Zweifel 
die ländlichen Kulte des Pan und der Nymhpen, 
der Flufs- und Erdgottheiten zu begreifen, welche 
an den idyllischen, grotten- und baumreichen Ab- 
hängen des Flusses (vom Eridanos bis zum Olympieion 
herab), vorauszusetzen wären, auch wenn wir nicht 
ausdrückliche Zeugnisse für dieselben besäfsen. Die 
\ymphen, Acheloos, Pan >»und die anderen 
(söttere nennt Plato bei der Quelle unter der be- 
rühmt gewordenen Platane aın Ilisosbett (Phaedr. 
230 b vuupWv TE Tivwv xai "AxeAdou lepov Arno 
TWv Kopüv TE kai Ayaludrwv EZorıkev eivaı und am 
Schlufs S.2739b W& @pile TTav Te kai üMloı 8001 TNdE 
deol‘. Die Platane stand (nach demselben, 8. 229 B) 
2—3 Stadien oberhalb des Boreasaltars und des 
Übergangs nach Agrai (s. oben), also wohl nahe dem 
Einflufs des Eridanos, unterhalb der Kapelle Tlag. 
(scorgios beim Rizareion. (Zu scheiden davon ist 
natürlich die stattliche Platane im Lykeion, Theophr. 
IH. plant. 1, 11: f) Ye oüv ev TW Aukelw Y trAdravos 
N Kata TAvV HXETövV Erı vea 00a Trepi Tpeis Kal TpıId- 
KOVTU TINXEIG APfiIKEv). 

Ein anderes nicht wenig interessantes Denkmal 
für die am llisos gepfleeten Naturkulte bildet das 
im Jahre 1759 im Stadium wefundene, jetzt im Ber- 
liner Museum aufbewahrte Relief Nani (Paciaudi, 
Mon.Pelopon. I, 207; Millin, Gal.myth. Taf. 81 N. 327) 
mit der Weihinschrift C. J. Gr. I, 455: ol mAuvfis 
Nuugpuig ebEduevor avetegav Kal deols näcıv (es folgen 
11 Namen von Metöken und Sklaven, vgl. Leake, 
Topogr. von Athen Anh. VI 8.349 £.). Die Gott- 
heiten sind in der oberen Reihe (v. r.): der syrinx- 
blasende Pan, die drei Nymphen von Hermes geführt; 
das Haupt des Flufsdämon (Acheloos, s. oben Phaedr. 
a.a.O.), unten rechts von einem Altar Demeter und 
Kore, links ein unbekannter IIeros mit seinem Pferde. 

Übrigens genofs der Llisos selber lIervenverehrung, 
wie die Fragmente der Schatzmeisterurkunden (C.J. 
Att.1,210.273e, f: IAıoovd) erweisen. Pausanias über- 
schreitet den Ilisos (19, 6) an der vorbezeichneten 
Stelle (oben 8. 183), von wo aus der Weg, wie auch 
Plato (s. ebdas.) bezeugt, zum Heiligtum der Ar- 
temis Agrotera führte (vgl. auch C. J. Att. 1,210 
7.8, bei Plato vielleicht ’Aypaia; s. Eustath. ad Il. B 
361, 36; danach hiefs angeblich das ganze Gebiet 
Aypa oder "Aypaı, s. oben S. 152). Die bisher auf- 
gestelllten Vermutungen über die Lage jenes Tempels 
sind wenig gegründet. Bei der Kapelle des Hag. 
Petros Stavromenos (Spon und Wheler) deutet die 
oben 8.179 erwähnte römische Mosaik lediglich auf 
eine römische Villa und die »antiken Reste« im Felde, 
jenseits des östlich vom Stadium vorbeiführenden 
Weges, sind teils zusammengeschleppt, teils bilden 
reihenweise aufgepflanzte, doch keineswegs ein Vier- 
eck umschliefsende Konglomeratsteinblöcke die in 


184 


Attika so gewöhnlichen Grenzmarken für Grabanlagen 
oder andre kleine Parzellen (vgl. Karten von Attika 
II, 25). Eher könnte man die Tempelstätte bei der 
südwestlich davon, schon in der eigentlichen Hügel- 
gegend gelegenen Kapelle des Hag. Elias suchen, 
wiewohl wir auch dort durch antike Spuren nicht 
weiter unterstützt werden. Pausanias erwähnt ein 
Kultbild der Göttin mit dem Bogen in der Hand. 
Am 6. Boedromion wurde ihr eine kriegerische Pompe 
gefeiert und ein Opfer von 500 Ziegen dargebracht 
zur Erinnerung an den Sieg bei Marathon, doch 
wohl in Anlehnung an ein älteres Fest (vgl. Plut. 
de malign. Herod. 26 und zahlreiche Ephebenin- 
schriften; A. Mommsen, Heortologie S. 211 £.). 

In der Nähe lag der Ardettos, wahrscheinlich 
ein spitzer Berg (Wachsmuth, Athen I, 239 Anm. 4 
von der Wurzel äpd vgl. äpdıc, Spitze), auf welchem 
die Heliasten alljährlich bei Apollo Patroos, Zeus 
Basileus und Demeter den Richtereid schworen (Har- 
pocr. 8. v. ’Apdnttög Bekker anecd. gr. I, 443). Denn 
bei Harpocration a. a.O. war der ’Apönrtög ein TöToG 
Adıyvnow ünep TO orTddıov Tö TTavadnvaixkov, 
nach Hesych. s. v. und Tollux VIII, 122 nepi Töv 
Aıco6v und ’Aı0cod nAnclov. Unter der Voraus- 
setzung, dafs wir thatsächlich eine charakteristische 
Bergform dafür zu suchen haben, bleibt nur die 
121 m hohe Erhebung, an deren Westabhang die 
Kapelle des Hag. Petros liegt, oder die östlich be- 
nachbarte, noch höhere, übrig (130,7 m), welche 
zwischen dem angrenzenden Rhevnıa und dem Eri- 
danos liegt. Für die erstere spricht die gröfsere 
Nähe beim Illisos. Vgl. auch die mehrfach ceitierte 
Stelle Plut. Thes. 27, wo Ardettos und Lykeion zu- 
sammen genannt werden. 

Wir haben bereits erwähnt, dafs die übrige Hügel- 
gegend des linken Ilisosufers (und zwar bis unter- 
halb des Olympieion s. unten) Agra oder Agrai 
genannt wurde. Kleidemos bei Bekker anecd. gr.], 
326, 30 (vgl. 334, 12) braucht das Wort geradezu als 
Bergnamen, welcher an die Stelle des älteren Namens 
Helikon getreten sei; auf der Höhe desselben habe 
ein Altar des Poseidon Helikonios gelesen. Da 
der Name das ganze Gebirge umfafst, so wird man 
den Ausdruck em’ äxpov auf einen der höchsten 
oder doch hervorragendsten unter den verschiedenen 
Gipfeln beziehen müssen, also entweder auf die An- 
höhe westlich über dem Stadium (133 m) oder, da 
diese überbaut war (s. unten), auf die dominierende 
südliche, im Halbkreis herumziehende Erhebung 
(130,5 m). 

Vom Heiligtum der Artemis Agrotera geht Pau- 
sanias (19, 6) zum panathenaischen Stadion 
über, dessen Lage niemals zweifelhaft sein konnte 
(der Wiener Anonymus $8 erkannte darin wenig- 
stens ein Theater für gymnische Kämpfe; Babin 820 
ein Amphitheater) und dessen Überreste jetzt durch 


Athen (östlicher Teil). 


die Ausgrabungen Zillers (1869 — 70) vollständig auf 
gedeckt worden sind (vgl. dessen Bericht und Auf 
nahmen in Erbkams Zeitschrift für Bauwesen 1871 
S. 455 £.; auch die Skizze im Atlas von Atlıen 8. 13) 

Wiewohl Jie Thalmulde, in welcher das Stadiun 
liegt, eine derartige Anlage beinahe herausforder 
(vgl. Paus. 19, 6 Avwäev Öpos Unep TövV ElAı0odv Apxö 
HEvov Ex unvoeıdoüs xadrkeı TOD ToTauod T1pöc Ti 
öxtnv ebdU TE kai dimAo0v), scheinen unsre Quelleı 
die Einrichtung desselben vor Lykurg direkt un: 
indirekt dennoch auszuschliefsen: die Angabe be 
Steph. Byz. ’ExeAldar ... . and "EAous TOmoV ... € 
bb ToUg Yuuvırodcs AyWvas Erideoav Tois TTavadınvaloı 
mufs für die Zeit bis zum 4. Jahrhundert gelten 
darauf von Lykurgos: vit. X orr. 841d rü oradiw ri 
TTavadnvamlı TMv xpnrnida trepıednxev Efepyaoduevo 
roütö Te al trrnvxapddpav (d.h. offenbar die ganz 
Schlucht) duaAnv moıhoas, Acıvlou TIvög, Ög EKermt 
Toürto TO xwplov, Avevros TA Tökeı TTPOGEITÖYVTO 
abrö xaploacdaı Aukoüpyw, vgl. das Ehrendekret de 
Stratokles C. J. Att. II, 240 Fr. II 2.7 [rö re ordbıo 
rö TTavadınvjaıxov xal T6 Yuuvdoırov T[O xard T 
Abxeıov kateoxeba]oev und das Ehrendekret für Eı 
demos von Plataiai (Olymp. 112, 3 = 330/329) C. . 
Att. II, 176 2. 15 £. xal vüv [Eeı]efdor]o eis rriv moinoı 
tod oradl[ou] xal Toü Hedrpou Toü TTavasdınvaıko 
xiAıa Zebyn (unter deatpov wird mit Löschcke, Dorpa 
Progr. 1883 S. 12 der Zuschauerraum des Stadio 
selber zu verstehen sein). 

Jahrhunderte später, zur Zeit der Nachblüt 
Athens unter Hadrian, schuf dann der reiche Athene 
Herodes Attikos (gest. 177 n.Chr.) das Stadion durc 
Ausstattung des ganzen Raumes mit pentelischer 
Marmor und andre damit zusammenhängende Baute 
(Prachtanlagen auf der Höhe der umgebenden Hüge 
darunter einen Tempel der Tyche, Philostr. vii 
Soph. II, 1, 4, mit Elfenbeinbild, und gewifs auc] 
die Disosbrücke; 8. unten) zu einem Wunderwerk 
für scine Zeitgenossen um (Paus. I, 19, 6 dad 
d’ (do0cı, Philostr. vit. Soph. II, 1, 15 Epyov Une 
ndvra tä Babuara. Nach demselben 1, 5 vol 
endete er es in vier Jahren). Von der Marmorveı 
kleidung ist heute nichts mehr erhalten. Überrest 
von Kalköfen zeigen den Weg, welchen dieselb 
genommen. Doch sind auf dem Plan der Kapuzine 
noch mehrere Sitzreihen angedeutet, und der Wiene 
Anonymus $ 8 (s. Wachsmuth, Athen S. 737 Anm. ] 
spricht sogar von 100 Züvaı. Nach Zillers Ermii 
telungen (a. a. O.) hatte die horizontale Fläche de 
eigentlichen Stadion von der nördlichen Abschluß 
mauer gerechnet, eine Länge von 204,07 m, ein 
Breite von 33,36 m. Die südöstliche Begrenzung, di 
opevbövn, ist halbkreisförmig; in ihrem Mittelpunkt« 
also 16,68 m vom Rande entfernt, stand die Met: 
Die Ablaufschranken am entgegengesetzten End 
sind nicht erhalten. Nach Dörpfelds Berechnun 


Athen (östlicher Teil). 


des griechischen Stadion auf 177,5 m (Mitt. des 
arch. Inst. VII, 301) müfsten jene Schranken um 
10m von der Abschlufsmauer des Stadionrundes 
nach innen gerückt werden. Von der Marmor- 
brüstung, welche die Rennbahn umgab, sind Reste 
der Fundamente und hoch gestellten Platten nur 
bei dem Halbrund aufgefunden worden, letztere zum 
Teil wieder aufgerichtet. Gitterlöcher auf der Brüstung 
deuten auf noch festeren Verschluls. Die Nachricht, 
dafs Hadrian Tierjagden im Stadion veranstaltete 
(Spartian. Hadr. 19), kennzeichnet eine spätere Ver- 
wendung und Herrichtung desselben als Amphi- 
theater. Hinter der Brüstung lief ein 2,82 m breiter 
Korridor herum, von welchem aus die Sitzreihen (über 
50 an der Zahl) emporstiegen. Der Zuschauerraum 
wurde an den Langseiten durch je 11, an der Sphen- 
done durch sieben aufsteigende Treppen geteilt und 
konnte 40 — 50000 Menschen fassen. Für die Lang- 
seiten ist die natürliche Böschung der Hügel ver- 
wandt, das Halbrund dagegen (wo einst die Schlucht 
eich öffnete) durch künstliche Substruktionen her- 
gestellt. Die dem Flufs zugekehrten Stirnseiten des 
Bitzraumes endigen in Aufmauerungen aus Mörtel- 
werk und Kalksteinquadern. Auch hier ist einstige 
Marmorverkleidung anzunehmen. Vor der Eingangs- 
Beite fanden sich Spuren einer Halle, an welche zu 
beiden Seiten noch Baulichkeiten für gymnastische 
Zwecke gegrenzt haben mögen. In dem östlich an- 
grenzenden Wächterhäuschen ist noch der Rest eines 
Mosaikfufsbodens erhalten. 

Auch das Flufsufer zeigt Spuren von Aufmauerung; 
sodann standen noch bis 1778 (wo sie das Schicksal 
der Hadrianischen Wasserleitung teilten, s. S. 181) 
drei Bögen der höchst wahrscheinlich erst von 
Herodes Atticus erbauten ,‚ direkt auf das Stadion 
führenden Ilisosbrücke (vgl. Ziller a. a. O. S. 492; 
Wachsmuth, Athen S. 696 Anm. 3; die Aufnahme 
bei Stuart und Revett, Altert. von Athen Lfg. XIH 
Taf, 2.3; auch den Plan der Kapuziner). IIeute 
And auch die letzten Fundamentreste dieser Bögen 
ünter dem Neubau der Stadionbrücke nahezu ver- 

Wunden. 

Beim Ansatz des Halbrundes mündet in einen 

4,75 m breiten, 7m tiefen, einst marmorgeschmück- 
Q Vorraum ein antiker, 3,85 m breiter Felsgang, 
Welcher von aufsen durch die Ostseite des Stadion- 
ügels getrieben ist und auch für Wagen zugänglich 
BE Wegen zu sein scheint. Leake (Topogr. von Athen 
u 143 Anm. 4) vermutet, dafs die Anlage desselben 
eFBt mit den römischen Schaustellungen zusammen- 
Qigen möge. Der Umgang oberhalb der Sitzreihen 
War vermutlich von Säulenhallen eingefafst. Über 
dem Halbrund fanden sich namentlich die Spuren 
ner 32m langen, 10m tiefen Stoa, die, nach er- 
ltenen Architekturstücken zu schliefsen, in dJori- 
SChem Stile erbaut war. Im Boden erhalten sind 


'Heiligtümern im Süden, 


185 


gegenwärtig nur die Substruktionen aus Bruchstein 
und Porosquadern. Auf der Höhe des westlichen 
Stadionberges liegen ganz ähnlich konstruierte, 
der Materialersparnis halber gewölbte Unterbauten 
von bedeutenden Dimensionen. Vor einem 25 m 
langen, 15m breiten Hauptbau, der von Westen 
nach Osten orientiert ist, war ein 16m breites Pla- 
teau hergestellt; von diesem’ scheint eine 16 m breite, 
immer in der gleichen Weise fundamentierte Rampe 
in den Zuschauerraum herabgeführt zu haben. Ver- 
mutlich bezieht sich diese ganze mit dem Stadion 
verbundene Anlage auf den Tempel der Tyche, 
welchen Philostratos (s. oben, vit. Soph. II, 1,5 enl 
ddtepa ToUO oTadlou) nebst dem Elfenbeinbilde der 
Göttin ebenfalls als Gründung des Herodes erwähnt. 

Derselben Epoche gehören die Unterbauten eines 
55m langen, 11m breiten Bauwerkes an, dessen 
herumliegende Marmorquadern noch in neuerer Zeit 
durch Verschleppung und Zerstörung verringert ' 
worden sind. Die Bestimmung desselben bleibt un- 
klar; man könnte an ein imposantes Grabdenkmal 
des Herodes nach Art des Philopapposmonumentes 
(8. oben) denken; freilich liegt es näher, die Angabe 
des Philostratos (a. a. ©. 15) Adnvaloı ... Edayav 
(Herodes) Ev rw TTavatnvankı) auf den Innenraum 
des Stadion zu beziehen. 

Beim Stadion bricht die Ilisoswanderung des 
Pausanias plötzlich ab; der Perieget knüpft (I, 20, 1) 
einen neuen Weg vom Prytaneion (s. S. 172) an. 
Dafür findet aber Jdie untere Ilisosgegend eine er- 
gänzende Schilderung in der bereits vorher (I, 8, 6 f.) 
gebotenen sog. Enneakrunosepisode. Wie auch im- 
mer die Einschaltung derselben an so befremdender 
Stelle (in die Agorawanderung; 8. S. 165) zu erklären 
sein mag, jedenfalls motiviert sich die Zerlegung 
der Ilisosperiegese in zwei getrennte Hälften (was 
meines Wissens zuerst U. Köhler beobachtet hat) 
vollkommen aus den lokalen Verhältnissen: der west- 
liche Stadionhügel tritt so hart an den Ilisos heran, 
dafs hier eine Fortsetzung der Wanderung auf den; 
linken Ufer ausgeschlossen erscheint. 

Pausanias nennt zuerst (I, 8, 6) das #eatpov, ö 
kaloücıv ’'Rıdeiov, Jdarauf nach langer historischer 
Abschweifnng (I, 14, 1) die Quelle Enneakrunos 
in der Nühe (mAnoiov). Die Ansetzung der letzteren 
beim Bette des Iisos, südlich vom Olympieion 
(s. die Karte: >Kallirrlıoee), halten wir, auch neuer- 
dings erhobenen Bedenken gegenüber, für gesichert 
(vgl. Unger, Enneakrunos und Pelasgikon, Sitzgsber. 
d. Münch. Akad. 1874 S. 263 f.; Löscheke, Dorpat. 
Progr. 1883 S. 10 £.). Ihren Namen erhielt die 
Quelle, seitdem sie von Peisistratos als Röhren- 
brunnen gefafst worden war, dessen Wasser aus 
neun Mündungen entströmte (Paus.a.a.O.; Thukyd. 
II, 15, 5). Thukydides führt sie mit den ältesten 
bezw. Südwesten der 


186 


Stadt, dem Olympieion, Pythion, Dionysion auf 
und betont’ihre Verwendung bei allen religiösen 
Gebräuchen, wie zur Hochzeit. Nach demselben 
Schriftsteller hiefs sie einst (I, 15, 5 ro de malaı, 
pavepüv tÜv rnnyWv obawv; Kallirrhoe. Dieser 
Name hat sich aber neben dem neueren fortwährend 
im Gebrauche erhalten. Plato (Axioch. 346a) nennt 
sic beim llisos: yevonevw nor Kara Töv ’M10oov ÖpW% 
tov Adıöyouv HeEovra Emmi Kadkıppönv. Unger und 
Löschcke, welche die Enncakrunos südwestlich von 
der Akropolis suchen, sind genötigt, diese Kallirrhoe 
von der älteren zu scheiden, «(eren Name zwar 
einem »gelehrten Lokalantiquar wie Thukydides« 
noch bekannt war, im Volksmunde aber durch die 
Bezeichnung Enneakrunos verdrängt worden sei. 
Diese mifsliche Annahme, hervorgerufen durch den 
Wunsch, eine Kontinuität der Periegese des Pausa- 
nias herzustellen, wird keineswegs bestätigt durch 
die übrigen, auf die Enneakrunos bezüglichen Schrift- 
stellen : zunächst mülsten Angaben wie Statius Theb. 
XII, 629 Calliroe novies errantibus undis wiederum 
auf Verwechslung, bezw. gelehrten Reminiszenzen 
beruhen. Die Notiz bei Ilierokles, Hippiatr. Praef. 
Tapavrivos iotopei Töv Tod Aıöc veWv id. i. das 
Ölympicion) xaraoxeudlovras ’Aynvalous ’Evvea- 
kpobvou tAnolov eiselatfivan wrploactkaı TU EX 
ris "Arrıcfs eis TO AoTu Zeuyn ätmavra mülste not- 
wendig verderbt sein. Aber auch die Erzählung bei 
IIerodot (VT, 137), nach welcher die anı Hymettos, 
also südöstlich der Stadt angesiedelten Pelasger die 
Töchter der Athener mifshandelt hätten, wann sie 
zur Enneakrunos kamen, um Wasser zu holen 
(poıtav Yap dei TAGS OperTepag ‚Yuyartepas En’ Üdwp 
eni rrv ’Evvedkpouvov), pafst nur zu jener expo- 
nierten Örtlichkeit beim Ilisos. Auch der komische 
Vergleich des Kratinos, mit welchem er einen Dichter 
verspottet (Schol. Aristoph. Equ. 523 dwdexdkpouvov 
to oTöud, "Aıcoös Ev TN YPdpuyı) wird erst anschau- 
lich, wenn der Brunnen am llisus selber aufspru- 
delte. Endlich setzt die Angabe des Tlinius (N. H. 
XXXI, 3, 23 Athenis Enneacrunos nimbosa uestate 
Srigidior est, quam puteus in Jovis horto) doch wie- 
derum die Nachbarschaft der Enneakrunos beim 
Ölympieion voraus, in dessen Bereich der Joris 
hortus offenbar zu suchen ist. Was aber die am 
Westfufs der Akropolis oder südlich vom Areiopag 
beobachteten Laufbrunnen angelt (vgl. Leuke, 
Topogr. von Athen 8. 127 f. nach Wheler und Stuart), 
so hat bereits Leake (a. a. O. S. 131 £.) richtig be- 
merkt, wie auch durch die neueren Ausgrabungen 
am Südabhange bestätigt wurde, dafs alles im Be- 
reiche der Burg strömende Quellwasser brackig oder 
salzig und daher zum Trinken nicht wohl geeignet ist. 

Die Stätte im Flufsbett des Ilisos, welche noch 
heute Kallirrhöi genannt wird, hat von der früheren 
Wasserfülle wenigstens soviel bewahrt, dafs sie einen 


Athen (östlicher Teil). 


nie versiegenden, jetzt zum Waschen benutzteı 
kleinen Teich bildet. Derselbe tritt am Fufs eine 
felsigen, B—6 m hohen Absturzes scheinbar au: 
dem Kies hervor. (Vgl. die Ansicht im Atlas voı 
Athen Bl. IX, 3 und die Terminaufnahme BI.\, 4. 
Noch vor 200 Jahren, als Spon und Wheler reisten 
flofs (las Wasser indes höher und reichlicher; denı 
von zwei Jaselbst angelegten türkischen Brunneı 
war wenigstens der eine noch in Gebrauch. Rest 
des Mauerwerkes sind davon vor der südlichen Aus 
buchtung Jer erwälınten Felswand noch vorhanden 
ebenda auch eine Anzahl aus dem Gestein hervoı 
tretender Kanäle, etwa sechs, einer Jderselben nocl 
mit erhaltener Bleiröhre. Ob dieselben Felsöffnungeı 
einst auch der Enneakrunos dienten, mufs jedocl 
zweifelhaft bleiben. Jedenfalls ist das Trofil de 
Felspartie, welche den Flufs durchsetzt und heut 
nebeneinander zwei Nischen oder Grotten bilde! 
durch natürliche und gewaltsame Abbröckelun; 
durchaus entstellt. Ebenso haben auch die Wasseı 
zuflüsse seit dem Altertum bedeutende Veränderun: 
erfahren; so scheint es, dafs die eigentlichen Quelle: 
der Kallirrhoe mehr auf der rechten Uferseite ge 
sucht werden müssen, von woher man noch in 
Jahre 1804 bei einer Nachgrabung einen frische: 
Strom wahrnahm. (Vgl. Leake, Topogr. von Atheı 
Ss. 131) Heute sind auch hier nur auf der Obeı 
fläche des Felsens mehrere antike Abzugsgrüben eı 
kennbar, deren einer vom Olympieion herabkommi 
während ein andrer das intermittierende Wasser de 
Ilisos zu regulieren hatte. 

Das vor der Enneakrunos erwähnte Odeioı 
würde man, da die nachfolgenden Bauwerke obeı 
hall) der (Juelle, d. h. auf der ansteigenden Höh 
des linken Ilisosufers in Agra liegen (Paus. I, 14, 
Umep trv Kprivnv), noch auf der rechten Seite, etw. 
in der Nähe des Pythion, suchen. Hier fehlt e 
nicht an dem geeigneten Terrain für eine theateı 
förmige Anlage, und die Nähe des Pythion, in welch 
wir ungesucht gelangen, wird beziehungsvoll, da di 
hier bezeugten ältesten Wettkämpfe der Rhapsodeı 
und namentlich der Kitharoeden echt apollinische: 
Charakter tragen (Hesych. s. v. Wdelov' TOTog ev ( 
npiv TO HEaTpov Kartaokevaodfivar oil haywdoi xal c 
xıdapwbdol nywviZovto, vgl. Wachsmuth, Atheı 
S. 278 f.). Wie unser Odeion zum Pythion, so tra 
später der Prachtbau des Perikleischen Odeion (tr 
unten) zum Heiligtum des Dionysos in Beziehun; 
Da die Existenz eines vorperikleischen Odeion nich 
wohl geleugnet werden kann (wie allerdings Hille 
in IHIermes VII, 395 £. thut; vgl. dagegen Wachsmutl. 
Athen 8.503 Anm.; Löscheke, Dorpat. Progr. 188 
S. 10), da die Lage desselben beim Pythion au 
inneren Gründen sowohl, wie aus der Wanderun 
des Pausanias wahrscheinlich wird und der Periege 
das Odeion des Perikles an seiner Stelle (I, 20, 4 


Athen (östlicher Teil). 


aufführt, so ist es auch mir unmöglich, an dem 
gleichzeitigen, lokal getrennten Bestande zweier 
Odeia blofs deshalb zu zweifeln, weil wir bei den 
Schriftstellern des 5. und 4. Jahrhunderts einer aus- 
drücklichen Unterscheidung allerdings nicht begeg- 
nen (vgl. Löschcke a. a. O.)., Um diesen Zweifel 
aufrecht zu erhalten, mufs zudem das unzweideutige 
Zeugnis, welches Xenophon für die Lage eines 
Odeion vor den Mauern abgibt (Hellen. II, 4, 24 
efekateudov de kai ol inmeis ev ru 'Nıdelw), durch 
die Annahme beseitigt werden, dafs die letzten 
Worte durch ein Glossem (beruhend auf II, 4, 9, wo 
von einer Versammlung der Hopliten und Reiter 
im Odeion die Rede ist) in den Text geraten seien. 
Löscheke (a. a. O.) hält es für undenkbar, dafs die 
Reiter, da man einen Angriff der Demokraten vom 
Peiraieus aus erwartete, »südöstlich« (vielmehr 
südlich) »vor der Stadt« konsigniert worden seien. 
Aber hatten die Oligarchen nicht vielleicht ihre 
wuten Gründe, die Südgrenze der Stadt in erster 
Linie zu bewachen ? War nicht die Westmauer bis 
zum Dipylon der stärkste Teil der Stadtbefestigung ? 
Und folgte nicht wirklich (Hellen. II, 4, 27) später 
ein Angriff sogar vom Lykeion aus? 

Auf dasselbe Odeion scheinen sich auch diejeni- 
gen Schriftstellen zu beziehen, welche von der Ver- 
wendung desselben als Magazin (für Korn und 
Mehl, vgl. Demosth. ce. Phorm. 837 oi ev Ev ügteı 
OiKoüveg dieuerpoüvro AApıru Ev tb Nideiw), in Ver- 
bindung damit als Gerichts- und Amtslokal der 
MNTopvkaxes und uerpovöuor (Harpoer. s. v.; Aristoph. 
Vesp.1109; Demosth. ce. Neaer. 52; Leptin. 32; Lyscas 
KT. Zıron. 7), als Lehrstätte der Philosophen (Athen. 
VII, 3354; Diog. Laert. VII, 184 u. a. m.) berichten. 
Diege Thatsachen erklären sich am besten, wenn wir 
annehmen, dafs das ältere Odeion infolge der Peri- 
kleischen Anlage seiner ursprünglichen Bestimmung 
ganz oder teilweise entfremdet worden sei. Pausa- 
üias sah vor demselben noch Bildwerke der make- 
donischen und ägyptischen Könige, an welche er 
seinen langen Exkurs (I, 9, 1 bis I, 14, 1) knüpft, 
Sodann im Innern unter anderın eine bemerkenswerte 
Dionysosstatue. — Nach Erwähnung der (bereits 
oben besprochenen) Enneakrunos (mAnolov) führt er 
fort: vaol de Önep tavVv xprvnv 6 uev Anunrtpog 
"emoinraı xal Köpns, Ev dE TW TpımroAenou kei- 
Hevövy &arıy Ayala. Es ist neuerdings (von Unger 
und Löschecke, immer unter dem Bestreben, die 
’Enneakrunoswanderung« an den Südwestabhang der 

Topolis zu verlegen) wiederholt die Meinung ver- 
leidigt worden ‚ diese Heiligtümer gehörten bereits 
Zum athenischen Eleusinion, auf dessen Beschrei- 
Ing Pausanias an derselben Stelle ausdrücklich 
’erzichtet (I, 14, 3 npdow de ievan me Wopunuevov 
TOdde Ton Aöyov xal Öndca Eiriynow Exeı TO Adn- 
"Ndıy iep6v, kalobuevov de 'EAevolviov, Ereoxev Öyıc 


187 


Öveipatoc). Es ist klar, dafs diese Art der Erwäh- 
nung noch keineswegs die Nachbarschaft oder teil- 
weise Identität des Eleusinion und der genannten 
Tempel notwendig einschliefst, selbst dann nicht, 
wenn sich die Lage des Eleusinion südwestlich der 
Burg nachweisen läfst« (Löschcke a. a. 0. S. 13, 
dessen letzterer Annahme ich übrigens vollkommen 
beipflichte, s. unten 8. 198). Zu den Argumenten 
für unsere Ansetzung des Odeion und der Ennea- 
krunos, von welcher ja auch die folgenden Heilig- 
tümer abhängen, gesellen sich noch direkte Zeug- 
nisse über Mysterienheiligtümer in Agrai 
(Bekker anecd. gr. I, 334, 11 "Aypaı xwpiov &fw rfic 
töoAews tiep6öv Aruntpoc, Ev b TA ikpd uuorhpia 
ayeraı, vgl. Steph. Byz. Suid. s. v. "Aypaı und "Aypa 
Eustath. ad H.B S. 361, 36; C. J. Att. II, 315 2. 9). 
In diesem Einklange verschiedenartiger Angaben selıe 
ich eine unwiderlegliche Bestätigung der Richtigkeit 
unsres bisher ja auch von der Mehrzalıl der Forscher 
eingenommenen Standpunktes. 

Vor dem Tempel des Triptolemos erwähnt Pau- 
sanias (I, 14, 4) eine Sitzstatue des Epimenides aus 
Knossos; C. Bötticher (Suppl. d. Philol. Ill, 320) 
und Löscheke (a. a. O. S. 26) sind geneigt, darin 
vielinehr den gleichnamigen Buzygen und eleusini- 
schen Heros zu erkennen. Noch weiter entfernt 
(er de Anwrepw Paus. I, 14,5) stand dann ein nach 
der Marathonischen Schlacht geweihter Tempel 
der Eukleia. Aus andern Quellen kennen wir 
endlich in Agrai noch zwei bereits oben (8. 177 u. 
S. 178) erwähnte Heiligtümer, ein Metroon nach 
Bekker anecd. gr. I, 273, 20 Kpöviov renevog ' TO 
rapa TO vüv "OAuumov nEexpiI TOU untpWou TOD Ev 
Aypa iso Wachsmuth für ayopd, vl. S. 177; dazu 
die Schatzurkunden C. J. Att. 1,200 e, 273e, £. Mnrpös 
ev "“Aypas) und einen Tempel der Eileithyia 
(Bekker anccd. ger. I, 326, 30 Ta uev olv üvw TU 
tod 'Iıoco0d mpös "Aypuv Eiintvia, vgl. C. J. Att. 
1II, 319, Theatersitz ’Epongöpois ß’ Eidudvia[s] Ev 
"Aypaıs). Da eine Anzahl bei den >Gärtene am 
Tlisos «efundene Kinderstatuetten nebst einer zu- 
gehörigen Votivsäule: 'Aeıtöa Pilovuevn "Aupindxou 
yuvr; aveiinke, darüber der Mädchenname Ebxokivn 
(vgl. Furtwängler, Mitt. d. Inst. IIT, 196 f.; v. Sybel, 
Kat. d. Skulpt. zu Athen N. 590 --594), gewils aus 
dem Heiligtum in Agrai, nicht dem städtischen Eilei- 
thyiatempel stammt, so werden wir auch jenes in 
der Nähe der genannten Gruppe von Kultusstätten 
zu suchen haben. 

An der Höhe des linken Ilisosufers, südlich ober- 
halb der Kallirrhoe, fehlt es nicht an Spuren des 
Altertums und selbst heiliger Stiftungen. Unmittel- 
bar südlich von der Quelle liegt von ansteigendem 
Felsterrain umschlossen zwischen Bäumen die kleine 
(modern umgebante) Kapelle der Panagia Photini. 
Der auf ein Fackelfest deutende Naıne, sowie die 


188 


ganze Situation lassen in dieser Umgebung (vgl. die 
uugrıxal öxdaı des Ilisos IHimer. Ecl. X, 16) viel- 
leicht bereits auf eine antike Tempelstätte schliefsen. 
Einige herumliegende Reste von Marmorsäulen (0,41 
bis 045m im Durchm.) stammen vermutlich aus 
der älteren Kirche. Die südwestlich benachbarte 
Felspartie weist, obgleich durch Pulversprengungen 
stark beschädigt, an der Westseite geglättete, im 
rechten Winkel einspringende Wände, davor ein ge 
ebnetes, vielleicht für ein kleines Heiligtum be- 
stimmtes Plateau auf. Wenigstens sprechen für 
sakrale Benutzung dieser Stätte auf der überragen- 
den Kuppe des anstofsenden Felsens (die Treppe 
ist längst vernichtet) mehrere wohl für Aufstellung 
von Anathemen bestiminte Glättungen, Einschnitte 
und andre Vorrichtungen, darunter namentlich eine 
sauber gearbeitete Lagerfläche (0,80 m im Quadrat) 
mit Zapfenloch in der Mitte, wohl zur Aufnahme 
eines Altars oder einer Statuenbasis (schwerlich aber 
des erwähnten Sitzbildes des Epimenides) her- 
gerichtet. Steigt man von hier östlich zu dem 
»Windmühlenberge« empor, so nehmen wir, aufser 
einigen Hausresten der Agraivorstadt, am modernen 
Wege Felsstufen und eine peribolosartige Lagerung 
von Blöcken wahr, welche vermutlich einen mit öst- 
licher Biegung zur Höhe führenden (Prozessions- ?) 
Weg bezeichneten, bezw. begrenzten. Der felsige 
von Östen nach Westen gestreckte Rücken des 
»Windmühlenberges« weist namentlich an seinem 
nördlichen und westlichen Abhange mehrfach Basis- 
spuren und Zapfenlöcher auf; besonders interessant 
sind aber einige, leider der allmählichen Zerstörung 
durch Felssprengung preisgegebene Votivnischen. 
Dieselben treten nämlich fast regelmäfsig in paar- 
weiser Anzahl auf und erinnern dadurch an die 
kleinen Doppelkapellen der Göttermutter (vgl. Conze, 
Arch. Ztg. 1880 8.3 Taf.2, 1), deren lleiligtum wir in 
der Nähe zu suchen haben, oder an das eleusinische 
Götterpaar, mit welchem übrigens die Göttermutter 
in gewisser Kultgemeinschaft gestanden haben mag. 

Die Windmühle liegt zwar nicht auf dem höch- 
sten Punkte des Felsrückens, mufs jedoch, da auf 
der übrigen Fläche alle Gründungsspuren fehlen, 
die Stelle des kleinen ionischen Tempels ein- 
genommen haben, der sich bis ins 18. Jahrhundert 
hinein als Kirche der Panagia eic rhv rerpav 
erhalten hatte und von Stuart (Altert. von Athen 
1,72f. Lfg. I Taf. VIL£.) noch aufgenommen werden 
konnte. Damals war die Kirche schon verlassen 
und im Jahre 1780 verschwand sie ganz, um gleich- 
falls Baumaterial für die neue türkische Stadtmauer 
zu liefern. Seit Spon und Wheler wird das antike 
Bauwerk gewöhnlich für eines der beiden oben ge- 
nannten Mysterienheiligtümer, meist für den »Tempel 
des Triptolemos« erklärt. Ich bezweifle, dafs die- 
selben auf freier Höhe standen und würde, unter 


Athen (südlicher Teil). 


der (allerdings unbeweisbaren) Voraussetzung, dafs 
der Tempel in unseren Quellen genannt ist, lieber 
(mit Forchhammer, Topogr. S. 48) an den der Eu- 
kleia denken, welcher nach Pausanias (I, 14, 5) 
etwas entfernt (dänwrepw) von jenen lag. Freilich 
würde dann die Angabe, die Stiftung sei eine Folge 
der Persersiege, insbesondere der Schlacht bei Mara- 
thon gewesen, nicht genau zu nehmen sein, da das 
ionische Heiligtum, wenn schon in das 5. Jahrhundert, 
doch sicherlich erst in die zweite Hälfte desselben 
fällt. (Wheler, Stuart, Leake u. A. suchen den Tem- 
pel der Eukleia den Ilisos weiter abwärts bei der 
Kapellenruine der Hag. Marina. In böotischen und 
lokrischen Kulten war die Eukleia Marktgöttin und 
galt meist als Artemis, Paus.1,17,1; Plut. Aristid. 20, 
was für Athen wenigstens nicht bezeugt ist; vgl. 
vielmehr C. J. Att. III, 277 "lepews Eöxkeias xai 
Edvonias. C. J. Att. III, 623, 624, 133, 738.) 

Unser Tempel war im ionischen Amphiprostylos 
von 41!i2’ Länge, 19'/s’ Breite, der sich auf drei: 
stufigem Krepidoma erhob. Von den je vier vorderen 
und hinteren Säulen waren zu Stuarts Zeiten nu 
noch die beiden Ecksäulen der Pronaos erhalten 
die inneren an den Standspuren kenntlich. Die 
selben haben 12' 11" Höhe, 1’9' im Durchm. und 
zeigen bereits die sog. attische Basis mit Hohlkehle 
zwischen den beiden Polstern, von denen das obere 
wie beim Niketempel kanneliert ist. An den Kapi 
tälen ist bemerkenswert, dafs der Eierstab des 
Echinus unter den Voluten herumläuft. Der Archi 
trav ist nicht ionisch abgestuft, sondern glatt wie 
dorisches Epistyl. Den Ecksäulen entsprachen au 
der Ostseite die mit Anten abschliefsenden Wändı 
des 9' 9'' tiefen Pronaos, westlich blofs die im Sti 
der Säulen gegliederten Anten. Den Basen derselbeı 
fehlt jedoch der untere Torus; die Kannelierun; 
des oberen setzt sich in der Wandspira der Cell: 
und des Pronaos fort. Dasselbe gilt vom Anten 
kapitäl, doch nur für die Längswände, nicht für deı 
Pronaos. Der Grundrifs der Cella ist beinahe gena' 
quadratisch (15’ 4''). 


Das südliche Athen. 


Der Weg, welchen Pausanias (I, 20, 1f.; vg 
S. 172) wiederum vom Prytaneion aus um die Os1 
seite der Burg herum nach dem Südabhange eir 
schlägt, führte ihn zunächst durch das glänzend 
Quartier der »Tpinodec«, einem in flacher Kurr 
bis zum Theater und Heiligtum des Dionysos reichen 
den Strafsenzuge. Derselbe war ausgezeichnet durcl 
zahlreiche kleine, aus Privatmitteln (wohl meist in 
4. Jahrhundert) entstandene Bauwerke, deren Däche: 
die choregischen Siegespreise und Weihgeschenke 
eherne Dreifülse, trugen, während der Unterbau, nicht 
selten in Form eines offenen Rundtempelchens ge 
halten, im Innern andre Kunstwerke enthielt, wie 


Athen (südlicher Teil). 


189 


den berühmten Satyr des Praxiteles (Paus. a. a.O.) | auf ihrem Unterbau; ihr Abstand ist sehr bedeutend 


und andre Kunstwerke gerade dieses Meisters. (Vgl. 
die Nikebilder: Philistor. IV, 9; Gött. gel. Anz. 
1871 8. 607.) Über das erhaltene Musterbeispiel 
dieser Art (freilich nicht offen, sondern durch Mar- 
morplatten verschlossen), das berühmte choregi- 
sche Denkmal des Lysikrates (vom Jahr 335.334 
v. Chr), s. die besondere Beschreibung. Die Lage 
desselben vor dem ÖOstabhang der Akropolis, die 
nach Osten blickende Inschrift (C. J. Gr. I, 221), 
sowie das im Keller eines nördlich benachbarten 
Hauses teilweise vorhandene Fundament eines zwei- 
ten Weihgeschenkes derselben Gattung (vgl. den 
Plan; auch Arch. Ztg. XXXII, 162, 5) gestatten den 
Verlauf der Tripodenstrafse ziemlich genau zu be- 
stimmen. Über ein ähnliches, benachbartes Monu- 
ment, teilweise noch im 17. Jahrhundert erhalten 
und als pavdpı ToD Aıoyevn bezeichnet, 8. Rofs, 
Arch. Aufs. I, 264 N. 51. Auch die marmorne 
grofse Dreifufsbasis mit Dionysos und zwei Niken 
im Relief (vgl. v. Sybel, Katal. d. Skulpt. zu Athen 
N. 95) wurde zwischen Lysikratesdenkmal und 
Theater aufgefunden. Im 4. Jahrhundert galt die 
Dreifufsstrafse als beliebter Promenadenweg der ele- 
ganten Welt (Athen. XII, 542f.). Die Aufstellung 
der Siegesdreifüfse war übrigens keineswegs auf Jie 
eine Strafse beschränkt. Die ältesten standen ver- 
mutlich im Dionysosheiligtum selber (vgl. Plato 
Gorg. 472 a; Plut. Nikias 3) und so noch später, 
1.B.an der östlichen Parodos des Theaters (Attvarov 
VI, 276). Über das Thrasyllosmonument oberhalb 
der Cavea des Theaters und benachbarte Weihungen 
8. 8. 198, 

Am Ostabhange der Burg, und zwar meist zwi- 
schen diesem und der Tripodenstrafse bei der ge- 
Aumigen, doch jeder Spur antiker Benutzung ent- 
behrenden Höhle wird gewöhnlich das Eleusinion 
angesetzt (so zuerst Leake, Topogr. von Athen S.214, 
dem A. Mommsen u. A. folgten; nur Ü. Bötticher 
suchte dasselbe noch weiter östlich in der Ebene, 
IN. Suppl. d. Philol. 8.289). Wir können dieser An- 
ächt nicht beipflichten und werden die Frage unten 
(#. Westabhang der Burg 8. 198) wieder aufnehmen. 

Östlich vom Lysikratesdenkmal bei der Kirche 
der Hag. Aikaterini begegnen wir noch den Resten 
eines der römischen Zeit angehörigen Säulenbaues 
Iinischer Ordnung, dessen ursprüngliche Bestim- 
Mung ganz dahingestellt bleiben mufs (s. die Auf- 
üahme bei Stuart und Revett, Altert. von Athen 
LR. XV Taf. 1.2, Text II, 477 £.). Noch stehen in 
Aunähernd nordwestlich-südöstlicher Richtung zwei 
glatte aus einem Stück gefertigte Säulen (von hymet- 
chem Marmor ?) mit ihrem Epistil aufrecht; eine 
dritte Säule lehnt daneben. Ihre Dicke beträgt 1’ 10”, 
die Höhe 16. (Heute ragen sie nur um 2,20 m aus 
der Verschüttung hervor.) Sie stehen ohne Plinthen 


ge 


(342 Durchm.). Der ionische Architrav ist nur % 
hoch. Die Arbeit, wenn überhaupt vollendet, ist 
wenig sorgfältig. Es scheint, dafs die Halle einen 
Weg begrenzte, welche abzweigend von der Tripoden- 
strafse zum Hadriansthor führte. 

Wir gelangen mit Pausanias (I, 20, 3) zu dem 
heiligen Bezirk des Dionysos in der südöstlich 
der Burg zum Ilisos gesenkten Niederung, nach wel- 
cher das (Juartier den Namen »Alyuvaı« führte. Der 
engere Name des Bezirkes war »Anvarove (vgl. 
IHesych. 8. v. Eni Anvalov ayıv. Pot. s. v. Arvamov 
Bekker anecd. gr. I, 278, 8). Thukydides führt das 
Heiligtum (II, 15 T6 Ev Atuvaıg Arovboou) unter den 
ältesten der Südstadt an. Tausanias nennt inner- 
halb des Peribolos zwei Tempel, den »sehr alten« 
des Dionysos KEleuthereus (vgl. C. J. Att. III, 240, 
am Hauptsitz des Dionysostheaters lepews Atrovucou 
EAeutepews, es enthielt das hölzerne Kultbild des 
Gottes: Paus. I, 38, 8; nur einmal im Jahre ge- 
öffnet, Ps. Demostl. ce. Neaer. 876) und einen andern 
niit dem goldelfenbeinernen Kultbilde des Alka- 
menes. Ebenda befanden sich Gemälde: Dionysos, 
der IIephaistos in den Himmel zurückführt, die Be- 
strafung des Pentheus und des Lykurgos, Ariadne 
auf Naxos von Theseus verlassen, während Dionysos 
sich ihr nähert. 

Mit der Aufdeckung des Dionysostheaters (vom 
Jahre 1862 —65, s. unten) und den Ausgrabungen 
der archäologischen Gesellschaft am Südabhange der 
Akropolis (seit 1877) ist auch ein grofser Teil dieses 
Bezirkes freigelegt worden. Das vorgeschrittenste 
Stadium zeigt der Plan zu den TIpaxrıxa Tfs 
Apx. &raıp. vom Jahre 1879. Schon in der ersten 
Periode wurden ca. 14m südlich vom westlichen 
Teil der Skenereste des Theaters die Konglomerat- 
und Porossteinfundamente eines (etwa 22ın langen, 
10 m breiten) Gebäudes mit westöstlicher Längen- 
ausdehnung aufgefunden, welche unzweifelhaft von 
dem einen, vermutlich von dem jüngeren Tempel 
herrühren. Am Schlufs der letzten Ausgrabungen 
kamen 10 m südöstlich davon zerstörte Reste eines 
Unterbaues aus Porossteinen (11 x 4m) zum Vor- 
schein, welche wir dem andern (älteren) Heiligtum 
zuschreiben dürfen. Etwa 14 m südlich davon zieht 
eine ungleich gefügte, an einer Stelle im stumpfen 
Winkel gebrochene Kalksteinmauer von Osten nach 
Westen vorbei, welche heute auf mehr als 50 m 
blofsliegt und sehr wahrscheinlich für die Peribolos- 
mauer zu halten ist. In ihrer westlichen Fortsetzung 
wird sie durch eine wohl spätrömische Bauanlage 
unterbrochen, welche sich unter dem heutigen Bou- 
levard fortsetzt und deshalb nur teilweise aufgedeckt 
werden konnte. Das Vorhandene ist eine Ziegel- 
konstruktion aus drei um einen Mittelpunkt grup- 
pierten, zusammenhängenden Apsiden, deren jede 


1% 


wiederum drei Nischen (eine abgerundete und zwei 
eckige) aufweist; vermutlich gehört das Ganze zu 
einer Bäderanlage. 

In enger Verbindung mit den Heiligtümern stand 
innerhalb desselben Bezirkes das Theater des 
Dionysos (rt Ev Alovücou #earpov, Hesych. Phot. 
8. v. "Icpıa‘ Tö Anvaiköv, Pollux IV, 121), welches 
den nördlichen Raum bis zum Bergabhange hinauf 
einnahm. Ein steinernes Theater erhielt Athen erst, 
nachdem (Olymp. 70, 1) beim Wettstreit zwischen 
Pratinas, Aischylos und Choirilos das hölzerne Schau- 
gerüste, wie man es bis dahin aufzuschlagen pflegte, 
zusammengebrochen war (Suid. s. v. TIparivac). Ein 
stehendes Bühnengebäude wurde vermutlich erst 
später, in Perikleischer Zeit, errichtet (vgl. die Aus- 
malung der Skene durch Agatharchos zu einer Tra- 
gödie des Aischylos, Vitruv VII praef. 10). Nach 
der Mitte des 4. Jahrhunderts fand ein reicherer 
Neubau oder Umbau statt (vgl. die Belobigung des 
Rates durch Volksbeschlufs vom Jahre 343/42 — 
Olymp. 109, 2: C. J. Att. II, 114B 2.7 xalüc cal 
dıkalws Erre[ueAndn TA] ebxoouias TOD Yedrpov). Die 
Bedeutung dieses Unternehmens folgt schon daraus, 
dafs I,ykurg den Theaterbau noch unvollendet über- 
nahm und zu Ende führte (vgl. das Ehrendekret 
des Stratokles C. 7. Att. II, 240; Fre. I 2.5 mv 
dE o[xevohnknv Kai Tö HearTpov TO] ci.wvuotardv EEnp- 
yadoa[to] = Ps. Plut. vit. X orr. 852b, 841c; Paus. I, 
29, 16 u. a. m.). Derselbe beantragt? auch die Er- 
richtung der Statuen des Aischylos, Sophokles und 
Euripides im Theater (vit. X orr. 841 £.). Über 
spätere bildnerische Ausstattung, sowie Verände- 
rungen in der ersten Kaiserzeit, dann besonders 
unter Hadrian und noch später, geben die zu Tage 
geförderten Überreste des Theaters selber Auskunft 
(8. die Beschreibung). 

Auch vor diesen Funden konnte die ausgezeich- 
nete und trefflich gewählte Lage des Dionysostheaters 
den einsichtigeren Topographen, wie Leake u. A, 
nicht verborgen bleiben. Dennoch gaben erst die 
Entdeckungen Stracks, welcher am 22. März 1862 
auf die erste Sitzstufe traf, den Anstofs zu energi- 
schen Ausgrabungen, welche die griechische archäo- 
logische Gesellschaft bis zum Jahre 1865 fortführte 
(vgl. die Berichte in der ’Epnuepic Apx. 1862 und 
Vischer im Neuen Schweiz. Mus. III, 1863 S. 1 £.). 
Die Ausgrabungen von 1877 und den folgenden 
Jahren kamen auch teilweise dem Theater zu gute. 
(Vgl. die Aufnahme von E. Ziller, mit ausführlichem 
Texte von Leop. Julius: Zeitschr. f. bild. Kunst 
XIII (1878), 193f., 236 f. und den durch die Er- 
gebnisse der allerletzten Ausgrabungen ergänzten 
Plan zu den TTpaxrırd Tfis Apx. Eramplac 1879.) 
Der Zuschauerraum (kollov, cavea) umfafst 
etwa zwei Drittel einer Kreisfläche, welche nach 
der offenen, südlichen Seite zu noch durch gerad- 


Athen (südlicher Teil). 


linige Begrenzungen im Osten und Westen fortge- 
setzt wird. Einen regelmäfsigen Grundrifs weist 
dieser Raum indes nur an seiner westlichen Um- 
fassung auf, welche durch eine starke Futtermauer 
mit rechtwinkelig schneidenden Quermauern aus 
Konglomeratstein gestützt und nach aufsen «durch 
eine saubere Mauer aus Porosquadern verblendet 
ist. Im Norden steigen die Sitzstufen noch über 
die Kreislinie hinaus in dem nackten Felsen empor. 
Etwas nordöstlich ist die senkrechte Stirnmauer des 
Akropolisfelsens segmentartig abgearbeitet (kataroun 
vgl. Harpocr. s. v.). Die östliche Begrenzung ist 
überhaupt, wie die neuesten Ausgrabungen gelehrt 
haben, ganz unregelmäfsig. Die einspringenden und 
sich kreuzenden Konglomeratsteinfundamente sind 
offenbar Futtermauern für den rampen- und terrassen- 
artigen Aufstieg, der sich zugleich in einem \WVege 
quer durch die Cavea des Theaters fortsetzte, um 
dann westlich, wo die Umfassungsmauer unter 
brochen ist, auf gleichfalls noch teilweise erhaltenen 
Futtermauern ins Asklepieion (s. unten) herabzu- 
führen. Zu der Unregelmäfsigkeit der östlichen Be 
grenzung gesellt sich noch der Umstand, dafs deı 
östliche Schenkel der südlichen Stirnmauer bis zum 
Mittelpunkt der Orchestra gerechnet 7 m länger ist 
als der westliche, als sollte auf diese Weise deı 
durch Abflachung der östlichen Seite verlorene Raum 
wiedergewonnen werden. In der Cavea fanden etwa 
27— 30000 Menschen Platz. 

Die Sitzstufen aus Porosstein liegen teils aul 
dem gewachsenen Erdreich, teils (höher) auf Fun 
damenten aus Konglomeratstein; ganz oben sind sie 
in den Felsen selbst geschnitten. Durch 14 auf 
steigende Treppen (von ca. 0,70 m Breite) wird deı 
ganze Raum in 13 Keile (xeprides) zerlegt. Die 
unterste, breitere Stufe, welche sich im Hoalbkreis 
um die durch einen Umgang und eine Balustrade 
aus Marmorplatten getrennte Orchestra legt, trug 
zum gröfsten Teil noch erhaltene (hier und da aul 
höhere Stufen verschleppte) Throne aus pentelischem 
Marmor, meist zwei bis drei aus einem Stück gearbeitet 
die beiden äufsersten Keile enthielten deren je sechs 
die übrigen nur fünf, im ganzen also 67 Sessel 
Im Centrum steht noch heute der überaus reicl 
und geschmackvoll mit Flachreliefs geschmückte 
Ehrensitz des Dionysospriesters. (Die Inschrift be 
findet sich unter dem teppichartig, mit medischer 
gegen Löwengreifen kämpfenden Figuren verzierter 
Fries an der Vorderseite: C. J. Att. III, 240 iepeuwx« 
Arovboou ’EAeußepews, aus der ersten Kaiserzeit; vgl 
die Abbildung des Thrones: Zeitschr. f. bild. Kuns' 
a. a. 0. S. 196, an der Rücklehne eine Weintraub« 
tragende Satyre, an den Seitenlehnen knieende Eroter 
mit Hähnen.) Rechts und links schliefsen sich darar 
die einfacher gearbeiteten Throne der übrigen, durct 
das Recht der Proedrie bevorzugten, Personen, welch« 


Athen (südlicher Teil). 


uns gleichfalls durch Inschriften genannt werden 
(Kultusbeamte, Archonten, Strateg, Herold u. s. w.). 
Auch die höheren, flach profilierten Porosstufen 
(Höhe ca. 0,32 m mit Sitzflächen von 0,33 m Breite, 
dahinter immer noch ein etwas vertiefter Fufsplatz 
für die höher Sitzenden) tragen bis zur 24. Reihe 
hinauf zahlreiche, oft nur flüchtig eingeritzte, aus- 
radierte und durch neue ersetzte Namen von Proe- 
drieberechtigten, darunter namentlich eine grofse 
Menge von Priesterinnen. Diese Inschriften stammen 
aus sehr verschiedenen Epochen und reichen von 
der ersten römischen Kaiserzeit bis auf Hadrian 
hinab. Reiche Belehrung schöpfen wir aus ihnen 
namentlich für die gottesdienstlichen Verhältnisse 
Athens (vgl. Vischer im Neuen Schweiz. Mus. II 
[1863] S. 35 f.; Keil, II. Suppl. z. Philol. S. 628 £.; 
Philol. XXIII, 212 £., 592 £.; Gelzer, Monatsber. d. 
Berl. Akad. 1872 S. 164 f. Alle Inschriften gesam- 
melt im C. J. Att. III, 77 £.). 

Dazu kommen mancherlei Zuthaten aus Hadria- 
nischer Zeit. Im mittleren Keile lagert auf der 
dritten und vierten Stufe eine Basis, welche ihrer 
Inschrift zufolge eine vom Areiopag, dem Rate der 
Sechshundert und dem Volke der Athener dem 
Archon Hadrian (im Jahre 112 n. Chr.) geweihte 
Statue trug. Andre Statuenbasen des Hadrian stehen 
auf dem sechsten und achten Keile, das Fragment 
einer dritten fand sich beim ersten Keil. Da die 
Inschriften lehren, dafs dieselben von den Phylen 
Akamantis, Oineis und Erechtheis aufgestellt waren, 
und da diese drei Namen auch in der oflziellen 
Reihenfolge der Phylen denselben Platz (den ersten, 
sechsten und siebenten) einnahmen (die Basis der 
Oineis rückte auf den achten Keil, da der siebente 
durch die an erster Stelle erwähnte Statue einge- 
nommen war), so hat man sofort erkannt, dafs alle 
Keile (mit Ausnahme des mittelsten) je eine Statue 
des Hadrian getragen haben, also zwölf Statuen der 
Reihe nach von den zwölf Phylen aufgestellt. Die 
Aufstellungszeit fällt zwischen 117— 138, da Hadrian 
hier schon als Kaiser genannt wird, doch in die 
erste Zeit seiner Regierung, weil die 13. Phyle, 
Hadrianis, noch nicht eingerechnet ist. 

Aufserdem steht rechts (westlich), neben dem 
zuerst erwähnten mittleren Postament, eine grolse, 
Inschriftlose Basis (1,33 m breit, 1,60 m tief), die 
nach einer (durch die Beobachtungen von Julius 
2.2.0. S. 200 unterstützten) Vermutung OÖ. Benn- 
dorfs (Beitr. z. Kenntnis des att. Theaters S. 21 f.) 
den Thron des Hadrian getragen haben mag, als er 
ım Jahre 126 den Dionysien persönlich beiwohnte. 
Auf dasselbe Ereignis bezieht Benndorf denn auch 
die Aufstellung jener zwölf Bildsäulen. Vor der 
großen Basis steht, gleichzeitig mit dieser errichtet, 
etwas tiefer ein Sessel für den Priester der olympi- 
schen Nike. 


191 


Die Orchestra, in Form eines durch Tangenten 
verlängerten Halbkreises, wird von den Sitzreihen 
durch die oben erwähnte 1,10 m hohe Balustrade 
geschieden, welche erst aus römischer Zeit stammt, 
da man hier auch Gladiatorenspiele feierte (Dio 
Chrysost. or. XXXI $ 121). Ein vor derselben 
herumlaufender Kanal, mit Porossteinen, an einigen 
Stellen aber mit rosettenartig durchbrochenen Mar- 
morplatten gedeckt, wurde durch diese Balustrade 
vom Zuschauerraum abgeschnitten, während er doch 
ursprünglich die Bestimmung hatte, das von dem- 
selben herabfliefsende Regenwasser aufzunehmen. 
Die Pflasterung der Orchestra besteht aus Platten 
von abwechselnd pentelischem und (dunklerem) 
hymettischem Marmor, welche in der Mitte, nach 
der Bühne zu, durch eine rautenförmige durch- 
brochen wird, einem künstlichen System aus pen- 
telischem, hymettischem und rötlichem Marmor. 
Die mittelste Platte enthält eine kreisförmige, 0,51 m 
weite, 0,02 m tiefe Einsenkung, Jderen Bestimmung 
unklar bleiben mufs, da die ganze Anlage erst aus 
römischer Zeit stammt. Auf den Marmorplatten 
sind mehrere geometrische Zeichnungen eingeritzt, 
deren Bedeutung sich nicht mehr bestimmen läfst. 

Die Reste des Bühnengebäudes (der oxnvn) 
gehören sehr verschiedenen Bauperioden an. Die 
ältesten Bestandteile sind zwei parallele Mauerzüge 
aus Konglomeratstein, deren vorderer die 21m breite 
Bühnenwand trug, beiderseits eingefafst durch die 
vorspringenden Fundamente der Paraskenia, wäh- 
rend der hintere das in mehrere Gemächer geteilte 
Postscenium abschlofs. Die geringe Stärke dieser 
Mauern (1,35 und 0,70 m) liefs für diese Periode 
(das 5. Jahrhundert) ein nur hölzernes Bühnenge- 
bäude vermuten. In späterer Zeit finden wir diese 
Mauerzüge an ihrer Rückseite durch Konglomerat- 
steinfundamente und Porosquadern um 1,55 und 
1,40 m verstärkt (die Periode des steinernen Theater- 
baues?). Daran schliefsen sich nach hinten zu 
Mauerzüge, welche einen viereckigen, fast die Ge- 
samtbreite der Cavea erreichenden Raum umgrenzen. 
Da nach Vitruv (V, 9, 1) die Halle des Eumenes 
hinter der Bühne (post scaenam) zu suchen ist, in 
welcher die Zuschauer vor plötzlichem Unwetter 
Schutz suchen konnten, so sind diese Reste nicht 
ohne Wahrscheinlichkeit darauf bezogen worden 
(s. Julius a. a. O. S. 237); eben Jazu mögen (wie 
U. Köhler vermutete) als Gebälkträger zwei kolossale 
Silene gehört haben, die sich dort unter den Trüm- 
mern fanden, sowie andre Fragmente architektonisch 
verwandter Statuen. 

Römischen Ursprungs sind sodann zu beiden 
Seiten des Bühnengebäudes im Vordergrunde des- 
selben Stylobat und Arkadenbögen (sehr verwandt 
denen am »Turm der Winde«) aus hymettischem, 
und Säulenfragmente aus pentelischem Marmor, 


192 j 
welche offene flügelartige Hallen schmückten. Da- 
mit in Zusammenhang bringt Julius (a. a. O. S. 238) 
gewils mit Recht eine Umgestaltung der Bühne, 
welche das Bedürfnis der römischen Zeit tiefer und 
niedriger verlangte. Diese Tiefe gewann man durch 
Vorschiebung der vorderen Wand des Hyposkenion, 
welche vermutlich auch damals den im 3. Jahr- 
hundert in das »Hyposkenion ‘des Phaidros< ver- 
bauten Relicfschmuck erhielt. Das letztere reprä- 
sentiert die jüngste, zum Teil noch erhaltene Phase 
der Umwandlungen. Es ist unmittelbar in die Sehne 
der Orchestra gerückt; erhalten ist nur die mittlere 
Aufgangstreppe von fünf Stufen aus pentelischem 
Marmor und die rechte (westliche) IHälfte. Auf der 
obersten Treppenstufe liest man die dem 3., wenn 
nicht 4. nachchristlichen Jahrhundert angehörige 
Inschrift (C. J. Att. III, 239): 
Zol Töde xaldv Ereufe, Puöpyıe, Biiua HEenTpou 
®aidpos Zwilou, Biodßtopos Aryldos Apxöc. 

Die vier (0,9) m hohen) Reliefs, welche die west- 
liche Seite schmücken, sind jetzt, wiewohl sie seit- 
wärts Stofskanten tragen, durch Nischen getrennt, in 
deren mittelster ein kauernder, gebälktragender Silen 
angebracht ist, der ebensowenig an diese Stelle pafst. 
Dem Stile nach erscheint er noclı älter als die sehr 
wohl in die erste römische Kaiserzeit (s. oben) 
datierbaren Reliefs. Letztere, publiziert und mit 
Kommentar begleitet von Matz (Mon. d. Inst. IX 
Tav. XVI; Ann. d. Inst. 1870 S. 97 £.), entziehen 
sich im einzelnen noch vielfach der Erklärung. Im 
allgemeinen erkennen wir als Gegenstard der Dar- 
stellung: die Jugenderziehung des Dionysos, seine 
Aufnahme in Attika (durch Ikarios und Erigone), 
die Huldigung, welche dem Gott in seinem Heilig- 
tum durch Heroen und Repräsentanten des attischen 
Volkes (Theseus, Eirene, lIestia?) dargebracht wird. 

Was den übrigen reichen Schmuck des Dionysos- 
theaters angeht, so läfst sich aus den zahlreich ge- 
fundenen Fragmenten nirgends ein Ganzes zusam- 
mensetzen. Von den zahlreichen Bildwerken komi- 
scher und tragischer Dichter, welche Jausanias 
(I, 21,1. 2) erwähnt, hat sich die Basis des Menan- 
der gefunden (M&evavdpos | Knpıoddorog Tiuapxog E1rö- 
noav); die lange verbreitete Meinung, dafs die be- 
rühmte Menanderstatue des Vatican (Mus. Pio-Clem. 
III Tav. XV) ursprünglich darauf gestanden habe, 
ist durch neuere Messungen widerlegt worden. 

Sodann waren, vermutlich schon im 5. Jahrhun- 
dert, früher auf beiden Seiten des Eingangs zum 
Theater die Erzbilder des Miltiades und Themisto- 
kles, jeder mit einem persischen Gefangenen er- 
richtet (vgl. Schol. Aristid. Panath. p. 202, Frommel). 
Eines derselben scheint somit der orpammyös 6 xal- 
xoüg beim mponlAarov Tod Atovucou zu sein, hinter 
dem sich Diokleides in der Nacht des Hermenfrevels 
verborgen haben wollte, als er die vielen Gestalten 


Athen (südlicher Teil). 


sah: And Tod dhdelou xaraßalvovras eis rhv Öpxn-, 
orpav (Andokides I, 38). Dadurch wird auch die 
Lage des perikleischen Odeion in unmittelbarer 
Nähe des Dionysion von neuem bekräftigt (Löschcke, 
Dorpat. Progr. 1883 S. 4 fragt: >Wie kommt die 
Statue eines Strategen in oder vor Jen Bezirk des 
Dionysos?«); Pausanias (I, 20, 4) schiebt die Er- 
wähnung des Odeion (nAnolov ToD Te lepoü Tod Aıo- 
v0oou xal To Yedrpov) sogar in die Beschreibung 
des Dionysosheiligtums und des Theaters ein, ebenso 
bezeugt Jdie Nachbarschaft, und zwar auf der öst- 
lichen Seite des Theaters, Vitruv V, 9, 1: exeuntibus 
e theatro sinistra parte Odeum. Über die notwendige 
Scheidung eines älteren Odeion haben wir bereits 
oben (S. 186f.) gesprochen. Das Odeion des Perikles 
war ein vermutlich freistehender, mit einer Kuppel 
überdachter Rundbau, dessen eigentümliche Form 
mancherlei Vergleiche herausforderte (nach Plut. 
Perikl. 13 und Paus. I, 20, 4 hielt man es für eine 
Nachahmung des Zeltes des Xerxes; vgl. den Komiker- 
witz bei Plut. a. a. ©. 6 TTepıx\fig rWdelov Eermi ToU 
xpaviou £xwv). Berühmt war es auch durch seine 
zahlreichen Säulen (im Innern; Plut. a. a. O. noXü- 
oruAov. Theophr. Char.3 nö6ooı elol xioves TOO 'Nıdelov). 
Als während des Mithridatischen Krieges Aristion 
sich auf der Akropolis gegen Sulla verschanzte (86 
v. Chr.), brannte cr das Odeion nieder, damit, wie 
es hiefs, die Balken desselben nicht zu Belagerungs- 
werkzeugen dienen könnten (Appian. B. Mithrid. 38); 
doch wurde der Bau noch vor der Mitte des 1. Jahr- 
hunderts auf Kosten des Kappadokischen Königs 
Ariobarzanes II Philopator durch die Architekten 
C. und M. Stallius und Menalippos wiederhergestellt 
(Vitruv V, 9, 1; vgl. C. J. Att. III, 541). Da die 
Sondierungen der archäologischen Gesellschaft vor 
dem Ostabhange der Burg nur Terrassenmauern 
konstatiert haben, so suchen wir im Einklang mit 
allen übrigen Nachrichten die ehemalige Lage des 
Odeion auf der Linie vom Lysikratesdenkmal zur 
östlichen Parodos des Theaters. Vielleicht hängt 
mit der Nähe desselben irgendwie die unregelmäfsige 
Begrenzung der östlichen Caveaseite (s. S. 190) zu- 
sammen. Dafs die Orchestra, zu welcher nach 
der Aussage des Diokleides (in der oben angeführten 
Andokidesstelle) gegen 300 Menschen vom Odeion 
herabstiegen, um sich hier in 20 Gruppen zu ordnen, 
nicht identisch sein könne mit der (viel zu kleinen) 
des Dionysostheaters, hat Löschcke (a. a. O.) mit 
Recht eingewandt. Aber er leugnet selber nicht die 
Möglichkeit der Existenz eines gesonderten Tanz- 
platzes, wie ihn auch Leake (Topogr. von Athen 
S. 210, 3) annimmt. Derselbe könnte recht wohl 
zu Einübungen der Chöre bestimmt gewesen sein, 
wie ja auch wenigstens das ältere Odeion teilweise 
zu dramatischen Vorbereitungen diente (s. S. 186; 
Schol. Aristoph. Vesp. 1109; Schol. Aeschin. III, 67). 


Athen (südlicher Teil). 


Oberhalb des Theaters, etwas östlich von der 
Mittelaxe des Zuschauerraumes, befindet sich im 
Felsen eine der Panagia Chrysospiliotissa ge- 
weihte Grotte, welche Pausanias (I, 21, 3 ev 
Kopupf TOO dedrpou) erwähnt. Sie ist fast Tm breit 
und 15m tief; der unebene Boden steigt mit rohen 
Felsstufen nach hinten zu etwas an (vgl. den Grund- 
rifs: Altert. von Athen Lfg. XXVIII Taf. 5). Wel- 
chem Kultus dieselbe im Altertum geweiht war, ver- 
mögen wir nicht mehr zu bestimmen. Links, west- 
lich vom Eingang sind zwei grofse (Votiv-?) Nischen 
in die Felswand gemeifselt. Nach Pausanias befand 
sich darüber ein Dreifufs; darin (nicht in der Grotte, 
sondern vermutlich in getriebenen Reliefs am Drei- 
fufs selbst, vgl. die gemalten Dreifüfse aus Pompeji, 
Helbig, Wandgemälde 1154) die Tötung der Nio- 
biden durch Apollo und Artemis. Freilich kann 
dieser Dreifuls kaum zu dem choregischen Denkmal 
des Thrasyllos gehört haben, sondern stand vielleicht 
wie die beiden erhaltenen Dreifufssäulen (s. unten) 
auf dem höchsten Plateau über der Grotte. 

Das Thrasyllosmonument stand etwa 1,60 m 
vor der Höhle; es ist von Stuart noch aufgenommen 
worden (Altert. von Athen II, 28£., Lfg. VIII Taf. 
1—5); zerstört wurde dasselbe erst bei der Belage- 
rung der Burg durch die Türken im Jahre 1826 und 
1827. Heute liegen nur geringe Reste am Boden 
(über ein Epistylstück in der Stoa des Hadrian vgl. 
Bötticher, Bericht über d. Untersuch. S. 29). Der 

ganze Aufbau war 7,70m breit, 8,40 m hoch. Über 
zwei Marmorstufen erhoben sich drei dorische Pilaster 
(0,20 m, der mittlere nur 0,52 m breit), welche das 
Epistyl trugen; zunächst einen glatten Architrav 
mit der Inschrift: C. J. Gr. I, 227 OpaouAkog Opa- 
obMou Ackekeeüs Avednkev | XopnyWbv virroas Avbpa- 
av Innodowvridt puANn | Edios XaAkıdeüs nDÖleı, NE- 
aixnos Apxev | (d. i. Olymp. 115, 1 = 320 v. Chr.) 
Kapxidauos Zibrios Edldaoxev. Auf dem Epistyl ruhte 
ein mit elf Lorbeerkränzen in Relief verzierter Fries, 
von vorspringendem Gesims bekrönt. Darüber er- 
hob sich eine dreifach gegliederte sog. Attika. In 
der Mitte, welche durch drei Stufen geteilt wird, 
Rals eine mit gegürtetem Chiton, Mantel und Tier- 
(Panther?) Fell bekleidete Figur (jetzt im britischen 
Museum; abgeb. Altert. von Athen Lig. VIII Taf. 5 
mit restguriertem Kopfe), vermutlich Dionysos. Arme 
und Kopf waren besonders eingesetzt und fehlten 
bereita zu Stuarts Zeit. Ein Loch auf dem Schofs 
der Statue gab zu der Vermutung Anlafs, dieselbe 
be einst den Dreifuls getragen, was mir wenig 
Währscheinlich ist. Dagegen standen Dreifüfse auf 
den beiden postamentartig profilierten Seiten des 
Aufsatzee, Die Inschriften (C. J. Gr. I, 225, 226, 
von denen die erstere in Stücken erhalten ist) 
erweisen, dafs Thrasykles, des Thrasyllos Sohn, 
dieselben als Agonothet unter dem Archontat des 

Denkmäler d. klass. Altertums. 


193 


Pytharatos (Olymp. 127, 2 = 271 v. Chr.) geweiht 
hatte. 

Über der Grotte stehen auf besonderem Plateau, 
welches westlich vermittelst schlechter Felsstufen 
erreicht werden kann, noch zwei hohe Säulen mit 
dreieckigen korinthischen Kapitälen aufrecht, welche 
zur Aufnahnıe von Dreifülsen bestimmt waren. Die- 
selben erheben sich auf fünfstufigen Basen; auf der 
obersten Stufe bei der östlichen, höheren Säule liest 
man einige Naınen der Weihenden in Schriftzügen 
aus spätrömischer Zeit: C. J. Att. III, 126 (HAI = 
"Hiiw? MaEtuos, Pidınnos Tafios?] Ztpatöveikog). 
Eben hier dürften noch sehr zahlreiche Weihge- 
schenke dieser Art gestanden haben; genau bezeugt 
ist diese Stelle (Umep TOD Hedrpov.... eni TV Karta- 
tounv) von dem Dreifufs des Aischraios (s. Harpocr. 
8. v. kutarour)!; östlich von den Dreifufssäulen ferner 
liest man in schr verwitterten Felsinschriften aus 
später Zeit eine Reihe von Namen der Weihenden 
(vgl. C. J. Att. III, 125; Velsen, Archäol. Anz. 1855 
S. 58); ebenda steht noch (an alter Stelle?) eine 
Sonnenuhr aus Marınor. 

Auf der Strecke zwischen dem Dionysos- 
theater und dem Odeion des Herodes Attikos 
(8. unten) unterscheiden wir eine höhere Terrasse, 
welche die von Paus. (I, 22, 1f.) beschriebenen Heilig- 
tümer trug, und südlich davon das 12—15m niedrigere 
Terrain, welches sich, nach vorhandenen Spuren 
von Substruktionen zu schliefsen, in kleineren Ab- 
stufungen nach dem Ilisos herabsenkte. Die scharfe 
Begrenzung der oberen Terrasse nach Süden bildet 
auf der ganzen Strecke eine senkrechte Futtermauer 
aus Konglomeratsteinen, durch mehr als 40 mit 
Bogen verbundene Strebepfeiler verstärkt, vor welcher 
sich in gleicher Ausdehnung (163 m) die Reste einer 
doppelschiffigen Hallenanlage (der längsten, 
welche bisher in Athen bekannt geworden ist) vor- 
gefunden haben. Alles dieses ist erst durch die ver- 
dienstlichen Ausgrabungen der archäologischen Gesell- 
schaft vom Jahre 1877, nach Auflösung der türki- 
schen Fortifikationslinie (der sog. Serpentzemauer) 
zum Vorschein gekommen. Vgl. die Aufnahme von 
P. Ziller, Mitt. d. Inst. III (1878) Taf. VII mit Text 
von U. Köhler S.147f. Die Halle war über 16 m 
tief; erhalten sind gröfstenteils die Kalksteinfinda- 
mente der äufseren Langseite, die viereckigen Kalk- 
steinbasen der inneren Stützreihe und Teile der Rück- 
und Seitenwände, um welche unten ein Sockel aus 
hymettischen Platten herumläuft. Von den Säulen 
oder Stützen hat sich nichts gefunden; die horizon- 
tale Bedachung war vermutlich aus Holz konstruiert. 
Die Rückseite der Halle steht mit der Bogenmauer, 
an welche sie sich lehnt, auffallenderweise nicht im 
Verbande; doch ist die letztere so unregelmäfsig ge- 
fügt, dafs sie zu keiner Zeit für sich blofsgelegen 

13 


194 


haben kann. Beide Mauern setzen nach Osten zu 
genau die Sehnenlinie der Cavea des Herodestheaters 
fort; die westliche Seitenwand der Halle kommuni- 
ziert mit demselben zudem durch eine Thür, während 
die dem Dionysostheater zugewandte Ostwand unten 
geschlossen war. (Vielleicht führte indes von dieser 
Seite eine Treppe auf die Höhe derselben und auf 
die Terrasse) Nach den oben vorgebrachten Be- 
merkungen, namentlich wegen der Richtung der Halle, 
werden wir kaum umhin können, dieselbe (mit Köhler) 
dem westlichen Odeion gleichzeitig zu setzen und 
mit ihr auch die dahinter gelegene Bogenmauer in 
ihrem letzten Stadium, wiewohl die obere Terrasse 
einer Unterstützung nach dieser Seite hin zu keiner 
Zeit entbehrt haben kann. Die Beschreibung des 
Pausanias kannte diesen veränderten Zustand des 
Südabhanges noch nicht, wie er ja auch der Er- 
bauung des Herodestheaters erst nachträglich (VII, 
20, 6) Erwähnung thut. Er nennt auf dem Wege 
vom Theater zur Akropolis das Grab des Kalos 
(oder Talos), darauf das Asklepieion (I, 21,4). Da 
letzteres nun unmittelbar an das westliche Theater- 
rund grenzt (s. unten), während doch Lucian (Pise. 
42) das Talosgrab getrennt vom Asklepieion als einen 
Punkt bezeichnet, von dem die Menge zur Burg 
emporklettert, so mülste dasselbe noch westlich ober- 
halb des Theaters gelegen haben, am Fufs der Felsen, 
von denen Daedalos seinen Neffen aus Neid herab- 
gestürzt haben soll (Phot. s. v. TTepdixog lep6v). Indes 
nötigt uns der Mangel an Platz, doch auch die Mög- 
lichkeit zuzugeben, Jdafs diese Stätte noch tiefer ge- 
legen haben könne, um so mehr als damit unzweifel- 
haft ein Heiligtum der Perdix, der Mutter des 
Talos, verbunden war (Phot. a.a. 0. napda TA Axpo- 
nöleı). Vor der Südostecke der oben beschriebenen 
Halle z. B. sind ältere Fundamentreste aufgedeckt 
worden, die von einem Tempel herrühren können 
(Köhler, Mitt. d. Inst. III, 153). 

Dagegen haben die Ausgrabungen der archäologi- 
schen Gesellschaft vom Jahre 1876 f. nicht nur die 
Lage desAsklepieion ermittelt, sondern auch unsre 
Kenntnis des Heiligtums und seiner Umgebung mit 
reichem Detail ausgestattet. (Vgl. die fortlaufenden 
Berichte im ’Atrıvarov 1876.; Pläne mit beschreiben- 
dem Text: Mitt. d. Inst. II, 171£., 229£. Taf. 13 (Köh- 
ler). Bulletin de corresp. hell. I zu 8. 169 £. TTpaxrıkd 
ns Apx. Eraıp. 1876— 77; Curtius und Kaupert, Atlas 
von Athen Bl.XI 8. 34f.; vgl. unsern Plan der Akro- 
polis). Pausanias (I, 21, 4) erwähnt in dem Heiligtum 
sehenswerte Bildwerke des Gottes und seiner Söhne 
und Gemälde, ferner eine Quelle (xprjvn), bei welcher 
Halirrhotios, der Sohn des Poseidon, die Tochter des 
Ares, Alkippe, geschändet haben und von Ares ge- 
tötet worden sein soll. Aus einer Inschrift des 
1. Jahrh. v. Chr., welche sich auf Restaurationen am 
Asklepieion bezieht (C. J. Att. II, 489b), erfahren 


Athen (südlicher Teil). 


wir sodann, dafs das Heiligtum zwei Tempel, den 
einen mit dem alten Kultbilde enthielt, und ihnen 
entsprechend zwei verschliefsbare Eingänge (Diokles 
meldet Z. 11 f. diepddpdar ra dupkuara TAG TTP6öTEpoV 
obong eis TO iepov eladdov, Öuolws dE Kal nv önlow 
ToD rpombAou oTeynv, Erı dE Kal ToV vadv TOD Apxaiou 
agpıdpunarog Tod TE ’AoxinmoD kai rfis "Yyıelacs. Der- 
selbe Z. 15 napaxakei rrv BouAnv Eemxwpfoar dar 
kataokevdoavrı Ex TWv ldlwv HupWoar TO Apxaiov 
nponuAov Iterdoar dE xal Tod nponbAlou TO önlow 
HEpog xal TÖV vaov TOvV Atevavrı TAG eloddou. Vol. 
C. J. Att. III, 68c,f). Auch die Quelle und ein 
besonderer Eingang zu derselben wird inschriftlich 
erwähnt (’Adrnvarov V, 527; Mitt. II, 174). Vom West- 
rande des Theaterraumes gelangte man auf dem oben 
S.190 erwähnten Wege, welcher von zwei etwas kon- 
vergierenden, mit der Unifassungsmauer des Theaters 
gleichzeitigen Rampenmauern gestützt wurde, zu den 
Heiligtümern des Südabhanges. Der Weg führt hart 
anı Rande zwischen der oben erwähnten Bogenmauer 
und den polygonalen Peribolosmauern hin, welche 
rechts Jie heiligen Bezirke abschlossen, indem sie 
zugleich nach Westen etwas ansteigende Terrassen- 
mauern bildeten. Wir unterscheiden zunüchst zwei 
solcher Terrassen (die westliche ®/ı m höher) und 
zwei Gruppen von Stiftungen. Die östlichste und 
niedrigste Terrasse umschlofs das eigentliche Askle- 
pieion, östlich begrenzt vom Theaterrund. Von der 
südlichen Peribologemauer (einer unten polygonalen 
Füllmauer von 0,70m Dicke) ist beim Theater rechts 
vom herabführenden Wege eine Strecke erhalten; 
auch von der westlichen Begrenzung lassen sich 
Spuren aufweisen. Im Norden lehnten sich die hier 
vorhandenen Anlagen unmittelbar an den geglätteten 
Akropolisfels. Die ganze Fläche hatte eine Tiefe 
von über 27 m (in nordsüdlicher Richtung), eine 
Länge von ca. 50 ın. Den nördlichen der Akropolis 
benachbarten Teil nahm eine Hallenanlage ein, auf 
dem südlichen und breiteren sind die Spuren der 
beiden Tempel nachzuweisen. Ihren Platz hatten 
christliche Kirchen eingenommen, die wiederum mehr- 
fach umgebaut worden waren. Infolgedessen sind 
die antiken Fundamente des östlich gelegenen Tem- 
pels, welchen wir an der Stelle, wo zwei Kirchen 
nebeneinander lagen, sicher voraussetzen dürfen 
(8. die zahlreichen Einsatzlöcher für Anatheme gerade 
an dieser Stelle auf den Stufen der nördlich benach- 
barten Halle), völlig geschwunden. Dagegen wurden 
unter dem Fufsboden der westlichsten Kirche noch 
die aus Poros, am Ostende aus Konglomerat- und 
Felsstein bestehenden Substruktionen eines 10,50 m 
langen, 6 m breiten Bauwerkes aufgedeckt, welches 
der ältere und kleinere Tempel gewesen sein wird. 
Den übrigen Raum haben Weihgeschenke, Altäre 
und Baumpflanzungen eingenommen, von welchen 
eine Inschrift spricht und auch mehrere unter den 


Athen (südlicher Teil). 


zahlreich aufgefundenen, Asklepios und seine Familie 
vor seinen Verehrern darstellende Votivreliefs Kunde 
geben. (Vgl. z.B. Mitt. d. Inst. II Taf. XVI. Ein voll- 
ständiges Verzeichnis der am Südabhange während 
der Ausgrabungen von 1876 und 1877 gefundenen 
Reliefs gibt v. Duhn, Arch. Ztg. XXX V S.139£.) Die 
Hallenanlage am Burgfelsen nimmt die ganze Breite 
des Bezirkes ein (Breite 49,50 m, Tiefe ca. 11 m). 
Erhalten ist der äufsere Stylobat nebst Teilen der 
Rück- und Seitenwände. Ersteren erreicht man auf 
zwei Stufen, die untere aus Porosstein, die obere 
aus hymettischem Marmor. Darauf erkennt man 
die Spuren einer älteren und einer jüngeren, bei um- 
fassendem Umbau errichteten Säulenordnung, beide 
dorisch. (Die älteren Säulen waren ca. 0,73 m dick 
und 2,76 m voneinander entfernt; die jüngeren, von 
denen einige Schäfte aus pentelischem Marmor er- 
halten sind, hatten von 3,35 m über dem Boden an 
20 flache Kannelüren, Durchm. 0,64 m, Axenabstand 
3m.) Dss Innere der Halle zeigt in der mittleren 
Längenaxe östlich noch einige Postamente, welche 
eine zweite Säulenstellung mit doppelter Axenweite 
als die äufsere ergeben. Im Westen sind die Spuren 
unter einem im Mittelalter eingebauten, einst über- 
wölbten Gange verschwunden. Der Ostwand parallel 
lief im Abstande von 1,85 m eine (Juermauer; der 
so gewonnene Raum scheint eine Treppenanlage für 
die Plateform oder ein Obergeschofs enthalten zu 
haben. Die saubere Arbeit der Rückwand, um welche 
1,15m hohe Platten aus hymettischem Marmor liefen, 
weist wie die übrige Fügung auf gute Zeit; die aus- 
giebige Verwendung des hymettischen Marmors je- 
doch nicht über das 4. Jahrhundert hinaus. Der 
Umbau gehört dagegen einer späten Epoche an. 

An der Rückseite der Halle in ihrem östlichen 
Teil gelangt man durch einen schmalen Eingang in 
ein kreisrundes Felsgemach (Tholos), das oben kuppel- 
förmig gewölbt ist (vgl. den Grundrifs und Durch- 
schnitt, Atlas von Athen Bl. XI; unterer Durch- 
messer 4,85 m, Höhe etwas geringer). Das Innere 
fand sich als christliche Kapelle eingerichtet vor. 
Neben dem Eingange quilit Wasser aus einem Fels- 
spalt, welches gleichfalls seit christlicher Zeit in 
einem Kanal um die Innenwand herumgeführt und 
durch hochgestellte Platten eingefalst ist. Wir werden 
in diesem Quellhaus die von Pausanias erwälnte 
xprivn zu erkennen haben, an welche sich die Sage 
von Halirrhothios und Alkippe knüpfte. 

Eine nicht minder bemerkenswerte Anlage erhebt 
sich am westlichen Ende der Stoa, ein viereckiger, 
etwa 3m hoher Unterbau (9 x 11m), in dessen 
Mitte sich ein kreisrunder, mit polygonalen Steinen 
ausgemauerter Schacht (Durchm. 2,70 m, Tiefe 2,20 m) 
öffnet. Die Mündung umgeben Konglomeratstein- 
blöcke und diese vier regelmäfsig gesetzte funda- 
mentierte Basen aus hymettischem Marmor (0,9% m 


195 


im Durchmesser). Von Süden führte, nach geringen 
Spuren zu schlie[sen, eine Treppe empor. Das Dach 
der Halle scheint sich auch über diese Plateform, 
welche in ihre Nordwestecke einschneidet, fortgesetzt 
zu haben. Am nächsten liegt es ja, an ein zweites 
Brunnenhaus zu denken, wiewohl der Boden des 
Schachtes felsig und heute trocken ist. Das Wasser 
konnte zwischen den Steinen quellen. U. Köhler 
(Mitt. 1I, 254 f.) möchte darin lieber eine Opfergrube 
für den mit deın Asklepiosdienst verbundenen Heroen- 
kult erkennen. (Beim Feste der ‘'Hpwa war der As- 
klepiospriester beteiligt, C. J. Att. II, 453b; Anderes 
vgl. Mitt. II, 245 f.) 

Die zweite, westlich anstofsende Terrasse erhebt 
sich nur ganz wenig (ca. 0,75 m) über den heiligen 
Bezirk des Asklepios. Auch sie ist scharf begrenzt 
in Form eines unregelmäfsigen Vierecks, doch von ge- 
ringerem Umfange. Südlich, der Bogenmauer parallel, 
ist die polygonale Terrassenmauer relativ gut er- 
halten. Wo sie im Westen (infolge des Einbaues 
einer grofsen mittelalterlichen Zisterne) abbricht, 
ist ein kubischer Felsstein eingefügt, dessen nach” 
dem südlichen Wege blickende Aufschrift in Zügen 
aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts öpos 
kpnivns lautet. Östlich biegt die Peribolosmauer im 
spitzen Winkel nach Norden um. Den eigentlichen 
Mittelpunkt des so umfafsten Raumes bildet ein 
mit künstlichstem Polygonalnetzwerk ausgemauerter 
Brunnenschacht (8. die Probe Atlas von Athen 
Bl.XI) am Fufs des Akropolisfelsens, nördlich gegen- 
über der eben erwähnten Inschrift, welche somit 
den ganzen Bezirk nach dem Brunnen benennt. 
Der Schacht (ca. 2,50 m breit; gegenwärtig ca. 3,50 m 
tief, doch nicht völlig ausgeräumt) liegt jetzt trocken, 
da ihm sein Wasser durch eine westlich anstofsende 
mittelalterliche Zisterne entzogen wird, die auch 
einen Teil der Krene zerstört hat. Östlich von dem 
Brunnen liegen die Fundamente eines 28m langen, 
14m tiefen Gebäudes, dessen nördliche, dem Akro- 
polisfels zugewandte Hälfte in vier mit runden Flufs- 
kieseln gepflasterte Gemächer (Wohnungen für Tem- 
pelpersonal) zerfällt. Die vordere Halle hatte ge- 
schlossene Seitenwände und eine ionische Säulen- 
stellung in der Front, von welcher die Basis der 
westlichen Ecksäule (Säulendurchm. 0,62 m) erhalten 
ist. Die Halle scheint aus spätgriechischer, wenn 
nicht römischer Zeit zu stammen. 

Nahe südlich bei der Krene und der Zisterne 
sind die aus aufeinander liegendem Konglomeratfels- 
und Kalkstein sauber geschichteten Fundamente 
eines kleinen nach Südosten orientierten Gebäudes 
(Länge 4,06 m, Breite 4,25 m) erhalten, dessen Front- 
seite noch Spuren vom Auflager einer zweiten (Mar- 
mor-) Stufe zeigt; vermutlich ein kleines »templum 
in antis«. Vor der östlichen Langseite, südlich der 
Quelle, sieht man noch ein viereckiges Fundament 


196 


aus Konglomeratstein, von einer gröfseren Basis oder 
einem Altar herrührend. Sodann liegen westlich bei 
dem Tempelchen nach Süden gerichtet Stufen (aus 
Kalkstein und hymettischem Marmor, Länge 5,20 m), 
an beiden Enden mit je einer ionischen Antenbasis, 
zwischen ihnen die Spuren von zwei Säulen und 
einem Gitter. Diese Reste müssen von einem ähn- 
lichen, freilich wenig sorgfältig ausgeführten Bau- 
werk herrülıren. 

Schon Jdie Bedeutung der Quelle für diesen Be- 
zirk legt den Gedanken nahe, dafs der Kult von 
Naturgottheiten hier ursprünglich ist. Diese Annahme 
wirl unterstützt durch Inschriften und plastische 
Funde: Ein hymettischer Block (1,48 m lang, 0,57m 
hoch, 0,45 m tief), in dessen Profilierung drei Altäre 
angedeutet sind (’Adnv. V, 330; Mitt. d. Inst. II, 246), 
weist auf jeder Abteilung eine Gruppe von Gott- 
heiten auf (Inschrift aus dem letzten vorchristlichen 
Jahrhundert): 1. "Epuoö Appodeitng TTavoc' 2. Nuupwv. 
3. "loıdoc. Die Nymphen am »Brunnen« verdienen 
um so mehr Beachtung, als wir dieselben etwa zwölf- 
° mal in Votivmonumenten, die eben hier gefunden 
sind, nachweisen konnten (vgl. meine Zusammen- 
stellung Mitt. d. Inst. V,210f. Das bedeutendste 
und älteste Stück, vielleicht noch vom Ende des 
5. Jahrhunderts: drei Nymphen, Pan und Adorant 
mit der Inschrift: "Apxavdöpos Nüvgaıs xali TTuvi] s. 
ebdas. Taf. VII). Wie dieselben einerseits dem Heil- 
gotte Asklepios nicht zufällig benachbart sind (vgl. 
Mitt. III, 191; V, 210), so stehen sie anderseits be- 
kanntlich mit Hermes und Pan in enger Beziehung, 
und wenn wir Aphrodite in derselben Gruppe, der 
ersten des Altars, genannt finden, so folgt (wie schon 
U. Köhler, Mitt. II, 247 geltend gemacht hat), dafs 
wir auch in ihr die Göttin der Fruchtbarkeit bezw. 
der geschlechtlichen Liebe zu erkennen haben. Als 
solche aber kennen TPhilemon und Nikandros (bei 
Harpocr. s. v ımdvdnuog ’Appoditn, Athen. XIII, 569d) 
die Aphrodite Pandemos, welche Pausanias (I, 
22, 3) nach dem Heiligtum des Asklepios nennt. 
Vorher erwähnt er (I, 22, 1. 2) einen Tempel der 
Themis und das Grabmal des Ilippolytos. Eben 
dieselben Stiftungen, ein Denkmal des Hippolytos, 
ein Heiligtum der Aphrodite und der Themis finden 
wir im Heiligtum des Asklepios zu Epidauros wieder 
(Paus. II, 27), die somit unzweifelhaft wie dieses von 
dort nach Athen übertragen sind (vgl. Köhler, Mitt. 
II, 176 £.). Dann ist jene Aphrodite aber auch iden- 
tisch mit der anderweitig bezeugten Aphrodite Eri 
InnoA0tw zu Athen (C. J. Att.I,212 Fragm.d,e,f 
[AgppoJdirns Emi “Im]noAbtw[i], Diodor. IV, 62 rapa 
triv AxpönoAıv, Eurip. Hippolyt. 30 f., Schol. Odyss. 
\. 321), deren Heiligtum Phaidra gegründet haben 
soll: Eurip. a. a. O.: nerpav rap’ aurıv TTaAAddos 
(d. i. die Akropolis) xaröyıov| rfis Tode (d. i. ange- 
gichts des Troizenischen Landes, welches eben von 


Athen (südlicher Teil). 


der zweiten Terrasse aus noch sichtbar ist, während 
weiter nach Westen der Museionhügel die Aussicht 
beschränkt). Es liegen also für den atlıenischen 
Kultus einer und derselben Gottheit drei verschiedene 
Stiftungslegenden vor, von denen die beiden anderen 
mehr etymologischer Art sind: nach Nikander und 
Philemon (s. oben a.a.O.) hätte Solon aus dem Ertrag 
der ersten Hetärenhäuser diesen Kultus der freien 
Liebe gestiftet. Apollodor (bei Harpocr. s. v., vgl. 
Paus. a. a. O.) führt Namen und Verehrung der 
Pandemos auf die Einigung des attischen Volkes 
(durch Theseus) zurück. Es ist klar, dafs alle diese 
Überlieferungen gleich wenig bedeuten, wenn die 
Übertragung von Epidauros (bezw. Troizene) her er- 
folgt ist. (Unabhängig davon kann dagegen der Wert 
der von Apollodor hinzugefügten Notiz sein, dafs das 
Heiligtum nepi rHv Apxalav dyopäav gegründet worden 
sei, welche die Existenz einer ältesten Agora im 
Süden der Burg bezeugen würle. Eine erneute Dis- 
kussion dieser Frage, welche in erster Linie der 
Stadtgeschichte angehört [vgl. Curtius, Att. Stud. 
II, 44 £.; Wachsmuth, D. St. Athens 8. 484 f.; Köhler, 
Mitt. IT, 175 Anm. 1], glaube ich an dieser Stelle nicht 
eingehen zu müssen.) 

Das Heiligtum der Aphrodite, mit welcher gemein- 
schaftlich Peitho verehrt wurde (Paus. I, 22,3; vgl. 
den Theatersitz C. J. Att. 111,351; die älteren Kult- 
statuen der beiden Gottheiten waren durch jüngere 
aus guter Zeit ersetzt worden, Paus. a..a.O.), wird 
infolge der Zerstörung der südlichen Hülfte unserer 
Terrasse verschwunden sein. Wir dürfen es in der 
Gegend Jer grofsen Zisterne suchen; dabei das Denk- 
mal des IIippolytos, welches »vor dem Tempel der 
Themis aufgeschüttet war« (Paus. 22,1). Diesen 
erkennt Köhler mit grofser Wahrscheinlichkeit in 
den erhaltenen, viereckigen Substruktionen südlich 
der Krene (s. oben; F auf dem Plane); in dem nord- 
östlich von jenen gelegenen Fundament etwa einen 
Altar der Nymphen. Die Stufenreste westlich 
davon mit den Säulenspuren und dem Gitterwerk 
nimmt derselbe Gelehrte für ein späteres Heilig- 
tum der Isis in Anspruch, deren Verehrung auf 
der dritten &oxdpa des erwähnten Altarblockes be- 
zeugt wird. Daınit kombiniert er (Mitt. II, 256 f.\ sehr 
scharfsinnig eine längst bekannte, oberhalb des 
Dionysostheaters aufgefundene Inschrift aus dem 
2. Jahrh. n. Chr. (C. J. Att. IH, 162), welche sich 
auf die Restauration eines schon von Böckh um 
der darin genannten priesterlichen Beamten willen 
der Isis zugeschriebenen Tempels bezieht. Säulen, 
Schranken und ein Bild der Aphrodite werden darin 
erwähnt: Tü] xıövıa Kal Tö altwua kai Täs xıvrÄl- 
das, xal Trv "Appodeimv TN HEeW Avednxkev Eem- 
oxevdoaoa xal aurnv Tv Hedv xal TA Tepi alrnv, 
oVca xal Auxvdırrpıa aurfis Kal Öveipoxpiric. ZroXiZov- 
Too x. T.A\. 


Athen (südlicher Teil). 


Eine dritte, aufsteigende Terrasse des Südabhanges 
hebt mit der westlich des Krenebezirkes vom Burg- 
felsen nach Süden laufenden, dann nach Westen 
umbiegenden Polygonalınauer an, welcher südlich 
in der nicht ganz genauen Fortsetzung der Peribolos- 
mauer mit dem Inschriftstein eine zweite, parallele 
Mauer entspricht. Beide verlieren sich bald, wie 
denn das ganze Terrain bis zum Herodestheater 
völlig zerstört und zerklüftet ist, so da[s wir erst im 
Westen wieder auf Futtermauern stofsen, welche 
zwei Begrenzungen eines ca. 40 qm grofsen Teribolos 
darstellen. Nördlich und südlich davon führten Wege 
zur Burg hinauf, der erstere ein schmaler Pfad, 
welcher sich zwischen rauhen Felsmassen empor- 
schlängelt; der zweite, südliche bildet die Fortsetzung 
des vom Dionysostheater aulserlıalb der Peribolos- 
mauern hinlaufenden Strafse und steigt westwärts 
auf einigen noch erhaltenen Stufen bis an das 
Herodestheater, wo er sich mit einer von Süden 
längs der Ostseite des Odeion heraufkommenden 
Treppe verbindet. 

In jenen Peribolos werden die Heiligtümer anzu- 
Setzen sein, welche Pausanias (I, 22, 3) nächst deın 
der Aphrodite Pandemos erwähnt: Zorı de kur Fs 
Kouporpögou xal Anunrpog lepöv XAönc. (Temı- 
pelschatz der Demeter Chloe C. J. Att. II, 722 2. 18. 
Priesterin: C. J. Att. II, 631 Z. 16; III, 349. Auf- 
stellung eines Dekretes najpa] Töv vfewv ts] An- 
untpos C. J. Att. II, 375 a. f. Votivbasis Anuntpı 
Eug\ön gewidmet, von der Burg C. J. Att. LII, 191. 
Die Lage des Tempels, nicht weit vom Burgeingang, 
bezeugt auch Aristoph, Lysistr. 830 f., vgl. Schol. 
Soph. Oed. Col. 1600.) Hatte somit Demeter Chloe 
ein nicht unansehnliches Heiligtum, so besafs da- 
neben Ge Kurotrophos einen geweiliten Bezirk. Vgl. 
C. J. Att. III, 411 einen beim Burgeingange gefun- 
denen Grenzstein: efcodoc Trpög onxöv Blaurns kai 
Kouporpöpou aveı[nevin rw drnuw. Ein andrer alter 
Grenzstein bei den Propyläen hat: Koupotpöspou 
(Lehas, vog. arch. inser. 273; Köhler, Mitt. II, 177). 
Ahnlich ein grofser (Altar-?) Block aus der Serpentze- 
mauer, Adrıvamov VI, 147 [K]oupotpögiov. Suid. ». v. 
Kouporpöpos Fi} und die Ephebeninschrift C. J. Att. 
II, 481 2.59 erwähnen Opfer und Altar der Kuro- 
trophos Ev Axpomöleı (eine blofse Ungenauigkeit?). 

Das Odeion, welches IIlerodes Atticus zum 
Andenken seiner zweiten Gemahlin, Appia Annia 
Regilla (gest. 161 n. Chr.) errichten liefs (Philostr. 
vit. soph. II, 1,5; Suid. s. v. ‘HpwWdng; Paus. VII, 20, 6), 
nimmt das Westende des südlichen Burgabhanges 
en, 80 dafs die südliche Fassade in einer Flucht 
mit deroben 8.193 beschriebenen langen Halle liegt. 
Die richtige Bestimmung der grofsartigen Ruinen, 
welche früher, um von anderen Benennungen zu 
Schweigen, gewöhnlich für das Dionysostheater ge- 
halten wurden, traf erst Chandler in der zweiten 


197 


Hälfte des vorigen Jahrhunderts (vgl. sodann Leake, 
Topogr. von Athen S. 135f.). Nach einem im Jahre 
1848 gemachten Anfang wurde das tief verschüttete 
Odeion, dessen Innenraum sogar als Ackerland be- 
baut war, in den Jahren 1857 und 1858 durch Pittakis 
aufgedeckt. Vgl. die seitdem erschienenen Schriften: 
Schillbach, Über d. Odeion d. Herod. Att., Jena 1858; 
Ivanofi, Ann. d. Inst. XXX (1858) S. 213f.; Mon. 
d. Inst. VI Taf. 16.17; Tuckermann, D. Odeum d. 
Herod. u. d. Regilla zu Athen, 1868. 

Der Zuschauerraum (unterer Durchm. ca. 80 m) 
steigt in Halbkreisform den Akropolisfelsen hinan, 
eingefafst und auf den beiden Seiten überragt von 
einer breiten Kalksteinmauer, die auf der äufseren 
Ostseite noch durch Strebepfeiler verstärkt wird. 
Eine längs dieser aufsen emporführende Treppe haben 
wir bereits oben erwähnt, dieselbe kommt durch einen 
Bogen von der Plateform über dem östlichen Gemach 
des Skenegebäudes (s. unten) und scheint somit nur 
für die Theaterbesucher gedient zu haben. 

Die Umfassungsmauer hatte das Dach aus Zedern- 
holz zu tragen, mit welchem der ganze Raum über- 
spannt war (Philostr. a.a. O.). Vermutlich befand 
sich innerhalb derselben oben noch ein Säulenum- 
gang, da die Sitzstufen ringsum eine äufserste ebene 
Zone freilassen. Etwas oberhalb der Mitte teilte 
sodann ein etwa 2,20 m breites Diazoma die Sitze in 
eine untere und obere Abteilung von 20 und 13 (?) 
Reihen (oben sind dieselben völlig zerstört), welche 
zusammen gegen 600) Zuschauer gefafst haben ınögen. 
Aufsteigende Treppen teilten den unterhalb des 
Diazoma gelegenen Raum in 5, den oberen in 10 Keile 
(kepxides). Die Form der 0,43m hohen Stufen ent- 
spricht derjenigen des Dionysostheaters. Die vorderste 
und vornehmste Sitzreihe hatte Rück- und an den 
Treppen Seitenlehnen, die unten in Fülse mit Löwen- 
klauen ausgingen. Die Orchestra (18,80 m Sehnen- 
länge), etwas gröfser als ein Halbkreis, ist mit vier- 
eckigen Tafeln aus verschiedenfarbigen Marmorarten 
gepflastert. Unter derselben befindet sich ein (an- 
tiker?) Brunnen und Kanal. Zu beiden Seiten der 
Orchestra ziehen sich die ähnlich gepflasterten Aus- 
gänge längs der Brüstung der Bühne allmählich 
über 8 Stufen bis zu den Thüröffnungen hin, durch 
welche man in je ein südlich anstofsendes Gemach 
und von da ins Freie gelangte. 

Die Bühne war mit der Orchestra durch (zwei) 
Treppen mit ca. fünf Stufen verbunden, von denen 
nur im Östen drei Stufen erhalten sind; die Breite 
der Skene betrug etwa 35 m, die Tiefe derselben 8m, 
die Höhe ca. 1,50 m. Hinter der Brüstung, welche 
mit Leisten und Platten von Marmor ausgeziert war, 
bemerkt man in der Mitte ein grofses, zu beiden 
Seiten je vier kleinere viereckige Löcher im Erdboden 
(für Holzwerk, auf welchem die Bühne ruhte?). Die 
Rückwand hat drei Thüren, die auf beiden Seiten 

13* 


198 


von je zwei, abwechselnd rechteckig und halbkreis- 
förmig einschneidenden Bogennischen für Aufstellung 
von Statuen umgeben sind (also acht im ganzen). 
Auch zu beiden Seiten der Bühne, an den Pfeilern, 
welche die seitlichen Eingänge zur Bühne und die 
zur Orchestra scheiden, blickt je eine Rundnische 
nach dem Logeion. Eine breite, vor der Rückwand 
liegende Quadermauer scheint eine die Bühnentiefe 
verschmälernde Säulenstellung getragen zu haben, für 
deren Gebälk in einer Höhe von mehr als 5m in 
der Postsceniumswand noch grofse Löcher vorhanden 
sind. Vermutlich erhob sich darüber noch eine 
zweite, nach Innen offene Säulenstellung vor den 
sieben Bogenfenstern des zweiten Stockwerkes, deren 
mittelstes jedoch zugeblendet und mit ciner kleinen 
Thür versehen ist, vor der ein besonderes Gemach 
lag. Diese Anlage scheint für Darstellungen in der 
Höhe, Göttererscheinungen u. 8. w., bestimmt ge- 
wesen zu sein. Darüber ist noch ein Fenster des 
dritten Stockwerkes erhalten. In der Axe der Bühne 
und mit dieser sowie der Orchestra in Verbindung 
liegen auf beiden Flügeln des Baues je zwei über- 
wölbte Gemächer, von denen man über Treppen und 
Plateformen sowohl zu den höheren Etagen der 
Fassade, wie zu den oberen Sitzreihen des Zuschauer- 
raums gelangte. Der östlichste dieser Räume steht 
durch die S. 194 a. Anf. erwähnte Thür mit der langen 
Halle in Verbindung; von der Plateform über ihr ge- 
langt man auf die ebenfalls S.197 genannte, aulser- 
halb des Odeion emporführende Treppe. An die 
Aufsenseite der Bühnenwand, welche wiederum sechs 
tiefe, rechtwinkelig einschneidende Nischen für Bild- 
werke aufweist, lehnte sich in der Breite der Skene 
ein überwölbter Vorbau. 

Die beiden Seitenflügel weisen nur zwei Reihen 
von je vier Bogenfenstern auf (davon sind östlich 
sechs, westlich noch vier erhalten); dieselben über- 
ragen jedoch allein schon den Mittelbau um ein Be- 
deutendes und reichen gut bis zum obersten Rande 
der Cavea empor. Doch scheint vor dem gewölbten 
Querraum des Mittelbaues noch ein zweiter Vorbau 
gelegen zu haben, dessen Südgrenze mit der Aufsen- 
flucht der langen Ilalle in einer Linie lag, so dafs 
wir uns diesen Teil der Fassade zu nicht geringerer 
Höhe emporgeführt denken müssen. 

Wie das Odeion im Nordosten dem Heiligtum 
der Demeter Chloe benachbart war, so grenzte an 
dasselbe vermutlich im Süden oder Südwesten das 
Eleusinion (td ünö tH mölcı inschriftlich C. J. Att. 
ümd Tf) Axporrökeı Clemens Alexandr. Protrept. S. 13 
Sylbg.); diese längst von mir gehegte Ansicht hat 
neuerdings G. Löschcke (Dorpat. Progr. 1883 8.13f.) 
mit Gründen ausgeführt, welche bis auf die seiner 
Behandlung der »Enneakrunosepisode« entnommenen 
Argumente (s. 8. 187) auch die meinigen waren. 
Besonders nahegelegt wurde dieser Gedanke seit dem 


Athen (südlicher Teil). 


Erscheinen der grofsen Inschrift aus Eleusis (Bull. 
de corr. hell. IV, 224f.; Dittenberger, Syll. Inser. 
Gr. 13 u. a. m.). Wenn das Orakel des Apollo mit 
den Angelegenheiten des Eleusinischen Kultus den 
Rat verbindet: rtö TTeAapyıxöv Apyöv Aneivov (vgl. 


Thukyd. II, 15), welcher das Amendement des Lam- 


pon: T6 Baoukea dploaı TA iepa ra Ev TW Tlelapyıkb 
hervorrief, so mufs das Eleusinion dem am West- 
abhange der Burg (s. unten) gelegenen »Pelargikon« 
benachbart gewesen sein oder selber auf dem Terrain 
desselben gestanden haben. Dieselbe Lage scheint 
auch mir ferner aus der Schilderung der panathe- 
näischen und andrer Festzüge zu folgen: so werden 
Eleusinion und Pelasgikon nebeneinander genannt 
als Stationen, die das Panathenäenschiff (Olymp. 228, 
3 == 134 n. Chr.) auf dem Wege vom Kerameikos be- 
rührte: Philostrat. Vit. Soph. II, 1, 5 Ex Kepaueixoü 
dE Apacav xula Kunn Apeivan Emi TO ’EXevolviıov kai 
repıBaAodoav auto napaueiyaır TO TTekaoyıröv. Vgl. 
Schol. Aristoph. Equ. 566: xal rrv nounnv dia Toü 
Kepaneikod Torodor uexpı ToD ’EAeucıviou. Das- 
selbe Ziel bezeichnet Xenophon für scine Reiter- 
parade Hipparch. III, 2 evreüdev (d. i. von den Her- 
men) xaAöv por bokei eivar Kata gpuAds eis TÜXos 
avıevar Toüg Inmous nexpı Tod ’EAeucıvlou also 
doch einem den »Hermen« (s. S. 166) gegenüber 
liegenden Punkt. (Vielleicht nicht zufällig war dort 
auch ein Denkmal des Reitkünstlers Simon aufge- 
stellt, Xenoph. de re equ. I, 1 u.a.) Und endlich 
laufen auch die Epheben (C.J. Att. III, 5 Z.11) ne[xpı] 
toD ’EAeuoıvlou To0 und [tn m]Jöleı. Aus alledem 
erhellt doch, dafs das Eleusinion (von der Agora aus 
gerechnet) einen bestimmt markiertes, in gerader 
Richtung erreichbares Ziel darstellt, und welche 
Bahn wäre bestimmter vorgezeichnct als die, welche 
durch die Einsenkung zwischen Akropolis und Areio- 
pag hindurchführt? Der einzige Punkt am Burg- 
fufse, welcher sonst noch Raum böte, der Nordost- 
abhang, war vom Kerameikos aus immer nur auf 
einem Umwege zu erreichen. Das Eleusinion war ein 
grofser, streng abgegrenzter Bezirk (Thukyd. II, 17), 
in dem auch Ratsversammlungen abgehalten wurden 
(Audokid. I, 110£.; C. J. Att. II, 431 2.29; vgl. 372 
III, 2 Z.3); auch das Grabmal des Immarados, des 
Sohnes des Eumolpos und der Daeira befand sich 
darin (Clem. Alex. a.a. O.). Vielleicht hat Elerodes 
das Terrain des Odeion nicht ohne Beziehung zum 
Eleusinion gewählt, da Annia Regilla zu demselben 
in (priesterlicher?) Beziehung gestanden zu haben 
scheint; wenigstens hing Herodes darin den Schmuck 
der Verstorbenen auf. (Ein besonderes Thesmo- 
phorion um der Parallele willen anzunehmen, in 
welche Aristophanes seine Thesmophoriazusen zu 
der Volksversammlung auf der Pnyx stellt [v. Willamo- 
witz a. Kydathen 8. 161], liegt für uns keine Ver- 
anlassung vor, da nach unserer Ansetzung der aus- 


Athen (südlicher Teil). 


gedehnte Peribolos des Eleusinion nahe genug an 
die südwestlichen Höhen heranrückt, wo wir die 
Pnyx zu suchen berechtigt sind; s. S. 159; vgl. 
A. Mommsen, Heortologie S. 299.) 

Das Verhältnis, in welches das Pelasgikon zum 
Eleusinion wie zu andern benachbarten und ver: 
wandten Kulten (s. Löschcke a.a.O. S. 16£.) heute 
deutlich tritt, veranlalst uns, dieses ursprünglich mit 
der Burgbefestigung zusammenhängende Lokal gleich 
hier zu behandeln. 

Pelasgikon oder vielmehr Pelargikon nannte 
man im 5. Jahrh. v. Chr. die Reste einer gewaltigen 
Befestigungsmauer, welche die Akropolis, die einstige 
Königsburg, auf ihrer einzig zugänglichen Westseite 
abgeschlossen hatte. Man betrachtete sie als Frohn- 
arbeit der später aus Attika vertriebenen tyrrheni- 
schen Pelasger (Herod. VI, 137; Dionys. Hel. I, 28 
u.a.m.). Die Mauer wird als neunthorig bezeich- 
net: Bekk.anecd.gr.p.419, 27 (nach Kleidemos) Evved- 
muAov Tö TTeAapyıröv. Schol. Soph. Oed. Col. 489 (nach 
Polemon) Extös tWv Evvea nmuAüv, sei es, dafs es 
neun verschiedene Ausfallthore besals, oder, was 
wahrscheinlicher, neun sich hintereinander zurück- 
zehende Redouten. Noch die Peisistratiden vertei- 
digten sich hinter der Feste (Herod. V, 64; Schol. 
Aristoph. Lys. 1153; Marmor Par. C. J. Gr. 2374 

ep. 45); auch zur Zeit der Perserkriege leistete sie 
noch einige Dienste. — Nach ihr wurde sodann auch 
das weite Feld, welches die Trümmer bedeckten, 
Pelargikon genannt. Pan wohnte in seiner Grotte aın 
nordwestlichen Burgabhang: pıxpov Umep ToD TTeAao- 
Yıxod (Lucian, bis accus. 9). Aber das Gebiet des 
Pelasgikon muls ausgedehnter gewesen sein und 
nichts hindert uns, auch den West- und Südwest- 
abhang der Burg in dasselbe hineinzuziehen. Es 
umschlofs eine Anzahl Heiligtümer (vgl. die eleusin. 
Inschr. Bull. de corresp. hell. IV, 224f., PI.XV Z.54 
TV DE Baoılda Öpicu TA iepäa Ta Ev TW TTeAapyır'); 
e8 bot genug Felspartien und ertragfähiges Erdreich, 
&0 dafs infolge des berühmten Orakels >16 TTeAapyı- 
xöv Äpyöy Aueivove (Thukyd. II, 17) ein Verbot auf 
Entfernung von Steinen und Erde, sowie auf Anbau 
des Terrains gelegt werden mulste (Bull. a. a. O. 
UNE Tous Alllouc TEeuveıv € Tod TTeAapyıkod unde yiv 
Ekdyeiv unde Atdous, Pollux. VIII, 101 ur rıs Evrög 
vov Melaoyıkod xelpeı F} ara nAkov EEopürrei). Nur 
in der Not des peloponnesischen Krieges wurde es 
von der zusammengedrängten Bevölkerung okkupiert. 

Inhaber von Heiligtümern des Pelasgikon werden 
üns nicht ausdrücklich genannt, doch dürfen wir 
annehmen, dafs es Heroen und chthonische Gott- 
heiten waren. So können wir wenigstens zwei heroi- 
sche Gentilkulte nennen, welche in nächster Nähe 
vermutlich noch innerhalb des geheiligten »Pelas- 
ikon. gepflegt wurden und zugleich in engster Ver- 

Indung stehen mit jenen chthonischen und nament- 


199 


lich den eleusinischen Diensten: nach Arrhian. anab. 
UI, 16, 8 standen die Tyrannenmörder beim Burg- 
aufgang: ) Avınev eis nöAlıv... ob naxpav TWwv EÖ- 
davenwv Tod Bwuod. dorig de nenuntan Taiv deatv 
ev EXevoivi (Löschcke a.a.O. S. 15 N. 30 ’EAeuorviw) 
oide Töv Edtlaveuou Bwudv Emi Toü dumedou övra (vgl. 
lHesych. s. v. EVd. Ayyeloc rap’ ’Adnvaloıs, Dionys. 
Hal, Dinarch. 11 erwähnt eine dadıraola Ebdave- 
mwv srpös Knpucac). In naher Analogie dazu steht 
das Priestertum der IHlesychiden, deren Ahnherr Hesy- 
chos ein Heiligtum napa Tö KuAWveiov, ExKtög 
twvevvea muAWwv hatte (Schol. Soph. Oed. Col. 489). 
Dasselbe führt uns zu einer wiederum benachbarten 
Gruppe chthonischer Gottheiten, in deren Mittel- 
punkt die Eumeniden am östlichen Felsspalt des 
Arciopag stehen. Die Hesychiden verwalteten ihr 
Priestertum; dem Hesychos wurde ein Widder dar- 
gebracht, ehe man ihnen opferte, und nicht minder 
schliefst sich das Kyloneion, das Denkmal der be- 
kannten, an den Anhängern des Kylon verübten und 
durch Fpimenides entsühnten Blutschuld (Herod. 
V, 71; Thukyd. I, 126; Plut. Solon 12 u. s. w.) dem 
beziehungsreichen Kreise dieser Stiftungen an. 

Das Heiligtum der Eumeniden oder Zepval 
deal, welches Pausanias erst nach seiner Akropolis- 
wanderung erwähnt (I, 28, 6), war, zugleich als 
Orakelsitz (Eurip. Electr. 1271£.), an das Naturmal 
gebunden, welches ein tiefer Rifs im östlichsten Teil 
des Areiopagfelsens bis zu einer Tiefe, aus der ver- 
mutlich einst Wasser hervorquoll, noch heute dem 
Auge darbietet. Andre Felsstücke, welche jene Stätte 
gegenwärtig zum Teil bedecken, sind erst im 17. Jahr- 
hundert durch ein Erdbeben losgerissen worden. 
Zwischen denselben sicht man noch einige Kon- 
glomeratsteinblöcke der ehemaligen Terrassierung. 
Von den Bildwerken der Göttinnen stammten zwei 
aus der IIand des Skopas; zwischen ihnen stand 
eine ältere Statue, welche Kalamis gefertigt hatte 
(Cleın. Alex. protr. 47; Schol. Aeschin. I, 188; Schol. 
Soph. Oed. Col. 39). Sie hatten (nach Pausanias) 
nichts Furchtbares an sich, und in dieser Auffassung, 
als segenspendende unterirdische Gottheiten (zu 
denen sich in der an dasselbe Heiligtum geknüpf- 
ten Oresteslegende die versöhnten Erinyen erst ent- 
wickeln) sind sie ursprünglich wesensgleich mit den 
»grolsen Göttinnen« zu Eleusis. Dasselbe wird ledig- 
lich bestätigt durch die hinzugefügten Bilder des 
Pluton, des Hermes und der Ge. (Vgl. die von 
Köhler, Ilermes VI, 106 f. gewifs mit Recht auf diese 
Kultstätte bezogenen Inschriften C. J. Att. II, 948 bis 
950, nach denen der Hierophant dem Pluto Lecti- 
sternien zu bereiten hatte. Ob auch das Phere- 
phatteion, welches wir jedenfalls an einem End- 
punkt der Agora zu suchen haben, Demosth. LIV, 
7, 8 [s. <Leokorion< 8.150], in der Nähe lag, müssen 
wir dahingestellt sein lassen) Aufserdem befand 


200 


sich, wie auf dem Kolonos Hippios, so auch hier 
im Peribolos des Eumenidenheiligtums ein Grab- 
mal des Oedipus. 

Den ehrwürdigen Gerichtshof des Areiopag, 
bei welchem über vorsätzlichen Mord (Ares, Orestes) 
unter freiem Himmel (Pollux VIII, 118) abgeurteilt 
wurde, dürfen wir auf dem östlichen und höchsten 
Plateau des Hügels suchen (Bekk. anecd. gr. I, 253 
8.v. Endvw dikaortnpıov), zu welchem von Süden her 
eine unten zerstörte Felstreppe mit 16 erhaltenen 
Stufen emporführt. Oben befindet sich gleich vorn 
ein nicht ganz regelmäfsiges, aus dem Felsen ge- 
schnittenes Plateau, dahinter ein altarartig auf- 
ragender Block. Dieser Ort wird trotz seiner kleinen 
Dimensionen gewöhnlich als Jdie Gerichtsstätte an- 
geschen. Es befand sich daselbst ein angeblich von 
Orestes gestifteter Altar der Athena Areia, sodann 
zwei rohe Steine für Kläger und Beklagten "Yßpews 
und ’Avardelag genannt (Paus. I, 28, 5). 

In der Nähe, südlich unterhall», des Arciopag, 
ist vielleicht die Stätte der alten Heliaia, des 
grölsten Gerichtshofes der Athener zu suchen (Bekk. 
anecd. gr. I, 253 ’Endvw dikaotnpiov — Areiopag; 
Kkatw d’ev KolAw Tıvi Tönw, vgl. IIarpocrat. 6 Kdrw- 
dev vöuog). 

Die Akropolis, 
die Herrscherburg Athens zur Zeit der Könige und 
Tyrannen, nach den TPerserkriegen ausschliefslich 
zum geschmücktesten Sitz der Götter erhoben, ist 
ein länglicher Tafelfelsen, dessen Ausdehnung von 
West nach Ost nahezu 300 m, Jessen gröfste Breite 
(in der Mitte) etwa 130 m ®&rreicht. Mit breiterem 
Fufs aus der Unterstadt emporsteigend, überragt er 
diese um etwa 70m (bis zu 156 ın über dem Meeres- 
spiegel), von welchen die oberen 30 m auf der Nord-, 
Ost- und Südseite in fast vertikalen Felswänden ab- 
fallen. Das obere Plateau ist nicht vollkommen 
horizontal; in der Längenaxe steigt der Boden vom 
westlichen Eingange (der Mittelhalle der Propyläen) 
bis zur Mitte (beim Parthenon) um 12m an; die 
östliche Hälfte verdankt ihre gleichmäfsige Höhe 
künstlicher Bearbeitung. Auch im Querdurchschnitt 
senkt sich das Terrain von der Mitte aus bis zu 
den Rändern; doch während die Neigung nach 
Norden zu nur gering ist, die Felsen vom Rande 
aus dagegen um so schroffer abfallen, war die Süd- 
seite, besonders nach Osten hin, ursprünglich schräge 
abgestuft und mufste erst durch die gewaltigen Sub- 
struktionen, welche, obzwar teilweise älter, unter 
dem Namen der »Mauer des Kimon« bekannt 
sind, zu der jetzigen lIöhe emporgeführt werden. 
Über diesen Bau des vörıov Teixos der Akropolis, 
welcher zugleich als Futtermauer für das Arcal süd- 
lich vom Parthenon diente, vgl. Plut. Kim. 13; Paus. 
1, 28, 2, aber auch unten beim »älteren Parthenon«. 
An der Aufsenseite der Mauer, gerade über dem 


Athen (Akropolis). 


Theater, hatte Antiochos IV Epiphanes als Apotro- 
paion ein vergoldetes Gorgonenhaupt auf der 
Ägis anbringen lassen (Paus. I, 21, 3; V, 12, 4). 
Von der äufseren Verkleidung, die freilich vielfach 
geflickt und durch Vorbauten mit Strebepfeilern ver- 
deckt ist, sieht man noch einige Teile unterhall) 
des Niketempels sowie am östlichen Ende. Da dieser 
südliche Mauerbau, schon um der Terrainverhält- 
nisse und des Parthenon willen, die dringendere 
Arbeit war, so wird die Nordmauer gewils nicht, 
wie man lange angenommen hat, in eine frühere 
(Themistokleische) Periode zu setzen sein, wiewohl 
sich gerade auf dieser Seite in den eingemauerten 
Werkstücken des älteren Parthenon die un- 
mittelbarsten Zeugen der durch die Perser herbei- 
geführten Katastrophe bis auf den heutigen Tag 
erhalten haben. (Dieselben befinden sich an (der 
Aufsenseite nordöstlich und nordwestlich beim Erech- 
theion; dort 24 Säulentrommeln, zu denen sich 
mehr westlich noch zwei gesellen, aus pentelischem 
Marmor, aufsen noch rauh oder nur mit Ansätzen 
von 20 Kanälen versehen; sodann noch weiter west- 
lich zwei Epistylbalken von 15 und 14m Länge aus 
Porosstein mit acht Triglyphen und glatten Metopen- 
platten aus Marmor.) Daneben und darüber aber, 
namentlich auch an der Innenseite der Mauer, dicht 
beim Erechtheion, sind noch Reste sehr sorgfältigen 
antiken Quaderbaues erhalten, mit zierlicheın Rand- 
beschlag, welche den sorgfältigen Baustil der besten 
Zeit verraten. (Vgl. Michaelis, Über d. jetz. Zustand 
d. Akropolis im Rhein. Museum N. F. XVI, 214 £.) 

Von der ältesten »pelasgischen« Befestigung des 
allein zugänglichen Westabhanges, welche sich 
fächerförmig um den Fufs desselben gezogen haben 
wird, war bereits oben (S. 199) die Rede. Sehr alter- 
tümlichen Polygonalstil weist heute nur noch ein 
Mauerstück auf, welches oben vom Südabhange 
hart an der Ostecke der südlichen Propyläenhalle 
in nordöstlicher Richtung vorbeizieht und nicht 
blofs lediglich als Stützmauer des östlich benach- 
barten Bezirkes der Artemis Brauronia (s. S. 204) an- 
zusehen sein wird. (Vgl. Taf. X und S. 16 des sorg- 
fültigen Werkes von R. Bohn, Die Propyläen der 
Akropolis zu Athen 1882, welches für die meisten 
Denkmäler des Westabhanges vorläufig als ab- 
schliefsend gelten kann; darin auch die ältere Lit- 
teratur.) 

Bekanntlich nimmt den oberen Teil des Auf- 
ganges seit dem 5. vorchr. Jahrh. unverändert der 
dreiteilige, nach Westen (mit geringer Neigung nach 
Süden) orientierte Propyläenbau des Mnesikles 
ein (erbaut 437—432 v. Chr.), welcher unter dem 
Art. »Propyläen« ausführlichere Behandlung finden 
soll. Während das Thorgebäude jedoch im Norden 
bis an den Steilabhang der Burg reicht, wurde der 
südliche Ausbau im Verhältnis zur Nordhalle nicht 


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Athen (Akropolis). 


blofs durch die erwähnte Polygonalmauer verkürzt, 
sondern auch naclı Westen zu beeinträchtigt durch 
die Einporführung einer mit der Südmauer zusammen- 
hängenden, nach Süden, Westen und Norden frei 
vorspringenden turmartigen Bastion, deren obere 
Fläche das ionische .Tempelchen und den Tempel- 
bezirk der Athena Nike, gewöhnlich Nike Ap- 
teros genannt (näheres darüber unten), zu tragen 
bestimmt war. Es ist bautechnisch erwiesen, dafs 
jene Kürzung des Südflügels nach Westen hin erst 
während des Baucs durch das neu auftauchende 
Projekt des Niketempels veranlafst worden ist. (Vgl. 
Julius, Mitt. d. Inst. I, 216 f.; Bohn, a. a. O. S. 29 f.) 
Der »Pyrgos« selber bestand dagegen schon früher, 
wenn auch in geringerer Höhe und regelmäfsigerer 
(rechteckiger) Form: während die innere, dem Auf- 
gang zugewandte Seite durch Koupierung und Um- 
bau mit der Südhalle der Propyläen in eine Flucht 
gelegt worden ist, lelırt eine von Bohn unter der 
Pflasterung nördlich vom Niketenipel entdeckte Po- 
Iygonalmauer, dafs die nördliche Turmwandung einst 
ziemlich parallel zu seiner südlichen Begrenzung lief. 
Die hohe fortifikatorische Bedeutung und somit die 
frühe Fxistenz des Turmes ergibt sich ja auch aus 
Seiner vorspringenden Lage zur Rechten des Ein- 
tretenden, wodurch er (nach dem Prinzip aller an- 
tiken Festungranlagen) die unbeschilklete Seite des 
eindrinzenden Feindes beherrschte. Demgemäfs 
ziehen sich auch die Spuren des ältesten, durch die 
JIufen der Lasttiere ausgetretenen Felswezes von 
Süden herkommend (als Fortsetzung des oben S. 197 
erwähnten Pfades, mit dem sich einst wohl noch 
andre von Süden und Südwest her verbanden) hart 
um die ehemalige Nordwestecke des »Pyrgos< herum. 
Iın Verfolg dieser Spuren ergibt sich, dafs die Strafse 
mit einer Windung nach Ost und Nordost auf den 
Mittelweg eines älteren, weit mehr nach Südwesten 
orientierten Thorgebäudes traf, von welchem sich 
südlich der Propvläenosthalle noch Fundamente 
und im Mittelganze selbst noch parallele Felsein- 
schnitte (als Lagerflächen und Bettungen) erhalten 
haben. (Vgl. Bohn S. 16, Grundrifs Taf. II, Ansicht 
Taf. X; von jenen Resten ist eine kurze Poros- 
ımiauer mit Marmorante erwähnenswert, im rechten 
Winkel dazu anschlicfsend an die Stützmauer der 
Arteinisterrasse, sowie ein Teil der Marmorpflaste- 
rung; in dem Winkel zwischen den beiden Schenkeln 
ist noch rotgefürbter Mörtelputz vorhanden.) Süd- 
lich davon beobachtet man die Überreste eines 
kleinen Heiligtums, wohl nur eines Bezirkes, 
aus Marmorplatten, welche wiederum die Polygonal- 
inaner und vielleicht im rechten Winkel dazu eine 
andre verkleideten. Am Nordostende des einen Schen- 
kels steht noch eine alte Dreifufsbasis aus Marmor. 
Alles Übrige ist gleichfalls unter dem Propyläenbau 
verschwunden. Der Bezirk lag somit unmittelbar 


201 
rechts vor dem älteren Thorc, mit dessen Anlage 
(unter den Peisistratiden) er gleichzeitig zu sein 
scheint (über die Thorgottheiten, welche in Betracht 
kommen können, 8. unten). 

Bei Errichtung des Mnesikleischen Propyläen- 
baucs verschwand auch jener Felsweg unter be- 
deutender Erhöhung des immer noch in Serpentinen 
emporführenden Aufganges, dessen Niveau durch 
die Grenze zwischen Toros- und Marmorquadern am 
Unterbau der ihn aufnehmenden Hallen bezeichnet 
wird. Als Stütze für diesen Weg dienten in halber 
Höhe zwei schräg über den Aufgang laufende, viel- 
leicht durch einen Knick in der Mitte verbundene 
Mauerschenkel, deren Ansatzpunkte beim Pyrgos 
und nördlich vom »Agrippamonument« (s. unten) 
noch nachgewiesen werden konnten (Bohn 8. 35 f.). 

Dafs die grofse, namentlich unten noch in be- 
deutenden Resten erhaltene Marmortreppe wegen 
ihres rohen Anschlusses an den Stylobat der Pro- 
pyläen, sowie aus anderen Gründen, erst späten 
Ursprungs sei, ist längst erwiesen (vgl. Ivanoff, 
Ann. d. Inst. 1861 S 275 f.). Etwas unterhalb des 
Agrippamonumentes bemerkt man in der Mitte die 
Reste einer Plateform, welche dieselbe der Breite 
nach geteilt haben mufs; oberhalb derselben, nicht 
unterhalb, führte ein gerillter Reitweg nach dem 
mittleren Propyläeneingang empor; derselbe wird 
sich also, entsprechend (em älteren Weg, bis dahin 
von Süden her, längs des Nikepyrgos emporgezogen 
haben. Gleichzeitig mit der Treppe werden zwei 
turmartige, ursprünglich nach Osten zu offene Bauten 
aus Porosquadern erbaut worden sein, welche am 
Fufs der Treppe einen vorgeschobenen Eingang 
flankierten. Die namentlieh im Innern des südlichen 
Turmes erhaltenen Steinmetzzeichen (Z— ©) deuten 
ihrem Schriftcharakter nach auf die ersten Jahr- 
hunderte n. Chr. Mit diesen Türmen sind vermut- 
lich die nuAwpoi in Verbindung zu bringen, von 
denen mehrere erhaltene Inschriften herrühren. (Vgl. 
C.J. Att. IIT, 1284. und 159.) Die erste Inschrift, deren 
Zeit nach 37--38 n Chr. fällt (Neuhauer, Hermes 
1876 S. 145 f.) enthält den Zusatz: Ep’ Wv Kal TÖ 
Epyov TAS Avaßacews Ereveto, und gibt somit einen 
schr wahrscheinlichen, mit den vorher genannten 
Merkmalen übereinstimmenden Anhaltspunkt für die 
Datierung der grofsen Treppe ah. 

In das 3. nachehr. Jahrh. fallen Inschriften (C.J. 
Att. III, 398 u. 826), welche den Bau von »Pylonene« 
und die »Ausschmückung des Kastellese: Kdouov TÜ 
Ppoupiw, aus Privatmitteln erwähnen (vgl. auch €. T. 
Att. 111, 397), ohne dafs wir im stande wären, Art 
und Ort dieser Gründungen nachzuweisen. 

Dagegen ist die Mauer, welche heute jene beiden 
Türme auch im Östen schliefst und zwischen ihnen 
ein mit den verschiedenartigsten antiken Gebälk- 
stücken nicht ohne Symmetrie hergestelltes und 





202 


bekröntes Thor fornıiert (das sog. Beul&sche Thor, 
aufgedeckt im Jalıre 1852) ein Werk aus fränki- 
scher Epoche und vermutlich gleichzeitig mit der 
sehr analog konstruierten sog. Valerianischen 
Mauer, die von hier aus nach Norden (bis zur 
Attalosstoa) ging, dann östlich und (beim sog. Dio- 
geneion) wieder südlich zur Burg umıbog. 

Von erhaltenen Denkmälern des eigentlichen 
Burgaufganges bleibt noch zur linken Hand, west- 
lich vor der Nordhalle der Tropyläen das 8,91 m 
hohe, 3,131 und 3,805 m im Geviert haltende, bis 
auf den Unterbau (von Kalkstein) und das Gesims 
(von weilsenı Marmor), aus hymettischem Stein er- 
richtete Postament zu erwähnen, welches laut In- 
schrift auf der Westfront (C. J. Att. III, 575) eine 
Statue des M. Vipsanius Agrippa, errichtet im 
oder nach dem dritten Jahre seines Konsulates (27 
v. Chr), trug. Die Basis ist noch nach den älteren 
Mauerzügen des Mnesikleischen Aufgangs orientiert 
(worin ein weiterer Beweis für den jüngeren Ur- 
sprung der Marmortreppe liegt); die Untersuchung 
der Standspuren auf den oberen Deckplatten hat 
gelchrt (s. Bohn 8. 40), dafs Agrippa auf einem 
von zwei, oder eher noeh von vier Russen gezogenen 
Wagen stand. Pausanias erwähnt (I, 22, 4) gleich 
beim Erblicken der Propyläen zwei Reiterstatuen, 
welche man auf die Söhne des Xenophon (Grylos 
und Diodoros, auch die Dioskuren genannt) bezog; 
ihren Standort, vermutlich gleichfalls an der Nord- 
grenze (les Aufganges, vermögen wir nicht mehr 
nachzuweisen. 

Sodann wendet sich der TVerieget zum Nike- 
tempel (tüv dE TIpomviaiwv Ev deiid Nikns Eotiv 
Antepov vadc). Der Turm, auf welchem derselbe 
ruht, besteht, soweit er sichtbar sein sollte, aus 
regelmäfsig mit abwechselnden Läufern und Bindern 
gefügten Kalksteinquadern; an der Nordwestecke 
beträgt die Höhe der 18 Schichten vom gewachsenen 
Felsen an 8,60 m. Auf der Südseite ist hart unter- 
halb des Pyrgos in dem Felsen eine horizontale 
Fläche hergestellt, in welchem sich eine viereckige 
Bettung (s. den Plan) zur Aufnahme von Weihge- 
schenken oder eines kleinen Heiligtums befindet; 
man dachte früher (s. Köhler, Arch. Anz. 1866 S. 167) 
an die Kultusstätte der Demeter Chloe. (S. ebdas. 
über den Fund einer Basis für Kaiserstatuen.) Eben- 
sowenig läfst sich Sicheres über die Bestimmung 
zweier Nischen in der Westfront des Nikepyrgos cer- 
mitteln, die bei gleicher Höhe (ca. 2,75 m) ungleiche 
Breite und Tiefe haben und nur durch einen 0,62 m 
breiten Pfeiler getrennt sind. Unter ihnen steht 
heute noch der gewachsene Fels an, welcher einst 
durch den Mnesikleischen Aufgang vermutlich bis 
zur Schwelle der Nischen verdeckt war. 

Auf der Nordseite führte eine Marmortreppe, 
deren obere fünf Stufen erhalten sind, vom Haupt- 


Athen (Akropolis). 


aufgang zum Tlateau des Niketempels empor. Sie 
ist an der Stelle angelegt, wo der Porosbau des 
Turms an das Marmorkrepidoma des Südflügels der 
Propyläen stöfst, dessen Nordwestante ursprünglich 
für freie Ansicht gearbeitet war. Bei der Verände- 
rung des Bauplanes und der Emporführung des 
Pyrgos konnte die mit diesem gleichzeitige Treppe 
(s. Julius a. a. O.; Bohn, Arch. Ztg. 1880 S. 85 f.) 
nur stumpf gegen den Pfeiler stofsen. Wohl erst 
in römischer Zeit, nach Errichtung der grofsen 
Marmortreppe, wurde der Zugang zum Nikepvrgos 
raınpenartig umgeknickt und an den Unterbau der 
Propyläenhalle gelegt. 

Das obere Plateau umfafste den hart an die 
Nordwestecke und den Westrand des Pyrgos ge- 
rückten Niketempel, das Pflaster aus Marmor- 
platten mit der Thymele und die Balustrade. 

Der Niketenipel war während der Belagerung der 
Akropolis im Jahre 1687 von den Türken abgetragen 
und in eine Batterie verbaut worden, aus welcher 
im Jahre 1835 die Architekten Schaubert und Hansen 
fast alle Teile unversehrt wieder hervorzogen , so 
dafs das kleine Heiligtum wieder aufgerichtet werden 
konnte (vgl. das Publikationswerk von Rofs, Schau- 
bert und Ilansen, Der Tempel der Nike Apteros, 
1839). 

Für die Bestimmung der Bauzeit ist die oben 
(8. 201) angeführte Thatsache mafsgebend, dafs der 
Plan zur Errichtung dieses Heiligtums vor dem Ab- 
schlufs des Propyläenbaues, d. i. vor 432, entstanden 
sein mufs. Das Tempelchen ist ein ionischer Amphi- 
prostylos Tetrastylos, auf dreistufigem Krepidoma, 
dessen unterste Stufe jedoch nur 0,075 m vorspringt. 
Der Stylobat hat 826m Lünge, 544m Breite. Die 
Säulen, an den Basen noch mit hoher Einkehlung 
zwischen den beiden Polstern, haben 4m Gesamt- 
höhe und verjüngen sich nach oben; die einfachen 
Kapitäle sind verhältnismäfsig großs; über dem drei- 
teiligen Architrav befand sich ein zum gröfsten Teil, 
wenn auch in sehr verstümmeltem Zustand, noch 
erhaltener Relieffries; vier Platten (die West- und 
Nordseite) hat Lord Elgin nach England geschafft, 
wo sie sich jetzt im britischen Museum befinden‘ 
die südliche Langseite und die beinahe vollständige 
Ostseite sind mit den Trümmern des Tempels wieder 
gehoben worden und befinden sich an alter Stelle, 
während das Übrige durch Terrakottanachbildung 
ersetzt ist. Die Zuteilung der Platten auf den Lang- 
seiten ist nicht vollkoınmen gesichert. (Vgl. Rofs 
in d. angef. Werke; Friederichs, Bausteine N. 325 f.; 
Overbeck, Gesch. d. griech. Plastik 3. Aufl. I, 363 f.; 
Kekule, Die Balustrade d. Athena Nike 2. Aufl. 1881.) 
Der Ostfries stellt eine Götterversammlung dar, in 
deren Mitte Athena steht; die andern Seiten zeigen 
Kämpfe von Fufsgängern und Berittenen, unter den 
letzteren auch mit Hosen bekleidete Barbaren, 


Athen (Akropolis). 


unzweifelhaft Perser. Man durfte an die Schlacht 
von Plataeae denken, da in dieser auch Hellenen 
auf Seiten der Perser fochten. 

Vom Dachwerk sind nur geringe Stücke aufge- 
funden worden; die Giebel hatten keinen Skulp- 
turenschmuck. Das Innere der Cella ist bei der 
Kürze des ganzen Gebäudes mehr breit als tief 
(4,19m zu 3,73m). Deshalb treten auch an Stelle 
der Thür nur zwei Pfeiler, die in der Mitte einen 
1,40 m breiten Eingang liefsen, während die Seiten- 
öffnungen bis zu den Anten der Nord- und Südwand 
durch Gitterwerk abgeschlossen waren. 

Das vermutlich alte Kultbild der Athena Nike 
trug in der Linken den Helm, in der Rechten eine 
Granatfrucht (Harpocr. s. v. Nicn Atnvä). Das Pavi- 
ment um den Tempel herum war aus Marmorplatten 
hergestellt, welche nach dem Tempel, also schräg 
zur südlichen Propyläcnhalle orientiert sind. Vor 
der Ostfront tritt an ihre Stelle Porosstein, dessen 
einstiger Marmorbelag eine höhere Fläche, die eigent- 
liche Opferstätte mit dem Altar darstellte. Hier 
wurde der Göttin eine Kuh geopfert (vgl. C. J. Att. 
II, 471, 2. 14 £.). 

Um die drei abfallenden Ränder des Pyrgos zog 
sich ein Kyma mit Abacus und darüber eine Ba- 
lustrade aus hochgestellten, oben wiederum mit 
Gitterwerk versehenen Marmorplatten, welche vor 
der Ostfront des Tempels auf beiden Seiten (nörd- 
lich längs der rechten Treppenwange) auf diesen 
zu einsprangen. Den Schmuck dieser Balustrade 
bilden jene köstlichen Nikereliefs, von denen uns 
eine Anzahl in mehr oder minder verletztem Zu- 
stande noch erhalten ist. (Vgl. Kekule, Die Reliefs 
an der Balustrade der Athena Nike 2. Aufl. Stutt- 
gart 1881; v. Sybel, Katal. d. Skulpt. zu Athen 
N. 5664, 1—38). Die Kompositionen beziehen sich 
auf Jen heiligen Dienst (z. B. Kuhopfer), der mehr- 
mals persönlich dargestellten Göttin, bei Gelegen- 
heit von Siegesfeiern, welche sich in der Errichtung 
von Tropaia aussprechen (darunter cinem persi- 
schen) und auch Seeschlachten zu verherrlichen 
bestimmt erscheinen (Athena auf einem Schiffe). 

Indem wir fortfahren, die Altertümer der Burg 

von Athen im Anschlufs an die Beschreibung des 
Pausanias (I, 22, 8f.) zu durchmustern, dürfen wir 
uns auf die überaus reichhaltige Zusammenstellung 
aller Schriftquellen in der leicht zugänglichen, von 
Ad. Michaelis besorgten und vermehrten zweiten Aus- 
gabe von O. Jahn, Pausaniae descriptio arcis Athe- 
narım, Bonn 1880 (mit zahlreichen Plänen ausge- 
stattet), beziehen. (Vgl. zur Periegese der Akropolis 
auch Beul6, L’acropole d’Athönes, Paris 1853; Bur- 

nouf, La ville et l’acropole d’Athenes, Paris 1877; 

lis, Über den jetzigen Zustand der Akropolis 

von Athen, Rhein. Mus. 1861 8. 210 f., 320 f.; der- 

selbe: Bemerkungen zur Periegese der Akropolis 


203 


von Athen; Mitt. d. arch. Inst. zu Athen I, 275 f., 
I, 1£., 85f.; auch den grofsen »Plan der Akropolis« 
in Launitz, Wandtafeln XIX, Kassel 1876.) 

Nach Beschreibung der Pinakothek (Nordhalle 
der Propyläen) führt Tausanias »beim Eingange zur 
Burg« (1, 22, 8 xurta de nv Eoodov aurNv Non AV 
€s AkpönoAıv) einen Propylaios genannten Her- 
mes und die Chariten an. (Die Tradition, nach 
welcher dieselben Werke «des Philosophen Sokrates 
seien, ist vermutlich auf eine durch die Künstler- 
inschrift herbeigeführte Verwechselung zurückzu- 
führen; die Ausdehnung der gleichen Urheberschaft 
auch auf Hermes vielleicht nur ein Irrtum des Pau- 
sanias. Bei den »Chariten des Sokrates«e haben wir 
unzweifelhaft an ein Exemplar jener Serie von alter- 
tümlichen, ihrem Ursprung nach vor den Propyläen- 
bau fallenden Reliefs zu denken, welche zum Teil 
auf und bei der Akropolis gefunden worden sind 
(s. zuletzt Furtwängler, Mitt. d. Inst. III, 181 £.; 
besterhaltenes Beispiel im Museo Chiaramonti, Benn- 
dorf, Arch. Ztg. 1869 Taf. 22). Ihre alte Kultstätte 
am Thore (wie z. B. auch am Eingange zum argi- 
vischen Heraion, zum Poliastempel in Erythrai) ver- 
mute auch ich (mit Furtwängler, Mitt. d. Inst. III, 
187) in jenem lleiligtum zur Rechten des alten Pro- 
pylaions, welches gröfstenteils dem Südflügel der 
neuen Propyläen zum Opfer gefallen ist. (Über die 
Reste s. S. 201.) Hier mögen dann auch einige von 
den alten Bildwerken, darunter das durch den Namen 
des Sukrates berühmt gewordene (oder dieses allein) 
untergebracht worden sein. So hat Bohn (a. a. O. 
S.24f.) vielleicht mit Recht in den beiden zwischen 
den Anten der Mittelhalle und der Flügelbauten 
sich bildenden Nischen, von denen die nördliche 
im Fufsboden die Lehre für eine viereckige Statuen- 
basis, die südliche nur eine schmale und lange Ein- 
tiefung (für ein Relief) zeigt, den Standort des 
Hermes und der »Chariten des Sokratese erkannt. 
Wenn wir dagegen an andrer Stelle (Paus. IX, 35, 3) 
von einer mystischen Verehrung der Chariten »vor 
dem Eingange zur Akropolise erfahren (mapä de 
adrals TEeAerriv Aayovoıv Es ToUG MOoAMoUs ATÖPPNTOV), 
die in römischer Zeit wenigstens einen gemeinsamen 
Priester mit der Artemis auf dem Pyrgos hatten 
(C. J. Att. III, 268 iepews Xapitwv xai Aprenıdog 
’Emnupyidlac, tuppöpov), so scheint mir allerdings 
sowohl die letztere Beziehung wie auch der Cha- 
rakter der geheimen Feier die Annahme notwendig 
zu machen, dafs der eigentliche Kult mit religiöser 
Zähigkeit noch an jener alten Stelle haften blieb, 
also in jenem Winkel östlich des Pyrgos, südlich 
der Propyläen, oder (was minder wahrscheinlich) in 
der Südhalle selber. Ja, selbst den Hermes Propy- 
laios, wenn die Statue oben richtig lokalisiert wurde, 
werlen wir von einem andern Bilde desselben Gottes, 
welcher »aulserhalb der Weihen« beim Chariten- 


204 


heiligtum stand (Epufs ’Aubnrtogs s. Hesych. s. v. 
u. sonst s. Jahn-Michaelis $S.4 zu Z. 28) zu trennen 
haben, da auch er zu der Artemis Hekate, d.i. 
der Epipyrpidia (Paus. Il, 30, 2} in naher Beziehung 
steht (vgl die Schatzmeisterurkunde ©. J. Att. I, 208 
[Ep]noö kai Aptenıdbog Exatns). Diese Artemis-Illekate, 
welche Pausanias erst im zweiten Buche (30, 2) er- 
wähnt, war ein dreigestaltiges Werk des Alkamenes; 
seinen Standort werden wir etwa südöstlich oder 
südlich vom Niketempel anzunehmen haben (Paus. 
a. a. OÖ. napda TAG Amtepou Nikns Tv vaov vgl. die 
Bleimarke, Benndorf, Beitr. zur Kenntnis d. att. 
Theaters N. 46 Av. ’Apteuıdlı PJwopö[lpw] Rev. 
[’A]ödnva Nix[n]. Über das Bild und sein Verhältnis 
zu den Chariten s. Furtwängler, Mitt. d. Inst. III, 
192 £.; E. Petersen, Die dreizestaltige Hekate Tarchı.- 
epigr. Mitt. aus Österreich IV] 8. 1 f.) 

Nach den Chariten nennt Pausanias I, 23, 2 ohne 
verbindende Bemerkung eine bronzene Löwin, 
welche auf die von Hippias zu Tode gefolterte Ge- 
liebte des Aristogeiton, Leaina, bezogen wurde (s.d. 
and. Stellen Jahn-Mich. S. 5 zu $ 8), ferner (tapa 
aurrv) eine von Kallias geweihte, von Kalamis ge- 
- fertigte Statue der Aphrodite (die Sosandra vgl. 
Lucian. imag. 4), dann (23, 3: mAnvtov) eine eherne 
Bildsäule des von Pfeilen getroffenen Diitrephes, 
endlich (mAnoiov mit Übergehung des weniger wich- 
tigen) eine Statue der Ilygieia und einer Athena 
Ilygieia, deren Basis aufsen vor der südlichsten 
Säule der östlichen Propyläenhalle noch ix situ erhalten 
ist. Jene ersten Statuen dürfen also, mit Ausnalime 
vielleicht des Diitrephes, noch in der Mittelhalle der 
Propyläen angesetzt werden und zwar auf der rechten, 
südlichen Seite des Durchganges, da nicht ohne Wahr- 
scheinlichkeit angenommen worden ist, dafs diesen 
Bildwerken einige andre entsprochen haben, welche 
Pausanias erst auf dem Rückwege durch die Pro- 
pyläen anführt (vel. I, 28, 2, dazu P. Weizsäcker, 
Arch. Ztg. 1875 S.,110 f.; Michaelis, Mitt. d. Inst. 
I1, 103f.). Leider gestatten die Architekturreste, 
welche heute in der Mittelhalle liexen, keine genaue 
Untersuchung des Fufsbodens auf Standspuren, doch 
hat Bohn (8.21 vel. Taf. 1ID) wenigstens zwei Stellen 
bezeichnet, die sich in den Seitenschiffen ziemlich 
korrespondierend gegenüber liegen und (in den auf- 
gebrochenen Fufsbodenplatten sowie einer Lehre) 
als Aufstellungsort von Bildwerken charakterisieren. 
Die Flächen sind freilich sehr grofs: 3,60 zu 2,30 m 
nördlich und 2m zu 2,30 m süllich; doch würde an 
letzterer Stelle die bronzene Löwin passend unter- 
gebracht werden können. 

Von der Aphrodite des Kalamis sowohl wie 
von der Statue des Diitrephes besitzen wir ver- 
mutlich die bei den Propyläcn gefundenen Basen: 
C. 7. Att. 1, 392 (vgl. IV, 44 und Köhler, Hermes 
III, 166): KaAklas Immovikov Avednk[e]v und C. J. 


Athen (Akropolis). 


Att. I, 402 “EpuöAuxog Ateıtpepous Atapyxrıv. | Kpnoi- 
Aus | Enönoev. (Vgl. Rofs, Arch. Aufs. I, 168 £.) 

Die halbkreisförmige, profilierte Basis vor der süd- 
östlichsten Säule der Propyläen (0,89 m im Durch- 
messer, 0,655 m tief) trägt die Inschrift C. J. Att. 
I, 335 Adnvaloı tn Adnvala rt “Yyıeia. | TTüppos 
enoinoev Atnvaioc. Die Standspuren der nach Osten 
blickenden Bronzefigur sind erhalten; nach Plut. 
Pericl. 13 errichtete Perikles dieselbe zum Andenken 
an die Heilung eines vom Bau gestürzten Arbeiters 
(über die vermutliche Gestalt des Bildwerks vgl. 
Michaelis, Mitt. I, 286 £.).. Vor der Statue liegt ein 
Marmorblock, der, wie Bohn (Mitt. V, 351.) nach- 
gewiesen hat, einen Altartisch trug (vgl. cbdas. die 
Skizze; auch Michaelis Mitt. I Taf. XVJ). Es mufs 
aber noch ein älterer Altar der Athena Ilygieia vor- 
handen gewesen sein (s. Plut. a.a.0. von der Auf- 
stellung der Statue rapda Töv Bwuöv, ÖG Kai TTPÖTEPOV 
nv dc Acyoucıv, Michaelis a.a. 0. S. 293); derselbe 
ist vielleicht richtig von Michaelis in einer vier- 
eckigen Gründung aus Marmor (2,60 m im Quadrat, 
mit Resten eines marmornen Aufsatzes) erkannt 
worden, welcher 3,50 ın östlich vor der Inschriftbasis 
steht. Jedenfalls dürfte »das Dreieck zwischen den 
Propyläen, dem Brauronion (s. unten) und dem 
Hlauptwege«, welcher leicht gerillt vom mittleren Pro- 
pyläendurchganz nach Osten führt, im allgemeinen 
den Bezirk der Athena IIygieia bezeichnen (Michaelis 
a.2.0. 8.294), in welchem wir noch den berühmten 
Splanchnoptes, den Opferknaben des kyprischen 
Künstlers Styppax (Overbeck, Schriftquellen N.868 f.), 
das Dild eben jenes vom (Gerüste herabgefallenen 
Sklaven des Perikles (Plin. XX, 44; XXXIV, 81) an- 
zusetzen haben. 

Aus derselben Schule des Myron stammte der 
von dessen Sohn Lykios gefertigte eherne Knabe 
mit dem Weihwasserbecken (tepıppavrnpiov), 
welchen Pausanias (23, 7) kurz hinter der Athena 
Hygicia erwähnt (vorher nannte er noch 23,5 den 
»Ruhestein des Seilenos«, der mit Dionysos in Attika 
einwänderte), daneben den die Gorgo tötenden 
Perseus von Myron selbst. Da die Figur mit dem 
Perirrhanterion am Eingange eines heiligen Bezirkes 
zu suchen ist, Pausanias aber gleich darauf zum 
Heiligtum der Brauronischen Artemis gelangt, 
so standen jene Bildwerke unzweifelhaft an der mit 
Bettungen für Weihgeschenke eingefafsten kleinen 
Felsentreppe von acht Stufen, zu der sich auch ein 
kurzer Weg von der grofsen Prozessionsstrafse an 
einem segmentartigen, gleichfalls zur Aufnahme von 
Gründungen hergerichteten Plateau vorbei abzweigt. 
Dicse Treppe führt nämlich auf eine höher gelegene 
ebene Terrasse südlich und südöstlich der Propy- 
läen, welche in Form eines unregelmäfsigen Viereck3 
südlich von der Burgmauer, westlich von der oben 
8.200 erwähnten Polygonalmauer, östlich und nördlich 


Athen (Akropolis). 


durch den senkrecht bearbeiteten Fels abgegrenzt 
wird. DieserRaum war aber dasTemenos derArtemis 
Brauronia. Einige Fundamente in der südöstlichen 
Ecke mögen dem Heiligtum angehört haben, dessen 
jüngeres Kultusbild Praxiteles verfertigte (Paus. I, 
23, 7; dieses ist vermutlich das äyalua Tö öptöv, 
€otnxösg oder Aidıvov Edos der Inventarurkunden im 
Gegensatz zu dem äpxalov &dos oder £dos schlecht- 
weg; vgl. Michaelis, D. Parthenon S. 307 £.; Jahn- 
Mich. 8.8; C. J. Att. II N. 751£f. Der namentlich 
an Gewändern und anderm Frauenschmuck über- 
reiche Tempelschatz entstand aus der grofsen Be- 
liebtheit des Kultes und der Rolle, welche derselbe 
im Frauenleben spielte: Dienst der Mädchen, &pxroı, 
Darbringungen vor der Hochzeit, nach der Nieder- 
kunft u. s. w., Bekk. anecd. gr. I, 444, 34. Suchier, 
De Diana Brauronia 1847). 

In der Mitte der Terrasse liegen zerstreut die 
Überreste einer grolsen Basis mit der Inschrift ©. J. 
Att. I, 406 Xarpednuos Ebayrekou Ex KolAns Aveiinkev. 
Ztpoyyuliwv Enoingev. Dieselben gehören (wie Schol. 
Aristoph. Av. 1128 erweist: avexeıto Ev Axpotöker doU- 
pıios Innos emypaprv Exwv‘ Xarpednuos u.8.w. Der 
Name des Künstlers fehlt) zu dem »hölzernen 
Pferde«, welches Pausanias unmittelbar nach der 
brauronischen Artemis erwähnt (I, 23,8). Aus dem 
Bauche des Erzbildes bLlickten vier troische Helden, 
Menestheus, Teukros und die Söhne des Theseus, 
hervor. 

Hinter dem Rosse (ueräa Töv innov I, 23, 9. 10) 
standen Bildwerke berühmter Männer: das Hoplito- 
dromon Epicharinos von Kritios (vgl. die zwischen 
Propyläen und Parthenon gefundene Basis ’Emi[x]api- 
vos [ave]önxev 8... Kpirios kalt Nnoli)Wbrtes Erro[ıno]d- 
mv), des Feldherrn Oinobios, des Pankratiasten 
Hermolykos und des Phormion. 

Ebenda erwähnt Pausanias (I, 24, 1 evraöda) die 
Gruppe des Myron: Athena und Marsyas mit 
den Flöten (vgl. über die Nachbildungen der be- 
rühmten Gruppe, unter denen die von Brunn er- 
kannte lateranische Statue Mon. d. Inst. VI Tv. 23; 
Ann. d. Inst. 1858 8.374 f. künstlerisch den ersten 
Bang einnimmt, sowie über die moderne Litteratur 
Overbeck, Gesch. d. gr. Plast. 3. Aufl. I,240 Anm. 156 
und 8.207 £.) und robrwv nepav dıv eipnka den Kampf 
des Theseus mit dem Minotauros. (Dafs mepav 
die Gegenüberstellung der beiden Gruppen be- 
deutet, erweist Michaelis Mitt. d. Inst. II, Lf£.) 

Es folgen (I, 24,2 xeitaı de kai): Phrixos, der 

Widder opfert (vermutlich der immolans arietem 
des Naukydes: Plin. XXXIV, 80 verglichen mit der 
Inschrift von der Akropolis ’Epnu. äpx. 3386 [NJau- 
xbön, Apyeiog Enönde), ferner (&AAaı TE eiköves Kal) 
Herakles die Schlangen würgend, die Geburt der 
Athena aus dem Haupte des Zeus und ein vom 

geweihter Stier. Da sich nun aus den 


205 


folgenden Worten des Pausanias (24, 3 Adnvalioı... 
npWwTror uev Yap Atdnväav Enwvönaouv 'Epydvnv) wie 
Ulrichs, Reisen u. Forsch. II, 154 zuerst erkannt hat, 
die Nachbarschaft eines Heiligtums der Athena Ergane 
ergibt, welchem wir nach dem Gange der Beschrei- 
bung nur den unmittelbar östlich über der brau- 
ronischen Terrasse liegenden Bezirk zuweisen können, 
so ist die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dafs alle 
jene Bildwerke noch bei oder in dem Peribolos der 
brauronischen Artemis lagen, in welchen die zahl- 
reichen Tierbilder auch wohl zu passen scheinen. 
Mit dem ehernen Stier verbindet sich noch ein 
kolossaler Widder (Wechselgespräch in Epigrammen 
8. Benndorf, Mitt. d. Inst. VU, 46 f.; vgl. Jahn-Mich. 
zu S. 10 Kap. 23,43; Kap. 24, 11) und diesen hatte der 
Komiker Platon wieder zusammen mit dem hölzer- 
nen Pferde genannt (Ilesych. s. v. xpıös AoeAyöxe- 
pws). Vielleicht haben wir auch ein andres Werk 
des Myron (wie schon die vorigen meist teils von 
ihm, theils aus seiner Schule waren), die berühmte 
Kuh (Överbeck, Schriftquellen N.550 £.) in der Nähe 
aufgestellt zu denken. Dafs die oben erwähnte 
Athenageburt und die später genannte (iruppe 
der Athena und des Poseidon mit Ölbaum 
und Salzquell (I, 24,3) mit Beziehung auf die 
gleichen Giebeldarstellungen des Parthenon westlich 
und östlich vor dem Tempel aufgestellt worden sind, 
‚aber so taktvoll angeordnet, dafs eine unmittelbare 
Vergleichung jener Gruppen mit den entsprechenden 
Giebelkonipositionen unmöglich war«, hat Löschcke, 
Arch. Ztg 1876 S. 119 bemerkt. Innerhalb des 
Temenos der Athena Ergane, welches westlich 
von der Artemisterrasse und östlich von den breiten, 
zum Niveau des Parthenon emporführenden Fels- 
stufen begrenzt wird, sind antike Baureste nicht 
mehr nachzuweisen. Dagegen besitzen wir eine An- 
zahl Votivbasen von Weihgeschenken an die Göttin, 
Jahn-Mich., App. epigr. S.60 N. 100—104; davon 
N. 100 im Temenos selber gefunden ist. Hier liegt 
unter andern Inschriften auch die grofse, aus fünf 
Blöcken bestehende Basis des Pandaites und 
Pasikles (Rofs, Arch. Aufs. I, 180; Jahn-Mich., App. 
epigr. N. 52), welche 5— 6 Figuren aus der genannten 
Familie von der Hand des Sthennis und des Leochares 
trug. Aufserdem scheinen in dem Bezirk noch andre 
(auf das Handwerk bezügliche) Kulte, so der eines 
Zroudalwv daluwv (Paus. I, 34, 3 und Hermen?) ver- 
einigt gewesen zu sein. Ebenda war vermutlich 
noch eine Statue mit silbernen Nägeln von Kleoitas, 
dem Erfinder der Schranken im Hippodrom zu 
Olympia, aufgestellt (Paus. a.a.O. und VI, 20, 14). 

Das nächste Bildwerk, die sum Regen flehende 
Ge«, gewährt für die fernere Wanderung des Pau- 
sanias einen festen Anhaltspunkt, seitdem H. Heyde- . 
mann in einer horizontal geglätteten Felsfläche nörd- 
lich des Parthenon (etwa 9 m vor der siebenten Säule 


206 


von Westen gerechnet) neben der Bettung für ein 
Anathem die Inschrift entdeckt hat (Hermes IV, 381 = 
C. I. Att. III, 160): FAg Kaptmop6dpou xartd navrelav. 
Auch von den gleich darauf erwähnten Statuen des 
Konon und seines Sohnes Timotheos hat sich ein 
Teil der Basis ganz in der Nähe vorgefunden (vgl. 
Epnu. Apx. 3598; dazu 2704 = Hermes IV, 385 Kövwv 
Tıu[o]deov, Tıuöheos Kövw[vog)). 

Pausanias hat sich also von der Erganeterrasse 
nördlich gewandt, um an dieser Seite des Parthenon 
entlang gehend, den östlichen Eingang zu betreten 
(I, 24,5). Auf dem Wege dahin begegnet er noch 
einer Gruppe, der Prokne mit ihrem Sohne Itys 
(welche Michaelis, Mitt. d Inst. 1, 304 f. in einer 
daselbst und sonst abgebildeten Gruppe des Akro- 
polismuseums wiederzuerkennen glaubt. Vgl.v.Sybel, 
Katal. d. Skulpt. zu Athen N. 5234). Wenn wie oben 
(S. 205 nach Löschcke) vermutet worden ist, die 
darauf erwähnte Gruppe der Athena und des 
Poseidon schon vor dem Östgiebel stand, so mufs 
dasselbe auch für den zunächst (24, 4) folgenden 
Zeus des Laochares und den Altar nebst der 
Statue des Zeus Polieus gelten, an welchen sich 
die Gebräuche der Diipolien und Buphonien knüpften 
(vgl. die Schriftquellen Jahn-Mich. $. 11 f., 24. Über 
das Kultbild: Jahn, Nuove Memorie d. Inst. S.1f.). 

Den Parthenon, zu dessen Beschreibung sich 
Pausanias jetzt (24, 5—7) wendet, übergehen wir 
an dieser Stelle, da demselben ein besonderer Artikel 
gewidmet werden soll. 

Über den älteren, wahrscheinlich von den Peisi- 
stratiden begonnenen und von dem Perserbrande in 
unvollendetem Zustande betroffenen Tempel (ge- 
wöhnlich, wenn auch ohne direktes antikes Zeugnis 
Hekatompedos genannt) vgl. die Zusammenstel- 
lungen bei Michaelis, Parthenon S. 119 f. Nach den 
Untersuchungen von Rofs (Arch. Aufs. S. 82 f., 132 £.) 
und Ziller (in Erbkams Zeitschr. f. Bauw. 1865 S. 39 f.) 
gehören die gewaltigen Substruktionen aus TPoros- 
quadern auf der abschüssigen Südseite, s. S. 200 
(an der Südostecke nicht weniger als 22 Schichten 
bis zur Tiefe von 10,77 m) bereits dem vorperiklei- 
schen Baue an und damit gleichzeitig mufs auch 
der untere Teil der sog. kimonischen Mauer 
gewesen Sein, welche die südliche Terrasse stützte 
(vgl. Michaelis, Mitt. d. Inst. 1, 301 f.). Jene beson- 
ders in den oberen Schichten, wo sie sichtbar bleiben 
sollten, kunstvoller gefügten und mit »Schlag« ver- 
selıenen (uadern gestatten den Umfang des alten 
Tempels von den verbreiternden Anbauten (im Nor- 
den) zu unterscheiden, welche für den Parthenon 
hinzugefügt wurden. Danach mafs der Stereobat 
76,89 x 31,78 ın. Über die in die Nordmauer ein- 
gefügten Giebälkstöcke und Säulentrommeln s. S. 200. 
(Andre Säulentrommeln liegen auch in den antiken 
Aufschüttungen vor der Ostfront des Tempels.) Der 


: den Langseiten. 


Athen (Akropolis). 


Bau hatte vermutlich, wie der Parthenon, acht 
Säulen (unterer Durchm. 1,90 m) in der Fronte, 17 an 
(Die Säulen der inneren Stellung 


hielten nur 1,71 m im Durchmesser und waren somit 


LT ———————————— nn nn nn nn nn nn nn m nn 0 0 





auch etwas niedriger) Dieselben bestanden wie 
alle tragenden Teile aus Marmor; Cella und der 
ganze Oberbau (ausgenommen die Metopenplatten 
und vermutlich auch der Fries) aus porösem Kalk- 
stein. Die Gesamthöhe des Tempels (das Epistyl 
mifst 1,25 m, das Triglyphon 1,34 m; die Dachschräge 
ist bestimmbar) betrug mit den drei Stufen des 
Stylobats etwa 18m. Von den reich bemalten Simen, 
Geisonverkleidungen, Dach- und Stirnziegeln (Gor- 
goneia, vgl. Mich. Parth. Atlas Taf. II, 7), Ziegeln 
aus gebranntem Thon sind viele Bruchstücke er- 
halten (jetzt im Akropolismuseum aufbewahrt, vgl. 
z. B. Le Bas voy. arch. Archit. pl. II; Laborde, Parth. 
pl.2.3). Die schon öfters gehegte und wieder be- 
strittene Vermutung, dafs einige auf der Burg ge- 
fundene archaische Reliefbruchstücke (Höhe 1,20 m, 
Dicke 0,25 m), darunter die sog. »wagenbesteigende 
Frau« am bekanntesten ist (vgl. v. Sybel, Katal. d. 
Skulpt. 5039, dazu 5040—42), vom Fries der Cella 
stammen, habe ich (Arch. Ztg. 1883 S. 180£.) durch 
den Hinweis auf die Ausdehnung und den monu- 
mentalen Charakter, sowie den Inhalt der ursprüng- 
lichen Komposition (Götterversammlung) weiter zu 
stützen gesucht. Die Fläche östlich vor dem Par- 
thenon ist in ihrem nördlichen Teile geebneter Fels, 
nach Norden zu von einer rauheren Partie durch 
vertikale Glättung scharf abgegrenzt. Auf dieser 
ganzen Linie nach Osten hin sind zahlreiche Bet- 
tungen für Weihgeschenke vorhanden. Inmitten des 
Felsplateaus liegen die Architravstücke eines Rund- 
tempels (von Pausanias nicht erwähnt), dessen 
Dedikationsinschrift (C. J. Att. III, 63 d dfuos Hed 
“Pobun xai Zeßaotw Kalcapı x. T. A.) denselben als 
ein wohl noch vor Beginn unsrer Zeitrechnung vom 
Volke gestiftetes Heiligtum der (schon früher in 
Athen verehrten) Roma und des Augustus 
erweist. 

»Gegenüber« dem Parthenon (To0Ü vaoD Tepav 
Paus. I, 24, 8, s. Michaelis, Mitt. d. Inst. II, 1 f£.) 
stand ein eherner Apollo Parnopios, der dem 
Pheidias zugeschrieben wurde, dann folgen (auf dem 
Wege zur Südostmauer, da sich die Beschreibung 
den attalischen Weihgeschenken [25, 2] nähert) die 
Bildsäulen des Perikles und seines Vaters Xan- 
thippos, neben diesem Anakreon; wiederum 
mAnoiov: Jo und Kallisto, Werke des Deinomenes. 

An der Südmauer (I, 25, 2 npös dE tW Teixeı TW 
voriw) standen vier Gruppen »etwa zwei Ellen hoher: 
Bildwerke, welche Attalos I von Pergamon (241 — 
197 v. Chr.) nach seinen Galliersiegen gestiftet hatte. 
Es waren dargestellt sich entsprechend zwei mythi- 
sche und zwei historische Kämpfe: die Schlacht der 


Athen (Akropolis). 


Götter und Giganten, der Athenerund Ama- 
sonen, die Überwindung der Perser bei Mara- 
thon und die der Gallier in Mysien. Dafs diese 
Weihgeschenke Rundfiguren waren, ist nicht mehr 
zu bezweifeln, seitdem H. Brunn zuerst in einer An- 
zahl durch verschiedene Museen verstreuter Marmor- 
bildwerke Unterliegende aus jeder Gruppe nachge- 
wiesen hat (Ann. Inst. 1870 S. 292 f.; Mon. Inst. IX 
Taf. 19—21; dazu Benndorf, Mitt. d. Inst. I, 167 £. 
Taf. VII; vgl. Overbeck, Gesch. d. griech. Plastik 
3. Aufl. II, 202 f. Fig. 124— 127; Michaelis, Mitt. 
d. Inst. II, 5 f.). Dals wir jedoch in den letzteren 
Werken nicht Reste des athenischen Weihgeschenkes 
selbst, sondern nur vermutlich in Pergamon selbst 
gefertigte Originalkopien besitzen, dafs vielmehr jene 
im Freien aufgestellten Figuren aller Wahrschein- 
lichkeit nach aus Bronze bestanden, habe ich in 
meinem Winkelmannsprogramm »Die Befreiung des 
Prometheus« Berlin 1882 S. 26 f. auszuführen ge- 
sucht. Der Ort der ehemaligen Aufstellung an der 
Südmauer wird (im Einklang mit der Wanderung 
des Pausanias) noch genauer bestimmt durch die 
Notiz (Plut. Anton. 60), dafs der Dionysos aus der 
Gigantomachie durch einen Sturm in das Theater 
herabgeweht worden sei. Oberhalb desselben nun 
zeigen sich noch heute auf dem Burgrande bis zur 
Ostecke und darüber hinaus der Mauer entlang 
Porosquadern von mehr als 5m Breite (vgl. auch 
Bötticher, Bericht über d. Untersuch. a. d. Akrop. 
9. 68£.; Michaelis, Mitt. d. Inst. II, 15), wenn sich 
auch bei dem gegenwärtigen Zustande Schlüsse auf 
un ainstige Anordnung der Bildwerke nicht ziehen 


Nördlich davon, gerade in der Südwestecke der 
Burg, hart am heutigen Akropolismuseum, sind die 
Kalksteinfundamente eines langen, von Nordwest 
nach Südost gestreckten Gebäudes blofsgelegt worden, 
welches vielleicht der Chalkothek angehört. Eine 
Inschrift vom Jahre 362/361 (= Olyınp. 104,3; ©. J. 
At. II, 61) ordnet die Neuinventarisicrung der in 
der Chalkothek aufbewahrten Gegenstände und die 
Aufstellung des Verzeichnisses (eben dieser Stele) 
’or der Chalkothek an. Die Aufzählung nennt 
Schilde, bronzene Geräte, Gefälse u.s. w. Da auch 
die Schatzmeister der Athena hinzugezogen werden 
sollten, so durfte man die Chalkothek als eine »De- 
Pendenz des Parthenon« (Michaelis, Parth. S. 306) 

ten und in der Nähe suchen. Die Stele wurde 
freilich in der Gegend zwischen Propyläen und Erech- 
theion gefunden, wo ebenfalls Platz vorhanden ist. 

Auch die Existenz einer Skeuothek, eines Ma- 
Bazins für Schiffegeräte auf der Burg geht aus den 
Seenrkunden hervor (s. Michaelis, Parth. 8. 307). 

Auf dem Wege von den Weihgeschenken des 

los zum Erechtheion zählt Pausanias einige 
Statuen auf, die wir nicht bestimmter zu lokalisieren 


207 


vermögen, das Standbild des Olympiodor (I, 25, 
2f.), in der Nähe eine cherne Artemis Leuko- 
phryne, die magnesische Göttin, von den Söhnen 
des Themistokles geweiht, endlich eine sitzende 
Athena von der Hand des Endoios (Overbeck, 
Schriftquellen 348 f.), ein Weihgeschenk des Kallias 
(erhalten in dem archaischen Torso: v. Sybel, Katal. 
d. Sc. N. 5002 ?). Diese wohl schon im Bereich des 
Erechtheion aufgestellt, dessen Beschreibung der 
Perieget jetzt, unzweifelhaft von Osten her, beginnt. 

Über die bauliche Einrichtung des Erechtheion 
und der damit eng verbundenen Frage nach der 
Zuteilung der einzelnen Räumlichkeiten an die ver- 
schiedenen Inhaber des Heiligtums (Athena Polias, 
Poseidon-Erechtheus, Pandrosos, Kekrops u. 8. w.) 
8. den besonderen Artikel. Das Erechtheion liegt vor 
der Mitte des Nordabhanges «der Burg auf doppelter 
Terrasse, einer höheren, südlichen, wo ein mit Fels- 
gestein ausgelegter rechtwinkeliger Bezirk, (ler nach 
Westen vorsprang, noch peribolosartig eingehegt 
war, und einer tiefer gelegenen im Norden und 
Westen des Baues (hier das wiederum eingehegte 
Pandroseion), zu welchem von der Nordost- und Süd- 
westecke Treppen herabführten. Westlich vom Pan- 
droseion liegen (vor wenigen Jahren blofsgelegt) 
ausgedehnte, doch unregelmäfßsig gefügte Substruk- 
tionen aus Porosquadern zu Tage. Am Nordrande 
befindet sich der oben (S. 172) erwähnte Treppen- 
gang durch den Felsspalt zur Unterstadt. 

Nah beim Tempel stand nach Pausanias (27, 4) 
die Bildsäule der Athenapriesterin Lysimache, 
deren Epigramm vielleicht zum Teil noch erlıalten 
ist (vgl. Benndorf, Mitt. d. Inst. VII, 47), sodann 
cine grofse Kämpfergruppe aus Erz, die auf 
Erechtheus und Eumolpos bezogen wurde; mit 
Wahrscheinlichkeit erkennt Michaelis darin den be- 
rühmten Erechtheus des Myron (Mitt.d. Inst. II, 85 f.; 
vgl. Taus. IX, 30, 1). 

Ilierauf folgt eine Reihe von Weihgeschenken, 
die wir auf dem vom Erechtheion zu den Propy- 
läen führenden, in seiner letzten Hälfte an Fels- 
einschnitten erkennbaren Wege anzunehmen haben. 
Derselbe führt zwischen die erste und zweite Säule 
der Westhalle von Norden gerechnet hindurch. Aber 
nur eine Standspur auf der Mitte, südlich desselben, 
läfst die Beziehung auf eines der von Pausanias auf- 
geführten Denkmäler zu. Vor der berühmten Athena 
Promachos führt er noch auf (27, 5f.): Bildsäulen des 
Tolmides und seinesSehers; Athenabilder, von 
dem durch die Perser entzündeten Brande der Burg 
geschwärzt; die Gruppe einer Eberjagd; Theseus, 
wie er den Felsen hebt, unter welchem sein Vater 
Aigeus Schuhe und Schwert niedergelegt hatte (eine 
Kopie davon vielleicht auf dem Urkundenrelief beschr. 
v. Duhn, Arch. Ztg. 1877 8. 171 £. N. 104); sodann 
wiederum Theseus mit dem kretischen Stier, 


208 


ein Weihgeschenk der Marathonier, und ein Erzbild 
des Kylon. 

Den Standort der kolossalen Bronzestatue des 
Phidias, gewöhnlich Athena Promachos genannt 
(welche Bezeichnung freilich die älteste Überlieferung 
nicht aufführt, s. Mitt. d. Inst. II, I91£.), glaubte man 
in der viereckigen Bettung nebst Porosresten zu er- 
kennen, welche ca. 30m östlich von den Prupyläen 
gelegen auf einen Unterbau von etwa 5,50 m Durch- 
messer schliefsen lassen. Um dieser Dimensionen 
willen (die jedoch nicht notwendig für die eigent- 
liche Statuenbasis zu gelten brauchen), stellt Löschcke 
(Hist. Untersuch., A. Schäfer gewidmet, S. 45) die Zu- 
gehörigkeit in Abrede, nachdem A. Michaelis (Mitt. 
d. Inst. II, 87 f.) die übertriebenen Vorstellungen von 
der Gröfse des Bildwerkes auf ein richtigeres Mafs 
von ca. 7,50 m, mit Einschlufs der Basis etwa 9 m, 
zurückgeführt hat. (Nicht von Sunion aus waren 
Helm und Lanzenspitze der Göttin sichtbar, sondern 
And Zovviov npoonmA&oucıv Paus. I, 28, 2.) Über 
die Zeit der Aufstellung läfst sich nichts Zuverlässiges 
ermitteln, da Wachsmuth und Michaelis (a. a. O. 
S. 93) die gewohnheitsmälsige Beziehung derartiger 
Kunstwerke auf die Schlacht bei Marathon mit Recht 
zurückweisen. K. Lange (Arch. Ztg. 1881 S. 204 f.) 
bezweifelt selbst die Errichtung der Statue unter 
Kimon und möchte sie nicht älter als die Parthenos 
datieren, doch s. Löschcke a. a. O. Über die Dar- 
stellung der Athena mit Helm, aufgestütztem Speer 
und gehobenem (?) Schild, welcher nach Zeichnungen 
des Parrhasios durch den Toreuten Mys mit einer 
Kentauromachie geschmückt war, vgl. ebenfalls Lange 
a.0. 0. S. 1971. 

Um die Statue war eine grofse Zahl von Bild- 
säulen und anderen Anathemen geschart. 

Auf dem letzten Stück des Weges zu den Pro- 
pyläien mufs, wenn Pausanias die topographische 
Kontinuität gewahrt hat, das nächst der Athena er- 
wähnte cherne Viergerpann gestanden haben, 
welches die Athener zum Andenken ihres Sieges 
über die Chalkidier und Böoter (vom Jahre 509 v. Chr.) 
errichtet hatten. Da ein von Kirchhoff erkanntes 
Fragment der durch Herodot V, 77 überlieferten 
Weihinschrift (©. J. Att. I, 334) die Schriftzüge des 
Perikleischen Zeitalters aufweist, so ist die Quadriga 
erst nachträglich, vielleicht zum Ersatz für ein älteres 
(bei der Invasion der Perser 480 verloren gegangenes ?) 
Anathem, aufgestellt worden. Die Schwierigkeit, 
Herodots Angabe (V, 77): TO dE Apıotepfis xeipdc 
Eonke pWrov elorövri Es TA Tiporbkara Ta ev TA 
AxporröAı mit der Wanderung des Pausanias in Ein- 
klang zu bringen, hat man auf verschiedene Weise 
zu lösen gesucht (vgl. Michaelis, Mitt. d. Inst. 11, 95 £.). 
Wachsmuth, Athen S. 150 Anm. 2 schreibt @£ıövri 
ra T1. Michaelis nimmt den Eintritt vom Erech- 
theion aus, auf dem oben erwähnten Wege an, da 


Athen (Akropolis). 


Herodot kurz vorher die dort bei einer Mauer au! 
gehängten Ketten der böotischen und chalkidische 
Kriegsgefangenen erwähnt habe. Jener Weg führt 
auf das nördlichste Interkolumnium der westliche 
Propyläenhalle; links davon, also immer noch nör 
lich vom mittleren Thordurchgang, würde somit da 
Viergespann gestanden haben. 

Die nun bei Pausanias folgenden Bildwerke, di 
Statue des Perikles (vermutlich von Kresilas Plüı 
XXXIV, 74) und die berühmte lemnische Athen 
des Phidias, mögen im nördlichen Teil der Westhall 
(Perikles auch vielleicht noch aufserhalb) den (obe 
S. 204) zu Beginn der Akropolisbeschreibung in de 
Südhälfte erwähnten Statuen des Diitrephes (ode 
der Hygicia) und der Aphrodite des Kalamis en 
sprochen haben (vgl. Michaelis a. a. O. S. 104). 

Beim Herabstieg von der Burg erwähnt Pausania 
schliefslich noch (28, 4) die sonsther unter deı 
Namen Klepsydra (s. Jahn-Mich. S. 36, 16) bekanni 
Burgquelle am Nordwestfufse der Akropolis ha. 
unterhalb der Propyläen, sodann die Pans- ur 
Apollogrotte. Zu der wertvollen Quelle, welck 
seit den Freiheitskriegen wieder von der starke 
»Bastion des Odysseus« umfalst wird, gelangt ms 
heute an der senkrechten Felswand hin auf 69, ob« 
meist modernen, unten aus dem Felsen gehauen= 
Stufen (s. die Skizze Atlas von Athen S. 22), die te 
weise wieder von nachstürzendem Geröll bedec 
sind. Den unteren Raum nimmt die Kapelle der 
Apostel ein, in deren Hintergrund (südwestlich) m - 
durch ein Brunnenloch etwa 10m tief die Que 
wahrnimmt. Dieselbe, unten vierseitig und mit M= 
morquadern eingefafst, hat einen leisen Abflufs na- 
Westen. (Zuletzt untersucht von Burnouf, La vi 
et l’acropole d’Athen&s.) 

Was die Grotten des Apollo und des Pan * 
langt, so glaube auch ich davon ausgehen zu müssc 
dafs die mittlere und gröfste der drei Höhlungı 
welche in dem Felsen des Nordwestabhanges a” 
einander folgen (die erstere etwas gesondert, oberhr 
der Klepsydra, noch innerhalb der Bastion des Od: 
seus, die beiden andern nur durch einen schmal 
Zwischenraum getrennt, nach Nordwesten blicken 
vgl. Atlas von Athen 8.22 und BI. IX, 4) dem Pa 
vorbehalten bleiben, die des Apollo nach letztes 
bestimmt werden mufs. Dies thut schon Euripid- 
offenbar weil Pan das bekanntere Heiligtum e 
nahm. Die Apollogrotte, wo Kreusa von dem Go? 
umarmt wurde und den neugeborenen Jon aussetz 
wird bezeichnet (Eurip. Jon. v. 938) Zv$a TTavös Adus 
xal Bwuol rmelac. Auch sonst wird die popul# 
Stätte immer sehr bestimmt als rö To0b TTavdc, 
und TA Axponöker omhAaıov bezeichnet (Aristoph. L- 
911, 720; Lucian bis accus. 9, 12). Auf Münzbilde 
der Akropolis erscheint gewöhnlich nur eine HöB 
(vgl. Leake, Topogr. von Athen Taf. 2; Michae” 





„enotexog“ [oxgıy nz I] oney 


\erunıvs woa aucH) 


957 A J109 ayasyuozug aoq 
ie Sr A 2 Re 


rasdnuyv yonu 


sn31v41ad-N3AHIAV 








„iopguguog“ YILSIIMNVE 


Athena. 


Parth. Bl. 15 N. 28—31; nur auf N. 30 ist die öst- 
liche Nebengrotte mit angegeben), unzweifelhaft eben 
die des Pan (vgl. Pan, aus seiner Grotte schauend, 
auf dem Nymphenrelief, Mitt. d. Inst. V Taf.7). Nun 
ist (die von uns bezeichnete, hochgewölbte, einst ver- 
mutlich tiefere IHöhle allein mit überaus zahlreichen, 
runden und viereckigen Nischen für Votivgegenstände 
ausgestattet, und zwar nicht blofs der Hintergrund, 
sondern auch das vom Boden aufragende, stufenartig 
behandelte Gestein auf der rechten, westlichen Seite. 
(Eine Aufräumung des Schuttes durch Bötticher, Be- 
richt 8. 222f. ergab zudem die vier obersten Stufen 
einer Treppe, welche unter der Bastion des Odysseus 
verschwindet.) Mit diesen Spuren vereinigt sich eine 
nicht geringe Anzahl jener Pan, Ilermes und die 
gleichfalls am Nordabhange (s. S. 172) angesiedelten 
Nymphen darstellenden Marmorreliefs (vgl. Michaelis, 
Ann. d. Inst. 1863 S. 312f.; Furtwängler, Mitt. d. 
Inst. III, 199f.), welche auf und bei der Akropolis 
gefunden worden sind (eines auch unterhalb der 
Pansgrotte). Die Angabe (bei IIerod. VI, 105; Paus. 
a.2.0.; Lucian a.a.O.), dafs Pan hier erst infolge 
seiner Hilfe bei der Schlacht von Marathon öffent- 
lich verehrt worden sei, schliefst ein frühzeitiges 
Bestehen dieser von der Örtlichkeit beinahe herbei- 
wezogenen Naturkulte keineswegs aus (vgl. Mitt. d. 
Inst. V, 214 Anm.). Die linke (östliche) Nebengrotte 
hat keine derartigen Spuren der Verehrung aufzu- 
weisen, ınag aber noch zum Paneion gehört haben. 
Für Apollo bleibt dann allerdings nur die sehr 
flache Nische, rechts oberhalb der zur Kleprydra her- 
abführenden Treppe übrig; doch ist die Annahme 
krerechtfertigt, dafs die westliche Partie des Felsens 
gründliche Veränderungen erfahren hat; ao bemerkt 
man dort mehrere, jetzt völlig unzugängliche Fels- 
stufen. Bei der Grotte selbst glaubte Göttling (Ger. 
Abh. -I, 103) noch eine Felsinschrift [A]möAfAwvı] zu 
lesen. Mehrere von Archonten (dem Basileus, dem 
Polemarchen, einmal von dem ypaunarteuc TOU Juve- 
dplfov der Thesmotheten ?) geweihte Votivtafeln (zu- 
sammengestellt von Köhler, Mitt. d. Inst. 111, 144 £.) 
lehren uns den Kultnamen des Gottes: '"AnsAAwv 
‘Ynaoxpaiog oder Um’ Axpaıs kennen. Zugleich glaubte 
kihler die Veranlassung zu «diesen (privaten) Stif- 
tungen aus der Nachbarschaft des Thesmothesion 
‚8. S. 164), als des gemeinsamen Speiselokals jener 
Beamten herleiten zu dürfen, die also in Apollo ge- 
wissermafsen ihren Tischpatron verehrt hätten. 
Die Häfen Athens werden in einem beson- 
deren Artikel »Peiraieus< behandelt. [Mh] 
Athena. »Das schwer zu ergründende Wesen 
der Pallas Athena hat besonders darin seinen Mittel- 
punkt, dafs sie als ein dem Himmeclsgotte eng ver- 
wandtes, reines und erhabenes Wesen, als eine Jung- 
frau aus ätherischer Höhe gedacht wird, welche in 
dieser Welt bald Licht und Wärme und gedeihliches 
Denkmäler d. klass. Altertums. 


. die in Zeus aufgenommene und 


209 


Leben verbreiten! auftritt, bald aber auch feind- 
selige Wesen (namentlich die wunderbar mit ihr 
zusammenhängende Gorgo) vernichtet. Wenn aber 
schon in dieser ältesten Anschauungsweise Physi- 
sches und (ieistiges eng verbunden und diese 
ätherische Jungfrau zugleich als Zeus’ Verstand, als 
wiedergeborene 
Metis (nach Tesiod) gedacht wurde, so überwog, 
dem allgemeinen Entwickelungsgesetze des griechi- 
schen Lebens gemäfs, in der Homerischen Zeit 
durchaus die letztere Vorstellung; und Athene war 
die Göttin kräftigen Wirkens, hellen Geistes ge- 
worden, eine Beschützerin jedes Standes und jedes 
Menschen, der Tüchtiges mit Besonnenheit angreift 
und vollbringt.< Diese inhaltreiche Zusammenfassung 
O0. Müllers (Archäol. $ 368) ist von der mythologi- 
schen Forschung noch nicht überholt worden. Wenn 
Athena in einzenen Mythen ersichtlich nur den 
reinen Himmel als Tochter des Wolkenversammlers 
Zeus symbolisiert, so hat auch die volkstümliche 
Vorstellung schon frülı der Göttin eine geistige und 
sittliche Machtstellung verliehen, welche an Tiefe 
und Vielseitigkeit über die des Gröttervaters fast 
hinausgeht. Ist Zeus der Gott der Volksgemeinde 
und des natürlich zusanımengehörigen Stammes, so 
yilt Athena als die Vorsteherin und Schützerin der 
ersten künstlichen Rechtsgemeinschaft, der zur Pflege 
gemeinsamer Wohlfahrt erbauten Stadt, deren Mauern 
sie hütet (Polias und Promachos), deren Werkthätig- 
keit sie fördert (Ergane), deren Jugend sie erzieht 
.Kurotrophos), deren Kriegern sie Sieg verleiht (Nike). 
Dazu sorgt sie fast mütterlich für die Pflege der 
Könige (Eriehthonios) und leitet die Volksberatungen 
(BovAulu, dyopaiu). Die Kunstthätigkeit der Männer, 
sowie die Künste der Frauen geniefsen ihres Schutzes, 
und der von ihr gepflanzte Ölbaum ist für alle Zeit 
Symbol der Segnungen des Friedens geworden. 

Die älteste Forım der Athene in Kultusbildern 
erscheint uns in schriftlicher wie in bildlicher Über- 
lieferung als eine doppelte: stehend und sitzend. In 
sitzender Gestalt ist nach deutlichen Stellen Homers 
Athena im troischen Tempel zu denken, welcher bei 
Bedrängnis der Stadt die Frauen einen Peplos auf 
den Schofs legend darbringen (Z 92, 304 ‘Alnvains 
enl Yobvagıv Auxöuolo), was jedoch schon den Ale- 
xandrinern auffiel, da das stadtschützende Palladion 
von Troja, welches Diomedes raubt (s. »Palladion- 
raub«), regelmäfsig stehend gebildet wurde. Alte 
Sitzbilder der Stadtgöttin aber führt bei Besprechung 
(les Falles Strabon X, 601 auch aus Phokaia, Massaliu, 
Rom, Chios und anderen Städten an und Pausanias 
VII, 5, 9 bexschreibt das Bild der Athena Polias in 
Erythrai, welcher dem Athener Endoios zugeschrieben 
wurde, als kolossal thronend, in jeder Hand eine 
Spindel, auf dem Haupte den Polos. Von demselben 
Künstler Endoios war in Athen ein Sitzbild der 

14 








210 Athena. 

Göttin, welches Kallias weihte (Paus. I, 26, 4) und | a. a. 0. 14, 47) bezeugt ist. Vor der Göttin steht 
welches man nicht ohne Wahrscheinlichkeit in einem ein anscheinend aus Ziegeln (vielleicht aus unge- 
altertümlichen Sturze wiederzuerkennen glaubt, der brannten, wie Paus. VI, 20, 7) aufgebanter Altar, 


in Art. »Bildhauerkunst, archaische« behandelt wird. 
Wührend nun Gerhard (über die Minerve 
Athens in (es. Abhandl. I, 229) in diese 
von welcher auch Abbilder als Thon 
oft in Gräbern und sonst vorfinden, die atlıeni 
Polius zu erkennen glaubte, hat Jahn {de antiqui 
eris attieis, Bonn 1866) durch 















von schutzflehender Umschlingung des Götterhildes 
(Aeseh. Eum. 79, 258; Eur. Eleetr. 1250, von Über- 
deckung des Schützlings durch den Medusenschild 
(Burip. fragmı. ap. Lyeurg. adv. Lever. 100} und von 
Wehrbaftigkeit der Stadtgöttin, welcher der Peplos 









schriftlichen Zeuzmisse, welche | 


vor welchen die Priesterin in lngeın bunten Chiton 
steht, in heilen Händen Zweige haltend, mittels 
deren sie augenscheinlich den Altar mit Wasser be- 
sprengt und für das bevorstehende Opfer reinigt. 
Drei Männer schreiten heran mit einer Kuh, welche 
der letzte am Stricke führt, als Opferschlilchter, 
welcher nur mit einem Schurz bekleidet ist, während 
die beiden anderen, ein junger und ein alter in den 
Chiton gekleidet sind. Die auf der Rückseite des 
Gefäßen (hier nicht mit abgebildet) schreitenden zwei 
Zätherspieler im langen und zwei Flötenspieler im 
kurzen Gewande sind als zugehörig zu diesem Fert- 


















zuge zu betrachten, dessen typisch verkürzte Dar- 
stellung der Gewohnheit aller 
Vasenmalerei_ entspricht. 


























Palladienähnlich gestaltet int 
auch ein auf Melos gefun- 
denes Marnorreliet, welches 
in archaisierender Arbeit eine 
gleich der ephesischen Artemis 

| eingewickelte  Athenastatue 

| mit Helm, Schild und ge- 
zückter Lanze wiedergibt und 
durch Beifügung der Schlange 
und der Eule auf athenischen 
Ursprang hinweist; das Bild 
kehrt genau ro wieler auf 
einer Münze von Melor. Nicht 
anders geforınt war (ebenfalls 
nach einer Münze) die apar- 
tanische Athena Chalkivikos, 























164 Opfer für Athena, 


gewoben wird (Arist. Av. 826) reden, ferner durch 
Iferanzichung der Dresdener Pallax (x. » Archaisierende 
Bildhauerei«) höchst wahrscheinlich gemacht, dafs 
das älteste Bild der athenischen Polias, das 
Tempelbild im Erechtheion {dessen ältester Typus 
auch vom Himmel gefallen war, Paus. 1, 27, 0), ein 
Schnitzbild (£öavov Apollod. IL, 14, 6, 6; aus Oliven- 
holz durch denselben Endoios und zwar in aufrechter, 
wehrhafter Stellung gebildet war {wie dies die Unter- 
scheidung bei Athenagaras ler. pro Christ. 14: TO 
amd räg &Aalug rö muAaröv kai rıhv kadnuevnv "Evdoios 
eiprdoaro schem andentet; vgl. Plin. XV1, 213). Man 
hat sich das Bild denmach p 
weiterer I) 

athenai: 

unter > 
































denken. Die diunit völlig 





gleich eine Darstellung de 
kleinen Panatlienäen, welcher inschriftlich (s. Jahn 





une so wie dasjenige auf den pan- ! 
ns. Bild und Beschreibung | 


welche eigentlich Poliuchos 

hiefs, Pausanias I, 17, 2. 
! (Abbildungen bei Jahn a. a. O. Taf. 3.) Mehrere 
! Reliefs, welche einen siegreichen Krieger oder Fell- 
herrn gegenüber der Nike einer auf schlanken 








umwundenem Postamente stehenden speerbewehrten 
Athena opfernd darstellen (Wieseler I, 12,48; Jahn, 
HT, 1), vermitteln jedenfalls den Über- 





Taf. I, 
gang zu der Athena Nike, welche ursprüng- 
lich nur eine besondere Seite der atadtschütsenden 
Göttin, später als selbständiges Wesen sich von 
ihr loslöste und, wie gesonderte Verehrung, so auch 
selbständigen Ausdruck in der Kunst fand; a. »Nike« 
und «Niketempele. Athena Niko wird auf Münzen 
mit großsen Flügeln gebildet; ®. Wieneler, Alte 
Denkm. 1, 220 #. Dafs ihr Bild aber in älterer 
Zeit geradezu eine Siegestrophäe war, welche der 
Athena galt, wie in anderen Füllen dem Zeus (Eur. 
Phoen. 1487 Aıdg Bperag Tpomalov orficaı, Heracl. 987, 
Phoen. 1181), zcht aus den eben angeführten Reliefs 
und einem in Megara gefundenen Vasenbilde mit 
i roten Figuren (Abb. 165, nach Jahn a. a. O. Taf. IU,2) 











Athena. 


hervor, welches Jahn a. a. O. gewifs richtig gedeutet 
hat. Um ein Siegeszeichen, zusammengesotzt aus 
Waffenrock, Helm, Schild und Lanze, genau so wie 
es auf einer pergamenischen Münze mit der Um- 
schrift Aönväg vıxnpöpou erscheint, ist aus rohen 
Steinen eine Aufschüttung errichtet, welche zugleich 
als Altar dienen mufs, zu welchem von linksher ein 
Jüngling in Chlamys und Spitzhut einen bebänderten 
wild springenden Stier, von rechts ein andrer mit 
bekränzteın Haupte einen Widder (dessen Kopf durch 
Beschädigung des Gefäfses verloren gegangen ist) 
herbeiführt und zugleich einen Korb mit Früchten 
trägt. Stiere und Schafböcke nennt als Opfer für 
Athena in Athen schon Homer B 547. Der bekränzte 





211 


derbe Wiederholungen dieses Typus zu betrachten, 
in welchem Athena steta schwer bekleidet, sowie mit 
Helm, Ägis und Lanze bewehrt erscheint, lang von 
Gestalt und anmutlos in den Gesichtezügen, eine 
über die zarte Weiblichkeit erhabene Herrscherin, 
deren Erscheinung allein die befreundeten Krieger 
belebt, die Feinde scheucht und niederschlägt. 

Das Dunkel, welches über die älteren Athenen- 
bilder in Athen — und an anderen Orten — noch 
immer herrscht, hat seinen Grund vornehmlich darin, 
dafs die Schöpfungen des Phidias, namentlich die 
Parthenos und die Erzatatue der sog. Promachos, 
welche im Art. »Pheidias« eingehender besprochen 
werden, alles frühere in Vergessenheit brachten und 

















105 Siegesopfer. 


Jüngling links auf dem Bilde repräsentiert die Volks- 
menge. Die herbeifliegende weibliche Fiügelgestalt 








ht in den Händen eine Siegesbinde, um das 
Denkmal zu schmücken. Eine ültere athenische 
Münze (bei Jahn a. n. O. III, 3) zeigt auch zu beiden 
Seiten der Eule ein Tropaion. — Fine klassische 
Vorstellung des älteren Athenenideals, soweit das- 
selbe nicht durch Kultuarticksichten beeintrichtigt 
wunle, sondern als freie dichterische Schöpfung der 
bildenden Künstler auftritt, gewährt vor allem die 
Mittelgruppe im Westgiebel der Aeginetika; s. »Bil 
hanerkunst, archaischee; wonelbst auch die Kopf- 
dung einer anderen archaischen Figur besprochen 
wird. Ähnlich ein Torso in Villa Albani und eine 
selinuntische Metope, Wieseler, Alte Deukm. I, 34; 
11, 230. Ältere Vasenbilder, deren viele hier ge- 
geben werden (s. besonders »Heraklese), sind als 









ike selbst in der gewöhnlichen Bildung) trug viel- | 





(Zu Seite 210.) 


allein noch durch acht Jahrhunderte imitiert und 
nach dem jeweiligen Zeitgeschmacke iminerfort 
variiert wurden. Du Phidias aufser den genannten 
noch eine streitbare Athena (Apela) für Platiüt und 
eine liebliche (xuAAipoppog) für die Lemnier, im 
ganzen aber acht Athenastatuen arbeitete, womit 
die bedeutendsten Charakterseiten wohl erschöpft 
waren, so ist es sehr schwierig und bislang noch 
nicht gelungen, das Eigentumsrecht selbst hervor- 
ragender Künstler, wie z. B. Skopas, welche Bilder 
der Athena verfertigten, an Inen Fortbildungen 
und Abweichungen, welehe sich uns aus dem er- 
haltenen Material aufdrängen, nüher nachzuw« 
Im allgemeinen kam die absolute Bedürfnislo: 
der Jungfrau, welche nicht altert, aber auch nie 
jung war, dem Drange der jüngeren attischen Kunst- 
blüte nach pathetischer Auffassung durchaus nicht 
entgegen, und jeder Versuch, die ruhigen ernsten 























Athena. 


212 





Dallas Athene in München. (Zu Seite 213.) 


166 


Athena. 213 


‚ Sehnsucht zu füllen, den klaren Blick 
idenschaft zu trüben, mufste mifslingen. 
ler allmählichen Verlängerung des vorher 
Den Antlitzes, wie in der männlich schlanken 
ler Hüften macht sich die veränderte Rich- 
Zeit bemerklich. Spätere Künstler gerieten 
ı leicht in Versuchung, durch zierliche An- 
rch süßsliches 
ndRingellöck- 
Göttin neue 

zu werben, X} 
ı seiesdurch ©) 
‚hung undVer- 
‚sei es durch 
Übertreibung 
hen Züge den 

der Formen 
a wollen. Zu- 
lt man in der 
Masse römi- 
Yarstellungen, 
ıseren Haupt- 
smachen, wie 
lischen Miner- 
gestellte Göt- 
kriegerischen 
ner mehr un- 

und zur ab- 
'ertreterin des 
ia, der Künste 
chaftenherab- 

als Göttin der 

in einer oft- 

% nüchternen 
g zu enden. 

den vorhan- 
ıt erhaltenen 
ıgen des Ko- 
at nach allge- 
Irteil den er- 
g ein die al- 
Kolossalbüste, 
er Münchener 
ık N.92 (Abb. 
Photographie), 
a Gebiet von 187 Pallas 
‚ im Landhause eines vornehmen Römers 
und aus pentelischem Marmor, also wohl in 
arbeitet worden ist. »Die Betrachtung der 
des Bruststücken zeigt, dafs dieses Werk 
Fragment einer Statue, sondern ursprünglich 
gearbeitet und nur auf einen neuen Fuls 
ist. Die Anlage stimmt ganz mit der be- 
jtatue der Pallas von Velletri (s. unten). 
ıle mit zwei Reihen von Schlangen besetzte 

vorn durch das Gourgoneion zusamnen- 





gehalten. Der Kopf ist mit dem korinthischen, nach 
hinten zurückgeschobenem Helme bedeckt, auf dessen 
Grat eine Schlange ruht. Das nach den Seiten ge- 
strichene Haar füllt, im Nacken mit einem Bande 
umgeben, lang nach hinten herab, der Blick ist 
etwas nach unten gerichtet. Die Augen sind einge- 
setzt und waren offenbar ursprünglich in farbigen 
Stoffen gebildet. Der 
Typus weicht von den 
des Kopfes N. 86 (s. 
unten) bedeutend ab 
und zeigtein längliches, 
in den Wangen weniger 
volles Gesicht, das sei- 
nen Ausdruck besonders 
durch den ruhig beol- 
achtenden, gleichmäfsig 
nach vorn gerichteten 
Blick des leise geneig- 
ten Hauptes und durch 
die bedeutend hervor- 
tretende Stirn erhält, 
während das Zurück- 
weichen der Profillinie 
nach dem Kinn zu 
durch das Zurücktreten 
des Helmes nach oben 
völlig harmonisch aus- 
geglichen wird. Die 
Schärfe in der Bezeich- 
nung der Formen, na- 
mentlich der Augen- 
brauen und die geringe 
Weichheit der fleischi- 
gen Teile deuten auf 
die Nachbildung eines 
Bronzeoriginales. Die 
Ausführung selbst ge- 
hört der guten römi" 
schen Zeit an und läfst, 
wenn sie auch die Fein- 
heit des echt griechi- 
schen Meifsels nicht 
erreicht, doch den Ty- 
pus dieser Gattung von 
von Velletri. Pallasbildungen so rein, 
wie kaum ein andrer uns erhaltener Kopf erkennen.« 
(Brunn, Katalog d. Glypt.) Der früheren Meinung, 
welche in dieser Büste und der mit ihr überein- 
stimmenden Kolossalstatue im Louvre (deren kleine 
Umrifszeichnung wir hier, Abb. 167, nach Braun, 
Vorsch. z. Kunstmyth. Taf. 60, folgen lassen) eine 
Kopie nach Phidias sah, steht Aufserlich allein schon 
die Form des hohen korinthischen Visierhelmes ent- 
gegen, indem die attischen Münzen regelmifsig den 








niedrigen anschliefsenden Helm mit einem blofsen 
14* 


214 


Athena. 





168 Athena in München. (Zu Seite 215.) 


Schirm zeigen. Diese 9" 
Fufs hohe Statue wurde bis 
auf einige Finger unversehrt 
im Jahre 1797 in den Ruinen 
eines Landhauses bei Velletri 
gefunden und nach Paris ver- 
kauft. Man glaubt, dafs die 
Göttin in der Linken eine 
Nike, in der Rechten den 
Speer hielt, beides natürlich 
von Bronze. »Die schlanke 
Gestalt (sagt Braun, Vorsch. 
zur Kunstmyth. $.38) erhält 
durch die hohen kothurnäln- 
lichen Sandalen, auf denen 
sie einherschreitet, und den 
spitz emporgetürmten Helm 
ein wahrhaft riesenmäfsiges 
Aussehen. Dieses wird noch 
dadurch gehoben, dafs die 
ganze Körperlänge trotz der 
doppelt aufgelegten Gewand- 
ınassen ein sehr schmales 
Verhältnis darbietet. Einer 
hoch aufragenden Säule 
gleich steigt die aufrecht- 
stehende Gestalt mit fest 
eingehaltenen Parallelen der 
Hauptumrisse bis zu den 
Schultern empor, und da 
der linke Oberarın ebenfalls 
innerhalb der Grenzen «dieser 
Linien verbleibt, so gewinnt 
dadurch die gunze Erschei- 
nung einen noch geschlosse- 
neren Charakter. — Bei wie- 
derholter Betrachtung der 
Figur bietet jedes Falten- 
motiv, jede Bewegung einen 
gänzlich veränderten Anblick 
dar. Über den lang herab- 
wallenden, unter der Brust 
mit Schlangen gegürteten 
Chiton fällt von der linken 
Brust der Peplos herab, den 
sie mantelartig umgeworfen 
und an der Seite befestigt 
hat. Die feierliche Ruhe, in 
welcher die Göttin verharrt, 
wird nur durch Vorschreiten 
des rechten Fufses unter- 
brochen, durch welehen die 
Faltenmassen des zurückge- 
schlagenen Mantelumwurfs 
nach dieser Seite hin gezogen 
werden. Sehen wir von der 





Athena. 


raffinierten Eleganz der Marmorarbeit ab, die unter 
dem Einflufs des zur Zeit der ersten Kaiser aufge- 
konmenen Geschmackes steht, so enthüllen sich uns 
nach und nach die hohen Schönheiten der Anordnung 
der Gewandpartien und des überaus schön geregelten 
Linienspiels.« 

Ein ähnliches Gewandmotiv, doch noch entschie- 
dener friedlichen Charakter zeigt die lebensgrofse 
Statue der Münchener 
Giyptothek N.86 (Abb. 
168,nachPhotographie), 
‚über welche Brunn sich 
äußert: »Die Göttin, 
auf dem linken Fulse 
ruhend, ist mit einem 
Amellosen, gegürteten 
Chiton bekleidet, über 
dem sie einen Mantel 
trigt, der um die Hüf- 
ten geschlagen ihren et- 
was nach hinten in die 
Seite gestemmten lin- 
ken Arm ganz einhüllt. 
Die Brust bedeckt die 
schuppige Ägis, die in 
der Mitte geteilt durch 
das Medusenhaupt zu- 
sammengehalten wird. 
Die Rechte ist in der 
jetzigen Restauration 
hoch erhoben und stützt 
rich auf einen Speer. 
Die Behandlung desGe- 
Wandes unter der Achsel 
und eine etwas weiter 
unten befindliche, jetzt 
abgearbeitete, runde 
Stütze zeigen aber, dafs 
© ursprünglich gesenkt 
wer; und ein kleines 

sch und ein Metall- 
FE auf der Ägis füh- 
n auf die Vermutung, 
Als die Göttin auf der 
Nard eine kleine Vic- 








169 Athena mit dem Löwenhelm. 


215 


Hieran schliefsen wir noch die Abbildung einer 
Statue, welche höchst eigentümlicher Art und noch 
besonders dadurch ausgezeichnet ist, dafs Winckel- 
mann an ihr, wie zahlreiche Erwähnungen in seinen 
Werken beweisen, seinen Begriff vom »hohen Stil« 
und dessen »strenger Grazie« durch tägliche An- 
schauung in der Villa Albani abstrahierte und sie 
unbedenklich der Zeit des Phidias zuschrieb. Die 
Athena mit dem Löwen- 
helm (Abb. 169, nach 
Photographie), an wel- 
cher die nackten Teile 
beider Arme ergänzt 
sind, hat, was selten 
ist, einen unversehrten 
Kopf: »es ist derselbe 
auch nicht durch einen 
scharfen Hauch verletzt 
worden, sondern er ist 
so rein und glänzend, 
als er aus den Händen 
seines Meisters kam.« 
Wir geben den Kopf 
noch besonders (Abb. 
170) nach neuester Pho- 
tographie. Mit Winckel- 
mannsAnschauung, dafs 
dies Werk oder sein Ori- 
ginal aus der Zeit des 
Phidias stamme, stimmt 
u. A. Friederichs, Bau- 
steine N. 86, der die 
Statue beschreibt. »Dies 
Bild schildert uns die 
Göttin nicht als ernst 
sinnende Jungfrau, wie 
etwa in der Münchener 
Büste, sondern. als die 
Göttin der kriegerischen 
That. Während jene 
in der Stellung stiller 
Sammlung dusteht, ent- 
fernen sich hier die 
Arme energischer vom 
Körper und der Kopf 


“ria, hielt, deren Flügel die Brust der Göttin be- | muchteineentschiedenere Wendung. Auch dasLöwen- 


"hrten. Der Kopf ist zwar alt, aber nicht zur Statue 
Rhösrig; und da seine Formen auf eine leichte Neigung 
ch vorne berechnet sind, so macht er in seiner 
ziggen, etwas zu schr nach oben gerichteten Stellung 
Ren unerfreulichen Eindruck. An sich betrachtet 
"heinterauf einen Typus der streng erhabenen Kunst 
"ürtickzugehen, während (lie Statue nicht nur in ihrer 
Nittelmäfsigen Ausführung die spätere römische Zeit 
verrät, sondern auch ihrer Erfindung nach von einem 
jingeren Originale abgeleitet scheint < 


fell, das die Göttin statt des Helines über den Kopf 
gezogen hat, verstärkt diesen Eindruck, wie auch 
Homerische Helden, z. B. Agamemnon, ein Löwen- 
fell umwerfen, um das Kriegerische ihrer Gestalt zu 
heben, wie wir in der Kunst die Amazonen und 
Artemis mit einem Fell umgürtet sehen. Die Statue 
ist im geraden Gegensatz zu späterer Schlankheit 
kurz und untersetzt, die Falten des Gewander sind 
straff und scharfkantig, ja selbst das Motiv der Ge- 
wandung, indem das Obergewand nicht frei umge- 





216 


worfen, sondern auf einer Schulter befestigt ist und 
die andere frei läfst, erinnert sehr an viele altertüm- 
liche Statuen. Auch der Kopf mit seinem «pröden, 
herben Ausdruck hat unter den altertümlichen 
Göttertypen seine Analogien und das Profil nähert 
sich noch demjenigen des altertümlichen Stiles, in 
welchem Nase und Stirne mit einander einen Winkel 
bilden, der im vollendeten Stil fart ganz verschwindet.« 

Von sonstigen hervorragenden und bekannten 


Statuen der Athena (Clarac hat geren hundert ab- ! 


bilden lassen) mögen folgende genannt werden: die 
kolowsale in Kassel (ubgeb. Bonillon I, 24), beson- 
ders belobt, wegen ausgezeichneter Bildung des Ge- 
wandes und der Ägis; zwei in Dresden (Becker, 
Augusteum I, 14, 15); Pallas Giustiniani im Va- 
tican, friedlich, mit der 
Schlange zur Seite, frü- 
her als Nachbildung der 
Parthenos der Phidias 
angesehen unı hoch ge- 
priesen, jetzt minder 
geschätzt (Friederichs, 
Bausteine I, N. 725); 
eine rütselhafte,' ganz 
mit Schleier verhüllte in 
Villa Albani »das ver- 
schleierte Bild von Sais« 
(Clarac p1.457,903); die 
Athena Ludovisi des 
Antiochos (Mon. Inst. 
II, 27) von altertüm- 
lichem Typus; die far- 
nesische in Neapel 
(Braun, Vorsch. zur 
Kunstmyth. Taf.64), in 
majestätischer Haltung, 
»die geistvolle Nachbil- 
dung eines rchr be- 
rühmten Originals«; die auf dem Capitol (ebdas. 
Taf. 62) in ruhiger Haltung und von hoher strenger 
Schönheit. Über das Athenabild auf der Gemme des 
Anpasios ». »Steinschneidekunst«. 

Eine Klassifikation der Athenabilder nach dem 
Prinzip der Gewandung ist angedeutet bei Müller, 
Archäel. $ 370, die Durchführung versucht in der 
Abhandlung von Bernonilli über die Minervenstatuen, 
Basel 1867. Auch die Gruppierung nach Prädikaten 
und Attributen unterliegt einigen Schwierigkeiten, 
da das Verhältnis beider Merkmale, abgesehen davon, 
dafs die Extremitäten der Bilder mit dem Beiwerk 
schr oft zerstört sind, vielfältig unsicher ist. Im 
allgemeinen wird die atreitbare Kriegerin durch 
vollständige Bewaffnung und ausschreitende Stellung, 
durch erhobenen Schild, namentlich aber durch die 
Bekleidung mit dorischem Chiton mit den Über- 
schlag (Ienidiploidion), aber ohne Mantel, leicht 

















170 Kopf derselben Athena. (Zu Reite 216.) 





Athena. 


erkannt; z. B. zwei Dresdener Statuen (bei Claraı 
pl. 464, 866, 868), die Minerve au collier im Louvn 
(ebdas. 319, 846), eine sehr bewegte im Vaticaı 
(ellas. 463, 865 — Braun, Vorsch. z. Kunstmyth. 68: 
eine hereulanensische Bronzestatue, welche die Ä; 
als Schild gebraucht (Braun 67 — Wieneler 1, 
Athena Krannia eoxevaouevn dis € ndxnv, derer 
Schild dem der Parthenos des Phidias nachgebille 
war, bei Paus. X, 34, 4. Auf Gemmen und Münzeı 
findet sie sich mit Schlangen angreifend und blit» 
schleudernd (Millin, G. M. 37,136). Als siegreich: 
trägt rie die Nike auf der Hand, wie die Partleno 
des Phidias und auf der Münze Millin, G. M. 36, 135 
auf Vasenbildern fliegt ihr Nike entgegen mit de 
Siegesbinde. Eine späte Abstraktion erscheint iı 
der Friedenbringerin (vi 
xnpöpog) ehulas. 37,131 
welche die umgekehrt 
Kriegsfackel auf der. 
Altare löscht. Weitere 
#. »Niko«, — Der fried 
lichere Charakter 
den wohl die meiste: 
Tenıpelstatnen aufwic 
sen (vgl. Lucian. dom: 
26), zeigt sich in de 
volleren Gewandung, in 
dem ein Himation ent 
weder nur um die Hüt 
ten geschlungen ist un 
die linke Schulter deck 
(Athena Velletri) ode 
zugleich den ganzen lin 
ken Arm einhüllt, wi 
oben Abb. 168 u. Clara: 
Muse p1.467, 879. De 
niedergesetzte Schild 
namentlich aber de 
(seltene) Mangel des Helms oder der Ägir (Mus. Chiar 
I, 12 u. 14) ist an sich bezeichnend genug; ebens 
wenn die Göttin den Helm in der Hand (Wiesele 
1, 42) hält oder er auf ihrem Schofse oder neben ih 
steht (Schöne, Griech. Reliefs N. 91, 92), noch neh 
wenn sie den Ölzweig trigt (Millin, G. M. 37, 138\ 
Die Abstraktion der Rednerin auf dem Marktı 
(&yopafa, Paus. III, 11, 8) erkennt man in einiger 
Statuen, namentlich der im Louvre bei Clarac Museı 
pl. 320, 871, welche die eine Hand auf die Hüft« 
aufstützt, die anılre in demonstrierender Weise vor 
streekt und dabei den Kopf mit eigenem Ausdruch 
neigt. Ein schönes Bild bei Braun, Ant. Marmor 
werke Taf. I. 

Die Athena äpynrerig, welche nach Schol. Arist 
Av. 515 eine Eule auf der Hand trug, erkennt mar 
in einer Statue, Münzen und kleinen Bronzen 
8. Wieseler II, 219; v. Sacken, Wiener Bronzer 

















Athena. 


Taf. V,4; auf Vasen Tischbein III, 33; Gerhard, 
Trnxakschalen pl. 13, Mon. Inst. II, 34; vgl. Schöne, 
Griech. Reliefs N. 87. 

Die Werkmeisterin Athena (Epyavn), welche 
in Sparta einen Tempel hatte (Paus. IIl, 17, 4), ist 
in ihırer sichersten Darstellung auf dem Friese am 
Forum des Nerva als kolossales Relieflild mit langem 
Ärmnelchiton und sehr breitem Gürtel, dazu einem 
wallenden Mantel charakterisiert. Die Ägis fehlt: 
dagegen trägt sie den Helm und hebt den Schild 
mit der Linken; die rechte Hand mit etwaigem 
Attribute ist abgebrochen (Braun, Vorschule z. 
Kunstmyth. Taf 63). Als Ergane erklärt man auch 
eine von dem Widder getragene Athene mit der Eule 
auf der Hand, Gemme bei Wieseler II, 225; eine 
Erzstatuette im Münchener Antiquarium, deren Arm- 
haltung die Spinnerin verrät, 8. Lützow, Münchener 
Ant. Taf. 10, 3; Wiener Bronzen Taf. 9; obwohl 
kein litterarischer Beleg vorhanden zu sein scheint. 
Umgekehrt gibt Paus. VI, 26, 2 den Hahn als ihr 
Attribut an (wegen der Wachsamkeit?), der auf 
Kunstwerken noch nicht nachgewiesen ist. Eine 
Strenge Charakteristik der Göttin für diese immer- 
hin niedere Sphäre unkriegerischer Handarbeit hat, 
mit Ausnahme der Weglassung der Ägis, wohl nicht 
Stattgehabt; Abbildung 8. »Argonauten« 8. 122. 

Auf den Beinamen Hygieia als Heilgöättin, 
Welcher Perikles bekanntlich ein chernes Bild weihte 
(Plut. Per. 13; Plin. 22,40; vgl. Brunn, Künstlergesch. 
» 264), bezieht man mehrere Darstellungen, wo 
Athena die sich an ihr emporringelnde Schlange aus 
der Schale tränkt, z. B. auf der barberinischen Kan- 
delaberbasis, Braun, Vorsch. z. Kunstmyth. Taf. 69. 
Neuerdings hat Michaelis in Mitteil. arch. Inst. Athen 
1, 286 die schöne Kasseler Statue auf diesen Typus 
Zurückgeführt. 

Die Kinderpflegerin Athena ist mit dem Mythus 
des Erichthonios verflochten ; s. »Erichthonios«. 

Als Erfinderin der Schreibkunst sehen wir 
Athena voll gerüstet auf zwei Vasenbildern in das 

Ptychon mit dem Griffel etwas einzeichnend, 
#genüber einem erstaunten Mann (Palamedes?), Elite 
“@ranıogr. I, 77; Mon. Inst. I, 26, 6. 

Die musikalische Athena (novowr auf atti- 
schen Inschriften) gab Anlafs zur Benennung der 
Statue des Demetrios (aus bester Zeit, Brunn, 
Künstlergesch. I, 256), an welcher nach Plin. 34, 76 
‚die Schlangen des Gorgoneion beim Anschlage der 
üither mit Getön wiederhallten«, was unklar bleibt. 
Yor Dionysos steht sie in voller Rüstung Zither 
spielend, bei Gerhard, Auserl. Vasenb. I, 37. Über 

ihre Verachtung der Flöte s. »Myron«. Mit Apollon 
und den Musen vereint finden wir sie erst bei den 
Römern, Mus. Pio-Clem. IV, 14. 

. Das hanptsächlichste Attribut der Athena in der 
Kunst ist die Ägis, nach Starks genauer Be- 


217 


schreibung »ceine weiche, zottige, der Ziege ent- 
nommene oder mehr schuppenartig gebildete, auf 
eine Schlange oder ein schlangenartiges Ungeheuer 
zurückgeführte Tierhaut, ausgestattet meist mit einem 
Troddelrand züngelnd sich erhebender Schlangen 
und den: starren, mietallenen kleinen Brustschild 
eines Gorgonenkopfes, als Waffe, aber nicht zum 
Schlagen oder Stofsen, wohl aber zum Schrecken 
durch Bewegung geeignet, ein altertümlicher Panzer 
oder Lederwams, Lederrock (aiyis wird mit loriea 
zusammengestellt von Servius ad Verg. Aen. VIII, 435; 
lie Lakedämonier nannten aiyic den YıbpaE nach 
IHlesych. s. v.), auch die Stelle der Chlamys ver- 
tretend, seltener als Schild aufgefafst.; sie weist auf 
Wolkendunkel und heftige Luftbewegung.« Während 
sie bei IIomer Eigentum des Zeus ist, wird sie später 
und namentlich auf Kunstwerken diesem _ selten, 
fast: regelmäfsig aber der Athena zugeteilt. Herodot 
(IV, 189) will dies von der Tracht libyscher Frauen 
herleiten, welehe um ihre Kleidung Ziegenfelle mit 
Troddeln (#Öoavoı) warfen. Das in älteren Kunst- 
darstellungen grofse und breite Fell, welches meist 
die ganze Brust nebst der linken Seite deckt und 
auch über den Rücken herabhängt, wird häufig 
ringsum mit einem Kranze sich ringelnder Schlangen 
umgeben, welche als Franzen und Troddeln fungieren, 
insbesondere bei Palladien ; später fällt dies weg und 
der Ledermantel schrumpft immer melhır zu einem 
Brustschilde mit zierlich kleinem Gorgonenhaupte: 
zusammen. Bei der Bekämpfung des Enkelados 
wird die Ägis häufig über den linken Arm hängend 
als Schild benutzt; bisweilen trägt die Göttin den 
kleinen Erichthonios darin. Stark, Süchs. Ber. 1864, 
196 ff. 

Unter den die Göttin betreffenden Mythen ist 
ein vorzugsweise in der älteren Kunst beliebter Stoff 
die Geburt der Athena aus dem Haupte des 
Zeus, vielleicht zunächst nur auf einem sprachlichen 
Mifsverständnisse (wie so manches im Märchen) des 
uralt indogermanischen Mythus beruhend, indem ur- 
sprünglich Athena auf dem Gipfel des Götterberges 
unter Donner und Blitz als der klare, entwölkte 
Himmel erschien (Ilynın. Apoll. Pytlı, 131 ev xopupfl 
mit den Handschriften zu lesen, vgl. Bergk, Jahns 
Jahrbb. 1860, 302), dann aber in der Volksvor- 
stellung nach lokaler Willkür allmählich anthropo- 
morphisch auseeschmückt. (Man bemerke nament- 
lich die Schwankung in der Wahl der Geburtshelfer.) 
Auf einer ganzen Anzahl von älteren Vasenbildern 
finden wir den Moment der Geburt selbst darge- 
stellt, sowie wahrscheinlich auch auf einem Gemälde 
des Kleanthes (Strab. 343; Athen. 346) und in einer 
Gruppe auf der Akropolis Athens (Paus. I, 24, 2: 
Alnva TE &urtiv Aviodoa Ex Ts xepalfic Tot Aıdc). 
Dichterische Beschreibung des Aktes im TIymn. 
lIom. XXVIL, malerische von Philostr. imag. 11, 27. 


218 


Athena. 


Wir bringen als Beispiel zur Anschauung ein sehr | maid' AldnAov, d.h. allein, ohne fremde ITilfe) ou 
alter schwarzfiguriges Vasenbild (Abb. 171, nach Ger- | durch Hermes (wie im Tempel der Chalkioikos ı 


hard, Auserl. Vasenb. 1,1) mit steifer Zeichnung, deren 
Umrisse an geometrische Figuren gemahnen. Zeus 
sitzt auf einem Thron, dem hinten anstatt der Lehne 
ein Löwenkopf zum Abschlufs, eine gefügelte Sphinx 
als Unterstütze dient. Seine Kleidung besteht in 
einem ziemlich engen Chiton und übergehängter 
Chlamys; in der Rechten hält er den Blitz, die 
Linke gestikuliert zu seiner Rede. Aus seinem un- 
bedeckten laupte springt Athena soeben hervor, 
mit Schild und Speer bewaffnet, anderwärts auch 








einem alten Bildwerke, Pans. TII, 17, 3 nach Ph: 
demox Zeugnis: xal tWv Apxalwv Tıv&g dnnoupy 
toürov [röv'Epunv] maptprovra r& Ait morocı meler 
&xovra xailinep Ev TW TAg XuAkıolxov) oder «dur 
Prometheus {Apollod. I, 3, 6) ersetzt wird. 

jüngeren Bildern finden sich gröfsere Götterversam 
lunge: rtemis und Nike, auch Ilera und Poseidk 
ja selbst Heraklex kommt vor. Daneben winl sow« 
der Moment vor der Geburt dargestellt, wie au 
nach derselben, wo Athena schon auf des Vat 








171 Geburt der Athena. 


mit dem.ITelm (Schol. Apell. Rhod. IV, 1310 pwrog ; Schofs sitzt. 


Nachweisungen und Abbildungen ! 


Zrnatxopog &pn oüv ömAoig Ex rg roD Arög xeyaAfig | Gerhard, Auserl. Vasenb. I, 3— 20; Flite odrama 





davanndRcaı tiv Adnväv). Vor Zeus steht. Eileitliyie 
mit der für sie charakteristischen Handbewegung 
(vel. Münze jeion, Wieseler, Alte Denkm. I1,720), 
des Lösens, Enthindens. Hinter ihr steht Ares ge- 
rüstet und mit dem Gorgonenschilde (s. »Medusa«). 
Anf der a 
frohe 
den fast re inwesenden IIermes, kenntlich 
ügelstiefeln, Chlamys und Kappe. Auffallend 
ist die Abwesenheit des Hephästes, der schon bei 
Pindar {01. 7, 35 Apaforov rexvaraıv) durch den 
Hammerschlag die Geburt fördert, jedoch tratzdem 
nicht selten fehlt. (bei Mom. E 880 abrög &relvao 




















| 
| 


| 1,5466. 


Von der Komposition des Phidias, welcher 
östlichen Giebelfelde der Parthenon die Gehnrt « 
Athena darstellte (Paus. I, 24, 5 sagt nur dies: 
d8 Töv vadv Eowodoiw, dmöoa Ev Tois Kalounv 
deroig xeiraı, mdvra &5 rihv Allnväs &xeı yeveo), si 
nur Bruchstücke der hen Figurengruppen {n 
vielleicht der Toro des ITephäaten! ührig gebliel“ 
über welche unter »Parthenon« gehandelt wi 
Über die Vorstellung des Hanptaktes in der Mi 
sind die verschiedensten Vermutungen anfgeste 
auch zahlreiche Rekonstruktionsversuche von Arch: 
logen und Künstlern gemacht worden, wele 








Athena. 


R. Schneider in Abhandl. des Wiener archilol. epigr. 
Seminars 1880, I bespricht. Ein in Madrid gefun- 
dener Marmoreylinder, römisches Puteal, besser runder 
Altar genannt, enthält ein ziemlich hohes Relief 
{Abb. 172, nach Schneider a. a. 0. Taf. I, 1), und zeigt 
rund umlaufend in 0,62 m hohen Figuren eine wenig- 
stens zum Teil hierher bezügliche Darstellung. Den 
Mittelpunkt der Gruppe links biklet der thronende 
Zeus, im Profil nach rechts gewandt; er hat das 
Ilimation um den Unterleib und den linken Ober- 
arm geschlagen und hält in der erhobenen Linken 
das Scepter, in der gesenkten Rechten den Blitz. 
Er schaut die Athena an, welche mit umgewende- 
tem Gesichte von ihm furtzueilen im Begriff steht, 
während ihr die getlügelte Nike den Siegeskranz 
entgegenträgt. Athena ist mit dem langen, überge- 
schlagenen und gegürteten Chiton bekleidet; gerüstet 
init dem niedrigen attischen Helme, der Ägis und 
dem grofsen ovalen Schilde. Nike trügt einen ürmel- 
losen, umgeschlagenen und geschlitzten Chiton, aus 
dessen unterem Schlitz die nackten Beine bei der 
Flugbewegung sichtbar werden. Hinter Zeus’ Throne 
eilt ein nackter Jüngling mit kurzgeschornem Haar, 
die Chlamys um den linken Arm gewickelt, worin 
er ein zweischneidiges Beil trägt, voll Erstaunen und 
Schrecken davon : Hephüston oder (wegen seiner Burt- 
losigkeit und jugendlichen Gestult, nach Schneider) 
Prometheus, welcher bei Apollod. I, 3, 6 wahrschein- 
lich nach athenischer Sage als Geburtshelfer er- 
scheint. Ihm sind die drei Frauen zugewandt, welche 
auf der rechten Seite der Abbildung die Fortsetzung 
des Reliefs bilden; die drei schicksalspinnenden 
Moiren. Diese Deutung wird aufser Zweifel gesetzt 
durch eine genaue, besser erhaltene Replik derselben, 
jetzt in Schlofs Tegel, welche in Rom selbst gefunden 
ist (Abbildung Wieseler, Alte Denkm. UI, 922, besser 
bei Schneider a. a. O. Taf. I, 4). Die auf dem Felsen 
sitzende Klotho spinnt den Lebensfaden, die mittlere, 
Lachesis, zieht mit abgewandtemn Gesichte aus einem 
Bündel von drei Lostäfelehen eins heraus, die letzte 
Atropos (deren Attribute auf beiden Reliefs beschädigt 
sind) »führte wahrscheinlich den Griffel in der einen 
Hand und ritzte auf einen: Tüfelchen, das sie in der 
linken hielt, den von ihren Schwestern verkündeten 
Schicksalsspruch eine. Obwohl nun diese ganze Sym- 
bolisierung, insbesondere das spezifisch italische Los- 
Ziehen, die Zusammenstellung des Reliefs (welche 
auch dem Gedanken nach ziemlich ungeschickt ist) 
in römische Zeit verweist, so wird doch die linker- 
seits dargestellte Geburt der Athena schwerlich erst 
spät erfunden sein. Eine Wiederholung der Gruppe, 
bestehend aus den Figuren des Zeus und des 
Hephästos- Prometheus, ist ebenfalls aus Rom nach 
Tegel gekommen und schon von Winckelmann, Mon. 
ined. II und zwar auch auf den der Geburt voraus- 
gehenden Moment gedeutet worden. Dazu kommt, 


























219 


Geburt der Athena und drei Parzen. 


1m 


Athena. 





173 Athena einen Giganten niederstofsend. (Zu Seite 221.) 


Athena. 


dafs die bewegt ausschreitende Athena ganz so auf 
athenischen Kupfermünzen der Kaiserzeit und auf 
einer in Athen befindlichen Marmorvase (Arch. Zt. 
1874 Taf. 8) in derselben Stellung erscheint, welche 
weenig variiert in Statuen, Reliefs und Münzen wieder- 
kehrt. Hiermach hält Schneider sich berechtigt, in 
«len Figuren der linken Seite des Madrider Reliefr 
das allgemeine Motiv der Mittelgruppe des West- 
gicehels des Parthenon wiedergefunden und damit 
die Art und Weise festgestellt zu haben, in welcher 
Phidias die barocke Auffassung der alten Vasen- 
maler vermieden und an ihre Stelle den erhabenen 
Gredanken ciner bei ihrer Geburt vom Siege ge- 
krönten Gottheit gesetzt hatte. (Diese Schlulsfol- 
gerung hält Brunn aus Gründen des Stiles der 
Figuren für unzulässig; nach mündlicher Mitteilung.‘ 
Den Kumpf gegen Jie Giganten (über deren 
Grestalt s. »Giganten«) finden wir in älterer Zeit. auf 
*[etopen von Selinus und an dern Peplos der archai- 
sierenden Dresdener Statue (s. »Bildhauerkunst, 
archaische«), ferner auf vielen Vasenbildern. Auf 
den Skulpturen packt die Göttin «en schon in die 
Kirıie gesunkenen (regner gewöhnlich niit. der linken 
IIzand, während sie ihm mit den Schwerte len Todes- 
stOfs versetzt. Auf den Vasen dagxegen rennt sie 
ihn mit der Lanze nieder. So auf der schwarz- 
firrurigen Amphora (Abb. 173, nach Elite eeranıogr. 
I, 8), welche eine vorzüglich schöne Gruppierung (lar- 
bietet. Der vollständig als Hoplit gerüstete Gigant 
trägt auf dem Schilde das häufige Abzeichen der 
drei laufenden Beine (in der Münzkunde triyuetra 
senannt und irrig auf Sieilien bezogen) und wird 
als Enkelados durch die Inschrift bezeichnet, wie 
öfters (selten Pallas), welchem sie aber entgegen der 
schriftlichen Überlieferung (Paus. VIIT, 47, 1) nicht 
zu Wagen, sondern zu Fuls entgegenzetreten ist, 
und zwar gerüstet mit Helm, Schlangenisis und 
Lanz. »In den Lüften kämpft zugleich die Eule 
Regen einen Falken«, erklärte man früher; nach 
Wieseler (zu II, 229) wird aber die ruhig sitzende 
Eule besser nur als Attribut der Athena wefalst, 
ler Vogel aber als Sieg für sie oder Unglück für 
den Gigenten bedeutend. 

Der friedlichere Streit mit Poseidon über die 
Herrschaft in Attika, welcher am Westgichel des 
Parthenon (8. Art.) und auf einem andern gröfseren 
Weihgeschenke auf der Akropolis (Paus. I, 24, 3\ 
\argestellt war, findet sich nur auf einigen Münzen 

‚'Y3eseler, zu II, 234) und geschnittenen Steinen. 
Ein älteres Vasenbild Elite ce&raınogr. I, 78 zeigt die 
beiden Gottheiten freundlich einander gegenüber: | 
stehend. 

Chrigens kommt Athena in vielen andern Mvthen 
al Xebenperson oder mithandelnd vor, namentlich | 
’* dem yon ihr beschützten Herakles, im Paris- | 
Urteil, bei Marsyas u.a.m. ı Bin! | 








Athenodoros. 


Athleten. 221 

Athenodoros s. Agesandros. 

Athleten. Das Wort ddAnrhs, welches ursprüng- 
lich jeden Teilnehmer an öffentlichen Wettkämpfen, 
ohne Rücksicht auf die Art derselben, bezeichnet, 
ist schon früh auf die gymmastischen Kampfspiele 
allein beschränkt worden; der Beeriff unterscheidet 
sich durch diese Einschränkung von dein allgemeinen 
dywviotnsg, womit jeder Teilnehmer an einem Agon 
überhaupt bezeichnet wird (Pollux 1II, 143%. Die 
Anwendung des Wortes erlitt aber mit der Zeit 
noch eine weitere Einschränkung, welehe in dirck- 
tem Zusammenhang steht mit den Veränderungen, 
welche die gymnastische Agonistik selbst im Laufe 
der Jahrhunderte erfuhr {vgl. »Gymnastike‘. Die 
steigende Bedeutung der grofsen nationalen Fest- 
spiele, wodurch der Ruhm des Sieges in «liesen 
Spielen eine immer mehr erstrebte und vielbeneidete 
Ehre wurde, brachte es nit sich, dafs zahlreiche 
Jünglinge und Männer sich durch eifrige Übungen 
in den Hauptkampfarten längere Zeit vorher schon 
auf den Wettkampf vorbereiteten und ihrer mög- 
licehst harmonischen gymnastischen Ausbildung einen 
erofsen Teil ihrer Mufse widmeten. Dies führte je 
inehr und mehr dazu, dafs viele aus dieser gym- 
nastischen Thätirkeit und der Teilnahme an den 
Spielen geradezu eine Lebensaufgabe, einen Beruf 
machten: und indem sie, oft schon von früher Jugend 
an, ihre ganze Lebensweise nach diesem Gesichts- 
punkt regelten, nichts andres trieben, als eben jene 
bei den Kampfspielen vertretenen gymnastischen 
Übungen, brachten sie es natürlich auf eine verhält- 
nismäfsig weit höhere Stufe kunstmäfßsiger Gyın- 
nastik als solche, welehe nur nebenbei, zur Unter- 
haltunz und zur Kräftigung des Körpers, derartige 
Übungen vornahmen Diese berufsmäfsigen Turner, 
welche von Festspiel zu Festspiel zogen, überall 
durch ihre Kunstfertiekeit sich Ruhm, Ehren und 
auch materielle Vorteile aller Art erwarben, sind die 
eirentlichen Athleten: bewundert von der Menge, 
welche sieh durch ihre Kraft- und Gewandtheits- 
proben blenden liefs, von verständigen Männern aber 
als ein bedenklicher Krebsschaden betrachtet, weil 
die Kriegstüchtirkeit, die Beschäftigung mit edleren 
geistigen Interessen, unter dieser rein auf Ausbil- 
dung bestimmter körperlicher Fertigkeiten gerieh- 
teten, berufsmäfsigen und daher banausischen Gym- 
nastik litt. So kam es, dafs trotz all der äufseren 
Ehren, welehe den Athleten zu Teil wurden, doch 
ein gewisser Makel an dem Stande haftete, und 
wesentlich Leute aus niederem Stande und ohne 
geistire Bildung sich zu Athleten auebildeten (vgl. 
Enrip. bei Ath. X, p.413C). 

Der Unterricht der Athleten lag wesentlich ın 
der Hand eines Fachlehrers, welcher yuuvaoTtrig hiefs 
und sich ursprünglich vom Turnlehrer der Knaben, 
rawdorpißns, unterscheidet, ein Unterschied, der sich 


222 


freilich mit der Zeit mehr und mehr verwischte. 
Daneben hat auch der kunstimäßsige Einreiber, der 
akeintns, seinen Anteil am Unterricht, obgleich 
dessen Hauptbedeutung mehr mit der diätetischen 
Ausbildung des Athleten zusammenhängt. Die 
Übungen, welche im Gymnasion {s. »Gymnasion«) 
stattfanden, hatten zwar zu ihrer Grundlage die- 
selben turnerischen Kampfweisen, welche überhaupt 
zur alten Gymnastik und Palästrik gehören, wur- 
den aber selbstverständlich in viel strengerer und 
schärferer Weise betrieben, als es beim gewöhn- 
lichen Turnunterricht der Fall zu sein pflegte, indem 
namentlich auf kunstmäfsige Erhöhung der Muskel- 
kraft und auf Erzielung möglichst hoher Ausdauer 
im Frtragen derartiger körperlicher Anstrengungen 
Bedacht genommen wurde Es fand daher auch, 
ähnlich wie heutzutage bei den Jockeys, eine Art 
Trainierung der für die Kampfspiele sich vorbe- 
reitenden Athleten statt, welche namentlich in einer 
ganz bestimmten Diät sich äufserte; die Athleten 
genossen vornehmlich trockene, feste Substanzen, 
besonders viel Fleisch und Brot, beides aber ge- 
trennt; Wein nur wenig, manche Speisen waren 
ihnen ganz verboten. Der 4Aeintns, der in seiner 
ärztlichen Eigenschaft wohl auch den Namen iartpa- 
Aeintns führte, wachte über genaueste Ausführung 
dieser Diät, welche im allgemeinen wohl auf den 
gleichen Grundsätzen beruhte, sonst aber einein jeden 
nach seiner Individualität und Körperkonstitution 
eigens vorgeschrieben werden mochte. Als besonders 
unangenehm galt die sog. Zwangsdiät, die AvaYxo- 
payia, welcher sich die Athleten namentlich in den 
letzten Monaten vor dem Kampfe unterwerfen 
mufsten: dieselbe bestand in einer methodischen 
Steigerung der Quantität der genossenen Speisen, 
welche schliefslich zu ganz abnorm grofsen Portionen 
führte (vgl. z.B. Arist. Eth. Nicom. II, 5 p. 1106b, 1). 
Dadurch erreichte der Atlılet allerdings eine sehr 
beträchtliche Muskelkraft und ein aufserordentlich 
bedeutendes körperliches Gewicht, welches bei 
manchen Kämpfen von Einflufs war; aber selbst- 
verständlich brachte diese Lebensweise und die da- 
durch hervorgerufene Körperfülle auch die Gefahr 
eines Schlagflusses und anderer Krankheitsanfälle 
mit sich, weshalb auch die Athleten für alle andern 
körperlichen Anstrengungen als diejenigen, zu denen 
sie sich ausgebildet, als untauglich und namentlich 
als durchaus ungeeignet zum Ertragen der Strapazen 
und Entbehrungen des Kriegsdienstes galten. 

Die geringe Achtung, welche namentlich Leute 
von Bildung und die Schriftsteller, zumal die Philo- 
sophen, dem Stand und der Thätigkeit der Athleten 
zollten, wurde für diese aufgewogen durch die oft 
ganz mafslose Bewunderung der Menge, die grofsen 
Ehren, welche ihnen von vielen Seiten gespendet 
wurden, und die damit in der Regel verbundenen 


Athleten. 


pekuniären Vorteile. Denn diejenigen, welche in 
den nationalen, namentlich in den olympischen 
Spielen den Sieg davongetragen hatten, galten al: 
der Stolz und die Ehre ihrer Vaterstadt, in welche 
sie einen feierlichen Einzug hielten, freudig begrüfst 
von der gesamten Bürgerschaft; Festmahle, Sieges 
hymnen verherrlichten ihre Rückkehr; Geldge 
schenke, Speisung im Prytaneion, die Ehre deı 
Proedrie u. dergl. m. sicherten ihre Existenz auch füı 
die Folgezeit, und noch den späten Geschlechterr 
verkündigte die im Hain der Altis zu Olympia aufge 
stellte Statue Namen, Geschlecht und Heimat de: 
glücklichen Siegers. 

In Rom fand die Athletik erst spät von Griechen 
land her Eingang. Zwar fallen die ersten in Ron 
geschenen Athletenkämpfe schon um das Jahr 18 
v. Chr., wo M. Fulvius Nobilior solche mit griechi 
schen Athleten veranstaltete; aber dieser Vorgang 
blieb zunächst noch ohne Nachfolge; und auch ü 
den letzten Zeiten der Republik, wo derartige Kämpfi 
sich häufiger wiederholten, konnte das römisch: 
Publikum denselben noch keinen rechten Geschmacl 
abgewinnen. Die Vorliebe dafür begann erst in de 
Kaiserzeit, als man Athletenkämpfe zum Bestand 
teil regelmäfsig wiederkehrender Festspiele machte 
so bei den von Augustus gestifteten aktischeı 
Spielen in Nikopolis und bei den Spielen, welche de: 
römische Senat in Rom selbst seit dem Jahre ?: 
v. Chr. alle vier Jahre während der Regierung (de 
Augustus veranstaltete. Die Beliebtheit, in welch« 
die athletischen. Kämpfe dadurch mehr und meh 
kamen, wurde noch gesteigert durch die Förderung 
welche Jieselben durch Nero und Domitian erfuhren 
von denen jener die gymnischen Kämpfe zu einen 
Bestandteile der von ihm gestifteten, aber freilich 
mit seinem Tode auch wieder eingehenden Neroneeı 
machte, während letzterer die berühmten kapitolini 
schen Agone, welche für den Westen die Bedeutun; 
der olympischen Spiele ersetzen sollten, einführte 
bei denen die Athletik ebenfalls eine wichtige Rollı 
spielte. Erst von da ab kann man die Athletik alı 
in Italien eingebürgert betrachten. Der echte Römer 
sinn von alter Art hat sich freilich niemals mi 
diesen Känpfen befreunden können. Es war wenige 
die Kampfart an sich, welche bei ihm Abneigun; 
erweckte; vielmehr waren Faustkämpfe in Italieı 
schon lange heimisch und öffentliche Faustkämpf: 
beim grofsen Publikum von jeher gerne gesehen 
Aber beiin Römer erregte zunächst schon die bein 
griechischen Gymnasten unerläfsliiche Nackthei 
Schicklichkeitsbedenken ; sodann aber bewirkte dii 
Unbrauchbarkeit der athletisch Geübten für deı 
Kriegsdienst, das nach Ansicht der Römer von alten 
Schrot und Korn müfsiggängerische lHerumtreibeı 
in Ringschulen und Turnplätzen, ernstliches Mifs 
trauen gegen alle solche turnerische Bestrebungen 


Athleten. 
10 =e> mehr, wenn sie berufsinifiie a 
ie U as bei der Athl 
mn, der Fall 





ıspeübt worden, ° ausnahmsw 


mer sie kennen ı hinderte frei 
Diese Opposition dauerte 






als di 





in Gewerbe hergaben. 





selbst Damen, das Beispiel der Ka 





SAr 


NN 


171 Athleten. Mewik ang den Thermen des Caracalla. 


Auch unter den Kaisern noch fort; une damit hänzet 
# denn auch zusammen, dafs auch später noch die 
Athleten der bei weiten gröfseren Mehrzahl nach 


(Zu Seite zei.) 





Nero und Domitian, nachä 
und ihre Kunst entlansi 


‚an den manniglaltigen 
waren, und römische Bürger sich nur ganz , nahmen, wenn auch in 


end, für die Athleten 
niert waren un 
ınast 





soear sellst 
hen Übungen teil- 
gel nur als Dilettanten 









der 





223 


Das 


nehme Leite und 
7, zumal des 


224 


und ohne in öffentlichen Kämpfen mit den errun- ' 


genen Fertiekeiten zu prunken. Auch waren die 
Ehren, welche berühmte Athleten genossen, in der 
römischen Kaiserzeit nicht nur nicht geringer, als 
in Griechenland, sondern vielfach noch bedeutender; 
die Athleten unterschieden sich hierdurch wesent- 
lich von dem immer als chrlos geltenden Stande 
der Giladiatoren oder selbst der Schauspieler. Nichts 
kann deutlicher die wichtige Rolle, welche jene ge- 
mästeten Klopffechter im Leben der vornehmen Ge- 
sellschaft des kaiserlichen Roms im 3. Jahrliundert 
spielten, uns vor Augen bringen, als das heut im 
Lateran befindliche grofse Mosaik der Caracalla- 
Thermen in Rom, wo die berühmtesten Athleten 
der damaligen Zeit naturgetreu porträtiert sind, ınit 
all der abscehreckenden Häfslichkeit, welche diese 
plumpen Gerellen mit ihren aufgedunsenen, nichts 
als tierisch -stuinpfe liohheit verratenden Gesich- 
tern zur Schau tragen. Eine Probe davon gibt hier 
Abb. 174 nach einer Photographie. 

Litteratur: Hermann, Griech. Privataltertümer 
S.341 ff. u. 466 f., wo die Spezialschriften angeführt 
sind; M. Planck, Artikel »Athletaes bei Pauly, Reul- 
eneyklopadie 2. Aufl. I, 1992 ff.; E. Saglio, Artikel 
»Athletace bei Darenberg, Diet. des antiquites |], 
515 ff.; Friedländer, Darstellungen a. d. Sittengesch. 
Roins 5. Aufl. II, 433 ff. Bl] 

Atlas, der den Himmel tragende Titan. Man 
kann gespannt sein, wie sich Homer ihn vorstellte, 
von dem er sagt a 52: Ökoöppwv, ÖUTE YaAuoanc 
ndong Bevieu o1dev, Exeı dE TE Klovas UUTOG HUKpUG, 
al yaldv Te Kal obpuvöv Aupic Exoucıiv, was unbedingt. 
heifst: er hält oder trägt «die Säulen, das Gebälk, 
welches den Ihimmel gewissermafsen als Oberstock 
von der Erde trennt und ihn hindert, auf sie herab- 
zustürzen. Der Meeresdämon, den die ersten («der 
angeführten Worte deutlich bezeichnen, ist aber zu 
diesem Geschäft des »Trägers: ((Arkug = Atukuvrog, 
intensiv, fast identisch mit Tavrakog, der auch den 
Himmel zu tragen scheint“ gekommen, weil für den 
Griechen das Himmelsgewölbe auf dem Meere selber 
ruht, welches überall im Lande und an der Küste 
als letzter Horizont gedacht werden mufste, wobei 
die Säulen nur ein vermittelnder Ausdruck sind, der 
eigentlich den Trärer überflüssig erscheinen läfst. 
(weograpliische Reflexion mischt sich hier mit der 
Volksvorstellung unvollkommen, während nach letz- 
terer (die Desiod Th. 58 am schlichtesten wieder- 
gibt: Arkıc 5’ olpavov elpüv Exei xKputepis Um 
üuvdyans) das Gewölbe einfach auf des Riesen Haupt 
lastet. Der Homerische Notbehelf der Säulen wurde 
von jüngeren Diehtern ohne Rücksicht auf Vorstel- 
barkeit. weitergebildet, bis allmählich philosophische 
Spekulation, vielleicht auch Mifsverständnis des 
IHHomer, dahin führte, dem Atlas aufser dein Himmel 
auch noch die Erle aufzubürden, also das Universum, 


Athleten. 


Atlas. 


dessen Kugelfurm dabei für die Versinnlichung des 
Aktes förderlich war. Zum Teil abweichende An- 
sichten bei Weleker, Griech. Götterl. I, 746 ; Gerhard, 
(1es. Abhandl. 1, 37: Ein direktes Zeugnis über 
die älteste Kunstbillung, am Kasten des Kypselus 
bei Paus. V, 18, 1 ArTdlac de Emi uev rWv duwv Kata 
ta Aeyöueva olpavöv TE Avexeı kai ynv (vgl. V,11,2; 
läfste sich bei unbefangener Prüfung wohl nur ww 
verstehen, dafs Pausanias die gewöhnliche Dar- 
stellung unserer Vasen und Spiegel sah, wo Atlas 
mit Kopf und Händen oder mit den Schultern ein 
Kugelsegrinent stützt, vielleicht so, wie die nach ihm 
benannten Riesen ein Tempelgebälk. Weiteres 
darüber 8. »THesperidene. Die in Olympia gefun- 
dene Metope des Zeustempels, welche Paus. V, 
10, 2 mit einem Worte ungenau erwähnt (HparAnc- 
Artkavrog TO Popnua exrdexeodar ueAAwv), zeigt Ilera- 
kles in Profilstellung nackt mit vorgeneigtem Kopfe, 
auf welchem ein zusammengelegtes Polster liegt, 
daneben den reehten Arm parallel erhoben, um mit 
der Hand die Hinmelslast zu stützen. Von letzterer 
aber erblickt der Beschauer nichts; das vorspringende 
Tempelgebälk selbst tritt an ihre Stelle. Hinter ihm 
steht langbekleidet im ärımellosen Doppelchiton eine 
Hesperide, in Erstaunen die Rechte erhebend; vor 
den Helden aber tritt Atlas, bärtig und nackt, hin, 
in der Hand drei Äpfel ihm darreichend. In dem 
Polster (oneipa), welches ITerakles als Unterlage der 
Last auf dem Kopfe trägt, liegt übrigens der Beweis, 
dafs der Künstler nicht an den skurrilen Scherz bei 
Apollod. II, 5, 11, 11 (der auch eher der Komödie 
oder dem Satyrspiel, als dem ernsten Epos zu ent- 
stammen scheint) gedacht haben kann, allerdings 
aber die Aufnahme der Himmelslast für kurze Zeit 
als die eigentliche Kraftleistung des Helden ange- 
sehen hat. Als volle Himmelskugel erscheint die 
Last. des Atlas erst in der durch die darauf gebildeten 
Zodiakalzeichen berühmten Farnesischen Statue in 
Neapel (Abb. 175, nach Photographie), deren vor- 
treffliche Erhaltung fast einzig dasteht. Die Mühsal 
des Riesen ist ebenso schön ausgedrückt, wie der 
nur auf der linken Schulter aufliegende Mantel zu- 
sammen mit der Körperstellung zum architektoni- 
schen Aufbau der Gruppe geschickt benutzt ist. — 
In Auffassung etwas verschieden ist die restaurierte 
Statue in Villa Albani (Abbildung Wieseler, Alte 
Denkm. 11, 823), welche auf Schultern und Händen 
eine grofse Scheibe in Diskusform hebt, von der 
noch die Bilder der Jungfrau und der Wage, da- 
zwischen Phosphoros und Hesperos, jener mit er- 
hobener, dieser mit gesenkter Fackel, in flatternder 
Chlamys schwebend, erhalten sind. Atlas trägt auf 
einem Vasenbilde das Kugelsegment des Himmels, 
mit Zodiakalband und Sternen; ihm gegenüber eine 
Sphinx auf niederer Säule, welche mit ihm astrono- 
inisches Gespräch zu pflegen scheint ; Wieseler 1I, 824. 


Atlas. 


ır altertümliches Vasenbild ebdas. 825 zeigt 
gleicher Haltung, hinter ihm eine Schlange, 
a Prometheus an eine Säule gefesselt, deın 
ler die Leber aushackt. — Die Vorstellung 
temıne, wo Atlas neben dem sitzenden Hera- 
gleicher Stellung eine sichelförmige Wölbung 
m Haupte hült (Wieseler a. a. O. 826), kann 
zeinstehende Seltsamkeit nichts gegen die 
bl der Monumente beweisen. (Bm) 
3 Zu dem ursprüng- 
rygischen, ungriechi- 
Kultus der yrofsen 
autter, über welche 
»Kybele« weiter ge- 
‚ wird, gehört der My- 
m Attis oder Atys, 
verhältnismäfsigfrühe 
ung durch die Grie- 
urch die schöne Le- 
sei Herodot I, 35—45 
‚wird (s. darüber Bau- 
‚ De Atye et Adrasto 
60), der aber erst in 
äteren Römerzeit zu 
‚benso mystisch dunk- 
:weitverbreiteten Göt- 
steAnlafsgab. Indem 
von Pausanias VII, 17 
nobius Adv. nat. V,5 
e Erzählung als be- 
voraussetzen und in 
der physischen Deu- 
» Mythus nur auf die 
le mit Adonis hinwei- 
e Fabel vom geplatz 
ıume ist beiden ge- 
Apollod. IL, 14, 4, 3), 
ı wir gestehen, dafs 
itere Ausbildung der 
gen auf Menschen- 
al in den Geheim- 
a in ihrem Zusam- 
age, sowie die Ver- 
ıg der Attisfigur auf 
'hen Grabsteinen nü- 
Aufklärung noch harrt. Die Verstünmmelung 
tis als Personifikation des Winters gefafst 
twischen die Genien der anderen Jahreszeiten 
), seine Beziehung auf den Wechsel im Natur- 
iberhaupt, auf den Todesschlaf, aus welchem 
sachen erhofft wird, ist eine der mancherlei 
isch ausgedrückten Ahnungen des absterben- 
identumes, welche uns nur in ausdrucksvollen 
sen überliefert vorliegen. 

ausgebildetes Muster des gewöhnlichen Typus 
wir voran die Pariser Statue (Abb. 176, nach 
ımäler d. klass. Altertums. 


175 Atlas. 


! 
! 
| 
| 
| 
| 
| 





(Zu Beite 224.) 


Attis. 225 
Clarac Musee pl. 396C, 664J), welche den in wilder 
Verzückung tanzenden Attis als Vorbild seiner eigenen 
Priester darstellt. Er steht auf den Zehenspitzen 
mit begeistert emporgerichtetem Haupte und wirbelt 
sich in fliegender Bewegung (wie heute noch die 
tanzenden Derwische des Orients) um sich selbst, 
wobei sein Gewand scheinbar zufällig, doch mit ge- 
schickter Motivierung des Künstlers, am Bauche 
auseinander flatternd die abnorme Körperbildung des 
weibischen Eunuchen zeigt. 
Die Formen des ganzen Kör- 
pers sind voll und mit Fett- 
lagen erhöht, so dafs sie 
unter der eigentümlich ge- 
schlitzten und wieder ge- 
knöpften asiatischen Hose, 
welche mit dem übrigen Ge- 
wande aus einem Stücke 
besteht, herausquellen zu 
wollen scheinen. Man wird 
gestehen müssen, dafs das 
Widerliche der ganzen Er- 
scheinung von dem Künstler 
möglichst gemildert wurden 
ist. Anderswo trägt Attis 
anstatt dieses Kostüms eine 
ganz kurze Jüger- und Hirten- 
tracht, dazu aber fant regel- 
milfsig die phrygischeMütze, 
wie sie auch Paris und Gany- 
merles eigen ist. Diese Form 
ist stereotyp in den ruhigen 
Darstellungen, wo er als Fol- 
ger und Priester der grofsen 
Göttin erscheint; insbeson- 
dere auch auf den Grab- 
steinen, die mehrfach in 
Deutschland gefunden sind, 
ferner auf kleinen Denkmä- 
lern, wie Thonlampen u. a. 
Vgl. Haackh, Verhandl. der 
Stuttgarter Philol.-Vers. 176 
bis 186; Urlichs, Rhein. Jahrb. 
Heft 23,49. Auf den Grab- 
mälern bezeichnet ihn dus 
Pedum oder der Bogen als Lirten oder Jäger, indem 
man ihn vielleicht mit Adonis oder Endymion näher 
vereinigen wollte. Noch auffallender ist ebendaselbst 
seine Verdoppelung, für welche Haackh a. a. O. 
Parallelen in den Dioskuren, der Roinulussage u. a. 
findet. * 

Als eine bis jetzt noch einzige Ausnahme steht 
aber ein halblebensgrofser Kopf von Marmor da, 
welcher in dem grofsen Metroon von Ostia 1867 ge-, 
funden wurde und im Lateran bewahrt wird (Abb. 177, 
nach Mon. Inst. VIII, 60, 4). Ohne den Fundort 

15 





226 Attin. 

würrle man nicht sogleich an Attis denken, da äulsere 
Kennzeichen fehlen. Das wallende Hanpthaar könnte 
an den Alexander des Capitols, früher Sul oriens pe- 
nannt /s. oben 8. 40,, erinnern, wenn nicht zuglei 
mit (liesem Kopfe ein Sol mit sieben Strahlen ze- 
funden wäre. Aber auch Attis ist ja als Sonnen- 
jüngling zn denken in der Freude des Jahres 
und seines Festes; er braucht nieht immer winter- 
lich verhüllt zu sein, wenngleich auch hier Melan- 
cholie und sehnsüchtiges Hinschwinden seine 















zu 

















177 Attis. (Zu Seite 225.) 
tur ist. Die üppige Fülle des ihn umwallenden 
Haaren aber ist anch mythisch begründet bei Arno- | 





bins adv. nat. V,7, wo Zeus gewährt ne corpns cjs 



















putreseat, erescant ut comae semper. digitorum ut 
minimissimus vivat el perpelno solus agitetur 0 motu. 
za bass. I, 103 angeführte Inschrift 
von einer Priesterin:: Alfini comme 


rans anf langes Haar als beentsame 





schaft zu schliefsen.. Dieser bisher überschene 
Zug ist dem Künstler zum leitenden 
Sollte etwa aueh in dem gewöhnlich 
teten ler, Alte Denkm. II, 
schon als einen Sonnen- 
m möchte, ein verklärter Attix st 
Attisbildungen noch nicht voll- 
ständig bekannt ist, zeiet auch eine liegende Statue 
(Mon. Inst. IX, Sa, 2) von weichlichen Formen, ı 
langgeloekte Haupt mit einem Früchtekranz um- 
zogen, darüber die phrygische Mütze, aus der vier 
Strahlen hervorstehen; in der Rechten Früchte und 














gl 





welchen de 
gott an 
Dafs d 























tiv geworden. 





Augustus. 


Ähren, das Pedum in der linken Hand, «den Amı 
zt auf eine bärtige Büste :Zeus?.. Hier scheint 
der Jahresgott dargestellt. “Bm! 











176 Attis. (Zu Seite 225.) 


Augustus nebst seiner Familie und seine 
Nachfolger bis zum Aussterben des Hauses 
mit Nero. 

Die antiken Berichte über dus Äufsere des Au- 
gustus wissen von seiner gewinnenden Erscheinung, 
der bis zum Alter die Anmut verblieben ist. Die 
zroßse Ruhe der Mienen, die sich auch im Gesprich 
nicht verlor, die durchlringende Schärfe und der leuch- 
tende Blick seiner hellen Augen gaben dem Gesichte 
seinen Ausdruck; hellblondes Haar, auf dessen Pflege 
er wenig Sorgfalt verwandte, zusanımengewuchsene 
Augenbrauen, vine stark gewölbte Nane vereinigten 

Von Gestalt nicht großs — nur wenig 
us — war ihm eine gute Ebenmüfsig 














sieh hiermit. 
über fünf 





keit der Glieder, welehe ihn eher schlank erscheinen 
liefs. 





Sueton. Oetay 79: Forma fuit erimia, et per 
»tatis gradus venustissima; quamquam et omnis 
igens, et in capite comendo kam incuriosus, 
ut raptim compluribus simul tonsoribus operum darıt 
ac morlo tonderet modo raderet barbam, eogue ipe0 





Augustus. 


tempore aut legeret aliquid, aut etiam seriberet. Vrltu 
erat, vel in sermone, vel tacitus, adeo tranquillo sereno- 
que, ut quidam e primoribus Galliarum confesmus sit 
inter suos, eo se inhibitum ac remollitum, quo minus, 
ut destinarat, in transitu Alpium per simulationem 
colloquii propius admissus, in praccipitium propelleret. 
Oculos habwit claros ac nitidos, quibus etiam existi- 
mari volnit inesse quiddam divini vigoris; gandebat- 
que. si quis sibi acrius intuenti, quasi ad fulgerem 
sali, 





et sufflavum , supercilia conjuneta, medioeres aurcs, 


179 Augustus, jugendlich. 


"asım ct a summo eminentiorem, et ab imo deductiorem. 
eolorem inter aquilum candidumgue, staturam Drevem 
(am tamen Julius Marathus libertus, in memoria 
Gun, quinque pedum et dodrantis fuisse tradit), sed 


= nonnisi ec comparatione adstantis alicujus pro- 
rioris intelligi posset. 


ultum summitteret. — Capillum leniter inflerum : 








227 


die treffliche Arbeit sticht scharf ab von den Münz- 
stempeln auf den spätesten Denaren der Republik. 
Der Anfang desPrin- 
zipats bezeichnet 


Kunstepoche in 
Rom, die man mit 
Recht eine höfische 
genannt hat. Um 
Idenlaufgaben handelt es sich darin weniger, zumeist 
um dus Porträt, und gerade hierin zeigen auch die 





180 Augustus, mit Bürgerkrone. (Zu Seite 228.) 


Bildnisse des Augustus und der Angnsteischen Zeit, 
wenigstens in den Marımorwerken, einen erheblichen 
Abstand von denjenigen aus der Zeit der nüchst- 


folgenden Herrscher. 
(ua commoditate et aequitate membrorum oceuleretur, | 


Aus den zahlreichen Münzbildern mit Augustus’ | 


Porträt, die je nach dem Prügort sehr verschieden 
fallen mufsten, ist hier ausgewählt eine Gold- 
Minze (Abb. 178, nach Cohen, Description des mon- 
Maler frapp6es sous l’empire romain I!, 49 N. 59 
P. IV) mit dem Kopf des jungen Ciisar im Profil; 


‚ derichs, Berlins ant. Bildw. 1, 500 N. 804). 


\ 


Unter den Bildnissen des Augustus in Marınor 
ist von besonders feiner Arbeit der jugendliche Kopf 
im Museo Chiaramonti des Vatican, 1808 bei Aus- 
grabungen in Ostia gefunden (Abb. 179, nach Photo- 
graphie; vgl. Visconti, Mus. Chinramonti II, 26; 
E. Braun, Ruinen und Museen Roms $. 270; Frie- 
Älter 
erscheint er in der Büste der Münchener Glyptothek, 
bekrinzt mit der corona civilis aus Eichenlaub, die ihm 





228 


ob eives servatos vom Senat im Jahre 27 als bleibendes 
Ehrenzeichen zugesprochen worden war (Abb. 180). 
Der Kopf befand sich einst im Palazzo Bevilacqua 
in Verona, spüter in Paris; bis auf die Nasenspitze 
und den unteren Teil der Brust, welche erginzt sind, 
ist die Erhaltung eine vorzügliche (Brunn, Beschreib. 
der Glypt. N. 219; vgl. Muffei, Verona illust. III, 
217, 1; Piroli, Mus. Napoleon IIT, 6; Bouillon II, 74; 
Vireonti-Mongez, Iconogr. rom. 18 N. 3,4; Lützow, 
Münchener Antiken 37). (Die corona civica aus 
Eichenlaub, unıgeben von Lorbeerzweigen, erscheint 
auch auf Münzen, welche nach Senatsbeschlußs 
wegen Augustus’ Milde gegen die Proskribierten ge- 
prägt wurden, wie auf der hier Abb. 181 gegebenen 
Bronze den C. Plotius Rufus 
triumeir auro, argento, aeri 
‚Nando feriundo.) Ein sehr 
gutes Bildnis in den mitt- 
leren Jahren bietet ferner 
die Büste der Münchener 
Glyptothek N.183 (Abb. 182, 
nach Photographie). »Die 
(charakteristischen, aber ohne 
Härte fein und harmonisch 
durchgebildeten Formen 
scheinen der Wirklichkeit 
nüher zu stehen, als die 
idealere Behandlung des 
vorigen Kopfes (Brunn). 
Diese Köpfe haben unter 
sich sowohl als auch nit 
dem Kopf der folgenden 
Statue verglichen, obwohl 
letztere den Herrscher in 
vorgerückterem Alter zeigt, 
eine auffallende Überein- 
stimmung in der Anordnung 
der Haardetails. Die Statue 
des Augustus, nach ihrem Fundort bekannt unter 
dem Numen des Augustus von Prima Porta, ist 1863 
in der Villa der Livis, 7 Miglien von der Porta 





Flaminia, der heutigen Porta del Popolo, gefunden; 


jetzt im Braceio Nuovo des Vatican aufgestellt, 
nimmt sie unter den una gebliebenen Augustus- 
Statuen an”Sorgfalt der Arbeit sowohl als an vor- 








182. Angustun. 


Augustus. 


züglicher Erhaltung wohl die erste Stelle ei 

gustus ist hier (Abb. 183) in der Allocutio da 

mit erhobener Rechten, in der Linken hält 

Scepter, wofür freilich von dem Ergünzer 7 

ebenso gut ein Speer hätte eingefügt werden 

Bekleidet ist er mit der Tunika, über welch« 

Harnisch gelegt hat, dessen reicher Relief« 

unten durch die um die Iftfte geschlunge 
| über den linken Arm geworfene Chlamys u 

wird. (Vgl. Statius Silv. I, 43 it tergo demis 

mys). Der Amor auf dem Delphin, zur Rech 
! Statue, die dadurch zugleich die nötige St 

kommt, enthält einen Hinweis auf die Abkı 
! julischen Hanses von der Venus. Von den 
reliefs, die hier größs 
führlichkeit zeigen, 
ingend einer der and 
erhaltenen Panzersta 
zieht sich die Mitte 
ein römischer Krie 
der Iupa (nach and 
Hund) und vor ihm 
bar, der einen Legie 
bringt, unzweifelhaft 
Rückgabe der in Cras 
Antonius’ Feldzüger 
die Parther erbeut« 
mischen Feldzeichen 
Phraates 734 u.c., X 
an Augustus ausliefe 
gegen sein von den 
gefangen gehaltene: 
ihm wiedergegeben 
(Cassius Dio LI, 3 
8). Für Augustus wr 
Ereignis von allerl 
Bedeutung, dafs il 
den bie dahin unb 
Parthern ohne Kumpf die Feldzeichen und di 
fongenschuft geratenen römischen Bürger aus; 
wurden. Seitwärts von der Mittelgruppe des 
reliefs sitzen auf dem Felsen zwei jugendliche 
ten, die wohl nur als genüi tutelares zweier b 
Nationen, etwa der Hispanin und Germania 
können. Am oberen Rande des Panzers eı 
in der Mitte Caelus als bürtiger Mann, das H 
gewölbe mit ausgentreckten Arınen halten 
ihm kommt Sol, im langen Gewand ale 
lenker, mit der Quadriga, welcher die Aur« 
Pandrosus voraneilen, jene mit der Fackel 
mit dem Tan spendenden Krug. Den unte 
schlufs des Reliefs bilden Apollo auf den 
von der Linken, Diana auf dem Hirsch \ 
Rechten herkommend, in der Mitte die g 
Tellus, jene als die besonderen Schutzgöt 
ı Augustus hier ungebracht, zu deren Ehren a 






Augustus. (Livia. Julia.) 29 


Indi eculares gefeiert wurden. Die Statue trug bei | ergilnzt ist. Das Hinterhaupt der Kopfes ist mit dem 
ihrer Auffindung auf der ganzen Ciewandung die | Schleier bedeckt, unter dem nach vorn ein Blumen- 
Reste des einstigen Farbenschmuckes mit seltener | kranz hervorkommt mit seitlich herabfallenden Tänien. 
Frische: Karmesin und Purpurrot an Untergrund Julia, Tochter des Augustus von seiner ersten 
und Mantel, Gelb an den Frangen des Obergewandes, | Genahlin Seribonia, und verheiratet mit Agrippa, 
die vielleicht vergoldet waren, und 
Himmelblau an den Panzerreliets. Der 
Grund selbst mufs hier weils gewesen 
sein, da der Panzer aus Silberblech be- 
stehend zu denken ist, worauf in ge- 
triebener Arbeit und offenbar mit Email 
versehen die Reliefs angebracht sind. 
Die Augensterne sind mit dem Meifsel 
angedeutet. Da Kopf, Reliefs des Pan 
zers und Kostüm unbedingt Erfindung 
des Bildhauers der Augusteischen Zeit 
sein müssen, #0 kann die Statue den 
besten Beleg für die Leistungsfähigkeit 
der damaligen Kunstübung bilden. (Köh- 
ler, Annali dell’ Instituto Archeol. 1863 
8.432; Monumenti inediti VII Taf. 84 
Vel. Henzen, Bull. d. Inst. 1863 8.71.) 

Livia Drusilla, Augustus’ dritte Ge- 
mahlin, früher vermählt mit Tiberius 
Claudius Nero. 
Als Salus Augu- 
sta erscheint sie 
auf einer Bronze- 





































münze des Jahres 
775; 22 (Abb.184 
nach Cohen 1,106 
N.8 pl. V). Der 
in Abb. 185, nach 
Visconfi-Mongez 19 N. I, mitgeteilte 
Kopf gehört zu einer in der Villa 





183 Augustus als Feldherr. (Zu Seite 238.) 


ist auf Münzbildern nur vereinzelt zu finden. Die 
Versuche, ihr Marmorbilder zuzuweisen, sind nicht 





ohne Bedenken. Kleinasistischen Ursprungs, wahr- 
scheinlich aus Pergumon ist‘die in Abb. 1862 u. b 











185 Livia. ! abgebildete Kupfermünze, auf «der Vorderseite 
Pineiann zu Rom gefundenen Statue, welche nach | mit. dem Kopf der Livin als Hera, auf der Kehr- 
der Vei Kaiserinnen hitufig angebrachten Weise mit "seite dem der Julin ala Aphrolite (Mongez 
Ährenbündel und Füllhorn in den Hünden als Ceres ! pl. 20 N. 4). 


15* 


230 
Tiberius, Sohn der Livia aus ihrer ersten Ehe 


geboren, 757; 4 n. Chr. von Augustus adoptiert, dem 
er im August 767; 14 im Prinzipat folgt. 
berius liegen uns zwei Personalschilderungen vor, 
die eine eingehender über sein Aussehen in jüngeren 
Jahren bei Sueton. Hiernach war er grufs unıl stark, 





über das Durchschnittsmafs, die Glieder wolıl pro- 
portioniert. Sein Haarwuchs war reichlich am Llinter- 


Augustus. 





Yon Ti- . 
 eire riyida ct obstipa: arldueto fere vultu, plerumge 


(Tiberius.) 


| Colore erat candido. capillo pone oceipitium aunmissiore, 
mit T. Claudius Nero, am 17. Nov. 712; 42 v. Chr. : 


ut cervicem etium obtegeret. quad gentile in ilo ride- 
batur: facie honesta: in qua tanıcn crebri ct aubiti 
tumores, cum prargrandibun oculis. — Incedehut cer- 


tacitus: mullo aut rarimimo etiam cum proximix ser- 
mon, eoque tardissino, nec rine molli quadam digi- 





1N6b 
(Zu Seite 239.) 


torum gestienlatime. Quae ommia ingrata atque arro- 
gantiar plema). Ungleich ungtnstiger ist die Schil- 


haupt, so dafs selbst der Nacken bedeckt war, eine | derung bei Tacitus {Annal. IV, 57), wo er von Alter 


Eigentümlichkeit in der Familie der Claudier. Die 





189 Tiberius. 


(Zu Seite 281.) 


Gesichtszüge waren edel, die Augen grofs. Die fort- 
dauernde Ruhe, welche er in ITaltung und Mienen 
auch während des Gesprächs bewahrte, mufste den 
Eindruck von Kälte und Anmafsung erwecken (Sueton. 
Tib. 68: Corpore fwit amplo atque robusto: »latura, 
quac justam excederet. Latus ub humeris et pectore: 
ceteria quogue membris usque ad imos pedes arqualia 
et comgruens: sinistra manu agiliore ct validiore. — 





188 Tiberlus. (Zu Seite 281.) 


und körperlichen Leiden gebeugt erscheint (erar&! 
qui erederent in senectute corporis quogue hahilur 
‚Ppudori fuisse: quippe illi praegracilia et ineurra pro” 
ceritas, nudus capillo vertex, ulcerosa faien ac pleruns- 
que medicaminibus interstineta). Eine Bronzemünzes 
welche in Jahre 763, 10 n. Chr., zu Lyon geprägt ist 
(Abb. 187 nach Cohen I, 123 N. 43 pl. VD) zeigt das 
Bildnis des jüngeren Mannes. Die nach Mongez Taf. 22 











Augustus. 


N. 3 abgebildete Marmorstatue (Alb. 188), mehr als ; 
lebensgrofs, wurde 1795 zu Piperno (Pivernum im 

Volskerlande) gefunden, und steht jetzt im Museo 
Chiaramonti des Vaticans. Haltung und Gewandung 








(Tiberius. Germanicus.) 


231 


Mus. Chiaramonti II, 28.) Der Kopf derselben Statue 
im Profil (Abb. 189 nach Mongez 22 N. 1) läfst die 
Strenge, welche des Tiberius’ Gesichtszügen in den 
späteren Jahren so eigentünilich ist, noch ungleich 
schärfer erkennen. 

Germanicus Caesar, der Sohn des (Nero Clau- 
«ius) Drusus und der Antonia, und Neffe des Tiberius, 
von dem er auf Augustus’ Befehl adoptiert wurde, 





196 (Zu Seite 232.) 


ütsprechen derjenigen bei Jupiterstatuen; darum 
“ird auch die Statue, an welcher der rechte Arm 
und der linke jetzt mit einer Rolle versehene moderne 
"gänzung ist, wahrscheinlich mit denı Blitz in der 
ten und dem Scepter in der Linken ausgestattet. 
gewesen sein. (Vgl. auch Clarac pl. 926 N. 2356; 








als Augustus den Tiberius adoptierte, geb. 15 v. Chr., 
‚ gest. 19 n. Chr. Die hier abgebildete Bronzemünze 

(Abb. 190), gehört in die Zeit des Caligula 794; 
» 41 n. Chr. (Cohen 1,138 N.4 pl. VI). Die im Louvre 
befindliche Statue aus karrarischem Marmor, an der 
nur der rechte Arm und die linke Hand und die 
beiden Füfse ergänzt sind, wurde 1792 in der Bari- 
lika des alten Gabii gefunden zusammen mit einer 
Statue des Kaisers Claudius. (Abb. 191 nach Mon- 
"gez 24 N. 3; vel. Clarac Musde 391 N. 2362; Bouil- 
| Ion 11, 36.) 








232 


Agrippina, Tochter des M. Vipsanius Agrippa 
und der Julia, Enkelin des Augustus, die Gemahlin 
des Germanicus, gleich dienem erst nach ihrem Toıle 
auf Münzen des Caligula und des Claudius gefeiert. 
In bequemer Haltung auf einem Stuhle sitzend zeigt 
sie ‚lie Marmorstatue des Capitolinischen Museums 
(Abb. 192) eine der besten Gewandstatuen aus der 
ersten Hälfte des 1. Jahrh. (Abgeb. auch bei Clarac 
932 N. 2368; Mus. Cupitol. III, 53.) 

Nero Claudius Drusus, Bruder des Tiberius, 
Sohn des Claudius Nero und der Livia, geboren, 
nachdem letzt im dritten Monat mit Octavianus 
vermählt war, im Jahre 38 v. Chr., gest. 9 n. Chr. 











“ 


Augustus. (Agrippine. Drusus. Gaius. Claudius. Messalina.) 


I, 131 N.2 pl. VII); ferner auf dem Revers einer 
Silbermünze des Jahres 33, deren Avers den mit 
Lorbeer und Binde umwundenen Kopf des Kaisers 
Tiberius zeigt (Abb. 196 nach Cohen I pl. VII 
N. 2). 

@alus Caesar (Caligula), jüngster Sohn des Ger- 
manieus und der Agrippina, regiert von März 37 
bis 24. Jan. 41, bei seiner Ermordung 28 Jahre alt 
(Sueton. Calig. 8). Bronzebüste (Abb. 197) in Paris, 
nach Mongez 25 N. 2. 

Tiberiusg Claudius Nero, mit dem Beinamen 
Germanicus, den er von seinem Vater Drusus, dem 
Sohn der Livia, ererbt hatte, im Jahre 10 v. Chr. 





192 Agrippina. 


auf seinem letzten grofsen Heerzug ins innere Ger- ! geboren; als er zur Regierting kam, somit bereite 


manien, zwischen Flbe und Saale. Sein Bildnie 
(Abb. 193) nach einer unter Claudius geprägten Grofs- 
bronze (Cohen I, 134 N. 7 pl. VI). 

Antonia, die Tochter des Triuinvirn Antonius 
und der Octaviu, Gemahlin des Nero Olaudius Drusus, 
und von ihm Mutter des Germanieus und des Kaisers 
Claudius. Bronzemünze aus der Regierung des Clau- 
dius (Abb. 194, Cohen 1, 136 N. 6 pl. VID, auf der 
Rückseite der Kaiser Claudius nit verhülltem Haupt, 
das simpulun zunı Libiren in der Hand. 

Drusus Caesar, Sohn des Tiberius und der 
Vipsania Agrippina, mit. des älteren Drusus Tochter 
Livia oder I vermählt; im Jahre 23 durch 
Sejanus vergiftet. Sein Bildnis auf einer in seinem 
Todesjahre geprügten Bronzemünze (Abb. 195, Coben 








50. Lebensjahr, herrscht von Jan. 41 bis 12. Okt. 
Aus dem ersten Jahre seiner Herrschaft stammt + 
hier abgebildete Bronzemünze (Abb. 198, Cohen I, I- 
N.73 pl. X). Älter zeigt ihn die im Pariser Muse = 
befindliche Bronzebüste mit dem Lorbeerkranz 
Haar (Abb. 199 nach Mongez 27 N. 1). B 
Valeria Messalina, Tochter des Valerius Meuse# - 
Barbatus und der Domitia Lepida, Gemahlin « 
Kaivers Claudius und Mutter der Octavia und « 
Britannicus, im Jahre 48 getötet. In Rom gepri-2“ 
Münzen mit ihrem Bildnis existieren nicht; auf < 9 
hier (Abb. 200) abgebildeten Bronzemünze von Nilc#@® 
in Kleinasien wird sie als Nea "Hpa gefeiert; « 
Kehrseite zeigt eine aus zwei Geschossen gebild«”" 
Stoa (oder Tempel ?).- (Cohen I, 170 N.I pl. 





Augustus. (Britannicus. 


Claudius Tiberius Britannicus Caesar, Sohn des ! 
isers Claudius und der Messalina, 41 n. Chr. ge- 
ren; sein von Claudius adoptierter Stiefbruder Nero 


| 
| 





197 Caligula. (Zu Beite 232.) 


gt ihn zuerst um die Herrschaft, 55 «durch Gift \ 
Leben. Den Beinamen Britannicus erhielt er ' 


Senat wegen der in sein Geburtsjahr fallenden | 








198 (Zu Seite 232.) 


n des Claudius nach Britannien. Grofs- ' 
ohen I, 171. N.1 pl. XD. (Abb. 201.) 
ılma die Jüngere, Tochter der Germanicus 
grippina, Schwester des Caligula, Mutter 
us ihrer ersten Ehe mit Domitius Aheno- 
ın 49 nach dem Tode der Messalina Ge- 
Kaisers Claudius. Als solche erscheint 


Agrippina II. Nero.) EN 
N.3 pl.XI 4). Neben ihrem Sohne gleichsam a] 
Mitherrscherin dargestellt ist sie auf einer Gold- 
münze des Jahres 55; auf der Kehrseite Augustus 
und Livia in dem von vier Elephanten gezogenen 
Wagen (Abb. 203 nach Cohen I, 176, N. 2,3 pl. XD). 

Nero Claudius Cuesar Augustus Germanicus, Sohn 
der jüngeren Agrippins aus ihrer ersten Ehe mit Cn. 
Domitius Ahenobarbus, und Enkel des Germanicus, 
geb. 15. Dez. 37, von Clandius adoptiert, regiert vom 
13. Okt. 54 bis 9. Juni 68. Die Guldmünze des 











199 Claudius. 


(Zu Seite 382). 


Jahres 808 (65) zeigt das Bildnis des jugendlichen 
Herrschers mit der Umschrift: Nero Cl(audis) Divi f. 
Caes. Aug. p. m. tr. p. II (Abb. 04a u. b, Cohen I, 183 


200 (Zu Seite 232.) 


N. 66 pl. XID. In eigentümlicher Weise idealisiert 
ist sein Porträt auf den späteren Kupfermünzen 
(seit 64), auf denen er zeitweise mit leichtem Bart 
dargestellt wird (Abb.205, Cohen I, 186 N.84 pl. XII). 
In mehr naturalistischer Weise mit dem aufge- 
dunsenen Untergesicht bieten den Kopf des Kaisers 
Jie Kupfermünzen aus den letzten Jahren seiner 


Goldmünze (Abb. 202 nach Cohen I, 174, ı Regierung, bald mit dem Lorbeerkranz im Haar, 





234 Augustus. 










202 (Zu Schte 238.) 203 (Zu Seite 233.) 





"Ra (Zu Seite 235.) 


2118 (Zu Seite 235.) 212 (Zu Seite 235.) 211b (Zu Seite 235.) 


Augustus. (Nero. Octavia. Poppaea.) Aurelianus. 


wie auf der Kupfermünze, deren Kehrseite den ge- ! 
schlossenen Janustempel zeigt (Alb. 206, Cohen I, 
197 N. 177 pl. XN, bald mit der Strahlenkrone ala 
Sol, wie er auch an dem im Louvre befindlichen 
Marmorkopf charak- 
terisiert, wird (Abb. 
207, Bonillon II, 76; 
Mongez30 N.3). Auf 
Neros ersten Auf- 
treten als Citharoc- 
dus bei den Nero- 
nien im Cirkus be- 
ziehen sich wahr- 
scheinlich die Typen 
der Arstücke, welche 
auf der Vorderseite 
den Kaiser als Sol 
zeigen (Abb. 208 a 
u. b, Cohen T, 201 
N.214 pl.XD). Dem 
Ausschen Neros in 
seinen  spätesten 
Regierungsjahren 
entspricht Sueton. 
Nero 51: Statura 
wit prope justa, cor- 
’Pore maculoso et foe- 
tido; mufflavo capillo, 
rule pulchro magis, 
qram venusto, oculis 
caesiinet hebetioribus, 
vervice obesa. ventre 
‚projecto. gracillimis 
eruribus, valetndine prospera. — Circa eultum habi- 
tumque adeo pudendus, ut comam semiper in gradus 
fermatam, peregrinatione Achaica etiam pone verticem | 
wummiserit; ac plerum- 
qte aynthexinam indutus, 
ligato circum enllum 
nudario, prodierit in 
publicum, sine einchu, 
et discaleiatus. 
Oetavia, die Toch- 
ter des KaisersClaudius 
und der Messalina, im 
Jahre 53 mit Nero ver- 
mählt, 62 von diesem 
verstofsen, und noch 
nicht zwanzigjührig auf 
der Iusel Pandateria ermordet. 











Auf stadtrömischen 
Münzen findet sich ihr Bildnis nicht, wohl aber auf 
Provinzialmünzen, so von Korinth (Abb. 209, Cohen 
1,212 N. 1 pl.XI. 

Poppaca Sabina, erst mit Otho, dem späteren 





Kaiser verh tet, hierauf von 62 an Neros Ge- 
mahlin, nachdem dieser die Octavia verstofsen hatte, 


























207 Nero. 





Aurelius. 235 
wogegen Otho als Statthalter nach Luritanien ge- 
schiekt wird; sie stirbt 65. Ihr Bildnis vielfach auf 
Münzen griechischer Städte. llier (Abb. 210 a u. b) 
nach einer Potinmünze von Alexandrien mit Erog 1a’ 
64 (Cohen I, 214 
N.3 pl.XIn. [W) 

L.Domitius Aure- 
Nanus, römischer 
Kaiser. In Sirmium 
oder in Dacia Ripen- 
sis geboren, nach 
Claudius’ Tod zu 
Sirmium 270 n. Chr 
als Kaiser ausge- 
rufen, hat er, ob- 
wohl er bereits 275 
Mitte März, auf 
einem Zug wider 
die Perser begriffen, 
zwischen Perinth 
und Byzanz getötet 
wurde, das von äuf- 
seren Feinden und 
von Usurpatoren im 
Innern schwer geo- 
schüdigte Reich 
zuerst wieder zu 
schützen und zu 
inigen verstanden. 
Seine Gemahlin war 














Ulpia Severina. 
Beider Bildnisse ver- 
einigt auf einer 


Bronzemünze Cohen V, 152 N. 1 pl. V. (Abb. 211 
au.b) iw] 
-Marcus Aurelius Antoninur, Neffe des Anto- 
ninus Pins, ursprüng- 
licb Annius Verur ge- 
nannt, bis er durch Pius 
adoptiert wurde 138, 
und von da an bis zur 
Thronbesteigung M. Ac- 
lius Aureliun Verus 
hiefs. Von Antoninus 
sofort zum Cäsar er- 
int, heiratet er des- 
‚sen Tochter, die jüngere 
Faustina, und gelangt 





161 zur Herrschaft. Er 
stirbt amı 17. März 180, fast 59 Jahre alt. In das 


Jahr 898-809 (145— 146) gehört die Bronzeitinze 
mit dem bartlosen Kopf des Cäsar, auf der Rück- 
seite Juno Pronuba oder wahrscheinlich Concordia 
bei der als Braut verschleierten Faustina, welcher 
Marens die Hand reicht (Abb. 212 nach Cohen 11,569 
S. 810 pl. XV). Aus dem Jahre 912 (159) stammt «das 


236 Aureliur. 


Bronzemedaillon (Abb. 213 nach Cohen II, 508 N. 385 ' 
pPIEXVD, wo der Kopf des Aurelius bärtig und w in Tageslicht: gebliehen ist, trotz 
lieh älter erscheint. Die ellung der Rü ch vor Zerstörung be- 
Neptun, der sich auf eine Prora stützt vor den währt geblieben, dafs man sie für Constantin d. Gr. 
Thoren einer Stadt, hat man auf die unter Neptuns  ansah. Clemens II. hatte sie 1187 vor denı Late 


ittelalter ist. lie Statue (Alb. 214), 

















214 Mare-Anrel auf dem Capitol, 





Schntz vollzogene überseeische Getreideversorgung  anfriehten la: 
der Stadt Rom deuten wollen Fröhner, Les medail- anf dem € 
lons de Penmp. rom. 8.83. mahlin war 
auf dem Porträtkopf dieser Münze kehren wieder in Anni: 
dem Kopf der bronzenen Reiterstatne M. Anrels auf älteren 7 





n,,1538 erhielt sie durch Michelangelo 
pitol ihren Platz. — M. Aurelius Ge 





F 
austina. N 
reehte Mand dem Kaiser auf seinem Feldzug nach Asien gei 


ustina, Tochter des Antonin und der 
stirbt im Jahre 175, als sie 
















halt der ans dem 


streckt, wie um der Di 


ausge war, zu Halale aın Tauras; ihren Gemall hatte sie 
erung den Frieden zu mehrfach in seinen Kriegszügen begleitet, und war 





Aurelius. Aushängeschilder. Aussetzen der Kinder. 


a nach seinem Sieg über die Quaden 174 
it dem Titel Mater Castrorum bedacht worden 
No LXXI, 10; Capitol. Aurel. 26), den sie 
ıf einigen ihrer Münzen führt (Eckhel Doctr. 
1,79). Bronzemedaillon (Cohen II, 589 X. 106 
. (w] 
tängeschilder (insignia) waren hei den Römern 
men und Gasthäusern häufig. So gab es in 
ıe Taberne am Forum, welche »zum Cimbern- 
hiefs und als Aushängezeichen einen eimbri- 
child mit 


ı 
! 
\ 


237 


gebildete Relief (nach Jahn, Sächs. Ber. 1861 8.858): 
die fünf Schinken bezeichnen es deutlich als das 
T.adenschild eines pernarius. Andere Ladenschilder 
haben sich mehrfach in Pompeji erhalten: Männer 
mit einer Amphora, als Zeichen für einen Töpfer; 
ein Esel mit einer Mühle als Schild einer Bückers 

u. dergl.m. Näheres Jordan a.a. O. 81] 
Aussetzen der Kinder. In (iriechenland war es 
an und für sich gesetzlich erlaubt, dafs ein Vater 
ein Kind, welches er nicht aufzichen wollte oder 
nicht als sein legi- 
































auf gemal- times Kind aner- 
rikatur ei- kannte, aussetzen 
saren führ- durfte; und von 
de or. I, diesem Rechte 
Quint. VI, wurde am häufig. 
In Pompeji sten bei neuge- 
Wirtshaus borenen Mädchen, 
n worden, da im Altertum 
‚en Aufsen- Töchter vielfach 
ın Elefant, als Last betrachtet 
einkleiner + wurden, Gebrauch 
führt, ge- gemacht. Aller- 
t, mit der dings geschah dies 
ift: Sittius < = Aussetzen in der 
dlephan- - —— Regel nicht in der 
und darü- B S, Absicht, dafs das 
pitium hie ADSORORES II ausgesetzte Kind 
‚rreinium 215 Wirshansschiid. PA 
Kal. (C.1. tete es vielmehr in 
36sq; Hel- den meisten Füllen 
ndgemälde wahl so ein, dafs 
pan.Städte dasselbevoningend 
l). Dies jemand gefunden 
us  bhiefs und aufgezogen 
m Elefan- wurde, freilich 
Ähnliche dann als Sklave 
hatten je- desErnährers; viel- 
manche fach wurden aus- 
den alten gesetzte Mädchen 
216 Metzgerschild. 
engenann- aufgezogen, um 
ionen, wie z. B. zur Pinie, zur Birne, zur } später, als Hetüren, die Kosten ihrer Erziehung w 
um Hahn, zu den Schlangen, zum großen i einzubringen. Manche Eltern, die aus Not 
. dergl. Ein solches Wirtshausschild war } aussetzen mufsten, oder Mütter, gegen deren Willen 


einlich auch das (Abb. 215) alıgebildete 
les Berliner Museums (nach Jordan, Arch. 
1 XXIX, 65), welcher die bekannte Gruppe 
Grazien und eine daneben sitzende, ganz 
te Matrone zeigt, mit der Unterschrift: Ad 
TIIT. Die Entstehung dieses eigentümlichen 
nit der seltsamen Unterschrift bleibt freilich 
sel, es mag dabei irgend welche launige Er- 
oder ein uns heute unverstündlicher Tokal- 
Grunde gelegen haben. Deutlicher giht sich 
nschild zu erkennen das unter Abb.216 ab- 


der Vater die Aussetzung verfügte, gaben den Kin- 
dern Erkennungszeichen (Tvwpiopara) mit Umhüngsel 
in Form von Amuletten u. dergl., um spilter event. 
dus grofs gewordene Kind wieder daran erkennen 
zu können: ein Motiv, von welchem die neuere 
attische Komödie gern Gebrauch gemacht hat, — 
Im übrigen war das Verfahren betreffs der Kinder- 
anssetzung nicht in allen Stanten gleich. Während 
in Athen hierüher der Vater allein zu verfügen be- 
rechtigt war, bestimmte in Sparta der Ausspruch 
einer aus den Ältesten der Phyle niedergesetzten 





"SÄRLTUNIOL SyNOLD L1Z 


Cors apas nz) 



































Aussetzen der Kinder. 















Ausstellen der Leichen. 


Kommission, ob das Neuge- 
horene aufgezogen werden sollte; 
schwächliche Kinder, Krüppel 
u. dergl. wurden an einem be- 
stimmten Platze, am Taygetos, 
der davon Amoderaı hiefs, ausge- 
setzt (Plut. Lyeurg. 16). In The- 
ben dagegen mufste der Vater 
dus Kind, welches er nicht im 
stande war aufzuziehen, den 
Behörden bringen, die es dann 
einem andern, der es annehmen 
wollte, übergaben, wofür dieser 
der Herr der Kindes wurde (Acl. 
Var. hist. II, 9). — Auch in 
Rom hatte der Vater vermöge 
seiner unumschränkten patria 
potestas das Recht, seine Kinder 
auszusetzen, wovon namentlich 
bei mifsgeborenen oder gebrech- 
lichen Kifidern Gebrauch ge- 
macht wurde. Es kam auch vor, 
dafs Kinder, welche an Unglücks- 
tagen zur Welt kamen, ausgesetzt 
wurden, wie das mit den am 
Todestage den Germanicus ge 
borenen geschehen sein soll (Suet. 
Calig.5). Ähnlich wie in Griechen- 
land wurden auch in Italien diene 
ausgesetzten Kinder häufig von 
Spekulanten aufgezogen, um apil- 
ter als Sklaven zu dienen ler 
der Prostitution anheim zu fallen; 
nach Senee. contr. 10, 33 p. 316 
Burs. hätten sich namentlich auch 
die Bettler solcher elternloser Kin- 
der bemüchtigt und sie verstüm- 
melt, um das Mitleid lebhafter in 
Anspruch zu nehmen. Erst die 
»pätere Kaiserzeit machte dieser 
grausamen Sitte ein Ende und 
setzte auf Kinderaussetzung die 
che Strafe wie auf Mord, ve. 
st.XXV, 3,4. Vgl. Hermann, 
Griech. Privataltert. S. 77; Mar- 
quardt, Privatleb. der Römer 8.81. 
BI} 

Ausstellen der Leichen. Der 
Brauch, die Leichen Veratorbener 
vor der Bestattung auf einem 
Paradebett: zur Besichtigung für 
Verwandte und Freunde aufın- 
stellen, war im Altertum in Grie- 
chenland wie in Italien ganz all- 
gemein. In Griechenland dauerte 
die mpöbeoıg einen bis mehrere 









Ausstellen der Leichen. 











PELLIHTD 




















BEIM, 








218 Römisches Paradebott. (Zu Selte 240.) 


240 


Tuge. Die Leiche wunle, nachdem sie gewaschen, ge- 
salbt und mit reinen weifsen (Gewändern bekleidet 
worden war, mit Blumen oder goldenen Krünzen gr- 
schmückt auf die Kline gelegt, welehe im vorderen 
Teile des Hauses aufgestellt war, und zwar #0, dafs 
die Füfßse nach der Hausthüre zu zu liegen kamen. 
Das Lager selbst wurde in der Regel auch reich mit 
Blunnen und Kränzen geschmückt, ringsherum gröfse 
und kleinere Salbfläschehen, Arkudor, wie man sie 
in Athen namentlich für den Totenkultus in vorzi 
licher Schönheit anzufertigen wufste, aufgestellt. 
Dunn erschienen Verwandte und die nichsten 
Freunde, die man bisweilen auch speziell dazu ein- 
lud (Theophr. char. 4., und stimmten zusammen mit 
den nächsten Angehörigen und den Dienern des 
Hauses die Totenklage an. Eine solche Scene stellt 
in Abb. 217 'nach Benndorf, Griech. u. sizil. Vasen- 
bilder Taf. 1) abgebildete bemalte Thonplatte 'soz. 
miva£) aus Athen vor. Der Verstorbene liegt auf der 
Kline, rings um ilın klagen die Verwandten, denen 
die Namen (matıip, üdeApög, urenp, trin, nis mpöc 
warpög u. a.) beigeschrieben sind; andere Bei- 
schriften, wie oipoı, deuten die Wehklagelaute an. — 
In Rom das Ausstellen der Leichen feollveatio) 
vornehmlich bei Mitgliedern der Nobilität üblich. 
Die Gebräuche waren dabei groß 
schen entsprechende; die Leiche erhielt ihre voll- 
ständige feierliche Kleidung, meistens die Te 
den Insignien des vom Verstorbenen bel 
Amtes; «der Ort, wo die Ausstellung in der Regel 
erfolgte, war das Atrium des Hauses. Um das Bett 
herum that man Blumen, die vom Verstorbenen er- 
worbenen Ehrenkrän: auchpfannen u.a. 1u.; doch 
fehlen hier die Salbgefäfse. In Italien wie in 
Griechenland war es aufserdem alter Brauch, dem 



















































I 
or 
® 
z, 
14] 
13 


| 


en 


Fam 








Ausstellen der Leichen. 


Toten ein Geldstück als Führgell für den Charon 
in den Mund zu stecken (Arist. Ran. 140 u. 270; 
Iuven. 3, 267). Speziell römisch ist dagegen der 
Gebrauch der Totenmasken; wenn nämlich die 
Ausstellung längere Zeit dauerte oder das Gesicht 
des Toten zu entstellt war, als dafs man es dem 
Publikum zeigen wollte, wurde ein Abgufs (Toten- 
inaske’; genommen, davon ein Wachsausgufs gemacht 
un dieser dann, nachmodelliert und bemalt, auf 
das Gesicht der Leiche gelegt. (Über letzteren Brauch 
vel. Benndorf, Antike Gesichtshelme u. Sepuleral- 
masken 8.73; und Art. »Ahnenbilder«). Eine römische 
Leichenausstellung zeigt Abb. 218, ein Relief vom 
Grabe der Haterier an der Via Labicana, jetzt in 
Museum des Laterans (nach Mon. Inst. V tav. 6; 
vgl. Brunn, Ann. Inst. 1849 p.368 ff.). In einer das 
Haus andeutenden Umrahmung mit Ziegeldach »teht 
der lectus funchris,"auf welehem der bekleidete Leich- 
n einer Frau liegt; dahinter stehen zwei Klage- 
weiber (praeficac), daneben ein Mann, im Begriff 
eine Guirlande auf die Leiehe oder das Bett zu 
legen. Zu Kopf und Füfsen der Toten steht je eine 
kel, andere und Kandelaber neben und hinter 
der Kline. Vor dem Lager sitzt links vorn eine die 
Doppelflöte blasende Frau; dahinter eine andere mit 
gefalteten Händen. Rechts sitzen drei Frauen, welche 
den Pileus tragen ‚vielleicht fr&gelassene Sklavinnen!. 
Vor dein Unterbau der Kline sieht man die Fainilie 
der Toten versammelt. Über das anderweitige Neben- 
werk des Relief s. Benndorf und Schöne, Lateran- 
Museum Nr. 348 8. 221 f. 

tteratur: Hernann, € . Privataltertümer 
8.363 1.; Becker-Göll, Charikles LIT, 123 ff.; Gallus 
111, 489 #£.; Marquardt, Privatleben d. Römer S. 336. 
Bl; 







































107 


Baden. In den Hpmerischen Gedichten finden 
sir sowohl kalte Bäder in Flüssen und im Meere 
is warme in Wannen öfters erwähnt. Aber während 
‚altes Baden und namentlich Schwinmen stets als 
len Körper krüftigend galt und duher auch in der 
wuf Stühlung des Körpers gerichteten »partanischen 
®rzichung eine wichtige Rolle spielte (das Schwimmen 
vurde als eine so unerläfsliche Übung betrachtet, 
lafs man aprichwörtlich unter einem, der urre veiv 
Ahre vpdupara, weder schwimmen, noch lesen und 
schreiben könne, einen ganz ungebildeten Menschen 
verstand, Paroem. Gotting. p. 278), galten warme 
Bäder von jeber nur als dem Zweck der Reini- 
zung dienend oder zur Frholung nach körperlichen 
Strapazen bestimmt, wurden jedoch zu den Zeiten 
les freien Griechenlands niemals so stehender Brauch 
Wie später bei den Römern, ja häufiger Gebrauch 
warmer Büder galt sogar als verweichlichend und 
®esundheitschädlich. Erst nit dem zunehmenden 

uxus fing auch die Sitte des Warınbadens an, mehr 
Überhand zu nehmen; man legte in den Privat- 

sern Badekabinetts zu diesem Behufe an und 
das gröfsere Publikum wurden ßaAaveia her- 
gestellt, teils von Stuatswegen (dmuöcta), teils als 

























Warserhecken, in welches ein erhöht stehender 
unbekleideter Mann, vielleicht ein Badeiiener, eben 
aus einem Henkelgefüfs Wasser giefst, steht ein 
nackter Jüngling, die Hände darein tauchend; ein 
andrer, hinter dem Becken, hält in der erhobenen 
Rechten die Strigilis {s. Art.). An der Wand hängt 
eine zweite Striegel, ein Spiegel und andren Bade- 
gerät. Ein andres Vasenbild, Abb. 220, nach Tisch- 
bein IL, 58, führt uns in das Privatbadekabinett 
einer Dane. Dieselbe kauert, ganz entkleidet, am 
Boden und ordnet ihr Haar, sich dahei in einem 
Handspiegel betrachtend; neben ihr am Boden steht 
ein Toilettekästehen. Kine bekleidete Dienerin ist 
im Begriff, in ein zierliches Badehecken Wasser aus 
einer Hydria s.> Vaene) zu giefsen. Oberhalb schwebt 
ein Eros. Dagegen zeigt uns das interessante Vasen- 
bild Abb. 221, nach Elite e&ramogr. IV, 18, ein 
öffentliches Frauenbad. Das hier dargestellte Bad- 
haus ist in dorischem Stile erbaut und durch Säulen 
in mehrere Räume abgeteilt. Vier unbekleidete 
Frauen (Badekleider sind nicht gebräuchlich, so 
wenig wie die Männer in ihren Badeanstalten solche 
tragen) stehen mit den Füfsen in dem den Boden 
bedeekenden Wasser und lassen in verschiedenen 


























Privatspekulation (fdia), in denen die Besucher | Stellungen Kopf, Brust, Beine von dem Wasser über- 
&meinschaftlich in grofsen Bassins und unter Be- | Auten, das aus oberhalb an den Sitnlen angebrachten, 


tzung von allerlei Douchen, Becken zu Über- 
Befsungen und dergl. sich badeten. 
Öffentliches (wie die Inschrift dnuöcta ergibt) Männer- 


Ein solches | sie herabströmt. 


in Gestalt von Tierköpfen gebildeten Mündungen auf 
Wahrscheinlich wird dies Wasser 
vermittelst eines Druckwerks durch die inwendig aus- 





2 zeigt uns Abb. 219, nach einem Vasenbild bei | gehöhlten Säulenschüfte in die Höhe getrieben und 
bein, Vages Hamilton I, 58; vor einem grofsen | durch die, die Säulen in etwas über Manneshöhe 


Denkmäler d. klass. Altertums, 


16 


42 


verbindenden Röhren über die Baderäume verteilt. 
Die Badenden haben ihre langen Haare, um sie 
nicht zu sehr durchnässen zu lassen, in starke Zöpfe 
geflochten; an den Röhren hängen ihre Kleider, 
vielleicht auch Badetücher, die durch die vom Wasser 
erwärmten Röhren gewärmt werden. — Bisweilen 
scheint es vorgekommen zu sein, dafs beide Ge- 








Baden. 


griechischen Bäder, von der wir übrigens s 
Nüheres wissen, wird unter »Gymnasium« 
werden, da dieselben einen wichtigen B 
der Gymnasien zu bilden pflegten; denn 

und Schmutz der Palästra konnte nur dur 
Waschungen entfernt werden. — Was 

Benutzung der Bäder anlangt, so standen « 





219 Öffentliches Bad. 





(Zu Seite 241.) 








Häusliche Toilette.